Die Uhr läuft

© Oleg Gamulinskiy / Pixabay

Italien ist immer noch ein Sehnsuchtsort der Deutschen, wiewohl wir uns gerne über die angeblich ineffektive Administration dort mokieren. Dazu besteht längst kein Grund mehr. Das weiß keiner besser als der amtierende Vizekanzler Olaf Scholz, der als Regierender Bürgermeister in Hamburg bei den Machenschaften der Warburg Bank (Stichwort Cum-Ex-Betrug) keine bella figura machte und als Finanzminister die politische Verantwortung für den Wirecard-Skandal trägt. Am Montag muss sich nun der sog. Scholzomat im Finanzausschuss den Fragen der Abgeordneten stellen – es geht um die Hausdurchsuchung im Zuge der Ermittlungen gegen die Financial Intelligence Unit (FIU). Diese Skandale perlen an ihm ab – Scholz und die SPD liegen im letzten ARD DeutschlandTrend vor der Wahl weiter vorne. Die Deutschen mögen es irgendwie weiter so, doch ⅓ der Wähler:innen ist nach wie unentschlossen, wem sie am 26. September ihre Stimme geben werden. Eine Green Card für Geimpfte & Getestete wird es nach der Wahl so bald nicht geben, denn es stehen schwierige Koalitionsverhandlungen an.

Im Land, wo die Zitronen blühen, sind derzeit 73% geimpft, davon 65% vollständig. Vorausschauend (!) wird trotzdem in Italien am 15. Oktober eine Green Card eingeführt; es gelten dann knallharte Regeln. Nur mit dieser Karte dürfen Arbeitehmer:innen zum Job, es sei denn, sie legen einen aktuellen Test vor, den sie natürlich selbst bezahlen müssen. Sollte jemand von ihnen in Quarantäne gehen, gibt es kein Geld vom Staat. In Frankreich hat die Anordnung einer Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen eine Million Anmeldungen zum Impfen gebracht. An einem Tag! Davon können wir hierzulande nur träumen. Die groß angekündigte Kampagne in dieser Woche zieht nicht richtig, die Impfuhr läuft (noch) viel zu langsam. Daran werden auch 2G oder 3G nicht viel ändern, so sehr jede Rückkehr zum normalen Leben zu begrüßen ist. Zur neuen Normalität wird es gehören, dass man sich vor dem Besuch einer Veranstaltung oder eines Restaurants über die geltenden Regeln informieren muss, Überraschungen nicht ausgeschlossen. So gab es bei einem fabelhaften Strawinsky-Abend in der Berliner Philharmonie plötzlich wieder eine Pause; das hatten wir schon fast vergessen.

Ihren letzten Triumph können Christo und Jeanne Claude leider nicht mehr erleben: von morgen an ist der Arc de Triomphe verhüllt, bis zum 3. Oktober. Zum Konzept ihrer Arbeit zählte immer die Befristung – und die Unabhängigkeit von Sponsoren. Der unvorstellbare Aufwand ihrer Aktionen finanziert sich durch den Verkauf von Druckgrafiken, Plakaten etc. und von den verwendeten Materialien nach dem Abbau. Seit den 60er Jahren träumte das Künstlerpaar von der Verhüllung des Arc de Triomphe und arbeitete an diesem Projekt. Zu empfehlen sind die Dokus „Christo und Jeanne-Claude“ (noch bis 13.12.21) in der ARTE-Mediathek und „Der Pariser Triumphbogen“ (bis 16.10.21). Noch nie habe ich ein Projekt von ihnen erlebt – es wäre die letzte Chance. In unserem Balkonzimmer hängt ein Druck ihrer Aktion „The Gates“ aus dem Central Park in New York von 2005. Diese Arbeit hat mir mein Freund Axel vermacht; sicher wäre er nach Paris gefahren.

Der zweite Herbst

Spätsommerliche Idylle ohne Impfausweis: Blick in den weitläufigen Park von Ulrichshusen. © Karl Grünkopf

Blackout. Das musste ja einmal passieren – ich stehe in der Schlange vor der Berliner Philharmonie und merke: das Handy mit dem Impfnachweis liegt auf meinem Schreibtisch. Plötzlich gehöre ich nicht mehr dazu und werde abgewiesen. Was tun? Mit dem Auto nach Hause rasen und das Ding holen oder auf eine glückliche Fügung hoffen. Ich setze auf Glück und darf den Liederzyklus „Where are you?“ für Mezzosopran und Orchester von Ondřej Adamek erleben. Magdalena Kožená meistert diese extrem anspruchsvolle Aufgabe souverän – vom kaum hörbaren Flüstern bis zu extremen Tonsprüngen; wir haben Angst um ihre Stimme. In großer Besetzung mit sechs Schlagzeugern wird sie vom London Symphony Orchestra unter Sir Simon Rattle effektvoll & souverän begleitet. Wieder können wir Beethovens 6. Symphonie hören; die Pastorale stand auch bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern am Wochenende auf dem Programm. Dort hätte ich mein Handy gar nicht benötigt, denn auf Grund der niedrigen Inzidenz in diesem Bundesland wurde bei der Einlasskontrolle gleich ganz auf den Impfnachweis verzichtet.

Das verstehe, wer will, zumal die meisten Gäste aus Berlin oder Hamburg anreisten. In der Hansestadt ist bereits die 2-G-Regel möglich, der zu Folge nur noch Geimpfte und Genesene Veranstaltungen besuchen dürfen – dafür ohne Maske und ohne Beschränkungen der Platzbelegung. Allerdings müssen dann auch alle Mitarbeiter:innen geimpft sein, was der Arbeitgeber wiederum nicht vorschreiben darf. Das scheint dennoch für die Veranstaltungsbranche der einzige Weg aus der Krise zu sein, denn eine Saalbelegung unter 50% rechnet sich nicht; irgendwann sind zudem die Mittel aus NEUSTART KULTUR aufgebraucht. Das schließt Ungeimpfte aus, aber ihre Entscheidung gegen das Vakzin kann die Mehrheit der Geimpften nicht länger um ihre Grundrechte bringen, zudem eine vierte Welle der Pandemie im Herbst droht. Der Vorsitzende des Weltärztebundes Ulrich Montgomery möchte die „2G-Regel überall einführen, wo es möglich ist.“ (Tagesschau) Der Tagesspiegel bringt saftige Impfprämien für all diejenigen ins Gespräch, die sich anders nicht überzeugen lassen. Die Gesundheitsämter melden bei der Kontaktnachverfolgung schon wieder Land unter. Es steht nicht gut in deutschen Landen, da ein Herbst mit einer vierten Welle droht.

Wieder einmal läuft die Zeit davon. Bis zur Wahl dürfen wir nicht mit einer konsistenten Corona-Politik rechnen. Dann stehen schwierige Verhandlungen an, denn es wird wohl eine Drei-Parteien-Koalition im Bund geben, unter welcher Führung auch immer. Wo es ums nackte politische Überleben geht, muss der Kampf gegen das Virus eben warten. Wer hätte das vor einem Jahr gedacht, dass mobile Teams Impflinge akquirieren müssen. Stundenlang haben wir uns vor fünf Monaten um einen Impftermin bemüht. Im Schlagregen stapfte ich zum Impfzentrum, beim zweiten Mal musste ich noch mehr Zeit mitbringen. Aber: ich war geimpft und dachte, die Kampagne wird ein Selbstläufer. Was machen Länder wie Spanien, Portugal oder die Niederlande besser? In Dänemark feiern sie heute den Freedom Day – alle Beschränkungen werden aufgehoben; Corona gilt nurmehr als Grippe. Held og lykke Danmark!

Kein schöner Zeit

Frei und unabhängig ohne Erlösung:“Œdipe“ in einer eindrucksvollen Inszenierung von Evgeny Titov in der Komischen Oper Berlin. © Monika Ritterhaus

Weggucken gilt nicht länger. Die Niederlage des Westens in Afghanistan hat die Schwäche der Europäischen Union schonungslos offenbart. Nicht einmal der Flughafen von Kabul hätte gesichert werden können. „In einer globalisierten Welt“, bilanziert Navid Kermani, „ist es keine Realpolitik, sondern Idiotie zu meinen, man könne sich als westliche Staatengemeinschaft oder Europäische Union aus Krisenregionen heraushalten.“ (FAZ, 26.08.21) Der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels gilt nicht als Scharfmacher und hat die Situation in Afghanistan schonungslos analysiert. Am Schluss seines Essays erwartet er eine Entschuldigung unserer Politiker:innen beim afghanischen Volk oder zumindest „bei unseren eigenen Soldaten und zivilen Helfern, deren Einsatz gleichsam über Nacht jedes Sinnes beraubt worden ist“. Statt in der Niederlage wenigstens Größe zu zeigen und allen afghanischen Flüchtlingen Asyl in Europa zu bieten, zeigen ihnen Sebastian Kurz & Konsorten die kalte Schulter. Was schert mich mein Geschwätz von gestern. Die sogenannten Ortskräfte in Mali wissen jetzt jedenfalls, woran sie sind.

Das wissen die meisten Wähler:innen vor der Bundestagswahl am 26. September noch immer nicht. Zumindest hat keiner der drei Kanzlerkandidat:innen im ersten Triell der deutschen TV-Geschichte gepatzt. Lag Olaf Scholz im März noch abgeschlagen hinter Armin Laschet und Annalena Baerbock, so führt jetzt der SPD-Mann das Feld an; seine Parteispitze hält sich einstweilen klug & vornehm zurück. Auch Die Grünen geben sich nach außen keine Blöße, obwohl die Partei in den letzen Umfragen deutlich auf dem dritten Platz liegt. Ein bisschen Diskussion könnte nicht schaden, etwa über den TV-Spot „Ein schöner Land“, mit dem man die Generation Ü60 in ARD und ZDF ansprechen möchte – grünes Biedermeier pur. Im Clip ist eine Laiensingschar zu hören, kreiert hat ihn die parteieigene Agentur „Neues Tor 1“. Es wäre fast ein Grund, Die Grünen nicht zu wählen. Über Häme & Spott im Netz brauchen Baerbock, Habeck & Co. sich jedenfalls nicht zu beklagen.

Wer im Dreikampf unterliegt, mag in der Komischen Oper Sinn & Trost finden. Zum Saisonstart steht endlich einmal wieder „Œdipe“ von George Enescu in Berlin auf dem Programm – dieses Werk ist dem Komponisten „am teuersten“. Nach 18 Monaten darf das Orchester wieder in voller Besetzung spielen; einigen Kritikastern war es natürlich gleich schon wieder zu laut. Wir erleben einen grandiosen Abend in einem reduziert drastischen Bühnenbild, hervorragende Sänger:innen (allen voran der phantastische Bariton Leigh Melrose in der Rolle des Ödipus) und eine schlüssige Interpretation des jungen Regisseurs Evgeny Titov. „Was (Ödipus) am Ende verändert“, konstatiert er im Interview des lesenswerten Programmhefts, „ist das Ausbleiben einer Erlösung. Genau das macht ihn letztlich frei und unabhängig.“ In gut drei Wochen wissen wir, wer die Wahl gewonnen hat und wer den Sinn der Niederlage womöglich in der Komischen Oper sucht. Der Ausgang der Bundestagswahl ist spannend wie selten, die Regierungsbildung dürfte schwierig werden. Quo vadis Deutschland nach Merkel?