Eisige Zeiten

Blick durch das vereiste Fenster. © Rolf Hiller

Auf dem Rückweg vom liebevoll gestalteten ”Küstenmuseum” auf der Insel Juist erwischt uns der bitterkalte Ostwind direkt von vorne. Zwar sind es nur -5°C, aber die gefühlte Temperatur der Wetter-App zeigt -20°C an. Was soll das heißen? wunderte ich mich oft, aber bei diesem Spaziergang begriff und spürte ich den Unterschied. Am Vortag sind wir noch vorsichtig zum Strand geschlittert; daran ist jetzt nicht mehr zu denken. Unser Bewegungsradius auf der fünftgrößten ostfriesischen Insel ist merklich kleiner geworden, aber das mindert nicht den Charme dieses autofreien Hideaways, das 2024 knapp 135.000 Besucher:innen zählte. Gerade im Winter hat Juist einen besonderen Reiz. Das Leben ist noch langsamer als sonst, die hektische Welt bleibt wohltuend auf Distanz; dank Internet geht die Arbeit trotzdem ganz normal weiter. Nie weg, immer da, egal wo. 

Natürlich erreicht uns auf Töwerland – der friesische Begriff für Zauberland – die Kunde von den starken Auftritten von Bad Bunny und Billie Eilish bei der Verleihung der Grammys. Unübertroffen prägnant der Satz der Sängerin: “No one is illegal on stolen land.“ Bad Bunny gewann als erster Künstler für seine komplett spanischsprachige Aufnahme „DeBÍ TiRAR MáSFOToS“ den Grammy für das beste Album des Jahres und nutzte die Preisverleihung für ein nicht minder deutliches Statement. “ICE out! Wir sind keine Wilden, keine Tiere, keine Aliens; wir sind Menschen.“ Anders als Schauspieler:innen müssen er und seine Kolleg:innen kein Blatt vor den Mund nehmen, sind sie doch nicht abhängig von den Besitzern audiovisueller Medien. Das Reel von Bruce Springsteens Song “Streets of Minneapolis” haben inzwischen 7 Millionen Menschen gesehen, und wenn die Zeichen nicht trügen, formiert sich gegen die autokratisch-erratische Politik Donald Trumps zunehmend auch bei den Republikanern Widerstand (Non‑MAGA Republicans). 

Langsam dämmert aufrechten Amerikaner:innen, was Trump (“Wahlen sind unnötig”) und seine blind ergebenen Speichellecker beiderlei Geschlechts anrichten, und langsam sollten die Menschen hierzulande begreifen, dass in Deutschland zunehmend der gesellschaftliche Zusammenhalt schwindet. Was geht in einem Täter vor, der vollkommen beliebig eine junge Frau letzte Woche in Hamburg mit in den Tod gerissen hat; was veranlasst Menschen, Rettungskräfte anzugreifen oder einen Schaffner in einem Regionalexpress bei der Fahrkartenkontrolle mit Faustschlägen auf den Kopf umzubringen. “Die Frage, warum die Gesellschaft offenbar zunehmend verroht, muss erforscht und breit diskutiert werden. Und zwar nicht nur von der Politik, sondern auch in der Familie, im Bekanntenkreis, in der Nachbarschaft, in Vereinen. Jeder trägt ein kleines Stück Mitverantwortung für das gesellschaftliche Klima”, befindet “Die Glocke” aus Oelde in Westfalen (05.02.26). 2024 wurden in Deutschland laut BKA 308 Frauen getötet, 191 durch Partner, Ex-Partner oder Familienmitglieder.