Stimmungen

Allein auf dem Friedhof: Vater und Sohn im Film “Meinen Hass bekommt ihr nicht”. © Komplizenfilm

Glück gehabt. Wir wollen die Dokumentation „Blaues Land – Wie die AfD den Osten verändert“, eine rbb-Produktion von Olaf Sundermeyer, in der ARD-Mediathek sehen, doch aus unerfindlichen Gründen ist das an diesem Abend nicht möglich. Drei Tage später kann man die sehenswerte Reportage ohne Probleme aufrufen. Die AfD ist in Brandenburg sehr erfolgreich und könnte 2029 die Landtagswahl gewinnen. Die Partei gibt sich volkstümlich und volksnah bei ihren Auftritten (Bier und Bratwurst gratis) und verfolgt mit allen Mitteln ihre Ziele: gegen Migranten, gegen Minderheiten, gegen den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk, gegen die EU, gegen den Euro, gegen die NATO.Dabei instrumentalisiert die AfD die Institutionen genauso wie Social Media für ihre Zwecke. Mit Unterstützung dieser Partei kam Marek Wöller-Beetz von der CDU ins Amt des Bürgermeisters von Prenzlau. In der Doku meinte er freimütig: “Die Brandmauer ist für mich ein Fremdwort.” Nicht wenige seiner Parteifreunde dürften insgeheim seiner Meinung sein. 

Im November 2015 saßen wir gemütlich in Husum beisammen, als uns die ersten Nachrichten vom Terroranschlag in Paris erreichten. Das ist jetzt genau 10 Jahre her. Zu diesem Anlass ist noch bis zum 10. Dezember ebenfalls in der ARD-Mediathek die herausragende Verfilmung des Buches “Meinen Hass bekommt ihr nicht“ von Antoine Leiris aus dem Jahr 2022 zu sehen. Der Autor hat bei dem brutalen Angriff auf das Bataclan seine Frau verloren und muss versuchen, sein Leben als Witwer mit seinem 17 Monate alten Sohn wieder in den Griff zu bekommen, ohne zu verzweifeln, zu verbittern und zu hassen. Das hat Leiris in einem bewegenden Facebook-Post veröffentlicht, der eine große Resonanz hatte und als Basis seines Buches dient. Kongenial hat der Regisseur Kilian Riedhof (“Gladbeck”), der auch am Drehbuch mitgearbeitet hat, diese bewegende Geschichte eines Verlustes verfilmt. Den Vater verkörpert Pierre Deladonchamps, den Sohn Zoé Iorio. Ich nutze bewusst dieses Wort, denn man hat den Eindruck, eine beklemmende Reportage zu erleben. Trotz der Leere und Verzweiflung gelingt es den beiden, ein neues Leben zu finden. Auf dem Friedhof am Grab der Mutter trampelt der Kleine in eine Pfütze und quietscht vor Vergnügen. 

Biographisch hätte der Kanzler Friedrich Merz, der kürzlich seinen 70. Geburtstag beging, mit uns Abitur in Mainz machen können. Dann hätte der Westfale einen Rat unseres Biologielehrers mit auf den Weg bekommen: Erst nachdenken, dann noch einmal nachdenken und dann den Mund halten. Merz hat weder ein Sensorium für die Stimmung in seiner Partei noch für die Wirkung seiner Worte. „Ich habe einige Journalisten, die mit mir in Brasilien waren, letzte Woche gefragt: Wer von euch würde denn gerne hierbleiben? Da hat keiner die Hand gehoben.“ Zu Recht waren die brasilianischen Gastgeber der UN-Klimakonferenz COP30 in Belém empört über die wieder einmal unbedachten Worte des deutschen Bundeskanzlers. Im Rheinhessisch-Mainzer Schimpf-Lexikon wird das schöne Wort “Debb” so erklärt: “Jemand, der etwas falsch gemacht hat.” Ein Kanzler sollte indes nicht zu oft den Debben geben. 

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