Unwissenheit

Temporäre Installation auf der dOCUMENTA (13) 2012 in Kassel. © Gitti Grünkopf

Schöne, neue, smarte Welt. Ich wollte besonders clever sein und das avisierte Weinpaket an einem anderen Tag zustellen lassen. Als es dann doch nicht kam, ging ich im Netz auf die Suche und musste feststellen, dass UPS die Sendung auf den Namen meiner Frau einfach zu einem sog. Access Point gebracht hatte. Ausweis und Karre von IKEA geschnappt und im Nieselregen los zum Abholen. Das Paket sei nicht da. Darauf nannte ich den Absender und den Namen meiner Frau. Diese Sendung habe er, gab mir der freundliche Mitarbeiter zu verstehen, mir dürfe er sie aber nicht aushändigen und berief sich auf den Datenschutz. Es habe im letzten Jahr Betrügereien in Millionenhöhe gegeben. Zum Glück akzeptierte er eine Vollmacht per Mail, und ich machte mich mit der Karre auf den Weg. Wieder einmal fühlte ich mich bestätigt, dass der Datenschutz funktioniert, wo ihn keiner braucht, während die amerikanischen Tech-Giganten mehr über mich wissen als ich selbst.

Nach einer Fahrt mit der Deutschen Bahn ist die Corona Warn App wieder auf rot gesprungen. Kein Wunder, der ICE war sehr gut besetzt, zudem musste ein Wagen geräumt werden, weil die Klimaanlage ausfiel. Die Zahlen steigen täglich, aber das scheint niemanden im dritten Sommer des Vergessens zu stören. Der Herbst ist ja noch lang hin. Gesundheitsminister Lauterbach warnt, Justizminister Buschmann wiegelt ab, mangels valider Daten bringt das Gutachten des Corona-Expertenrats nichts, wie der Münchner Merkur nüchtern bilanziert: „Nach der Lektüre des Corona-Expertenberichts ist die Politik so schlau wie zuvor. Helfen Schulschließungen? Vielleicht ein bisschen. Lockdowns? Nur zu Beginn. 2G- und 3G-Zugangsbeschränkungen? Bei den aktuellen, hochansteckenden Virusvarianten ist der Nutzen umstritten. Das Ergebnis kann eigentlich niemanden überraschen: Weil es in der ‚Datenwüste D‘ an digital erhobenen Zahlen und Fakten mangelt, gab es auch keine Begleitforschung, die der Politik und dem RKI wirksame Handlungsempfehlungen an die Hand hätte geben können. Nicht mal die Messung der Viruslast im Abwasser, anderswo Routine, ist bei uns nach zwei Jahren Pandemie behördlicher Standard.“ (02.07.22)

Ähnlich dürftig sind die Erklärungen des indonesischen Künstlerkollektivs ruangrupa, warum auf der documenta fifteen ein zwanzig Jahre altes Plakat mit antisemitischen Motiven gezeigt wurde. Zur Anhörung zu diesem Skandal im Deutschen Bundestag erschienen weder der Kasseler OB Christian Geselle noch die Documenta-Generaldirektorin Sabine Schormann – und haben damit der bedeutendsten Schau moderner Kunst einen Bärendienst erwiesen. Nach dem Imageschaden droht nun aber auch ein gewaltiges Defizit. Dem Hessischen Rundfunk zufolge kamen bis dato nur halb so viele Besucher:innen wie vor fünf Jahren. Unwissenheit schützt vor Strafe nicht, sagt der Volksmund. Das wussten wir, als wir auf der dOCUMENTA (13) vor zehn Jahren spontan eine temporäre Aktion durchführten. In einem stillen Winkel hinter einem Werk von Thomas Bayrle stellten wir unbemerkt zwei kleine Figuren auf. Nach etwa zehn Minuten beendeten wir die Aktion – unerkannt & unbehelligt vom Wachpersonal. Ende gut, alles gut!

Money, Money

Längst hat der Krieg in der Ukraine eine weltweite Dimension erreicht und trifft den Globalen Süden unmittelbar. © Ryan McGuire / Pixabay

Einen Warnstreik in der Geld- und Wertdienstbranche melden die Nachrichten; Bares könnte knapp werden im Einzelhandel und in den Geldautomaten. Ich hatte mit langen Schlangen vor den Maschinen gerechnet, kann aber sofort meine Karte hineinschieben und bekomme ohne Probleme Bargeld, allerdings nur in kleinen Scheinen. Hätte ich das G7-Treffen auf Schloss Elmau so bezahlen wollen, hätte ich 8,5 Mio. 20 Euro-Scheine auf den Tisch legen müssen. Schöne Bilder, schöne Reden, schöne Bescherung. Schlappe 170 Millionen Euro kostete das Treffen der Regierungschefs der sieben wichtigsten westlichen Industriestaaten. Die EU war natürlich auch vertreten, und zu einigen Gesprächen stießen Gäste aus dem Globalen Süden dazu. Unabhängig von den immensen Kosten stellt sich die Frage, ob dieses Format der schönen Inszenierung heutzutage noch eine Berechtigung hat. Sicher gibt es andere Möglichkeiten, sich in persönlichen Begegnungen auszutauschen. Man hätte sich beispielsweise vor dem NATO-Gipfel in Madrid treffen und mit dem Kulissengeld etwas Sinnvolles machen können.

Wenn die Zeichen nicht trügen, wird der Angriffskrieg der russischen Armee in der Ukraine im Globalen Süden anders bewertet als in der westlichen Welt. Dort fürchtet man eine gewaltige Hungerkatastrophe, weil die Getreidelieferungen aus der Ukraine und Russland nicht über das Schwarze Meer bei ihnen ankommen können: Die Silos sind randvoll, und die nächste Ernte steht bevor. Vor diesem Hintergrund ist es womöglich wieder ein geschickter Schachzug von Putin, dass seine Truppen überraschend die strategisch wichtige Schlangeninsel geräumt haben. Das dürfte Wirkung zeigen im Globalen Süden, der insgesamt vollkommen anders tickt, wie es Caroline Fetscher bündig formuliert hat: „In der postkolonialen Theorie sind daher oft ganze Begriffsräume verpönt. Aufklärung, Menschenrechte, internationales Recht und Säkularisierung sind unter Verdacht. Sie gehören dort zur weißen, hegemonialen, imperialistischen, rationalistischen, kapitalistischen, patriarchalischen, heteronormativen euro-amerikanischen Matrix der Macht. Gern wird dieses Konglomerat noch, wie auf der aktuellen Documenta in Kassel, mit antisemitischen, antiisraelischen Inhalten aufgeladen.“ (Der Tagesspiegel, 28.06.22)

Vor diesem Hintergrund ist der Umgang der Documenta mit den Vorwürfen, antisemitischer Hetze eine Plattform gegeben zu haben, seltsam naiv. Anstatt offen einzugestehen, dass man genauer hätte hinschauen müssen, treten der Bürgermeister von Kassel und einige prominente Politiker der Stadt nach – und stellen sich mit ihrer Kritik an Bundespräsident Steinmeier und Kanzler Scholz selbst ins provinzielle Abseits. Was tun? Ziel aller Beteiligten müsste doch sein, irreversiblen Schaden von der Documenta abzuwenden. Wir fahren trotzdem nach Kassel zur documenta fifteen, werden uns aber den Auftritt der Stones in der Berliner Waldbühne verkneifen. Die billigsten Plätze für 200 Euro sind schon weg; es gibt nur noch das Beggar’s Banquet Paket ab 849 Euro. Davon könnte eine ganze Familie nach Mallorca fliegen. Freunde von uns kamen gerade von der Lieblingsinsel der Deutschen zurück – mit 24 Stunden Verspätung. Schlimmer geht’s immer.

Boykott

Wie ein Menetekel hängt das Schild noch immer in der Ortsmitte. © Karl Grünkopf

Nach dem heiteren Beginn kam das bittere Erwachen bei der documenta fifteen in Kassel. Es war ein Scheitern mit Ansage, denn seit Monaten kursierten Gerüchte, dass die künstlerische Leitung, das indonesische Kollektiv ruangrupa, mit BDS sympathisiere, also einer internationalen Bewegung, die „Boycott, Divestments and Sanctions“ gegen Israel propagiert. Inzwischen wurde das 20 Jahre (!) alte Grossplakat der indonesischen Gruppe Taring Padi mit antisemitischen Motiven am Friedrichsplatz entfernt, inzwischen will man den gesamten Bestand an (teils temporären) Kunstwerken auf der documenta fifteen sichten, inzwischen hat Kanzler Olaf Scholz seinen Besuch in Kassel abgesagt, inzwischen fordert die “Jüdische Allgemeine“ den Rücktritt von Kulturstaatsministerin Claudia Roth. Der Imageschaden für die Stadt Kassel und die documenta sind überhaupt nicht abzuschätzen. Sascha Lobo titelt seine Kolumne im Nachrichtenmagazin Der Spiegel “Willkommen bei der Antisemita 15“, und die “Süddeutsche Zeitung“ spricht von einem “einzigen Scheitern.“ Der Eklat bei der documenta fifteen, der “Antisemismus mit langer Ansage“ (Lea Rosh) wird Konsequenzen haben: konzeptionell und personell.

Solche Handlungsoptionen gibt es in der Welt der großen Politik derzeit leider nicht. Es war naiv anzunehmen, dass ein Teil-Embargo von fossilen Energieträgern aus Russland nach deutschem oder europäischen Gusto ohne Reaktion bleiben würde. Derzeit liefert Russland nur noch 50% der üblichen Menge vor dem Angriff auf die Ukraine – und erzielt die gleichen Einnahmen. Damit entpuppen sich die gut gemeinten Sanktionen als Inflationstreiber, die weder Russland schaden noch der Ukraine helfen. Der Winter wird nicht nur hart und kalt; es droht, da quasi alle Preisen steigen, eine Rezession. Wie der Finanzminister Christian Lindner 2023 einen ausgeglichenen Haushalt vorlegen will, ist nicht nachvollziehbar. „Wir sind die Gestalter und Gestalterinnen unseres Schicksals“, verkündete er selbstgewiss im heute journal des ZDF (21.06.22) Das muss er wohl als Politiker der FDP, obwohl sogar Klein-Hänschen weiß, dass dieser Satz unwahr ist, in einer vernetzten Welt zumal.

Versuchen kann man indes schon, das Schicksal zu gestalten. Jahrelang kämpften die Bürger:innen in Brandenburg gegen einen Truppenübungsplatz in Wittstock. Bis 1993 (!) wurde das sog. Bombodron von der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) genutzt (Wikipedia). Dann übernahm die Bundeswehr das Gelände und wollte einen Luft-Boden-Schießplatz errichten; 1.700 Flugstunden pro Jahr waren geplant. 2011 wurden die Pläne endgültig begraben; die Protestmärsche waren letztlich also erfolgreich. Zweifel sind angebracht, ob diese Entscheidung auch heute noch gefällt würde, da eine militärische Konfrontation zwischen Russland und der NATO nicht mehr ausgeschlossen werden kann. In seinem Lied “Heute hier, morgen dort“ singt Hannes Wader „dass nichts bleibt, dass nichts bleibt, wie es war.“ Gestern feierte der Barde, der zu seinen Widersprüchen steht, seinen 80. Geburtstag – „So vergeht Jahr um Jahr.“ Die Vögel zwitschern, der Wind rauscht leise in den Blättern, schon zum zweiten Mal an diesem Tag heulen die Sirenen. Unsere Zukunft scheint ungewisser denn je.

lumbung

One Day At BOLOHO Space In Guangzhou, Farbdruck eines Holzschnitts von BOLOHO, 2021, Courtesy BOLOHO

Das ist das Wort dieses Kunst-Sommers: lumbung. Das ist der indonesische Begriff für eine gemeinschaftlich genutzte Reisscheune. Unter dieses Motto hat das Künstlerkollektiv ruangrupa die documenta fifteen gestellt, die bis zum 25. September Kassel aus dem Dornröschenschlaf erweckt und in eine internationale Kunstmetropole verwandelt. Im Vorfeld gab es heftige und erbitterte Diskussionen, aber bei der Eröffnung fürs Fachpublikum ist davon nichts zu spüren, die meisten sind beeindruckt & verzaubert wie Kathrin Bode (Redaktionsleiterin von FRIZZ Das Magazin für Kassel): „Selbst Petrus liebt die documenta: Bei strahlendem Sonnenschein begannen am Mittwoch die Previewtage der documenta fifteen. Die Atmosphäre der Veranstaltung – energiegeladen, begeistert und voller Dankbarkeit und Erleichterung, dass die Ausstellung trotz Pandemie nun wirklich stattfinden wird. Der abendliche Presseempfang im Kasseler Auestadion stand ganz im Zeichen von nongkrong (indonesischer Slang-Begriff für „gemeinsam abhängen“). Ungezwungen und ausgelassen trafen Weltpresse und Kasseler Gesellschaft auf die künstlerische Leitung, das indonesische Kollektiv ruangrupa, und zahlreiche Künstler:innen.“

Eine gemeinschaftlich genutzte Reisscheune, das ist eine schöne Metapher für unsere Erde, von der es bekanntlich keine Version 2.0 geben wird. Wir müssen vor allem den Kipp-Punkt der Erderwärmung, den Point of no Return, noch verhindern. Danach sieht es leider nicht aus. Autokratische & populistische Politiker – es sind fast nur Männer (!) – weltweit scheren sich einen Dreck um die Fakten, setzen unbeirrbar weiter auf fossile Energien und hinterlassen buchstäblich verbrannte Erde und versunkene Länder. Was kann die Kunst dagegen bewirken? Unverdrossen erinnert sie sui generis an Alternativen, gelegentlich sogar ganz konkret. Joseph Beuys‘ prophetisches Projekt einer „Stadtverwaldung“ stieß bei der documenta 7 (1982) anfangs auf entschiedene Ablehnung der Kasseler Gesellschaft. 7.000 Eichen sollten in der Stadt gepflanzt werden, 1987 konnte das visionäre Vorhaben abgeschlossen werden. In Madrid wird gerade Europas größter Klima-Schutzwall aus 500.000 Bäumen gepflanzt.

Nicht minder sympathisch als lumbung hört sich nongkrong an, aber das gemeinsame Abhängen ist in Zeiten der Pandemie nicht ohne Risiko. Die Zahlen steigen wieder, und der Gesundheitsminister Karl Lauterbach ist wieder in seine liebste Rolle geschlüpft: als Mahner & Warner. Wie recht er hat, verdeutlicht ein Fall aus meinem direkten Umfeld. Ein junger, sportlicher Mann hat sich angesteckt und wurde gestern mit 40,13 Grad Fieber regelrecht niedergestreckt. Ängstlich ist er nicht, vorsichtig aber schon und dreimal mit BionTech geimpft. Das Corona-Virus bleibt tückisch und unberechenbar, in welcher Variante auch immer. Das scheinen die meisten Menschen schon wieder vergessen zu haben. Bei der Premiere des schlicht „Konzert“ genannten Programms des wundervollen A-cappella-Trios „Muttis Kinder“ in der Berliner „Bar jeder Vernunft“ – sie feiert gerade ihren 30. Geburtstag – trug außer uns nur eine Besucherin im Spiegelzelt eine Maske. Diese Leichtfertigkeit ist bar jeder Vernunft. Der nächste Winter kommt bestimmt und keine:r hat’s gewusst.

Von A nach B

Die Zukunft kommt aus der Erde. Die stille Insel Hiddensee bekommt Glasfaseranschluss. © Karl Grünkopf

So viel Baulärm wie noch nie. Kleine Bagger buddeln den sandigen Inselboden auf und verlegen Leerrohre für Glasfaserkabel. Wenn wir das nächste Jahr wiederkommen, können wir hier schneller arbeiten als derzeit in Berlin oder Frankfurt. Hiddensee first. Gerade erst hat Bundeskanzler Olaf Scholz auf der Digitalkonferenz re:publica verkündet, bis 2030 sei Deutschland flächendeckend mit Glasfaser versorgt. Immerhin nimmt er das Thema Digitalisierung ernster als seine Vorgängerin. Bekanntlich hatte Angela Merkel den US-Präsidenten Barack Obama noch 2013 mit dem Eingeständnis verblüfft: “Das Internet ist für uns alle Neuland.“ Damit dürfte die Kanzlerin a.D. genauso im Reinen sein wie mit ihrer Russlandpolitik, wie sie bei einem Auftritt in einem Berliner Theater darlegte. „Mit Verlaub“ moniert die Mainzer Allgemeine Zeitung: “Das ist zu viel Starrsinn, zu viel Selbstgewissheit und zu wenig Einsicht und Selbstreflexion – und das angesichts einer Lage, in der täglich die katastrophalen Folgen der von Merkel maßgeblich mitverantworteten Politik deutlich werden.“ (09.06.22)

Dass Hiddensee in Merkels ehemaligem Wahlkreis liegt, ist bekannt. Ob die Insel deshalb bei der Glasfaserverkabelung bevorzugt wurde, ist allerdings reine Spekulation. Die Bürger:innen und Gäste bewegt vielmehr das Thema der Hafenerneuerung in Vitte – „Der erste Energieautarke Hafen der Ostsee“ soll entstehen, lesen wir in einer 12-seitigen Broschüre, für die der Hiddenseer Hafen- und Kurbetrieb verantwortlich zeichnet. Dass die Öffentlichkeit bei Großprojekten genauer hinschaut, verdanken wir u.a. den Skandalen um den BER und Stuttgart 21, wo Kosten und Nutzen in einem krassen Missverhältnis stehen. Zum Start des Hafenausbaus gäbe es derzeit keine Auskünfte und Interviews, versichert mir die Kurdirektorin Vanessa Marx am Telefon. Erst wolle sich der Hafenausschuss, in dem auch die Bürgerinitiative HAFEN VITTE sitzt, auf eine einvernehmliche Linie verständigen. Die Position der Initiative ist klar: „Sanierung JA, Ausbau NEIN“. Auf ihrer Seite kann man die Gegenwart des Hafens sehr plastisch mit der Zukunft vergleichen.

Angebot schafft Nachfrage. Das gilt natürlich auch für das Neun-Euro-Ticket im ÖPNV, das am ersten Wochenende mit Feiertag zu den erwarteten Problemen führte. Verkehrsexpert:innen beurteilen den möglichen Erfolg dieses Angebots differenziert: besser hätte man diese Steuermittel in die Sanierung gesteckt, zudem könne diese wohlfeile Offerte nicht das Problem lösen, wie man unkompliziert von A nach B kommt. Solch eine Frage stellt sich im PKW nicht; man steigt ein, fährt mit dem Navi und kommt – selbst bei unvorhergesehenen Ereignissen – immerhin zur errechneten Zeit an. Trotzdem sollte das Neun-Euro-Ticket als Konzept weiterbestehen – man sollte mit einer ÖPNV-Monatskarte im ganzen Land fahren können, ohne sich in anderen Orten an Ticket-Automaten herumärgern zu müssen. Wenn es dann flächendeckend in deutschen Landen Glasfaser gibt, sollten sich auch im öffentlichen Verkehr smarte Lösungen finden, flexibel und unkompliziert von A nach B zu kommen. Hier ist wahrlich der Weg das Ziel.

Rückkehr

Das Wappen von Hiddensee – in den Farben der Ukraine. © Karl Grünkopf

100 Tage dauert der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine nun schon. Wer hätte am 24. Februar zu prophezeien gewagt, dass wir einen Zermürbungskrieg mit hohen Verlusten auf beiden Seiten erleben würden. Manche Expert:innen sprechen inzwischen von weiteren Monaten, andere gehen gar von einem Jahre andauernden Krieg aus. Einen Waffenstillstand wird es wohl erst geben können, wenn Russland den Donbass ganz kontrolliert oder beide Parteien einsehen, dass hier niemand gewinnen wird. Die globalen Folgen spüren wir alle: die Preise für Energie und die Lebenshaltungskosten gehen durch die Decke, der Euroraum verzeichnet eine Rekord-Inflation. Eine Rückkehr zur gewohnten Normalität wird es nicht geben; schon jetzt ist klar, dass vielen Ländern in Afrika eine Hungerkatastrophe droht, wenn nicht bald der ukrainische Weizen per Schiff ausgeführt werden kann. Auf dem Landweg per Eisenbahn mit unterschiedlichen Spurweiten ist das nicht zu schaffen!

Auf der Insel Hiddensee geht das Leben scheinbar weiter wie bisher. Nachdem im letzten Jahr um diese Zeit wegen der Pandemie keinTourismus auf unserer liebsten Insel erlaubt war, kommen die Gäste und „TaTous“ (Tagestouristen) langsam wieder zurück. Wir haben aber den Eindruck, es sind deutlich weniger als 2019. Die Restaurants bieten zuverlässig alle das Immergleiche an, sind weniger besucht, obwohl alle mittlerweile ein bis zwei Ruhetage einlegen müssen – Personalmangel. Das dürfte für einige Betreiber eng werden, denn die Saison ist kurz auf der Insel. Ob alle Fahrradverleiher – es sind deutlich mehr geworden – auf ihre Kosten kommen, ist ebenso zweifelhaft. Andererseits staunen wir nicht schlecht über manch‘ aufgerufenen Preis. Ein Stück Sanddorntorte mit viel Gelatine für 4,90 €, ein doppelter Espresso dazu für 3,50 € – das hat Großstadtniveau. Über den Kaffee wollen wir nicht lamentieren, auf den angeblich selbst gebackenen Kuchen aber herzlich gerne verzichten. Ansonsten hat sich zum Glück wenig auf Hiddensee verändert. Die Insel entrückt und verrückt unseren gewohnten Alltag mit dem permanenten Overflow an News auf allen Kanälen.

Beim Betreten & Verlassen der Fähre von Stralsund mussten alle Passagiere noch Masken tragen, danach war die Pandemie vorbei. Im Supermarkt oder im Kino ist die Maskenpflicht gefallen, wir tragen freiwillig und unverdrossen unseren Mund-Nasen-Schutz. Nach dem zweiten Sommer des Vergessens dürfte uns allen aber wieder die Pflicht blühen. „Nun sollte man meinen“, räsoniert die „Neue Osnabrücker Zeitung“, „dass die Lehre (…) mit Blick auf die im Herbst sicher wieder steigende Zahl an Infektionen doch wohl nur ein frühzeitig verkündetes einheitliches Regelwerk für das ganze Land sein kann. Aber ach, weit gefehlt. Die FDP nutzt die Gunst der Stunde und inszeniert sich als Freiheitspartei, die möglichst gar keine Vorschriften mehr erlassen will. Dagegen wirkt Karl Lauterbach mit seinen Warnungen wie die ewige Sirene, die aber wie schon bei der vermurksten Impfpflicht keiner mehr hören will.“ (03.06.22)„Möge der Geist über Sie kommen“, verabschiedete uns der Professor vor Pfingsten aus dem Hegelseminar. Sein Wunsch gilt mehr denn je!

Affentheater

Das Erbgut des Orang-Utan ist zu 97% mit dem des Menschen identisch. © Rolf Hiller

Jetzt auch noch: Affenpocken, notiere ich handschriftlich am 21. Mai. Wie nicht anders zu erwarten, setzt wieder eine Kakophonie der Verlautbarungen ein. Der Gesundheitsminister Karl Lauterbach verbreitet Panik und stigmatisiert gleich noch die Gay Community, während Expert:innen darauf verweisen, dass die Affenpocken gut erforscht und gut zu behandeln sind. Die Verläufe sind meistens leicht; trotzdem wird eine 21-tägige Isolation und Quarantäne empfohlen. „Experten sagen schon lange“, hält die Frankenpost aus Hof fest, „dass das Zeitalter der Pandemien begonnen hat.“ (23.05.22) Längst werden keine aktuellen Corona-Inzidenzen mehr in den Nachrichten gemeldet, ein Impfzentrum nach dem anderen wird geschlossen, fast alle Schutzmaßnahmen sind aufgehoben. In den S- und U-Bahnen sind einige junge Leute trotzig ohne Maske unterwegs. Wie vor einem Jahr gehen alle Corona-Zahlen zurück. Kommt nach dem Sommer des Vergessens wieder ein Winter des Erschreckens?

Wenn ich mit vielen Menschen zusammenkomme, trage ich weiter eine Maske. Inzwischen habe ich mir die Verbeugung zur Begrüßung oder zum Abschied angewöhnt, obwohl diese Geste schon wieder irritiert. Noblesse oblige. Das sollte ganz besonders für Politiker:innen gelten! Wieder einmal hat sich der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann zum Affen gemacht und sich schamlos in den Vordergrund geschoben. Nach sexistischen Bemerkungen über Flugbegleiterinnen auf der Rückreise von Sevilla nahm der selbstgefällige OB dem Spieler Sebastian Rhode und Trainer Oliver Glasner den Pokal aus der Hand und eilte damit zum Balkon des Römers. Bekanntlich hatte die Eintracht die Europe League gewonnen, und Feldmann wollte sich auf selten dreiste Art mit fremden Federn schmücken. Dass gegen ihn die Staatsanwaltschaft Anklage in der AWO-Affäre wegen Vorteilsnahme erhoben hat, passt nur allzu gut ins Bild. Das Präsidium der Frankfurter Eintracht hat Feldmann bereits ein Stadionverbot erteilt, die SPD distanziert sich von ihrem Parteifreund und fordert ihn zum sofortigen Rücktritt auf!

Wer denkt da nicht sofort an Gerhard Schröder. Der Ex-Kanzler & Putin-Freund steht seit Monaten in der Kritik, weil er seine politischen Kontakte nach dem Ende seiner Karriere schamlos verrubelt hat. Dass er jetzt nicht mehr für den Vorstand der Gazprom zur Verfügung stehen möchte, kommt zu spät. Schröder hätte sich spätestens nach dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine erklären müssen; zudem ist für Gazprom in Deutschland und für Schröder bei Gazprom nichts mehr zu holen. Das hat wohl auch Manuela Schwesig endlich begriffen. Die SPD-Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern galt bis zuallerletzt als Russland-Versteherin, könnte aber immer noch über die Machenschaften der „Klimastiftung MV“ stolpern, die von Gazprom gesteuert wurde. Der Wahlkreis von Angela Merkel lag übrigens auch in diesem Bundesland. Die überzeugte Europäerin hat gegen alle Warnungen der europäischen Freunde das Projekt Nord Stream 2 energisch vorangetrieben. Dieses bitterernste Affentheater ist noch längst nicht zu Ende.

Schlimmer geht’s immer

Bettina Lieder und Samouil Stoyanov in den Masken des berühmten Dichterpaares. © Nikolaus Ostermann

Es genügt, wenn’s vergnügt. Auf diesen kleinsten gemeinsamen Nenner wird sich das Publikum des Theatertreffens 2022 bestimmt verständigen können. Beifall gab’s immer, Buhrufe nie. Mit Standing Ovations wurde die Produktion „humanistää! eine abschaffung der sparten“ vom Volkstheater Wien verabschiedet. Geschickt hat die Regisseurin Claudia Bauer aus Stücken & Texten von Ernst Jandl eine Revue zusammengestellt, die mit einem boshaft-witzigen Blick in die Alltagshölle eines Dichterpaares einsetzt. Wie Slapstickfiguren bewegt sich das Maskengespann durch die Szene; unschwer erkennt man Friederike Mayröcker und Ernst Jandl. Diese Schärfe kann die Inszenierung indes nicht durchgängig halten – oft gibt’s mehr Jux als Jandl, dessen Dekonstruktion von Sprache ja niemals dem Klamauk verfällt. „Eine Abschaffung der Sparten“ hätte als Motto über dem diesjährigen Theatertreffen stehen können, dessen Jury die zehn vorgeblich bemerkenswertesten Produktionen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ausgewählt hat. Verlautbart wurde viel in diesen Tagen, gespielt selten. Ein „echtes“ Theaterstück habe ich nicht erlebt, in dem Handlungen & Konflikte sich dialogisch im Spiel entfalten.

„Da konnte ja nur eine richtig sprechen“, raunt ein Besucher seinem Begleiter beim Verlassen des Hauses der Berliner Festspiele zu. Die beiden hatten dennoch geduldig bis zum Ende ausgeharrt. „Like Lovers Do (Memoiren der Medusa)“ heißt der Titel der grellbunten Inszenierung der Münchener Kammerspiele. Was man da über „sexualisierte Gewalt“ und „toxische Rollenbilder“ hören (!) kann, ist so wahr wie langatmig. Kein Spiel nirgends, aber viele längst bekannte Einsichten und Wahrheiten. Was Wunder, dass viele Theater nicht einmal mehr ihre Premieren ausverkaufen. Da lobt man sich doch das Selbstverständnis der Berliner schaubühne, wie es kürzlich ihr Intendant Thomas Ostermeier im rbb 24 inforadio auf den Punkt brachte: „Wir machen Theater fürs Publikum. Also die Frage nach nachvollziehbaren Charakteren, nachvollziehbarer Handlung. Inhaltliche Anliegen, gesellschaftliche und politische Fragen, das ist das, was wir versuchen an der schaubühne.“

Die Politik fürs Publikum machen derzeit Die Grünen, allen Ungereimtheiten in der Ampelkoalition zum Trotz. Robert Habeck und Annalena Baerbock sind derzeit die beliebtesten Politiker:innen der Republik; der Kanzler mit schwacher Performance liegt abgeschlagen auf dem dritten Platz. Die Entlastung beim Tanken spart keinen Kraftstoff, das würde hingegen ein Tempolimit zum Nulltarif bringen. Das 9-Euro-Ticket wird jetzt als Werbeaktion für den Öffentlichen Personennahverkehr angepriesen, wird aber keine Verkehrswende einleiten. Ungeachtet dieser Widersprüche zu ihrer Programmatik haben die Grünen derzeit einen Lauf; sie waren die großen Gewinner der Wahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen. Sollte es in beiden Bundesländern eine schwarz-grüne Koalition geben, wird es für die Ampel in Berlin ungemütlich. In Hessen gibt es übrigens seit 2018 eine schwarz-grüne Regierung. Aber derzeit ist dort natürlich rot-schwarz angesagt: Die Frankfurter Eintracht gewann am Mittwoch das Finale der Europa League gegen die Glasgow Rangers und spielt nächste Saison in der Champions League. Oh, wie ist das schöiiin…

Das Theater geht weiter

Das Schweigen des Vaters. Nikolai Gemel und Michael „Minna“ Sebastian in der Romanadaption „Ein Mann seiner Klasse“. Die Inszenierung von Lukas Holzhausen vom Schauspiel Hannover beim Theatertreffen 2022. © Katrin Ribbe

Endlich wieder ein richtiges Theatertreffen nach zwei Jahren nur digitaler Präsenz. Die Erwartungen sind hoch. Große Worte bei den Reden zur Eröffnung. Yvonne Büdenhölzer, die scheidende Leiterin des Festivals, stuft das Theatertreffen als „Diskursbeschleuniger“ ein, die neue Kulturstaatsministerin Claudia Roth befindet voller Emphase: „Theater ist Grundnahrungsmittel“ und „systemrelevant“. Die Latte liegt hoch, und der Absturz folgt auf dem Fuße. „Das neue Leben“ heißt eine Produktion aus Bochum, die Dante-Texte mit Popsongs kontrastiert. Lang ziehen sich die Monologe der vier Schauspieler:innen, langatmig und langweilig. Nach einer Stunde fliehen wir aus dem Kopftheater. „Volles Verständnis“, gibt mir mein Nachbar mit auf den Weg; er hat sich die ganze Zeit Notizen gemacht.

Neues Stück, neues Glück. „Ein Mann seiner Klasse“ vom Schauspiel Hannover verspricht da schon mehr „Systemrelevanz“. Nun bin ich kein Freund der Romanadaptionen, Überschreibungen oder irgendwelcher Textflächen, die bei den Intendanten und Dramaturgen dieser Republik so hoch im Kurs stehen. Es fehlt an überzeugenden neuen Stücken. Wahrscheinlich arbeiten die besten Schreiber:innen für Fernsehanstalten und Streamingdienste, bei denen das größere Geld lockt. Wo sind die neuen Brechts oder Hauptmanns? Themen gibt es doch genug in der Welt der sog. kleinen Leute, die sich abstrampeln wie der Möbelpacker auf der Bühne – und trotzdem wird es niemals reichen. Die Bühneneinrichtung von Lukas Holzhausen basiert auf dem Romandebüt von Christian Baron, der sein deprimierendes Familienleben autobiographisch schildert. Trotzdem liebt er seinen Vater – den Trinker, den Schläger, den Looser, der von einem (echten) Handwerker dargestellt wird. Der spricht kein einziges Wort, ist anwesend abwesend. Die Inszenierung beeindruckt und zeigt den Freund:innen der „Diskursbeschleunigung“ eine andere, fremde Welt.

Das berührt durchaus, aber das Theater sollte sich auf seine ureigenen Qualitäten besinnen: Geschichten nicht nur erzählen, sondern im Spiel darstellen. In ihrer Zwischenbilanz zum Theatertreffen 2022 kommt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung zu einer ähnlichen Einschätzung, wobei sie die internen Schwierigkeiten der Häuser – von Machtmissbrauch bis Gendergerechtigkeit – gleich noch mit bilanziert: „Denn stell Dir vor, das Theater löst alle Probleme – und keiner geht hin.“ (11.05.22) Wenn ihre Kollegin Catrin Lorch recht hat mit ihrer Bewertung, dann steht die documenta fifteen in Kassel auf der Kippe. Die verantwortliche Künstlergruppe Ruangrupa hat auf die bedeutendste Ausstellung aktueller Kunst auch BDS-Sympathisant:innen eingeladen. Wikipedia zu Folge ist BDS „eine transnationale politische Kampagne, die den Staat Israel wirtschaftlich, kulturell und politisch isolieren will“. BDS wird sowohl von der deutschen Regierung als auch vom Parlament als antisemitisch eingestuft. „Die Documenta“, vermutet Lorch, „könnte scheitern: Wer die sanften, aber intellektuell unbeugsamen Ruangrupa-Mitglieder kennt, hält eine Absage der Weltkunstschau durch sie für vorstellbar.“ (SZ, 12.05.22) Die Kulturstaatsministerin Claudia Roth – sie wandte sich übrigens gegen die BDS-Resolution des Deutschen Bundestags – hat schon mehrfach versucht zu vermitteln. Dieses Theater ist bitterernst!

Fatalismus

Das absurde Theater findet woanders statt: Standing Ovations für Dieter Hallervorden in „Der König stirbt“. © DERDEHMEL/Urbschat

Der ICE ist auf der Rückfahrt von Frankfurt so voll, wie ich es in den letzten zwei Jahren nicht mehr erlebt habe. Viele kauern vor den Türen, andere arbeiten auf dem Boden vor dem Speisewagen. Zum Glück gilt in den Zügen der Deutschen Bahn weiter die Maskenpflicht. Meine Corona Warn App steht jetzt immer auf rot. Bei der vollbesetzten Premiere „Der Schatzgräber“ von Franz Schreker in der Deutschen Oper Berlin darf jede:r wählen, ob er/sie die gefeierte Inszenierung mit oder ohne Mund-Nasen-Schutz erleben möchte. Wir gehören zur Fraktion Vorsicht und tragen die Maske freiwillig auch im Schlossparktheater. Wir wollen den 86jährigen Prinzipal Dieter Hallervorden auf der Bühne erleben. Geboten werden soll „gute Unterhaltung“ mit dem Stück „Der König stirbt“ von Eugène Ionesco, Wikipedia zufolge „ein verschlüsselter Abgesang auf Frankreichs endende Rolle als einst stolze Kolonialmacht“. Anspielungen auf die aktuelle politische Lage lägen eigentlich auf der Hand, aber die Regie von Philip Tiedemann setzt auf Klamauk und einen lieben & altersmilden König. Das Publikum dankt begeistert und feiert Dieter Hallervorden mit Standing Ovations.

Locker in Berlin, streng in Frankfurt. Maskenpflicht und Schachbrettbelegung der Sitzplätze in der Deutschen Nationalbibliothek bei der Eröffnung des Festivals „Frankfurt liest ein Buch“ , das unser Verlag seit Jahren als Medienpartner begleitet. Heuer steht der Roman „Nach Mitternacht“ von Irmgard Keun im Zentrum der vielen Veranstaltungen. „Der beste satirische Roman über Nazideutschland“ (Arthur Koestler) spielt 1936 an zwei Tagen in Frankfurt, als Hitler auf dem Opernplatz eine Ansprache hielt, und schildert die komplexen Ereignisse aus der Perspektive einer jungen Frau. Die Autorin hat eine meisterhafte Begabung, kurz und prägnant zu beschreiben; sie beobachtet hellwach, wie der Faschismus das soziale Leben verändert und prägt. Der Nationalsozialismus wurde dem deutschen Bürgertum nicht aufgezwungen, sondern war dessen „rabiat gesteigerte Konsequenz“ (Heinrich Detering im Nachwort der schönen Neuausgabe). Die Verfilmung des Romans von Wolf Gremm aus dem Jahr 1981 trifft weder jenen lakonischen Ton noch wird sie der Komplexität der Vorlage gerecht. Das kleine Fernsehspiel zieht sich im Deutschen Filminstitut, mehrfach schaue ich auf die Uhr. Immerhin erfährt das Publikum im gut besuchten Kino (Maske, Schachbrett) vor Beginn der Vorführung von einem neuen Angebot im Herbst: „Frankfurt sieht einen Film“, der an einem Tag mit Rahmen-Programm in verschiedenen Kinos laufen soll.

Was mag bis dahin passiert sein? Wird uns die Pandemie wieder „unvorbereitet“ erwischen? Ist der Krieg gegen die Ukraine dann zu Ende, der nun schon bald ein viertel Jahr das Land verwüstet? Festhalten lässt sich im Moment, dass die Sanktionspakete der EU Russland nicht nachhaltig beeindruckt haben; gleiches lässt sich von den Offenen Briefen sagen, die jetzt hierzulande kursieren. Die ganze Absurdität der Lage verdeutlicht, dass russisches Gas durch die Ukraine geleitet und mit Duldung der Russen von Deutschland aus an die Ukraine weiter verkauft wird. Was nützt und schadet wem? Dass der Bundespräsident Frank Walter Steinmeier nun doch eingeladen wurde, den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selensky in Kiew zu besuchen, ist ein gutes Zeichen in dunkler Zeit. Sein Besuch hat mehr Gewicht als die Reise des CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz, der sich vor allem aus wahltaktischen Gründen im Kriegsgebiet blicken ließ. Am Sonntag wählt Schleswig-Holstein einen neuen Landtag; der Ministerpräsident & Merkelianer Daniel Günther, der seit 2017 eine Jamaika-Koalition führt, liegt in den Umfragen vorne. Schiff ahoi!