
Früh auf, aber heute beginne ich den Tag in Stille. Kein Radio, kein Blick aufs Handy, keine News. Einst gab es zum schnellen Austausch nur das Telefon, heute kommunizieren wir per Mail, mit unterschiedlichen Messengerdiensten oder in Video-Calls. Schon ewig habe ich kein längeres privates Telefonat mehr geführt. Nach einem langen Tag am Rechner suchen viele Menschen persönliche Begegnungen und Erlebnisse. Allenthalben wird dazu geraten, offline zu gehen, wenn man effektiv und konzentriert arbeiten will, und bei Veranstaltungen gehört das Handy in den Flugmodus. Nicht erreichbar zu sein, scheint viele Menschen zu stressen. Neulich hörten wir das herrliche Streichquartett Nr. 8 c-moll von Dimitri Schostakowitsch. Neben mir sitzt eine junge Frau, die unablässig mit ihrem Handy beschäftigt ist. Erst auf die Bitte meiner Lektorin, schaltet sie ihren digitalen Zwilling aus, ihre Mimik verrät Unverständnis. Warum müssen sie an einer sehr leisen Stelle eine Bonbontüte öffnen? Warum gehen solche Leute in ein Konzert?
„Der Mensch ist dem Menschen ein Rätsel.“ Diese Wahrheit ohne Urheberschaft kommt mir oft in den Sinn. Warum lässt die Wirtschaftsministerin Katharina Reiche (CDU) ihren Dienstwagen nach München fahren und nimmt das Flugzeug? Am Ziel nutzte sie ihn dann dienstlich für 31 km und noch einmal 130 km für Privatfahrten. Anschließend fuhr die Limousine ohne sie zurück nach Berlin. Von einer solchen Ministerin kann man keine Einsicht in die Klimaerwärmung erwarten und ein Tempolimit schon gar nicht. Durch die Sperrung der Straße von Hormus haben sich die Kosten für Energie dramatisch verteuert, und ein Ende der von Trump ausgelösten Krise ist derzeit nicht in Sicht. Strategisch und ökologisch gibt es keine Alternative zum Ausbau regenerativer Energien, nicht aber in Reiches Weltbild; die Leerfahrten stehen pars pro toto. Das Kabinett Merz, das noch nicht einmal ein Jahr regiert, hat auf die Energiekrise so wenig eine schlüssige Antwort wie auf die anhaltende Schwäche- und Stagnationsphase der deutschen Wirtschaft seit 2019; die Frühjahrsprognosen der Bundesregierung sind ernüchternd.
Probleme, wohin man schaut. Um so fahrlässiger, wenn Kanzler Friedrich Merz dann mal wieder einen raushaut und davon spricht, die gesetzliche Rentenversicherung werde künftig allenfalls noch als „Basisabsicherung“ im Alter dienen. Das mag auf lange Sicht zwar so kommen, politisch klug ist es nicht, einen solchen Begriff zu verwenden. “Das ist eine Kampfansage – an die SPD samt ihrer letzten treuen Wählergruppe und die gesetzliche Rentenversicherung”, konstatiert die taz. “Ein Konzept für die schwarz-roten Reformen gibt es vom Kanzler bislang nicht. Die Methode Merz ist: knallige Ansagen in Hauptsätzen, denen später oft recht viele Relativsätze folgen, die den entstandenen Schaden einhegen sollen. Wenn das so weitergeht, könnte sogar etwas Unvorstellbares passieren: Die Geduld der SPD könnte an ihr Ende kommen.“ (22.04.26) Sollte diese Koalition, die aktuell keine Mehrheit mehr hätte, scheitern, wären die Folgen nicht zu ermessen.










