
Zum Sommer in Frankfurt gehört das Freilichtfestival der Dramatischen Bühne im Grüneburgpark. Wenn die Hitze in den Straßen steht, wird es dort abends angenehm kühl. Bei “Alice im Wunderland” (nach Lewis Caroll) musste das Publikum aber selber ran. Aufgeteilt in zwei Gruppen machen wir uns mit Alice auf ins Wunderland. “Die Zuschauer spazieren durch den Park und das Stück und entdecken dabei das Unheimliche inmitten des Vertrauten,” heißt es auf der Homepage der rührigen Truppe um den allgegenwärtigen Thorsten Morawietz. In der Schwüle des Parks haben wir mit den kniffligen Aufgaben durchaus unsere Schwierigkeiten und sind am Ende froh, dass Alice (Simone Greiß) aus dem Wunderland wieder zurück in die Realität findet – und aus ihren Träumen erwacht. Am Schluss stehen wieder alle Schauspieler:innen auf der Bühne und geben dem Publikum einen hintersinnigen Rat: nicht aufwachen! Also weiter in fantastischen Träumen schwelgen, statt sich der Wirklichkeit zu stellen.
Sind wir nicht alle ein bisschen Alice? geht es mir auf dem Heimweg durch den Kopf. Man muss kein Leugner des Klimawandels wie Donald Trump sein, und trotzdem leben wir einfach so weiter. Anfang des Jahres erhielt ich endlich vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe die Broschüre “Vorsorgen für Krisen und Katastrophen”. Ich habe die Hinweise gelesen, getan habe ich nichts. Im Ernstfall würden wir in eine der nahe gelegenen U-Bahnstationen rennen, in denen nur ein Bruchteil der Menschen unseres Kiezes Platz finden wird. Und dann? Die Recherche mit der KI ist ernüchternd: etwa 1 von 175 Einwohner:innen Deutschlands hätte einen Platz in einem öffentlichen Schutzraum. Anlässlich des Gedenkens der Hochwasserkatastrophe im Ahrtal vor fünf Jahren stellte der Wasserwirtschaftler Holger Schüttrumpf nüchtern fest: “Natürlich gab es historische Ereignisse ähnlicher Größenordnung – im Ahrtal etwa 1804 und 1910. Aber wir neigen zu Hochwasserdemenz, wir vergessen. Und so wurden wir vor fünf Jahren vor Herausforderungen gestellt, auf die niemand vorbereitet war.” (Tagesspiegel, 15.07.26)
Von einer Demenz ist beim Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Jens Spahn nichts bekannt, nur die übliche Vergesslichkeit, wenn es um Entscheidungen geht, die die knappen Kassen belasten. Seine lässige, um nicht zu sagen verantwortungslose Überbeschaffung von Schutzmasken in der Coronazeit wird den Steuerzahler mehrere Milliarden Euro kosten. Nun ist der alerte Politiker wieder in den Schlagzeilen, denn er hat mit seinem Ehemann die Dienste einer Leihmutter in den USA bemüht, obwohl er sich 2015 explicit gegen “die Idee eines gemieteten Mutterbauchs” ausgesprochen hatte. Die Fuldaer Zeitung bringt es auf den Punkt: “In Spahns Verhalten liegt der Kern aller Politikverdrossenheit im Land: dass Politiker anders reden, als sie handeln. Auch Spahns Worte konnten nicht drastisch genug sein, wenn es darum ging, Leihmutterschaft (…) zu verteufeln. Nun nimmt er genau den Weg in Anspruch, den er anderen moralisch abgesprochen hat. Das ist heuchlerisch, scheinheilig und bigott.” (17.07.26) Spahns Vaterglück wird der “Handlungskoalition” (Friedrich Merz) noch zu schaffen machen.









