Lebbe geht weider

Joachim Meyerhoff in „Das Leben des Vernon Subutex 1“ von Virginie Despentes in einer Inszenierung von Thomas Ostermeier an der schaubühne. © Thomas Aurin

Was haben Corona und Fußball gemein? Jede:r hat eine Meinung dazu, jede:r kann dazu eine Geschichte erzählen; allerdings gibt die Pandemie derzeit natürlich mehr her. Letzte Woche waren wir zu einer Geburtstagsfeier in Brandenburg eingeladen, bei der schon wieder 70 Personen erlaubt waren! Wie früher üblich streckt mir ein Gast seine Hand entgegen – und ich schüttele sie, wie das eben immer so war. Seit über einem Jahr habe ich das nicht mehr getan und wollte es mir ganz abgewöhnen. Die anderen Hände der munteren Runde erwidere ich mit einer leichten Verbeugung. Zwar sinken die Inzidenzen derzeit erfreulich, aber die Pandemie ist noch längst nicht vorüber; das Virus und seine tückischen Varianten werden nie wieder verschwinden. Aber bald brauchen wir keine Testzentren mehr, mit denen sich einige eine goldene Nase verdient haben. Einer hat in Offenbach seine vier gut laufenden Restaurants endgültig dicht gemacht, Stationen für Schnelltests eröffnet; angeblich ist er jetzt Millionär.

So wendig ist Vernon Subutex nicht. Er muss seinen Plattenladen in Paris aufgeben, verliert seine Wohnung und laviert sich irgendwie durch. Joachim Meyerhoff, in seiner ersten großen Rolle an der schaubühne, spielt diesen Absteiger erstaunlich zurückhaltend und gelassen; sein Schicksal wird ausgestellt, berührt aber nicht einen Moment. Der Regisseur Thomas Ostermeier hat diesen französischen Romanbestseller von Virginie Despentes aus dem Jahr 2015 auf die Bühne gebracht und verliert sich oft in dessen Verzweigungen. Wir erleben in vier langen, allzu langen Stunden die schonungslose Bestandsaufnahme einer bürgerlichen Gesellschaft, die sich zynisch eingerichtet hat im Job wie im Leben, in der Drogen genauso dazugehören wie Pornographie. Im Theater fügt sich dieses düstere Panoptikum nicht zu einem Reigen; die Szenen, häufig unterbrochen von Live-Musik, stehen für sich. Womöglich ist dieser Ansatz sogar schlüssig: es gibt keinen Zusammenhalt, keine Hoffnung mehr. Dem Publikum (aktueller Schnelltest, Schachbrett-Platzierung im Saal, Maskenpflicht) ist’s gerade recht. Vor dem geordneten „Auslass“ gibt es für dieses Kaleidoskop herzlichen Beifall.

Nach der Heimkehr vom ersten Theaterabend des Jahres schauen wir sofort nach unserer Amsel vor dem Küchenfenster. Selma „kennt“ uns inzwischen und brütet seelenruhig weiter. Am Montag dann schlüpft das erste Amselchen – ein vollkommen hilfloses, kleines Tierlein mit riesigen Augen, die wohl nicht mehr wachsen, und sichtbaren Herzschlägen. Wunder der Natur! Tags drauf ist das nächste winzige Vöglein da, dann ist das fünfte Ei verschwunden, und am Mittwoch hat Selma schon drei Küken zu versorgen. Plötzlich fehlt der Nachzügler, das vierte Ei liegt noch immer im perfekt getarnten Nest. Vielleicht bringen Selma und ihr schwarz gefiederter Gatte Selmo immerhin zwei Küken durch, die erst nach 18 Tagen fliegen können und insgesamt nur eine Chance von 30% haben, das erste Jahr zu überleben. Wenn es nicht klappt, legt sie wieder Eier (bis zu drei Mal im Jahr). „Lebbe geht weider“, sagte der Frankfurter Fußballphilosoph Dragoslav „Stepi“ Stepanović einmal, als seine Eintracht knapp den Titel verfehlte. Wer wollte ihm da widersprechen?

Perspektiven

Fenster zum Hof: im Kräuterkasten brütet jetzt eine Amsel. © Rolf Hiller

Selma who? Wir haben eine neue Mitbewohnerin. Sie kam nicht aus dem Internet, sondern aus der Luft und hat sich ihr Nest direkt vor unserem Fenster gebaut. Immer wenn wir in die Küche gehen, schauen wir sofort nach unserer Amsel. Sie ist überhaupt nicht schreckhaft und hat sich bei uns gut eingelebt. Dann und wann verlässt sie für kurze Zeit ihren Brutplatz, der um die Mittagsstunde besonders heiß wird. Dann atmet Selma mit offenem Mund, manchmal glauben wir ein leises Stöhnen zu vernehmen. Was Wunder, Selma brütet seit über zwei Wochen fünf Eier aus. Bald müssen die Kleinen schlüpfen; dann werden wir wohl ihren Herrn Gemahl Selmo kennenlernen. Die Idylle im Hof erinnert mich an ein Wort des Philosophen Theodor W. Adorno, dass „südliche Länder wolkenlose Tage kennen“, von denen ausgehe, „nicht sei alles verloren, alles könne gut werden.“ Nichts ist gut. Die Klimaerwärmung geht unerbittlich weiter, das Eis in der Arktis schmilzt immer schneller, dem deutschen Wald geht es zunehmend schlechter, das Wasser wird auch hierzulande knapp.

Trotzdem sind wir wieder geflogen und beruhigen unser schlechtes Gewissen mit einer „Ablasszahlung“ bei atmosfair. Auf meinem Hin- und Rückflug nach Mallorca habe ich 556 kg CO₂ verbraucht und 13 € für Klimaprojekte gespendet. Zum Vergleich: die Pro-Kopf-Jahresemission beträgt in Äthiopien 560 kg. Viele Inseln im Pazifik sind vom Untergang bedroht. Wir wissen, was wir tun, und handeln wider besseres Wissen. Unser Lifestyle ist das Problem. Sage nur niemand, er hätte das nicht gewusst. „Weniger ist mehr“ hieß der Blog letzte Woche. In den Worten von Erich Kästner: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“.

So düster die Perspektiven langfristig sind, so optimistisch ist aktuell die Stimmung angesichts sinkender Inzidenzen und steigender Impfquoten. Das normale Leben kehrt endlich zurück. Gestern hatte ich meine erste Yoga-Stunde seit dem 22. Oktober letzten Jahres. Die Cafés und Restaurants sind draußen voll, allenthalben wird getan und geplant. Das Summer Special der Berlinale mit Open-Air-Veranstaltungen wirkt wie eine Initialzündung zurück in ein halbwegs normales Kulturleben. Heute startet die um ein Jahr verschobene Fußball-EM, und nicht weniger spannend dürfte der Parteitag der Grünen werden. Über 3.000 Änderungsvorschläge zum Wahlprogramm stehen auf der Agenda, und sicherlich wird die Basis die schlechte Performance ihrer Vorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck ins Visier nehmen. Das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt war bescheiden, das Umfragehoch ist passé. Willkommen in der Wirklichkeit!

Weniger ist mehr

Bahnen ziehen ohne Quallen: das Piscina Municipal in Cala d‘Or. © Karl Grünkopf

Nie habe ich mehr Quallen in „unserer“ Bucht gesehen. Diesen Satz schrieb ich am 13.07.19 in das Gästebuch unseres traumschönen Quartiers auf Mallorca. So schlimm war es heuer nicht, aber wieder hatte ich eine Begegnung der brennenden Art im Wasser. Was tun? Rasierschaum auf die Wunden, einwirken lassen und mit einer Scheckkarte in eine Richtung abstreifen. Am nächsten Tag ist von den Verbrennungen fast nichts mehr zu sehen & zu spüren, aber schon lange schwimmen wir nicht mehr unbeschwert weite Strecken im Meer. Dabei könnte ich nicht einmal sagen, dass es heute mehr Medusen gibt als früher, obwohl ich jetzt schon dreimal hintereinander erwischt wurde. Zum Glück haben wir eine Alternative gefunden: das Hallenbad im steril-weißen Touristenort Cala d‘Or. Wegen der Pandemie dürfen derzeit nur 8 Badegäste hinein – wir haben immer eine Bahn für uns alleine. Grandios! Und ins Meer gehen wir trotzdem täglich.

Noch immer ist die Insel angenehm leer. Also machen wir uns auf zur Caló des Moro, die als eine der schönsten Buchten Mallorcas gilt. Erstaunlich voll ist der Parkplatz um die Mittagsstunde, erstaunlich viele sind unterwegs zum „Geheimtipp“, der schon lange keiner mehr ist. Wir ersparen uns den Frust und brechen diese Unternehmung ab. Dabei ist es so einfach, dem Massenglück zu entkommen. Wir haben uns für eine Woche Räder gemietet und sind oft ganz allein unterwegs auf den kleinen Straßen durch die unendlichen Mandel- und Olivenhaine. Es ist immer wieder überraschend, wie leicht man den vielen anderen entgehen kann. Noch eindrücklicher war freilich ein Naturereignis, gegen das sich das Gewitter auf dem Hinflug wie ein Pulverplättchen ausnimmt. Von halb zehn abends bis nach vier Uhr in der Frühe wütete ein Gewitter über der Insel mit Starkregen, heftigen Windböen und tosender See. Am nächsten Morgen ist die Welt dann wieder in Ordnung: die Sonne scheint, rasch ist alles getrocknet, als sei nichts gewesen in der Nacht.

Nichts bleibt, wie es ist. Mich erreicht die Nachricht, dass Wolfgang Wagner, der Wirt der Frankfurter Apfelweinkneipe „Zu den Drei Steubern“ , gestorben ist. Noch lebhaft ist mir mein erster Besuch dort in der rappelvollen Schenke in Erinnerung. Jean und ich quetschten uns in eine Ecke, das Stöffsche floss in Strömen, dazu gab‘s Soleier oder Handkäs‘ und immer wieder barsch-herzliche Worte vom Kellner, dem heimlichen Chef der „Drei Steuber“. Wir liebten diese Erniedrigungen. Später wurde es nach einer wochenlangen Schließung wg. Krankheit schon merklich stiller, wir bekamen schon um acht Uhr ohne Mühe Plätze; unser letzter Besuch war ein Endspiel. Seit den fünfziger Jahren machte Wolfgang Wagner sein Ding – „der Mann war ohne Apfelwein nicht denkbar“ (Andreas Maier). Morgen geht‘s mit aktuellem Negativ-Schnelltest schon wieder zurück, am Sonntag leisten wir bei atmosfair einen „Ausgleich“ für unsere Flüge, und in Sachsen-Anhalt wird gewählt. Nicht nur der CDU-Vorsitzende Armin Laschet dürfte diesem letzten Stimmungstest vor der Bundestagswahl mit Bangen entgegensehen.

Alarmzustand

Nichts hat sich verändert, vieles ist anders auf der Insel. © Karl Grünkopf

Blitzschlag! Kurz nach dem Start kommen wir in ein Gewitter und werden getroffen. Der Stewart beruhigt die Fluggäste, das komme immer mal wieder vor – kein Grund zur Beunruhigung. Die Kapitänin pflichtet ihm bei, allerdings könne die Elektronik oder Hydraulik Schaden genommen haben. Ob wir weiter nach Palma fliegen können, werde noch entschieden. Safety first! Wir müssen zurück zum BER und in eine andere Maschine umsteigen. Da kommt Laune auf. Beim Einstieg in das neue Flugzeug freut sich aber eine Mitreisende wie Bolle: „Zwei Flüge für einen Preis.“ Wer wollte ihr da widersprechen. Schließlich ist es für uns ein kleines Wunder, dass wir überhaupt reisen können in Zeiten der Pandemie.

Eigentlich wollten wir wieder auf unsere Sehnsuchtsinsel Hiddensee, aber touristische Reisen dorthin sind noch nicht wieder möglich. Glücklicherweise war die Traumwohnung im Naturschutzgebiet von Cala Mondragó noch frei. Voraussetzung: ein aktueller negativer PCR-Test. Den hatten wir schon im Gepäck, als wir im letzten Moment bemerken, dass ich im Testzentrum meinen Führerschein statt des vorgeschriebenen Personalausweises vorgelegt hatte. Was tun? Es einfach versuchen oder ändern lassen. Safety first. Ich schreibe ans Testzentrum und bekomme umgehend mein Ergebnis mit den richtigen Daten. Ob das jemand bemerkt hätte? Auf jeden Fall werden Test und Einreiseformular vor dem Start und zweimal nach der Landung kontrolliert. Puh!

Nach dem Ende des Alarmzustandes, gewissermaßen die spanische Variante der deutschen Notbremse, läuft das Leben auf Mallorca fast wieder normal, wenn es auf der Insel auch spürbar leerer ist als bei früheren Aufenthalten. Draußen besteht die generelle Pflicht zum Tragen einer Maske (es muss aber keine medizinische sein), aber das nehmen alle klaglos hin. In alle Geschäfte geht‘s ohne Test & Anmeldung und nur mit Maske, ebenso in die sog. Außengastronomie; natürlich dürfen die Gäste in den Restaurants am Tisch den Mund-Nasen-Schutz ablegen. Leo, unser Autovermieter, will mich am Flughafen als erster Mensch seit über einem Jahr mit Handschlag begrüßen – ich lasse es bei einer Verbeugung, obwohl wir beide den ersten Pieks bereits hinter uns haben. Darauf werden Kinder & Jugendliche von 12 bis 15 Jahren in Deutschland noch länger warten müssen. Es fehlt der Stoff, heute soll das Vakzin von BionTech für sie in der EU zumindest zugelassen werden, aber es fehlen weiter Daten über Nebenwirkungen bei dieser Altergruppe. Aus der Ferne wirkt die übliche Kakophonie über dieses Thema noch absurder.

Trügerisch

Am Montag war die Welt für Annalena Baerbock noch in Ordnung.

Stell‘ dir vor, es ist Wahlkampf und alle sind lieb miteinander. Dieser Eindruck vermittelte sich bei einem Polit-Talk diese Woche, zu dem das rbb Inforadio und die Süddeutsche Zeitung Annalena Baerbock (Die Grünen) und Olaf Scholz (SPD) eingeladen hatten. Der Talk plätscherte gemütlich vor sich, als wolle man:frau schon einmal das gemeinsame Miteinander nach der Wahl üben. Im großen und ganzen waren sich Baerbock und Scholz, die beide um ein Direktmandat in Potsdam kämpfen, einig. Sicher hätten Angela Ulrich (Inforadio) und Stefan Braun (SZ) entschiedener nachgefasst, wären zwei News dieser Woche schon am Montag bekannt gewesen. Franziska Giffey (SPD), die ihren umstrittenen Doktortitel seit einiger Zeit schon nicht mehr trägt, ist als Familienministerin (endlich) zurückgetreten; Annalena Baerbock steht wegen verspätet an den Bundestag gemeldeter Sonderzahlungen plötzlich ganz erheblich unter Druck.

Zum Markenkern der Grünen zählen besonders hohe moralische Ansprüche an sich und andere. In der Sache ist das „blöde Versäumnis“ (Baerbock), dass sie erhaltene Sonderzahlungen inkl. Erfolgsboni erst Ende März gemeldet hat, eine Lappalie. Aber im Wahlkampf bleibt von solchen Fehlern immer etwas hängen und wird sich sicher negativ bei den nächsten Umfragen auswirken. Noch spannender ist die Frage, wie Die Grünen mit diesem „blöden Versäumnis“, das die Partei beim Kampf um die Macht zurückwirft, umgehen wird. Wusste Robert Habeck davon, als er Annalena Baerbock vor vier Wochen den Vortritt ließ und sie die erste Kanzlerkandidatin der Grünen wurde. Hätte er womöglich die besseren Chancen? Wie wird die Basis der Partei reagieren? Häme & Spott werden über sie in den sog. sozialen Netzwerken verbreitet; es rollt eine Kampagne gegen Baerbock, die sie erst einmal durchstehen muss. Ausführlich beschäftigte sich etwa der Leitartikel der FAZ vor zwei Tagen mit der beruflichen Vita der Kandidatin, um ihr nonchalant Provinzialität zu bescheinigen.

Vor dieser allherrschenden Aufgeregtheit gerät in den Hintergrund, dass die Inzidenzen in Deutschland weiter sinken und die Impfzahlen erfreulich steigen. Friede, Freude, Eierkuchen, bald ist Somma und Herdenimmunität. Schön wär’s! „Wenn Christian Drosten recht hat – und das hat er ziemlich oft -„, schreibt der Tagesspiegel, „werden sich fast alle, die sich nicht impfen lassen, infizieren.“ (19.05.21) Was tun? Da ein Impfzwang politisch nicht durchsetzbar ist und eine vierte Welle der Pandemie im Herbst niemand ausschließen kann, bleibt nur die Hoffnung, dass (fast) alle doch noch mitmachen. Längst ist es im ÖPNV und in den Fernzügen üblich, eine Maske zu tragen, und das Personal macht zum Glück kein Fass auf, wenn jemand nur mit einer medizinischen auf den langen Fahrten unterwegs ist. Nach meiner Ankunft am Berliner Südkreuz machen wir rasch noch einen PCR-Test. Morgen eröffnet in Venedig die Architekturbiennale als richtige Veranstaltung unter dem Motto: How will we live together? Sicherlich eine der Fragen des Jahres.

Drinnen & Draußen

Alle Gewächshäuser seit Monaten dicht – trotz Corona-Test. © Rolf Hiller

Fieber!!! Selbst furchtlose Menschen schreckt in Zeiten der Pandemie, wenn sie sich plötzlich grippig fühlen. Ich fröstele, bin wacklig auf den Beinen, heiß ist der Kopf. Rasch ist ein Selbsttest beschafft, und wir studieren genauestens die Instruktionen. Natürlich kommt das Set aus China. Also das Wattestäbchen von „Gongdong“ vorschriftsmäßig benutzt, dann die Probe in die kleine Teststation – und warten. Wenn nach 15 Minuten zwei Striche zu sehen sind, könnte eine Infektion mit dem tückischen Virus vorliegen. Zum Glück ist nur ein Streifen zu sehen, aber ich lasse ein paar Tage später zur Sicherheit noch einen Schnelltest machen – auch negativ. Damit lässt sich etwas anfangen. Also buchen wir für den Abend ein Zeitfenster im Botanischen Garten Berlin; zuvor muss allerdings die Schlussredakteurin dieses Blogs noch einen Schnelltest machen. Unweit unserer Wohnung ist eines dieser Lounge-Test-Zentren, wo es avanti dilettanti zur Sache geht, und der Rubel rollt. Sinnigerweise fährt nach der allzu lockeren Prozedur ein auffälliger weißer BMW vor. Echt krass! Wer testest eigentlich die Test-Zentren?

Auf mit negativen Tests im Gepäck zum Spaziergang durch den Botanischen Garten. Ein frischer, grauer Frühlingstag, nur ein knappes Dutzend Besucher:innen ist auf dem weitläufigen Gelände unterwegs. Natürlich müssen die schönen, alten Gewächshäuser seit Monaten geschlossen bleiben, und es gibt einige Baustellen. Warum die sog. Bundesnotbremse nicht zwischen drinnen und draußen unterscheidet, warum jeder Park voller sein darf als Zoos oder Botanische Gärten, bringt die allherrschende Absurdität unseres Lebens derzeit auf den Punkt. Aber wir machen (fast) alle brav & schicksalsergeben mit, die Zahlen sinken, und diese Maßnahmen sind ja bis Ende Juni befristet. In die allgemeine Unübersichtlichkeit passt die Nachricht, dass Söder Markus als Erster in Bayern die Priorisierung bei den Impfungen aufgehoben hat. Das hat ihm wieder eine Schlagzeile gebracht, schafft aber nicht mehr Impfstoffe in die Praxen und Zentren.

Die Konsequenzen dieser Entscheidung, der schon Baden-Württemberg und Berlin gefolgt sind, hat die Neue Osnabrücker Zeitung beleuchtet: „Deutschland hat endlich den Impfturbo eingeschaltet, doch Tausende versuchen, sich vorzudrängeln. Es wird getrickst und gelogen, oder es werden gar Dokumente gefälscht, wie Behörden berichten. Dieser Kampf um den Impfstoff offenbart, wie wichtig die strenge Einhaltung der Priorisierung gewesen ist. Bitter, dass das Problem der Vordrängler kaum vollständig in den Griff zu bekommen ist. Denn oft lassen sich die Angaben über Beruf, Schwangerschaft der Schwester oder den Pflegebedarf der Oma nicht zweifelsfrei überprüfen. Lieber schnell impfen, lautet da die richtige Devise. Wer jedoch beim Betrügen erwischt wird, sollte dafür büßen.“ (12.05.21) Im Zweifel sind mir die Impf-Drängler noch lieber als die Impf-Verweigerer. Egoisten sind beide!

Freiheiten

Auf dem Todesstreifen entstand eine Kirschblütenallee. © Rolf Hiller

Auf zur japanischen Kirschblüte mitten in Berlin. Wo einst der Todesstreifen war, lassen sich im Frühjahr viele Menschen von einer ganz besonderen Allee verzaubern. Initiiert von einem japanischen TV-Sender fanden sich viele Spender:innen, um die Anpflanzung von japanischen Kirschbäumen auf dem Mauerstreifen zu ermöglichen. Unterhalb der S-Bahn-Station Bornholmer Straße beginnt der Weg unter den blühenden Bäumen, in deren Licht eine ganz besondere poetische Stimmung entsteht. Auf dem Weg dorthin durchschreiten wir gewissermaßen deutsche Geschichte. Eingelassen sind auf dem Bürgersteig die zentralen News des 9. November 1989, als plötzlich die Grenze zwischen der DDR und der BRD fiel und ein schier endloser Menschenstrom nach West-Berlin aufbrach. Zwar gibt es noch zwei weitere Kirschblütenalleen auf dem Mauerweg (in Teltow stehen über tausend Bäume), aber am sinnfälligsten ist für mich das Symbol der Freiheit an diesem Ort.

Heute sehnen sich alle Deutschen nach ihren gewohnten Grundrechten, deren Einschränkung – zumindest für Genesene und zweifach Geimpfte – juristisch nicht länger zu halten ist. Für diese Gruppen werden die Ausgangssperren und Kontaktbeschränkungen aufgehoben – was die Gesellschaft noch einmal vor große Herausforderungen stellt, wenn damit weitere Vorteile einhergehen, wenn etwa nur diese Gruppen in Restaurants, Kinos oder Theater dürfen. Die Süddeutsche bringt es treffend auf den Punkt: „Es wird verdammt bitter, wenn Hunderttausende junger Menschen abends allein in ihren Einzimmerbuden hocken müssen, während viele Ältere, geimpft und sicher, tun und lassen können, was sie wollen: Einkaufen ohne nerviges Geteste. Tanzen bis drei Uhr morgens im Partykeller. Wieder die Kreuzfahrtschiffe stürmen.“ (04.05.2021) Die sozialen Folgen dieser Pandemie sind noch nicht abzuschätzen. Anders als bei der längst vergessenen Hongkong-Grippe um 1960 stehen dieses Mal zum Glück Impfstoffe zur Verfügung, die zuletzt an junge Menschen mit guten Immunsystemen gehen. Sie schultern deshalb einen großen Teil der Corona-Folgen: Schul- und Kitaschließungen, kaum Kontakte zu Gleichaltrigen, Digital- statt Präsenzunterricht an den Unis, keine Auslandssemester.

Dass die Impfgegner und -verweigerer und die Corona-Leugner unverantwortlich handeln, steht nicht zur Diskussion. Erschüttert höre ich von einem Mann auf einer Intensiv-Station: Corona im Endstadium. Das Virus zerfrisst die Organe, in Auffangbeutel zerfließt ein Mensch, der ganze Organismus kollabiert. Die Ärzte sind machtlos. Jede:r, der sich nicht impfen lässt, nimmt solche Schicksale billigend in Kauf. In der aktuellen, medial völlig überhitzten Situation sollte man die Frage nach einer Impfpflicht in einer Pandemie tunlichst nicht stellen. Angesichts der enormen sozialen & ökonomischen Folgen von Corona gehört dieses Thema allerdings auf die Tagesordnung, wenn wieder die sog. Normalität zurückgekehrt ist. Zu dieser neuen und sicherlich anderen Normalität wird die jährliche Impfung gegen Corona gehören, denn das Vakzin schützt nur ein Jahr. Das muss dann eine neue Bundesregierung organisieren, womöglich unter Führung der Grünen, die laut ARD DeutschlandTrend klar vor der CDU liegen; ihre Kanzlerkandidatin führt ebenfalls deutlich. Annalena Baerbock muss sich derweil auch mit den Nebenwirkungen ihrer neuen Rolle zurechtfinden: sie steht unter Polizeischutz und wird in den (a)sozialen Netzwerken in übelster Weise verunglimpft.

Was kost‘ die Welt

2011 geriet schon einmal ein Virus außer Kontrolle: Szene mit der Schauspielerin Jennifer Ehle in dem bestürzend aktuellen Film „Contagion“ von Steven Soderbergh. © Warner Bros. Pictures

„Machst Du mir ein Geschenk?“ fragt mich die Romni, die immer vor dem sog. Wertstoffhof sitzt. Natürlich kann sie meinen alten Hometrainer haben, der rasch in einem Lieferwagen verstaut wird. Was an dem Ding kaputt ist, interessiert sie nicht. Was sie mit dem treuen Kettler vorhaben, auf dem ich tausende Kilometer gestrampelt habe, würde ich zu gerne wissen. Dass es verdammt teuer werden kann, wenn jemand gegen die Auflagen des Infektionsschutzgesetzes verstößt, ist uns aber jetzt bekannt. Eine junge Frau hatte zu ihrem 30. Geburtstag vier Gäste in der Wohnung und wurde von einem Nachbarn verpfiffen: Ordnungsstrafe pro Kopf 500 Euro. Da kamen fünf Kampftrinker in Offenbach noch günstig weg; sie hatten sich in einem Wasserhäuschen (Trinkhalle) verschanzt und wollten sich die Kante geben. Sie mussten den Schlüsseldienst und jeweils 200 Euro berappen. Vergleichsweise günstig kommt man:frau in Rheinland-Pfalz davon. In den Nachrichten heute Morgen in SWR 2 wurde vermeldet, dass eine solche Ordnungswidrigkeit 50 Euro kostet. Der Ermessensspielraum ist übrigens erschreckend groß: bis zu 25.000 Euro können verhängt werden!

Das sind natürlich Peanuts im Vergleich zum Big Money im Fußball. Mit Staunen haben wir diese Woche erfahren, dass selbst für Trainer Millionen gezahlt werden, damit sie vorzeitig aus einem Vertrag kommen. Den Vogel schossen natürlich wieder die Bayern ab: angeblich hat der RB Leipzig 20 Millionen dafür erhalten, dass ihr Trainer Julian Nagelsmann nächste Saison in München arbeitet. Mir san mir, und Corona scheint die Geschäfte nicht zu beeinträchtigen, obwohl diese Saison keine Zuschauer:innen in die Stadien dürfen. Andere Branchen stehen dagegen mit dem Rücken zur Wand und wären ohne die Corona-Hilfen des Bundes längst platt. 240 Milliarden (!) beträgt die Aufnahme neuer Schulden allein in diesem Super-Wahljahr. Zinsen werden keine fällig, die Rückzahlung wird den nächsten Generationen aufgebürdet. Die Babyboomer lassen es weiter krachen und leben munter auf Kosten der Zukunft. Das gilt natürlich auch für den Klimaschutz, wie das Bundesverfassungsgericht in einem spektakulären Urteil feststellte. Vielleicht wird ja Annalena Baerbock die erste echte Klimakanzlerin – anders als Angela Merkel.

Erstaunlich hellsichtig hat ein zehn Jahre alter Film unsere aktuelle Situation antizipiert: Steven Soderberghs „Contagion“. Uwe Bettenbühl befand damals: „Sollten Epidemien wie EHEC, H5N1, SARS oder neue, mutierte Erreger außer Kontrolle geraten, dann ist die Haut, in der man wohnt, kein sicherer Ort mehr.“ (FRIZZ Das Magazin für Frankfurt, 10/2011). Wir sind gebannt von diesem prominent besetzten und überhaupt nicht reißerisch inszenierten Film, als würde das erste Corona-Jahr wie ein Déjà-vu noch einmal ablaufen. Angst, Verunsicherung, Panik, Kollaps des Gesundheitssystems, Massenbegräbnisse – schließlich wird in kürzester Frist ein Impfstoff gefunden. Scheinbar haben damals „Contagion“ (Ansteckung) zu wenige Politiker:innen & Expert:innen gesehen. Sonst hätten wir vor einem Jahr zumindest genug Masken gehabt und nicht über deren Schutzfunktion debattieren müssen. Was Wunder, dass „Contagion“ bei den Streamingdiensten derzeit zu den am meisten aufgerufenen Filmen zählt.

Angebote

Kommt in den Medien nach der Nominierung gut rüber: Annalena Baerbock, die Kanzlerkandidatin der Partei Die Grünen. © gruene.de

Dürfen sich zwei geimpfte Haushalte à 2 Personen zum Kaffee treffen? Nein, aber wir dürfen nacheinander (!) so viele Personen einladen, wie wir möchten. Mit gesundem Menschenverstand entscheiden wir uns für den Regelverstoß und bitten die Gäste ungleichzeitig in unsere Wohnung. Ich habe Tischkarten mit den Namen aufgestellt, und mein Wett-Angebot, wer denn bei den Grünen das Rennen am nächsten Tag macht, wird freudig aufgenommen. Wer verliert, soll ein viergängiges grünes Menü kochen. Leider sind wir Politprofis und wetten alle auf Annalena – und werden jetzt zusammen etwas Grünes kochen, was auch nach der sog. Bundesnotbremse nicht zulässig ist.

Das neue Gesetz, das längstens bis zum 30. Juni gilt und rechtlich höchst umstritten ist, schert anhand der Inzidenzen das Leben in Deutschland über einen Kamm. Plötzlich müssen Schulen ab einem Wert von 165 schließen; ab 100 gelten zwischen 22 und 5 Uhr eine Ausgangssperre und generell ein Beherbergungsverbot. Während Urlaub hierzulande erst einmal flach fällt, sind Reisen ins Ausland möglich. Freunde von uns freuen sich wie Bolle, dass sie plötzlich doch nach Kreta fliegen dürfen; den Griechen hingegen ist das Reisen im eigenen Land untersagt. Diese womöglich notwendigen Widersprüche nehmen wir schicksalsergeben hin, aber sie lassen die Zustimmung zur Corona-Politik der Regierenden weiter sinken. Das Bundesland Hessen äußerte Bedenken zur Überarbeitung des Infektionsschutzgesetzes, konnte sich aber nicht durchsetzen. „Die vollständige Außerachtlassung weiterer Kriterien neben der Inzidenz (insbesondere Impfstatus, Hospitalisierungsrate/Intensivbettenauslastung, Reproduktionszahl, die Quote der Positiv-Testungen, Möglichkeiten der Kontaktnachverfolgung) stellen Erforderlichkeit und Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen in Frage.“ (zitiert nach Tagesspiegel, 16.04.21)

Durch die Aufregung über das „Einsperrgesetz“ (Nordwest-Zeitung/Oldenburg) ist der erbitterte Streit um den Kanzlerkandidaten der Unionsparteien schon wieder in den Hintergrund getreten. Verblasst sind die hämischen Attacken des Populisten aus Bayern gegen Armin Laschet, der die Angriffe seines „Freundes“ Söder mit bemerkenswerter Contenance aussaß. Vielleicht ist es an der Zeit, über die Fraktionsgemeinschaft der C-Parteien nachzudenken. Hochgerechnet auf Deutschland holte die CSU bei der Bundestagswahl 2017 6,2% der Stimmen; sie ist damit die kleinste Partei im Bundestag. Aus purem Machtinstinkt werden aber die Freunde erst einmal weitermachen, sonst lägen Die Grünen schon jetzt in den Umfragen vorne, und Annalena Baerbock hätte noch bessere Chancen auf die Kanzlerschaft. Nach ihrer Nominierung am Montagmorgen gab sie sich abends beim Wohlfühl-Interview in ProSieben sehr souverän. Auffällig oft möchte sie „ein Angebot machen“. Dass sie keine Regierungserfahrung hat, dafür aber Kitas und Schulen von innen kennt und noch weiß, was einkaufen bedeutet, ist kein Nachteil. Im Gegenteil!

Kaufen & Verkaufen

Warten vor dem Testzentrum. © Rolf Hiller

Nichts ist einfach in Zeiten der Pandemie; das gilt natürlich auch fürs Shoppen. Dabei wollte ich keinen ausgedehnten Bummel durch Geschäfte machen, sondern lediglich eine Sitzprobe. Nach fünfzehn Jahren sind die Lager meines Hometrainers, den ich zuletzt täglich genutzt habe, ausgeschlagen. Irgendeinen Murks hätte ich mir mit ein paar Clicks bestellen können, aber ich hatte mir ein ganz bestimmtes Modell ausgeguckt – und wollte zumindest einmal Probe sitzen. Auf zum Testzentrum umme Ecke, ohne Termin eine dreiviertel Stunde angestanden. Mit dem (negativen) Ergebnis am nächsten Morgen zum Laden auf den Ku’damm und vorher noch die Luca-App installiert. An einem kühlen Sonnabend war ich um die Mittagsstunde der einzige Kunde. Bevor ich reindurfte, musste ich meine Daten auf der App vervollständigen. Dann kann ich mich endlich auf den Hometrainer meiner Wahl setzen. Insgesamt bin ich gerade einmal zehn Minuten im Laden und kann den Ergometer doch erst zu Hause bestellen. So macht Shopping noch weniger Spaß als sonst.

Was sind solche Probleme gegen die der Christlich Demokratischen Union Deutschlands, die sich gerade selbst zerlegt und die Republik mit ihrer Kandidatensuche fürs Kanzleramt seit Wochen nervt. Dabei macht Angela Merkel überhaupt keine gute Figur. Nach Annegret Kramp-Karrenbauer hat sie zur besten Sendezeit nun auch den Vorsitzenden Armin Laschet demontiert. Der Söder Markus lacht sich derweil ins Fäustchen und lässt keine Gelegenheit aus, seinem „Freund“ Armin tüchtig einzuschenken. Die Umfragewerte scheinen für den bayrischen Ministerpräsidenten zu sprechen, der sich glänzend inszeniert und vor keinem PR-Gag zurückschreckt, und sei er noch so peinlich. Angela Merkel lud er zu einer Kutschfahrt ins Schloß Herrenchiemsee ein, und wenn’s passt, umarmt er schon mal Bäume und turtelt mit den Bienchen. Er gibt sich als Macher in der Pandemie, hat aber die Lage in Bayern nicht besser im Griff als Laschet in NRW.

Wäre Söder der bessere Kanzler, weil er sich besser verkauft? Zumindest kann er, der bis dato das historisch schlechteste Ergebnis für seine Partei eingefahren hat, von der Zustimmung seiner CSU-Ahnen bei einer Bundestagswahl nur träumen: Franz Josef Strauß erhielt 1980 für die CDU/CSU 44,5 Prozent der Stimmen, Edmund Stoiber holte 2002 immerhin noch 38,5% für die ungleichen Schwesterparteien. Beide Male reichte es nicht für einen CSU-Kanzler. Gewinnen Die Grünen dieses Amt im Herbst? Ihre Chancen stehen besser denn je, und ihr Spitzenpersonal agiert angenehm professionell und verkauft sich glänzend. Am Montag (19.04.) teilen sie ihre Entscheidung mit, wer ihr*e Spitzenkandidat*in sein wird; abends zur besten Sendezeit um 20.15h ist der- oder diejenige dann live im Fernsehen. Nicht in der ersten oder zweiten Reihe sondern bei ProSieben. Damit haben Die Grünen einen echten PR-Coup gelandet. Das dürfte sogar dem Söder Markus imponieren.