
Wäre eine Debatte, wie sie hier gerade um die Berlinale tobt, in Amerika derzeit möglich? Wäre es denkbar, dass im „The Donald J. Trump and The John F. Kennedy Memorial Center for the Performing Arts“ in Washington ein Preisträger in seiner Dankesrede die Vereinigten Staaten beschimpft, wie Abdallah Alkhatib es in Berlin tat. Er warf der Bundesregierung vor, sie sei am „Völkermord in Gaza“ beteiligt. Das ist (derzeit) undenkbar. Zum einen ist das Memorial Center auf Trumps Geheiß (Renovierung) für zwei Jahre geschlossen, zum anderen wagen nicht einmal “Freunde” wie Kanzler Merz, vor laufenden Kameras eine andere Meinung als die des amerikanischen Präsidenten auch nur anzudeuten. Um so wichtiger die Diskussionen vor und hinter verschlossenen Türen hierzulande, die nun zu dem Ergebnis geführt haben, dass Tricia Tuttle, die Intendantin der Berlinale, im Amt bleibt. Trotzdem hat Deutschlands größtes Kulturfestival – heuer wurden 340.000 Tics verkauft – Schaden genommen. Der Abstand der Berlinale zu Cannes und Venedig ist noch größer geworden.
Die Kunst- und Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, aber die Leitung des Festivals muss einen Weg finden, auf Aussagen wie die von Alkhatib unmittelbar zu reagieren. Ein Verhaltenskodex, wie ihn der Kulturstaatsminister Wolfram Weimer fordert, dürfte das Problem nicht lösen und Unmut unter den Filmschaffenden hervorrufen. Einfacher und sinnvoller wäre es, wenn die Leitung der Berlinale unmittelbar nach provokanten Beiträgen Stellung bezieht und ganz deutlich macht, dass sie zur Meinungsfreiheit steht, nicht aber hinter jedem Wortbeitrag. Gleichermaßen sollte sie dem akkreditierten Journalisten Thilo Jung in die Parade fahren, der in den Pressekonferenzen einem Papagei gleich immer dieselbe Frage stellte, nicht nur der Jury: “Da die Bundesregierung einen ‘Genozid in Gaza’ unterstützt und zugleich Förderer der Berlinale ist, möchte ich wissen, ob Sie als Jury diese selektive Behandlung der Menschenrechte gutheißen.“ Womöglich macht seine Methode Schule und macht Pressekonferenzen zu Gesinnungsprüfungen. Dieser Instrumentalisierung durch Aktivisten muss die Berlinale einen Riegel vorschieben, sonst dürften künftig noch weniger Stars nach Berlin kommen. Es muss die Freiheit geben, seine Meinung nicht zu allen Themen zu äußern.
Einer, der mit seiner Einstellung nicht hinter dem Berg hält, ist Sebastian Krämer, “der verschrobene Liedermacher, der auf geniale Weise Melancholie und abstrusen Humor verbindet” (WDR). Die Uraufführung seines neuen, fast dreistündigen Programms “Gesänge auf der Falltür” findet in der Berliner “Bar jeder Vernunft” statt. Er spielt geschickt mit der Metapher der Falltür, ist ein wahrer Gedächtniskünstler und feinsinniger Beobachter der Menschen auf seinen Reisen mit der Deutschen Bahn. Nur einmal wird der mehrmalige deutsche Meister im Poetry-Slam, der singt, Klavier und Ukulele spielt, explizit politisch. Er zitiert Tucholskys Wort “Soldaten sind Mörder” und versteigt sich zu der Pointe, Mörder hätten wenigstens ein Motiv. In Zeiten, wo das Völkerrecht nicht mehr zählt, muss man den Pazifismus neu bewerten. Alte, liebgewonnene Gewissheiten gelten nicht mehr. Plötzlich ging die Falltür doch noch auf. Das Publikum klatscht begeistert. Draußen in der Nacht dreht sich die Welt bar jeder Vernunft weiter. 77 % der Deutschen empfinden die aktuelle weltpolitische Lage als bedrohlich, meldet der aktuelle ARD-DeutschlandTrend.









