Schlimmer geht’s immer

Bettina Lieder und Samouil Stoyanov in den Masken des berühmten Dichterpaares. © Nikolaus Ostermann

Es genügt, wenn’s vergnügt. Auf diesen kleinsten gemeinsamen Nenner wird sich das Publikum des Theatertreffens 2022 bestimmt verständigen können. Beifall gab’s immer, Buhrufe nie. Mit Standing Ovations wurde die Produktion „humanistää! eine abschaffung der sparten“ vom Volkstheater Wien verabschiedet. Geschickt hat die Regisseurin Claudia Bauer aus Stücken & Texten von Ernst Jandl eine Revue zusammengestellt, die mit einem boshaft-witzigen Blick in die Alltagshölle eines Dichterpaares einsetzt. Wie Slapstickfiguren bewegt sich das Maskengespann durch die Szene; unschwer erkennt man Friederike Mayröcker und Ernst Jandl. Diese Schärfe kann die Inszenierung indes nicht durchgängig halten – oft gibt’s mehr Jux als Jandl, dessen Dekonstruktion von Sprache ja niemals dem Klamauk verfällt. „Eine Abschaffung der Sparten“ hätte als Motto über dem diesjährigen Theatertreffen stehen können, dessen Jury die zehn vorgeblich bemerkenswertesten Produktionen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ausgewählt hat. Verlautbart wurde viel in diesen Tagen, gespielt selten. Ein „echtes“ Theaterstück habe ich nicht erlebt, in dem Handlungen & Konflikte sich dialogisch im Spiel entfalten.

„Da konnte ja nur eine richtig sprechen“, raunt ein Besucher seinem Begleiter beim Verlassen des Hauses der Berliner Festspiele zu. Die beiden hatten dennoch geduldig bis zum Ende ausgeharrt. „Like Lovers Do (Memoiren der Medusa)“ heißt der Titel der grellbunten Inszenierung der Münchener Kammerspiele. Was man da über „sexualisierte Gewalt“ und „toxische Rollenbilder“ hören (!) kann, ist so wahr wie langatmig. Kein Spiel nirgends, aber viele längst bekannte Einsichten und Wahrheiten. Was Wunder, dass viele Theater nicht einmal mehr ihre Premieren ausverkaufen. Da lobt man sich doch das Selbstverständnis der Berliner schaubühne, wie es kürzlich ihr Intendant Thomas Ostermeier im rbb 24 inforadio auf den Punkt brachte: „Wir machen Theater fürs Publikum. Also die Frage nach nachvollziehbaren Charakteren, nachvollziehbarer Handlung. Inhaltliche Anliegen, gesellschaftliche und politische Fragen, das ist das, was wir versuchen an der schaubühne.“

Die Politik fürs Publikum machen derzeit Die Grünen, allen Ungereimtheiten in der Ampelkoalition zum Trotz. Robert Habeck und Annalena Baerbock sind derzeit die beliebtesten Politiker:innen der Republik; der Kanzler mit schwacher Performance liegt abgeschlagen auf dem dritten Platz. Die Entlastung beim Tanken spart keinen Kraftstoff, das würde hingegen ein Tempolimit zum Nulltarif bringen. Das 9-Euro-Ticket wird jetzt als Werbeaktion für den Öffentlichen Personennahverkehr angepriesen, wird aber keine Verkehrswende einleiten. Ungeachtet dieser Widersprüche zu ihrer Programmatik haben die Grünen derzeit einen Lauf; sie waren die großen Gewinner der Wahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen. Sollte es in beiden Bundesländern eine schwarz-grüne Koalition geben, wird es für die Ampel in Berlin ungemütlich. In Hessen gibt es übrigens seit 2018 eine schwarz-grüne Regierung. Aber derzeit ist dort natürlich rot-schwarz angesagt: Die Frankfurter Eintracht gewann am Mittwoch das Finale der Europa League gegen die Glasgow Rangers und spielt nächste Saison in der Champions League. Oh, wie ist das schöiiin…

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