Warten

Der nächste Somma kommt bestimmt © Pixabay

Früher mussten wir bis 6 Uhr warten. Dann klingelte das Glöckchen, und wir durften endlich ins Weihnachtszimmer, das seit Tagen abgeschlossen war. In der letzten Stunde vor der Bescherung schaute der Vater immer wieder auf seine Armbanduhr und verkündete, wie lange wir noch ausharren müssten. Die längste Stunde des Jahres für uns, aber sie hatte ein Ende, wenn der Vater endlich die Tür aufmachte und wir unsere Geschenke auspacken durften. Längst schon klingelt am Weihnachtsabend kein Glöckchen mehr. Ans Warten haben wir uns alle aber wieder gewöhnen müssen und an eine erratisch agierende Politik, deren Entscheidungen die Mehrheit der Deutschen (noch) stoisch mitträgt. Allen Widersprüchen zum Trotz – in den Worten des Reutlinger General Anzeigers: „Warum sind all jene von Einschränkungen betroffen, die allen Empfehlungen der Regierung gefolgt sind? Diese Fragen bleiben offen, was das Vertrauen in die Regierung eher weiter sinken lassen wird.“ (22.12.21)

Dass der Gesundheitsminister Prof. Dr. Karl Lauterbach, bekannt aus Talk & Twitter, der neue Expertenrat, RKI-Chef Lothar Wieler und die Ministerpräsident:innen nach einer gemeinsam verabredeten Stellungnahme nicht mit einer Stimme sprechen, passt leider ins Bild. Fest steht derzeit, dass die Virusvariante Omikron bald auch hierzulande dominant sein wird und eine fünfte Welle der Pandemie kommt. Dann könnte das Gesundheitssystem kollabieren, und es könnten in der kritischen Infrastruktur Arbeitskräfte fehlen. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn Feuerwehr und Polizei ihre Aufgaben nicht mehr erfüllen können, wenn die Wasser- oder Lebensmittelversorgung zusammenbricht. Dann retten uns ein paar Flaschen Mineralwasser jedenfalls nicht. Wer hat schon angesichts der Hochwasserkatastrophe in diesem Sommer Vorräte für einen Notfall angelegt?

Ein widerspruchsfreies Leben ist nicht möglich, und so mache ich mich geboostert und mit aktuellem Test auf ins Berliner Kesselhaus zum Auftritt von Ralph Towner, der schon dreimal verschoben werden musste. Der Konzertraum ist locker bestuhlt, das Publikum darf am Platz die Masken ablegen. Das erste Album „Trios / Solos“ von Ralph Towner with Glen Moore (sowie Paul McCandless und Colin Walcott) erschien 1973 bei ECM und faszinierte uns, weil Jazz, Folk und World Music unerhört ineinander verwoben werden. Der 81-jährige Musiker hält sein Instrument wie ein klassischer Konzertgitarrist und spielt, wie er sein ganzes Leben gespielt hat: in sich versunken und hochkonzentriert. Sein Programm besteht aus Eigen- und Fremdkompositionen, die Towner ganz knapp ansagt; nie würde er sich dem Publikum mit Sprüchen oder Geschichten anbiedern. Diese Konzentration überträgt sich auf das Auditorium, das sehr aufmerksam dem Spiel des Meisters folgt, der zu den großen Stillen der Szene zählt. Mit einer Zugabe verabschiedet sich Ralph Towner. Bis zu seinem nächsten Auftritt werden wir sicher eine Weile warten müssen.

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