Tennisschläger & Kanonen

Die DVD-Boxen der Kultserie von KINOWELT sind noch gebraucht im Handel.

In den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts lief im Fernsehen eine sehr erfolgreiche Serie. Zwei Agenten, Bill Cosby und Robert Culp, waren als Tennisprofis getarnt weltweit unterwegs, die Serie gilt als Parodie auf das Genre. Vielleicht hat der Regierende Bürgermeister von Berlin Kai Wegner (*1972) “Tennisschläger und Kanonen” als Jugendlicher gesehen, sicherlich haben auch ihm die coolen Typen gefallen. Lässigkeit kann sich im politischen Amt indes schnell rächen. Bekanntlich hat Wegner beim größten Stromausfall in der Geschichte der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg nicht durchgängig am Schreibtisch gesessen, er hat sich eine Auszeit beim Tennis mit seiner Freundin & Parteifreundin Katharina Günther‑Wünsch (CDU) gegönnt. Ob das klug war, steht dahin, unklug war es aber, die Öffentlichkeit glauben zu machen, er hätte die ganze Zeit gearbeitet. Dieser Lapsus wird Kai Wegner nun verfolgen und im Wahlkampf zum Berliner Abgeordnetenhaus am 20. September belasten. 

Natürlich hätte der Regierende Bürgermeister vor Ort bei dem Stromausfall im Südwesten Berlins nichts ausrichten können, aber er wäre da gewesen – und es hätte Bilder gegeben. Erinnert sei an Gerhard Schröder (SPD), der im August 2002 das Elbe-Hochwassergebiet mit dunkler Regenjacke und Gummistiefeln besuchte. Das kam bei den Menschen draußen im Lande an; der “Krisenkanzler” wurde im Herbst des gleichen Jahres mit denkbar knapper Mehrheit wiedergewählt. Ein gewiefter Politiker lässt sich die Chance nicht entgehen, bei einer Katastrophe präsent zu sein. Am nächsten Tag war die Gelegenheit vertan. Wegner wurde von einem aufgebrachten Bürger mit der sehr unangenehmen Frage konfrontiert: “Wieso schläft so ein Mann eine Nacht in dieser Halle? Der Mann hat Pflegegrad 5. Was ist hier los in dieser Stadt, Herr Bürgermeister?” Eine höhere Pflegestufe gibt es in Deutschland nicht. Der Mann musste die Nacht in einer mäßig geheizten Turnhalle verbringen (zitiert nach Tagesspiegel vom 05.01.25). 

Der terroristische Anschlag auf das Berliner Stromnetz wirft viele Fragen auf und belegt einmal mehr, dass der Zivilschutz in Deutschland nicht im Geringsten auf Ernstfälle vorbereitet ist. Mit Erstaunen haben wir erfahren, dass die Stromnetze laut Gesetz im Internet veröffentlicht werden, dass es über die Vulkangruppe, die der Verfassungsschutz dem linksextremen, anarchistischen Spektrum zuordnet, keine Erkenntnisse gibt, obwohl diese Terroristen seit 2011 in Berlin Anschläge verüben, dass in der Hauptstadt beim Stromausfall 37 Landesämter involviert gewesen sein sollen. In einem Gespräch im Deutschlandfunk regte Sabine Lackner, die Präsidentin des Technischen Hilfswerks, an, jeder könne ja einen Stromausfall mal üben – und einen ganzen Tag am Wochenende auf Strom verzichten. Zumindest wollen wir nun endlich Wasser & Lebensmittel für drei Tage bereithalten; das hatten wir uns schon lange vorgenommen. Wie schaffen es die Menschen in der Ukraine, mit den ständigen Ausfällen durch russischen Drohnen- und Raketenterror zu leben? Im vierten Kriegswinter! 

Volles Risiko

Das Duo Vanegas fühlt sich auf dem Todesrad sicherer als auf Kopfsteinpflaster. © Rolf Hiller

Traditionen sind in turbulenten Zeiten wichtiger denn je. Zum 21. Mal treten im Berliner Tempodrom der Circus Roncalli und das Deutsche Symphonieorchester (DSO)gemeinsam auf. Was mit einer Doppelbelegung begann, ist längst eine sehr beliebte Tradition geworden. Weil sowohl dem Orchester als auch dem Circus die Halle an diesem Tag zugesagt wurde, machte man aus der Not eine Tugend – und tritt seither gemeinsam auf. Das klappt wunderbar, wenn das DSO mit einer bunten Mischung aus Klassik-Hits, Film-Musik und Pop am letzten Abend des Jahres dem fabelhaften Programm der Artist:innen eine besondere Note verleiht. Wenn wir mit dem Duo Vanegas bei seiner atemberaubenden Performance auf dem Todesrad mitfiebern, vergessen wir die Welt und lassen uns wie Kinder verzaubern. Tito und José Alejandro Vanegas riskieren bei jedem Auftritt Kopf und Kragen und “fühlen sich auf dem Gerüst ihres Rades sicherer als auf dem Kopfsteinpflaster des Gendarmenmarkts”. (Circus Theater Roncalli) 

Dass der Circus Roncalli heute in Deutschland so erfolgreich ist, war bei der Gründung im Jahr 1976 nicht abzusehen. Bald schon zerstritten sich Bernhard Paul, der von klein auf ein Faible für den Zirkus hatte und später als Art Director einer Werbeagentur reüssierte, und der exzentrische Millionenerbe André Heller. Paul blieb mit seinen Träumen und einem riesigen Schuldenberg zurück – und machte weiter. Die abenteuerliche und unglaubliche Geschichte des Circus Roncalli kann man sich zum 50. Jubiläum noch in einer spannenden Doku in der ARD-Mediathek ansehen: “Roncalli – Macht der Manege” ist dort noch bis zum 25.06.26 zusehen. Spektakulär die Flucht des Zirkus aus Österreich nach Deutschland, bei der Harry Owens (Traumtheater Salomé) eine wichtige Rolle spielte, die Neugründung in Köln und die Auseinandersetzungen medialer und juristischer Art mit den traditionsreichen Unternehmen, die den Trend verpassten und weiter auf ihre Bekanntheit und Tierdressuren setzten. 

Nach der Poesie im Tempodrom holt uns die Realität rasch ein. Im Taxi fahren wir nach Hause, kurz vor unserer Wohnung stehen Kartons von Systemfeuerwerken in hellen Flammen. Die Berliner Polizei berichtet von 3.000 Einsätzen in dieser Nacht, 21 Beamte wurden verletzt überwiegend durch Böllerbeschuss, rund 250 vorläufige Festnahmen wegen Landfriedensbruch, gefährlicher Körperverletzung und Verstößen gegen das Sprengstoffgesetz. Bundesweit gab es in dieser Nacht 500 Verletzte; in Bielefeld starben zwei Achtzehnjährige durch selbstgebaute Böller. Vertraut man den Umfragen, dann spricht sich eine Mehrheit der deutschen Bevölkerung für ein Verbot von privatem Feuerwerk aus. “Silvester ist längst so etwas wie bewaffneter Karneval geworden”, kommentiert die Neue Osnabrücker Zeitung in ihrer Ausgabe vom 2. Januar. “Man feiert auf offener Straße den Ausnahmezustand und lebt den Regelbruch.” Gerade habe ich bei Campact e.V. für Böllerverbote unterzeichnet. Für die Vernunft ist es nie zu spät! 

Return to Sender

Die freundliche DHL-Mitarbeiterin händigt uns eine Sendung aus, die sofort unser Interesse weckt. Sie ist an uns adressiert, gleichzeitig sind wir aber auch der Absender. Die ursprünglichen Aufkleber auf dem Umschlag lassen sich nicht mehr entziffern – der Fall ist rätselhaft. Der Inhalt bringt mich indes sofort auf die Spur: ein Notizbuch von “Leuchtturm”. Anfang Oktober waren wir einige Tage bei einem Vetter in München; zum Dank schickte ich ihm einen “Leuchtturm”, der aber nie dort eintraf. Im Laufe der letzten Jahre habe ich ein Dutzend dieser wunderbaren Notizbücher vollgeschrieben und Zeitungsausschnitte oder Tickets eingeklebt. Ich schreibe immer mit Tinte, obwohl ich weiß, dass die Schrift mit der Zeit blasser wird und eines Tages ganz verschwindet. Ganz früher habe ich nur mit Bleistift geschrieben, aber lange schon mache ich mir täglich mit einem einfachen Patronenfüller Notizen. Dass sich das Rätsel des verschwundenen Leuchtturms ausgerechnet an Weihnachten aufklärte, freut mich ganz besonders. 

Wie großartig wäre es, ging mir durch den Kopf, wenn man eine falsche Politik einfach an den Verursacher zurückschicken könnte. Fast auf den Tag genau vor einem Jahr habe ich in dieser Kolumne den französischen Regisseur Robert Lepage zitiert: “Die Geschichte schreitet blitzschnell voran, und alles, was die Menschen für normal halten, verändert sich unentwegt.” Bereits vor seiner Amtseinführung hatte Donald Trump kundgetan, dass die Vereinigten Staaten Grönland wegen seiner Rohstoffe und der geopolitischen Bedeutung benötigen. Nun hat er einen Sondergesandten für Grönland berufen und wieder einmal deutlich gemacht, dass für ihn das Völkerrecht so wenig giltwie für Putin. Mit welchen Argumenten sollten Trump und seine Sondergesandten Russland von der territorialen Integrität der Ukraine überzeugen, wo die USA in diesem Jahr das Völkerrecht immer wieder gebrochen haben. Der Angriff auf den Iran (Operation Midnight Hammer) ist zu nennen, die Aktionen gegen Venezuela oder ganz aktuell die Attacken gegen die ISIS in Nigeria, die angeblich in Abstimmung mit der dortigen Regierung erfolgten. 

Was sind die Ziele des amerikanischen Präsidenten und seines Kriegsministeriums? Darüber dürften viele US-Bürger und immer mehr Republikaner ins Grübeln geraten. Dem internationalen Aktivismus steht innenpolitisch eine spürbare Enttäuschung bei Trump-Wählern gegenüber. Die erratische Zollpolitik von Donald Trump hat ihnen nichts gebracht, im Gegenteil, Arbeitslosigkeit und Inflation sind gestiegen. Die letzten Wahlen haben die Republikaner verloren; am 06.11.26 finden die Midterms statt. Wie es derzeit aussieht, könnten die Demokraten gewinnen und sich die Machtverhältnisse in Amerika verändern. Der unerschrockene US-Comedian Jimmy Kimmel hat in seiner alternativen Weihnachtsansprache im britischen Fernsehsender Channel 4 eine ernüchternde Jahresbilanz gezogen. Er bezeichnete Donald Trump spöttisch als „King Donny the Eighth“, der nach Exekutionen ruft. Er warf ihm vor, die Grundlagen der Demokratie zu unterminieren – von der Pressefreiheit, über Wissenschaft, Medizin bis hin zurUnabhängigkeit der Justiz. Diese letzten Informationen fasste die KI zusammen. Lassen wir die Hoffnung nicht fahren. 

negativ ist positiv

Unbeirrbar schreibt die KI in diesem Programm negativ mit zwei „v“.

Erinnerungen werden wach. Ich bin erkältet und habe mich trotzdem entschlossen, wie immer ins Weihnachtsoratorium zu gehen – zur Sicherheit allerdings erstmals wieder mit Maske. Es ist ungewohnt, die Brille beschlägt in der geheizten Kirche, das Atmen fällt schwer. Außer mir tragen höchstens zehn Besucher:innen einen Mund-Nasenschutz.Meine Vorsicht war angeraten: am nächsten Tag ist mein Test leicht positiv, obwohl ich insgesamt schon sechs Mal geimpft worden bin. Dass dieser Schutz nicht absolut ist, haben wir längst gelernt. Wir wissen auch, dass das Corona-Virus nie mehr verschwinden wird und immer neue Varianten bildet. Nach zwei Tagen bin ich schon wieder negativ, fühle mich aber noch angeschlagen. Anders als bei einer Erkältung hält dieser Zustand länger an, als würde das Virus höhnen, es nur ja nicht zu unterschätzen. Ich rufe mir meinen längst vergessenen Vorsatz ins Gedächtnis und werde wieder auf Händeschütteln und Umarmungen verzichten; eine leichte Verbeugung muss genügen. 

Wie vor drei Jahren bleiben wir abends natürlich zu Hause und schauen manchmal Filme. Aus einem sehr traurigen Anlass stoßen wir auf “This is Spinal Tap” von Rob Reiner. Der Regisseur (“Harry und Sally”) und seine Frau Michele Singer wurden am 14. Dezember in ihrem Haus mutmaßlich von ihrem Sohn erstochen. Nick (32) hatte bereits als Jugendlicher schwere Drogenprobleme und soll sich mit seinem Vater vor der Tat auf einer Weihnachtsfeier heftig gestritten haben. In seiner Mockumentary aus dem Jahr 1989 erzählt Rob Reiner die Tour-Erlebnisse der fiktiven Rock-Band Spinal Tap und wirft einen freundlich-ironischen Blick auf das Musik-Business. Die Begeisterung eines Roger Ebert vermögen wir indes nicht zu teilen – für ihn ist “This is Spinal Tap” “einer der witzigsten Filme, die je gedreht wurden“ (Wikipedia). Über diese Mockumentary ist die Zeit hinweg gegangen, andere Filme von Rob Reiner, der als scharfer Kritiker Donald Trumps galt und von ihm noch posthum geschmäht wurde, werden bleiben. 

Das Jahr geht langsam zu Ende. Zeit für Rückblicke und Bestandsaufnahmen. Deutschland steht vor gewaltigen Herausforderungen, die wir nur bewältigen, wenn die Lage schonungslos analysiert wird, wie es etwa die Frankfurter Rundschau tut. “Das bisherige Geschäftsmodell der deutschen Wirtschaft funktioniert immer schlechter: billige Energie aus Russland, günstige Vorprodukte aus Ländern wie China im Tausch gegen teure Industriegüter, und das alles unter dem Sicherheitsschirm der USA. Im Hintergrund: der Klimawandel. Das Land bräuchte also ein echtes Update: Wie wollen wir wirtschaften, wie den Wohlstand verteilen? Vielleicht bieten die anstehenden Feiertage Zeit zur Besinnung.“ (17.12.25) Und ein wenig Hoffnung lässt sich aus Worten schöpfen, die Martin Luther einst gesagt haben soll: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ 

Lügengeschichten

Plötzlich ist der verpeilte Videothekenbesitzer Micha Hartung (Charly Hübner) ein Medienstar. © XVerleihAG Frederic Batier

Erstaunlicherweise bleiben in der Astor Lounge am Berliner Ku’damm doch eine ganze Reihe von Plätzen leer. Immerhin startet der neue und letzte Film von Wolfgang Becker (†12.12.24): “Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße” in prominenter Besetzung. Zudem kam das Vermächtnis des Regisseurs, der mit “Goodbye Lenin” (6,4 Millionen Zuschauer) in Deutschland, aber auch international seinen größten Erfolg feierte, bei der Kritik sehr gut an. Meisterhaft und mit leichter Hand erzählt Becker die Geschichte eines Mannes, der nolens volens zum Medienstar wird, weil er eine Weiche am Bahnhof Friedrichstraße falsch gestellt hatte, sodass 127 DDR-Bürger plötzlich in den Westen gefahren wurden. Was von einem windigen Boulevard-Journalisten zu einem sorgsam geplanten Coup umgedeutet wird, war tatsächlich bloß ein Zufall. Charly Hübner verkörpert den verpeilten Videothekbesitzer, dessen Geschichte im Medienhype plötzlich neu konstruiert wird und der schließlich seine neue Identität einfach hinnimmt. 

“Geschichte ist die Lüge, auf die sich alle geeinigt haben.” Diese zentrale These der Komödie gilt nicht nur für alle Figuren, dahinter verbirgt sich eine zutiefst pessimistische Geschichtsauffassung von Wolfgang Becker. Es gibt keine Wahrheit. Was wahr gewesen ist, kann falsch werden – trotzdem ist meine subjektive Erinnerung nicht falsch. Darauf weist die Schauspielerin Christiane Paul im Gespräch mit Christine Eichel im Anschluss hin. Im Film akzeptiert sie als Staatsanwältin Clara Kurz, dass der Videothekenbesitzer Micha Hartung gar nicht der Held ist, den sie sich gewünscht hat. Wie auch ein Dissident im Film ist sie nicht bereit, die schönen Erinnerungen an ihre Kindheit in der DDR zu verleugnen. Wenn man sich in deutschen Landen darauf verständigen könnte, wäre schon viel gewonnen. Es ist nicht mein Verdienst, dass ich in Einbeck, einer kleinen Stadt in Niedersachsen, geboren wurde und nicht in Wernigerode (Sachsen-Anhalt).  

Genau besehen ist Wolfgang Beckers Geschichtsauffassung so pessimistisch nicht; er geht noch davon aus, man könne sich auf eine Lüge einigen. Das Gegenteil ist der Fall. Immer mehr fake news, alternative Fakten oder Verschwörungslegenden kursieren – es gibt nicht mehr eine Lüge, auf die sich alle verständigen, es gibt unzählige Lügen, die von Staatenlenkern wie Trump oder Putin verbreitet werden, ganz zu schweigen von den Sozialen Medien. Zumindest in den USA haben die Bürger:innen noch die Möglichkeit, die Lügen ihrer Regierung bei den Wahlen abzustrafen. Erstmals hat diese Woche mit Eileen Higgins eine Frau und Demokratin das Bürgermeisteramt in Miami, der zweitgrößten Stadt in Florida, gewonnen. Die Gouverneurswahlen in New Jersey und Virginia gewannen ebenfalls die Demokraten. Immer mehr Menschen bekommen zu spüren, dass die Trumpschen Strafzölle die Inflation in Amerika anheizen. Die letzten Wahlen belegen, dass die Einwohner:innen der USA langsam begreifen, dass der steinreiche Präsident und seine Tech-Oligarchen nicht ihre Interessen vertreten. God bless America! 

Blockaden

Mobile Fahrzeugsperren sollen den Weihnachtsmarkt in Bensheim vor Anschlägen schützen. © Rolf Hiller

Wenn ich nach Bensheim fahre, nehme ich mir immer etwas Zeit und laufe vom Bahnhof in die City. Ich schaue, ob sich etwas verändert hat. Das Einkaufszentrum am zentralen Beauner Platz ist seit Jahren geschlossen und macht einen deprimierenden Eindruck. Die Fußgängerzone in der Innenstadt ist am frühen Abend sehr gut besucht; dort findet traditionell der Weihnachtsmarkt statt, heuer geschützt durch mächtige mobile Fahrzeugsperren. Nach dem verheerenden Anschlag in Magdeburg vor einem Jahr ist das wohl die einzige Möglichkeit, überhaupt noch diese beliebten Märkte zu veranstalten. Man wird sich an solche Autosperren gewöhnen, wie wir uns an die hässlichen Betonpoller vor anderen Fußgängerzonen gewöhnt haben. 17 Jahre habe ich in der Kleinstadt an der Bergstraße gelebt, aber es sind doch nur wenige Verbindungen geblieben. Wir waren als Zugezogene immer die “Roigeschneite” (Reingeschneiten) und sind nie “Oigeplackte” (Alteinwohner) geworden, die sich ewig kennen, nicht zuletzt durch Fußball, Feuerwehr und Kirche. 

Ich bin unterwegs zu einer gastronomischen Institution in Bensheim, der beliebten “Hahnmühle” in der Friedhofstraße, und freue mich auf das alljährliche Gänse-Essen dort. Auf meinem Weg denke ich über die Headline dieser Kolumne nach. Blockaden sichern nicht nur Weihnachtsmärkte, sondern bestimmen das politische Geschehen. Nicht mehr die Parteizugehörigkeit prägt das Bewusstsein, das Alter wird immer bestimmender. Der Aufstand der Jungen Generation in der CDU dürfte erst der Anfang des Konflikts zwischen den allmächtigen Boomern und der Generation Z sein. Es geht um die seriös nicht mehr zu finanzierende Rente aus dem Staatshaushalt, die Folgen des Klimawandels, die Zerstörung der Umwelt, die Strukturkrise der Wirtschaft, die marode Bundeswehr, eine zunehmend durch Rechtspopulisten ausgehöhlte EU und eine schlecht aufgestellte NATO. Dafür tragen die Boomer, die sich allzu gerne von der ersten und bisher einzigen Bundeskanzlerin über 16 Jahre haben einlullen lassen, die Verantwortung. 

Es hat nicht den Anschein, als hätte die aktuelle Bundesregierung das Format und die Kraft, die Lage in deutschen Landen schonungslos zu analysieren und eine Agenda 2040 aufzustellen. Außenpolitisch sieht es keinen Deut besser aus. Da lassen sich zwei amerikanische Immobilien-Milliardäre vom russischen Kriegsverbrecher Wladimir Putin am Nasenring durch die Manege ziehen, und die EU darf bei den Verhandlungen über das Ende des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine noch nicht einmal am Katzentisch Platz nehmen. Die politische Kultur wird durch die Despoten dieser Welt in unvorstellbarer Weise zerstört. Gerade hofiert der Premierminister Narendra Modi den russischen Diktator Putin beim Staatsbesuch in Indien. Die Welt ist aus den Fugen. Zum Glück haben wir einen Neil Young, der in seinem Song “Big Crime” (VÖ 04.09.25) Klartext spricht:  Don’t need no fascist rules / Don’t want no fascist schools / Don’t want soldiers walking on our streets / Got big crime in DC at the White House / There’s big crime in DC at the White House. Danke! 

Unversöhnlich

Salome von Richard Strauss an der Komischen Oper Berlin. © Jan Windszus

Womöglich ist das die Operninszenierung des Jahres: “Salome” von Richard Strauss an der Komischen Oper Berlin. Der Regisseur Evgeny Titov – 1980 in Kasachstan (Sowjetunion) geboren – interessiert sich nicht für eine Femme fatale, seine Salome ist besessen von absoluter Macht, Untergangs- und Zerstörungslust. Sie fordert von ihrem Stiefvater Herodes den Kopf des gefangenen Jochanaan, weil der sich nicht von ihr verführen lässt. Salome (grandios Nicole Chevalier) trägt die gesamte Aufführung einen weißen Kokon über dem Kopf, wie man ihn von Bienenzüchtern kennt, und wird zur Allegorie blindwütiger Macht. Letztlich nimmt sie sogar den eigenen Untergang in Kauf, um ihren Willen zu bekommen. Der Gedanke an Hitler und Putin liegt nahe, wird aber in der Inszenierung nicht einmal angedeutet. Eine schlüssige Interpretation des Einakters von Richard Strauss, der bei der Premiere am 6. Dezember 1905 einen Skandal auslöste. Langanhaltender, begeisterter Applaus im vollbesetzten Schillertheater und (fast) einhellige Zustimmung bei der Kritik.  

Deprimierend und wenig ermutigend endete die COP 30 in der brasilianischen Stadt Belém. Als eine Stimme von vielen sei hier die Ulmer Südwest Presse genannt: „Konfrontation, Blockade, Egoismus: Der Ausgang der Konferenz ist ein deprimierender Tiefschlag im Kampf gegen die Erhitzung der Erde. Ging vom Pariser Abkommen vor zehn Jahren das Signal aus, die Weltgemeinschaft halte zusammen, um die Krise gemeinsam zu bekämpfen, ist die Botschaft 2025 das Gegenteil: Ein Plan für die Abkehr von Öl, Kohle und Gas ist in weiter Ferne, jeder ist sich selbst der Nächste, das 1,5-Grad-Ziel unerreichbar.” (24.11.2025) Noch drastischere Worte fand der Vertreter Panamas Juan Carlos Monterrey Gómez und sprach von einer Clowns-Show. „Failing to name the causes of the climate crisis is not compromise. It is denial. Leaving fossil fuels out of the COP30 deal risks turning the talks into a clown show.“ Bundeskanzler Friedrich Merz, einer aus der Generation Glück, wird sich bei der EU dafür einsetzen, das Verbrenner-Aus über das Jahr 2035 zu verschieben. 

Das wird diese deutsche Schlüsselindustrie nicht retten, denn längst liegen in China, dem größten Automobilmarkt der Welt, die New Energy Vehicles bei den Verkäufen vorne. Die Aktien des einstigen Börsenlieblings Porsche haben in den letzten zwölf Monaten über 25 Prozent an Wert verloren. Krisen also, wohin man schaut. Immer wieder wird in diesem Zusammenhang der Abbau der deutschen Bürokratie gefordert. Der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks Jörg Dittrich berichtete in einem Interview mit dem Tagesspiegel von erstaunlichen Auswüchsen. Es gebe hierzulande 502 Sozialleistungen und nicht mehr nachvollziehbare Verordnungen. “Ein Beispiel sind Verpackungen: Für das Recycling eines Einwegbechers beim Kaffee to go ist der Lieferant zuständig, für den Deckel der Bäcker. Und für die Verpackungstüte muss der Bäcker genau nachweisen, wie viel Gewicht sie enthält, denn erst alles über 500 Gramm gilt nicht mehr als To-go-Tüte.” (24.11.25) Darf’s noch ein bisschen mehr Wahnsinn sein? 

Stimmungen

Allein auf dem Friedhof: Vater und Sohn im Film “Meinen Hass bekommt ihr nicht”. © Komplizenfilm

Glück gehabt. Wir wollen die Dokumentation „Blaues Land – Wie die AfD den Osten verändert“, eine rbb-Produktion von Olaf Sundermeyer, in der ARD-Mediathek sehen, doch aus unerfindlichen Gründen ist das an diesem Abend nicht möglich. Drei Tage später kann man die sehenswerte Reportage ohne Probleme aufrufen. Die AfD ist in Brandenburg sehr erfolgreich und könnte 2029 die Landtagswahl gewinnen. Die Partei gibt sich volkstümlich und volksnah bei ihren Auftritten (Bier und Bratwurst gratis) und verfolgt mit allen Mitteln ihre Ziele: gegen Migranten, gegen Minderheiten, gegen den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk, gegen die EU, gegen den Euro, gegen die NATO.Dabei instrumentalisiert die AfD die Institutionen genauso wie Social Media für ihre Zwecke. Mit Unterstützung dieser Partei kam Marek Wöller-Beetz von der CDU ins Amt des Bürgermeisters von Prenzlau. In der Doku meinte er freimütig: “Die Brandmauer ist für mich ein Fremdwort.” Nicht wenige seiner Parteifreunde dürften insgeheim seiner Meinung sein. 

Im November 2015 saßen wir gemütlich in Husum beisammen, als uns die ersten Nachrichten vom Terroranschlag in Paris erreichten. Das ist jetzt genau 10 Jahre her. Zu diesem Anlass ist noch bis zum 10. Dezember ebenfalls in der ARD-Mediathek die herausragende Verfilmung des Buches “Meinen Hass bekommt ihr nicht“ von Antoine Leiris aus dem Jahr 2022 zu sehen. Der Autor hat bei dem brutalen Angriff auf das Bataclan seine Frau verloren und muss versuchen, sein Leben als Witwer mit seinem 17 Monate alten Sohn wieder in den Griff zu bekommen, ohne zu verzweifeln, zu verbittern und zu hassen. Das hat Leiris in einem bewegenden Facebook-Post veröffentlicht, der eine große Resonanz hatte und als Basis seines Buches dient. Kongenial hat der Regisseur Kilian Riedhof (“Gladbeck”), der auch am Drehbuch mitgearbeitet hat, diese bewegende Geschichte eines Verlustes verfilmt. Den Vater verkörpert Pierre Deladonchamps, den Sohn Zoé Iorio. Ich nutze bewusst dieses Wort, denn man hat den Eindruck, eine beklemmende Reportage zu erleben. Trotz der Leere und Verzweiflung gelingt es den beiden, ein neues Leben zu finden. Auf dem Friedhof am Grab der Mutter trampelt der Kleine in eine Pfütze und quietscht vor Vergnügen. 

Biographisch hätte der Kanzler Friedrich Merz, der kürzlich seinen 70. Geburtstag beging, mit uns Abitur in Mainz machen können. Dann hätte der Westfale einen Rat unseres Biologielehrers mit auf den Weg bekommen: Erst nachdenken, dann noch einmal nachdenken und dann den Mund halten. Merz hat weder ein Sensorium für die Stimmung in seiner Partei noch für die Wirkung seiner Worte. „Ich habe einige Journalisten, die mit mir in Brasilien waren, letzte Woche gefragt: Wer von euch würde denn gerne hierbleiben? Da hat keiner die Hand gehoben.“ Zu Recht waren die brasilianischen Gastgeber der UN-Klimakonferenz COP30 in Belém empört über die wieder einmal unbedachten Worte des deutschen Bundeskanzlers. Im Rheinhessisch-Mainzer Schimpf-Lexikon wird das schöne Wort “Debb” so erklärt: “Jemand, der etwas falsch gemacht hat.” Ein Kanzler sollte indes nicht zu oft den Debben geben. 

Unterbrechung

Antje Pode mit verblüfft mit einer Jonglage von Taschen und Koffern. © Rolf Hiller

Bis kurz vor der Veranstaltung reden wir über den Klimawandel und die Generationengerechtigkeit. Dann ist Schluss, und wir wechseln von der “Wunderbar” ins Neue Theater Höchst, wo im Herbst immer Varieté auf dem Programm steht, teilweise mit 2 Shows am Tag. Die Auslastung liegt dieses Mal bei 93%. Es gibt also noch viele andere, die für ein paar Stunden die Welt draußen lassen wollen; nicht mehr an die multiplen Krisen dieser Welt denken, nicht mehr ständig neue Nachrichten bekommen. Wieder führt die schwäbische Komikerin Rosemie durchs Programm, ein herrlich selbst ironisches Urvieh auf der Bühne mit vielen Talenten. Immer wieder gelingt es den Programmmachern Paulsen & Consorten, Künstler:innen zu finden, die Fans des Varieté noch nicht gesehen haben. Antje Pode verblüfft mit ihrer Jonglage von Taschen und Koffern, Anna Abrams am Vertikalseil und David Buletts Tellerbalance kann man immer wieder sehen. 

In bester Stimmung verlassen wir das Neue Theater und nehmen die Leichtigkeit mit in den nächsten Tag. Da geht es weiter um den Klimawandel, seine Leugner und Ignoranten, um die Weltklimakonferenz im brasilianischen Belem, wo 50.000 Teilnehmer:innen versuchen, die Weltgemeinschaft auf eine gemeinsame Linie zu bringen, um die Erderwärmung zu begrenzen. Das Ziel, deutlich unter 2°C zu bleiben, ist nicht mehr zu schaffen. Worst-Case-Berechnungen gehen von einem Temperaturanstieg bis 2050 von 2,4–2,6 °C über vorindustriellem Niveau aus, bis 2100: sogar von 4,4°C! Zynisch könnte man sagen, dass die 30 COPs (Conference of the Parties) dem Klima mehr geschadet als genutzt haben. Bei der COP 28 waren 86.000 Teilnehmende vor Ort! Ungeachtet der schönen Reden ist die Dekarbonisierung in der Bundesrepublik Deutschland derzeit nicht mehr angesagt – es geht um den Wirtschaftsstandort, um billige, fossile Energie, die man brauche, um wettbewerbsfähig zu bleiben, um endlich wieder Wachstum zu schaffen.  

Nun wird Deutschland die Welt nicht retten. Im Ranking der Top 10 Länder nach CO₂-Emissionen 2025 liegen wir mit 1.49% am globalen CO₂-Ausstoß auf Platz 9. Ganz vorne natürlich China, gefolgt von den USA und Indien. “Eine Beschränkung der Geschwindigkeit auf 130 km/h spart nach Berechnungen des Bundesumweltamtes jährlich 600 Millionen Liter Kraftstoff ein”, notierte ich am 15.07.2022 an dieser Stelle. Damit würde Deutschland zu allen anderen Staaten aufschließen, denn überall sonst auf der Welt gilt eine generelles Tempolimit auf Autobahnen. Die jetzige Bundesregierung hat dieses Thema nicht auf dem Schirm. Stattdessen wird die Pendlerpauschale erhöht, das Dienstwagenprivileg nicht angetastet und das Verbrenner-Aus hinausgeschoben. Die Vergangenheit hat aber keine Zukunft. “Freie Fahrt für freie Bürger!” hieß eine Kampagne des ADAC in den 1970er Jahren. Laut ARD-DeutschlandTrend waren 2024 64 % der Befragten für ein Tempolimit von 130 km/h, 33 % dagegen, der Rest unentschieden. In der Berliner Blase scheint das noch immer nicht angekommen zu sein. Nicht nur das grenzt an Realitätsverweigerung! 

Die Welt in Flammen

Die Kunst des Duos bei der Verleihung des Albert-Mangelsdorff-Preis 2025: die Preisträgerin Lauren Newton mit der Bassistin Joëlle Léandre. © Rolf Hiller

Das Motto der 62. Ausgabe des JazzFest Berlin war trefflich gewählt: “Where Will You Run When the World’s on Fire?” Diese Frage hat der Gitarrist Marc Ribot auf seinem letzten Album aufgeworfen, aber der griesgrämige Singer-Songwriter fand bei der Deutschlandpremiere seines neuen Programms im „Quasimodo“ natürlich keine Antworten. Musik kann die Welt nicht retten, aber gewissermaßen im Vorgriff neue Formen des Miteinanders ausprobieren. Bei den fast durchweg ausverkauften Konzerten des JazzFest beeindruckten die Orchester am stärksten, nicht die blassen Stars früherer Tage wie der Trompeter Wadada Leo Smith, dessen Dialog mit dem wunderbaren Pianisten Vijay Iyer nicht einen Moment in Gang kam. Der Tenorsaxophonist David Murray machte sich einen schlanken Fuß und tauchte immer wieder hinter der Bühne ab; immerhin konnte der Bassist seines Quartetts überzeugen. 

Die großen Formationen, allen voran das furiose London Jazz Composers Orchestra, begeistern das Boomer-Publikum. Mit dem neuen Programm “Double Trouble III” spielte die international besetzte Bigband unter der Leitung von Barry Guy ein fantastisches Konzert. Auf jede und jeden kommt es dabei an – nur zusammen gelingt dieses Projekt. Das “Fire! Orchestra” erreichte zum Abschluss des JazzFest Berlin diese Intensität nicht, ebenso wenig wie der mit Spannung erwartete Auftritt von Felix Henkelshausens “Deranged Particles” am ersten Abend. Wer sich indes zur Verleihung des Albert-Mangelsdorff-Preises 2025 an Lauren Newton (Mitgründerin des Vienna Art Orchestra) angemeldet hatte, erlebte die Kunst des Duos auf höchstem Niveau – ein federleichter und doch so eindringlicher Dialog von Newtons Stimme mit dem Bass (Joëlle Léandre). Am Ende des so kurzen wie intensiven Konzerts legten die Künstlerinnen ihre Köpfe auf das Instrument. Diese beiden hätten einen Auftritt auf der Hauptbühne verdient, wo eine andere junge Musikerin auftrumpfte: die aus Mexiko stammende Vibraphonistin Patricia Brennan. Sie spielte in der Band von Mary Halversom, die wie Angelika Nescier nicht zum ersten Mal von der künstlerischen Leiterin Nadin Deventer zum JazzFest Berlin eingeladen wurde. 

August Diehl in „Das Verschwinden des Josef Mengele“. © ©Lupa Film, CG Cinema, Hype Studios

Nach so viel Musik zieht es uns endlich einmal wieder ins Kino. Wir wollen den hoch gelobten Film “Das Verschwinden des Josef Mengele” von Kirill Serebrennikov sehen. Vorher rasch noch etwas Pasta & Pizza, doch der “Wartesaal” macht dieses Mal seinem Namen schlechte Ehre. Wir müssen das vom Kellner vergessene Essen einpacken lassen und eilen los. Kaum beginnt die Vorstellung, habe ich Hunger & schlechte Laune vergessen. Die im Stil des Film Noir gedrehte Verfilmung des Romans von Olivier Guez (136 Minuten) zieht mich sofort in Bann. Der “Todesengel von Auschwitz“, eindringlich gespielt von August Diehl, taucht nach dem Ende des 2. Weltkriegs in Südamerika unter und lebt dort unbehelligt bis zu seinem Tod. Ein herrischer, selbstgerechter, unbelehrbarer Nazi und zuletzt ekelhafter dirty old man, den die Fragen des Sohnes nach seinen sadistischen Experimenten an Menschen überhaupt nicht berühren. “Ein klaustrophobisches Psychogramm des Bösen – formal brillant und moralisch verstörend“ (Le Monde). Diesen Film werde ich nie vergessen.