Kaufen & Verkaufen

Warten vor dem Testzentrum. © Rolf Hiller

Nichts ist einfach in Zeiten der Pandemie; das gilt natürlich auch fürs Shoppen. Dabei wollte ich keinen ausgedehnten Bummel durch Geschäfte machen, sondern lediglich eine Sitzprobe. Nach fünfzehn Jahren sind die Lager meines Hometrainers, den ich zuletzt täglich genutzt habe, ausgeschlagen. Irgendeinen Murks hätte ich mir mit ein paar Clicks bestellen können, aber ich hatte mir ein ganz bestimmtes Modell ausgeguckt – und wollte zumindest einmal Probe sitzen. Auf zum Testzentrum umme Ecke, ohne Termin eine dreiviertel Stunde angestanden. Mit dem (negativen) Ergebnis am nächsten Morgen zum Laden auf den Ku’damm und vorher noch die Luca-App installiert. An einem kühlen Sonnabend war ich um die Mittagsstunde der einzige Kunde. Bevor ich reindurfte, musste ich meine Daten auf der App vervollständigen. Dann kann ich mich endlich auf den Hometrainer meiner Wahl setzen. Insgesamt bin ich gerade einmal zehn Minuten im Laden und kann den Ergometer doch erst zu Hause bestellen. So macht Shopping noch weniger Spaß als sonst.

Was sind solche Probleme gegen die der Christlich Demokratischen Union Deutschlands, die sich gerade selbst zerlegt und die Republik mit ihrer Kandidatensuche fürs Kanzleramt seit Wochen nervt. Dabei macht Angela Merkel überhaupt keine gute Figur. Nach Annegret Kramp-Karrenbauer hat sie zur besten Sendezeit nun auch den Vorsitzenden Armin Laschet demontiert. Der Söder Markus lacht sich derweil ins Fäustchen und lässt keine Gelegenheit aus, seinem „Freund“ Armin tüchtig einzuschenken. Die Umfragewerte scheinen für den bayrischen Ministerpräsidenten zu sprechen, der sich glänzend inszeniert und vor keinem PR-Gag zurückschreckt, und sei er noch so peinlich. Angela Merkel lud er zu einer Kutschfahrt ins Schloß Herrenchiemsee ein, und wenn’s passt, umarmt er schon mal Bäume und turtelt mit den Bienchen. Er gibt sich als Macher in der Pandemie, hat aber die Lage in Bayern nicht besser im Griff als Laschet in NRW.

Wäre Söder der bessere Kanzler, weil er sich besser verkauft? Zumindest kann er, der bis dato das historisch schlechteste Ergebnis für seine Partei eingefahren hat, von der Zustimmung seiner CSU-Ahnen bei einer Bundestagswahl nur träumen: Franz Josef Strauß erhielt 1980 für die CDU/CSU 44,5 Prozent der Stimmen, Edmund Stoiber holte 2002 immerhin noch 38,5% für die ungleichen Schwesterparteien. Beide Male reichte es nicht für einen CSU-Kanzler. Gewinnen Die Grünen dieses Amt im Herbst? Ihre Chancen stehen besser denn je, und ihr Spitzenpersonal agiert angenehm professionell und verkauft sich glänzend. Am Montag (19.04.) teilen sie ihre Entscheidung mit, wer ihr*e Spitzenkandidat*in sein wird; abends zur besten Sendezeit um 20.15h ist der- oder diejenige dann live im Fernsehen. Nicht in der ersten oder zweiten Reihe sondern bei ProSieben. Damit haben Die Grünen einen echten PR-Coup gelandet. Das dürfte sogar dem Söder Markus imponieren.

Impflinge

Steckt Boris Johnson hinter diesem Präsent für die Impflinge? © Rolf Hiller

Die Autos stauen sich in einer langen Schlange. Wir sind nicht die einzigen, die sich im Schmuddelwetter auf den Weg zum Corona-Impfzentrum im Flughafen Tempelhof gemacht haben. Im Stau warten dauert mir zu lange. Ich gehe bei Wind & Wetter einen Kilometer über die alte Rollbahn und komme gerade noch rechtzeitig an. Dann geht alles ganz schnell: in einer Viertelstunde sind die Formalitäten erledigt, und ich habe meine erste Impfung mit AstraZeneca erhalten. Bis zu 3.000 Impflinge können sie in Tempelhof täglich durchschleusen, erzählt mir ein Bundeswehrsoldat beim Check-In, heute seien es aber nur 2.500. Organisiert ist der Ablauf mit deutscher Gründlichkeit und viel Personal, das freundlich immer wieder den Weg weist. Am Ende müssen die Impflinge noch eine Viertelstunde in einer Halle warten, dann sind wir durch. Am Ausgang bekommen wir zur Belohnung drei Osterhasen mit der britischen Flagge geschenkt. Was mag diese Geste bedeuten? schießt es mir durch den Kopf.

Die Tage nach der Impfung bin ich etwas schlapp, bekomme allerdings weder Fieber noch fürchterliche Kopfschmerzen; das hätte ich aber in Kauf genommen. Hauptsache geimpft. Zumindest in Berlin geht es in unserer Alterskohorte voran – allein in dieser Woche kennen wir noch ein halbes Dutzend Kandidat*innen. Wenn die Meldungen stimmen, dann kommt jetzt wirklich Zug in die Impfkampagne. Das neue Werk von BionTech in Marburg ist am Start, Johnson & Johnson soll bald liefern, weitere Vakzine stehen vor der Zulassung. Was mag den glücklosen Gesundheitsminister Jens Spahn bewogen haben, mit Russland das Gespräch über die Beschaffung von Sputnik V zu suchen. Der Söder Markus aus Bayern machte gar einen Vorvertrag über 2,5 Mio. Impfdosen; andere Bundesländer folgen. Dabei soll es dem Robert-Koch-Institut zufolge keine Zulassung dieses Vakzins speziell in Deutschland geben. Zar Wladimir Putin dürfte sich ins Fäustchen lachen. Wieder einmal hat er einen Keil in die EU getrieben, wieder einmal hat er die Sanktionen lächerlich gemacht, die wegen der „Behandlung“ des Oppositionellen Alexej Nawalny verhängt wurden.

Jede Politik ist auch Symbolpolitik und manchmal eine blanke Katastrophe. „Haben“, empört sich der Berliner Tagesspiegel heute, „Wladimir Putins Agenten Markus Söder, Jens Spahn und Harry Glawe, dem Wirtschaftsminister von Mecklenburg-Vorpommern, etwas ins Getränk gemischt? Sie fantasieren vom russischen Impfstoff Sputnik als Lösung der deutschen Corona-Probleme, wollen Vorverträge über Massenlieferungen abschließen und Steuergelder lockermachen – trotz größter Zweifel, ob das Vakzin jemals hier zugelassen wird.“ Glauben diese Politiker ernsthaft, dass sich jemand im Spätjahr mit Sputnik V impfen lassen wird – bei dem undurchsichtigen Gebaren der Lieferanten? Die Herren scheinen von allen guten Geistern verlassen und sich der Symbolik ihres Tuns nicht (mehr) bewusst. Das war sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan sehr wohl – und Ursula von der Leyen und Charles Michel tappten bei ihrem Besuch prompt in seine Falle. Die EU-Kommissionspräsidentin „musste“ sich auf das Sofa setzen, der EU-Ratspräsident nahm neben dem türkischen Sultan auf dem Sessel Platz. Eine Demütigung Ursula von der Leyens, aller Frauen und der EU. Beschämend!

Freiwillige gesucht!

Wer durchkommt bei der Hotline, kriegt zur Belohnung den Stoff. © Roland Steinmann auf Pixabay

Ein Mann will ganz nach oben und ist (deshalb) nie um einen kernigen Spruch verlegen. „Wer will und wer es sich quasi traut, der soll auch die Möglichkeit haben“, äußerte sich der Söder Markus, noch amtierender bayerischer Ministerpräsident, in München über das umstrittene Vakzin von AstraZeneca. Wir trauen uns und lassen am Gründonnerstag geduldig die lange Ansage der Senatsverwaltung für Gesundheit in Berlin über uns ergehen – nun sollen nur noch die Ü 60 mit AstraZeneca geimpft werden, wenn sie sich trauen. Endlich kommen wir wenigstens bis zur Warteschleife und fliegen dann doch nach 33 Minuten raus; es habe technische Probleme gegeben, heißt es abends in den Nachrichten beim Inforadio. Oder doch zu viele Freiwillige? Am Good Friday, wie der Karfreitag im angelsächsischen Sprachraum heißt, haben wir mehr Glück. Nach ewigem Gedudel meldet sich plötzlich ein Mensch in der Leitung und ratzfatz vereinbaren wir unsere beiden Termin nach Ostern und im Juni.

Nun bin ich nicht besonders ängstlich, aber es ist schon ein gutes Gefühl, meine nächsten Fahrten im ICE oder im ÖPNV als Impfling zu unternehmen: der Abstand in den Zügen oder U-Bahnen lässt sich doch oft nicht einhalten. Das zumindest steht fest, während ansonsten die Verunsicherung & Verärgerung bei den Menschen draußen im Lande weiter zunimmt, nicht bloß wegen Mallorca. Nach Click & Collect und Click & Meet gilt jetzt in der Hauptstadt ein neues Modell: Test & Meet. Nur mit einem aktuellen Schnelltest auf dem Handy dürfen die Leute noch ein Geschäft betreten, das nicht der unmittelbaren Versorgung von Mensch und Tier dient. „Unter Aufsicht“ sind übrigens auch Selbsttests erlaubt. Mit solchen Anreizen, wenn sie denn welche sind, hoffen auch die Ministerpräsidenten von NRW und Saarland mehr positive Fälle festzustellen.

Dafür wurde der CDU-Vorsitzende und amtierende Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen Armin Laschet von der Kanzlerin bei „Anne Will“ zur besten Sendezeit abgewatscht. Diese Schelte vor laufender Kamera wirft erneut die Frage nach den Führungsqualitäten von Angela Merkel auf; aus dem Mist von Helge Braun (Chef des Kanzleramts) stammt die Idee der sog. Osterruhe. Es spricht für den guten Menschen von Aachen, dass er sich bei „Markus Lanz“ im ZDF nicht zu Retourkutschen hinreißen ließ und sich ausdrücklich vor Angela Merkel stellte, die nach Einschätzung der Neuen Zürcher Zeitung „für die Unionsparteien längst zu einer Belastung im Wahlkampf geworden (ist)“ (NZZ, 25.03.21). Zwischen Ostern und Pfingsten, betonte Laschet noch einmal, fällt die Entscheidung, wer für die CDU als Kanzlerkandidat in den Wahlkampf zieht. So viel wissen wir aber schon jetzt: es gab noch nie einen Kanzler von der CSU. Glück Auf!

Stoff vom Killer

Russland kann nicht nur Gas liefern. © Анатолий Жуков auf Pixabay

Auf den letzten Drücker erreichen wir das Testzentrum, müssen aber trotzdem an diesem kalten Sonnabendvormittag noch eine Weile warten. Viele wollen beim NEUSTART KULTUR in Berlin dabei sein; getestet werden soll bei diesem Projekt, wie in Zeiten der Pandemie Veranstaltungen mit (!) Publikum möglich sind. Erste Voraussetzung ist ein tagesaktueller negativer C-Test, für den die Fans sich gerne anstellen, schließlich winkt als Belohnung ein echter Theaterabend. Was denn heute Abend gespielt wird? „Das ist doch vollkommen egal“, gibt eine junge Frau frohgemut zurück. Hauptsache mal wieder Schauspieler*innen des Berliner Ensembles auf der Bühne erleben. Vor dem Theater am Schiffbauerdamm werden die glücklichen Gäste in zwei Reihen geteilt: Parkett und Rang betreten auf getrennten Wegen das Haus; vorher werden Ticket, Personalausweis und das Testergebnis auf dem Smartphone gecheckt. Wir sitzen sicher mit Masken im Rang, enger als gedacht, und erleben die Autobiografie „Panikherz“ von Benjamin Stuckrad-Barre in einer vom Intendanten Oliver Reese eingerichteten Bühnenfassung. Ein richtiges Theaterstück wäre mir lieber gewesen. Sei’s drum. Das Publikum dankt am Ende mit langem Applaus.

So könnte Theater wieder funktionieren, wenn wir demnächst genug Impfstoff bekommen; Impflinge und Getestete würden in zwei Gruppen geteilt. Und im Sommer reicht vielleicht schon der Impfpass… Bis dahin brauchen wir die viel beschworene Geduld und Nachsicht mit dem politischen Personal. Immerhin hat die Kanzlerin die „Osterruhe“ gleich wieder kassiert und um Verzeihung gebeten; solche Worte konnten wir von ihrem Gesundheitsminister Jens Spahn bis dato nicht vernehmen. „So viel Demut an höchster Stelle im Staat ist selten“, kommentierte Hans-Jürgen Jacobs in seinem Handelsblatt Morning Briefing, „allerdings auch nicht so viel Versagen. Bei Helmut Schmidt, Helmut Kohl und Gerhard Schröder wäre eine Politik nach dem Motto ‚Irren ist menschlich‘ undenkbar gewesen.“ (25.03.21) Gefragt sind derzeit pragmatische Lösungen und eine Hemdsärmeligkeit, wie sie den Bürgermeistern von Rostock und Tübingen (Claus Ruhe Madsen und Boris Palmer) eigen ist. Dort werden Tests mit Privilegien (Kino, Theater, Einkaufen) verknüpft – und diese Angebote werden rege genutzt. Warum nicht auch den Impfstoff Sputnik V beim „Killer“ (Joe Biden) bestellen, „wenn er die Voraussetzungen erfüllt.“ (Bayerns Ministerpräsident Söder im ZDF).

Aber vielleicht möchte dieses Vakzin dann doch niemand haben. Eine Freundin erzählte, sie sei mit BionTech erst im Mai dran, eine Impfung mit AstraZeneca wäre indes sofort zu einem beliebigen Termin möglich. Laut Tagesspiegel liegen in Berlin inzwischen „100 000 Dosen AstraZeneca auf Halde“ (25.03.21). Auch hier sind rasch pragmatische Lösungen gefragt: Aufhebung der Impfprioritäten bei diesem Vakzin, Freiwilligenlisten, Spontan-Impfungen abends etc. Was würden wohl Madsen und Palmer machen? „Impfen, impfen, impfen“ (Angela Merkel). Am Wochenende werden in Deutschland die Uhren vorgestellt. Das sollte klappen, und bald ist wieder Somma. Endlich!

Lahme Enten

Mit Rückenwind noch schneller: der Citroen 2 CV, immer noch ein Hingucker. © Günther Schneider auf Pixabay

Glück gehabt! Morgen dürfen wir wieder einmal in ein richtiges Theater gehen, in eine analoge Aufführung mit Publikum. Im Berliner Ensemble wird „Panikherz“ von Benjamin Stuckrad-Barre gegeben. Wir freuen uns wie Bolle, hätten aber alles genommen und hatten beim Ticket-Roulette Glück. Denn frau*man kann nicht einfach eine Bestplatz-Buchung vornehmen, sondern muss sich aus dem Saalplan einen Sitz raussuchen. Wenn jemand anders schneller war – Pech gehabt. So gingen wir beim Test-Konzert der Philharmoniker leer aus und konnten erst beim zweiten Theater-Abend am Sonnabend zuschlagen. Einfach hingehen, ist natürlich nicht in C-Zeiten. Morgen früh müssen wir zum Schnelltest, und wenn der positiv ausfällt, beginnt das übliche Procedere: PCR-Test und Selbstisolation. Spannender war Theater noch nie vor einer Aufführung.

Auf der großen Bühne der Politik gibt es derzeit vor allem eine Verliererin: die Christlich Demokratische Union. Im aktuellen ARD DeutschlandTrend stürzt die CDU auf 29% ab; es scheint sich zu rächen, dass Personalentscheidungen zu spät oder falsch fallen. In Amerika ist die Amtszeit des Präsidenten auf maximal zwei Amtsperioden begrenzt; deswegen werden die Inhaber (bis jetzt waren es nur Männer) nach einer Wiederwahl auch als Lame Duck bezeichnet. Nun ist Angela Merkel natürlich keine Lahme Ente, aber sie stellt sich bekanntlich im Herbst nicht mehr zur Wiederwahl – und hinterlässt so ein Machtvakuum. Wäre sie – Gründe hätten sich finden lassen – vor zwei Jahren zurückgetreten, hätte sich ein*e Nachfolger*in längst eingearbeitet und könnte vom sog. Amtsbonus zehren.

Genau vor einem Jahr hielt die Kanzlerin ihre beeindruckende Fernsehansprache anlässlich der COVID-19-Pandemie; seither ist viel passiert und schief gelaufen für die Menschen draußen im Lande. Kommunikation und Krisenmanagement lassen inzwischen sehr zu wünschen übrig, wie die Neue Osnabrücker Zeitung bilanziert: „Dass man die Briten oder Russen beneidet, wer hätte das vor einem Jahr gedacht? Die einen impften zuletzt unerschrocken weiter, die anderen hatten als Erste überhaupt einen ganz anderen Impfstoff registriert. Die Abweichungen der Ergebnisse waren am Ende gering, aber über alle machte halb Deutschland sich lustig. Oder die Amerikaner und Israelis: Als die Behörden in Europa noch prüften und prüften, waren die Genehmigungen dort längst erteilt. Aber die Impfstoffe für die EU, die sollten ja unbedingt am sichersten sein. Nun zeigt sich: Sie sind es nicht. Zumindest nicht in dem Maße, wie das Volk es hatte glauben sollen. Die Reaktion kann man hysterisch finden oder die Vorsicht richtig, es ändert nichts am katastrophalen Gesamtbild.“ Trösten wir uns mit den Worten des Fußball-Philosophen Jürgen Wegmann: „Erst hatten wir kein Glück, und dann kam auch noch Pech dazu.“

Wer die Wahl hat

Hurra! Bei meiner Wahl (per Brief) zur Frankfurter Stadtverordnetenversammlung hatte ich 93 Stimmen, die ich munter panaschieren oder kumulieren konnte. Klingt komplizierter, als es ist. Ich kann meine Stimmen auf alle Kandidat*innen auch aus verschiedenen Parteien verteilen, dann panaschiere ich. „Das Anhäufen von zwei oder drei Stimmen auf eine Kandidatin oder einen Kandidaten nennt man ‚Kumulieren‘.“ (Wahlanleitung). Wer es einfacher haben möchte, kreuzt oben auf dem Riesenwahlzettel nur eine Partei an. Trotz der Möglichkeiten, eine Wahl stärker zu personalisieren, ist das Interesse an der Kommunalwahl in Hessen gering – 52% gingen 2016 nicht zur Wahl. Da wird die Mobilisierung in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg besser gelingen – die ersten Landtagswahlen im Superwahljahr 2021 gelten als wichtiger Stimmungstest. Insbesondere die CDU dürfte dem Ausgang der Wahlen am Sonntag mit Bangen entgegensehen. Diese Woche traten zwei Abgeordnete aus der Fraktion aus; sie hatten nicht dem Volk gedient, sondern mit Provisionen bei sog. Maskengeschäften kräftig abgesahnt. Noch vor den beiden Wahlen sollen sich alle CDU/CSU-Abgeordneten erklären.

Erstaunlicherweise ist von der Causa Spahn in diesem Zusammenhang (noch) nicht die Rede. Der alerte Gesundheitsminister mit einem jährlichen Einkommen von 285.000 Euro (Focus Online) besitzt mit seinem Ehemann eine „Millionenvilla“ in Berlin-Dahlem und eine Wohnung in Schöneberg, deren Wert auch im siebenstelligen Bereich liegen soll. Wie geht dem? Um unklare Geschäfte zu klären, gilt immer die Devise: folge der Spur des Geldes. Warum beendet Jens Spahn nicht alle Spekulationen um seine Immobiliengeschäfte und erklärt sich unter Wahrung der Privatsphäre – aber der Gesundheitsminister hat natürlich alle Hände voll mit seinem Amt zu tun. Während America First im Mai durch ist mit den Impfungen, klemmt es hierzulande an allen Ecken und Enden. Was Wunder, dass die Stimmung noch schlechter ist als die Lage, wie Beobachter aus dem Ausland mit Staunen konstatieren.

Dabei gibt es ungeachtet der steigenden Inzidenzen (Dritte Welle) doch Grund zur Hoffnung. Die Museen dürfen wieder öffnen, in Berlin waren die Karten für ein Test-Konzert der Philharmoniker für 1.000 Besucher*innen mit aktuellem Schnelltest binnen vier Minuten weg, das Berliner Ensemble bietet nächste Woche einen analogen Theaterabend („Panikherz“) unter den gleichen Voraussetzungen. Zum guten Schluss steht Luca vor dem Durchbruch. Die vom Start-up Nexenio entwickelte App kann man als digitales Kontakttagebuch bezeichnen mit Hin-und Rück-Kanälen zu den Gesundheitsämtern, und sie wird die anachronistische Zettelwirtschaft ersetzen, wenn die Außengastronomie wieder öffnen darf. Bei der Entwicklung hat Smudo von den Fantastischen Vier mitgewirkt, der in einem erfrischenden Interview in SWR 2 äußerte, jeder könne einen Beitrag zur Bekämpfung der Pandemie leisten. In Amerika wäre Smudo längst ein Nationalheld!

Müdigkeit in Zeiten der Pandemie

Erst wägen, dann wagen. Im Film „Ich bin Dein Mensch“ kann eine Wissenschaftlerin (Maren Eggert) dem humanoiden Roboter Tom auf Dauer nicht widerstehen; für Ihre Rolle erhielt die Schauspielerin einen Silbernen Bären. © letterbox Filmproduktion

Überraschung! Per Zufall stoße ich in der Zeitung auf den Hinweis, dass die legendäre Corona-Warn-App nun auch auf älteren I-Phones läuft. Meines ist schon zehn Jahre alt und funktioniert noch tadellos; nur einmal habe ich die Batterie wechseln lassen. Rasch ist die App heruntergeladen, und nun nutze ich sie und schaue mir die aktuellen Zahlen an, die aber auch dauernd im Radio durchgegeben werden. Niemand hört mehr genau hin, die meisten haben die App schon fast vergessen. Heute meldet sie immerhin 1.280 „Warnende Personen“; meine letzten Einkäufe waren aber ungefährlich, obwohl in den Supermärkten die Abstandsregeln notorisch verletzt werden. Noch immer wissen wir in 75% aller Fälle nicht, wo die Infektion stattgefunden hat, und die wackeren Mitarbeiter*innen in den Gesundheitsämtern hecheln dem Geschehen telefonisch hinterher.

Das bereitet zunehmend Frust & Verdruss, sodass der Berliner Tagesspiegel befand: „‚Pandemie-Müdigkeit ist das Wort der Stunde.“ (04.03.21). Zur schlechten Stimmung im Lande trägt zu einem guten Teil die miserable Kommunikation bei. Der Inzidenzwert von 35, zuletzt das Goldene Kalb der Politik, wurde sang- und klanglos kassiert. Dafür erfahren die Apotheker*innen aus dem Radio, dass sie ab Montag Schnelltests anbieten können. Haben sie dafür überhaupt Platz & Personal, wie wird diese Leistung vergütet und abgerechnet, wie kann ein Test-Hopping verhindert werden? Fragen über Fragen. Als es im Dezember plötzlich kostenlose FFP2-Masken gab, kamen die Leute von weither, um sich in den Apotheken unseres Viertels einzudecken. Zum Glück bietet Aldi ab morgen Selbsttests an – das wird den umtriebigen Gesundheitsminister Jens Spahn und seinen glücklosen Kollegen aus dem Wirtschaftsressort Peter Altmaier freuen, die beide im letzten ARD-DeutschlandTrend kräftig abgewatscht wurden.

Sang- und klanglos ging der erste Teil der 71. Berlinale zu Ende, der ausschließlich für Insider aus der Branche und für Journalisten*innen zugänglich war. Die Preise wurden digital verkündet, die feierliche Verleihung folgt im Juni beim zweiten Teil mit Publikum. Den Goldenen Bären gewann der rumänische Film „Bad Luck Banging or Loony Porn“, eine drastisch-plakative Satire über Doppelmoral, den Silbernen Bären für die Beste Schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle gewann Maren Eggert in der Romantic Comedy „Ich bin Dein Mensch“ von Maria Schrader, die von der Kritik freundlich bewertet wurde und hoffentlich bald in den Kinos gezeigt werden darf. Schon vor der Pandemie hatte sich der englische Posaunist Chris Barber von der Bühne zurückgezogen; jetzt ist er im Alter von 90 Jahren gestorben. Er hat als weißer (!) Musiker dem Jazz in seiner Heimat zum Durchbruch verholfen. Zum Glück ist die dogmatische Identitätspolitik noch nicht darauf verfallen, den Jazz ausschließlich für die afroamerikanische Kultur zu reklamieren. Zuzutrauen wäre es ihren Hardlinern allemal.

Wildes Gekläffe

Da darf schon lange niemand mehr hinein. © Rolf Hiller

Erst nachdenken, dann noch einmal nachdenken und dann den Mund halten. Das war einer der halb ironischen Sprüche meines Kunstlehrers auf dem Mainzer Gutenberg-Gymnasium. Gründlich nachdenken und dann erst verkünden schadet indes nie, wie es wieder einmal Bundesgesundheitsminister Jens Spahn in dieser Woche erfahren musste. Vollmundig hatte er versprochen, dass sich jede*r ab dem 1. März kostenlos testen lassen könne, u.a. in Apotheken, die sich dazu überhaupt nicht in der Lage fühlen. Wer wollte es dem hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier (CDU) verdenken, dass ihm auf einer internen Veranstaltung seiner Partei der Geduldsfaden riss. Er erwarte beim nächsten Bund-Länder-Treffen am kommenden Mittwoch ein „furchtbares Durcheinander, ein wildes Gekläffe – vom Kanzleramt bis nach Bayern und zurück, und am Ende Herr Drosten und Herr Wieler und die Leute werden wahnsinnig“. Bravo! Solche Worte hätten wir von einem Merkel-Vertrauten beileibe nicht erwartet. Bouffier hat den weit verbreiteten Frust im Lande auf den Punkt gebracht – alles scheint bei uns langsamer zu gehen: Impfen, Testen, Öffnen und Digitalisieren.

Je genauer man hinschaut, um so mehr irritiert das Durcheinander. Millionen Dosen des Impfstoffs von AstraZeneca liegen irgendwo in Kühlschränken herum, weil über dieses Vakzin (unwahre) Vorurteile kursieren. In Israel stellen sich die Leute abends vor den Zentren an – und werden dann mit dem am Tage nicht gebrauchen Stoff geimpft. Das wäre hierzulande undenkbar. Wenn die C-Krise eines lehrt, dann ist es, flexibel auf neue Situationen zu reagieren. Dass Schüler*innen im Wechselunterricht vormittags getrennt werden und dann nachmittags im Hort miteinander herumtollen, vermag niemand nachzuvollziehen. Oder doch? Schulen sind Ländersache, Horte unterstehen den Kommunen. Dabei treibt der Föderalismus in den Zeiten der Pandemie allein schon seltsame Blüten. In Sachsen findet trotz hoher Inzidenzen in den Klassen ein normaler Unterricht ohne Masken statt, in Meck Pom machen am 1. März – also zwei Tage vor dem nächsten Corona-Gipfel – die Gartenmärkte wieder auf und die Kosmetiksalons. Wer behält bei diesem „furchtbaren Durcheinander“ noch den Überblick?

Derweil plant das Rheingau Musik Festival vom 26.06. – 05.09. die nächste Saison mit 192 Konzerten, unbeeindruckt von der pandemischen Kakophonie. Großartig! Und auch die Berlinale lässt sich nicht unterkriegen. Heuer zerfällt das „größte Kulturereignis Berlins, wenn nicht Deutschlands“ (Tagesspiegel) in zwei Teile. Vom 1. bis 5. März wird eine digitale Plattform für die Branche angeboten, zu der ansonsten nur Kritiker*innen zugelassen sind; es gibt den Wettbewerb und einige Reihen. Das Publikumsfestival – ganz wichtig bei der Berlinale – soll dann vom 9. bis 20. Juni stattfinden. Erstmals wird in diesem Jahr ein genderneutraler Preis für die beste schauspielerische Leistung vergeben. Es gibt also nur einen Silbernen Bären für die beste Schauspielerin oder den besten Schauspieler. Da kommt noch mehr Vorfreude auf!

Mona Lisa beim Frisör

Würde auf dem Kopf reicht nicht. Photo by Yaroslav Danylchenko on Pexels.com

Den 1. März wollen wir uns rot anstreichen im Kalender: die Frisöre dürfen uns dann unsere Würde wiedergeben und jede*r darf sich kostenlos testen lassen. Erst zum Barbier und dann zum Test oder umgekehrt. Während das Procedere im Salon klar ist, wird die Sache mit dem Testen unklarer, je genauer man hinschaut. Dürfen ängstliche Menschen jeden Tag gehen? Was passiert, wenn mein Test positiv ist? Muss ich das Ergebnis dem Gesundheitsamt melden und begebe mich in Selbstisolation? Wie komme ich zu einem PCR-Test, der ein verlässliches Ergebnis bietet? Dass wir eine Erkrankung keineswegs unterschätzen dürfen, belegt das Schicksal eines Ehepaares um die 60 in der Nachbarschaft, die sich bald nach Ausbruch der Pandemie infizierten. Ihre physische Konstitution schwankt extrem; mal fit wie einst, mal wacklig wie nach einer schweren Grippe. Er klagt seit langem über neurologische Ausfälle. Beide gehen jetzt in eine auf solche C-Spätfolgen spezialisierte Klinik.

„Die Friseuse rückt mir ja viel näher auf die Pelle als die Mona Lisa oder die Schuhverkäuferin“, gibt der Moderator im Inforadio dem Risiko-Ethiker Julian Nida-Rümelin im Interview eine Steilvorlage. Dass seine Würde auf die Haartracht reduziert werde und riesige Museen leer stünden, erzürnt den Philosophen und ehemaligen Kulturstaatsminister, wie erwartet. Am Ende des erhellenden Gesprächs problematisiert Nida-Rümelin die „fetischartige Fixierung auf Inzidenzen“. Es fehlten noch immer Kohortenstudien, und der Inzidenzwert sei de facto sicherlich dreimal so hoch, weil sich viel mehr Menschen angesteckt hätten als bekannt. Der Risiko-Ethiker schlägt stattdessen vor, sich bei der Bekämpfung der Pandemie an schweren Verläufen in Krankenhäusern und an den Todeszahlen zu orientieren. Die würden dramatisch sinken, wenn die Risikogruppen vollständig geimpft seien. Das ficht die Physikerin Viola Priesemann nicht an – sie berät die Kanzlerin und empfiehlt als Wert für sog. Lockerungen einen Inzidenzwert von 10 pro Woche, also 10 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner.

Nicht nur der neue CDU-Vorsitzende Armin Laschet möchte deshalb von der „Fixierung auf Inzidenzen“ abrücken und hat damit untrüglich eine Stimmung im Lande aufgenommen, man dürfe nicht immer neue Grenzwerte „erfinden, um zu verhindern, dass Leben wieder stattfindet.“ Dass diese Werte im Infektionsschutzgesetz festgelegt sind, schien er in diesem Moment genauso vergessen zu haben wie seine Einwilligung zur Verlängerung des Shutdown bei der letzten Bund-Länder-Runde. Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern. Gerade Politiker müssen sich an ihren Worten messen lassen, insbesondere wenn sie Kanzler werden wollen, egal mit welcher Fasson.

Winterreise

Keine Zeit für analoge Fahrten. © Rolf Hiller

Flockdown im Norden Deutschlands, eisige Temperaturen. Tunlichst meidet man bei solcher Wetterlage die Autobahnen und Intercity-Verbindungen der Deutschen Bahn. Ich habe keine Lust auf eine Winterreise mit ungewissem Ausgang und verschiebe die geplante Fahrt zum Verlag nach Frankfurt; es geht ja fast alles digital inzwischen. Die Meetings per Teams oder Zoom sind längst Routine geworden, das vernetzte Arbeiten auf unterschiedlichen Plattformen auch. Manchmal telefoniere ich sogar noch und weiß den direkten Austausch durchaus zu schätzen; so lassen sich überflüssige never ending Mail-Orgien vermeiden. Beim Telefonat hört man die Stimme des Gegenübers, kann sensibler aufeinander eingehen und schnell eine Position relativieren, die in einer Mail zementiert würde.

Diese Woche dann wieder das inzwischen sattsam bekannte Ritual der Bund-Länder-Gespräche zur Corona-Lage. Kakophonie vorher, Kakophonie nachher. Peter Altmaier tat schon am letzten Wochenende per Interview kund, die Beschränkungen könnten noch bis Ostern währen. Solch einen Optimismus wünschen wir uns von einem Wirtschaftsminister, der sein Amt nicht im Griff hat. Ansonsten: Kanzlerin Merkel konnte sich mit ihrem Vorschlag zur Verlängerung der Einschränkungen bis Mitte März nicht durchsetzen; dafür erhalten die Bürger*innen am 1. März ihre „Würde“ (Söder) zurück: die Friseursalons dürfen zur allgemeinen Überraschung wieder öffnen. Und wir haben plötzlich eine neue Benchmark. „Was eben noch 50 war, ist jetzt 35″, bilanziert die Neue Osnabrücker Zeitung. „Tatsächlich bleibt ärgerlich, dass Bund und Länder die Zielwerte für ihre Lockdown-Lockerungen fortlaufend ändern. Mal das Gesundheitssystem, dann die Nachverfolgung, dann der eine Inzidenzwert, dann der andere.“ (12.02.21) 

„Never let a good crisis go to waste“, hat Winston Churchill einmal gesagt. Zunehmend entwickeln die Bühnen hierzulande neue Angebote – Live-Streams sind das Format der Stunde. Im Schauspiel Frankfurt etwa konnte das Publikum in aller Welt Franz Schuberts „Die Winterreise“ in einer „komponierten Interpretation“ von Hans Zender erleben, mit dem wunderbaren Tenor Julian Prégardien und dem Ensemble Modern. Immerhin 250 Interessierte besorgen sich ein Ticket und erleben die Premiere am 6. Februar; selbst das Inforadio in Berlin bringt eine Premierenkritik des geschickt orchestrierten Liederzyklus. Und alle Sender melden heute, dass Chick Corea, einer der bedeutendsten Pianisten des Jazz, diese Woche gestorben ist. Ich höre das erste Album, das ich mir 1972 von ihm gekauft habe: „Return to Forever“.