Back to Reality

Chen Emile Yan in „Staatsschutz“, ausgezeichnet mit dem Pulikumspreis der Berlinale 2026. © Lotta Kilian, Jünglinge Film

Glück gehabt. Wir haben noch Tix für “Staatsschutz” von Faraz Shariat bekommen. Der Gewinner des Panorama-Publikumspreises bei der Berlinale 2026 erzählt die Geschichte einer ehrgeizigen, jungen Staatsanwältin. Nach einer rechtsradikalen Attacke wird Seyo Kim (eindrucksvoll Chen Emile Yan) selbst zur Klägerin und muss erfahren, dass rechtspopulistische Gesinnungen längst in einem ostdeutschen Gericht verbreitet sind. Shariat erzählt die Geschichte mit hohem Tempo und scheut plakative Zuspitzungen nicht. Seyo wird zur Furie derGerechtigkeit und rast mit einem mattschwarzen amerikanischen Coupé durch die Provinz. Einmal wird sie von Cops angehalten und über Nacht festgesetzt; vorher wurde eine Flasche Schnaps über ihre Motorhaube geschüttet. Solche plumpen Szenen nehmen diesem wichtigen Film seine Tiefe, gebe ich zu bedenken, als wir im U-Bahnhof Zoologischer Garten ankommen. Plötzlich dort Schreie, eine unklare Situation, wir weichen in den hinteren Teil der Station zurück, immer mehr Polizisten mit gezückten Maschinenpistolen tauchen auf. Die U-Bahn rast ohne Halt durch die Station, alle müssen den Bahnhof verlassen. Über die Hintergründe vermeldet auch der Polizeiticker nichts. 

In diesem Jahr bewiesen die Kinofans wieder ein feines Gespür beim Voting zum Publikumspreis. Bester Dokumentarfilm wurde “Traces” von Alisa Kovalenko und Marysia Nikitiuk. Die beiden jungen Regisseurinnen aus der Ukraine erzählen in stillen Bildern vom Leid alter ukrainischer Frauen, die von jungen russischen Soldaten geschlagen, gequält, erniedrigt und vergewaltigt wurden. Der Mann hätte mein Sohn sein können, erzählt eine von ihnen gefasst, aber immer noch fassungslos. Völlig auf sich allein gestellt leben sie in ihren zerstörtenHäusern in einer zerstörten Welt weiter. Was der russische Angriffskrieg auf die Ukraine, der nun schon vier Jahre dauert, konkret für die Menschen bedeutet, zeigen die Schicksale in “Traces”. Die Schwachen einer Gesellschaft, Frauen und Kinder, treffen Zar Putins Fantasien von einem großrussischen Reich am härtesten. Der Kriegsverbrecher, dem niemand Einhalt gebieten will, trägt die Verantwortung für Zehntausende zivile Opfer, Hunderttausende gefallene oder verwundete Soldaten auf beiden Seiten und den größten Flüchtlingsstrom in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. 

Es ist wichtig, dass Filme wie “Traces” auf der Berlinale gezeigt werden, und es ist unstrittig, dass auf diesem Festival die Kunstfreiheit gilt. Genauso wenig sollte man die Meinungsfreiheit in Frage stellen. Gilt das auch für extreme Positionen? Wenn der syrisch‑palästinensische Preisträger Abdallah Alkhatib in seiner Rede nach der Verleihung die deutsche Bundesregierung als “Partner des Völkermords in Gaza“ bezeichnet? Sollte die Berlinale alle Statements vorher prüfen? Was wäre, wenn ein:e Preisträger:in rechtspopulistische Ansichten vertritt? Nach den Skandalen der beiden letzten Jahre hätte die Leitung der Berlinale auf der Hut sein und unmittelbar auf Abdallah Alkhatibs Auftritt reagieren müssen. Das kann man der Leiterin Tricia Tuttle vorwerfen, die in ihrer zweiten Intendanz insgesamt einen guten Job gemacht hat. Ihre Entlassung, wie von der “Bild” herbeigeschrieben, löst die Probleme der Berlinale nicht, die sich alspolitisches Festival versteht. Sollte sie den Bettel hinschmeißen, hätte die Berlinale ganz andere, womöglich existentielle Probleme. Please remain with the Berllinale, Tricia Tuttle! 

In der Hose steckt mehr Freiheit

Sandra Hüller in „Rose“ von Markus Schleinzer © 2026_Schubert, ROW Pictures, Walker + Worm Film, Gerald Kerkletz

Das ist der Satz der Berlinale 2026. Sandra Hüller sagt ihn in dem beeindruckenden Film “Rose” von Markus Schleinzer. Erzählt wird die Geschichte einer Frau im 17. Jahrhundert, die sich inder Hose bessere Chancen im Leben verspricht und sich deshalb als Mann ausgibt. Nach Jahren im Krieg gelingt es Rose, sich ein baufälliges Haus und ein Stück Land zu sichern, unter Vorspiegelung falscher Tatsachen. Das Unheil nimmt seinen Lauf, als Rose ihr Grundstück vergrößern will und deshalb die Tochter eines Witwers heiraten muss. Gebannt verfolgt das Publikum diese in Schwarzweiß gedrehte Tragödie, aus der es kein Entrinnen gibt. Eine Abweichung von der Norm war damals nicht akzeptiert. Die Handlung wird durch die eindringlich fremde Märchenstimme von Marisa Growald aus dem Off begleitet, expressive Celloklänge grundieren das Geschehen. Sandra Hüller spielt wieder zum Niederknien, Caron Braun als ihre Frau Suzanna ist ihr durchaus ebenbürtig. 

In der Bewertung bei sreendaily liegt “Rose” vorne, aber “Gelbe Briefe” oder “Everybody digs Bill Evans” von Grant Gee haben uns auch gefallen. Man sollte allerdings die Berlinale nicht auf den Wettbewerb reduzieren. In den vielen Reihen lassen sich allemal Entdeckungen machen. “Allegro Pastell” nach dem Bestseller von Leif Rand lief in der Sektion Panorama und beobachtet eine selbstbezügliche On-Off-Millennial-Beziehung. Eine echte Entdeckung ist die atemlose Nachwende-Komödie “Sunny Point” (Retrospektive), die unter großem Zeitdruck und mit noch größerem Enthusiasmus aller Mitwirkenden in einem Monat abgedreht wurde; keiner wollte dafür einen Pfennig haben. Der in schwarz-weiß gedrehte Film von Wolf Vogel war jahrelang verschollen und wurde erst per Zufall von der Kinemathek wiedergefunden. Und noch eine Entdeckung auf dem Festival, diesmal in der Sektion Perspectives: “Where To” von Assaf Machnes. In seinem Taxifilm erzählt der Regisseur die Begegnung eines jungen, schwulen Israeli mit einem palästinensischen Uberfahrer, die sich auf gemeinsamen Fahrten durch Berlin kennen und schätzen lernen. 

Versöhnung könnte möglich sein – diesen Gedanken darf man in Zeiten wie diesen nicht aufgeben, ohne in fatale Naivität zu verfallen. Darauf hat das Straubinger Tagblatt in den Pressestimmen des Deutschlandfunks hingewiesen, das dort übrigens gerne zitiert wird: „Wer sich im Hinblick auf einen atomaren Schutzschirm heute blind auf Paris oder London verlässt, blendet aus, dass dort Kräfte wie Marine Le Pen und Nigel Farage an die Macht streben. Mit unabsehbaren Folgen für die EU, die NATO und die europäische Sicherheit. Wäre also einer ‚Eurobombe‘ der Vorzug zu geben? Eine EU, die sich schon nicht auf eine gemeinsame Armee einigen kann und noch immer im rüstungspolitischen Kleinklein verharrt, soll im Ernstfall in Minuten entscheiden, ob atomare Waffen eingesetzt werden? Das liegt fernab jeder strategischen Realität.“ (17.02.26) Wohl kaum dürfte die “Ostdeutsche Allgemeine Zeitung” im Dlf zitiertwerden, die ab dem 20. Februar als gedruckte Ausgabe immer freitags in einer Auflage von 43.000 Exemplaren erscheint. Als Herausgeber fungiert der umstrittene Holger Friedrich (Berliner Zeitung). 

Unterwerfung

Özgü Namal, Tansu Biçeri in „Gelbe Briefe“ von Ilker Çatak. © Ella Knorz / iFProductions / Alamode-Film

Wind, Regen, U-Bahn verpasst, beim Umsteigen schnell noch Börek gekauft, Dinner in der Tube, beim Ausstieg am Potsdamer Platz fliegen wir fast mit den Schirmen davon – die Berlinale im Winter ist eine Herausforderung. Doch kaum hat “Gelbe Briefe” von Ilker Çatak begonnen, ist alles vergessen, und wir werden von diesem Film mitgerissen. Erzählt wird die Geschichte eines Künstlerehepaares in der Türkei, dessen Leben plötzlich aus den Fugen gerät. Sie sind ins Visier des (autoritären) Staates geraten, verlieren ihre Jobs und müssen mit ihrer Tochter bei der Mutter von Aziz unterkommen. Meisterhaft und mit starken Bildern erzählt Ilker Çatak diesen Abstieg, grandios gespielt von Özgü Namal und Tansu Biçer auf der realen Handlungsebene und bei Dreharbeiten zu einer TV-Serie oder auf der Theaterbühne. Plötzlich ist alles anders. Im Moment existentieller Bedrohung stellt sich die Frage der persönlichen Identität und Integrität in neuem Licht.  

Gelten die gewohnten Prinzipien oder eine taktische Flexibilität. Jedes Statement, das heimlich gefilmt werden kann, jedes Reel in Social Media könnte sich rächen. Ilker Çatak, dessen hochgelobter Film “Das Lehrerzimmer” 2024 für die Oscars nominiert war, ist auf der Höhe der Zeit. Wer mit ESTA in die USA einreist, soll künftig seine Social-Media-Profile, alle Telefonnummern und E-Mail-Konten der letzten fünf Jahre angeben. Wer trotzdem eine Reise nach Amerika machen will, sollte wie Derya in den “Gelben Briefen” vorher genau seine Accounts checken – und Posts löschen. “Also werden wir künftig eine autoritäre Diktatur in den USA sehen?”, wurde kürzlich der ehemalige deutsche Außenminister Joschka Fischer im Tagespiegel” gefragt. “Ich bin kein Prophet. Allein, dass wir darüber reden, ist das eigentlich Erschütternde. Ich bin immer davon ausgegangen, dass man sich um die USA als älteste Demokratie der Welt als Letztes Sorgen machen muss. Auch das hat sich als Irrtum herausgestellt.” (29.01.26) 

Ob die anderen Filme im Wettbewerb der Berlinale – insgesamt sind 22 Regie-Arbeiten am Start – die Qualität und Wucht der “Gelben Briefe” haben, wird sich weisen. Der gut gemeinte Eröffnungsfilm “No Good Men” (in der Sektion Berlinale Special) von der afghanischen Regisseurin Shahrbanoo Sadat kann da nicht mithalten. Geschildert wird in der “romantischen Komödie” (Sadat) die Begegnung eines TV-Journalisten mit einer Kamerafrau (gespielt von der Regisseurin selbst) in Kabul kurz vor der Machtübernahme der Taliban. Die Erinnerung an diese Zeit ist wichtig, aber die Figuren in “No Good Men” bleiben oberflächlich, ihre Geschichten sind ausgestellt, aber nicht erzählt. Zumindest behauptet die Berlinale mit dieser Wahl wieder ihren Anspruch, das bedeutendste politische Film-Festival in Europa zu sein. Wenn die Zeichen nicht trügen, wird es Tricia Tuttle, die Intendantin der Berlinale, in ihrer zweiten Spielzeit nicht leicht haben, den Abstand zu den Festivals in Cannes und Venedig nicht noch größer werden zu lassen. Dafür ist und bleibt man das größte Publikumsfestival der Welt. Wohlan! 

Eisige Zeiten

Blick durch das vereiste Fenster. © Karl Grünkopf

Auf dem Rückweg vom liebevoll gestalteten ”Küstenmuseum” auf der Insel Juist erwischt uns der bitterkalte Ostwind direkt von vorne. Zwar sind es nur -5°C, aber die gefühlte Temperatur der Wetter-App zeigt -20°C an. Was soll das heißen? wunderte ich mich oft, aber bei diesem Spaziergang begriff und spürte ich den Unterschied. Am Vortag sind wir noch vorsichtig zum Strand geschlittert; daran ist jetzt nicht mehr zu denken. Unser Bewegungsradius auf der fünftgrößten ostfriesischen Insel ist merklich kleiner geworden, aber das mindert nicht den Charme dieses autofreien Hideaways, das 2024 knapp 135.000 Besucher:innen zählte. Gerade im Winter hat Juist einen besonderen Reiz. Das Leben ist noch langsamer als sonst, die hektische Welt bleibt wohltuend auf Distanz; dank Internet geht die Arbeit trotzdem ganz normal weiter. Nie weg, immer da, egal wo. 

Natürlich erreicht uns auf Töwerland – der friesische Begriff für Zauberland – die Kunde von den starken Auftritten von Bad Bunny und Billie Eilish bei der Verleihung der Grammys. Unübertroffen prägnant der Satz der Sängerin: “No one is illegal on stolen land.“ Bad Bunny gewann als erster Künstler für seine komplett spanischsprachige Aufnahme „DeBÍ TiRAR MáSFOToS“ den Grammy für das beste Album des Jahres und nutzte die Preisverleihung für ein nicht minder deutliches Statement. “ICE out! Wir sind keine Wilden, keine Tiere, keine Aliens; wir sind Menschen.“ Anders als Schauspieler:innen müssen er und seine Kolleg:innen kein Blatt vor den Mund nehmen, sind sie doch nicht abhängig von den Besitzern audiovisueller Medien. Das Reel von Bruce Springsteens Song “Streets of Minneapolis” haben inzwischen 7 Millionen Menschen gesehen, und wenn die Zeichen nicht trügen, formiert sich gegen die autokratisch-erratische Politik Donald Trumps zunehmend auch bei den Republikanern Widerstand (Non‑MAGA Republicans). 

Langsam dämmert aufrechten Amerikaner:innen, was Trump (“Wahlen sind unnötig”) und seine blind ergebenen Speichellecker beiderlei Geschlechts anrichten, und langsam sollten die Menschen hierzulande begreifen, dass in Deutschland zunehmend der gesellschaftliche Zusammenhalt schwindet. Was geht in einem Täter vor, der vollkommen beliebig eine junge Frau letzte Woche in Hamburg mit in den Tod gerissen hat; was veranlasst Menschen, Rettungskräfte anzugreifen oder einen Schaffner in einem Regionalexpress bei der Fahrkartenkontrolle mit Faustschlägen auf den Kopf umzubringen. “Die Frage, warum die Gesellschaft offenbar zunehmend verroht, muss erforscht und breit diskutiert werden. Und zwar nicht nur von der Politik, sondern auch in der Familie, im Bekanntenkreis, in der Nachbarschaft, in Vereinen. Jeder trägt ein kleines Stück Mitverantwortung für das gesellschaftliche Klima”, befindet “Die Glocke” aus Oelde in Westfalen (05.02.26). 2024 wurden in Deutschland laut BKA 308 Frauen getötet, 191 durch Partner, Ex-Partner oder Familienmitglieder.