Kein schöner Zeit

Frei und unabhängig ohne Erlösung:“Œdipe“ in einer eindrucksvollen Inszenierung von Evgeny Titov in der Komischen Oper Berlin. © Monika Ritterhaus

Weggucken gilt nicht länger. Die Niederlage des Westens in Afghanistan hat die Schwäche der Europäischen Union schonungslos offenbart. Nicht einmal der Flughafen von Kabul hätte gesichert werden können. „In einer globalisierten Welt“, bilanziert Navid Kermani, „ist es keine Realpolitik, sondern Idiotie zu meinen, man könne sich als westliche Staatengemeinschaft oder Europäische Union aus Krisenregionen heraushalten.“ (FAZ, 26.08.21) Der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels gilt nicht als Scharfmacher und hat die Situation in Afghanistan schonungslos analysiert. Am Schluss seines Essays erwartet er eine Entschuldigung unserer Politiker:innen beim afghanischen Volk oder zumindest „bei unseren eigenen Soldaten und zivilen Helfern, deren Einsatz gleichsam über Nacht jedes Sinnes beraubt worden ist“. Statt in der Niederlage wenigstens Größe zu zeigen und allen afghanischen Flüchtlingen Asyl in Europa zu bieten, zeigen ihnen Sebastian Kurz & Konsorten die kalte Schulter. Was schert mich mein Geschwätz von gestern. Die sogenannten Ortskräfte in Mali wissen jetzt jedenfalls, woran sie sind.

Das wissen die meisten Wähler:innen vor der Bundestagswahl am 26. September noch immer nicht. Zumindest hat keiner der drei Kanzlerkandidat:innen im ersten Triell der deutschen TV-Geschichte gepatzt. Lag Olaf Scholz im März noch abgeschlagen hinter Armin Laschet und Annalena Baerbock, so führt jetzt der SPD-Mann das Feld an; seine Parteispitze hält sich einstweilen klug & vornehm zurück. Auch Die Grünen geben sich nach außen keine Blöße, obwohl die Partei in den letzen Umfragen deutlich auf dem dritten Platz liegt. Ein bisschen Diskussion könnte nicht schaden, etwa über den TV-Spot „Ein schöner Land“, mit dem man die Generation Ü60 in ARD und ZDF ansprechen möchte – grünes Biedermeier pur. Im Clip ist eine Laiensingschar zu hören, kreiert hat ihn die parteieigene Agentur „Neues Tor 1“. Es wäre fast ein Grund, Die Grünen nicht zu wählen. Über Häme & Spott im Netz brauchen Baerbock, Habeck & Co. sich jedenfalls nicht zu beklagen.

Wer im Dreikampf unterliegt, mag in der Komischen Oper Sinn & Trost finden. Zum Saisonstart steht endlich einmal wieder „Œdipe“ von George Enescu in Berlin auf dem Programm – dieses Werk ist dem Komponisten „am teuersten“. Nach 18 Monaten darf das Orchester wieder in voller Besetzung spielen; einigen Kritikastern war es natürlich gleich schon wieder zu laut. Wir erleben einen grandiosen Abend in einem reduziert drastischen Bühnenbild, hervorragende Sänger:innen (allen voran der phantastische Bariton Leigh Melrose in der Rolle des Ödipus) und eine schlüssige Interpretation des jungen Regisseurs Evgeny Titov. „Was (Ödipus) am Ende verändert“, konstatiert er im Interview des lesenswerten Programmhefts, „ist das Ausbleiben einer Erlösung. Genau das macht ihn letztlich frei und unabhängig.“ In gut drei Wochen wissen wir, wer die Wahl gewonnen hat und wer den Sinn der Niederlage womöglich in der Komischen Oper sucht. Der Ausgang der Bundestagswahl ist spannend wie selten, die Regierungsbildung dürfte schwierig werden. Quo vadis Deutschland nach Merkel?

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