Das Theater geht weiter

Das Schweigen des Vaters. Nikolai Gemel und Michael „Minna“ Sebastian in der Romanadaption „Ein Mann seiner Klasse“. Die Inszenierung von Lukas Holzhausen vom Schauspiel Hannover beim Theatertreffen 2022. © Katrin Ribbe

Endlich wieder ein richtiges Theatertreffen nach zwei Jahren nur digitaler Präsenz. Die Erwartungen sind hoch. Große Worte bei den Reden zur Eröffnung. Yvonne Büdenhölzer, die scheidende Leiterin des Festivals, stuft das Theatertreffen als „Diskursbeschleuniger“ ein, die neue Kulturstaatsministerin Claudia Roth befindet voller Emphase: „Theater ist Grundnahrungsmittel“ und „systemrelevant“. Die Latte liegt hoch, und der Absturz folgt auf dem Fuße. „Das neue Leben“ heißt eine Produktion aus Bochum, die Dante-Texte mit Popsongs kontrastiert. Lang ziehen sich die Monologe der vier Schauspieler:innen, langatmig und langweilig. Nach einer Stunde fliehen wir aus dem Kopftheater. „Volles Verständnis“, gibt mir mein Nachbar mit auf den Weg; er hat sich die ganze Zeit Notizen gemacht.

Neues Stück, neues Glück. „Ein Mann seiner Klasse“ vom Schauspiel Hannover verspricht da schon mehr „Systemrelevanz“. Nun bin ich kein Freund der Romanadaptionen, Überschreibungen oder irgendwelcher Textflächen, die bei den Intendanten und Dramaturgen dieser Republik so hoch im Kurs stehen. Es fehlt an überzeugenden neuen Stücken. Wahrscheinlich arbeiten die besten Schreiber:innen für Fernsehanstalten und Streamingdienste, bei denen das größere Geld lockt. Wo sind die neuen Brechts oder Hauptmanns? Themen gibt es doch genug in der Welt der sog. kleinen Leute, die sich abstrampeln wie der Möbelpacker auf der Bühne – und trotzdem wird es niemals reichen. Die Bühneneinrichtung von Lukas Holzhausen basiert auf dem Romandebüt von Christian Baron, der sein deprimierendes Familienleben autobiographisch schildert. Trotzdem liebt er seinen Vater – den Trinker, den Schläger, den Looser, der von einem (echten) Handwerker dargestellt wird. Der spricht kein einziges Wort, ist anwesend abwesend. Die Inszenierung beeindruckt und zeigt den Freund:innen der „Diskursbeschleunigung“ eine andere, fremde Welt.

Das berührt durchaus, aber das Theater sollte sich auf seine ureigenen Qualitäten besinnen: Geschichten nicht nur erzählen, sondern im Spiel darstellen. In ihrer Zwischenbilanz zum Theatertreffen 2022 kommt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung zu einer ähnlichen Einschätzung, wobei sie die internen Schwierigkeiten der Häuser – von Machtmissbrauch bis Gendergerechtigkeit – gleich noch mit bilanziert: „Denn stell Dir vor, das Theater löst alle Probleme – und keiner geht hin.“ (11.05.22) Wenn ihre Kollegin Catrin Lorch recht hat mit ihrer Bewertung, dann steht die documenta fifteen in Kassel auf der Kippe. Die verantwortliche Künstlergruppe Ruangrupa hat auf die bedeutendste Ausstellung aktueller Kunst auch BDS-Sympathisant:innen eingeladen. Wikipedia zu Folge ist BDS „eine transnationale politische Kampagne, die den Staat Israel wirtschaftlich, kulturell und politisch isolieren will“. BDS wird sowohl von der deutschen Regierung als auch vom Parlament als antisemitisch eingestuft. „Die Documenta“, vermutet Lorch, „könnte scheitern: Wer die sanften, aber intellektuell unbeugsamen Ruangrupa-Mitglieder kennt, hält eine Absage der Weltkunstschau durch sie für vorstellbar.“ (SZ, 12.05.22) Die Kulturstaatsministerin Claudia Roth – sie wandte sich übrigens gegen die BDS-Resolution des Deutschen Bundestags – hat schon mehrfach versucht zu vermitteln. Dieses Theater ist bitterernst!

Fatalismus

Das absurde Theater findet woanders statt: Standing Ovations für Dieter Hallervorden in „Der König stirbt“. © DERDEHMEL/Urbschat

Der ICE ist auf der Rückfahrt von Frankfurt so voll, wie ich es in den letzten zwei Jahren nicht mehr erlebt habe. Viele kauern vor den Türen, andere arbeiten auf dem Boden vor dem Speisewagen. Zum Glück gilt in den Zügen der Deutschen Bahn weiter die Maskenpflicht. Meine Corona Warn App steht jetzt immer auf rot. Bei der vollbesetzten Premiere „Der Schatzgräber“ von Franz Schreker in der Deutschen Oper Berlin darf jede:r wählen, ob er/sie die gefeierte Inszenierung mit oder ohne Mund-Nasen-Schutz erleben möchte. Wir gehören zur Fraktion Vorsicht und tragen die Maske freiwillig auch im Schlossparktheater. Wir wollen den 86jährigen Prinzipal Dieter Hallervorden auf der Bühne erleben. Geboten werden soll „gute Unterhaltung“ mit dem Stück „Der König stirbt“ von Eugène Ionesco, Wikipedia zufolge „ein verschlüsselter Abgesang auf Frankreichs endende Rolle als einst stolze Kolonialmacht“. Anspielungen auf die aktuelle politische Lage lägen eigentlich auf der Hand, aber die Regie von Philip Tiedemann setzt auf Klamauk und einen lieben & altersmilden König. Das Publikum dankt begeistert und feiert Dieter Hallervorden mit Standing Ovations.

Locker in Berlin, streng in Frankfurt. Maskenpflicht und Schachbrettbelegung der Sitzplätze in der Deutschen Nationalbibliothek bei der Eröffnung des Festivals „Frankfurt liest ein Buch“ , das unser Verlag seit Jahren als Medienpartner begleitet. Heuer steht der Roman „Nach Mitternacht“ von Irmgard Keun im Zentrum der vielen Veranstaltungen. „Der beste satirische Roman über Nazideutschland“ (Arthur Koestler) spielt 1936 an zwei Tagen in Frankfurt, als Hitler auf dem Opernplatz eine Ansprache hielt, und schildert die komplexen Ereignisse aus der Perspektive einer jungen Frau. Die Autorin hat eine meisterhafte Begabung, kurz und prägnant zu beschreiben; sie beobachtet hellwach, wie der Faschismus das soziale Leben verändert und prägt. Der Nationalsozialismus wurde dem deutschen Bürgertum nicht aufgezwungen, sondern war dessen „rabiat gesteigerte Konsequenz“ (Heinrich Detering im Nachwort der schönen Neuausgabe). Die Verfilmung des Romans von Wolf Gremm aus dem Jahr 1981 trifft weder jenen lakonischen Ton noch wird sie der Komplexität der Vorlage gerecht. Das kleine Fernsehspiel zieht sich im Deutschen Filminstitut, mehrfach schaue ich auf die Uhr. Immerhin erfährt das Publikum im gut besuchten Kino (Maske, Schachbrett) vor Beginn der Vorführung von einem neuen Angebot im Herbst: „Frankfurt sieht einen Film“, der an einem Tag mit Rahmen-Programm in verschiedenen Kinos laufen soll.

Was mag bis dahin passiert sein? Wird uns die Pandemie wieder „unvorbereitet“ erwischen? Ist der Krieg gegen die Ukraine dann zu Ende, der nun schon bald ein viertel Jahr das Land verwüstet? Festhalten lässt sich im Moment, dass die Sanktionspakete der EU Russland nicht nachhaltig beeindruckt haben; gleiches lässt sich von den Offenen Briefen sagen, die jetzt hierzulande kursieren. Die ganze Absurdität der Lage verdeutlicht, dass russisches Gas durch die Ukraine geleitet und mit Duldung der Russen von Deutschland aus an die Ukraine weiter verkauft wird. Was nützt und schadet wem? Dass der Bundespräsident Frank Walter Steinmeier nun doch eingeladen wurde, den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selensky in Kiew zu besuchen, ist ein gutes Zeichen in dunkler Zeit. Sein Besuch hat mehr Gewicht als die Reise des CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz, der sich vor allem aus wahltaktischen Gründen im Kriegsgebiet blicken ließ. Am Sonntag wählt Schleswig-Holstein einen neuen Landtag; der Ministerpräsident & Merkelianer Daniel Günther, der seit 2017 eine Jamaika-Koalition führt, liegt in den Umfragen vorne. Schiff ahoi!