Zeitmaschine

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Die Hoffnung stirbt zuletzt: Daniel Auteuil in „Die schönste Zeit unseres Lebens“. © Constantin Film Verleih GmbH

Schön war die Jugend, sie kehrt nie mehr zurück, sangen die Großeltern einer Freundin glück- und weinselig. 1974 konnte ich mit diesem Lied nicht viel anfangen. Die Jugend war jetzt, das Abi in der Tasche. Würde ich mich auch auf das Spiel einlassen, mich in eine Zeit meiner Wahl zurückbeamen zu lassen. In eine perfekt nachempfundene Kulisse, mit Schauspieler*innen, die das Leben meiner Freunde darstellen. Aus dieser Illusion wird eine neue Realität, wie der wunderbar leichte, wunderbar tiefe Film „Die schönste Zeit unseres Lebens“ von Nicolas Bedos erzählt. Zurück auf Los geht aber nicht, die verführerische Flamme (Doria Tillier) von einst ist eine Schauspielerin, die ihren Job macht. Victor (Daniel Auteuil) besinnt sich auf die Hoffnungen seiner Jugend: aus einem resignierten Zausel wird wieder ein neugieriger, lebensbejahender Mann. Der Zauber von einst kehrt zurück; auch das schöne Hippiemädchen, das seine Frau (Fanny Ardant) wurde. Beschwingt verlassen wir den Berliner Zoo-Palast: solche Filme kriegen wir Grübler nicht hin, aber die Franzosen. Bravo für den poetischsten Film des Jahres!

Mit einem Konzert (Auf der Suche) des derzeit von Erfolg zu Erfolg spielenden Pianisten Michael Wollny hat das musikalische Jahr begonnen, mit einem viertägigen Gastspiel seines Special Projects im Berliner „A-Trane“ endet es. Vor Wochen schon hatte ich Karten bestellt und für das dritte Konzert doch nur Stehplätze (35 €) bekommen. Dicht drängt sich das Publikum, es wird immer schwüler. Kurz vor der Pause reiße ich meinen Pullover runter – und flüchte schweißgebadet durch die Menge ins Freie. Endlich Luft, endlich Besinnung – und Enttäuschung. Denn Wollny – ohne Frage der vielseitigste Musiker der aktuellen Szene – setzt bei diesem Auftritt zu sehr auf Synthesizer & Rechner und spielt kaum Klavier. Christian Lillinger, der Schlagzeuger der Stunde, hat damit kein Problem; auch Tim Lefebvre (E.Bass) behauptet sich mühelos im Maschinengebrodel, das auf Dauer sehr monoton wird. Der wunderbare Sopransaxophonist Emile Parisien kann sich dagegen nicht behaupten. Schade!

Wir können nicht bis zum Ende bleiben und bedauern es nicht. Vor genau drei Jahren saßen wir im „Haus der Berliner Festspiele“ und sahen das Stück „Palermo. Palermo“ von Pina Bausch. „Nach der Pause“, notierte ich damals, „kam die Wirklichkeit ins Theater. In Windeseile verbreitete sich im Publikum die Nachricht vom Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz, den ich per Rad um 16.30h passiert hatte. Unruhe. Einige verlassen die Vorstellung. ‚Es sind neun Menschen gestorben‘, rief eine junge Frau empört und ging. Andere folgen. ‚Palermo. Palermo‘ erreichte mich noch weniger. Zumindest die Szene mit Pistolen hätte man spontan streichen sollen. Nach der Vorstellung sprach der Intendant Thomas Oberender (ein bisschen zu viel), und das Publikum schwieg. Niemand hustete. Danach der mediale Overflow. Wie immer. Wir müssen weiter leben. Wir wollen weiter leben. So!“ Morgen ist der kürzeste Tag des Jahres. Wieder einmal.

 

 

 

 

 

 

 

 

2 Kommentare zu „Zeitmaschine

  1. Ich erinnere mich genau. An die Großeltern und das Lied. Und an den Abend vom 19.12.2016! Ich war auf einem anderen Weihnachtsmarkt, Friedrichstraße, an dem Abend. Ich hatte Glück und lebe noch. Wie lange noch? Schön war die Jugend….

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