
Wir kommen entspannt in dem kleinen Jazzclub Donau 115 in Berlin Neukölln an; zwei Plätze in der dritten Reihe hat uns ein Freund noch reserviert. Das Konzert könnte losgehen, allein der Bassist ist noch mit dem Taxi unterwegs, verrät der Bandleader Gebhard Ullmann vollkommen entspannt. Oliver Potratz kommt aus Bremen, der Bassist hatte dort auf der jazzahead! einen Auftritt. Dann ist Basement Berlin, das neue Projekt von Ullmann, vollständig – und ab geht’s. Der umtriebige Komponist hat eine feine Gruppe beisammen: neben ihm am Saxophon stehen Silke Eberhard (as, bcl) und der Posaunist Jérôme Bugnon auf der winzigen Bühne. Kaum zu sehen, aber ungemein vielseitig trommelt die junge Schlagzeugerin Mia Ohlmeier. Dieses hochkarätig besetzte Quintett spielt zwei Sets und begnügt sich mit einer Mindestspende von 10 Euro. Viel dürfte für die Gruppe im Hut nicht zusammengekommen sein – nicht einmal fünfzig Jazz-Fans sind an dem milden Frühlingsabend gekommen. Mehr finden in der Donau 115 ohnehin kaum Platz.
Das Warten auf den Bass hat sich jedenfalls gelohnt. Ich bleibe auf meinem Platz sitzen, mache nichts und lasse die Gedanken schweifen. Letztlich wissen alle, dass es so nicht weitergehen kann – Deutschland hat nur eine Zukunft, wenn endlich die seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten anstehenden Reformen angepackt werden. Es hat nicht den Anschein, als hätte die aktuelle Bundesregierung das Format und die Kraft, die Lage in deutschen Landen schonungslos zu analysieren und eine Agenda 2040 aufzustellen. Das habe ich an dieser Stelle vor einem halben Jahr notiert und nicht zum ersten Mal eine Strategie angemahnt. „Gesundheits-, Renten- und Steuersysteme flott machen”, kommentiert die Augsburger Allgemeine etwa diese Woche, “die Wirtschaft wieder konkurrenzfähig, Wohnen, Heizen und Autofahren bezahlbar, die Bundeswehr verteidigungstüchtig, Grenzen und Innenstädte sicher – die ganz große Mehrheit der Menschen im Land wünscht sich das. (…) Nichts ist es mit dem versprochenen großen Reformpaket aus einem Guss, stattdessen Stückwerk und Streit wie zu schlimmsten Ampelzeiten“. (27.04.26)
Diese Woche war ich wieder in unserem Kasseler Büro und stellte meinem Team natürlich die Frage, die derzeit viele Kulturinteressierte umtreibt: Was hört man denn von der documenta 16, die vom 12. Juni bis 19. September 2027 stattfinden wird. “Nichts” war die knappe Antwort und dabei wollen wir in der Juni-Ausgabe ein Interview mit der künstlerischen Leiterin Naomi Beckwith machen. Nicht nur FRIZZ Das Magazin für Kassel muss warten – niemand bekommt derzeit einen Termin. Ist dieses Schweigen klug? Nach der “Antisemita” (Der Spiegel) 2015 wäre Kommunikation und Transparenz sicherlich angezeigt. Nicht nur die Hessisch Niedersächsische Allgemeine aus Kassel ist irritiert. “Was passiert in der neuen Kunstausstellung? – documenta-Leiterin schweigt” titelt die HNA am 30.04.26, aber ihr Autor Mark Christian von Busse zeigt durchaus Verständnis: “Sicher ist es klug, erst an die Öffentlichkeit zu gehen, wenn die Dinge spruchreif sind, keine halbgaren Überlegungen zu kommunizieren. Gleichzeitig weiß Beckwith sicher, wie sehr Kunstszene, Politik und Medien auf jedes ihrer Worte gieren. Und dass sie ihre Äußerungen immer im Lichte der die Kulturwelt zerreißenden Antisemitismus-Debatte diskutieren würden.” Glückauf Naomi Beckwith!
