Stoppt den Wahnsinn!

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Thomas Ostermeier inszeniert an der Berliner schaubühne „Jugend ohne Gott“ von Ödön von Horvath. © Arno Declair

Vor zwei Wochen habe ich die neuerliche Debatte um das Tempo-Limit auf deutschen Autobahnen angestoßen, die nun von der neuen SPD-Vorsitzenden Saskia Esken vehement vorangetrieben wird. Gut so! Natürlich meldet sich reflexartig die deutsche Autolobby zu Wort, allen voran Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (warum ist der eigentlich immer noch im Amt?), FDP-Chef Christian Lindner und natürlich wie immer die FAZ. Die ewig alten Argumente werden bemüht, dabei gibt es zum Wahnsinn auf deutschen Autobahnen vernünftigerweise keine Alternative als ein Tempo-Limit. Der Verkehr rollt gleichmäßiger, und wir können, ohne einen Cent mehr auszugeben, ca. 5 Mio. Tonnen COeinsparen. Aber die Auto-Narren halten mit ihren Argumenten von gestern am deutschen Sonderweg in Europa fest. Freie Fahrt für freie Bürger.

Wahn, Wahn, Wahn, wohin man auch blickt. Eines der „Bilder des Jahres“ zeigt einen Stau ganz anderer Art: Bergsteiger bilden eine lange Kette beim Anstieg auf den Mount Everest. Der höchste Punkt der Welt als touristischer Hot Spot. Das hätten sich Edmund Hillary und Tenzing Norgay nach ihrer Erstbesteigung am 29. Mai 1953 wohl nicht einmal albträumen lassen. Nicht minder schockierend ist der Müllexportismus nach Malaysia, über den heuer mehrfach berichtet wurde. Brav trennen wir den Müll und schmeißen alles Plastik in die Gelbe Tonne. Warum eigentlich? 130.000 Tonnen wurden 2018 nach Malaysia verschifft (DB mobil 11/2019)! Problem für uns gelöst, alles so schön getrennt hier.

Für die Populisten dieser geschundenen Welt gibt es keine Erderwärmung und natürlich auch sonst keine Probleme, für die wir verantwortlich sind. Allenthalben ist vom Zusammenbruch der Demokratie und der Zivilgesellschaft die Rede. Das ist auch Thema des Romans „Jugend ohne Gott“ von Ödön von Horvath. Der Schriftsteller, der bis Mitte der 1930er Jahre unter Pseudonym weiter im Nationalsozialismus publizierte, verarbeitet darin seine eigene Geschichte, enthistorisiert sie aber gleichzeitig. „Jugend ohne Gott“ spielt in einer nicht näher bestimmten Diktatur und verhandelt dort das Dilemma Anpassung und Zivilcourage. Thomas Ostermeier setzt die Vorlage in der Berliner schaubühne getreulich um, aber ihm gelingt keine dringend gebotene Aktualisierung. Der Rechtspopulismus ist schon viel wirkmächtiger in Deutschland als diese Aufführung erzählt. Das ist nicht bloß das Problem des Theaters!

Zeitmaschine

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Die Hoffnung stirbt zuletzt: Daniel Auteuil in „Die schönste Zeit unseres Lebens“. © Constantin Film Verleih GmbH

Schön war die Jugend, sie kehrt nie mehr zurück, sangen die Großeltern einer Freundin glück- und weinselig. 1974 konnte ich mit diesem Lied nicht viel anfangen. Die Jugend war jetzt, das Abi in der Tasche. Würde ich mich auch auf das Spiel einlassen, mich in eine Zeit meiner Wahl zurückbeamen zu lassen. In eine perfekt nachempfundene Kulisse, mit Schauspieler*innen, die das Leben meiner Freunde darstellen. Aus dieser Illusion wird eine neue Realität, wie der wunderbar leichte, wunderbar tiefe Film „Die schönste Zeit unseres Lebens“ von Nicolas Bedos erzählt. Zurück auf Los geht aber nicht, die verführerische Flamme (Doria Tillier) von einst ist eine Schauspielerin, die ihren Job macht. Victor (Daniel Auteuil) besinnt sich auf die Hoffnungen seiner Jugend: aus einem resignierten Zausel wird wieder ein neugieriger, lebensbejahender Mann. Der Zauber von einst kehrt zurück; auch das schöne Hippiemädchen, das seine Frau (Fanny Ardant) wurde. Beschwingt verlassen wir den Berliner Zoo-Palast: solche Filme kriegen wir Grübler nicht hin, aber die Franzosen. Bravo für den poetischsten Film des Jahres!

Mit einem Konzert (Auf der Suche) des derzeit von Erfolg zu Erfolg spielenden Pianisten Michael Wollny hat das musikalische Jahr begonnen, mit einem viertägigen Gastspiel seines Special Projects im Berliner „A-Trane“ endet es. Vor Wochen schon hatte ich Karten bestellt und für das dritte Konzert doch nur Stehplätze (35 €) bekommen. Dicht drängt sich das Publikum, es wird immer schwüler. Kurz vor der Pause reiße ich meinen Pullover runter – und flüchte schweißgebadet durch die Menge ins Freie. Endlich Luft, endlich Besinnung – und Enttäuschung. Denn Wollny – ohne Frage der vielseitigste Musiker der aktuellen Szene – setzt bei diesem Auftritt zu sehr auf Synthesizer & Rechner und spielt kaum Klavier. Christian Lillinger, der Schlagzeuger der Stunde, hat damit kein Problem; auch Tim Lefebvre (E.Bass) behauptet sich mühelos im Maschinengebrodel, das auf Dauer sehr monoton wird. Der wunderbare Sopransaxophonist Emile Parisien kann sich dagegen nicht behaupten. Schade!

Wir können nicht bis zum Ende bleiben und bedauern es nicht. Vor genau drei Jahren saßen wir im „Haus der Berliner Festspiele“ und sahen das Stück „Palermo. Palermo“ von Pina Bausch. „Nach der Pause“, notierte ich damals, „kam die Wirklichkeit ins Theater. In Windeseile verbreitete sich im Publikum die Nachricht vom Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz, den ich per Rad um 16.30h passiert hatte. Unruhe. Einige verlassen die Vorstellung. ‚Es sind neun Menschen gestorben‘, rief eine junge Frau empört und ging. Andere folgen. ‚Palermo. Palermo‘ erreichte mich noch weniger. Zumindest die Szene mit Pistolen hätte man spontan streichen sollen. Nach der Vorstellung sprach der Intendant Thomas Oberender (ein bisschen zu viel), und das Publikum schwieg. Niemand hustete. Danach der mediale Overflow. Wie immer. Wir müssen weiter leben. Wir wollen weiter leben. So!“ Morgen ist der kürzeste Tag des Jahres. Wieder einmal.

 

 

 

 

 

 

 

 

Ende einer Welt

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Trutzburg einer Welt von gestern direkt an der vierspurigen Bundesallee in Berlin-Wilmersdorf.© Karl Grünkopf

„Angesichts der unverantwortlichen Haltung, die der ADAC bei der Diskussion um eine Tempolimitierung auf den Bundesautobahnen einnimmt, ist mir eine weitere Mitgliedschaft in Ihrem Club aus moralischen Gründen nicht möglich.“ Mein Schreiben datiert vom 28.02.1974 und wurde vom ADAC wortreich beantwortet. Überzeugen konnten mich die Argumente nicht, und seither bekomme ich auch die ADAC Motorwelt nicht mehr zugeschickt. Die findet jetzt kein Mitglied mehr in seinem Briefkasten. Im neuen Jahr gibt’s das Zentralorgan der Automobilisten nur noch einmal im Quartal; dafür müssen die in einen Netto-Markt oder in eine Clubfiliale fahren: dort können sie ihr Magazin dann abholen. Damit einher geht eine massive Reduzierung der Auflagen. Der reiche Verein muss sparen.

Ging es damals um die Sicherheit im Straßenverkehr, geht es heute in erster Linie um die  Umwelt. Greenpeace schätzt, dass mit einem Tempolimit in Deutschland bis zu 5 Millionen Tonnen COeingespart werden können, ohne dass diese Maßnahme auch nur einen Cent kosten würde. Was den Amerikanern die Schusswaffen, sind den Deutschen ihre schnellen Autos. Selbst Die Grünen wollen diese heilige Kuh nicht ernsthaft schlachten, niemand traut sich, diesen deutschen Sonderweg zu beenden, die Auto-Kanzlerin erst recht nicht. In allen anderen Ländern dieser Welt rollt der Verkehr entspannter & klimafreundlicher, wir rollen bei Fahrten im Ausland einfach mit und finden es dann ganz toll.

Für eine Reduzierung des CO2-Verbrauchs sind mittlerweile alle: es soll sich nur nichts ändern, und kosten darf es auch nichts. Natürlich auch die Freunde von der SPD, die traditionell gute Beziehungen zur Arbeiterwohlfahrt (AWO) pflegen. Die unglaublichen Verhältnisse in den Kreisverbänden Frankfurt und Wiesbaden erschüttern derzeit die Glaubwürdigkeit dieses Verbandes der Freien Wohlfahrtspflege im Rhein-Main-Gebiet – und finden bundesweit Beachtung. Ohnehin schon fürstlich entlohnte Führungskäfte bekamen noch Dienstwagen mit vielen hundert PS gestellt und schrieben nebenbei noch fette Honorar-Rechnungen. Auch die Frau des Frankfurter OB Peter Feldmann, der seine Brötchen einst bei der AWO verdiente, profitiert von dieser Wohlfahrt in eigener Sache. Ihr Gehalt als Leiterin einer KITA ist überdurchschnittlich hoch, und sie fährt einen Dienstwagen; davon will ihr Mann überhaupt nichts bemerkt haben.  Sein SPD-Kollege in Hannover, Stefan Schostok, ist über eine ähnliche Affäre gestolpert und muss jetzt seinen Ruhestand genießen. Hochmut kommt vor dem Fall. Welcome to Small Britain, Mr. Johnson!

Vom Weg abgekommen

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Die Hoffnung stirbt zuletzt. „Glauben an die Möglichkeiten der völligen Erneuerung der Welt“ im Friedrichstadt-Palast. © William Minke

Die Premiere am 6. März 1853 in Venedig muss ein unglaubliches Ereignis gewesen sein: eine Kurtisane mit Tuberkulose in der Hauptrolle. Nach anfangs mäßigem Zuspruch hat sich Giuseppe Verdis Oper „La Traviata“ zu einer der erfolgreichsten Musikdramen aller Zeiten entwickelt; jede*r hat die Ohrwürmer dieses Werkes schon einmal gehört. Um so größer sind die Erwartungen an eine Neuinszenierung; in der Komischen Oper Berlin fällt der Regisseurin Nicola Raab allerdings nicht viel ein. Violetta ist eine Sexarbeiterin, die sich in den Stoff der Vergangenheit träumt. Ein paar Rechner & Handys als Symbole unserer Zeit, ansonsten singen & spielen alle nebeneinander – ohne erkennbare Regie. So spielt auch das Orchester an diesem Abend – ohne Feuer & Leidenschaft. Violetta (Natalya Pavlova) und Giorgio (Günter Papendell) singen wunderbar, können aber eine Inszenierung nicht retten, die von Beginn an vom Weg abgekommen ist.

Um so gespannter sind wir auf „Glauben an die Möglichkeiten der völligen Erneuerung der Welt“ im Friedrichstadt-Palast Berlin. Auf der riesigen Bühne haben der künftige Intendant der Berliner Volksbühne René Pollesch, den man gemeinhin dem Diskurstheater zuschlägt, und der Schauspieler Fabian Hinrichs ein Stück mit Tänzer*innen inszeniert. Im goldigen Einteiler monologisiert er über eine fürchterliche Kindheit und eine nicht minder deprimierende Jetztzeit – „der Kapitalismus ist auch kein Zuhause“. Wer wollte solch trivialen Einsichten, die jeder Dorfkabarettist witziger auf den Punkt bringt, widersprechen. Mal gruppiert sich um Hinrichs die Chorus Line des Friedrichstadt-Palastes, mal darf man über die Bühnentechnik staunen, am Ende schwebt er durch den Raum und findet in der Apotheose des Lichtes doch noch Hoffnung. Banaler geht’s nimmer, und das Publikum klatscht zufrieden im voll besetzten Haus (bis Januar sind alle Termine ausverkauft).

Klima oder Kohle. Quo vadis SPD? Da ich diese Zeilen schreibe, ist die neue Doppelspitze mit Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans schon gewählt. Sie haben sich bekanntlich in einem quälend langwierigen Verfahren durchgesetzt. Von Aufbruchstimmung geht jetzt die Rede, man sei eine Volkspartei und strebe bei der nächsten Bundestagswahl über 30% an. Von wem die kommen sollen, steht dahin, wenn sich schon bei der Mitgliederbefragung zur Besetzung der Parteispitze nur die Hälfte beteiligen wollte. Die SPD hat die Lehrerzimmer an die Grünen verloren und die Werkbänke an die AfD, analysiert der FDP-Vorsitzende Christian Lindner schonungslos. Genau das ist das Problem der guten, alten Tante SPD: Ist sie die Partei der kleinen Leute oder der urbanen Eliten. Wer nicht weiß, wie er über die Runden kommt, dem ist das Klima egal. Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral. Da hat Bertolt Brecht einmal recht gehabt.