Die Siebengescheiten

Ein Menetekel nicht nur für Frankfurt: Das Grandhotel „Hessischer Hof“ und „Jimmys Bar“ müssen dichtmachen. © Anja Weigand-Döring

Die Langeweile hat bereits am ersten Spieltag begonnen. Der FC Bayern München fegte Schalke 04 mit 8 : 0 vom Platz; das Ergebnis hätte sogar leicht zweistellig ausfallen können. Interessant in der Bundesliga ist nur noch, wer absteigen muss, und da sind die Schalker, die durch Landesbürgschaft von NRW vor der Pleite gerettet wurden, allererste Wahl. Zuschauer waren in München, wo man/frau derzeit auch auf einigen öffentlichen Plätzen Masken tragen muss, nicht zugelassen. Die Großkopferten des Vereins verfolgten bräsig allein das Spiel – ohne Masken, obwohl man direkt nebeneinander saß. Gelegentlich ist immer noch von der Vorbildfunktion des Sports die Rede, aber das scheint nicht für die Führung der Bayern zu gelten. Peinlich!

Nicht weniger peinlich und ohne jeden Instinkt ist das schamlose Taktieren von ver.di. Sage & schreibe 4,8% mehr Lohn fordert die Gewerkschaft in einer Zeit, da die Krise immer konkreter zu spüren ist. Die Lufthansa will dauerhaft 150 Maschinen am Boden lassen, aus der Automobilindustrie sind bedrohliche Meldungen zu vernehmen, der Zulieferer Conti schließt ganze (rentable) Werke, kurzum viele Menschen bangen um Job & Zukunft. Niemand macht den vielbeschworenen Helden*innen des Frühjahrs, die etwa in Kitas, Krankenhäusern und Pflegeheimen schuften, eine Gehaltserhöhung streitig, aber im Öffentlichen Dienst arbeiten fast fünf Millionen Menschen, oft sehr kommod und kündigungssicher. Durch Warnstreiks die Gesellschaft ohne eigenes Risiko in Geiselhaft zu nehmen, ist in Corona-Zeiten besonders perfide, aber das ficht den selbstgerechten ver.di-Boss Frank Wernecke nicht an.

Vielleicht ist er ja schon einmal im „Hessischen Hof“ abgestiegen, als er in Frankfurt war. Das Grandhotel mit langer Tradition und in bester Lage unmittelbar an der Messe muss schließen. Wie ein Menetekel liest sich diese Meldung – wer braucht noch Hotels, wenn Touristen und Messebesucher ausbleiben. Diese Gäste sind ein bedeutender Wirtschaftsfaktor in einer Stadt wie Frankfurt: sie besuchen natürlich auch Restaurants, kaufen ein und gehen in Konzerte. Bereits jetzt klagen viele Geschäfte & Lokale in der Innenstadt über spürbar weniger Frequenz, bereits jetzt mussten viele kleine Shops schließen. Die Folgen der Pandemie sind immer deutlicher zu spüren und werden sich in den Wintermonaten noch verstärken. Die Warnstreiks von ver.di deuten eine bedenkliche Entsolidarisierung der Gesellschaft an. Die Zukunft des „Corona-Wunderlands“ (Die Welt) Deutschland steht auf dem Spiel.

Gewinner

Eine Ausstellung der Boros Foundation mit ganz aktueller Kunst findet ab September im Berghain statt, dem berühmtesten Club der Welt. © Karl Grünkopf

Das Berghain in Berlin ist ein Gesamtkunstwerk und gilt als der bekannteste Club der Welt. Natürlich bleibt auch diese Location in Zeiten der Pandemie für Party-People geschlossen, aber womöglich entwickelt sich aus einem Kunst-Projekt ein ganz neues Geschäftsmodell. Derzeit zeigt die Boros Foundation in dem alten Heizkraftwerk ganz aktuelle Kunst von Künstler*innen, die in der Hauptstadt leben und arbeiten. Die ersten Tix gehen weg wie warme Semmeln und wir sind froh, überhaupt noch einen Slot zu bekommen. Wann kommt ein „normaler“ Mensch schon ins Berghain? Der riesige Bunker mit seinen verschlungenen Treppen & Räumen und den Hinweisen auf seine einstige Funktion in der DDR fasziniert auch ohne Kunst. Womöglich wird der Club nach der Pandemie tagsüber als Baudenkmal öffnen, ehe nachts dann die Parties abgehen. Für Unmut in der Berliner Kunstszene sorgte die finanzielle Unterstützung dieses Projekts durch den Senat, der schlappe 250.000 Euro springen ließ.

Gewinnen möchte jede*r, und das Ritual nach Wahlen ist sattsam bekannt. Die Kommunalwahl in NRW am letzten Wochenende haben Die Grünen gewonnen, aber auch der Kandidat für den CDU-Vorsitz Armin Laschet erklärte sich rasch zum Sieger, obwohl seine Partei 3,2% im Vergleich zur letzten Wahl verlor. Dass sich auch die SPD durch ihren Ko-Vorsitzenden Nobert Walter-Borjans zum Gewinner (minus 7,1%) erklärte, grenzt an Realitätsverleugnung oder ist pure Verzweiflung. Einst holten die Genossen in Nordrhein-Westfalen satte Mehrheiten; heute freuen sie sich über 24,3% – eine Verbesserung im Vergleich zu den Europawahlen. Vom Kandidaten-Wumms eines Olaf Scholz – derzeit der beliebteste SPD-Politiker – war an Rhein und Ruhr gar nichts zu spüren.

Zumindest Zeit gewonnen hat die Stadt Frankfurt: auf der Zeil soll Karstadt erst Ende 2024 endgültig dicht gemacht werden (mehr dazu im Blog „Tote Stadt“ vom 14.08.20). Sollte es allerdings stimmen, dass der Eigentümer Signa dafür am Opernplatz höher bauen darf, macht die Stadt ein ganz schlechtes Geschäft. Das Hochhaus wird stehen, und die Probleme auf der Zeil bleiben. Eine Reurbanisierung dieser öden Einkaufsmeile durch die Städtischen Bühnen, wie es jetzt allenthalben angeregt wird, wäre eine echte Chance für Frankfurt. Markus Fein, der neue Intendant der Alten Oper für Frankfurt – so nennt sich das Konzerthaus neuerdings – ist jedenfalls voller Optimismus: „Ich glaube, der Gewinner der Krise wird nicht das Internet sein mit seinen digitalen Ersatzangeboten, sondern das Live-Konzert.“ Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Back to Live

Furioses Finale einer erfolgreichen Tour: viel Beifall für die Junge Deutsche Philharmonie in der Kulturkirche St. Elisabeth. © Gitti Grünkopf

Was für eine Begeisterung & Erleichterung am Ende einer kurzen Tour! Alles war gut gegangen auf der Reise durch Deutschland, und die Junge Deutsche Philharmonie aus Frankfurt spielt ein furioses Finale in der Kulturkirche St. Elisabeth in Berlin Mitte. Anfangs ist freilich keine Musik zu hören – das „Zukunftsorchester“ nähert sich der 7. Sinfonie von Ludwig van Beethoven nicht musikalisch. Wir erleben eine „Sinfonie der Stille“ und bekommen sogar Ohrstöpsel, um uns ganz auf Action Painting, Physical Theatre und Videos einzulassen. Spannend & unerhört. Nach der Stille geht das Orchester unter dem englischen Dirigenten Joolz Game furios zur Sache. Schneller haben wir die Siebte noch nie gehört, und besonders im Allegretto fehlen die abgründigen Nuancen. Lang anhaltender Applaus für die Musiker*innen, die das Werk auswändig und stehend gespielt haben.

Back to Live. Explizit unter diesem Fanal stand das Konzert von Helge Schneider tags zuvor. Der Veranstalter machte alles richtig: strikte Kontrollen am Eingang inkl. Scanner, Masken-Pflicht auf dem Weg zu den durchnummerierten Plätzen, kein Alkohol auf dem Gelände, nur 25% der 22.000 Plätze der Berliner Waldbühne durfen verkauft werden. So viele bekommt der Entertainer mit den dadaistisch-skurrilen Ansagen, der mit dem Gitarristen Henrik Freischlader und seinem 10-jährigen Sohn Charles am Schlagzeug unterwegs ist, aber nicht voll. Die Stimmung ist gut, aber nicht ausgelassen; das liegt sicherlich zum guten Teil an der zu großen Freilichtbühne. Der Weg zur Normalität ist noch weit, und die Veranstalter beklagen immer wieder zu Recht, dass die Politik ihnen keine Perspektiven aufzeigt und sie mit Desinteresse straft.

Am Mittwoch gab es in Berlin eine Großdemo der Veranstaltungsbranche; eigenen Angaben zu Folge macht sie 130 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr, ist damit der sechstgrößte Player im Markt und hat rund 1 Million Menschen in Lohn und Brot. Während die TUI schon wieder ein Milliardendarlehen vom Staat bekommen hat, stehen die Veranstalter mit leeren Händen da – und weiterhin ohne Zukunftsperspektive, was noch viel bitterer ist. Um so hoffnungsfroher stimmt, dass der Frankfurter Jazzkeller wieder für 34 Gäste geöffnet hat. Der ewig optimistische Inhaber Eugen Hahn hat in ein Luftfiltergerät und Schutzwände aus Plexiglas investiert; der Laden war voll am letzten Wochenende. Das Frankfurter Schauspiel eröffnet heute Abend die neue Spielzeit: sinnigerweise steht „Wie es euch gefällt“ von Shakespeare auf dem Programm. 160 der insgesamt 700 Plätze dürfen derzeit besetzt werden. In NRW wären es mit der Schachbrett-Belegung 350. Dort wird am Sonntag gewählt; eigentlich nur Kommunalwahlen, aber es werden die ersten Corona-Wahlen sein.

Schach der Pandemie

Ein glanzvoller Auftakt in eine ungewisse Saison: die Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko müssen vor dreiviertel leeren Rängen spielen. © Rolf Hiller

Endlich dürfen sie wieder spielen, aber alles ist anders in Zeiten der Pandemie. Wir können erst eine halbe Stunde vor dem Konzert in die Berliner Philharmonie und werden mit einem neuen Farbleitsystem zu unserem Block geführt. Bevor wir an unsere Plätze gebracht werden, bekommen wir noch ein Blatt zur Angabe unserer Personalien; selbstverständlich sind alle maskiert. Erst wenn die Musiker*innen die Bühne betreten haben, darf das Publikum die Masken ablegen. Es gibt keine Pause und keinen gastronomischen Service. Und wir haben Platz: nur ein Viertel der 2.250 Plätze darf belegt werden.

Dann endlich beginnt das langersehnte Konzert. Die Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko eröffnen diese ganz besondere Saison mit „Verklärte Nacht“ von Arnold Schönberg in der Fassung für Streichorchester. Im Anschluss dann gleich Johannes Brahms‘ 4. Symphonie. Selten haben wir so ein konzentriertes Publikum erlebt – kein Mucks ist zu hören, wie gebannt verfolgen wir die traumschöne, vielschichtig nuancierte Musik, die man wahrer nicht spielen. Am Ende kommt noch einmal der Dirigent allein auf die Bühne; Krill Petrenko wirkt sichtlich gelöst und verbeugt sich nach allen Seiten. Ein verheißungsvoller Auftakt, der indes nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass Konzerte mit so wenig zugelassenem Publikum sich nie & nimmer rechnen. Die Verluste wären kleiner, wenn die Gäste im Abstand von einem Meter in der sog. Schachbrettplatzierung sitzen dürfen. Das ist in Nordrhein-Westfalen erlaubt und wurde soeben mit Bravour bei den Salzburger Festspielen erprobt.

Wir werden mit dieser Pandemie leben müssen, und wir lernen jeden Tag dazu. Vor zwei Tagen zitierte „Bild“ den Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bei einem Auftritt in Bocholt mit den Worten: „Man würde mit dem Wissen von heute, das kann ich ihnen sagen, keine Friseure mehr schließen und keinen Einzelhandel mehr schließen. Das wird nicht noch einmal passieren.“ Es bleibt zu hoffen, dass die Hygiene- und Sicherheitskonzepte der Veranstalter von der Politik endlich anerkannt & unterstützt werden. Jede Bahnfahrt ist riskanter als jeder Besuch eines gesetzten Konzerts oder Theaterstücks! Derzeit erhitzt die Gemüter aber mehr ein anderes Thema: die Vergiftung des russischen Regimekritikers Nawalny. Zar Wladimir gilt übrigens als exzellenter Schachspieler. Warum hat er einer Verlegung von Alexei Nawalny nach Deutschland zugestimmt? Eine bewusste Provokation? Oder kannte Putin nicht die Details? Beunruhigend ist das allemal.

Bahn statt Bühne

image0
So ist’s recht. „Menschen und Gepäck“ heißt das Werk von Gerald Matzner im Skulpturengarten AVK. © Rolf Hiller

Anruf am Montag um 19h vom Chef von Shooter Promotions; er müsse eine schlechte Nachricht überbringen. Die Stadt Hanau habe die Corona-Maßnahmen verschärft: statt 250 Besucher*innen sind stante pede nur noch 100 (!) im Amphitheater zugelassen. Alle geplanten Konzerte müssen deshalb abgesagt werden. Normalerweise passen 1.400 Gäste sitzend unter das Zeltdach der Location, die aber nach den Seiten offen ist. Ursprünglich waren die von FRIZZ Das Magazin seit Jahren präsentierten Konzerte untersagt worden. Dann die überraschende Wende im Juli – die sog. Open-Air-Clubkonzerte dürften nun doch unter strengen Auflagen stattfinden. Pustekuchen. Das mit großem Engagement in kürzester Frist entwickelte Konzept wurde kurzerhand wieder kassiert. Wie man als Veranstalter in Corona-Zeiten überhaupt noch arbeiten & überleben soll, scheint die Politik überhaupt nicht zu interessieren. Gleichzeitig sind in Berlin noch Familienfeiern drinnen mit bis zu 500 (!) Gästen erlaubt.

Da kommt Freude auf, denn die Maßnahmen sind oft nicht mehr nachzuvollziehen und wechseln nach Lust & Laune, wie’s scheint, von Bundesland zu Bundesland. Nun soll hier keinem „Einheitsbrei“ (FAZ) das Wort geredet werden, aber eine „Corona-Kakophonie“ (Der Tagesspiegel) ist erst recht nicht zielführend (Testpflicht bei Reiserückkehrern aus Risikogebieten). Als Kunde der Deutschen Bahn kann man über die Absage in Hanau nur ungläubig den Kopf schütteln. Neulich war ich von Köln nach Berlin unterwegs. Nach Wolfsburg zuckelte der ICE wie eine Schneckenpost durch die Lande und mir schwante nichts Gutes. Plötzlich bleiben wir auf freier Strecke stehen, alles muss heruntergefahren werden, natürlich auch die Klima-Anlage. Dann geht’s gemächlich weiter bis Stendal, wo die Passagiere des defekten Zugteils in den anderen „evakuiert“ (O-Ton) werden müssen. Abstandsregeln gelten ohnehin nicht bei der Deutschen Bahn, die nicht einmal ihre eigenen Fahrgäste personalisieren kann. Der Schaffner ermahnt uns aber beim Ausstieg im Berliner Hauptbahnhof, den wir mit über zwei Stunden Verspätung erreichen, die Abstandsregeln einzuhalten. Der Bursche hat Humor.

Es wird eben mit zweierlei Maß gemessen – als DB-Kunde wird mir selbstverständlich ein höheres C-Risiko zugemutet als im Theater, Kino oder Konzertsaal. Gestern bei der Runde der Ministerpräsidenten mit der Kanzlerin ging die Kakophonie munter weiter, da der Herbst Einzug hält in Deutschland – und naturgemäß das Infektionsrisiko steigt, nicht bloß für Corona übrigens. Zumindest konnte man sich bei Nichteinhaltung der Maskenpflicht auf eine einheitliche Regelung verständigen. Einen Fuffi kostet es ohne, allerdings nicht in Sachsen-Anhalt. „Weil jemand ohne Maske bei uns gar nicht mitfahren darf, brauchen wir auch kein Bußgeld“, verkündet Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU). Noch Fragen?

Tests for Music

0FF8D0EA-B46C-4619-A64E-615B57F466A4
Endlich dürfen sie wieder konzertieren: die Künstlerische Leiterin von Krzyżowa Music Viviane Hagner (Violine), Pablo Barragán (Klarinette), Anna Maria Wünsch (Viola) und Alexey Stadtler (Violoncello) spielen eines der letzten Werke von Penderecki. © Karl Grünkopf

Positiv gestimmt & negativ getestet machen wir uns auf den Weg nach Krzyżowa. Dass dieses bemerkenswerte Kammermusik-Festival im früheren Kreisau heuer überhaupt stattfinden kann, grenzt an ein Wunder. Alle Gäste aus dem Ausland haben vorher einen Corona-Test gemacht; das gleiche gilt für die Künstler & Techniker. Per Kurier werden unsere Proben am Montag nach Hamburg gebracht; am Mittwoch um 7.32h haben wir eine Mail von Centogene im Postfach. Gespannt im Netz das Ergebnis aufgerufen – wir dürfen fahren. Was so einfach klingt, ist mit hohem logistischen & kommunikativen Aufwand verbunden. Immer wieder tauchen Fragen auf, die zum guten Teil vom General Director von Krzyżowa Music, Matthias von Hülsen, persönlich zu klären sind.

Das Eröffnungskonzert findet in diesem Jahr auf der großen Wiese vor dem Schloss in Krzyżowa statt. Eigens wurde eine Bühne aufgebaut, und die Tontechniker haben ganze Arbeit geleistet: der Sound ist hervorragend. Das Publikum wird in zwei Gruppen geteilt –  die Getesteten und die Maskierten. Wir bekommen ein Testbändchen und suchen uns einen Platz; alle Stühle sind im Abstand von einem Meter gestellt. Ein herrlicher Sommerabend, die Vögel zwitschern, und die Spannung konzentriert sich jetzt ganz auf die Musik. Auf die wunderbare Cello-Sonate von Beethoven (op. 102) folgt ein zartes Klarinetten-Quartett des polnischen Komponisten Krzysztof Penderecki (1933 – 2020), eines seiner letzten Werke von 1993, das ganz behutsam mit dem letzten Satz „Abschied“ schließt.

Mit Brahms endet der erste Abend, und wir werden Reihe für Reihe zum Büffet geleitet – bunte Fähnchen trennen die beiden Gruppen. Alles ist nach Plan verlaufen, die Musiker*innen, die zum Teil das erste Mal seit März wieder vor Publikum gespielt haben, wirken wie befreit – allenthalben ist Erleichterung zu spüren. Aber unsere Gedanken & Gespräche kreisen auch schon wieder um die Pandemie, denn morgen steht der nächste Testlauf an. Im Gästehaus an der berühmten Friedenskirche von Świdnica, wo wir wieder untergekommen sind, teile ich noch Mundspatel aus, die ich in der Apotheke besorgt hatte. Wenn wir das nächste Test-Ergebnis von Centogene – übrigens ein ganz wichtiger Partner des Festivals – bekommen, sind wir vielleicht schon wieder in Deutschland. Mit positiven Erinnerungen an eine denkwürdige Reise zur sechsten Auflage von Krzyżowa Music.

Tote Stadt

 

IMG_9365
Krise in der Frankfurter City: neben Karstadt müssen auch andere Häuser schließen. © Rolf Hiller

Zum letzten Mal fahre ich in das Parkhaus von Karstadt. Das riesige Kaufhaus mit 38.000 qm Verkaufsfläche mitten auf der Zeil in der Frankfurter Innenstadt wird geschlossen. Der Ausverkauf läuft, doch der Andrang der Kund*innen hält sich in Grenzen – deprimierende Endzeitstimmung. Im Shopping-Center „My Zeil“ – ein paar Meter von Karstadt entfernt – stehen die Ladenflächen von AppelrathCüpper wohl zur Disposition; der Modehändler durchläuft gerade ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung. Beschlossene Sache ist dagegen das Ende von Esprit – das Modehaus macht seine vier Etagen auf der Zeil dicht. Doch damit nicht genug: Karstadt Sports an der Hauptwache macht auch zu, das Café Hauptwache in bester Citylage ist pleite. Ins traurige Bild passt, dass der Club Gibson auf der Zeil und die E-Kinos an der Hauptwache wegen Corona derzeit geschlossen sind.

Die Gründe für die Krise des Einzelhandels, die sich so dramatisch auf der umsatzstärksten Einkaufsstraße Deutschlands mit der höchsten Besucherfrequenz ausdrückt, sind bekannt. Gegen den Onlinehandel kommen die Dickschiffe nicht mehr an, es fehlen (nicht nur) in der Frankfurter Innenstadt (chinesische) Touristen, Messegäste und natürlich die Leute, die nicht mehr in den Büros in der City, sondern zu Hause arbeiten. Was ist zu tun? Den Optimismus von sog. Projektentwicklern teile ich nicht; die Experten empfehlen eine Mischung aus Wohnnutzung und kleineren Ladenkonzepten. Jede Krise ist eine Chance. Dieses Wort wird in der Pandemie gerne bemüht, und vielleicht bietet der kommerzielle Kahlschlag auf der Zeil eine unverhoffte Möglichkeit, das Zentrum in Frankfurt zu urbanisieren. Bekanntlich lassen sich Oper & Schauspiel nicht mehr sanieren – die Häuser müssen abgerissen und neu gebaut werden. Warum nicht auf der Zeil? Warum nicht ein architektonisch markantes Zeil-Theater für die beiden Sparten als Symbol für die Wiederbelebung der Innenstädte durch Kultur und für Menschen?

Der Ticket-Automat in der ersten Ebene des Parkhauses ist kaputt, und ich muss weiter hinauf. Im dritten Stock klappt es. Weder dort noch in der vierten oder fünften Etage parkt ein Auto! Keine Kunden nirgends. Ich denke an die Freunde von der SPD. Die Parteivorsitzende Saskia Esken bringt ein Linksbündnis ins Gespräch. Tags darauf präsentiert „die alte Tante“ Olaf Scholz als Kanzlerkandidaten; der Bundesfinanzminister wird dem rechten Flügel zugerechnet, macht derzeit einen guten Job und ist der beliebteste Politiker seiner Partei. Den Projektentwicklern der deutschen Sozialdemokratie ist indes schon lange das politische Gespür abhandengekommen. Wozu braucht diese 15%-Partei jetzt überhaupt schon einen Kanzlerkandidaten?

 

Dauerwelle

IMG_4418
Der berühmte Garten von Ada und Emil Nolde; das Wohn- und Atelierhaus wird renoviert. © Gitti Grünkopf

Ohne Anmeldung geht nichts in dieser Zeit. Also schreiben wir eine Mail nach Seebüll. Keine Stunde später ist die Antwort der Nolde Stiftung im Posteingang – wir können einfach kommen, es gebe nur kurze Wartezeiten. Möchte man/frau die wunderbaren Bilder von Emil Nolde nicht mehr so gerne sehen oder schreckt die Renovierung des Wohn- und Atelierhauses derzeit ab. Mit Tischtennisbällen kontrolliert das freundliche Personal, wie viele Personen sich gerade im Gebäude oder im berühmten Garten befinden. Leider hängen die Werke im Besucherforum schlecht; die Beleuchtung lässt auch sehr zu wünschen übrig. Erstaunlich, dass sich zu der Sanierung kein Hinweis auf der Homepage findet. Dennoch lohnt ein Blick auf das Werk dieses verschlossenen Mannes, der von seiner Kunst nicht weniger überzeugt war als von Adolf Hitler und sich nach dem Ende der Diktatur als Opfer stilisierte.

Weniger diszipliniert geht es derzeit bei Demos und im öffentlichen Verkehr zu. Warum es in Deutschland erschreckende Bilder von Corona-Verweigerern jedweder Couleur gibt, nicht aber in Frankreich, Spanien oder Italien, irritiert. Nicht weniger verwundert, warum das Versammlungsrecht nicht mit strikten Auflagen versehen & durchgesetzt wird. Jeder Spinner sollte hierzulande für seine Sache demonstrieren können – aber doch bitte mit Maske. Inzwischen werden Maskenverweigerer im ÖPNV (in einigen Bundesländern) nicht mehr nur ermahnt, sondern für ihr asoziales Tun sofort bestraft, sofern es genug Kontrollen gibt. Ich habe jedenfalls nicht die Courage, latent aggressive Maskenmuffel des sog. starken Geschlechts zur Rechenschaft zu ziehen; schon vor der Pandemie waren die U-Bahnen und Bahnsteige unter Tage nicht dazu angetan, auf zivile Regeln des Umgangs hinzuweisen. Leider!

Die Dauerwelle – diese treffende Formulierung hat der Bonner Virologe Hendrick Streeck geprägt –  wird unser Leben nachhaltig verändern und uns der WHO zu Folge noch Jahrzehnte beschäftigen. So sehen es erstaunlich viele in New York, das sich doch angeblich immer neu erfindet und wo jede*r sein Glück machen kann. „Zwischen März und Mai 2020 verließen 420.000 Menschen die Stadt, das sind 5 Prozent ihrer Bevölkerung“, schrieb Frauke Steffens in der FAZ (04.08.20). Auch „California Dreamin'“ bietet keine Hoffnung, wie mir ein Freund gestern aus Los Angeles schrieb: „Museen, Galerien, Kinos, Büchereien, Restaurants etc. sind in LA immer noch zu. Dafür darf man endlich wieder ohne Bestrafung an den Strand gehen. Welch eine Gnade.“ Aus Amerika war von Demos gegen die Coronamaßnahmen bis dato nichts zu hören. Incredible!

Kontrolle ist besser

DBA91340-D97D-43C8-B2C3-A5A294ACB81A
Wo Nordsee und Wattenmeer in Sylt aufeinander treffen: nördlicher geht‘s nicht in Deutschland. © Karl Grünkopf

Die Zahlen steigen. Die Urlaubszeit hat begonnen; Überdruss & Übermut steigen gleichermaßen. Wenn das so weitergeht, wird sich eine zweite Welle der Corona-Pandemie nicht mehr verhindern lassen. Die Nachrichten aus Amerika und Brasilien sind zudem höchst beunruhigend. Freilich hat es noch nie geholfen, bloß an die Vernunft zu appellieren. Wer sich nicht an die weiter geltenden AHA-Regeln (Abstand, Händewaschen, Alltagsmaske) hält, muss mit Sanktionen rechnen. Verscheuchten im März noch Ordnungshüter Spaziergänger*innen von Bänken in den Parks, gibt es mittlerweile so gut wie keine Kontrollen mehr. Insbesondere in den U- und S-Bahnen, in Straßenbahnen und Bussen müsste viel mehr kontrolliert und sanktioniert werden. Der Tagesspiegel brachte es auf den Punkt: „Eine Verordnung ohne Sanktion ist so wirkungslos wie eine Sanktion ohne Kontrolle.“ (15.07.2020)

Gute Freunde haben uns einige Tage auf eine Insel eingeladen, die noch immer polarisiert: die einen schwärmen von Sylt, für die anderen ist die „Insel der Reichen und Schönen“ eine No-Go-Area. Alle Vorurteile sind richtig, wenn man die teuren, vorzugsweise dunklen Karossen sieht, die edlen Shops in Kampen oder Keitum, die coolen und gut betuchten Menschen in den Strandbars an der Westküste. Alle Vorurteile sind falsch, wenn man  nach Morsum ganz in den Osten der Insel kommt. Dort hören wir nur den Wind, die Gänse, Möwen und Schafe. Dann und wann landet ein Flugzeug und bringt uns in die Jetztzeit zurück: das andere Sylt ist im Anflug. Da ich diese Zeilen schreibe, schaue ich auf Wiesen und sehe Kaninchen und Rehe – unendlich weit weg von Westerland mit dem monströsen Kurzentrum aus den 60er Jahren (das höchste der drei Hochhäuser hat 13 Stockwerke) und dem Gedränge in der Fußgängerzone, wo die Touris abends geduldig vor den Restaurants mit Masken Schlange stehen und ihre Personalien hinterlassen müssen. Gut so!

Von Krise ist (noch) nichts zu spüren auf der Insel der Gegensätze. Das „Seepferdchen“ am traumhaften Samoa-Strand ist bis Ende August ausgebucht; den letzten Slot der Sauna dort haben wir sofort gebucht. Business as usual, aber das Bruttoinlandsprodukt ist im 2. Quartal um 10,1 Prozent gesunken, die Krise, die größte Rezession der Bundesrepublik Deutschland ist längst da. Die Pleite des digitalen Vorzeige-Unternehmens Wirecard (es ist immer noch im DAX gelistet) ist nicht weniger irritierend. Der Finanzkonzern, der sein Geld u.a. mit der Abwicklung von Sex- und Glücksspielen machte, besteht aus 56 Companies. Warum davon nur eine geprüft wurde, verstehe, wer will. „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“ Da hat Lenin einmal recht gehabt.

Dance or Die

IMG_9266
„Dirty Dancing“ als Kino-Erlebnis der ganz besonderen Art. © Rolf Hiller

Heute vor 10 Jahren endete die Love Parade in Duisburg in einer furchtbaren Katastrophe. Am Eingang kam es zu einem Gedränge, es entstand Panik in der Masse und 21 Menschen mussten sterben. Die Journalistin Jessica Westen war damals bei der Veranstaltung, hat den Prozess beobachtet, der in diesem Jahr wegen Verjährung (!) eingestellt wurde und mit Opfern und Angehörigen gesprochen.  Ihre Erlebnisse & Erfahrungen hat sie fiktionalisiert und in einem Roman aufgehoben. „Dance or Die“ ist im Emons Verlag erschienen, wurde heute medial sehr beachtet und hat bei einem sog. Versandhändler 23 Höchstbewertungen erhalten. Zitiert wurde in der Kulturpresseschau  in hr2 der Richter mit den Worten, es sei eine „Katastrophe ohne Bösewicht“ gewesen. Da hat er sicher recht. Dass aber niemand für diese Katastrophe zur Verantwortung gezogen werden konnte, ist ein ungeheuerlicher Skandal!

Dem aktuellen ARD-Deutschland-Trend zufolge sind 80% der Bürger*innen mit den derzeit geltenden Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie einverstanden. 20% scheinen um so mehr gefrustet zu sein und bilden ein Potenzial, das bereit ist zur Randale.  Am letzten Wochenende eskalierte die Situation auf dem Frankfurter Opernplatz. Polizisten wollten nach einer Schlägerei helfen – und wurden angegriffen. Alkohol, Frust und Testosteron wirken unheilvoll zusammen; es genügt ein Funke, und das Unheil nimmt seinen Lauf. Diese diffuse Wut bekommen diejenigen ab, die unseren Staat repräsentieren: allen voran die Polizei, aber es gab & gibt ja auch immer wieder verstörende Angriffe auf Rettungsfahrzeuge und Feuerwehren. Der Kit unserer Gesellschaft beginnt zu bröckeln, obwohl (oder weil?) Deutschland bis jetzt so gut durch die C-Krise gekommen ist.

Aber es gibt keine Alternative. Wir müssen lernen mit diesem Virus zu leben – womöglich sogar noch längere Zeit. Noch vor einem Jahr gingen wir ins Freibad, wenn wir Lust hatten; heute müssen wir ein Zeitfenster buchen. Wir schauten uns Filme im Kino an und mussten keine Mücken vertreiben. Trotzdem war es klasse im Autokino: angenehmes Wetter, ein gut gelauntes Team und ein perfekter Service inkl. Frontscheiben-Reinigung. Nicht schöner hätten wir uns unseren ersten Besuch in einem Autokino vorstellen können. Zur Prime Time steht nur „Dirty Dancing“ auf dem Programm. Uns gefällt sogar diese Schmonzette, und wir kommen gerne wieder zu einem Kino-Erlebnis der ganz besonderen Art.