Farbe bekennen

Der Altsaxophonist Jakob Manz ganz in seinem Element im ausverkaufen Großen Saal der Alten Oper Frankfurt. © Alte Oper Frankfurt / Salar Baygan

Was für ein Konzert der Überraschungen im ausverkauften Großen Saal der Alten Oper Frankfurt, präsentiert von FRIZZ Das Magazin für Frankfurt! Der Jazz Resident dieser Spielzeit, der junge Altsaxophonist Jakob Manz, durfte seine Band Super Nova zu einem XXL-Ensemble erweitern. Von seinem Label ACT-Music sind der Pianist Michael Wollny und Nils Landgren dabei. Später steht dann noch der Sänger Max Mutzke mit Jakob Manz auf der Bühne – der Entertainer bestimmt sofort das Geschehen. “Lasst die Welt an der Garderobe”, ruft er ins Publikum. Man müsse auch mal abschalten und die Konflikte draußen lassen. Trotzdem solle man sich nicht einschüchtern lassen: “Wir sind viele”. Und die vielen in der Alten Oper klatschen ihm begeistert zu. Neben dem funkigen Posaunisten Nils Landgren, der nicht angekündigt war, hat der junge Resident noch eine Überraschung in petto: Sarah Connor. Einst hatte Manz sie mit einem handgeschriebenen Brief beeindruckt und ist seither immer wieder mit der Sängerin unterwegs. 

Zum Abschluss des abwechslungsreichen Abends ist der Rising Star der deutschen Jazz-Szene wieder ganz in seinem Element und rockt mit dem schwedischen Fusion-Trio Dirty Loops die Alte Oper. Das durchaus gesetzte Publikum lässt sich von ihrer Begeisterung und Spielfreude anstecken – fast alle bleiben bis zum Schluss. Solche Gemeinschaftserlebnisse sind in Zeiten wie diesen so wichtig und nicht in den Socials zu haben, im Gegenteil. Trotzdem sind auf diesen Kanälen in kürzester Frist Solidarisierungen möglich. Der amerikanische Musiker Bruce Springsteen schrieb nach der Tötung von Renée Good (7. Januar) und Alex Pretti (24. Januar) durch ICE‑Beamte “Streets of Minneapolis”, nahm den Song gleich auf und veröffentlichte ihn schon am 28. Januar. Fast 300.000 Likes bekam er auf Instagram, das Reel haben bis dato 6,2 Millionen gesehen. Springsteen singt Klartext – “King Trump’s private army from the DHS / Guns belted to their coats / Came to Minneapolis to enforce the law / Or so their story goes.”  

Hoffentlich hören diesen Weckruf nicht bloß Gleichgesinnte, sondern auch viele redliche Republikaner – und begreifen, dass Donald Trump dabei ist, ihre Republik zu zerstören. Nicht nur Bruce Springsteen bekennt Farbe; auch andere Künstler sind nicht bereit, sich vor den Karren des Präsidenten spannen zu lassen. So hat Philip Glass, eine Ikone der Minimal Music, die Uraufführung einer im Auftrag des Washingtoner Kennedy Centers geschriebenen Symphonie abgesagt. “Die Werte des Kennedy Centers”, schreibt er, “würden heute in direktem Konflikt zur Botschaft der Symphonie stehen. Deshalb empfinde ich es als notwendig, die Uraufführung der Symphonie vom Kennedy Center unter seiner derzeitigen Führung zurückzuziehen.“ Bekanntlich hat Trump die Leitung der Institution übernommen und sie in „The Donald J. Trump and The John F. Kennedy Memorial Center for the Performing Arts“ umbenannt. Er nutzt Worte als eine seiner Waffen. “Die Eskalationsrhetorik von Trump und seinen Getreuen”, kommentiert etwa die Kölnische Rundschau, “ihr Unwillen, staatliches Unrecht zu ahnden, wirken denn auch nicht wie Ausrutscher, sondern wie Teil eines kalkulierten Plans. (…) Manche sehen die USA auf bestem Weg in den Faschismus. Noch aber liegt die Entscheidung in den Händen der Amerikaner selbst.” (26.01.26) God bless America!!! 

Realitäten

Die beiden Schwestern, gespielt von Renate Reinsve und Inga Ibsdotter Lilleaas, in „Sentimental Value“ von Joachim Trier. © Kasper Tuxen Andersen

Nachdem “Sentimental Value” von dem norwegischen Regisseur Joachim Trier gleich fünf Preise beim Europäischen Filmpreis 2026 gewonnen hatte, wollten wir diesen Film nun endlich sehen. Am Sonntagmorgen waren noch fast alle Plätze frei, zur Aufführung am nächsten Abend war das Kino bis auf den letzten Platz gefüllt. Angenehm ruhig erzählt Trier die Geschichte einer Familie, die in einem alten Haus lebt. Er lässt sich Zeit mit seinen Filmen und bringt nur alle paar Jahre einen neuen ins Kino. Nach dem Tod der Mutter versuchen die Töchter, wieder Kontakt zu ihrem Vater zu finden. Der Kinoregisseur hatte seine Familie im Stich gelassen – Filme und Frauen waren ihm wichtiger. Er ist ein in sich gekehrter Egomane, der nun aber selbst eine Annäherung zu seinen Töchtern sucht, indem er einen Film über die Familie dreht. Damit schafft Trier eine zweite filmische Realität.  

Virtuos wechselt er zwischen den Erzählebenen, ganz besonders beeindrucken der Vater und seine älteste Tochter, die als Schauspielerin am Theater Erfolge feiert. Renate Reinsve und Stellan Skarsgård erhielten für ihre Darstellung ebenfalls den Europäischen Filmpreis in diesem Jahr. Wie im Fluge verging “Sentimental Value”, nicht einen Moment wurden dem Publikum die 135 Minuten zu lang. Gebannt waren alle in eine andere Realität eingetaucht. Die Welt der hektischen News und immer neuen Katastrophen und Probleme war einfach ausgeblendet. Mit guten Gründen plädiert der Schweizer Autor Robert Dobelli in seinem Besteller “Die Kunst des digitalen Lebens” für eine konsequente „News-Diät“. Die permanente Erreichbarkeit für News aller Art und seien sie noch so banal, setzt uns unter Stress. 

Vor einer Woche war die Welt noch in hellem Aufruhr wegen der Ankündigung des amerikanischen Präsidenten, Amerika “brauche” Grönland. Nicht die zahllosen Aufrufe seiner NATO-Partner zur Zurückhaltung dürften Donald Trump umgestimmt haben, wohl aber die Reaktion der Finanzmärkte und Signale der mächtigen skandinavischenPensionsfonds. Die amerikanischen und europäischen Börsen verzeichneten spürbare Kursverluste. In diesem Kontext wurde die interessierte Öffentlichkeit (endlich) wieder einmal auf die gewaltige amerikanische Staatsverschuldung aufmerksam. Die gesamtstaatliche Verschuldung in den USA betrug dem Joint Economic Committee zu Folge am 7. Januar 2026 38,43 Billionen US-Dollar, und die Schulden steigen täglich um 8,03 Milliarden Dollar an! In der allherrschenden Nervosität kam plötzlich zu Tage, dass knapp 40% der deutschen Goldreserven im Wert von über 300 Milliarden Euro bei der Federal Reserve Bank of New York liegen, wohl aus historischen Gründen. Die internationalen Finanzmärkte sind längst eine Realität für sich, schwer zu durchschauen und längst nicht mehr zu beherrschen. Johann Wolfgang von Goethe dürfte wohl niemand widersprechen: “Am Gelde hängt’s, zum Gelde drängt’s”. 

Wem gehört die Welt

Constanze Becker und Jens Harzer in Sophokles‘ „Antigone“ am Berliner Ensemble, Regie: Johan Simons. © Jörg Brüggemann

“Nach einer Stunde bin ich aus dem Text ausgestiegen und habe mich auf das Theater konzentriert”, meint ein schlaksiger, junger Mann zu seinen Freunden nach der Premiere von “Antigone” im Berliner Ensemble. Kein schlechter Rat, denn das Stück von Sophokles in der Übersetzung von Hölderlin erschließt sich nicht leicht, genau wiedie Konstellation der Figuren in dieser griechischen Tragödie. Längst nicht so überzeugend wie beim hochgelobten Hamburger Antikenprojekt “Anthropolis” von Karin Beier arbeiten sich der Regisseur Johan Simons und Constanze Becker, Jens Harzer und Kathleen Morgeneyer an dem Stoff ab. Wie in der Antike üblich spielen sie mehrere Rollen, aber es gelingt den Schauspieler:innen ebenso wenig wie der Regie, das Publikum in Bann zu ziehen. “Auf reizvolle Weise”, befindet Christian Rackow auf nachtkritik.de, “verkapselt ist dieser BE-Abend, spröde und sperrig. Er sucht die kühle Abstraktion, stellt sich mit dem Rücken gegen alles Parabelhafte und aktuell Politische.” 

Dabei liegen die Parallelen zur aktuellen geopolitischen Lage auf der Hand, wo ein selbstherrlicher amerikanischer Präsident nach Lust und Laune regiert, wie der erbarmungslose Kreon in der Tragödie Antigones Tod fordert, nur weil sie ihren Bruder bestattet hat. Ihr Verlobter Haimon, der Sohn Kreons, kommt zu dem Schluss: „Eine Stadt ist keine, die einem einzigen Manne gehört.“ Dieser Satz bleibt hängen und geht doch unter in Simons’ Inszenierung, die keinen Trost spendet am Ende. Im Gegenteil, es wird hell, das Leben geht weiter, neue Despoten werden kommen und gehen. Die Welt ist voller Kreons, heißen sie nun Trump, Putin oder Xi, die sich die Erde nach eigenem Ermessen aufteilen, wobei der chinesische Präsident am rationalsten handelt. Längst hätte er Taiwan einnehmen können, aber das Risiko ist zu hoch. Eine militärische Auseinandersetzung mit den USA wäre fatal, noch fataler wäre der Zusammenbruch der globalen Handelsbeziehungen – Amerika hat bei China inzwischen fast 800 Milliarden US-Dollar Staatsschulden. 

Noch mehr steht das wirtschaftlich stärkste Land bei den Europäern in der Kreide – es sind fast 2 Billionen US-Dollar. Erstaunlicherweise ist davon fast nie die Rede, wenn King Trump wieder den Allmächtigen spielt und Grönland einkassieren möchte. Die türkische Zeitung Hürriyet hat daran erinnert und ein Worst-Case- Szenario nach einer amerikanischen Besetzung durchgespielt: “Europa ist wirtschaftlich gesehen kein Zwerg. Dies könnte zu einer massiven Wirtschaftskrise in den Vereinigten Staaten führen. Die Europäer besitzen US-Anleihen im Wert von etwa zwei Billionen Dollar. Schon die Möglichkeit, dass diese Anleihen kurzfristig verkauft werden, könnte die US-Märkte in einen tiefen Abgrund stürzen. Es drohen Hyperinflation und leere Regale. Die USA könnten ihrerseits ihre Trümpfe ausspielen. Das würde jedoch nicht nur Europa, sondern auch die USA um Jahrzehnte zurückwerfen.“ (14.01.26) Eine Billion ist eine Zahl mit 12 Nullen. 

Tennisschläger & Kanonen

Die DVD-Boxen der Kultserie von KINOWELT sind noch gebraucht im Handel.

In den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts lief im Fernsehen eine sehr erfolgreiche Serie. Zwei Agenten, Bill Cosby und Robert Culp, waren als Tennisprofis getarnt weltweit unterwegs, die Serie gilt als Parodie auf das Genre. Vielleicht hat der Regierende Bürgermeister von Berlin Kai Wegner (*1972) “Tennisschläger und Kanonen” als Jugendlicher gesehen, sicherlich haben auch ihm die coolen Typen gefallen. Lässigkeit kann sich im politischen Amt indes schnell rächen. Bekanntlich hat Wegner beim größten Stromausfall in der Geschichte der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg nicht durchgängig am Schreibtisch gesessen, er hat sich eine Auszeit beim Tennis mit seiner Freundin & Parteifreundin Katharina Günther‑Wünsch (CDU) gegönnt. Ob das klug war, steht dahin, unklug war es aber, die Öffentlichkeit glauben zu machen, er hätte die ganze Zeit gearbeitet. Dieser Lapsus wird Kai Wegner nun verfolgen und im Wahlkampf zum Berliner Abgeordnetenhaus am 20. September belasten. 

Natürlich hätte der Regierende Bürgermeister vor Ort bei dem Stromausfall im Südwesten Berlins nichts ausrichten können, aber er wäre da gewesen – und es hätte Bilder gegeben. Erinnert sei an Gerhard Schröder (SPD), der im August 2002 das Elbe-Hochwassergebiet mit dunkler Regenjacke und Gummistiefeln besuchte. Das kam bei den Menschen draußen im Lande an; der “Krisenkanzler” wurde im Herbst des gleichen Jahres mit denkbar knapper Mehrheit wiedergewählt. Ein gewiefter Politiker lässt sich die Chance nicht entgehen, bei einer Katastrophe präsent zu sein. Am nächsten Tag war die Gelegenheit vertan. Wegner wurde von einem aufgebrachten Bürger mit der sehr unangenehmen Frage konfrontiert: “Wieso schläft so ein Mann eine Nacht in dieser Halle? Der Mann hat Pflegegrad 5. Was ist hier los in dieser Stadt, Herr Bürgermeister?” Eine höhere Pflegestufe gibt es in Deutschland nicht. Der Mann musste die Nacht in einer mäßig geheizten Turnhalle verbringen (zitiert nach Tagesspiegel vom 05.01.25). 

Der terroristische Anschlag auf das Berliner Stromnetz wirft viele Fragen auf und belegt einmal mehr, dass der Zivilschutz in Deutschland nicht im Geringsten auf Ernstfälle vorbereitet ist. Mit Erstaunen haben wir erfahren, dass die Stromnetze laut Gesetz im Internet veröffentlicht werden, dass es über die Vulkangruppe, die der Verfassungsschutz dem linksextremen, anarchistischen Spektrum zuordnet, keine Erkenntnisse gibt, obwohl diese Terroristen seit 2011 in Berlin Anschläge verüben, dass in der Hauptstadt beim Stromausfall 37 Landesämter involviert gewesen sein sollen. In einem Gespräch im Deutschlandfunk regte Sabine Lackner, die Präsidentin des Technischen Hilfswerks, an, jeder könne ja einen Stromausfall mal üben – und einen ganzen Tag am Wochenende auf Strom verzichten. Zumindest wollen wir nun endlich Wasser & Lebensmittel für drei Tage bereithalten; das hatten wir uns schon lange vorgenommen. Wie schaffen es die Menschen in der Ukraine, mit den ständigen Ausfällen durch russischen Drohnen- und Raketenterror zu leben? Im vierten Kriegswinter! 

Volles Risiko

Das Duo Vanegas fühlt sich auf dem Todesrad sicherer als auf Kopfsteinpflaster. © Rolf Hiller

Traditionen sind in turbulenten Zeiten wichtiger denn je. Zum 21. Mal treten im Berliner Tempodrom der Circus Roncalli und das Deutsche Symphonieorchester (DSO)gemeinsam auf. Was mit einer Doppelbelegung begann, ist längst eine sehr beliebte Tradition geworden. Weil sowohl dem Orchester als auch dem Circus die Halle an diesem Tag zugesagt wurde, machte man aus der Not eine Tugend – und tritt seither gemeinsam auf. Das klappt wunderbar, wenn das DSO mit einer bunten Mischung aus Klassik-Hits, Film-Musik und Pop am letzten Abend des Jahres dem fabelhaften Programm der Artist:innen eine besondere Note verleiht. Wenn wir mit dem Duo Vanegas bei seiner atemberaubenden Performance auf dem Todesrad mitfiebern, vergessen wir die Welt und lassen uns wie Kinder verzaubern. Tito und José Alejandro Vanegas riskieren bei jedem Auftritt Kopf und Kragen und “fühlen sich auf dem Gerüst ihres Rades sicherer als auf dem Kopfsteinpflaster des Gendarmenmarkts”. (Circus Theater Roncalli) 

Dass der Circus Roncalli heute in Deutschland so erfolgreich ist, war bei der Gründung im Jahr 1976 nicht abzusehen. Bald schon zerstritten sich Bernhard Paul, der von klein auf ein Faible für den Zirkus hatte und später als Art Director einer Werbeagentur reüssierte, und der exzentrische Millionenerbe André Heller. Paul blieb mit seinen Träumen und einem riesigen Schuldenberg zurück – und machte weiter. Die abenteuerliche und unglaubliche Geschichte des Circus Roncalli kann man sich zum 50. Jubiläum noch in einer spannenden Doku in der ARD-Mediathek ansehen: “Roncalli – Macht der Manege” ist dort noch bis zum 25.06.26 zusehen. Spektakulär die Flucht des Zirkus aus Österreich nach Deutschland, bei der Harry Owens (Traumtheater Salomé) eine wichtige Rolle spielte, die Neugründung in Köln und die Auseinandersetzungen medialer und juristischer Art mit den traditionsreichen Unternehmen, die den Trend verpassten und weiter auf ihre Bekanntheit und Tierdressuren setzten. 

Nach der Poesie im Tempodrom holt uns die Realität rasch ein. Im Taxi fahren wir nach Hause, kurz vor unserer Wohnung stehen Kartons von Systemfeuerwerken in hellen Flammen. Die Berliner Polizei berichtet von 3.000 Einsätzen in dieser Nacht, 21 Beamte wurden verletzt überwiegend durch Böllerbeschuss, rund 250 vorläufige Festnahmen wegen Landfriedensbruch, gefährlicher Körperverletzung und Verstößen gegen das Sprengstoffgesetz. Bundesweit gab es in dieser Nacht 500 Verletzte; in Bielefeld starben zwei Achtzehnjährige durch selbstgebaute Böller. Vertraut man den Umfragen, dann spricht sich eine Mehrheit der deutschen Bevölkerung für ein Verbot von privatem Feuerwerk aus. “Silvester ist längst so etwas wie bewaffneter Karneval geworden”, kommentiert die Neue Osnabrücker Zeitung in ihrer Ausgabe vom 2. Januar. “Man feiert auf offener Straße den Ausnahmezustand und lebt den Regelbruch.” Gerade habe ich bei Campact e.V. für Böllerverbote unterzeichnet. Für die Vernunft ist es nie zu spät!