
Fortune hat Friedrich Merz nicht. Sein holpriger Start als Parteivorsitzender, seine Wahl zum Kanzler im zweiten Anlauf, seine vielen vollmundigen Behauptungen (AfD halbieren) und unbedachten Äußerungen (Stadtbild) haben seinem Ansehen sehr geschadet. Nur 14% der deutschen Bevölkerung sind mit seiner Arbeit zufrieden (ARD-DeutschlandTREND August 2026). Das muss man erst einmal wegstecken, und deshalb sei Friedrich Merz jeder Tag Urlaub gegönnt. Aber darf der zweite Mann der Republik einfach ganz abtauchen? Der stellvertretende Regierungssprecher Sebastian Hille findet für sein Verschwinden diese Worte: „Der Kanzler beobachtet immer, egal wo er sich aufhält, was in Deutschland, in Europa und der Welt passiert.“ Nicht nur der Kölner Stadtanzeiger ist irritiert: “Stell dir vor, es ist Krise – und keiner schaut hin. Wer die Nachrichten verfolgt, wird kaum bestreiten, dass Hitze und Dürre, Niedrigwasser und Waldbrände uns plagen wie nie zuvor. (…) Aber Krisensitzungen des Kabinetts? Ministerpräsidentenkonferenzen mit Kanzler und Liveticker? Wenigstens Vor-Ort-Besuche durch Spitzenpolitiker der Bundes-CDU? Pustekuchen.” (17.08.26)
Vom Self Marketing einer Marina Abramović sollten sich der Kanzler und seine Regierung inspirieren lassen. Die Performance-Künstlerin, die am 30. November 80 Jahre alt wird, ist so aktiv wie eh und je und versteht sich glänzend zu präsentieren. Ihre Ausstellung “Balkan Erotic Epic” (noch bis zum 30.08. im Berliner Gropius Bau) ist ein Publikumsmagnet. In ihren frühen Jahren arbeitet sie mit vollem Körpereinsatz, schneidet sich mit einer Rasierklinge, legt sich dann auf Eis, isst 1 kg Honig und trinkt 1 Liter Wein. Dann wieder schockt sie mit Beziehungen von Tod und Erotik oder der drastischen Verbindung von männlicher Sexualität und Destruktion. Diese Performances faszinieren und stoßen gleichermaßen ab, weisen aber nicht über sich hinaus. Abramović eben. Ihre Arbeiten wirken im Moment – aber nicht nach. Zum 75. Jubiläum der Berliner Festspiele gibt es im Oktober eine neue mehrstündige Bühnenproduktion “Balkan Erotic Epic. The Stage Version”, die Marina Abramović als Höhepunkt ihrer Karriere begreift: “Es ist ein Stück mit 120 Mitwirkenden und das erste Mal, dass ich Langzeitperformance-Künstlerinnen und -Künstler gemeinsam mit Tänzerinnen und Tänzern auftreten lasse.” (Tagespiegel. 11.04.26)
Eben habe ich noch einmal mit Interesse “Die Causa Merz” gelesen, die Martin Bergelt vor knapp acht Jahren auf diesem Kanal verfasst hat. Nun hat er sich wieder mit einem interessanten Kommentar gemeldet: “Noch ein Wort zu Lilienthal: für mich ist er der geborene Marketing Manager – und das ist aus meinem Mund ein vergiftetes Lob. Schon sein Start in München an den Kammerspielen ging mit einem Marketing Coup einher, dem Aufstellen von Bedarfshütten für Obdachlose an prominenten Münchner Plätzen. Diese teils obskuren Unterkünfte wurden natürlich nicht von Obdachlosen bevölkert, sondern von der schicken jungen Linken, die dort Ihre Happenings veranstalteten. Dazu kam dann, dass die zur Errichtung der Hütten eingeladenen Künstler nicht oder nur marginal entlohnt wurden. Jetzt also ein Volksbad in Berlin. Wieder ein Marketing Coup, wie – das nur en passant – die Bindung von Holzinger ans Haus. Ich habe den Eindruck, dass es Matthias – wir kennen uns aus dem Studium in Berlin – in erster Linie um Selbstdarstellung und Aufmerksamkeit geht, ihm die Schwimmkultur und die Menschen letztlich, welcher Hautfarbe auch immer, egal sind.” Wir beobachten weiter, nicht nur den Kanzler.










