
“Nach einer Stunde bin ich aus dem Text ausgestiegen und habe mich auf das Theater konzentriert”, meint ein schlaksiger, junger Mann zu seinen Freunden nach der Premiere von “Antigone” im Berliner Ensemble. Kein schlechter Rat, denn das Stück von Sophokles in der Übersetzung von Hölderlin erschließt sich nicht leicht, genau wiedie Konstellation der Figuren in dieser griechischen Tragödie. Längst nicht so überzeugend wie beim hochgelobten Hamburger Antikenprojekt “Anthropolis” von Karin Beier arbeiten sich der Regisseur Johan Simons und Constanze Becker, Jens Harzer und Kathleen Morgeneyer an dem Stoff ab. Wie in der Antike üblich spielen sie mehrere Rollen, aber es gelingt den Schauspieler:innen ebenso wenig wie der Regie, das Publikum in Bann zu ziehen. “Auf reizvolle Weise”, befindet Christian Rackow auf nachtkritik.de, “verkapselt ist dieser BE-Abend, spröde und sperrig. Er sucht die kühle Abstraktion, stellt sich mit dem Rücken gegen alles Parabelhafte und aktuell Politische.”
Dabei liegen die Parallelen zur aktuellen geopolitischen Lage auf der Hand, wo ein selbstherrlicher amerikanischer Präsident nach Lust und Laune regiert, wie der erbarmungslose Kreon in der Tragödie Antigones Tod fordert, nur weil sie ihren Bruder bestattet hat. Ihr Verlobter Haimon, der Sohn Kreons, kommt zu dem Schluss: „Eine Stadt ist keine, die einem einzigen Manne gehört.“ Dieser Satz bleibt hängen und geht doch unter in Simons’ Inszenierung, die keinen Trost spendet am Ende. Im Gegenteil, es wird hell, das Leben geht weiter, neue Despoten werden kommen und gehen. Die Welt ist voller Kreons, heißen sie nun Trump, Putin oder Xi, die sich die Erde nach eigenem Ermessen aufteilen, wobei der chinesische Präsident am rationalsten handelt. Längst hätte er Taiwan einnehmen können, aber das Risiko ist zu hoch. Eine militärische Auseinandersetzung mit den USA wäre fatal, noch fataler wäre der Zusammenbruch der globalen Handelsbeziehungen – Amerika hat bei China inzwischen fast 800 Milliarden US-Dollar Staatsschulden.
Noch mehr steht das wirtschaftlich stärkste Land bei den Europäern in der Kreide – es sind fast 2 Billionen US-Dollar. Erstaunlicherweise ist davon fast nie die Rede, wenn King Trump wieder den Allmächtigen spielt und Grönland einkassieren möchte. Die türkische Zeitung Hürriyet hat daran erinnert und ein Worst-Case- Szenario nach einer amerikanischen Besetzung durchgespielt: “Europa ist wirtschaftlich gesehen kein Zwerg. Dies könnte zu einer massiven Wirtschaftskrise in den Vereinigten Staaten führen. Die Europäer besitzen US-Anleihen im Wert von etwa zwei Billionen Dollar. Schon die Möglichkeit, dass diese Anleihen kurzfristig verkauft werden, könnte die US-Märkte in einen tiefen Abgrund stürzen. Es drohen Hyperinflation und leere Regale. Die USA könnten ihrerseits ihre Trümpfe ausspielen. Das würde jedoch nicht nur Europa, sondern auch die USA um Jahrzehnte zurückwerfen.“ Eine Billion ist eine Zahl mit 12 Nullen.
