
Traditionen sind in turbulenten Zeiten wichtiger denn je. Zum 21. Mal treten im Berliner Tempodrom der Circus Roncalli und das Deutsche Symphonieorchester (DSO)gemeinsam auf. Was mit einer Doppelbelegung begann, ist längst eine sehr beliebte Tradition geworden. Weil sowohl dem Orchester als auch dem Circus die Halle an diesem Tag zugesagt wurde, machte man aus der Not eine Tugend – und tritt seither gemeinsam auf. Das klappt wunderbar, wenn das DSO mit einer bunten Mischung aus Klassik-Hits, Film-Musik und Pop am letzten Abend des Jahres dem fabelhaften Programm der Artist:innen eine besondere Note verleiht. Wenn wir mit dem Duo Vanegas bei seiner atemberaubenden Performance auf dem Todesrad mitfiebern, vergessen wir die Welt und lassen uns wie Kinder verzaubern. Tito und José Alejandro Vanegas riskieren bei jedem Auftritt Kopf und Kragen und “fühlen sich auf dem Gerüst ihres Rades sicherer als auf dem Kopfsteinpflaster des Gendarmenmarkts”. (Circus Theater Roncalli)
Dass der Circus Roncalli heute in Deutschland so erfolgreich ist, war bei der Gründung im Jahr 1976 nicht abzusehen. Bald schon zerstritten sich Bernhard Paul, der von klein auf ein Faible für den Zirkus hatte und später als Art Director einer Werbeagentur reüssierte, und der exzentrische Millionenerbe André Heller. Paul blieb mit seinen Träumen und einem riesigen Schuldenberg zurück – und machte weiter. Die abenteuerliche und unglaubliche Geschichte des Circus Roncalli kann man sich zum 50. Jubiläum noch in einer spannenden Doku in der ARD-Mediathek ansehen: “Roncalli – Macht der Manege” ist dort noch bis zum 25.06.26 zusehen. Spektakulär die Flucht des Zirkus aus Österreich nach Deutschland, bei der Harry Owens (Traumtheater Salomé) eine wichtige Rolle spielte, die Neugründung in Köln und die Auseinandersetzungen medialer und juristischer Art mit den traditionsreichen Unternehmen, die den Trend verpassten und weiter auf ihre Bekanntheit und Tierdressuren setzten.
Nach der Poesie im Tempodrom holt uns die Realität rasch ein. Im Taxi fahren wir nach Hause, kurz vor unserer Wohnung stehen Kartons von Systemfeuerwerken in hellen Flammen. Die Berliner Polizei berichtet von 3.000 Einsätzen in dieser Nacht, 21 Beamte wurden verletzt überwiegend durch Böllerbeschuss, rund 250 vorläufige Festnahmen wegen Landfriedensbruch, gefährlicher Körperverletzung und Verstößen gegen das Sprengstoffgesetz. Bundesweit gab es in dieser Nacht 500 Verletzte; in Bielefeld starben zwei Achtzehnjährige durch selbstgebaute Böller. Vertraut man den Umfragen, dann spricht sich eine Mehrheit der deutschen Bevölkerung für ein Verbot von privatem Feuerwerk aus. “Silvester ist längst so etwas wie bewaffneter Karneval geworden”, kommentiert die Neue Osnabrücker Zeitung in ihrer Ausgabe vom 2. Januar. “Man feiert auf offener Straße den Ausnahmezustand und lebt den Regelbruch.” Gerade habe ich bei Campact e.V. für Böllerverbote unterzeichnet. Für die Vernunft ist es nie zu spät!
