Frühlingsprojektionen

© Richard Duijnstee auf Pixabay

Früh auf, aber heute beginne ich den Tag in Stille. Kein Radio, kein Blick aufs Handy, keine News. Einst gab es zum schnellen Austausch nur das Telefon, heute kommunizieren wir per Mail, mit unterschiedlichen Messengerdiensten oder in Video-Calls. Schon ewig habe ich kein längeres privates Telefonat mehr geführt. Nach einem langen Tag am Rechner suchen viele Menschen persönliche Begegnungen und Erlebnisse. Allenthalben wird dazu geraten, offline zu gehen, wenn man effektiv und konzentriert arbeiten will, und bei Veranstaltungen gehört das Handy in den Flugmodus. Nicht erreichbar zu sein, scheint viele Menschen zu stressen. Neulich hörten wir das herrliche Streichquartett Nr. 8 c-moll von Dimitri Schostakowitsch. Neben mir sitzt eine junge Frau, die unablässig mit ihrem Handy beschäftigt ist. Erst auf die Bitte meiner Lektorin, schaltet sie ihren digitalen Zwilling aus, ihre Mimik verrät Unverständnis. Warum müssen sie an einer sehr leisen Stelle eine Bonbontüte öffnen? Warum gehen solche Leute in ein Konzert?
 
„Der Mensch ist dem Menschen ein Rätsel.“ Diese Wahrheit ohne Urheberschaft kommt mir oft in den Sinn. Warum lässt die Wirtschaftsministerin Katharina Reiche (CDU) ihren Dienstwagen nach München fahren und nimmt das Flugzeug? Am Ziel nutzte sie ihn dann dienstlich für 31 km und noch einmal 130 km für Privatfahrten. Anschließend fuhr die Limousine ohne sie zurück nach Berlin. Von einer solchen Ministerin kann man keine Einsicht in die Klimaerwärmung erwarten und ein Tempolimit schon gar nicht. Durch die Sperrung der Straße von Hormus haben sich die Kosten für Energie dramatisch verteuert, und ein Ende der von Trump ausgelösten Krise ist derzeit nicht in Sicht. Strategisch und ökologisch gibt es keine Alternative zum Ausbau regenerativer Energien, nicht aber in Reiches Weltbild; die Leerfahrten stehen pars pro toto. Das Kabinett Merz, das noch nicht einmal ein Jahr regiert, hat auf die Energiekrise so wenig eine schlüssige Antwort wie auf die anhaltende Schwäche- und Stagnationsphase der deutschen Wirtschaft seit 2019; die Frühjahrsprognosen der Bundesregierung sind ernüchternd.
 
Probleme, wohin man schaut. Um so fahrlässiger, wenn Kanzler Friedrich Merz dann mal wieder einen raushaut und davon spricht, die gesetzliche Rentenversicherung werde künftig allenfalls noch als „Basisabsicherung“ im Alter dienen. Das mag auf lange Sicht zwar so kommen, politisch klug ist es nicht, einen solchen Begriff zu verwenden. “Das ist eine Kampfansage – an die SPD samt ihrer letzten treuen Wählergruppe und die gesetzliche Rentenversicherung”, konstatiert die taz. “Ein Konzept für die schwarz-roten Reformen gibt es vom Kanzler bislang nicht. Die Methode Merz ist: knallige Ansagen in Hauptsätzen, denen später oft recht viele Relativsätze folgen, die den entstandenen Schaden einhegen sollen. Wenn das so weitergeht, könnte sogar etwas Unvorstellbares passieren: Die Geduld der SPD könnte an ihr Ende kommen.“ (22.04.26) Sollte diese Koalition, die aktuell keine Mehrheit mehr hätte, scheitern, wären die Folgen nicht zu ermessen.  

Budapest

Das Parlamentsgebäude in der ungarischen Hauptstadt. © Pierre Blaché auf Pixabay

Auf nach Budapest. Spontan waren wir uns nach dem überwältigenden Wahlsieg von Péter Magyar über den amtierenden Präsidenten Viktor Orbán einig, dass wir im Herbst nach Ungarn fahren wollen. Bis spät am Sonntagabend hatte ich die Wahl in den Nachrichten verfolgt, aber erst am nächsten Morgen stand das Ergebnis fest. Erinnerungen werden wach. 1970 war ich schon einmal in Ungarn. Mein Vater war dort auf einem anthropologischen Kongress; meine Mutter, meine kleine Schwester und ich durften ihn begleiten. Als West-Touristen wurden wir in einem luxuriösen Hotel untergebracht, das wir uns in der BRD niemals hätten leisten können. Beim Abendessen becircte der erste Geiger einer Gypsy Band meine Mutter, man hofierte uns, weil wir mit D-Mark bezahlten. Unweit des Hotels lebten Menschen in dunklen Kellern. Ein ungarischer Kollege des Vaters, den ich sehr mochte, saß nach dem Ungarischen Volksaufstand 1956, den die sowjetische Volksarmee niederschlug, einige Jahre im Gefängnis.
 
Nun schickt sich Péter Magyar – er war früher Mitglied der Fidesz Partei von Viktor Orbán – an, mit seiner Respekt- und Freiheitspartei (TISZA) das System in Ungarn wieder in einen demokratischen Rechtsstaat umzugestalten. Bekanntlich hatte Orbán die Justiz und die Medien gleichgeschaltet und Gefolgsleute auf allen wichtigen Positionen in Staat, Gesellschaft und Wirtschaft eingesetzt; er und seine Meute haben dabei natürlich einen ordentlichen Schnitt gemacht. Das Aufatmen im demokratischen Europa war spürbar, doch wäre es fahrlässig, jetzt einfach zur Tagesordnung überzugehen. Die autoritäre Transformation eines EU-Mitglieds hatten die Regierungschefs einst nicht bedacht; es gibt dagegen nur schwache Sanktionsmöglichkeiten. Um so wichtiger, jetzt zügig die Aufhebung des Einstimmigkeitsprinzips und die Möglichkeit des Stimmrechtsentzugs anzugehen. Zwei Clicks ernüchtern indes – diese Änderungen sind fast nicht möglich. Die EU wurde, was Deutschland einst war und vielleicht heute noch ist: wirtschaftlich ein Riese und politisch ein Zwerg.
 
Die Wahlkampfunterstützung des amerikanischen Vizepräsidenten JD Vance in Budapest für Viktor Orbán war ein ungeheuerlicher Vorgang, blieb aber ohne Erfolg. Man stelle sich vor, wie Donald Trump ausrasten würde, wenn der stellvertretende Bundeskanzler Lars Klingbeil bei einer Wahlveranstaltung der Demokraten für die Midterms (Zwischenwahlen) zur Abwahl der Republikaner aufrufen würde. JD Vance, der 2019 der Katholischen Kirche beigetreten ist, könnte vielleicht der erste amerikanische König werden. Diese Spekulation wurde im Abspann zum hörenswerten und sehr erfolgreichen Podcast “Die Peter Thiel Story” (Deutschlandfunk) angestellt. Mit der Politik ihres Präsidenten sind die Amerikaner:innen zunehmend unzufrieden. Die Mehrheit lehnt den Krieg gegen den Iran ab, der bis Mitte April zwischen 30 und 55 Milliarden Dollar gekostet hat; zudem haben sich die Preise – anders als von Trump versprochen – merklich verteuert. Das letzte Wort gehört heute dem klugen Papst Leo XIV: „Die Welt wird von einer Handvoll Tyrannen zerstört und von Myriaden solidarischer Brüder und Schwestern aufrechterhalten.“ Wer wollte ihm widersprechen! 

Widersprüche

David Soares als Nurejew am Staatsballett Berlin © Carlos Quezada

Was für ein Leben! Geboren wurde Rudolf Nurejew wahrscheinlich am 14. März 1938 in der Transsibirischen Eisenbahn. Schon während seiner Ausbildung fällt sein außerordentliches Talent als Tänzer auf, danach wird er Mitglied des Leningrader Kirow-Balletts. Seine Auftritte müssen ein Ereignis gewesen sein. “Gleichzeitig gilt er als rebellisch, verändert seine Kostüme eigenmächtig, wehrt sich gegen das Tragen von Perücken, sucht nach eigenen Rolleninterpretationen und verändert Schritte in den von ihm getanzten Variationen”, lesen wir in dem vorzüglichen Programmheft. 1961 bittet er nach einem Gastspiel in Paris um politisches Asyl. Dieser Künstler fasziniert noch immer, und so ist es kein Wunder, dass alle Vorstellungen von “Nurejew” ausverkauft sind. Dem Intendanten des Staatsballett Berlin, Christian Spuck, ist damit ein echter Coup gelungen, denn das Stück, das 2017 in Moskau Premiere feierte und 2022 wegen verschärfter LGBTQ-Gesetze abgesetzt wurde, war noch nie außerhalb von Russland zu sehen. Der Vorverkauf für die Tickets 2027 beginnt am 08.05.26.
 
Ein Leben in eine Choreografie zu pressen ist nicht möglich. Kirill Serebrennikov nutzt in seiner Inszenierung als roten Faden die Auktionen, auf denen der Nachlass von Nurejew versteigert wurde. Das Libretto (Odin Lund Biron) wird ergänzt durch Bilder und Filme, kann aber nur knapp Stationen dieses ungewöhnlichen Lebens beleuchten. Die Choreografien von Yuri Possokhov werden vom Publikum bejubelt; trotzdem bleibt in diesem “Gesamtkunstwerk” die vielschichtige Person Nurejew unscharf, insbesondere seine lange Arbeits- und Liebesbeziehung zu dem dänischen Tänzer Erik Bruhns. Das mag an dem schönen und immer perfekt tanzenden David Soares als Nurejew liegen, ist aber wahrscheinlich gar nicht anders zu machen. In der letzten Szene dirigiert ein vom nahen Tod (Aids) gezeichneter Nurejew das Orchester immer weiter, als die Musik schon längst verklungen ist. Wenn dann der Vorhang in der Deutschen Oper Berlin (mit 1.859 Plätzen das zweitgrößte Haus der Republik) fällt, gibt es tosenden Applaus und Standing Ovations.
 
“Kunst braucht Widerspruch, um sich vorwärtszuentwickeln”, hat der Popstar des modernen Tanzes einmal gesagt. Damit hätte er Jean-Luc Godard aus der Seele gesprochen, der mit seinem Debüt “Außer Atem” das Kino revolutionierte. Richard Linklater zeigt in “Nouvelle Vague” die schier unglaubliche Geschichte der Entstehung dieses Films und en passant die Zeit des Existentialismus in Paris. Wie viele andere später bedeutende Regisseure (François Truffaut, Claude Chabrol) hat Jean-Luc Godard bei der einflussreichen französischen Filmzeitschrift “Cahier du cinéma” gearbeitet und bekommt dann die Chance, seinen ersten Spielfilm zu drehen. Er machte buchstäblich alles anders – es gab kein Drehbuch, keine Skripte für die Schauspieler:innen, keine festen Tagespläne. Manchmal war nach zwei Szenen Schluss, manchmal sagte er den Dreh ab, wenn er nicht gut drauf war. Ein radikaler, exzentrischer Erneuerer des Kinos, der die Wahrheit des Moments aufspüren wollte. Mit “Außer Atem” wurde Jean Seberg zur Kultfigur der Nouvelle Vague und begann die Filmkarriere des Boxers Jean-Paul Belmondo. Godard sei Dank! 
 

84 Jahre später 

Die Marienkirche in Lübeck © Karl Grünkopf

Auf nach Lübeck mit Freunden & Freude. Die Hansestadt in Schleswig-Holstein hat knapp 220.000 Einwohner und gilt als “Stadt der sieben Türme”. Unser Hotel liegt zentral, nur ein paar Schritte von der wunderschönen Marienkirche entfernt. Bei der Besichtigung erfährt man, dass die Kirche 1942 in der Nacht auf Palmsonntag bis auf die Mauern ausbrannte, ein Fünftel der Innenstadt wurde bei diesem Angriff zerstört. Bruno Fendrich war der einzige Architekt, der bereit war, den Wiederaufbau der Marienkirche ab 1947 zu übernehmen. Wir staunen über diesen Schwarzmeerdeutschen, der in Sartana (Ukraine) geboren wurde, sich schon mit 15 zur russischen Marine meldete, später als Hafenarbeiter sein Geld verdiente, um an der Technischen Hochschule Danzig Architektur zu studieren. Am diesjährigen Palmsonntag gehe ich noch einmal zur “Mutterkirche der Backsteingotik” (Wikipedia) und versuche mir vorzustellen, wie es hier wohl ausgesehen hat vor 84 Jahren nach den Luftangriffen der Engländer.
 
Natürlich machen wir eine literarische Stadtführung auf den Spuren von Heinrich und Thomas Mann und erfahren, dass die beiden Schriftsteller von Weltgeltung in der Schule eher negativ auffielen. Thomas – er bekam 1929 den Nobelpreis für “Die Buddenbrooks” – blieb dreimal sitzen und ging am Ende ohne Abitur ab; seine Kindheit beschrieb er als “gehegt und glücklich”. Beide Brüder hielt der Vater für nicht geeignet, seine Firma zu übernehmen und verfügte, dass nach seinem Tod Unternehmen und Wohnhaus verkauft werden sollten. Der Niedergang nahm seinen Lauf, die Familie zog nach München, zwei Schwestern begingen später Suizid. Derzeit befindet sich das im Krieg bis auf die Fassade zerstörte “Buddenbrookhaus” in einem beklagenswerten Zustand; die Sanierung wird noch Jahre dauern. Wieder zurück schauen wir uns den hoch gelobten und prominent besetzten Fernseh-Dreiteiler “Die Manns” (2001) von Heinrich Breloer an; diese ARD-Produktion gibt es erstaunlicherweise nur bei Amazon. 

Wie in fast allen deutschen Städten haben der Zweite Weltkrieg und der Wiederaufbau in Lübeck Spuren hinterlassen. Und heute wird der Strukturwandel in den Cities an jeder Ecke sichtbar. Karstadt und andere monströse Betonbauten stehen leer, Filialisten und Billigketten prägen die Fußgängerzonen; Döner, Pizza, Sushi gibt es alle paar Meter, und nach Marzipan muss man hier nicht allzu lange suchen. Aber wir entdecken hervorragende und gut besuchte Restaurants, die nur leider nicht den berühmten in Lübeck gekelterten Rotspon ausschenken. Wie im Fluge verging unser Wochenende, die Rückreise nach Berlin dauert sechs Stunden. In Ahrensburg müssen wir mit einem Bus weiter nach Hamburg fahren – durch die endlose Tristesse von sauberen Vorstädten und immer gleichen Fachmarkzentren, geplant nicht für Menschen, sondern für Autos. Diese Fixierung kommt uns durch Trumps Angriffskrieg auf den Iran nun teuer zu stehen. Zumindest die deutsche Wirtschaftsweise Veronika Grimm plädiert für ein Tempolimit auf Autobahnen, mit dem sich gleich noch CO₂‑Emissionen senken ließen. Wir kommen wieder nach Lübeck. Natürlich mit der Bahn!