Das Ende der Inzidenz

„Momentan sterben mehr Menschen durch Schusswaffen als durch Covid-19.“ Das Bild zeigt die spektakuläre U-Bahn-Station des spanischen Architekten Santiago Calatrava unter dem World Trade Center in New York. © Gitti Grünkopf

Stell‘ Dir vor, es gibt genug Stoff und keine:r will ihn haben. Während wir im April stundenlang in der Warteschleife einer Hotline hingen, um einen Impftermin mit AstraZeneca zu bekommen, sind jetzt mobile Impfteams unterwegs, um überhaupt noch Kandidat:innen zu gewinnen. Die können sich das Vakzin dann sogar aussuchen und oft noch eine Belohnung abstauben. In ihrer Not wollten Politiker wie der Söder Markus sogar Stoff bei Putin kaufen; von Sputnik V ist schon lange keine Rede mehr. Was läuft da schief in deutschen Landen? Warum lassen sich nicht genug Menschen freiwillig impfen? Warum laufen wir Gefahr, eine notwendige Impfquote von 85% der über 12-Jährigen nicht zu erreichen? Warum funktioniert die Solidargemeinschaft (wieder) nicht? Womöglich hängt dieses Desinteresse mit widersprüchlichen Signalen zusammen. Großbritannien hebt – trotz steigender Inzidenzen – am 19. Juli alle Einschränkungen auf, auch hierzulande gibt es immer weitere Lockerungen. Frankreich und Griechenland dagegen haben eine Impfpflicht für medizinisches Personal beschlossen, die in Italien schon gilt.

Die Inzidenz als Maß für alle Maßnahmen hat indes ausgespielt; weitere Parameter zur Beurteilung der Lage werden hinzugezogen: die Belastung des Gesundheitssystems, die Auslastung der Intensivbetten, die Anzahl der mit oder durch Corona Gestorbenen. Allenthalben gibt es Erleichterung & eine neue Leichtigkeit. Bei einem Benefiz-Konzert zugunsten des wunderbaren Kammermusik-Festivals in Kreisau war alles wieder wie vor der Pandemie: Umarmungen, Händeschütteln, keine Masken am Platz in der nicht klimatisierten und gut besuchten Mendelssohn-Remise in Berlin. Alle freuten sich über ein Wiedersehen nach scheinbar unendlich langer Zeit. Mit meiner Verbeugung mit gekreuzten Händen vor der Brust falle ich schon wieder aus dem Rahmen. „Ja, Sie haben ja recht“, höre ich dann nach einem Moment der Überraschung. Das Virus wird nicht mehr verschwinden, weitere Varianten werden entstehen. Wir werden nach der Pandemie mit dieser Bedrohung weiter leben müssen, und ich werde weiter auf das Händeschütteln verzichten, brav eine Maske tragen und häufiger die Hände waschen.

Dass wir mit Wetterextremen leben müssen, dass der Klimawandel längst in Deutschland angekommen ist, belegen die erschütternden Nachrichten aus Rheinland-Pfalz und NRW. Das hindert Gummistiefel-Politiker wie Armin Laschet indes nicht, weiter ein Tempolimit in Deutschland zu blockieren. Weiter so! wo es doch schon lange nicht mehr so weiter gehen darf. Wie entspannt fuhren wir mit 75 Meilen auf den Highways von San Francisco nach Los Angeles, nachdem wir zuvor ein paar Tage in New York gewesen waren – und dort noch ohne Bedenken mit der U-Bahn fuhren. Das tut die Schriftstellerin Sigrid Nunez schon lange nicht mehr, wie sie Ute Büsing in einem Gespräch fürs Inforadio verriet. „Momentan sterben mehr Menschen durch Schusswaffen als durch Covid-19“, berichtet die Journalistin. Sigrid Nunez, deren neuer Roman „Was fehlt dir“ nächste Woche erscheint, fährt auch tagsüber nicht mehr mit der U-Bahn. Keine verlockenden Aussichten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s