Spaltung der Gesellschaft

Diesen Kampf gewinnt keiner: Mike Faist als Riff and David Alvarez als Bernardo in 20th Century Studios‘ WEST SIDE STORY. Photo by Niko Tavernise. © 2021 20th Century Studios. All Rights Reserved.

Peinlicher geht’s immer. Die neue Ampelkoalition hat erst einmal eine „einrichtungsbezogene Impfpflicht“ für Beschäftigte im Gesundheits- und Pflegebereich beschlossen, doch jetzt stellt sich völlig überraschend (!) heraus, dass es gar nicht genug Vakzine gibt, zumindest im ersten Quartal 2022. Wie konnte das nur passieren? Jede:r Geimpfte wusste nach der zweiten Impfung, dass 6 Monate danach eine Auffrischung nötig ist. Dem Gesundheitsminister a.D. Jens Spahn dürfte das auch bekannt gewesen sein. Statt die Logistik zu prüfen, produzierte er lieber flotte Sprüche vom Ende der „epidemischen Lage von nationaler Tragweite“, oder er redete den Impfstoff von Moderna schlecht. Mit Versprechungen sollten sich Politiker:innen tunlichst zurückhalten. Ob es klug war, dass Olaf Scholz sich als „Kanzler auch der Ungeimpften“ bezeichnete, wird sich weisen.

Die Spaltung der Gesellschaft jedenfalls wird mit jedem Tag deutlicher, und radikale Impfgegner jedweder Couleur werden immer militanter. Ob es da hilft, auch noch die Geimpften in zwei Klassen zu unterteilen. Wer die Booster-Impfung erhalten hat, soll sich im Falle einer 2G-plus-Regelung nicht mehr testen lassen müssen. Was als Anreiz gedacht war, entpuppt sich als Bumerang. Bei drohendem Mangel an Vakzinen Anfang 2022 ist es unfair, Menschen zu sanktionieren, die nicht geimpft werden konnten! Das sorgt für schlechte Stimmung draußen im Lande und erhöht die Verunsicherung genauso wie die Nachricht, in NRW könne man sich bereits nach vier Wochen boostern lassen. Warum wird im bevölkerungsreichsten Bundesland die Lage so anders beurteilt als im Rest der Republik. Einig sind sich dagegen alle in der Einschätzung, dass die Variante Omikron bald dominant sein wird; in Großbritannien infizieren sich damit über 200.000 Leute pro Tag.

Vor einem ganz anderen Hintergrund thematisiert die „West Side Story“ die Spaltung einer Gesellschaft – in New York stehen sich zwei Gangs unversöhnlich gegenüber. Leonard Bernsteins geniale Adaption von Romeo und Julia nimmt uns wieder vom ersten Moment an gefangen, obwohl die grandiose Neuverfilmung von Steven Spielberg zweieinhalb Stunden dauert. Um die Wirkung seiner Inszenierung noch besser zu beurteilen, hat sich der Meister-Regisseur auf einem Bürostuhl direkt durch die Kulissen gerollt. Bekanntlich kennt diese Geschichte nur Verlierer – eine Love Story mit Happy End zwischen einer Puertoricanerin und einem Amerikaner war wie in der Vorlage von Shakespeare im New York der 60er Jahre (noch) nicht möglich. Großes Kino, große Gefühle. Wir sitzen gebannt & erschüttert in unseren feinen Logensesseln. Die Spaltung einer Gesellschaft kann so traurig sein.

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