Prima Klima

 

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„It Wasn’t Us“ trifft auch auf die modular-monotone Einheitsarchitektur hinter dem Hamburger Bahnhof zu. Die Ausstellung von Katharina Grosse ist noch bis zum 10.01.21 zu sehen. © Rolf Hiller

Ein ganz normaler deutscher Sommer – bis jetzt. Keine Hitze- und Trockenperioden, dafür immer wieder Regen und angenehme Temperaturen. In Sachen globale Klimaerwärmung (in Sibirien wurden 38 Grad! gemessen) gibt dieses Wetter dennoch ebenso wenig Anlass zur Hoffnung wie der Rückgang der CO2-Emissionen in Folge der Corona-Pandemie. 1 Milliarde Tonnen wurden weniger ausgestoßen, der stärkste Rückgang seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Kehrseite der Medaille ist freilich die größte Wirtschaftskrise der letzten Jahrzehnte. Deutlich sichtbar wird das schon jetzt in der Reisebranche. Airlines müssen sich verkleinern und werden z.T. verstaatlicht, die Kalkulation der Flughäfen geht nicht mehr auf, und die Flugzeughersteller entlassen Tausende Mitarbeiter*innen.

Bei unserer Tour per Bahn und Rad haben wir Glück mit dem Wetter. Wir besuchen Freunde in einem kleinen Dorf in der Nähe von Rathenow. Sie entwickeln ihren Vierseithof immer mehr zu einem lebendigen Gesamtkunstwerk. Nach dem letzten heißen Sommer konnten sie dort so viele Weintrauben ernten wie noch nie. Wir machen uns mit 6 Gläsern Gelee auf die Heimreise; für die 86km brauchen wir bald zweieinhalb Stunden. Gleich am nächsten Morgen passieren wir schon wieder den Berliner Hauptbahnhof. Wir haben am Sonntagvormittag Karten für die Ausstellung „It Wasn’t Us“ von Katharina Grosse ergattert. Im Hamburger Bahnhof, dem Museum für Gegenwart, hat sie eine riesige Skulptur aus Styropor platziert und mit Farben besprüht. Katharina die Bunte hat draußen gleich weitergemacht und die Wände zu den Rieckhallen aufgepeppt. Das Publikum macht begeistert Selfies.

Da hat’s der Seehofer Horst schon schwerer. Immer wieder irritiert der Innenminister mit befremdlichen Einstellungen & Entscheidungen.  Eine Studie zum Racial Profiling bei der Polizei sei nicht nötig, weil es bei den „Freunden und Helfern“ überhaupt keinen Rassismus geben dürfe. Selbst der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK), Sebastian Fiedler, empörte sich darob – Seehofers Absage sei „peinlich“ und „schrappe am Intellekt“ (WDR). Dass Rechtsradikalismus und Rassismus einhergehen, will der Innenminister mit seinen erratischen Entscheidungen auch nicht wahrhaben. „Weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf!“ So endet das Gedicht „Die unmögliche Tatsache“ von Christian Morgenstern. Hoffentlich hat der Seehofer Horst bald ganz viel Zeit, diese Verse zu lesen.

 

Das Spiel ist aus

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Mit „Faust“ eröffnet Die Dramatische Bühne das „Freilichtfestival“ in diesem Jahr. © Die Dramatische Bühne

Alle lieben die sogenannten Tante-Emma-Läden, aber keine*r geht hin. Nicht anders ist es mit der Liebe zu den Warenhäusern, und groß ist das Wehklagen, dass der Konzern Galeria Karstadt Kaufhof jedes zweite Geschäft schließen muss. Auf der Frankfurter Zeil wird die riesige Filiale im Zentrum der Fußgängerstraße dicht gemacht; es bleibt ja noch das Kaufhaus direkt an der Hauptwache. Aber auch andere Filialisten haben große Probleme, die durch die Corona-Pandemie noch forciert werden. Esprit wird jedes zweite Geschäft aufgeben (müssen), H&M schreibt rote Zahlen. Die Innenstädte werden öder, während der Online-Handel weiter floriert und natürlich auch von der sinnlosen Mehrwertsteuersenkung auf Zeit profitiert.

Derweil bereiten sich die Bühnen schon auf die neue Spielzeit vor – und stehen vor kniffligen logistischen Herausforderungen. Das Schauspiel Frankfurt kann von 800 Plätzen im Großen Haus nur 88 nutzen: für die Abonnenten und für den freien Verkauf. Die Komische Oper in Berlin kommt auf eine deutlich bessere Quote; man plant dort mit 344 Gästen statt 1.190 wie zu normalen Zeiten. Während diese Häuser dank öffentlicher Subventionen entspannt planen können, geht es bei den Veranstaltern längst um Leben und Tod. So musste der Cirque du Soleil Insolvenz anmelden und hat fast 3.500 Mitarbeiter*innen entlassen. Um so erfreulicher, dass Die Dramatische Bühne in diesem Jahr wieder im Frankfurter Grüneburgpark spielen darf; das „Freilichtfestival“ findet vom 17.07. – 30.08. statt. Hingehen und Theater erleben!

Beinahe wäre das Spiel für Schalke 04 zu Ende gewesen. Der Club mit dem dritthöchsten Umsatz der Bundesliga konnte nur durch eine Bürgschaft des Landes Nordrhein-Westfalen gerettet werden und scheint wohl in diesem Bundesland systemrelevant zu sein. Der Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Tönnies musste zurücktreten und kann sich jetzt ganz darauf konzentrieren, seinen Schweinestall auszumisten, sprich: den Arbeitern in seinen Fleischfabriken halbwegs anständige Verträge zu geben. Dabei wird ihm der ehemalige SPD-Chef Sigmar Gabriel nicht mehr mit Rat & Tat zur Seite stehen können. Sein üppig dotierter Vertrag, an dem es rechtlich nichts zu deuteln gibt,  wurde nach nur drei Monaten aufgelöst. „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ (Bertolt Brecht).

Die Aerosole der Anderen

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Safety first beim Check-In am Flughafen; auch daran werden wir uns gewöhnen müssen. © Wimpi Enterprise

Endlich mal wieder ins Konzert. Im „Pianosalon Christophori“ im Berliner Wedding steht ein Beethoven Abend auf dem Programm, und wir haben noch Karten ergattern können. In der alten Halle spielen hervorragende Musiker*innen, die (noch) nicht im Rampenlicht des Konzert-Business stehen. Die Atmosphäre im Salon ist lässig und gleichzeitig konzentriert – man kann die Musik sehr direkt erleben, auch in Corona-Zeiten. Beim Eintritt müssen wir Masken tragen, die Abstandsregel wird befolgt; trotzdem kommen 75 Gäste in den Genuss von vier frühen Klaviersonaten, die Daniel Heide spielt.

Derweil wir dieses erste Konzert seit langer Zeit ganz besonders genießen, ist der Lebensfreund auf der Heimreise von Neu-Delhi nach München – endlich. „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“, sang einst der Barde Reinhard Mey. Das gilt schon längst nicht mehr. Der Check-In, angeblich die gefährlichste Phase einer Flugreise, dauert vier Stunden. Teils noch zusätzlich vermummt, dazu mit Maske, Gesichtsvisier und blauen Capes geschützt, mutet die Szene gespenstisch an – unterwegs in geheimer Mission. Viele legen die Schutzutensilien auch während des achtstündigen Flugs nach München nicht ab – und sie haben recht. Nicht bloß der Virologe Christian Drosten, dessen Podcast ich nach Wochen wieder einmal höre, ist in großer Sorge, dass wir das Corona-Virus unterschätzen und im Herbst eine zweite Welle droht. Wie schnell es gehen kann, erleben gerade die Menschen aus dem Kreis Gütersloh; da ist schon wieder Lockdown, und sie sind in einigen anderen Bundesländern persona non grata.

Diese Gefahr droht indes überall. Wir fahren abends zum Schwimmen an den Berliner Schlachtensee – es ist herrlich wie immer dort. In den wenigen Buchten drängen sich junge Menschen wie eh und je, die wohl die Lockerung der Kontaktbeschränkungen nicht richtig verstanden haben: von Abstand keine Spur. Diese Lässigkeit ist fahrlässig! „Während die erste Welle in Europa unter Kontrolle zu sein scheint“, schreibt die Zeitung „La Vanguardia“ aus Barcelona (23.06.20), „breitet sich das Virus in Amerika, im Nahen Osten und in Südasien rasant aus: Weltweit 183.000 Neuinfektionen an nur einem Tag sind ein beunruhigender Rekord.“ Leugnen nützt nicht, Vorsicht allein hilft. Zumindest hat ein brasilianisches Gericht den Präsidenten Jair Bolsonaro („Corona ist ein Grippchen“) dazu verdonnert, in der Öffentlichkeit im Hauptstadtbezirk Brasilia eine Maske zu tragen. Ein Maulkorb wäre noch besser gewesen.

Wieder

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Theater heute: Vor dem Deutschen Theater in Berlin erleben Besucher*innen auf Distanz „Die Pest“ in einer gelungenen szenischen Verdichtung. © Rolf Hiller

Wenn die Fahrgäste keine Masken tragen würden, wäre alles wie immer. Der ICE nach München über Leipzig und Frankfurt ist am Sonntag gut gebucht. Zur Sicherheit steige ich schon am Berliner Hauptbahnhof ein, im Laufe der Fahrt füllt sich der Zug immer mehr. Wie im Flugzeug sitzen zum Teil Wildfremde direkt nebeneinander; viele hocken lieber auf dem Boden in den Eingängen. Offensichtlich verzichtet die Deutsche Bahn darauf, ihre Züge doch nur mit der Hälfte der Passagiere fahren zu lassen – in den letzten Monaten sind auch bei diesem Unternehmen Verluste in Milliardenhöhe aufgelaufen. Niemand sollte indes dem Glauben verfallen, diese Pandemie sei schon überwunden.

Wären wir am Dienstag nach Mallorca geflogen, dann hätten wir nebeneinander sitzen können; aber die Freunde vom Deutschen Theater dürfen keine Abweichung von der Vorschrift dulden. Bei der Bestuhlung draußen vor dem Deutschen Theater in Berlin gelten die Corona-üblichen Sicherheitsabstände. Egal, Hauptsache wieder echtes Theater und kein fades Streaming. Gespielt wird „Die Pest“ von Albert Camus, der Text der Stunde. Geschickt hat der Regisseur András Dömötör den Roman gerafft und verdichtet. Der Schauspieler Božidar Kocevski setzt die lakonische Schilderung mit sparsamen Mitteln um – und beeindruckt um so mehr. Am Schluss feiern die Menschen ihr Überleben, doch der Arzt Rieux „wusste, was dieser frohen Menge unbekannt war und in den Büchern zu lesen steht, dass der Pestbazillus niemals ausstirbt oder verschwindet.“

Nicht anders wird es mit Corona sein. Mit diesem Virus werden wir leben müssen und immer auf der Hut sein – auch beim Yoga. In unserem kleinen Raum sind nur noch fünf Matten fixiert, die nach der Übung desinfiziert werden. Alles neu und ungewohnt, dennoch lässt sich Yoga live mit der Meisterin überhaupt nicht mit dem digitalen Surrogat bei Zoom vergleichen! Corona stellt unser gewohntes Leben in Frage und auf den Prüfstand. So futtern die Deutschen ein gutes Kilo Fleisch pro Woche. Wir alle wissen, was wir tun, und haben schon einmal von den Sklaven aus Osteuropa gehört, die in den Fleischfabriken schuften und sich abends in Massenunterkünften von ihrer Maloche erholen sollen. „Eigentum verpflichtet“, empört sich die „Neue Ruhr Zeitung“ vom Tage. „Sein Gebrauch soll zum Wohle der Allgemeinheit dienen. So einfach, so glasklar steht es im Grundgesetz. Clemens Tönnies, Milliardär, Großwildjäger, Bußgeld-Trickser und Chef eines Unternehmens, in dem Menschen zu Dumpinglöhnen Tiere schlachten, entbeinen und zerlegen, schert sich offenbar einen feuchten Kehricht um die Verpflichtungen, die ihm das Grundgesetz auferlegt. Er ist der Typus eines Feudal-Unternehmers, dem es nur um eines geht: die Vermehrung seines Reichtums, koste es was es wolle.“ Mahlzeit!

Verlierer & Gewinner

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Sarkasmus statt Perspektive. © Die Schmiere

„Eine Absenkung der Umsatzsteuersätze vom 1. Juli an ist absoluter Wahnsinn“, befindet Harald Elster, der Präsident des Steuerberaterverbands, obwohl seine Zunft davon ordentlich profitieren dürfte. Über neue Jobs können sich auch EDV-Spezialisten freuen; und die Abmahnvereine gehen schon in Position. In zweieinhalb Wochen müssen Rechnungswesen und Warenwirtschaftssysteme umgestellt werden, Preise neu kalkuliert und Verträge angepasst werden. Die Bundesregierung lässt sich die bis zum 31.12.20 befristete Absenkung der Mehrwertsteuer von 19 auf 16% (bzw. von 7 auf 5%) 20 Milliarden Euro kosten – und hofft auf den „Wumms“ ihres gewaltigen Konjunkturpakets, um die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie abzufangen. Der Erfolg bleibt abzuwarten. Denn die „Menschen draußen im Lande“, wie Politiker*innen es gerne formulieren, blicken besorgt in eine bange Zukunft. Viele haben Angst, über 7 Millionen sind in Kurzarbeit und müssen mit weniger Geld auskommen.

Sicher werden auch nicht alle Einzelhändler und Gastronomen die Mehrwertsteuersenkung  an ihre Kunden weitergeben – wer wollte es ihnen verdenken. Denn diese Branchen sind von der Krise besonders betroffen. Die Innenstädte verzeichnen deutlich weniger Besucher, Restaurants & Kneipen lassen sich unter Beachtung der Abstands- und Hygieneregeln nicht einmal kostendeckend führen. Die Kleinen sterben still, die Großen werden alimentiert. Die Lufthansa muss mit staatlichen Krediten in Höhe von 9 Milliarden Euro vor der Insolvenz bewahrt werden – und will jetzt trotzdem noch 26.000 Jobs streichen. Im letzten Jahr hat Europas größte Airline noch mit einem bereinigten Betriebsergebnis von 2 Milliarden abgeschlossen. Wie geht dem? Hat die Corona-Pandemie wie im Zeitraffer gnadenlos die Strukturprobleme eines Konzerns bloßgelegt wie bei Galeria Karstadt Kaufhof? „Wir werden in eine Rezession ungeahnten Ausmaßes kommen. Der Lockdown wird zum Shockdown. Ausgang ungewiss.“ Das hatte ich bereits am 10. April notiert und würde mich zu gerne eines Besseren belehren lassen.

Unverschuldet hat der Lockdown dagegen die Veranstalter  getroffen – noch immer gibt es keine Perspektiven für eine Branche, die auch wirtschaftlich von großer Bedeutung ist. In der Ausgabe 06/20 von FRIZZ Das Magazin für Frankfurt & Vordertaunus schildert Ralf Scheffler, der Inhaber der Batschkapp, er müsse womöglich zusehen, „(…) wie mein Lebenswerk an die Wand gefahren wird – und zwar ohne eigenes Verschulden.“ Dieser 1976 gegründeten Frankfurter Institution ergeht es wie der „Schmiere“: Das legendäre Kabarett will am 9. September seinen 70. Geburtstag feiern. Nach den derzeitigen Regeln darf die Prinzipalin Effi Rolfs auf den 92 Sitzplätzen ganze 9 Paare oder 12 Einzelpersonen platzieren. Da hilft auch keine Mehrwertsteuersenkung.

 

So nah, so fern

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Wo bitte geht‘s zur Kunst? Der Maler Torsten Schlüter weist hier auf seine Ausstellungen hin. © Karl Grünkopf

„Der Sommer auf der Insel Hiddensee war für viele aus der Hippie-, Künstler- und Jugendszene der Inbegriff der Freiheit. (…) Die Republikflucht auf Zeit hatte begonnen.“ Voller Freude stoße ich auf diese Sätze in meiner Urlaubslektüre „Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft“ (Suhrkamp) von Steffen Mau. Der Soziologe an der Berliner Humboldt-Universität analysiert  in seinem lesenswerten Buch die „gesellschaftlichen Frakturen“ Ostdeutschlands und unterfüttert seine Erkenntnisse mit persönlichen Erfahrungen. Mau wuchs in der Plattenbausiedlung Lütten Klein in Rostock auf, streut aber keine persönlichen Anekdoten über Hiddensee ein. Noch immer zehrt „dat söke Länneken“ vom alten Mythos, noch immer lebt die Insel von ihrer Geschichte als Künstlerkolonie. Gerhart Hauptmann hatte hier seinen Sommersitz, Asta Nielsen und Ringelnatz zieren Postkarten, Maler*innen wie Henni Lehmann sind vom Licht fasziniert; Torsten Schlüter öffnet seinen 34. Kunstgarten übrigens am 30. Juni.

Entschleunigung ist auf Hiddensee keine Marketingfloskel, kaum sind wir auf der Fähre wird die Reise gemächlicher. Auf der Insel sind wir dann nur zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs. Heuer ziehen die Tage noch ruhiger dahin, denn es gibt wg Corona kaum Veranstaltungen. Immerhin kommen wir das erste Mal seit der Berlinale überhaupt ins Kino. Das wollen wir uns nicht entgehen lassen. Von den vielen geplanten Filmen sind zwei geblieben: „Fisherman‘s Friends“ und „Das perfekte Geheimnis“. Das Zeltkino bietet nur noch 30 Plätze, der Ablauf (Personalien angeben) ist genau geregelt und wird zur Eröffnung vom ehrenamtlichen Bürgermeister Thomas Gens überwacht, der tagsüber auf seinem Kutter Fischbrötchen verkauft. Er wurde im letzten Jahr mit 55% der Stimmen wiedergewählt; Vorwürfe gegen ihn wegen einer vermeintlichen Stasi-Vergangenheit konnten nicht abschließend geklärt werden.

Obwohl es nur ein paar Kilometer bis zum Festland sind, wirkt das Leben auf der Insel seltsam entrückt. Wir erleben keinen Ansturm von Touristen über Pfingsten. Zwar werden die Verhaltensregeln wg der Corona-Pandemie hier genauestens befolgt, aber ansonsten bekommen wir nicht viel mit von der Welt. Alles scheint weiter entfernt, obwohl wir natürlich die Nachrichten hören und die FAZ und den Tagesspiegel bekommen. Ähnlich muss es den Menschen einst auf dieser Insel gegangen sein – sie hatten ihr Leben hier und die Nachrichten waren schon überholt, als sie eintrafen. Das gilt heute natürlich so nicht mehr, aber doch scheint alles weiter weg zu sein: das Chaos in Amerika, die Wirtschaftskrise, das Konjunktur-Paket. Heute morgen dann eine Meldung von hohem Symbolgehalt: die Lufthansa wird im DAX von der Deutsche Wohnen ersetzt. Draußen zwitschern die Vögel.

Die erste Reise

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Über den Dächern von Kloster: Blick vom Turm der Lietzenburg heute Morgen. © Karl Grünkopf

Glück gehabt! Seit dem 25. Mai dürfen Touristen wieder nach Mecklenburg-Vorpommern reisen. Wir fahren also am Montag nach Hiddensee, einen Tag später als im letzten Jahr bereits gebucht, aber in diesem Jahr ist sowieso vieles anders. Es gibt keine Fähre ab Stralsund, und wir fahren nicht mit dem Zug an die Küste. Mit dem Auto cruisen wir ganz entspannt nach Schaprode auf Rügen, parken dort und setzen über auf unsere Sehnsuchtsinsel. An Bord gelten strikte Regeln: unter Deck ist Maskenpflicht, draußen sind die Abstandsregeln einzuhalten – auch die Crew hält sich daran. Mit Zwischenhalt in Neuendorf erreichen wir den Ort Kloster, schnappen uns einen Wagen und karren das Gepäck auf die Lietzenburg. Die „Sturmhöhe“ (unsere Wohnung ganz oben) ist uns wohl vertraut; heuer müssen wir die Betten selbst beziehen.

Am ersten Abend auf der autofreien Insel gehen wir traditionell ins „Wieseneck“ zum Essen, und wir Berliner kommen aus dem Staunen nicht heraus. Die Kellner tragen Handschuhe & Masken, zuerst müssen wir die Personalien hinterlassen, dann werden laminierte und zuvor desinfizierte Speisekarten gereicht; auf dem Tisch gibt es keine Salz- und Pefferstreuer. „In Meck-Pom ist alles etwas strenger“, meint der Restaurant-Chef. Gut so! Nach dem Laissez-faire letzte Woche gelten auf Hiddensee die Regeln in der C-Zeit eben nicht bloß pro forma. Auch im größten Supermarkt in Vitte. Zu zweit mit einem Einkaufswagen ist nicht zulässig, wir müssen beide einen schieben, kommt die deutliche Ansage vom Kassen-Wart. Das nehmen wir gerne hin, denn ansonsten ist unser Leben auf der Insel fast wie immer, ohne Einschränkungen.

Gestern Abend gab es ein „ARD extra: Die Corona-Lage“ zum Thema Urlaub. In einem Beitrag sehen wir, wie türkische Luxus-Resorts sich auf die ersehnten Touristen vorbereiten, wenn sie denn bald kommen: Desinfektionsteams bei der Arbeit. Sicherheit für die Gäste als oberste Maxime. Das Hotel als Variante des Krankenhauses. So wollen wir nicht Urlaub machen. In den Flugzeugen soll eine strikte Maskenpflicht gelten; dabei wird es keinen Abstand von 1,5 m geben, obwohl auch hier die Klimaanlage keine Sicherheit garantieren kann.  Warum ist in der Luft möglich, was in den Theatern und Konzerthäusern untersagt ist? Schlüssig & nachvollziehbar ist das nicht. Gewisse Lebensrisiken müssen wir eben in Kauf nehmen. Heute Abend eröffnet das „Inselkino“ auf Hiddensee mit  „Fisherman‘s Friends“ – immer zwei Stühle nebeneinander mit ausreichend Platz darum. Ich habe die Karten persönlich bei der Kurdirektorin Vanessa Marx bestellt. No risk but fun!

Den letzten beißen die Hunde

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Nicht systemrelevant: ein Reisebüro hat dicht gemacht. © Karl Grünkopf

Oft bin ich an dem kleinen Reisebüro vorbeigelaufen; nun ist das „Babylon“ leer. Wieder ein Laden weniger in unserem Kiez. Daran werden wir uns gewöhnen müssen, auch daran, dass der stationäre Einzelhandel schrumpft. Selten sehe ich Kundschaft in den kleinen Boutiquen, die sich ihre Hinweise auf die erlaubte Anzahl der Kunden eigentlich sparen können – es kamen schon vor der C-Krise zu wenige. 3 Millionen Menschen arbeiten im Tourismus, die wenigsten sind systemrelevant wie die „Lufthansa“, die jetzt mit Milliarden vom Staat vor der Insolvenz gerettet werden soll.  Das „Babylon“ hat im letzten Jahr sicher keine Dividenden ausgeschüttet und dürfte auch keine Tochtergesellschaften auf den Cayman Islands unterhalten haben.

Restaurants haben bestimmt bessere Chancen als winzige Reisebüros, sofern sie sich an die strikten Vorgaben halten, die nach der Wiedereröffnung letzte Woche gelten. Wir sind gespannt und gehen das erste Mal nach zwei Monaten wieder essen. Zur Sicherheit habe ich vorher reserviert, denn früher hätte man an einem Feiertag keinen Platz bekommen. Das Lokal ist gut besucht, aber es hätte noch genug freie Plätze gegeben. Wir schreiben unsere Kontaktdaten auf – „wenn Sie möchten“. Ansonsten ist alles wie immer, nur dass fast alle Kellner Masken tragen, allerdings nicht im Gesicht, sondern unter dem Kinn: ein lustiges Bartlätzchen. Wir bestellen wie immer (!) und sind erstaunt, wie lässig in diesem Restaurant die C-Regeln interpretiert werden. Fahrlässig! „Das Leben mit Corona wird ein Leben mit dem Risiko werden“, schreibt die Süddeutsche Zeitung vom Tage. Das Essen war gut wie immer; wir werden dieses Restaurant dennoch erst einmal nicht mehr besuchen.

Einen zweiten Lockdown können wir uns nicht leisten. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHT) rechnet mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts in diesem Jahr um 10%. Es droht weltweit die schlimmste Rezession seit 1929; selbst Queen Elisabeth dürfte sich daran nicht mehr erinnern. In Zeiten wie diesen grassieren natürlich aberwitzige Phantasien. Gerade deutsche Rapper überbieten sich derzeit mit ihren Wahnvorstellungen. Von Tunnelsystemen bis New York geht die Rede, von „kinderbluttrinkenden Superreichen“ (Kollegah), von Zwangs-Impfungen mit Chip-Implantation, von lückenloser Kontrolle und Weltherrschaft. Das Netz eignet sich leider bestens dafür, noch jeden Unfug zu verbreiten. Krankzinnigheid. So heißt auf Niederländisch Wahnsinn.

Chancen

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Tritt nicht vor Autos auf: Helge Schneider beim Konzert im Amphitheater Hanau 2019. © Karl Grünkopf

In Zeiten wie diesen wird gerne ein Wort von Winston Churchill zitiert. „Verschwende nie eine Krise, sie gibt uns Gelegenheit, große Dinge zu tun.“ Groß sind bis jetzt erst einmal die wirtschaftlichen Konsequenzen des Lockdown: die Wirtschaftsleistung geht dramatisch zurück, die Steuereinnahmen brechen ein – die Krise kommt erst noch. Allenthalben wird aber die Digitalisierung gefeiert. Video-Konferenzen sind praktisch & ökologisch, Home-Office eigentlich auch, aber die Begeisterung hält sich in Grenzen, zumal wenn Eltern parallel zur Arbeit auch noch Kinder und Jugendliche betreuen müssen. Warum nicht noch stärker auf die Digitalisierung setzen und eine Tracing-App einführen, mit der sich Infektionen verfolgen lassen; das habe ich bereits in meinem Beitrag vom 10.04. befürwortet.

Die Pflicht zur Installation einer solchen App ist politisch nicht durchsetzbar, aber man könnte mit Belohnungen locken: Wer die Tracing App installiert, darf seine Persönlichkeitsrechte wieder voll und ganz in Anspruch nehmen. Man könnte unter der Voraussetzung, dass jede*r dieses Tool nutzt und eine Maske trägt, die Abstandsregel reduzieren und damit Live-Veranstaltungen, offene Kinos und mehr Gastronomie ermöglichen, so dass sich das Geschäft auch rechnet. Ob die Besucher*innen  dann wirklich kommen, steht dahin. Einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens McKinsey zufolge will ein Drittel der Befragten weniger kulturell unterwegs sein; 26% möchten sogar ganz auf solche Anregungen verzichten.

Ob Helge Schneider sich doch darauf einlassen könnte, vor einem Publikum mit Masken aufzutreten? Es wäre ihm und uns zu wünschen. In einem auf Facebook veröffentlichten Video gab der „Auftreter“ jedenfalls bekannt: „Ich muss eines schon mal klarstellen: Ich trete nicht auf vor Autos, ich trete nicht auf vor Menschen, die anderthalb Meter auseinander sitzen müssen und Mund-Nasen-Schutz tragen.“  Was nach dieser Pandemie sein wird, lässt sich nicht abschätzen, wohl aber, dass wir uns noch einen Lockdown nicht werden leisten können. „Die Maßnahmen während der ersten Welle“, schrieb De Standaard aus Brüssel, „können wir während einer zweiten, dritten oder vierten Welle aber nicht wiederholen. Einen neuen Shutdown stehen wir emotional und finanziell nicht durch.“ (11.05.20) Freuen wir uns also auf die Spiele der Fußball-Bundesliga vor leeren Rängen. Spooky!

 

Que Sera, Sera

 

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Ein Theaterereignis: Sandra Hüller als „Hamlet“ im Schauspielhaus Bochum. In diesem Jahr wurde sie mit dem Gertrud-Eysold-Ring und dem Theaterpreis Berlin ausgezeichnet. © JU Bochum

Hamlet oder Hitchcock – das war keine Frage. Eigentlich haben wir uns zur Eröffnung des Berliner Theatertreffens verabredet, das heuer als „Special Edition“ nur im Netz stattfinden kann. Dann werden wir schwach und lassen James Stewart und Doris Day den Vortritt: herrlich wieder einmal „Der Mann, der zuviel wusste“. Tags drauf beweisen wir mehr Charakter und schauen uns die hochgelobte Bochumer Inszenierung des „Hamlet“ von Johann Simon an, mit der umwerfenden Sandra Hüller in der Hauptrolle. Wir sind beeindruckt, werden aber vom abgefilmten Theater wieder nicht in den Bann gezogen – trotz Beamer und gutem Ton. Streaming von Bühnenereignissen ist und bleibt ein Verlust: für die Künstler*innen und ihr Publikum.

Hoffnung ist leider nicht in Sicht. Nach dem rigorosen Shutdown überbieten sich die Ministerpräsident*innen in „Lockerungsorgien“. Um 0 Uhr öffneten am Montag die ersten Friseursalons, mit den weiterhin geltenden Hygiene- und Abstandsregeln scheint fast alles wieder möglich – nur kein Kino, Konzert und Theater. Anders als die Bundesliga ist die Kultur eben nicht  systemrelevant, obwohl allein die 600 Sommerfestivals im Lande für viele Regionen ein wichtiger Wirtschaftsfaktor sind. Autokinos und Museen (Einlass nur per Voranmeldung) sind zumindest ein Anfang, aber eine richtige Lösung für Bühnen, Konzerthäuser und Clubs ist nicht in Sicht. Müssen wir irgendwann unterschreiben, auf eigenes Risiko eine Live-Veranstaltung zu besuchen, ein Plexiglas-Visier tragen und eine Zusatzversicherung abschließen? Schöne, neue Welt.

Derweil sind unsere Gesundheitsämter heillos überfordert, mit dem Virus Infizierte zu betreuen. Unserem „Mann in den besten Jahren“ (s. Beitrag vom 1.Mai 2020)  geht es inzwischen zum Glück wieder besser, aber seine Erfahrungen mit dem deutschen Gesundheitssystem sind ernüchternd. „Vier verschiedene Sachbearbeiter,“ schrieb er gestern,  „wollten meinen Fall jeweils neu aufnehmen. Nie haben die Personen von sich aus gefragt, ob ich zufälligerweise Angehörige habe (die zum Beispiel zur Schule gehen). Tests seien für meine Familienmitglieder grundsätzlich nicht vorgesehen. Und zur medizinischen Begleitung eines Covid-19-Erkrankten sieht sich ebensowenig irgendjemand imstande. Die Hotline, die man bei Atemnot anrufen kann, ist leider nicht durchgehend besetzt. Frustrierende Einblicke ins Behördenwesen haben wir alle gewonnen. Sollte die Zahl der Infizierten tatsächlich mal stark steigen, weiß ich nicht, wie ruhig alle Betroffenen mit dieser Ausnahmesituation umzugehen in der Lage sein werden.“ Das Robert-Koch-Institut stellt per sofort seine täglichen Pressekonferenzen ein und setzt damit seinen erratischen Kurs konsequent fort, als sei die C-Krise zu Ende. Dabei ist weiter nichts mehr normal im Staate Deutschland.