Vom Weg abgekommen

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Die Hoffnung stirbt zuletzt. „Glauben an die Möglichkeiten der völligen Erneuerung der Welt“ im Friedrichstadt-Palast. © William Minke

Die Premiere am 6. März 1853 in Venedig muss ein unglaubliches Ereignis gewesen sein: eine Kurtisane mit Tuberkulose in der Hauptrolle. Nach anfangs mäßigem Zuspruch hat sich Giuseppe Verdis Oper „La Traviata“ zu einer der erfolgreichsten Musikdramen aller Zeiten entwickelt; jede*r hat die Ohrwürmer dieses Werkes schon einmal gehört. Um so größer sind die Erwartungen an eine Neuinszenierung; in der Komischen Oper Berlin fällt der Regisseurin Nicola Raab allerdings nicht viel ein. Violetta ist eine Sexarbeiterin, die sich in den Stoff der Vergangenheit träumt. Ein paar Rechner & Handys als Symbole unserer Zeit, ansonsten singen & spielen alle nebeneinander – ohne erkennbare Regie. So spielt auch das Orchester an diesem Abend – ohne Feuer & Leidenschaft. Violetta (Natalya Pavlova) und Giorgio (Günter Papendell) singen wunderbar, können aber eine Inszenierung nicht retten, die von Beginn an vom Weg abgekommen ist.

Um so gespannter sind wir auf „Glauben an die Möglichkeiten der völligen Erneuerung der Welt“ im Friedrichstadt-Palast Berlin. Auf der riesigen Bühne haben der künftige Intendant der Berliner Volksbühne René Pollesch, den man gemeinhin dem Diskurstheater zuschlägt, und der Schauspieler Fabian Hinrichs ein Stück mit Tänzer*innen inszeniert. Im goldigen Einteiler monologisiert er über eine fürchterliche Kindheit und eine nicht minder deprimierende Jetztzeit – „der Kapitalismus ist auch kein Zuhause“. Wer wollte solch trivialen Einsichten, die jeder Dorfkabarettist witziger auf den Punkt bringt, widersprechen. Mal gruppiert sich um Hinrichs die Chorus Line des Friedrichstadt-Palastes, mal darf man über die Bühnentechnik staunen, am Ende schwebt er durch den Raum und findet in der Apotheose des Lichtes doch noch Hoffnung. Banaler geht’s nimmer, und das Publikum klatscht zufrieden im voll besetzten Haus (bis Januar sind alle Termine ausverkauft).

Klima oder Kohle. Quo vadis SPD? Da ich diese Zeilen schreibe, ist die neue Doppelspitze mit Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans schon gewählt. Sie haben sich bekanntlich in einem quälend langwierigen Verfahren durchgesetzt. Von Aufbruchstimmung geht jetzt die Rede, man sei eine Volkspartei und strebe bei der nächsten Bundestagswahl über 30% an. Von wem die kommen sollen, steht dahin, wenn sich schon bei der Mitgliederbefragung zur Besetzung der Parteispitze nur die Hälfte beteiligen wollte. Die SPD hat die Lehrerzimmer an die Grünen verloren und die Werkbänke an die AfD, analysiert der FDP-Vorsitzende Christian Lindner schonungslos. Genau das ist das Problem der guten, alten Tante SPD: Ist sie die Partei der kleinen Leute oder der urbanen Eliten. Wer nicht weiß, wie er über die Runden kommt, dem ist das Klima egal. Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral. Da hat Bertolt Brecht einmal recht gehabt.

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