
Das Motto der 62. Ausgabe des JazzFest Berlin war trefflich gewählt: “Where Will You Run When the World’s on Fire?” Diese Frage hat der Gitarrist Marc Ribot auf seinem letzten Album aufgeworfen, aber der griesgrämige Singer-Songwriter fand bei der Deutschlandpremiere seines neuen Programms im „Quasimodo“ natürlich keine Antworten. Musik kann die Welt nicht retten, aber gewissermaßen im Vorgriff neue Formen des Miteinanders ausprobieren. Bei den fast durchweg ausverkauften Konzerten des JazzFest beeindruckten die Orchester am stärksten, nicht die blassen Stars früherer Tage wie der Trompeter Wadada Leo Smith, dessen Dialog mit dem wunderbaren Pianisten Vijay Iyer nicht einen Moment in Gang kam. Der Tenorsaxophonist David Murray machte sich einen schlanken Fuß und tauchte immer wieder hinter der Bühne ab; immerhin konnte der Bassist seines Quartetts überzeugen.
Die großen Formationen, allen voran das furiose London Jazz Composers Orchestra, begeistern das Boomer-Publikum. Mit dem neuen Programm “Double Trouble III” spielte die international besetzte Bigband unter der Leitung von Barry Guy ein fantastisches Konzert. Auf jede und jeden kommt es dabei an – nur zusammen gelingt dieses Projekt. Das “Fire! Orchestra” erreichte zum Abschluss des JazzFest Berlin diese Intensität nicht, ebenso wenig wie der mit Spannung erwartete Auftritt von Felix Henkelshausens “Deranged Particles” am ersten Abend. Wer sich indes zur Verleihung des Albert-Mangelsdorff-Preises 2025 an Lauren Newton (Mitgründerin des Vienna Art Orchestra) angemeldet hatte, erlebte die Kunst des Duos auf höchstem Niveau – ein federleichter und doch so eindringlicher Dialog von Newtons Stimme mit dem Bass (Joëlle Léandre). Am Ende des so kurzen wie intensiven Konzerts legten die Künstlerinnen ihre Köpfe auf das Instrument. Diese beiden hätten einen Auftritt auf der Hauptbühne verdient, wo eine andere junge Musikerin auftrumpfte: die aus Mexiko stammende Vibraphonistin Patricia Brennan. Sie spielte in der Band von Mary Halversom, die wie Angelika Nescier nicht zum ersten Mal von der künstlerischen Leiterin Nadin Deventer zum JazzFest Berlin eingeladen wurde.

Nach so viel Musik zieht es uns endlich einmal wieder ins Kino. Wir wollen den hoch gelobten Film “Das Verschwinden des Josef Mengele” von Kirill Serebrennikov sehen. Vorher rasch noch etwas Pasta & Pizza, doch der “Wartesaal” macht dieses Mal seinem Namen schlechte Ehre. Wir müssen das vom Kellner vergessene Essen einpacken lassen und eilen los. Kaum beginnt die Vorstellung, habe ich Hunger & schlechte Laune vergessen. Die im Stil des Film Noir gedrehte Verfilmung des Romans von Olivier Guez (136 Minuten) zieht mich sofort in Bann. Der “Todesengel von Auschwitz“, eindringlich gespielt von August Diehl, taucht nach dem Ende des 2. Weltkriegs in Südamerika unter und lebt dort unbehelligt bis zu seinem Tod. Ein herrischer, selbstgerechter, unbelehrbarer Nazi und zuletzt ekelhafter dirty old man, den die Fragen des Sohnes nach seinen sadistischen Experimenten an Menschen überhaupt nicht berühren. “Ein klaustrophobisches Psychogramm des Bösen – formal brillant und moralisch verstörend“ (Le Monde). Diesen Film werde ich nie vergessen.
