Masken

 

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Gitti & Karl Grünkopf machen natürlich auch ein Selfie im Hamburger Bahnhof.

Der Hamburger Bahnhof, das Museum für Gegenwartskunst in Berlin, ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Was Wunder, steht bei diesem Event doch die Kultgruppe „Flying Steps“ auf dem Programm. “ Bilder einer Ausstellung“  heißt die neue Performance zur poppig verflachten Musik von Modest Mussorgsky – einige starke Bilder, viel Leerlauf. Das liegt zum einen an der musikalischen Vorlage, die den grandiosen Breakdance-Artisten zu wenig Reibung bietet, zum anderen an der Beliebigkeit der Performance. Ein paar starke Szenen, ein paar gute Ideen reichen eben nicht für eine Choreografie: die Aufführung zieht sich hin wie das Ende.  Trotzdem klatscht das Publikum begeistert und feiert ein bisschen auch sich selbst, schließlich haben wir tolle Selfies gemacht mit den Masken, die auf unseren Stühlen lagen.

Tags zuvor liest Monika Rinck in der Frankfurter AusstellungsHalle aus ihrem neuen Buch „Champagner für die Pferde“ (S. Fischer Verlag) und entwickelt im Gespräch mit dem Münsteraner Germanisten Christian Metz ihre Gedanken.  Nichts liegt dieser Lyrikerin & Essayistin, die seit Jahrzehnten konsequent ihren eigenen Gedankenweg geht, ferner, als aus einer Lesung eine peinlichen Marketingveranstaltung zu machen. Gedichte sind für sie Momente des Innehaltens, des Einspruchs gegen die allherrschende Optimierung. Manchmal ringt sie nach den richtigen Worten, denkt nach, ganz offen und schutzlos, ohne Maske.  Sie möchte Begriff und Poesie aufeinander beziehen, mehr noch: den Widerspruch offenhalten, Nicht-Identität, um mit Adorno zu sprechen. „Wobei ein Charakteristikum von Rincks Arbeiten ist“, befindet Christian Metz, „dass ihre Essayistik poetisch durchwirkt, während ihre Poesie hochgradig theoretisch versiert daherkommt. Eigentlich muss man Rincks Arbeiten im ständigen Wechsel zwischen Theorie und Poesie lesen.“ (FAZ, 30.03.19)

Natürlich hat Monika Rinck keinen Facebook-Eintrag; sie würde auch nicht zu diesem Ball der falschen Masken passen. Ich nutze dieses Portal, das unsere Daten schlampig sichert und meistbietend verhökert, nur selten und höchst ungern. Vor drei Tagen wurde ich wieder einmal scheinbar fürsorglich ans Gratulieren erinnert. Ein Bekannter aus Frankfurter Tagen, mit dem ich manches tiefe Gespräch führte, hatte Geburtstag. Ich gratuliere mit einer Nachricht, höre wieder nichts von Sebastian und beginne nachzuforschen. Als ich ihn zuletzt traf, trug er eine Schiebermütze und hatte keine Haare mehr. „Happy birthday, How are you? Where are you???“ Die Fragen und Glückwünsche gehen wie letztes Jahr ins Nichts. Ich werde jetzt gleich posten, dass Sebastian Ende 2017 verstorben ist.

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