
Ein Theatercoup ist dem neuen Intendanten Matthias Lilienthal der Berliner Volksbühne bereits vor der Saisoneröffnung mit dem Volksbad gelungen. Vor dem Haus ließ er einen 25 Meter langen und 1,30 Meter tiefen Pool aufbauen, in dem alle kostenlos schwimmen können. Gekostet hat dieser Theaterspaß 300.000 Euro; viele hätten diese öffentlichen Gelder gerne in Kulturprojekte gesteckt. Das ficht den leidenschaftlichen Schwimmer Lilienthal, der von 2015 bis 2020 die Münchner Kammerspiele geleitet hatte, nicht an. ”Mein Kulturbegriff ist ein sehr erweiterter, und Schwimmen ist Kultur“, erzählt er fröhlich dem Berliner Tagesspiegel (09.08.26. Am Sonntag, Montag und Feiertagen ist sein Schwimmbad übrigens immer geschlossen, Mitte dieser Woche konnte man dann wegen kaputter Duschen nicht öffnen. Dass Bäder zu bestimmten Zeiten von Vereinen genutzt werden, ist allgemein bekannt. Das Volksbad sollte an diesem Freitag nur dem Verein EOTO zur Verfügung stehen, der sich um schwarze Kinder und Jugendliche kümmert.
Ein Shitstorm ohnegleichen brach über die Volksbühne herein, ausgelöst durch ein Reel (“Ich darf nicht ins Freibad, weil ich weiß bin”) von Aileen Weibeler; sie ist CDU-Bezirksverordnete in Berlin-Pankow. Natürlich wurde diese “Diskriminierung” sofort von Medien aus dem Springer Verlag und von der AfD aufgenommen und instrumentalisiert. Hätten das nicht Lilienthal und sein Bade-Team vorhersehen müssen? Es wurde bei der Präsentation des Volksbades nicht darauf hingewiesen, dass es an einigen Tagen für Stunden nur Vereinen zur Verfügung stehen würde. Möglicherweise wäre Kritik laut geworden, aber es hätte wohl keine empört interessierte Kampagne gegeben. Die Volksbühne musste reagieren und veröffentlichte auf ihrer Homepage diese Stellungnahme: ”Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz und der Verein Each One Teach One (EOTO) sagen die für Freitag, 14. August, geplante Veranstaltung VOLKSBAD x EOTO ab. Grund dafür sind Sicherheitsbedenken, nachdem das Schwimmen für Schwarze Kinder und Jugendliche zum Ziel rechter und rassistischer Hetze geworden ist.”
Die Idee war richtig, diesem Verein das Volksbad als “safer space” für ein paar Stunden zu überlassen. Appeasement hat noch nie genutzt. Mehr denn je gilt es, für die eigenen Überzeugungen einzustehen. Als Anleitung dafür empfehle ich “Über Tyrannen. Zwanzig Anleitungen für den Widerstand” von Timothy Snyder mit Illustrationen von Nora Krug (C.H. Beck). Kein dicker Theoriewälzer des amerikanischen Historikers, sondern ein Handbuch im besten Sinne des Wortes. Eben habe ich noch einmal die 9. Lektion “Sei freundlich zu unserer Sprache” gelesen, kurz und prägnant wie alle anderen: “Vermeide die Phrasen und Schlagworte, die jeder andere verwendet. Erfinde Deine eigene Sprechweise, selbst wenn du nur das vermitteln willst, was in deinen Augen jeder sagt. Bemühe dich, dich vom Internet fernzuhalten. Lies Bücher.” Erschienen ist das Buch von Timothy Snyder im Original 2017. Sicherlich würde er heute dazu raten, Social Media mit größter Vorsicht zu nutzen. Die sozialen Medien haben sich als Fluch erwiesen, der nicht den Zusammenhalt der Gesellschaft stärkt, sondern ihre Spaltung vorantreibt.










