Das Schweigen der Sirenen

Niemand ist auf einen Katastrophenfall vorbereitet. © Hans Braxmeier auf Pixabay

Früher heulten regelmäßig die Sirenen – zur Probe. Ich hatte als Kind immer ein banges Gefühl, wenn der enervierende Ton einsetzte, obwohl ich doch wusste, dass es kein Ernstfall war. Später wurden die Übungen seltener, nach dem Ende des Kalten Krieges verschwanden die meisten Sirenen, der letzte bundesweite Warntag im Herbst letzten Jahres war ein „Fehlschlag“ (Bundesinnenministerium). Was braucht es eigentlich die Sirenen in der schönen, neuen, digitalen Welt. Nach der Hochwasserkatastrophe in Rheinland-Pfalz und NRW beurteilen Experten und solche, die es gerne sein wollen, die Lage anders. Man will nun wieder Sirenen installieren, aber das wird noch Jahre dauern. Das hätte Menschenleben retten können, denn die Warnungen der Meteorologen kamen bei (zu) vielen Menschen nicht an; deren Existenz wurde von einer Jahrhundertflut ungeahnten Ausmaßes zerstört. Der Klimawandel ist keine abstrakte Bedrohung in ferner Zukunft mehr, die Folgen der globalen Erderwärmung sind längst Realität.

Das hat inzwischen auch Armin Laschet, amtierender Ministerpräsident von NRW und Kanzlerkandidat der CDU/CSU, begriffen; sein unangemessenes Verhalten nach Ausbruch der Katastrophe wird ihm noch auf die Füße fallen. „Weil jetzt ein solcher Tag ist, ändert man nicht die Politik“, meinte er abschätzig im WDR-Fernsehen. Wann denn sonst, wenn nicht überhaupt schon viel früher? Angela Merkel ließ sich auch an den vom Hochwasser zerstörten Orten blicken, feixte natürlich nicht wie der amtierende Parteivorsitzende und zeigte sich sehr betroffen: doch ihr Ruf als „Klimakanzlerin“ ist längst verhallt. Zumindest erkennen „unsere“ Politiker:innen den globalen Klimawandel an – anders als etwa der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro, unter dessen Ägide der Regenwald schneller denn je abgeholzt wird – pro Minute wird eine Fläche von drei Fußballfeldern niedergewalzt. Eigentlich müssten am Amazonas die Sirenen rund um die Uhr heulen. „Was sich heute im Regenwald abspielt, ist ein Raubzug, ist ein Krieg“, bilanzierte der 2002 gestorbene brasilianische Politiker und Umweltaktivist José Lutzenberger schon vor langer Zeit.

Sind wir denn besser vorbereitet auf einen Katastrophenfall als die Menschen in den Hochwassergebieten, denen lokal schon wieder Starkregen droht? Für den möglichen Ernstfall – etwa einen großflächigen Stromausfall – sind wir nicht gerüstet, wie man auf der Seite des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe lesen kann. Empfohlen wird ein Vorrat an Essen und Trinken für 10 Tage. „Grundsätzlich gilt: Auch nur ein bisschen Vorrat, zum Beispiel für drei Tage, ist besser als kein Vorrat.“ Pro Tag brauche eine Person 2 Liter Wasser. „Ein Mensch kann unter Umständen drei Wochen ohne Nahrung auskommen, aber nur vier Tage ohne Flüssigkeit.“ Das dürfte allgemein bekannt sein, doch handeln wir im Kleinen wie im Großen wider besseres Wissen – wir haben bis jetzt keine Vorräte für drei Tage zu Hause, haben nicht die Nina-Warn-App auf dem Handy und schütteln über sog. Prepper (noch) den Kopf. Warum eigentlich?

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