Farbe bekennen

Der Altsaxophonist Jakob Manz ganz in seinem Element im ausverkaufen Großen Saal der Alten Oper Frankfurt. © Alte Oper Frankfurt / Salar Baygan

Was für ein Konzert der Überraschungen im ausverkauften Großen Saal der Alten Oper Frankfurt, präsentiert von FRIZZ Das Magazin für Frankfurt! Der Jazz Resident dieser Spielzeit, der junge Altsaxophonist Jakob Manz, durfte seine Band Super Nova zu einem XXL-Ensemble erweitern. Von seinem Label ACT-Music sind der Pianist Michael Wollny und Nils Landgren dabei. Später steht dann noch der Sänger Max Mutzke mit Jakob Manz auf der Bühne – der Entertainer bestimmt sofort das Geschehen. “Lasst die Welt an der Garderobe”, ruft er ins Publikum. Man müsse auch mal abschalten und die Konflikte draußen lassen. Trotzdem solle man sich nicht einschüchtern lassen: “Wir sind viele”. Und die vielen in der Alten Oper klatschen ihm begeistert zu. Neben dem funkigen Posaunisten Nils Landgren, der nicht angekündigt war, hat der junge Resident noch eine Überraschung in petto: Sarah Connor. Einst hatte Manz sie mit einem handgeschriebenen Brief beeindruckt und ist seither immer wieder mit der Sängerin unterwegs. 

Zum Abschluss des abwechslungsreichen Abends ist der Rising Star der deutschen Jazz-Szene wieder ganz in seinem Element und rockt mit dem schwedischen Fusion-Trio Dirty Loops die Alte Oper. Das durchaus gesetzte Publikum lässt sich von ihrer Begeisterung und Spielfreude anstecken – fast alle bleiben bis zum Schluss. Solche Gemeinschaftserlebnisse sind in Zeiten wie diesen so wichtig und nicht in den Socials zu haben, im Gegenteil. Trotzdem sind auf diesen Kanälen in kürzester Frist Solidarisierungen möglich. Der amerikanische Musiker Bruce Springsteen schrieb nach der Tötung von Renée Good (7. Januar) und Alex Pretti (24. Januar) durch ICE‑Beamte “Streets of Minneapolis”, nahm den Song gleich auf und veröffentlichte ihn schon am 28. Januar. Fast 300.000 Likes bekam er auf Instagram, das Reel haben bis dato 6,2 Millionen gesehen. Springsteen singt Klartext – “King Trump’s private army from the DHS / Guns belted to their coats / Came to Minneapolis to enforce the law / Or so their story goes.”  

Hoffentlich hören diesen Weckruf nicht bloß Gleichgesinnte, sondern auch viele redliche Republikaner – und begreifen, dass Donald Trump dabei ist, ihre Republik zu zerstören. Nicht nur Bruce Springsteen bekennt Farbe; auch andere Künstler sind nicht bereit, sich vor den Karren des Präsidenten spannen zu lassen. So hat Philip Glass, eine Ikone der Minimal Music, die Uraufführung einer im Auftrag des Washingtoner Kennedy Centers geschriebenen Symphonie abgesagt. “Die Werte des Kennedy Centers”, schreibt er, “würden heute in direktem Konflikt zur Botschaft der Symphonie stehen. Deshalb empfinde ich es als notwendig, die Uraufführung der Symphonie vom Kennedy Center unter seiner derzeitigen Führung zurückzuziehen.“ Bekanntlich hat Trump die Leitung der Institution übernommen und sie in „The Donald J. Trump and The John F. Kennedy Memorial Center for the Performing Arts“ umbenannt. Er nutzt Worte als eine seiner Waffen. “Die Eskalationsrhetorik von Trump und seinen Getreuen”, kommentiert etwa die Kölnische Rundschau, “ihr Unwillen, staatliches Unrecht zu ahnden, wirken denn auch nicht wie Ausrutscher, sondern wie Teil eines kalkulierten Plans. (…) Manche sehen die USA auf bestem Weg in den Faschismus. Noch aber liegt die Entscheidung in den Händen der Amerikaner selbst.” (26.01.26) God bless America!!! 

Realitäten

Die beiden Schwestern, gespielt von Renate Reinsve und Inga Ibsdotter Lilleaas, in „Sentimental Value“ von Joachim Trier. © Kasper Tuxen Andersen

Nachdem “Sentimental Value” von dem norwegischen Regisseur Joachim Trier gleich fünf Preise beim Europäischen Filmpreis 2026 gewonnen hatte, wollten wir diesen Film nun endlich sehen. Am Sonntagmorgen waren noch fast alle Plätze frei, zur Aufführung am nächsten Abend war das Kino bis auf den letzten Platz gefüllt. Angenehm ruhig erzählt Trier die Geschichte einer Familie, die in einem alten Haus lebt. Er lässt sich Zeit mit seinen Filmen und bringt nur alle paar Jahre einen neuen ins Kino. Nach dem Tod der Mutter versuchen die Töchter, wieder Kontakt zu ihrem Vater zu finden. Der Kinoregisseur hatte seine Familie im Stich gelassen – Filme und Frauen waren ihm wichtiger. Er ist ein in sich gekehrter Egomane, der nun aber selbst eine Annäherung zu seinen Töchtern sucht, indem er einen Film über die Familie dreht. Damit schafft Trier eine zweite filmische Realität.  

Virtuos wechselt er zwischen den Erzählebenen, ganz besonders beeindrucken der Vater und seine älteste Tochter, die als Schauspielerin am Theater Erfolge feiert. Renate Reinsve und Stellan Skarsgård erhielten für ihre Darstellung ebenfalls den Europäischen Filmpreis in diesem Jahr. Wie im Fluge verging “Sentimental Value”, nicht einen Moment wurden dem Publikum die 135 Minuten zu lang. Gebannt waren alle in eine andere Realität eingetaucht. Die Welt der hektischen News und immer neuen Katastrophen und Probleme war einfach ausgeblendet. Mit guten Gründen plädiert der Schweizer Autor Robert Dobelli in seinem Besteller “Die Kunst des digitalen Lebens” für eine konsequente „News-Diät“. Die permanente Erreichbarkeit für News aller Art und seien sie noch so banal, setzt uns unter Stress. 

Vor einer Woche war die Welt noch in hellem Aufruhr wegen der Ankündigung des amerikanischen Präsidenten, Amerika “brauche” Grönland. Nicht die zahllosen Aufrufe seiner NATO-Partner zur Zurückhaltung dürften Donald Trump umgestimmt haben, wohl aber die Reaktion der Finanzmärkte und Signale der mächtigen skandinavischenPensionsfonds. Die amerikanischen und europäischen Börsen verzeichneten spürbare Kursverluste. In diesem Kontext wurde die interessierte Öffentlichkeit (endlich) wieder einmal auf die gewaltige amerikanische Staatsverschuldung aufmerksam. Die gesamtstaatliche Verschuldung in den USA betrug dem Joint Economic Committee zu Folge am 7. Januar 2026 38,43 Billionen US-Dollar, und die Schulden steigen täglich um 8,03 Milliarden Dollar an! In der allherrschenden Nervosität kam plötzlich zu Tage, dass knapp 40% der deutschen Goldreserven im Wert von über 300 Milliarden Euro bei der Federal Reserve Bank of New York liegen, wohl aus historischen Gründen. Die internationalen Finanzmärkte sind längst eine Realität für sich, schwer zu durchschauen und längst nicht mehr zu beherrschen. Johann Wolfgang von Goethe dürfte wohl niemand widersprechen: “Am Gelde hängt’s, zum Gelde drängt’s”. 

Wem gehört die Welt

Constanze Becker und Jens Harzer in Sophokles‘ „Antigone“ am Berliner Ensemble, Regie: Johan Simons. © Jörg Brüggemann

“Nach einer Stunde bin ich aus dem Text ausgestiegen und habe mich auf das Theater konzentriert”, meint ein schlaksiger, junger Mann zu seinen Freunden nach der Premiere von “Antigone” im Berliner Ensemble. Kein schlechter Rat, denn das Stück von Sophokles in der Übersetzung von Hölderlin erschließt sich nicht leicht, genau wiedie Konstellation der Figuren in dieser griechischen Tragödie. Längst nicht so überzeugend wie beim hochgelobten Hamburger Antikenprojekt “Anthropolis” von Karin Beier arbeiten sich der Regisseur Johan Simons und Constanze Becker, Jens Harzer und Kathleen Morgeneyer an dem Stoff ab. Wie in der Antike üblich spielen sie mehrere Rollen, aber es gelingt den Schauspieler:innen ebenso wenig wie der Regie, das Publikum in Bann zu ziehen. “Auf reizvolle Weise”, befindet Christian Rackow auf nachtkritik.de, “verkapselt ist dieser BE-Abend, spröde und sperrig. Er sucht die kühle Abstraktion, stellt sich mit dem Rücken gegen alles Parabelhafte und aktuell Politische.” 

Dabei liegen die Parallelen zur aktuellen geopolitischen Lage auf der Hand, wo ein selbstherrlicher amerikanischer Präsident nach Lust und Laune regiert, wie der erbarmungslose Kreon in der Tragödie Antigones Tod fordert, nur weil sie ihren Bruder bestattet hat. Ihr Verlobter Haimon, der Sohn Kreons, kommt zu dem Schluss: „Eine Stadt ist keine, die einem einzigen Manne gehört.“ Dieser Satz bleibt hängen und geht doch unter in Simons’ Inszenierung, die keinen Trost spendet am Ende. Im Gegenteil, es wird hell, das Leben geht weiter, neue Despoten werden kommen und gehen. Die Welt ist voller Kreons, heißen sie nun Trump, Putin oder Xi, die sich die Erde nach eigenem Ermessen aufteilen, wobei der chinesische Präsident am rationalsten handelt. Längst hätte er Taiwan einnehmen können, aber das Risiko ist zu hoch. Eine militärische Auseinandersetzung mit den USA wäre fatal, noch fataler wäre der Zusammenbruch der globalen Handelsbeziehungen – Amerika hat bei China inzwischen fast 800 Milliarden US-Dollar Staatsschulden. 

Noch mehr steht das wirtschaftlich stärkste Land bei den Europäern in der Kreide – es sind fast 2 Billionen US-Dollar. Erstaunlicherweise ist davon fast nie die Rede, wenn King Trump wieder den Allmächtigen spielt und Grönland einkassieren möchte. Die türkische Zeitung Hürriyet hat daran erinnert und ein Worst-Case- Szenario nach einer amerikanischen Besetzung durchgespielt: “Europa ist wirtschaftlich gesehen kein Zwerg. Dies könnte zu einer massiven Wirtschaftskrise in den Vereinigten Staaten führen. Die Europäer besitzen US-Anleihen im Wert von etwa zwei Billionen Dollar. Schon die Möglichkeit, dass diese Anleihen kurzfristig verkauft werden, könnte die US-Märkte in einen tiefen Abgrund stürzen. Es drohen Hyperinflation und leere Regale. Die USA könnten ihrerseits ihre Trümpfe ausspielen. Das würde jedoch nicht nur Europa, sondern auch die USA um Jahrzehnte zurückwerfen.“ (14.01.26) Eine Billion ist eine Zahl mit 12 Nullen. 

Tennisschläger & Kanonen

Die DVD-Boxen der Kultserie von KINOWELT sind noch gebraucht im Handel.

In den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts lief im Fernsehen eine sehr erfolgreiche Serie. Zwei Agenten, Bill Cosby und Robert Culp, waren als Tennisprofis getarnt weltweit unterwegs, die Serie gilt als Parodie auf das Genre. Vielleicht hat der Regierende Bürgermeister von Berlin Kai Wegner (*1972) “Tennisschläger und Kanonen” als Jugendlicher gesehen, sicherlich haben auch ihm die coolen Typen gefallen. Lässigkeit kann sich im politischen Amt indes schnell rächen. Bekanntlich hat Wegner beim größten Stromausfall in der Geschichte der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg nicht durchgängig am Schreibtisch gesessen, er hat sich eine Auszeit beim Tennis mit seiner Freundin & Parteifreundin Katharina Günther‑Wünsch (CDU) gegönnt. Ob das klug war, steht dahin, unklug war es aber, die Öffentlichkeit glauben zu machen, er hätte die ganze Zeit gearbeitet. Dieser Lapsus wird Kai Wegner nun verfolgen und im Wahlkampf zum Berliner Abgeordnetenhaus am 20. September belasten. 

Natürlich hätte der Regierende Bürgermeister vor Ort bei dem Stromausfall im Südwesten Berlins nichts ausrichten können, aber er wäre da gewesen – und es hätte Bilder gegeben. Erinnert sei an Gerhard Schröder (SPD), der im August 2002 das Elbe-Hochwassergebiet mit dunkler Regenjacke und Gummistiefeln besuchte. Das kam bei den Menschen draußen im Lande an; der “Krisenkanzler” wurde im Herbst des gleichen Jahres mit denkbar knapper Mehrheit wiedergewählt. Ein gewiefter Politiker lässt sich die Chance nicht entgehen, bei einer Katastrophe präsent zu sein. Am nächsten Tag war die Gelegenheit vertan. Wegner wurde von einem aufgebrachten Bürger mit der sehr unangenehmen Frage konfrontiert: “Wieso schläft so ein Mann eine Nacht in dieser Halle? Der Mann hat Pflegegrad 5. Was ist hier los in dieser Stadt, Herr Bürgermeister?” Eine höhere Pflegestufe gibt es in Deutschland nicht. Der Mann musste die Nacht in einer mäßig geheizten Turnhalle verbringen (zitiert nach Tagesspiegel vom 05.01.25). 

Der terroristische Anschlag auf das Berliner Stromnetz wirft viele Fragen auf und belegt einmal mehr, dass der Zivilschutz in Deutschland nicht im Geringsten auf Ernstfälle vorbereitet ist. Mit Erstaunen haben wir erfahren, dass die Stromnetze laut Gesetz im Internet veröffentlicht werden, dass es über die Vulkangruppe, die der Verfassungsschutz dem linksextremen, anarchistischen Spektrum zuordnet, keine Erkenntnisse gibt, obwohl diese Terroristen seit 2011 in Berlin Anschläge verüben, dass in der Hauptstadt beim Stromausfall 37 Landesämter involviert gewesen sein sollen. In einem Gespräch im Deutschlandfunk regte Sabine Lackner, die Präsidentin des Technischen Hilfswerks, an, jeder könne ja einen Stromausfall mal üben – und einen ganzen Tag am Wochenende auf Strom verzichten. Zumindest wollen wir nun endlich Wasser & Lebensmittel für drei Tage bereithalten; das hatten wir uns schon lange vorgenommen. Wie schaffen es die Menschen in der Ukraine, mit den ständigen Ausfällen durch russischen Drohnen- und Raketenterror zu leben? Im vierten Kriegswinter! 

Volles Risiko

Das Duo Vanegas fühlt sich auf dem Todesrad sicherer als auf Kopfsteinpflaster. © Rolf Hiller

Traditionen sind in turbulenten Zeiten wichtiger denn je. Zum 21. Mal treten im Berliner Tempodrom der Circus Roncalli und das Deutsche Symphonieorchester (DSO)gemeinsam auf. Was mit einer Doppelbelegung begann, ist längst eine sehr beliebte Tradition geworden. Weil sowohl dem Orchester als auch dem Circus die Halle an diesem Tag zugesagt wurde, machte man aus der Not eine Tugend – und tritt seither gemeinsam auf. Das klappt wunderbar, wenn das DSO mit einer bunten Mischung aus Klassik-Hits, Film-Musik und Pop am letzten Abend des Jahres dem fabelhaften Programm der Artist:innen eine besondere Note verleiht. Wenn wir mit dem Duo Vanegas bei seiner atemberaubenden Performance auf dem Todesrad mitfiebern, vergessen wir die Welt und lassen uns wie Kinder verzaubern. Tito und José Alejandro Vanegas riskieren bei jedem Auftritt Kopf und Kragen und “fühlen sich auf dem Gerüst ihres Rades sicherer als auf dem Kopfsteinpflaster des Gendarmenmarkts”. (Circus Theater Roncalli) 

Dass der Circus Roncalli heute in Deutschland so erfolgreich ist, war bei der Gründung im Jahr 1976 nicht abzusehen. Bald schon zerstritten sich Bernhard Paul, der von klein auf ein Faible für den Zirkus hatte und später als Art Director einer Werbeagentur reüssierte, und der exzentrische Millionenerbe André Heller. Paul blieb mit seinen Träumen und einem riesigen Schuldenberg zurück – und machte weiter. Die abenteuerliche und unglaubliche Geschichte des Circus Roncalli kann man sich zum 50. Jubiläum noch in einer spannenden Doku in der ARD-Mediathek ansehen: “Roncalli – Macht der Manege” ist dort noch bis zum 25.06.26 zusehen. Spektakulär die Flucht des Zirkus aus Österreich nach Deutschland, bei der Harry Owens (Traumtheater Salomé) eine wichtige Rolle spielte, die Neugründung in Köln und die Auseinandersetzungen medialer und juristischer Art mit den traditionsreichen Unternehmen, die den Trend verpassten und weiter auf ihre Bekanntheit und Tierdressuren setzten. 

Nach der Poesie im Tempodrom holt uns die Realität rasch ein. Im Taxi fahren wir nach Hause, kurz vor unserer Wohnung stehen Kartons von Systemfeuerwerken in hellen Flammen. Die Berliner Polizei berichtet von 3.000 Einsätzen in dieser Nacht, 21 Beamte wurden verletzt überwiegend durch Böllerbeschuss, rund 250 vorläufige Festnahmen wegen Landfriedensbruch, gefährlicher Körperverletzung und Verstößen gegen das Sprengstoffgesetz. Bundesweit gab es in dieser Nacht 500 Verletzte; in Bielefeld starben zwei Achtzehnjährige durch selbstgebaute Böller. Vertraut man den Umfragen, dann spricht sich eine Mehrheit der deutschen Bevölkerung für ein Verbot von privatem Feuerwerk aus. “Silvester ist längst so etwas wie bewaffneter Karneval geworden”, kommentiert die Neue Osnabrücker Zeitung in ihrer Ausgabe vom 2. Januar. “Man feiert auf offener Straße den Ausnahmezustand und lebt den Regelbruch.” Gerade habe ich bei Campact e.V. für Böllerverbote unterzeichnet. Für die Vernunft ist es nie zu spät! 

Return to Sender

Die freundliche DHL-Mitarbeiterin händigt uns eine Sendung aus, die sofort unser Interesse weckt. Sie ist an uns adressiert, gleichzeitig sind wir aber auch der Absender. Die ursprünglichen Aufkleber auf dem Umschlag lassen sich nicht mehr entziffern – der Fall ist rätselhaft. Der Inhalt bringt mich indes sofort auf die Spur: ein Notizbuch von “Leuchtturm”. Anfang Oktober waren wir einige Tage bei einem Vetter in München; zum Dank schickte ich ihm einen “Leuchtturm”, der aber nie dort eintraf. Im Laufe der letzten Jahre habe ich ein Dutzend dieser wunderbaren Notizbücher vollgeschrieben und Zeitungsausschnitte oder Tickets eingeklebt. Ich schreibe immer mit Tinte, obwohl ich weiß, dass die Schrift mit der Zeit blasser wird und eines Tages ganz verschwindet. Ganz früher habe ich nur mit Bleistift geschrieben, aber lange schon mache ich mir täglich mit einem einfachen Patronenfüller Notizen. Dass sich das Rätsel des verschwundenen Leuchtturms ausgerechnet an Weihnachten aufklärte, freut mich ganz besonders. 

Wie großartig wäre es, ging mir durch den Kopf, wenn man eine falsche Politik einfach an den Verursacher zurückschicken könnte. Fast auf den Tag genau vor einem Jahr habe ich in dieser Kolumne den französischen Regisseur Robert Lepage zitiert: “Die Geschichte schreitet blitzschnell voran, und alles, was die Menschen für normal halten, verändert sich unentwegt.” Bereits vor seiner Amtseinführung hatte Donald Trump kundgetan, dass die Vereinigten Staaten Grönland wegen seiner Rohstoffe und der geopolitischen Bedeutung benötigen. Nun hat er einen Sondergesandten für Grönland berufen und wieder einmal deutlich gemacht, dass für ihn das Völkerrecht so wenig giltwie für Putin. Mit welchen Argumenten sollten Trump und seine Sondergesandten Russland von der territorialen Integrität der Ukraine überzeugen, wo die USA in diesem Jahr das Völkerrecht immer wieder gebrochen haben. Der Angriff auf den Iran (Operation Midnight Hammer) ist zu nennen, die Aktionen gegen Venezuela oder ganz aktuell die Attacken gegen die ISIS in Nigeria, die angeblich in Abstimmung mit der dortigen Regierung erfolgten. 

Was sind die Ziele des amerikanischen Präsidenten und seines Kriegsministeriums? Darüber dürften viele US-Bürger und immer mehr Republikaner ins Grübeln geraten. Dem internationalen Aktivismus steht innenpolitisch eine spürbare Enttäuschung bei Trump-Wählern gegenüber. Die erratische Zollpolitik von Donald Trump hat ihnen nichts gebracht, im Gegenteil, Arbeitslosigkeit und Inflation sind gestiegen. Die letzten Wahlen haben die Republikaner verloren; am 06.11.26 finden die Midterms statt. Wie es derzeit aussieht, könnten die Demokraten gewinnen und sich die Machtverhältnisse in Amerika verändern. Der unerschrockene US-Comedian Jimmy Kimmel hat in seiner alternativen Weihnachtsansprache im britischen Fernsehsender Channel 4 eine ernüchternde Jahresbilanz gezogen. Er bezeichnete Donald Trump spöttisch als „King Donny the Eighth“, der nach Exekutionen ruft. Er warf ihm vor, die Grundlagen der Demokratie zu unterminieren – von der Pressefreiheit, über Wissenschaft, Medizin bis hin zurUnabhängigkeit der Justiz. Diese letzten Informationen fasste die KI zusammen. Lassen wir die Hoffnung nicht fahren. 

negativ ist positiv

Unbeirrbar schreibt die KI in diesem Programm negativ mit zwei „v“.

Erinnerungen werden wach. Ich bin erkältet und habe mich trotzdem entschlossen, wie immer ins Weihnachtsoratorium zu gehen – zur Sicherheit allerdings erstmals wieder mit Maske. Es ist ungewohnt, die Brille beschlägt in der geheizten Kirche, das Atmen fällt schwer. Außer mir tragen höchstens zehn Besucher:innen einen Mund-Nasenschutz.Meine Vorsicht war angeraten: am nächsten Tag ist mein Test leicht positiv, obwohl ich insgesamt schon sechs Mal geimpft worden bin. Dass dieser Schutz nicht absolut ist, haben wir längst gelernt. Wir wissen auch, dass das Corona-Virus nie mehr verschwinden wird und immer neue Varianten bildet. Nach zwei Tagen bin ich schon wieder negativ, fühle mich aber noch angeschlagen. Anders als bei einer Erkältung hält dieser Zustand länger an, als würde das Virus höhnen, es nur ja nicht zu unterschätzen. Ich rufe mir meinen längst vergessenen Vorsatz ins Gedächtnis und werde wieder auf Händeschütteln und Umarmungen verzichten; eine leichte Verbeugung muss genügen. 

Wie vor drei Jahren bleiben wir abends natürlich zu Hause und schauen manchmal Filme. Aus einem sehr traurigen Anlass stoßen wir auf “This is Spinal Tap” von Rob Reiner. Der Regisseur (“Harry und Sally”) und seine Frau Michele Singer wurden am 14. Dezember in ihrem Haus mutmaßlich von ihrem Sohn erstochen. Nick (32) hatte bereits als Jugendlicher schwere Drogenprobleme und soll sich mit seinem Vater vor der Tat auf einer Weihnachtsfeier heftig gestritten haben. In seiner Mockumentary aus dem Jahr 1989 erzählt Rob Reiner die Tour-Erlebnisse der fiktiven Rock-Band Spinal Tap und wirft einen freundlich-ironischen Blick auf das Musik-Business. Die Begeisterung eines Roger Ebert vermögen wir indes nicht zu teilen – für ihn ist “This is Spinal Tap” “einer der witzigsten Filme, die je gedreht wurden“ (Wikipedia). Über diese Mockumentary ist die Zeit hinweg gegangen, andere Filme von Rob Reiner, der als scharfer Kritiker Donald Trumps galt und von ihm noch posthum geschmäht wurde, werden bleiben. 

Das Jahr geht langsam zu Ende. Zeit für Rückblicke und Bestandsaufnahmen. Deutschland steht vor gewaltigen Herausforderungen, die wir nur bewältigen, wenn die Lage schonungslos analysiert wird, wie es etwa die Frankfurter Rundschau tut. “Das bisherige Geschäftsmodell der deutschen Wirtschaft funktioniert immer schlechter: billige Energie aus Russland, günstige Vorprodukte aus Ländern wie China im Tausch gegen teure Industriegüter, und das alles unter dem Sicherheitsschirm der USA. Im Hintergrund: der Klimawandel. Das Land bräuchte also ein echtes Update: Wie wollen wir wirtschaften, wie den Wohlstand verteilen? Vielleicht bieten die anstehenden Feiertage Zeit zur Besinnung.“ (17.12.25) Und ein wenig Hoffnung lässt sich aus Worten schöpfen, die Martin Luther einst gesagt haben soll: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ 

Lügengeschichten

Plötzlich ist der verpeilte Videothekenbesitzer Micha Hartung (Charly Hübner) ein Medienstar. © XVerleihAG Frederic Batier

Erstaunlicherweise bleiben in der Astor Lounge am Berliner Ku’damm doch eine ganze Reihe von Plätzen leer. Immerhin startet der neue und letzte Film von Wolfgang Becker (†12.12.24): “Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße” in prominenter Besetzung. Zudem kam das Vermächtnis des Regisseurs, der mit “Goodbye Lenin” (6,4 Millionen Zuschauer) in Deutschland, aber auch international seinen größten Erfolg feierte, bei der Kritik sehr gut an. Meisterhaft und mit leichter Hand erzählt Becker die Geschichte eines Mannes, der nolens volens zum Medienstar wird, weil er eine Weiche am Bahnhof Friedrichstraße falsch gestellt hatte, sodass 127 DDR-Bürger plötzlich in den Westen gefahren wurden. Was von einem windigen Boulevard-Journalisten zu einem sorgsam geplanten Coup umgedeutet wird, war tatsächlich bloß ein Zufall. Charly Hübner verkörpert den verpeilten Videothekbesitzer, dessen Geschichte im Medienhype plötzlich neu konstruiert wird und der schließlich seine neue Identität einfach hinnimmt. 

“Geschichte ist die Lüge, auf die sich alle geeinigt haben.” Diese zentrale These der Komödie gilt nicht nur für alle Figuren, dahinter verbirgt sich eine zutiefst pessimistische Geschichtsauffassung von Wolfgang Becker. Es gibt keine Wahrheit. Was wahr gewesen ist, kann falsch werden – trotzdem ist meine subjektive Erinnerung nicht falsch. Darauf weist die Schauspielerin Christiane Paul im Gespräch mit Christine Eichel im Anschluss hin. Im Film akzeptiert sie als Staatsanwältin Clara Kurz, dass der Videothekenbesitzer Micha Hartung gar nicht der Held ist, den sie sich gewünscht hat. Wie auch ein Dissident im Film ist sie nicht bereit, die schönen Erinnerungen an ihre Kindheit in der DDR zu verleugnen. Wenn man sich in deutschen Landen darauf verständigen könnte, wäre schon viel gewonnen. Es ist nicht mein Verdienst, dass ich in Einbeck, einer kleinen Stadt in Niedersachsen, geboren wurde und nicht in Wernigerode (Sachsen-Anhalt).  

Genau besehen ist Wolfgang Beckers Geschichtsauffassung so pessimistisch nicht; er geht noch davon aus, man könne sich auf eine Lüge einigen. Das Gegenteil ist der Fall. Immer mehr fake news, alternative Fakten oder Verschwörungslegenden kursieren – es gibt nicht mehr eine Lüge, auf die sich alle verständigen, es gibt unzählige Lügen, die von Staatenlenkern wie Trump oder Putin verbreitet werden, ganz zu schweigen von den Sozialen Medien. Zumindest in den USA haben die Bürger:innen noch die Möglichkeit, die Lügen ihrer Regierung bei den Wahlen abzustrafen. Erstmals hat diese Woche mit Eileen Higgins eine Frau und Demokratin das Bürgermeisteramt in Miami, der zweitgrößten Stadt in Florida, gewonnen. Die Gouverneurswahlen in New Jersey und Virginia gewannen ebenfalls die Demokraten. Immer mehr Menschen bekommen zu spüren, dass die Trumpschen Strafzölle die Inflation in Amerika anheizen. Die letzten Wahlen belegen, dass die Einwohner:innen der USA langsam begreifen, dass der steinreiche Präsident und seine Tech-Oligarchen nicht ihre Interessen vertreten. God bless America! 

Blockaden

Mobile Fahrzeugsperren sollen den Weihnachtsmarkt in Bensheim vor Anschlägen schützen. © Rolf Hiller

Wenn ich nach Bensheim fahre, nehme ich mir immer etwas Zeit und laufe vom Bahnhof in die City. Ich schaue, ob sich etwas verändert hat. Das Einkaufszentrum am zentralen Beauner Platz ist seit Jahren geschlossen und macht einen deprimierenden Eindruck. Die Fußgängerzone in der Innenstadt ist am frühen Abend sehr gut besucht; dort findet traditionell der Weihnachtsmarkt statt, heuer geschützt durch mächtige mobile Fahrzeugsperren. Nach dem verheerenden Anschlag in Magdeburg vor einem Jahr ist das wohl die einzige Möglichkeit, überhaupt noch diese beliebten Märkte zu veranstalten. Man wird sich an solche Autosperren gewöhnen, wie wir uns an die hässlichen Betonpoller vor anderen Fußgängerzonen gewöhnt haben. 17 Jahre habe ich in der Kleinstadt an der Bergstraße gelebt, aber es sind doch nur wenige Verbindungen geblieben. Wir waren als Zugezogene immer die “Roigeschneite” (Reingeschneiten) und sind nie “Oigeplackte” (Alteinwohner) geworden, die sich ewig kennen, nicht zuletzt durch Fußball, Feuerwehr und Kirche. 

Ich bin unterwegs zu einer gastronomischen Institution in Bensheim, der beliebten “Hahnmühle” in der Friedhofstraße, und freue mich auf das alljährliche Gänse-Essen dort. Auf meinem Weg denke ich über die Headline dieser Kolumne nach. Blockaden sichern nicht nur Weihnachtsmärkte, sondern bestimmen das politische Geschehen. Nicht mehr die Parteizugehörigkeit prägt das Bewusstsein, das Alter wird immer bestimmender. Der Aufstand der Jungen Generation in der CDU dürfte erst der Anfang des Konflikts zwischen den allmächtigen Boomern und der Generation Z sein. Es geht um die seriös nicht mehr zu finanzierende Rente aus dem Staatshaushalt, die Folgen des Klimawandels, die Zerstörung der Umwelt, die Strukturkrise der Wirtschaft, die marode Bundeswehr, eine zunehmend durch Rechtspopulisten ausgehöhlte EU und eine schlecht aufgestellte NATO. Dafür tragen die Boomer, die sich allzu gerne von der ersten und bisher einzigen Bundeskanzlerin über 16 Jahre haben einlullen lassen, die Verantwortung. 

Es hat nicht den Anschein, als hätte die aktuelle Bundesregierung das Format und die Kraft, die Lage in deutschen Landen schonungslos zu analysieren und eine Agenda 2040 aufzustellen. Außenpolitisch sieht es keinen Deut besser aus. Da lassen sich zwei amerikanische Immobilien-Milliardäre vom russischen Kriegsverbrecher Wladimir Putin am Nasenring durch die Manege ziehen, und die EU darf bei den Verhandlungen über das Ende des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine noch nicht einmal am Katzentisch Platz nehmen. Die politische Kultur wird durch die Despoten dieser Welt in unvorstellbarer Weise zerstört. Gerade hofiert der Premierminister Narendra Modi den russischen Diktator Putin beim Staatsbesuch in Indien. Die Welt ist aus den Fugen. Zum Glück haben wir einen Neil Young, der in seinem Song “Big Crime” (VÖ 04.09.25) Klartext spricht:  Don’t need no fascist rules / Don’t want no fascist schools / Don’t want soldiers walking on our streets / Got big crime in DC at the White House / There’s big crime in DC at the White House. Danke! 

Unversöhnlich

Salome von Richard Strauss an der Komischen Oper Berlin. © Jan Windszus

Womöglich ist das die Operninszenierung des Jahres: “Salome” von Richard Strauss an der Komischen Oper Berlin. Der Regisseur Evgeny Titov – 1980 in Kasachstan (Sowjetunion) geboren – interessiert sich nicht für eine Femme fatale, seine Salome ist besessen von absoluter Macht, Untergangs- und Zerstörungslust. Sie fordert von ihrem Stiefvater Herodes den Kopf des gefangenen Jochanaan, weil der sich nicht von ihr verführen lässt. Salome (grandios Nicole Chevalier) trägt die gesamte Aufführung einen weißen Kokon über dem Kopf, wie man ihn von Bienenzüchtern kennt, und wird zur Allegorie blindwütiger Macht. Letztlich nimmt sie sogar den eigenen Untergang in Kauf, um ihren Willen zu bekommen. Der Gedanke an Hitler und Putin liegt nahe, wird aber in der Inszenierung nicht einmal angedeutet. Eine schlüssige Interpretation des Einakters von Richard Strauss, der bei der Premiere am 6. Dezember 1905 einen Skandal auslöste. Langanhaltender, begeisterter Applaus im vollbesetzten Schillertheater und (fast) einhellige Zustimmung bei der Kritik.  

Deprimierend und wenig ermutigend endete die COP 30 in der brasilianischen Stadt Belém. Als eine Stimme von vielen sei hier die Ulmer Südwest Presse genannt: „Konfrontation, Blockade, Egoismus: Der Ausgang der Konferenz ist ein deprimierender Tiefschlag im Kampf gegen die Erhitzung der Erde. Ging vom Pariser Abkommen vor zehn Jahren das Signal aus, die Weltgemeinschaft halte zusammen, um die Krise gemeinsam zu bekämpfen, ist die Botschaft 2025 das Gegenteil: Ein Plan für die Abkehr von Öl, Kohle und Gas ist in weiter Ferne, jeder ist sich selbst der Nächste, das 1,5-Grad-Ziel unerreichbar.” (24.11.2025) Noch drastischere Worte fand der Vertreter Panamas Juan Carlos Monterrey Gómez und sprach von einer Clowns-Show. „Failing to name the causes of the climate crisis is not compromise. It is denial. Leaving fossil fuels out of the COP30 deal risks turning the talks into a clown show.“ Bundeskanzler Friedrich Merz, einer aus der Generation Glück, wird sich bei der EU dafür einsetzen, das Verbrenner-Aus über das Jahr 2035 zu verschieben. 

Das wird diese deutsche Schlüsselindustrie nicht retten, denn längst liegen in China, dem größten Automobilmarkt der Welt, die New Energy Vehicles bei den Verkäufen vorne. Die Aktien des einstigen Börsenlieblings Porsche haben in den letzten zwölf Monaten über 25 Prozent an Wert verloren. Krisen also, wohin man schaut. Immer wieder wird in diesem Zusammenhang der Abbau der deutschen Bürokratie gefordert. Der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks Jörg Dittrich berichtete in einem Interview mit dem Tagesspiegel von erstaunlichen Auswüchsen. Es gebe hierzulande 502 Sozialleistungen und nicht mehr nachvollziehbare Verordnungen. “Ein Beispiel sind Verpackungen: Für das Recycling eines Einwegbechers beim Kaffee to go ist der Lieferant zuständig, für den Deckel der Bäcker. Und für die Verpackungstüte muss der Bäcker genau nachweisen, wie viel Gewicht sie enthält, denn erst alles über 500 Gramm gilt nicht mehr als To-go-Tüte.” (24.11.25) Darf’s noch ein bisschen mehr Wahnsinn sein?