
Was für ein Leben! Geboren wurde Rudolf Nurejew wahrscheinlich am 14. März 1938 in der Transsibirischen Eisenbahn. Schon während seiner Ausbildung fällt sein außerordentliches Talent als Tänzer auf, danach wird er Mitglied des Leningrader Kirow-Balletts. Seine Auftritte müssen ein Ereignis gewesen sein. “Gleichzeitig gilt er als rebellisch, verändert seine Kostüme eigenmächtig, wehrt sich gegen das Tragen von Perücken, sucht nach eigenen Rolleninterpretationen und verändert Schritte in den von ihm getanzten Variationen”, lesen wir in dem vorzüglichen Programmheft. 1961 bittet er nach einem Gastspiel in Paris um politisches Asyl. Dieser Künstler fasziniert noch immer, und so ist es kein Wunder, dass alle Vorstellungen von “Nurejew” ausverkauft sind. Dem Intendanten des Staatsballett Berlin, Christian Spuck, ist damit ein echter Coup gelungen, denn das Stück, das 2017 in Moskau Premiere feierte und 2022 wegen verschärfter LGBTQ-Gesetze abgesetzt wurde, war noch nie außerhalb von Russland zu sehen. Der Vorverkauf für die Tickets 2027 beginnt am 08.05.26.
Ein Leben in eine Choreografie zu pressen ist nicht möglich. Kirill Serebrennikov nutzt in seiner Inszenierung als roten Faden die Auktionen, auf denen der Nachlass von Nurejew versteigert wurde. Das Libretto (Odin Lund Biron) wird ergänzt durch Bilder und Filme, kann aber nur knapp Stationen dieses ungewöhnlichen Lebens beleuchten. Die Choreografien von Yuri Possokhov werden vom Publikum bejubelt; trotzdem bleibt in diesem “Gesamtkunstwerk” die vielschichtige Person Nurejew unscharf, insbesondere seine lange Arbeits- und Liebesbeziehung zu dem dänischen Tänzer Erik Bruhns. Das mag an dem schönen und immer perfekt tanzenden David Soares als Nurejew liegen, ist aber wahrscheinlich gar nicht anders zu machen. In der letzten Szene dirigiert ein vom nahen Tod (Aids) gezeichneter Nurejew das Orchester immer weiter, als die Musik schon längst verklungen ist. Wenn dann der Vorhang in der Deutschen Oper Berlin (mit 1.859 Plätzen das zweitgrößte Haus der Republik) fällt, gibt es tosenden Applaus und Standing Ovations.
“Kunst braucht Widerspruch, um sich vorwärtszuentwickeln”, hat der Popstar des modernen Tanzes einmal gesagt. Damit hätte er Jean-Luc Godard aus der Seele gesprochen, der mit seinem Debüt “Außer Atem” das Kino revolutionierte. Richard Linklater zeigt in “Nouvelle Vague” die schier unglaubliche Geschichte der Entstehung dieses Films und en passant die Zeit des Existentialismus in Paris. Wie viele andere später bedeutende Regisseure (François Truffaut, Claude Chabrol) hat Jean-Luc Godard bei der einflussreichen französischen Filmzeitschrift “Cahier du cinéma” gearbeitet und bekommt dann die Chance, seinen ersten Spielfilm zu drehen. Er machte buchstäblich alles anders – es gab kein Drehbuch, keine Skripte für die Schauspieler:innen, keine festen Tagespläne. Manchmal war nach zwei Szenen Schluss, manchmal sagte er den Dreh ab, wenn er nicht gut drauf war. Ein radikaler, exzentrischer Erneuerer des Kinos, der die Wahrheit des Moments aufspüren wollte. Mit “Außer Atem” wurde Jean Seberg zur Kultfigur der Nouvelle Vague und begann die Filmkarriere des Boxers Jean-Paul Belmondo. Godard sei Dank!










