
Glück gehabt. Wir haben von den 10 bemerkenswertesten Theaterproduktionen der letzten Saison, die eine siebenköpfige Jury aus über 700 Aufführungen ausgesucht hat, die besten erlebt. In Erinnerung bleiben “Fräulein Else” mit Julia Riedler, “Serotonin” mit Guido Lambrecht und “Die Welt im Rücken” mit Paulina Alpen – Inszenierungen beeindruckender Monologe. Ohne diese bewegenden Bühnenerlebnisse schmälern zu wollen, spiegelt das Theater hier eine Entwicklung, die zu denken gibt. Nicht mehr in Dialogen werden politische und gesellschaftliche Probleme verhandelt, sondern man haut einfach einen raus: in die Echokammern von Social Media, in Interviews oder Statements. Der “zwanglose Zwang des besseren Arguments” (Jürgen Habermas) hat da schon lange keine Chance mehr, und es ist noch nicht abzuschätzen, welche Folgen das für Gesellschaften haben wird, die angesichts der wachsenden Probleme (Generationengerechtigkeit, Überforderung der Sozialsysteme, globale Krisen und Kriege, Klimawandel) mehr denn je Verständigung und faire Kompromisse benötigen.
Bemerkenswert bei der 63. Ausgabe des Theatertreffens, das aus Bundesmitteln finanziert wird, war das Desinteresse der Kulturpolitiker an dem Festival, das unter der Leitung von Nora Hertlein-Hull eine Auslastung der Veranstaltungen von nahezu 100% verzeichnete. Der glücklos und ungeschickt agierende Kulturstaatsminister Wolfram Weimer ließ sich nicht einmal blicken. Vielleicht hätte er sich sogar von der Begeisterung des Publikums anstecken lassen – standing ovations gab es in diesem Jahr erstaunlich oft. Die Kritikerin Barbara Berendt konstatierte bei rbb24 Inforadio Kultur “eine große Begeisterung für das Spektakel bei der Jury bei dann doch oft wenig Gedankenschärfe”. Sie dürfte Rüdiger Schapers Bilanz im Tagesspiegel zustimmen: “Dass Monologe in Mode sind, tut dem Theater gut. Ansonsten kann man das Berliner Theatertreffen schnell wieder vergessen.” (18.05.26). Die Fans von spektakulären Events werden sicherlich wieder am 10. und 11. Oktober auf ihre Kosten kommen: dann wird die internationale Koproduktion “A Year without Summer“ in der Regie von Florentina Holzinger als TT Nachspiel in der Volksbühne am Rosa‑Luxemburg‑Platz gezeigt.
Spektakulär in einem ganz anderen Sinne ist die Serie “Etty”, die jetzt in der ARTE-Mediathek zu sehen ist. Eindringlich und bedrückend wird die Geschichte der Amsterdamer Jüdin Etty Hillesum erzählt, die 1943 in Auschwitz ermordet wurde und deren Tagebücher zum Glück erhalten blieben. Verkörpert wird Etty von der fabelhaften Schauspielerin Julia Windischbauer, in deren Spiel und Mimik sich die schleichenden Veränderungen ausdrücken. Das Drehbuch der sechsteiligen Reihe stammt von Hagai Levi (“In Therapie”), der den Zeitpunkt der Handlung in eine Jetztzeit ohne Internet und Smartphone verlegt. Langsam und beinahe unmerklich verdüstert sich das Leben für die jüdische Bevölkerung in Amsterdam – sie dürfen Läden und Kneipen nicht mehr betreten, sie müssen ihre Fahrräder abgeben, es gelten Ausgangssperren für sie. Im letzten Jahr hat die Recherche‑ und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) in Berlin fast 2.200 antisemitische Vorfälle registriert. Gerüchten zufolge wird eine jüdische Meisterkonditorei, nicht weit entfernt von unserer Wohnung, Ende des Monats schließen, heimlich, still und leise.










