Beobachten

Marina Abramović „Nude with Skeleton“ © Marina Abramović, Courtesy der Marina Abramović Archives / Gropius Bau, Foto: Rosa Merk

Fortune hat Friedrich Merz nicht. Sein holpriger Start als Parteivorsitzender, seine Wahl zum Kanzler im zweiten Anlauf, seine vielen vollmundigen Behauptungen (AfD halbieren) und unbedachten Äußerungen (Stadtbild) haben seinem Ansehen sehr geschadet. Nur 14% der deutschen Bevölkerung sind mit seiner Arbeit zufrieden (ARD-DeutschlandTREND August 2026). Das muss man erst einmal wegstecken, und deshalb sei Friedrich Merz jeder Tag Urlaub gegönnt. Aber darf der zweite Mann der Republik einfach ganz abtauchen? Der stellvertretende Regierungssprecher Sebastian Hille findet für sein Verschwinden diese Worte: „Der Kanzler beobachtet immer, egal wo er sich aufhält, was in Deutschland, in Europa und der Welt passiert.“ Nicht nur der Kölner Stadtanzeiger ist irritiert: “Stell dir vor, es ist Krise – und keiner schaut hin. Wer die Nachrichten verfolgt, wird kaum bestreiten, dass Hitze und Dürre, Niedrigwasser und Waldbrände uns plagen wie nie zuvor. (…)  Aber Krisensitzungen des Kabinetts? Ministerpräsidentenkonferenzen mit Kanzler und Liveticker? Wenigstens Vor-Ort-Besuche durch Spitzenpolitiker der Bundes-CDU? Pustekuchen.” (17.08.26) 

Vom Self Marketing einer Marina Abramović sollten sich der Kanzler und seine Regierung inspirieren lassen. Die Performance-Künstlerin, die am 30. November 80 Jahre alt wird, ist so aktiv wie eh und je und versteht sich glänzend zu präsentieren. Ihre Ausstellung “Balkan Erotic Epic” (noch bis zum 30.08. im Berliner Gropius Bau) ist ein Publikumsmagnet. In ihren frühen Jahren arbeitet sie mit vollem Körpereinsatz, schneidet sich mit einer Rasierklinge, legt sich dann auf Eis, isst 1 kg Honig und trinkt 1 Liter Wein. Dann wieder schockt sie mit Beziehungen von Tod und Erotik oder der drastischen Verbindung von männlicher Sexualität und Destruktion. Diese Performances faszinieren und stoßen gleichermaßen ab, weisen aber nicht über sich hinaus. Abramović eben. Ihre Arbeiten wirken im Moment – aber nicht nach. Zum 75. Jubiläum der Berliner Festspiele gibt es im Oktober eine neue mehrstündige Bühnenproduktion “Balkan Erotic Epic. The Stage Version”, die Marina Abramović als Höhepunkt ihrer Karriere begreift: “Es ist ein Stück mit 120 Mitwirkenden und das erste Mal, dass ich Langzeitperformance-Künstlerinnen und -Künstler gemeinsam mit Tänzerinnen und Tänzern auftreten lasse.” (Tagespiegel. 11.04.26) 

Eben habe ich noch einmal mit Interesse “Die Causa Merz” gelesen, die Martin Bergelt vor knapp acht Jahren auf diesem Kanal verfasst hat. Nun hat er sich wieder mit einem interessanten Kommentar gemeldet: “Noch ein Wort zu Lilienthal: für mich ist er der geborene Marketing Manager – und das ist aus meinem Mund ein vergiftetes Lob. Schon sein Start in München an den Kammerspielen ging mit einem Marketing Coup einher, dem Aufstellen von Bedarfshütten für Obdachlose an prominenten Münchner Plätzen. Diese teils obskuren Unterkünfte wurden natürlich nicht von Obdachlosen bevölkert, sondern von der schicken jungen Linken, die dort Ihre Happenings veranstalteten. Dazu kam dann, dass die zur Errichtung der Hütten eingeladenen Künstler nicht oder nur marginal entlohnt wurden. Jetzt also ein Volksbad in Berlin. Wieder ein Marketing Coup, wie – das nur en passant – die Bindung von Holzinger ans Haus. Ich habe den Eindruck, dass es Matthias – wir kennen uns aus dem Studium in Berlin – in erster Linie um Selbstdarstellung und Aufmerksamkeit geht, ihm die Schwimmkultur und die Menschen letztlich, welcher Hautfarbe auch immer, egal sind.” Wir beobachten weiter, nicht nur den Kanzler. 

Ein Theater lässt baden

Das Volksbad der Berliner Volksbühne wird durch einen Bretterzaun geschützt. © Rolf Hiller

Ein Theatercoup ist dem neuen Intendanten Matthias Lilienthal der Berliner Volksbühne bereits vor der Saisoneröffnung mit dem Volksbad gelungen. Vor dem Haus ließ er einen 25 Meter langen und 1,30 Meter tiefen Pool aufbauen, in dem alle kostenlos schwimmen können. Gekostet hat dieser Theaterspaß 300.000 Euro; viele hätten diese öffentlichen Gelder gerne in Kulturprojekte gesteckt. Das ficht den leidenschaftlichen Schwimmer Lilienthal, der von 2015 bis 2020 die Münchner Kammerspiele geleitet hatte, nicht an. ”Mein Kulturbegriff ist ein sehr erweiterter, und Schwimmen ist Kultur“, erzählt er fröhlich dem Berliner Tagesspiegel (09.08.26. Am Sonntag, Montag und Feiertagen ist sein Schwimmbad übrigens immer geschlossen, Mitte dieser Woche konnte man dann wegen kaputter Duschen nicht öffnen. Dass Bäder zu bestimmten Zeiten von Vereinen genutzt werden, ist allgemein bekannt. Das Volksbad sollte an diesem Freitag nur dem Verein EOTO zur Verfügung stehen, der sich um schwarze Kinder und Jugendliche kümmert. 

Ein Shitstorm ohnegleichen brach über die Volksbühne herein, ausgelöst durch ein Reel (“Ich darf nicht ins Freibad, weil ich weiß bin”) von Aileen Weibeler; sie ist CDU-Bezirksverordnete in Berlin-Pankow. Natürlich wurde diese “Diskriminierung” sofort von Medien aus dem Springer Verlag und von der AfD aufgenommen und instrumentalisiert. Hätten das nicht Lilienthal und sein Bade-Team vorhersehen müssen? Es wurde bei der Präsentation des Volksbades nicht darauf hingewiesen, dass es an einigen Tagen für Stunden nur Vereinen zur Verfügung stehen würde. Möglicherweise wäre Kritik laut geworden, aber es hätte wohl keine empört interessierte Kampagne gegeben. Die Volksbühne musste reagieren und veröffentlichte auf ihrer Homepage diese Stellungnahme: ”Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz und der Verein Each One Teach One (EOTO) sagen die für Freitag, 14. August, geplante Veranstaltung VOLKSBAD x EOTO ab. Grund dafür sind Sicherheitsbedenken, nachdem das Schwimmen für Schwarze Kinder und Jugendliche zum Ziel rechter und rassistischer Hetze geworden ist.”

Die Idee war richtig, diesem Verein das Volksbad als “safer space” für ein paar Stunden zu überlassen. Appeasement hat noch nie genutzt. Mehr denn je gilt es, für die eigenen Überzeugungen einzustehen. Als Anleitung dafür empfehle ich “Über Tyrannen. Zwanzig Anleitungen für den Widerstand” von Timothy Snyder mit Illustrationen von Nora Krug (C.H. Beck). Kein dicker Theoriewälzer des amerikanischen Historikers, sondern ein Handbuch im besten Sinne des Wortes. Eben habe ich noch einmal die 9. Lektion “Sei freundlich zu unserer Sprache” gelesen, kurz und prägnant wie alle anderen:  “Vermeide die Phrasen und Schlagworte, die jeder andere verwendet. Erfinde Deine eigene Sprechweise, selbst wenn du nur das vermitteln willst, was in deinen Augen jeder sagt. Bemühe dich, dich vom Internet fernzuhalten. Lies Bücher.” Erschienen ist das Buch von Timothy Snyder im Original 2017. Sicherlich würde er heute dazu raten, Social Media mit größter Vorsicht zu nutzen. Die sozialen Medien haben sich als Fluch erwiesen, der nicht den Zusammenhalt der Gesellschaft stärkt, sondern ihre Spaltung vorantreibt. 

Wenn jemand eine Reise tut

Tagsüber ist die Hauptstraße von Rochefort-en-Terre für Autos gesperrt. © Karl Grünkopf

Wir haben uns nach reiflicher Überlegung entschieden, mit dem Flugzeug in die Bretagne zu reisen; immerhin sind es bis Rochefort-en-Terre 1.600 km. Auf dem Hinweg sparen wir im Vergleich zum Zug nicht viel, denn wir haben in Frankfurt 4 Stunden Umsteigezeit, aber auf dem Rückweg geht es deutlich schneller mit dem Flieger. Ich schätze diese Art des Reisens nicht besonders und empfinde mich meistens als Stückgut. Nach der Landung in Nantes steigen wir in einen Mietwagen und fahren an unser Ziel – dicke Rauchwolken sind zu sehen. Dieser Brand erinnert uns an die Waldbrände in der Gironde, etwa 400 km weiter südlich von Rochefort-en-Terre. Das Feuer an unserer Strecke scheint aber zum Glück lokal begrenzt zu sein. Im Vergleich zu Berlin oder Frankfurt sind die Temperaturen in einem der “schönsten Dörfer Frankreichs” (Wikipedia) sehr angenehm. Nachts kühlt es noch richtig herunter, und die Hochzeitsgesellschaft war gut beraten, Jacken und Pullover eingepackt zu haben. 

Es war eine traumhafte Hochzeit, die nach der Trauung bei idealem Wetter in einem herrlichen Garten unter Schatten spendenden Bäumen gefeiert wird. Der Vater des Bräutigams kochte einst mit einem Freund in Paris, und die beiden überraschten die Festgesellschaft mit einem mehrgängigen Menü vom Allerfeinsten. Da das Fest über mehrere Tage ging, blieb genügend Zeit für Gespräche und Kennenlernen, kurzum: alle haben sich in den Tagen von Rochefort-en-Terre sehr wohl gefühlt. Das Dorf ist entzückend – für Touristen. Entlang der Grand Rue gibt es viele Restaurants und Cafés, man kann Seifen, Kerzen, Postkarten, Andenken und Nippes kaufen; aber Wasser, Nudeln oder einen Salat findet man nicht (mehr). Damit teilt das Dorf, in dem knapp 700 Einwohner:innen leben, das Schicksal anderer touristischer Hotspots. Erst kürzlich habe ich wieder einmal auf die prophetische Diagnose von Hans Magnus Enzensberger aus dem Jahr 1957 hingewiesen: “Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet.”

Dieser Dialektik des Tourismus entkommt niemand, aber man sollte sich darüber zumindest im Klaren sein.  Längst kann (eigentlich) niemand mehr die Folgen des Klimawandels ignorieren. Mallorca meldet heute eine Wassertemperatur von 33,02 Grad Celsius, im Herbst drohen heftige Stürme und starke Regenfälle, die man sich in sanfterer Form hierzulande schon jetzt wünscht, denn von den Flüssen werden historisch niedrige Pegelstände gemeldet. “Mitte Juli wählte Carsten Schneider (SPD) große Worte, um auf ein großes Problem aufmerksam zu machen. ‘Wasser ist unsere wertvollste Ressource’, sagte der Bundesumweltminister bei einer Veranstaltung in Berlin. Doch diese Ressource wird zunehmend rar. Laut einer Auswertung aus Schneiders Ministerium hat Deutschland in den vergangenen 25 Jahren 60 Milliarden Kubikmeter Wasser verloren. Das klingt nach viel, ist aber bei genauerem Hinsehen noch mehr. Nämlich grob das Wasservolumen des Bodensees, des Starnberger Sees, des Ammersees, des Chiemsees und der Müritz zusammen.” (Tagesspiegel, 03.08.26) Vor diesem Hintergrund mutet es erstaunlich, um nicht zu sagen unverantwortlich an, dass die ehemalige Braunkohle-Tagebaulandschaft zum sogenannten Lausitzer Seenland rekultiviert wurde. 

Versöhnen statt spalten

Drei Tage nach dem islamistischen Angriff auf den Christopher Street Day in Berlin. © Rolf Hiller

Mit dem Fahrrad mache ich mich auf den Weg zum Ahornsteig in den Berliner Tiergarten. Ein ruhiger, etwas windiger Sommertag. Nur die Blumen und Grußbotschaften gemahnen, dass hier am 25. Juli der 21-jährige Islamist Abdul Ballout mit einem Lieferwagen in den Park gerast war. Der deutsche Staatsbürger wollte Besucher:innen des Christpher Street Day umbringen, die auf dem Heimweg waren. Dabei tötete er eine Frau und verletzte 31 Menschen teils lebensgefährlich. Nach seiner Amokfahrt stach er auf die Flüchtenden noch mit einer Machete ein. Handschriftlich notiere ich nach diesem erneuten Anschlag in meinen “Leuchtturm”: NICHT AUFGEBEN. UNSER LEBEN. UNSERE GESELLSCHAFT VERTEIDIGEN!!! Vielleicht hätte man diesen Terroranschlag verhindern können, sicher ist hingegen, dass es in Deutschland mittlerweile über 9000 gewaltbereite Islamisten gibt; allein in Berlin sollen es laut Verfassungsschutzbericht aus dem letzten Jahr “1940 zumindest gewaltbereite Islamisten” (Tagesspiegel, 27.07.26) sein. Die Radikalisierung erfolgt immer früher. Zu klären ist, welche Rolle dabei Social Media, Hassprediger und ihre Gemeinden spielen.  

Blumen und Botschaften am Ahornsteig. © Rolf Hiller

Nachdenklich fahre ich weiter durch den wieder so friedlichen Tiergarten Richtung Brandenburger Tor. Immer wieder geht mir das Credo des späteren Bundespräsidenten Johannes Rau durch den Kopf. “Versöhnen statt spalten” war das Motto seiner Kanzlerkandidatur 1987; er holte damals 37% der Stimmen für die SPD. Helmut Kohl erreichte mit der Union 44,3% und konnte mit der FDP weiterregieren. Raus Vision ist heute wichtiger denn je – und unerreichbarer. Trotzdem müssen wir an dieser Vision festhalten. Vor dem Brandenburger Tor liegt ein riesiger Blumenteppich als Ausdruck der Trauer, aber auch des Lebens in unserer vielfältigen Gesellschaft, das es zu bewahren und verteidigen gilt.  “DON’T LET THEM DIVIDE US”, hat jemand auf ein Pappschild am Ahornsteig geschrieben. Nichts weniger als die Demokratie steht auf dem Spiel, weltweit sind die Populisten auf dem Vormarsch. Ihre Ziele sind überall gleich: die unabhängigen Medien und Gerichte werden auf Linie gebracht, die zentralen Positionen in (kulturellen) Institutionen mit Gefolgsleuten besetzt, die Wirtschaftspolitik wird scheinbar patriotisch ausgerichtet, und die Eliten machen sich noch schamloser die Taschen voll.  

Derzeit muss die AfD hierzulande nur zuwarten und die eigenen Richtungskämpfe (Nordrhein-Westfalen) unter den Teppich kehren. Ihre rückwärtsgewandten Konzepte (Ausstieg aus der EU, Wiedereinführung der  DM, Rückkehr zur fossilen Partnerschaft mit Russland) haben keine Zukunft. Um so mehr ist dem unbeliebtesten Kanzler aller Zeiten zu wünschen, dass er mit seiner Koalition doch noch die Kurve kriegt und die wichtigen Landtagswahlen im Herbst nicht völlig in die Hose gehen. “Es ist ein Jammer”, befindet die Westdeutsche Allgemeine Zeitung, “wie er (Friedrich Merz) ohne Not die eigene Partei gegen sich aufbringt. Wie er einen Ministerwechsel versemmelt. Wie er aus einem im Kern überschaubaren Kabinettsumbau ein ernsthaftes Problem für seine CDU macht, das die Partei mancherorts bis ins Mark erschüttert und zugleich die eigene Position als Kanzler und Parteichef beschädigt. Und dies nicht zum ersten Mal.“ (29.07.26) Als überzeugter Anhänger unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung muss man Friedrich Merz Fortüne wünschen, es geht nicht nur um sein politisches Schicksal.  

Vertrauen

Matt Damon in „Die Odyssee“ von Christopher Nolan © Universal Studios

Das Interesse ist riesig. Der Zoo Palast in Berlin ist am Montagnachmittag um 16.30h ausverkauft, der Umsatz mit Junk-Food beachtlich. Alle wollen “Die Odyssee” von Christopher Nolan sehen, der 250 Millionen Dollar gekostet haben soll. Überwältigungskino in 70mm gedreht, mit wummernden Sounds und bester Besetzung. Matt Damon spielt den Odysseus, von dessen Abenteuern der griechische Dichter Homer erzählt. Eindeutig ist die Autorenschaft allerdings nicht. Die ersten Versionen dieser vielschichtigen und verschlungenen Geschichten wurden mündlich tradiert. Odysseus war nicht nur ein furchtloser Krieger, er hat das Trojanische Pferd erdacht und überlebt auf seinen zwanzig Jahre währenden Reiseabenteuern oft nur mit List und Tücke. Er soll göttliche Vorfahren haben und weiß intuitiv, dass sein Schicksal nicht (nur) in seinen Händen liegt, sondern von höheren Mächten bestimmt ist. Am Ende verlässt er mit seiner Frau Penelope Ithaka. Beide segeln gen Westen, ganz im Vertrauen auf die Götter. 

Diese komplexe Geschichte lässt sich in knapp drei Stunden selbst von einem Meister wie Christopher Nolan nicht vollständig erzählen; aber der Film animiert, sich wieder einmal mit der fantastischen und vielschichtigen griechischen Mythologie zu beschäftigen. Odysseus ist ein nachdenklicher Held, der seine Grenzen kennt, kein Superman. Hybris, das griechische Wort für Anmaßung und Selbstüberschätzung, ist ihm fremd. Der größte Dealmaker aller Zeiten sollte sich diesen Film anschauen oder auch Jens Spahn, der selbstgefällige CDU-Politiker, den Friedrich Merz zum Rücktritt vom Vorsitz der CDU/CSU Bundestagsfraktion drängte. Der Kanzler und CDU-Vorsitzende steht unter gewaltigem Druck – 84% der Befragten sind laut ARD-DeutschlandTREND Juli 2026 mit seiner Arbeit unzufrieden. Ob das Revirement seiner Regierung ankommt, wird sich weisen. Zweifel meldet nicht nur die Neue Zürcher Zeitung an: „Mangelnde Glaubwürdigkeit ist kein Problem des geschassten Fraktionsvorsitzenden allein. Sie betrifft die gesamte Union. Im Wahlkampf lehnte Merz neue Schulden ab und sprach davon, dass man den Kindern nicht immer mehr Lasten hinterlassen dürfe. Nach der Wahl gab es eine regelrechte Schuldenorgie. (…) Merz hat schon recht: Die banalste Anforderung an Politiker bleibt, dass sie nach ihren Worten handeln müssen. Nur hängt dieses Problem inzwischen seiner ganzen Partei an.“ (20.07.26) 

Medienthema neben der Aktualität: der rassistische Anschlag auf das Olympia-Einkaufszentrum vor zehn Jahren. Am 22.07.2016 waren wir auf dem Weg nach München. Vor der Stadt hatte sich auf der Autobahn ein langer Stau gebildet. Später stehen wir in einem Tunnel, die Situation ist vollkommen unklar. Von einem Amoklauf auf dem Olympiagelände wird zuerst im Radio berichtet. Polizeiwagen versuchen, durch den Stau zu kommen, Hubschrauber sind in der Luft. Unser Ziel ist gar nicht weit vom Tatort entfernt. Der Vetter versucht, uns eine Route zu ihm zu erklären, die Telefonverbindung ist schlecht. Wir irren im Auto durch die Stadt. Plötzlich ist von 60 Schießereien und zwei Geiselnahmen die Rede. In Habachtstellung sitze ich am Steuer. Was genau ist los? Sollen wir ein Hotel suchen. Erschöpft halten wir an einer Tankstelle und steigen vorsichtig aus. Nach Stunden erreichen wir schließlich doch noch unser Ziel. Diese Fahrt werden wir nie vergessen; andernorts ist das tägliche Realität. 

Nicht aufwachen!

Mit Alice bei der Teegesellschaft im Frankfurter Grüneburgpark.© Rolf Hiller

Zum Sommer in Frankfurt gehört das Freilichtfestival der Dramatischen Bühne im Grüneburgpark. Wenn die Hitze in den Straßen steht, wird es dort abends angenehm kühl. Bei “Alice im Wunderland” (nach Lewis Caroll) musste das Publikum aber selber ran. Aufgeteilt in zwei Gruppen machen wir uns mit Alice auf ins Wunderland. “Die Zuschauer spazieren durch den Park und das Stück und entdecken dabei das Unheimliche inmitten des Vertrauten,” heißt es auf der Homepage der rührigen Truppe um den allgegenwärtigen Thorsten Morawietz. In der Schwüle des Parks haben wir mit den kniffligen Aufgaben durchaus unsere Schwierigkeiten und sind am Ende froh, dass Alice (Simone Greiß) aus dem Wunderland wieder zurück in die Realität findet – und aus ihren Träumen erwacht. Am Schluss stehen wieder alle Schauspieler:innen auf der Bühne und geben dem Publikum einen hintersinnigen Rat: nicht aufwachen! Also weiter in fantastischen Träumen schwelgen, statt sich der Wirklichkeit zu stellen. 

Sind wir nicht alle ein bisschen Alice? geht es mir auf dem Heimweg durch den Kopf. Man muss kein Leugner des Klimawandels wie Donald Trump sein, und trotzdem leben wir einfach so weiter. Anfang des Jahres erhielt ich endlich vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe die Broschüre “Vorsorgen für Krisen und Katastrophen”. Ich habe die Hinweise gelesen, getan habe ich nichts. Im Ernstfall würden wir in eine der nahe gelegenen U-Bahnstationen rennen, in denen nur ein Bruchteil der Menschen unseres Kiezes Platz finden wird. Und dann? Die Recherche mit der KI ist ernüchternd: etwa 1 von 175 Einwohner:innen Deutschlands hätte einen Platz in einem öffentlichen Schutzraum. Anlässlich des Gedenkens der Hochwasserkatastrophe im Ahrtal vor fünf Jahren stellte der Wasserwirtschaftler Holger Schüttrumpf nüchtern fest: “Natürlich gab es historische Ereignisse ähnlicher Größenordnung – im Ahrtal etwa 1804 und 1910. Aber wir neigen zu Hochwasserdemenz, wir vergessen. Und so wurden wir vor fünf Jahren vor Herausforderungen gestellt, auf die niemand vorbereitet war.” (Tagesspiegel, 15.07.26) 

Von einer Demenz ist beim Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Jens Spahn nichts bekannt, nur die übliche Vergesslichkeit, wenn es um Entscheidungen geht, die die knappen Kassen belasten. Seine lässige, um nicht zu sagen verantwortungslose Überbeschaffung von Schutzmasken in der Coronazeit wird den Steuerzahler mehrere Milliarden Euro kosten. Nun ist der alerte Politiker wieder in den Schlagzeilen, denn er hat mit seinem Ehemann die Dienste einer Leihmutter in den USA bemüht, obwohl er sich 2015 explicit gegen “die Idee eines gemieteten Mutterbauchs” ausgesprochen hatte. Die Fuldaer Zeitung bringt es auf den Punkt: “In Spahns Verhalten liegt der Kern aller Politikverdrossenheit im Land: dass Politiker anders reden, als sie handeln. Auch Spahns Worte konnten nicht drastisch genug sein, wenn es darum ging, Leihmutterschaft (…) zu verteufeln. Nun nimmt er genau den Weg in Anspruch, den er anderen moralisch abgesprochen hat. Das ist heuchlerisch, scheinheilig und bigott.” (17.07.26) Spahns Vaterglück wird der “Handlungskoalition” (Friedrich Merz) noch zu schaffen machen.   

Communication Breakdown

Ultra minimal, bold contrast, snapped speech line
Diese Illustration der Headline generierte die KI.

„Wollen Sie auch mit dem Sprinter nach Berlin fahren”, fragt mich ein Herr auf dem Frankfurter Hauptbahnhof. Der ICE steht noch auf der Anzeigetafel, die App meldet einen Gleiswechsel. Was tun? Eile ist geboten. Also vertrauen wir dem Handy und sputen zur Unterführung. Tatsächlich steht dort “unser” Zug. Die Deutsche Bahn kämpft derzeit mit vielen Problemen, nicht zuletzt mit der Kommunikation. Die Zuganzeigen auf den Bahnsteigen erfolgen automatisch, ebenso die Durchsagen. Worauf sollen sich die Kunden verlassen? Auf den gesunden Menschenverstand. Ein verspäteter Zug nach München und ein pünktlicher nach Berlin zur gleichen Zeit am selben Gleis sind nicht möglich. Die Reisenden müssen heutzutage ständig auf der Hut sein – jede Fahrt ein Abenteuer. Kürzlich wurde ein Zug im Berliner Hauptbahnhof angekündigt, war in der App dann sogar “pünktlich” gestartet – ist aber nie losgefahren. Natürlich war niemand zur Stelle, den man hätte fragen können. 

Das Chaos bei der Deutschen Bahn ist mittlerweile Standard. Der Konzern kündigte diese Woche ein Sofortprogramm an und will bis Ende nächsten Jahres 50 Millionen Euro in die Hand nehmen, um seine Kunden besser und schneller zu informieren. Das Geld ist gut angelegt. Vielleicht haben dann die Doppelbotschaften ein Ende, die man derzeit allerdings nicht nur bei der Deutschen Bahn gewärtigen muss. Die französische Rechtspopulistin Marine Le Pen vertritt strikt nationalistische Positionen, was sie indes nicht davon abhielt, Gelder der EU für Günstlinge einzusetzen; dafür ist sie rechtskräftig verurteilt worden. Ein Meister der Double-Bind-Jonglage ist der amerikanische Präsident. Während er seine Anhänger (noch) mit MAGA ködert, ist deren wirtschaftliche Situation durch den Krieg gegen den Iran und seine Zollpolitik deutlich schlechter geworden – die Inflation stieg in den USA im Mai auf ein Dreijahreshoch.

Während sich Trump an sinkenden Umfragewerten nicht zu stören scheint, gerät Berlins Regierender Bürgermeister von der CDU gerade mächtig unter Druck. Bekanntlich tauchte Kai Wegner beim terroristischen Anschlag auf das Stromnetz im Südwesten der Hauptstadt erst einmal ab – und spielte Tennis. Nun musste er einräumen, dass er die Öffentlichkeit sogar belogen hat und an diesem Vormittag keine dienstlichen Telefonate geführt hatte. Derzeit liegt die Berliner CDU bei Umfragen zur Wahl des Abgeordnetenhauses am 20. September bei 17% und damit auf dem vierten Platz; dahinter liegt noch die SPD mit 13% (infratest dimap). Kurz vor Veröffentlichung dieser Kolumne nun die Eilmeldung: Kai Wegner (“Das war Mist.”) gibt seine Spitzenkandidatur auf! Für seine Partei wird sich dieser communication breakdown im September dennoch bitter rächen – unforced error heißt im Tennis ein solcher vermeidbarer Fehler. 

Erkenntnisse

Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war / Polenreise 1973 © Johann Marte

Plötzlich ist Herbst. Die Temperaturen sind im Vergleich zur letzten Woche um die Hälfte gesunken, es gibt immer wieder heftige Windböen. Da während der heißen alle Bäder und Seen überfüllt waren, gehen wir gleich zweimal ins Kino. “Verflucht normal” erzählt die traurige Leidensgeschichte eines Jungen, bei dem in der Pubertät das Tourette-Syndrom ausbricht und sein Leben schlagartig verändert. Vollkommen unvermittelte Bewegungen, Tics und unflätige Wörter provozieren Ablehnung. Nach bitteren Jahren der Diskriminierung hat John doch noch Glück in seinem Leben – er trifft Menschen, die ihn verstehen und ihm helfen. Der Film erzählt sehr bewegend und einfühlsam die Geschichte des echten John Davidson, der sich für ein Verständnis des Tourette-Syndroms in der Gesellschaft eingesetzt hat und für diese Leistung sogar von der Queen ausgezeichnet wurde. “’Verflucht Normal’ berührt, setzt auf britischen Humor, ein exzellentes Ensemble – und mausert sich zur Aufklärungs-Dramödie der Feel-Better-Klasse.” (Horst E. Wegener, FRIZZ Das Magazin 06_26) 

Erstaunlich gut besucht ist bei drückenden, subtropischen Temperaturen ein herausragender Dokumentarfilm: “Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war” von Regina Schilling. Die Mehrheit im Publikum sind erwartungsgemäß Frauen, gilt die österreichische Schriftstellerin doch als Ikone der feministischen Literatur, obwohl man sie keineswegs darauf reduzieren sollte. “Malina” der einzige zu Lebzeiten der Autorin veröffentlichte Roman, spaltet die Ich-Person in eine weibliche und in eine männliche Identität; heute würde man Malina als non-binär bezeichnen. Ingeborg Bachmann muss eine faszinierende Frau gewesen sein, die in ihrer Gebrochenheit und Unsicherheit Kollegen wie Paul Celan und Max Frisch, um nur einige zu nennen, faszinierte, die aber in ihrer letzten Zeit in Rom einsam und getrieben von Alkohol und Drogen verbrachte. Diese Szenen stellt Sandra Hüller dar und eröffnet dem souverän geschnittenen Dokumentarfilm eine zweite Ebene. Die Häme und Herablassung der männlich bestimmten Literaturkritik dieser Zeit – allen voran der arrogant-chauvinistische Marcel Reich-Ranicki – ignorierte die Singularität einer Ingeborg Bachmann. 

Das erste (und letzte) K.o.-Spiel der deutschen Mannschaft bei der WM 2026 wollen wir uns dann doch anschauen – über den Beamer auf der Leinwand. Zum Glück ist der Anpfiff erst um 22.30h, sonst hätten wir nicht viel gesehen in einem Zimmer ohne Vorhänge. Zu sehen gab es ohnehin nicht viel von unserem Team, das gegen Paraguay “harmlos und ideenlos” (Deutschlandfunk) spielte und zum dritten Mal hintereinander bei einer WM in der ersten K.o.-Runde ausschied. Vierzig Minuten von diesem Kick reichten mir, doch der Bundeskanzler – immer für eine Überraschung gut – hatte ein ganz anderes Spiel erlebt. Auf dem offiziellen Kanzler-Account verblüffte er mit dieser Analyse. „Auch wenn das Ausscheiden schmerzt: Was für ein Spiel. Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch.“ Angeblich ging die falsche Version online. Peinlich für Friedrich Merz und seine PR-Dilettanten! 

Hitzefehler

Wo bitte geht’s zum Wasser? © Rolf Hiller

Endlich mal wieder schwimmen! Ich packe alles zusammen und bin kurz vor acht am Freibad – geschlossen. Plötzlich fällt mir wieder ein, dass ich doch vorher noch im Netz nach den Öffnungszeiten geschaut hatte. Trotz der Hitzewelle macht das Sommerbad Wilmersdorf im Juni erst um 10h auf; das muss ich wohl in der Vorfreude sofort wieder verdrängt haben. Am nächsten Tag starte ich einen neuen Versuch. Vor der Kasse – 7 Euro kostet der Eintritt für Erwachsene – hat sich um kurz nach zehn eine lange Schlange gebildet. Niemand kommt in Berlin ins Freibad ohne Gepäckkontrolle und Vorlage eines gültigen Ausweises. Im letzten Jahr wurden rund 200 Straftaten registriert, darunter auch Körperverletzungen. An Kontrollen zur eigenen Sicherheit haben wir uns längst gewöhnt, vor Flügen oder großen Konzerten etwa. Um so erstaunlicher, dass jede:r in einen Zug der Deutschen Bahn einsteigen kann. In Spanien werden die Tics am Zugang gescannt; alle Gepäckstücke laufen durch einen Scanner.  Davon kann die Deutsche Bahn nur träumen.

Der Staatskonzern überraschte seine Kundschaft in dieser Woche gleich zweimal. Am späten Dienstagabend stand der komplette Bahnverkehr in Deutschland still, weil der Zugfunk GSMR ausfiel; beide Sicherungssysteme konnten nicht übernehmen. Wieder einmal war die Kommunikation des Konzerns eine blanke Katastrophe. Die Personenzüge mussten im nächsten Bahnhof halten, die Fahrgäste blieben lange Zeit im Unklaren. Ein Fernpendler nahm den Gau in einer Radio-Reportage gelassen: “Ich lebe täglich mit der Katastrophe”. Weil die Konzernführung ihrem Angebot selbst nicht mehr traut, entschied man sich zwei Tage später für eine bis dato unbekannte Warnung an die Kundschaft. Die Deutsche Bahn befürchtet wegen der aktuellen Hitzewelle “Störungen im Betriebsablauf”, rät von Reisen ab und bietet kostenlose Stornierungen an. Sicherheitshalber wurden sämtliche Züge nach Frankfurt heute in der App als ausgebucht angezeigt; nur Tics in der Ersten Klasse gab’s noch ab 365 Euro für eine einfache Fahrt. 

Nächste Woche werden die Temperaturen wieder fallen, die Hitze mit immer neuen Rekorden verschwindet aus den Schlagzeilen, und vom Klimawandel will niemand mehr etwas hören. Wer möchte, kann sich auf der Homepage des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung informieren und kommt vielleicht ins Nachdenken oder Schaudern. Denn der Klimawandel, den Populisten wie Trump schlicht leugnen, lässt sich nicht mehr stoppen. Was jetzt ist, kann allenfalls verlangsamt werden; man kann nur versuchen, sich anzupassen – Paris meldete gestern eine Mitternachtstemperatur von 36 Grad! „Die Zukunft, die Klimawandelforscher vorhergesagt haben”, heißt es im Tagesspiegel, “die Hitzeszenarien, sie sind längst Wirklichkeit. Zeitgleich verteilt die Bundesregierung fleißig Steuergeschenke auf fossile Emissionsträger, die genau zu dieser Erhitzung beitragen. Kaum endet zum Monatsende der Tankrabatt, sinkt Anfang Juli die Ticketsteuer im Flugverkehr. Diese Maßnahmen machen schmerzhaft deutlich, dass Deutschland die Augen vor der Realität verschließt.“ (26.06.26) Nach uns die Sintflut! Nicht zum ersten Mal schließe ich mit diesen Worten. 

Kunst im Bau

Das Dach des Schloss Bellevue hat der Künstler Christian Awe umgestaltet. © Rolf Hiller

Das Interesse ist riesig – viele möchten die Ausstellung “Freiraum Kunst – Akademie der Künste goes Bellevue” sehen. Innerhalb der ersten Stunden wollten sich eine halbe Million Menschen einen kostenlosen Slot buchen, und die Server brachen zusammen. Bekanntlich wird der Amtssitz des Bundespräsidenten acht Jahre lang aufwändig saniert. Die Idee für eine ästhetische Zwischennutzung des Schloss Bellevue hatten ein Journalist und einige Künstler. Frank-Walter Steinmeier nahm diese Initiative auf, und die Akademie der Künste stellte innerhalb kurzer Zeit eine Ausstellung zusammen, die derzeit der Renner in der Hauptstadt ist, nicht zuletzt, weil sie nur 14 Tage läuft und an einem spektakulären Ort stattfindet. Ästhetisch nimmt sich das mit heißer Nadel gestrickte Projekt weniger spannend aus. Man musste rasch vorhandene Arbeiten auftun, diese in den Räumen platzieren – von plakativen Werken einer Katharina Grosse bis zur Video-Installation “Geburtshaus Goebbels” von Gregor Schneider spannt die Ausstellung einen (allzu) weiten Rahmen. 

Dennoch kann man durchaus Entdeckungen machen im Schloss der Kunst auf Zeit. Gleich am Eingang verstört die knapp zwanzigminütige Video-Performance “Rufen bis zur Erschöpfung” von Jochen Gerz aus dem Jahr 1972. “Der Künstler ruft unablässig ‘Hallo’ ins Leere, bis ihm die Stimme versagt.” (Programmheft) Diese erstaunliche Arbeit nimmt die unendlichen Posts in die Leere und Weite der Sozialen Medien prophetisch voraus. Das “Hallo” bleibt ohne Antwort und wird immer verzweifelter. Ganz anders dagegen der Dokumentarfilm “Die Mauer” von Jürgen Böttcher, der die letzten Tage des “Bollwerks des Sozialismus” festhält. Zu sehen sind auch gespenstische Fahrten der S-Bahn durch geschlossene und verfallene Stationen wie den Potsdamer Platz, einst ein pulsierendes Zentrum im Berlin vor der Teilung. Im Eingang hängt übrigens “Die Bundespräsidentin”, ein Acrylbild von El Bocho aus diesem Jahr. Vielleicht zieht in acht Jahren eine Frau ins frisch renovierte Schloss Bellevue – es wäre an der Zeit für eine Bundespräsidentin. 

Mit aktueller Kunst kann der amerikanische Präsident bekanntlich nichts anfangen. Donald Trump liebt Protz & Prunk und feierte seinen 80. Geburtstag mit einem Käfigkampf wie im alten Rom. Seine Selbstgefälligkeit und Überheblichkeit werden inzwischen selbst bei einflussreichen Republikanern kritisch gesehen; seine erwartbare Replik: er tut sie als “Dummköpfe” ab. Der völkerrechtswidrige Angriff auf die Mullah-Diktatur im Iran war ein kostspieliger und sinnloser Fehlschlag – das Regime in Teheran hat schnell die strategische Bedeutung der Straße von Hormus ausgemacht. “Denn der Iran geht”, resümiert die Rheinische Post aus Düsseldorf, “das ist die bittere Wahrheit, gestärkt aus diesem Konflikt hervor. Die Führung in Teheran hat den bislang massivsten Versuch der USA und Israels, das Regime zu Fall zu bringen, überstanden – trotz des Todes von Spitzenpolitikern wie Ajatollah Ali Chamenei zu Kriegsbeginn. Schlimmer noch: Teheran hat der Welt bewiesen, dass es die globale Wirtschaft durch die Blockade von Seewegen als Geisel nehmen kann.“ (19.06.2026) Die Bilanz könnte nicht schlechter sein.