Instead of a Conclusion

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Highlight einer Reise: Shirley Jordan singt „Autumn in New York“ im Dizzy’s Club.

Unser Family-Trip & more durch die Staaten ist vor einer Woche zu Ende gegangen. Waren es wirklich nur drei Wochen? Die Eindrücke & Erlebnisse reichen jedenfalls locker für drei Monate, und es ist mir schlichtweg nicht möglich, diese unglaubliche Reise bündig in ein paar Worten zusammenzufassen.

Statt eines Fazits möchte ich festhalten, was uns am stärksten aufgefallen ist bei unserer Reise, die uns bereichert hat, aber beileibe kein Urlaub war.

  • Stromadapter als erstes einpacken. Nie wieder ohne nach Amerika!
  • Bei der Renunion, dem großen Familienfest in Washington, sprachen alle Englisch miteinander. Viele waren mit nichts in der Tasche eingewandert und sind stolz darauf, Amerikaner geworden zu sein. Das ist noch immer das große Versprechen dieses riesigen Landen: jeder kann hier sein Glück machen.
  • Wir haben keinen Anhänger von Trump getroffen, im Gegenteil. Die aufgewühlte Stimmung im Lande haben wir als „Touris“ nicht bemerkt; dazu waren wir wohl auch zu viel „on the road again“.
  • Die Obdachlosigkeit ist sichtbar und die  Schande eines so reichen Landes. In LA gibt es besonders viele, die es nicht (mehr) geschafft haben und auf der Straße leben, in windigen Zeltlagern entlang der Straßen & Highways. Sehr bedrückend.
  • Auf der langen Reise sahen wir nur zweimal Frauen mit Kopftüchern.
  • Ohne Kreditkarte ist’s nicht einfach. Nie haben wir  soviel mit der Karte bezahlt.
  • Das Verkehrszeichen STOPP all ways funktioniert so, dass alle Autos an einer Kreuzung warten und das zuerst angekommene als erstes fahren darf.
  • Überhaupt zum Verkehr: es geht auch mit wenigen Schildern und ohne Kreisel.
  • Galonen & Meilen kannten wir schon, waren aber überrascht, einen „Letter“ in der Hand zu halten: ein Blatt Papier etwas kürzer & breiter als in good old Europe.
  • Ungewohnt auch der hohe Wasserstand in den Toilettenbecken.

Da ich dieses Resümee, das keines ist, niederschreibe, geht mir „On the Road again“ von Willie Nelson nicht aus dem Kopf. Und ich möchte wieder los. Nachher geht’s zur Villa Shatterhand nach Dresden. Dort bekommen wir frische Pferde, Mundvorrat & Schießbedarf und reiten dann in einem Zuge nach Prag. Howgh!

 

In der Alten Welt

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9 Monate lang gewartet, Geschwurbel bekommen (Der Spiegel, 15.09.2018).

Wir landen fast pünktlich in Berlin und werden vom Kleinflughafen Tegel wieder enttäuscht. Bald eine Stunde warten wir auf das Gepäck und starren mit leeren Blicken auf das Band. Informationen, eine Entschuldigung gar – Fehlanzeige. Das macht ja die Deutsche Bahn besser! Irgendwann kommen die Koffer, wir nehmen ein Taxi und ohne Stau geht’s nach Hause. Im Vergleich zu LA wirkt Berlin plötzlich gemütlich. klein & überschaubar; das gefällt uns sehr. Wir sehen keine Obdachlosen an den Straßen und auf den Wegen, wir können uns wieder in der Stadt orientieren, wir fühlen uns geborgen in unserem Kiez, als habe Berlin plötzlich menschliche Maße angenommen. Genug mit solch sentimentaler Heimkehr, die Berlin wie LA verklärt. Idylle ist nirgends.

Gab es denn nichts zu lesen auf dem langen Flug? Natürlich haben wir uns sofort mit dem „Spiegel“ auf den Dirigenten Teodor  Currentzis gestürzt, der sich glänzend als Exzentriker zu inszenieren weiß. Da bellt das Feuilleton vor Freude, zumal der Grieche kürzlich das SWR Symphonieorchester übernommen hat. Ein dreiviertel Jahr habe man um einen Termin buhlen müssen, da dürfen es auch schon mal zwei Doppelseiten im Blatt sein. „Die Musik wählt mich, nicht umgekehrt“, lesen wir tief verstört und staunen übers Raunen: „Mein Traum ist es, ein besserer Mensch zu werden. Das Licht der Inspiration zu finden, das göttliche Licht der Inspiration in meinem Leben, und es mit jemandem zu teilen. Mein Himmel ist es, meinen Himmel mit dir zu teilen.“

Blitzartig wird klar, was wir in Amerika missen mussten, ohne es zu vermissen: das deutsche Feuilleton. Erleuchtet fahren wir im Nieselregen zu einer Geburtstagsfete und glauben, so dem Jetlag ein Schnippchen zu schlagen. Viele haben mich gewarnt, alle haben sie recht. Der Zeit- und Klimaumstellung, der Natur entkommt keiner. Ein bisschen Demut hat noch nie geschadet.

Leavin‘ the States

Irritation als Geschäftsprinzip: „Gentle Monster“ verkauft Brillen.

Where is the art? On the street. Zu sehen sind merkwürdige Gestalten aus Schnüren, die teils im immer gleichen Rhythmus zucken. Was ist denn das? Wir treten ein und entdecken seltsame Maschinen, die sich nur für sich bewegen; sie könnten von Thomas Bayrle stammen. Ist das eine Avantgarde-Galerie am Broadway downtown, ein Hotspot zwei Steinwürfe weg vom ACE? Mitnichten – „Gentle Monster“ ist der coolste Brillenladen der Welt, das Personal gehört zum Gesamtkunstwerk. Draußen vor der Tür ist wieder Realität. Ein Obachloser sitzt verloren auf der Bank an der Bushaltestelle, eine Frau im Rollstuhl starrt ins Leere und brabbelt vor sich hin.

Die Gegensätze und Widersprüche sind krass in LA. Kaum raus aus einem Edel-Shop, bitten arme Teufel um ein paar Cent oder haben schon ganz resigniert. Die Obdachlosigkeit ist sichtbar in dieser Stadt, springt viel stärker ins Auge als in D.C., NYC oder SF. Immer wieder treffen wir auf solche Menschen, als wir den Broadway hinaufgehen. Wir wollen uns das MOCA zumindest von außen anschauen. Vorher aber noch zwei Doppelte zum Spitzenpreis dieser Reise: schlappe 17,52 $. Dafür waren sie gut, und der MOCA-Shop bekommt 100 Punkte, weil es dort „Leuchtturm“ gibt, die besten Notizbücher von die ganze Welt. Auch im Laden der Walt Disney Concert Hall werden wir wieder ärmer. Da wollen wir unbedingt mal ein Konzert erleben und legen LA endgültig auf Wiedervorlage.

Zum Abschluss gönnen wir uns natürlich Burger und geben uns eine Busfahrt mit suspense, um Hitchcock nicht zu vergessen. Wir steigen in der Union Station in den Flughafenbus und verfolgen voller Angst bei Google unseren Transfer zum Airport. Der Helldriver quält sich durch den Megastau, wir sehen unseren Flieger fliegen – ohne uns. Plötzlich geht es doch voran und wir erreichen unseren Terminal um 17.35h. Zehn Minuten später sind wir das Gepäck los und unsere Angst; um 18.05h hätte der Schalter geschlossen! Easy & friendly das Boarding, und wir sind beede überrascht, wie schnell die knapp zehn Stunden an Bord vergangen sind. Eine mittelgroße Mütze Schlaf wird uns bei der Zeit-Umstellung helfen. Ein Geburtstagsfest in Berlin sicher auch. Ende für heute um 16.42h vom Frankfurter Flughafen, begonnen habe ich diese Zeilen per App zwischen den Kontinenten. Brave New World.

LA Confidential

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Smoke over the City – LA versinkt im Dunst.

Wo geht’s zur Kunst? In LA natürlich auf dem Freeway, vorzugsweise achtspurig. Ohne Termindruck wie gestern beginnen wir den vorletzten Tag dieser Reise, der mit dem Ritt auf einer Höllenmaschine enden sollte. Die Anfahrt zum Getty Center ist perfekt organisiert: vom Parkhaus durch die Security mit der Seilbahn auf einen Hügel mit einem grandiosen Blick über die Stadt, wenn man sie denn sehen könnte. LA verschwindet im Smog, versinkt buchstäblich im Dunst des Verkehrs. Wir kennen keinen Ort, der so konsequent, um nicht zu sagen brutal vom Auto dominiert wird, zu dem es keine ernsthafte Alternative gibt. Avenues, Boulevards, Streets, aber kein Zentrum nirgends. LA fehlt jedes menschliche Maß, und die Zurichtung dieser Stadt aufs Auto wird sich noch bitter rächen. Da hilft es auch nicht, dass Kalifornien einen Satelliten in die Umlaufbahn bringen will, der weltweit den Ausstoß klimaschädlicher Emissionen überwachen soll. Was soll das? Um festzustellen, was in LA abgeht, braucht man keinen Satelliten, sondern nur wache Sinne.

Mit Öl machte übrigens Jean Paul Getty sein Geld. Er galt in den 60er Jahren als reichster Mensch der Welt und baute eine umfangreiche Kunstsammlung auf, die indes das 20. Jahrhundert leider ausspart. Ein großer Teil davon ist im Getty Center zu sehen, das Richard Meier gebaut hat. Ein beeindruckender Komplex, aber kein großer Wurf. Kühle Funktionalität strahlen die Gebäude aus, und von der neueren Kunst der Sammlung sind wir enttäuscht. Einzig das riesige Gemälde (2,52 x 4,3 m) „Der Einzug Christi in Brüssel“ aus dem Jahr 1888 von James Ensor nimmt uns gefangen; zum Glück ist in diesem Raum Fotografieren einmal nicht erlaubt. Etwas ernüchtert nehmen wir im sterilen Innenhof einen Imbiss. Ein Sandwich in Plastik für 9 $ ist kein Deal, dafür muss man aber keinen Eintritt im Getty Center zahlen. Neben uns nagen einige asketische, asiatische Klosterfrauen an ihren Maiskolben; sie wirken nicht zufriedener als amerikanische Wuchtbrummen.

Auf fünf Spuren rollen wir zurück in die Stadt ohne Mitte. Direkt am Freeway unter einer Brücke wieder ein Verschlag, in dem Obdachlose hausen. Unendlich trostlos im reichsten Land der Welt! Weiter durch den Straßendschungel zur Autovermietung – nach 600 Meilen mit dem tadellosen Hyundai geht’s zu Fuß weiter. Wir erreichen den Broadway und sehen den Glanz vergangener Zeiten: die prächtigen Kinopaläste sind verrammelt. „Downtown has changed“, sagt ein weiser Farbiger neben mir an der Ampel. Man sieht’s auf den ersten Blick.

Und die Höllenmaschine? Was ist mit der Höllenmaschine? Ein Freund & Mitarbeiter lebt hier seit 2001 und holt uns mit seinem abenteuerlichen Jeep am Hotel ab. Das Ding ist dreißig Jahre alt und halboffen. Wir knattern durch die Stadt zu seinem soliden Haus aus Holz im Süden der Stadt, das er sich mit vier anderen teilt. Es hat noch die schönen  Jugendstilfenster von 1910 und einen richtigen Garten mit Rehen. Die sind natürlich nicht echt, so wenig wie das „Northern Cafe“ Kottbullar anbietet. Chinesen schmeißen den Laden, und Asiaten sind die besten Kunden. Der nette schwer bewaffnete Cop am Nachbartisch macht ein Foto vom German Trio. Auch das ist LA!

 

Lion and Thomas

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So blickte der Großschriftsteller Thomas Mann beim Schreiben in den Garten.

Was für ein Stress am frühen Morgen. Wir pfeifen uns ein Müesli rein, trinken Tee, Susanne liest den Blog, schickt mir noch ein Foto dazu. Dann setze ich mich wieder – wir haben nur einen Stuhl -, stelle online und beantworte schnell noch ein paar Mails. Warum die Hetze? Wir werden um 11 Uhr in der Villa Aurora in Pacific Palisades erwartet und wollen natürlich gut deutsch pünktlich sein.

Die zwanzig Meilen sollen knapp fünfzig Minuten dauern, meldet Google auf deutsch aus Susannes I-Phone; zu unserer größten Überraschung spielt das angeschlossene Handy im Hyundai „California“ von U2. Der Tag wird gut. Wir parken in einer sehr steilen Straße und klingeln am Eingang zu der Villa, die 1927 im spanischen Stil erbaut und mit allen technischen Finessen ausgestattet wurde.  Als Martha Feuchtwanger das Haus auf den Hügeln über dem Pazifik 1943 entdeckte, stand es schon vier Jahre lang leer; für 9.000 $ bekamen sie den Zuschlag für die herunter gekommene Immobilie. Im Entree schon hängt ein eindrucksvolles Foto: Lion Feuchtwanger und Bertolt Brecht nebeneinander auf der Steinbank. Dort stehen wir jetzt auf der Terrasse und hören bei unserer Privatführung über das Leben der Feuchtwangers nach ihrer Flucht aus Deutschland und über das heutige Leben in der Villa Aurora, in der Fellows ein paar Monate arbeiten und wohnen dürfen.

Man vertraut uns die Post für das Thomas Mann Haus an, wo wir beede schon zur nächsten Audienz erwartet werden. Diese Villa, die Thomas Mann im Bauhaus-Stil errichten ließ, war 60 Jahre in amerikanischem Privatbesitz und wurde zuletzt sogar per AirBnB vertickert, ehe sie 2016 von der Bundesregierung gekauft wurde.  Inzwischen ist die Villa wieder stilsicher hergerichtet worden, aber der Geist der Manns muss dort erst wieder einziehen. „Es gibt Orte“, beschwört der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering denn auch die Vergangenheit, „die durchlässig sind für die Zeiten. Die Schatten vergangener Bewohner oder Besucher eines Hauses gehen um als Wiedergänger und scheinen so lebendig, dass der augenblickliche Besucher befürchten muss, dass er selbst zum Schatten wird.“ Während in der Villa Aurora gewissermaßen alles so blieb, wie es die Feuchtwangers gestaltet haben (Martha lebte dort bis 1987), überdauerte im Mann’schen Haus nur wenig, etwa die Bücherregale in seinem Arbeitszimmer. Auch im TMH sollen Fellows arbeiten; einige Wissenschaftler sind nach der feierlichen Eröffnung am 18. Juni dieses Jahres dort schon aktiv.

Beglückt fahren wir zum Will Rogers State Beach – Wellenbaden im Pazifik ist jetzt angesagt. Herrliche Wellen, herrliches Wetter sowieso. Zurück im Meer der Autos auf dem teils fünfspurigen Freeway. Immer wieder stockt der Verkehr, in den meisten Wagen sitzt nur eine Person – der alltägliche Auto-Wahnsinn in LA. In „unserem“ roof garden noch einen Imbiss, endlich mal wieder Mittagsschlaf (!) und abends noch einmal raus uff die Gass‘. Erstaunlicherweise können uns die freundlichen Kellner allesamt kein Kino in der Nähe nennen. Hollywood liegt umme Ecke, aber wir sind im falschen Film. Bei einer grauenhaften Mall finden wir das LA Live – mit grauenhaftem Kino-Programm. Wir ziehen noch ein bisschen um die Hochhäuser und die erstaunlich vielen Parkplätze. Einladend ist LA hier nicht. Bier & Pasta im ACE sind die beste Lösung. Treu & brav schreiben wir noch einige Postkarten.

For the first Time

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The Pacific Ocean – ganz für uns alleene.

„Wir fahren an den Strand“, schlägt Susanne nach dem Aufstehen vor. Phantastische Idee, also immer geradeaus die State Street hinunter und dann links zum Strand. Anbaden bei plus 68 F im Pazifischen Ozean, zum allerersten Mal. Wir sind die einzigen, der Strand ist fast menschenleer, das Wasser für die Freunde der Ostsee höchst angenehm. Wie Forest Gump joggen wir noch ein paar Meter am Strand, dann wieder packen und Yoghurt & Tee gegenüber vom Motel – die zehntel Meile fahren wir natürlich mit dem Auto…

Die erste Etappe des Tages ist Malibu. Wir wollen einen Espresso im „Paradise Cove Beach Café“ trinken. Knapp 50$ zum Parken sind ein schlechter Deal. Wir stellen unseren Schlitten auf dem Highway ab und investieren dann gerne 12 Scheine für das Heißgetränk. Die Bucht ist wirklich malerisch, aber als gute Protestanten haben wir verzichten gelernt und packen das Badezeug nicht aus. Wir cruisen weiter an der Küste entlang, gleich neben dem Highway drücken sich die Häuser ans Meer. Bestimmt schweineteuer, so in Malibu zu wohnen, aber ganz & gar nicht unsere Sorte.

„The Best of Henry Mancini“ ist der passende Soundtrack für Beverly Hills. Eine Hecke ist höher als die andere, ansonsten sieht man nichts – alles so schön grün hier. In Hollywood parken wir später direkt am Sunset Boulevard hinter einem schönen, alten Rolls, steigen souverän aus und belohnen uns mit zwei Campari Orange. Das „Obica“ überzeugt in jeder Beziehung: sehr netter Service, leckere Speisen.

Auf denn nach downtown zu unserem Hotel. Souverän dirigiert mich Susanne Google durch ein schier unendliches Straßengeflecht. Dass LA große Probleme mit dem Smog hat, verstehen wir bei strahlendem Sonnenschein sofort. Vor unserem Hotel steht auf einem  Schild „Make Jazz not War“. Wer wollte da widersprechen, hier sind wir richtig! Ein Carkeeper kümmert sich um das Auto, der Room Waiter ums Gepäck, von unserem Zimmer mit „Vista Point“ auf eine Berliner Brandmauer sind wir sehr angetan, abgesehen vom (überflüssigen) Teppich. An der Wand hängt eine Gitarre, Notenpapier liegt bereit. Zum Komponieren fehlt uns heute indes die Muße. Das absolute Highlight des ACE Hotel ist der roof garden. Die „Upstairs Bar“ ist ein obercooler Club mit echtem DJ, einem echten Whirlpool, einem echten Kamin und echt lässiger Atmosphäre. Der Senior-Guest of the Night gibt sich auch cool und tankt sich mit schwebenden Bewegungen durch die Szene. Das ACE ist ein Young Urban Hotel, das für uns ohne Vergleich ist – www.acehotel.com/losangeles. Enjoy!!!

Lovin‘ Motels

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Blick bei plus 45 F auf die Morro Bay; das Eichhörnchen ist auf dem Bild nicht zu erkennen.

Wir haben die Giraffe vergessen!!! Und all‘ die anderen Tiere und die Pools und den Center Court. William Randolph Hearst baute nicht nur sein Traumschloss, er baute seine Welt! „Ferner gehörte zu dem Anwesen“, lesen wir begeistert bei Wiki, „der größte private Zoo der Welt, mit einer Vielzahl von exotischen Tieren wie z. B. Zebras, die man noch heute auf dem Anwesen grasen sehen kann.“

Da kann unser Motel in Morro Bay nicht mithalten – fast keine Insekten, aber ein Eichhörnchen sehen wir von der Terrasse. Frühstück bei plus 45 Fahrenheit und herrlichem Blick über die Bay. Die Omelettes sind hervorragend, kein Vergleich mit der Volksspeisung gestern in Nordkorea. Guter Dinge und mit Burt Bacharach als Begleiter setzen wir unsere Reise fort. Der König des Easy Listening gastierte neulich mit 90 Jahren das erste Mal in Berlin, bekam euphorische Kritiken und versprach bald wiederzukommen. Durch endlose Felder cruisen wir, dann und wann arbeiten Menschlein in dieser Einöde.

Die Etappe bis Santa Barbara ist kurz, wir erreichen das Pepper Tree Inn schon am frühen Nachmittag. Die Motels sind einfach klasse und praktisch: einchecken, vorfahren und rein ins Zimmer, in dem es an nichts fehlt, selbst Bügelbrett (brauchen wir nicht) und Mikrowelle sind Standard. Unser Super Best Western glänzt noch mit Fitness, Massage und Laundry. Während der letzten Waschung in Amerika ziehen wir ein paar Bahnen im Schwimmbecken und entspannen dann im Whirlpool. Wie die Hot Pots in Island vor sieben Jahren!

Zum Dinner wieder per Bus nach downtown in die State Street. Der netteste Busfahrer dieser Reise nimmt uns gratis mit und weist uns auf die richtige Haltestelle hin. Das spanisch anmutende Flair von Santa Barbara entfaltet einen ganz besonderen Zauber. Wir lassen es richtig krachen und bestellen zwei Pizzen für 1 Mio $. Zurück geht’s deshalb wieder by bus. Wie denn sonst!

The Castle

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Das unvollendete Schloss des William Randolph Hearst.

Frühstück von der nordkoreanischen Volksküche in einem tristen Raum, dafür ohne Andacht und mit US-TV. Schöner kann ein strahlender Sonntag nicht beginnen. Die Eier sind kalt und steinhart, das Brot ist pappig, der Rest kommt aus Plastik; wir sind still und dankbar über Apfel & Banane. Wir legen „Pet Sounds“ ein, das geniale Album von Brian Wilsons Beach Boys von 1966, und weiter geht’s auf dem Highway 1 Richtung Big Sur. Als wir Monterey verlassen, fliegt ein Vierteldollar  aus dem Autofenster; das hatten wir so versprochen.

Die Straße schlängelt sich malerisch an der Küste entlang, manchmal überholen wir last & lost Cowboys, die sich auf dem Rad durchs Gelände kämpfen. Bei einem Stopp hoch oben an einem Vista Point fliegen uns fast die Autotüren aus der Hand, so peitscht uns der Wind um die Ohren. Unten im Tal ist es lauschiger, im River Inn schaufeln sich gut genährte Menschen gut gefüllte Teller rein, ein Trio spielt Smooth-Jazz, und wir essen am Bach ein Yoghurt within flaxseed.

Von weitem schon sehen wir das Schloss. Hearst Castle ist ein Gesamtkunstwerk der besonderen, der amerikanischen Art. „Build your dream to reality“. Mit dieser Message endet der Jubelfilm über mein viel zu großes Vorbild:  der Medien-Tycoon William Randolph Hearst hat sich mit dem Castle einen Kindertraum realisiert. Einem Klaub-Ritter gleich, kaufte sich Hearst Torbögen, Säulen, ganze Holzdecken, Kirchenbänke, gewaltige Stühle und meterlange Tische zusammen und baute für diese Funde mit der Architektin Julia Morgan sein Traumschloss, dessen aberwitziger Stilmix draußen die Postmoderne antizipiert, während es drinnen den Charme einer Gruft verbreitet. Ein Boy-Scout mit Panama-Hut und Sonnenbrille spricht mindestens achtmal so schnell wie ich, dann und wann verstehen auch wir etwas.

„Das exotische Phantasieschloß zeigt, was geschieht, wenn eine simple Idee mit unbegrenzten Mengen an Zeit, Geld, architektonischem Talent und Enthusiasmus in Angriff genommen wird.“ (Sydney LeBlanc). Immer und immer wieder ließ es Hearst umbauen und erweitern, und seine Nachfahren trafen die weise Entscheidung, die nicht fertigen Flügel nicht vollenden zu lassen. So bleibt Hearst Castle Fragment und beeindruckt uns gerade deshalb so. Locker cruisen wir weiter nach Morro Bay und beschließen den Tag prosaisch mit Huhn und kalifornischem Chardonnay, der die Freunde des deutschen Riesling nie wird begeistern könne. Weinweh?

On the Road again

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Wahrer ist nur die Wirklichkeit: Sunset in Carmel-by-the-Sea.

Abschied von der Quintara Street im Frühherbst. Wir cruisen auf dem Highway 1 entspannt Richtung Monterey, unserem ersten Ziel auf der Fahrt nach LA. Der Soundtrack von „Forest Gump“ begleitet uns, und viele Songs des Albums bringen das Easy Feeling der 60er Jahre noch wunderbar zum Ausdruck, allen voran natürlich Scott McKenzie oder „California Dreamin'“ von The Mamas & The Papas. Wir fahren durch bis Santa Cruz und lassen einige Autohöfe souverän aus. Eine gute Entscheidung.  In einer wunderschönen Straße essen wir unser erstes Sourdough-Sandwich, es gibt einen gut sortierten Bookshop (mit Stadtplänen von Berlin), originelle Shops und einen Espresso-Tipp. Im „Verve“ freuen wir uns über lesende Gäste und zwei doppelte, die indes gallig schmeckten. Advantage Caffè Trieste!!! Auch in Santa Cruz hängen viele abgewrackte Althippies herum, die von Surfin‘ U.S.A. nicht den Sprung in eine halbwegs gesicherte Existenz schafften.

Mit Willie Nelsons (still alive!) „On the Road Again“ im Ohr cruisen wir weiter nach Monterey und checken in unserem Motel ein. Die Zeit drängt schon wieder, denn wir wollen unbedingt den Sunset in Carmel-by-the-Sea erleben. Warum ich zwei Bücher mitgenommen habe, verstehe ich heute so wenig wie gestern. Just in time erreichen wir den Strand, staunen und knipsen, was sich in Bildern nicht festhalten lässt. Wir versuchen es trotzdem und reservieren beim knackevollen Griechen. Kunst meiner Kategorie „Oha“ gibt’s viel in Carmel, was nicht weniger für die Klamotten gilt, die teils erstaunlich billig sind. Wer sich ein Häuschen für 6.5 Millionen $ leistet, scheint hier jedenfalls nicht einzukaufen. Müde & halbwegs zufrieden mit dem Gyros tasten wir uns durch den stockfinsteren Ort zu unserem Hyundai. „Um sich von anderen Städten zu unterscheiden“, weiß Wiki, “ weist Carmel einige kuriose, im Gesetz verankerte Traditionen auf: es gibt weder Briefkästen noch Hausnummern oder Straßennamen. Ebenso gibt es heute noch keine Straßenlampen, Fußgängerwege und Leuchtreklamen.“ Gut so & gute Nacht im Monterey Bay Travelodge.

Happy End

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Bridge over foggy water.

Letzte Fahrt mit der Cable Car ins Hafenviertel und dann die Treppen hoch zum Coit Tower, dort zahlen Seniors ab 62 Jahren (!) weniger Eintritt. Wir haben einen phantastischen Blick über die Stadt, wie von geheimer Hand hüllt eine Nebelbank die Golden Gate Bridge ein. Wir sind begeistert und steigen von dort hinab ins typische San Francisco. Auf zum Caffè Trieste, wo es den besten Espresso der Stadt gibt und sich eine muntere Mischung aus Hippies, Intellektuellen und natürlich Touris trifft. Neben uns sind zwei Philosophen in einen hoch konzentrierten Diskurs vertieft. Mit dem Bleistift in der Hand lesen sie „Plato’s Dialogue on Friendship“ in der Übersetzung von David Bolotin. Als sie ein netter Knuddelhund mit tiefen Augen anblickt, mache ich bekannt: „His name is Plato.“ Die Denker lassen sich amüsiert in der Exegese stören.

Weiter zu Fuß durch Straßen wie in China zur Autovermietung. Unweit von Market mit den schicken Geschäften beginnt die Ellis Street. Vor der Methodist Church liegen ein Dutzend arme Teufel mitten auf dem Gehweg. Wir gehen diesen Block auf der Straße weiter und erreichen kurz vor 6pm Hertz. Das reservierte Auto ist weg und kein anderes verfügbar – wir hätten um 10am da sein müssen! Wir pochen auf den Vertrag, der Fettsack auf die Usancen in Amerika, die Situation eskaliert. Es kann zu einem Schusswechsel kommen. Wir stecken die Pistolen weg, setzen auf Appeasement  und machen einen Deal. Für 65 $ Dollar Aufschlag steht plötzlich ein weißer Hyundai vor der Tür. Ende gut, alles gut.

Souverän dirigiert uns Google Map zu SFJazz, wo heute Abend „Sex Mob plays Ellington“ auf dem Programm steht. Über den Veranstaltungsort lesen wir bei Wiki: „SFJazz ist eine 1983 in San Francisco gegründete Jazz- und Non-Profit-Organisation, die Jazzaktivitäten in der Region San Francisco bündelt. Sie veranstaltet Jazzkonzerte in ihrem SFJazz Center, organisiert das San Francisco Jazz Festival, stellt Auftritts- und Übungsmöglichkeiten für lokale Musiker zur Verfügung und ist in der Jazz-Erziehung aktiv.“ So etwas hätten wir auch gerne und würden sofort Mitglied werden.

Kurz nach halb sieben halte ich in der Nähe. Ein paar Minuten später winkt Susanne mit drei Karten. Gegenüber ist gleich ein Public Parking, wir machen den nächsten Deal und stellen unseren Schlitten für 20 $ ab. Lucky again!  Bald darauf sitzen wir entspannt in einem gläsernen Konzertraum mit ausgezeichneter Akustik, sehen die Passanten vorbeieilen  und erleben eine grandiose Beschäftigung des Quartetts um Steven Bernstein (slide trumpet) mit dem Duke. Beschwingt verlassen wir das SFJazz und erreichen fast zeitgleich das Haus des Cousins – er mit dem Rad, das hier einige Fans hat, wir mit dem Auto. Ein Wine Tasting passt nicht schlecht zu unserem Happy End.