Different Ways 

Meredith Monk bannt das Publikum mit der stimmlichen Erkundung ungeahnter Räume. © Rolf Hiller

Das Berliner Publikum hat ein feines Gespür für Qualität. Der Auftritt der amerikanischen Ausnahmekünstlerin Meredith Monk im Rahmen der Reihe “Maerz Musik” war in Windeseile ausverkauft. Drei Tage zuvor wurde die zierliche Dame, die dem Gesang völlig neue Welten erschlossen hat, mit dem Großen Kunstpreis Berlin ausgezeichnet. Anfangs steht sie ganz alleinauf der Bühne und bannt das Publikum sofort mit der stimmlichen Erkundung ungeahnter Räume. Selten einmal benutzt sie Worte, meist setzt die 83jährige ihre Stimme wie ein Instrument ein. Oft wird sie mit einer Schamanin verglichen, die das Publikum auf ihrem vokalen Trip verzaubert. “Die Stimme”, hat Meredith Monk einmal erklärt, “ist ein Werkzeug zum Entdecken, Aktivieren, Erinnern, Aufdecken und Demonstrieren des urmenschlichen/vorlogischen Bewusstseins.” In Katie Geissinger und Allison Sniffin hat sie zwei kongeniale Sängerinnen gefunden; schon seit Jahrzehnten tritt sie mit ihnen zusammen auf. Intuitiv und absolut sicher finden diese drei zusammen – ganz ohne Noten, manchmal zart von Tastenklängen grundiert.  

Mit Standing Ovations für Meredith Monk endet dieses denkwürdige Konzert, das allen ein Lächeln ins Gesicht gezaubert hat. Diese Wirkung hat Marie-Anne Kuhl in ihrer Laudatio bei der Preisverleihung feinfühlig beschrieben: ”Wir ehren eine Künstlerin, die uns lehrt, anders zu hören. Anders zu denken. Anders miteinander in Resonanz zu treten.” Wer dieses Konzertereignis verpasst hat, kann Meredith Monk etwa auf den bahnbrechenden ECM-Alben “Dolmen Music”, “Turtle Dreams” oder ”Do You Be” (wieder) entdecken. Diese Zeilen habe ich auf dem Weg nach Frankfurt im ICE geschrieben. Dort wird am nächsten Morgen auf einer Pressekonferenz im Café Laumer das Programm der Lesereihe “Frankfurt liest ein Buch 2026” vorgestellt. Im Zentrum steht in diesem Jahr die autofiktionale Prosa “Gott und die Welt. Aufzeichnungen aus der Wiesenau” (Edition W) von Marie Luise Kaschnitz. An den Wänden des legendären Ortes im Westend, den Adorno, Horkheimer und Habermas schätzten, hängen heute Kitschbilder zum Kaufen, und Models arbeiten im Service.  

„In Gedenken an Holger Klotzbach“ (1946-2046). Katharine Mehrling auf der Bühne des „Tipi am Kanzleramt“ © Barbara Braun

Nichts bleibt, wie es ist, aber diese beiden Zelte in Berlin müssen bleiben. Gemeint sind die “Bar jeder Vernunft” und das “Tipi am Kanzleramt”, die Holger Klotzbach einst mit Lutz Deisingergegründet hat. Davor war der Tausendsassa, dessen Karriere als Lehrer der Radikalenerlass zunichte machte, beim “Circus Roncalli” aktiv, mit den 3 Tornados unterwegs und an der Gründung des “Schwarzen Café“ und des “Tempodrom” beteiligt. Der charismatische & großzügige Entrepreneur des intelligenten Entertainments hatte ein Händchen für seine Künstler:innenund das Publikum. Kurz vor seinem 80. Geburtstag starb Holger Klotzbach in Berlin. Die heiter-besinnliche Gedenkfeier zu seinen Ehren hätte ihm sicher Spaß gemacht und das Versprechen seines Mannes und Partners Eric Schmidt-Mohan beruhigt, alles dafür zu tun, dass die beiden Zelte bleiben, die nie einen Cent Subvention bekommen haben. Die “Bar” und das “Tipi” gehören inzwischen zu Berlin wie das Brandenburger Tor. Gut so! 

Just for Fun

Pawel Talankin wird Zeuge, wie radikal sich Schulen in Russland durch Wladimir Putins neue Politik der „patriotischen Erziehung“ verändern. © Frantisek Svatos

Die Party ist vorbei, die Oscars sind verteilt. Wir sichern uns sofort Tickets für “Hamnet”; Jessie Buckley spielt die Hauptrolle in diesem Film und bekam dafür den Oscar als BesteHauptdarstellerin. Ein “Muss fürs Bildungsbürgertum” (FRIZZ Das Magazin) haben wir nicht entdeckt, dafür eine rührselige, oft kitschige Geschichte, die nicht veranschaulichen kann, warum der Tod seines Sohnes Hamnet Shakespeare zu seiner Tragödie “Hamlet” motiviert haben könnte. Als bester Dokumentarfilm wurde “Mr. Nobody Against Putin” mit einem Oscar ausgezeichnet – eine ARTE-Koproduktion, die noch bis zum 29.04.2030 in der Mediathek zu sehen ist. Aus dem Material, das der Lehrer & Videograph Pawel Talankin an seiner Schule in der russischen Industriestadt Karabasch auf Anweisung der Regierung aufgenommen hat, entsteht eine bemerkenswerte Doku über die Politisierung des Schulalltags durch Propaganda seit Beginn der “Militärischen Spezialoperation” gegen die Ukraine. 

In seiner Dankesrede bei der Oscarverleihung findet der Regisseur des Films David Borenstein, der in Kopenhagen lebt und arbeitet, als einziger klare und nachdenkliche Worte. „’Mr. Nobody Against Putin handelt davon, wie man sein Land verliert. Und was wir bei der Arbeit mit diesem Filmmaterial festgestellt haben, ist, dass das durch unzählige kleine, unscheinbare Akte der Komplizenschaft geschieht. (…) Wenn wir uns mitschuldig machen, wenn eine Regierung Menschen auf den Straßen unserer Großstädte ermordet, wenn wir nichts sagen, wenn Oligarchen die Medien übernehmen und kontrollieren, wie wir sie produzieren und konsumieren können.’ Wir alle stünden vor einer moralischen Entscheidung – aber auch ein Niemand sei mächtiger, als man denke, so Borenstein.“ (Tagesspiegel, 17.03.26) Zumindest hat es in den USA im Moment den Anschein, als würden selbst bei Trump-Anhängern die Zweifel wachsen, ob die anhaltend erratische Politik ihres Präsidenten noch dem amerikanischen Volk dient. Offensichtlich wurden die militärischen und strategischen Optionen des Iran fahrlässig unterschätzt, offensichtlich treiben die Kriegskosten und die Strafzölle die Inflation an. 

Gibt es in Trumps Umfeld niemanden (mehr), der sich traut, den amerikanischen Präsidenten zur Räson zu bringen? Am letzten Wochenende äußerte er sich über die wichtige iranische Insel Charg, und sein Zynismus erreichte einen neuen Tiefpunkt: “Wir schlagen vielleicht noch ein paar Mal zu, einfach nur so zum Spaß.” Zumindest scheint Trump inzwischen zu begreifen, dass die Folgen und Kosten des Krieges gegen den Iran für ihn zum Problem werden. 1 Milliarde Dollar fallen täglich an, insgesamt möchte er die Freigabe des Kongresses für 200 Milliarden Dollar. Die humanitären, ökologischen und sozialen Folgen dieses Krieges lassen sich nicht ermessen. Die Energiepreise steigen, die Börsenkurse fallen, die Lieferketten stocken – es droht eine weltweite Rezession. Wer könnte Trump bremsen? Nur der chinesische Präsident Xi Jinping, der sich auffallend zurückhält und dessen Schiffe die Straße von Hormus noch passieren können. „Arrogante Soldaten verlieren sicher.“ (Chinesische Weisheit) 

Blasen

Darren Burrell verzaubert das Publikum mit Seifenblasen. © Rolf Hiller

Es braucht so wenig, um Menschen zu verzaubern. Seit 25 Jahren ist der US-Amerikaner Darren Burrell mit seiner Seifenblasen-Kunst unterwegs und fasziniert das Publikum in Frankfurt mit seinen Wunderwerken, die so schnell wieder vergehen. Das ist beim Varieté Frühling im Neuen Theater Höchst nicht anders. Wir schauen dem Meister zu, staunen über die Seifenblasen, die er mit leichter Hand erschafft, und vergessen für ein paar Stunden die bedrohliche Weltlage. Die anderen Artist:innen stehen ihm in nichts nach, aber an diesem Abend berührt mich Darren Burrell am meisten. Könnte nur alles so leicht sein! Zusammengestellt hat das Programm wieder die Berliner Künstleragentur Paulsen & Konsorten mit sicherem Gespür für Abfolge und Timing. Durch den Abend führen Rick van Nöten und Ferdinand Fachblatt, die sich “Die Lonely Husband” nennen. Die beiden spielen sich nicht nur als Conférenciers die Bälle zu, sie können herrlich und selbstironisch blödeln, singen, spielen Gitarre oder nehmen die Mythen der Country Music aufs Korn. 

Daran würde sich der amerikanische Präsident kaum erfreuen, der so gerne austeilt und über andere lacht. Da hätte es die Kunst seines Landsmanns Darren Burrell vermutlich schon leichter, solange Trump nicht dieselbe Assoziation zu Sprechblasen käme wie dem Autor dieser Zeilen. Klare Worte zur Strategie seines Krieges gegen den Iran sind jedenfalls bisher nicht zu hören. Im Weißen Haus wurde die Widerstandskraft des Mullah-Regimes falsch eingeschätzt. Ebenso hatten die amerikanischen Strategen offensichtlich nicht auf dem Schirm, dass es dem Iran gelingen könnte, die Straße von Hormus zu blockieren und damit weltweit die Energieversorgung zu gefährden. Wieder einmal profitiert Zar Putin von der Lage – Amerika hat das Embargo gegen russisches Erdöl (teil- und zeitweise) aufgehoben. Die weltweiten Reserven reichen nur drei Monate. Die Spritpreise gehen hierzulande schon jetzt durch die Decke, bei einer längeren Dauer des Krieges gegen den Iran wird in Deutschland die Inflation steigen und das erhoffte leichte Wirtschaftswachstum ausbleiben. 

Zumindest funktionierte die Probewarnung im Land Hessen diese Woche zuverlässig. Allerdings dürften nur Prepper auf einen Ernstfall vorbereitet sein. Welche Vorräte brauche ich? Wo gibt es Schutzräume? Was sollte man unbedingt mitnehmen? Vor Monaten habe ich mir beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe die Broschüre “Vorsorgen für Krisen und Katastrophen” bestellt, sie jetzt erst ausgepackt und mir die Lektüre fest vorgenommen. Im Berliner Inforadio werden gerade Kurbelradios verlost; so könnte man sich im Katastrophenfall, wenn Strom und Internet ausfallen, zumindest informieren. Trotzdem werden wir eine Powerbank besorgen und mal die Checkliste der Broschüre durchgehen. Hoffentlich unterstützen uns in einem Krisenfall die Ukrainer, die seit über vier Jahren dem russischen Angriffskrieg standhalten. Ihre Drohnen-Spezialisten sind in der Golf-Region unterwegs und dort sehr gefragte Gesprächspartner. Das hätte sich 2022 niemand vorstellen können. Das Leben in einer Blase kann lebensgefährlich sein. 

Falltüren

Eine Amerikanerin in Berlin: Tricia Tuttle leitet weiter die Berlinale. © Richard Hübner

Wäre eine Debatte, wie sie hier gerade um die Berlinale tobt, in Amerika derzeit möglich? Wäre es denkbar, dass im „The Donald J. Trump and The John F. Kennedy Memorial Center for the Performing Arts“ in Washington ein Preisträger in seiner Dankesrede die Vereinigten Staaten beschimpft, wie Abdallah Alkhatib es in Berlin tat. Er warf der Bundesregierung vor, sie sei am „Völkermord in Gaza“ beteiligt. Das ist (derzeit) undenkbar. Zum einen ist das Memorial Center auf Trumps Geheiß (Renovierung) für zwei Jahre geschlossen, zum anderen wagen nicht einmal “Freunde” wie Kanzler Merz, vor laufenden Kameras eine andere Meinung als die des amerikanischen Präsidenten auch nur anzudeuten. Um so wichtiger die Diskussionen vor und hinter verschlossenen Türen hierzulande, die nun zu dem Ergebnis geführt haben, dass Tricia Tuttle, die Intendantin der Berlinale, im Amt bleibt. Trotzdem hat Deutschlands größtes Kulturfestival – heuer wurden 340.000 Tics verkauft – Schaden genommen. Der Abstand der Berlinale zu Cannes und Venedig ist noch größer geworden. 

Die Kunst- und Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, aber die Leitung des Festivals muss einen Weg finden, auf Aussagen wie die von Alkhatib unmittelbar zu reagieren. Ein Verhaltenskodex, wie ihn der Kulturstaatsminister Wolfram Weimer fordert, dürfte das Problem nicht lösen und Unmut unter den Filmschaffenden hervorrufen. Einfacher und sinnvoller wäre es, wenn die Leitung der Berlinale unmittelbar nach provokanten Beiträgen Stellung bezieht und ganz deutlich macht, dass sie zur Meinungsfreiheit steht, nicht aber hinter jedem Wortbeitrag. Gleichermaßen sollte sie dem akkreditierten Journalisten Thilo Jung in die Parade fahren, der in den Pressekonferenzen einem Papagei gleich immer dieselbe Frage stellte, nicht nur der Jury: “Da die Bundesregierung einen ‘Genozid in Gaza’ unterstützt und zugleich Förderer der Berlinale ist, möchte ich wissen, ob Sie als Jury diese selektive Behandlung der Menschenrechte gutheißen.“ Womöglich macht seine Methode Schule und macht Pressekonferenzen zu Gesinnungsprüfungen. Dieser Instrumentalisierung durch Aktivisten muss die Berlinale einen Riegel vorschieben, sonst dürften künftig noch weniger Stars nach Berlin kommen. Es muss die Freiheit geben, seine Meinung nicht zu allen Themen zu äußern. 

Einer, der mit seiner Einstellung nicht hinter dem Berg hält, ist Sebastian Krämer, “der verschrobene Liedermacher, der auf geniale Weise Melancholie und abstrusen Humor verbindet” (WDR). Die Uraufführung seines neuen, fast dreistündigen Programms “Gesänge auf der Falltür” findet in der Berliner “Bar jeder Vernunft” statt. Er spielt geschickt mit der Metapher der Falltür, ist ein wahrer Gedächtniskünstler und feinsinniger Beobachter der Menschen auf seinen Reisen mit der Deutschen Bahn. Nur einmal wird der mehrmalige deutsche Meister im Poetry-Slam, der singt, Klavier und Ukulele spielt, explizit politisch. Er zitiert Tucholskys Wort “Soldaten sind Mörder” und versteigt sich zu der Pointe, Mörder hätten wenigstens ein Motiv. In Zeiten, wo das Völkerrecht nicht mehr zählt, muss man den Pazifismus neu bewerten. Alte, liebgewonnene Gewissheiten gelten nicht mehr. Plötzlich ging die Falltür doch noch auf. Das Publikum klatscht begeistert. Draußen in der Nacht dreht sich die Welt bar jeder Vernunft weiter. 77 % der Deutschen empfinden die aktuelle weltpolitische Lage als bedrohlich, meldet der aktuelle ARD-DeutschlandTrend.