
Wind, Regen, U-Bahn verpasst, beim Umsteigen schnell noch Börek gekauft, Dinner in der Tube, beim Ausstieg am Potsdamer Platz fliegen wir fast mit den Schirmen davon – die Berlinale im Winter ist eine Herausforderung. Doch kaum hat “Gelbe Briefe” von Ilker Çatak begonnen, ist alles vergessen, und wir werden von diesem Film mitgerissen. Erzählt wird die Geschichte eines Künstlerehepaares in der Türkei, dessen Leben plötzlich aus den Fugen gerät. Sie sind ins Visier des (autoritären) Staates geraten, verlieren ihre Jobs und müssen mit ihrer Tochter bei der Mutter von Aziz unterkommen. Meisterhaft und mit starken Bildern erzählt Ilker Çatak diesen Abstieg, grandios gespielt von Özgü Namal und Tansu Biçer auf der realen Handlungsebene und bei Dreharbeiten zu einer TV-Serie oder auf der Theaterbühne. Plötzlich ist alles anders. Im Moment existentieller Bedrohung stellt sich die Frage der persönlichen Identität und Integrität in neuem Licht.
Gelten die gewohnten Prinzipien oder eine taktische Flexibilität. Jedes Statement, das heimlich gefilmt werden kann, jedes Reel in Social Media könnte sich rächen. Ilker Çatak, dessen hochgelobter Film “Das Lehrerzimmer” 2024 für die Oscars nominiert war, ist auf der Höhe der Zeit. Wer mit ESTA in die USA einreist, soll künftig seine Social-Media-Profile, alle Telefonnummern und E-Mail-Konten der letzten fünf Jahre angeben. Wer trotzdem eine Reise nach Amerika machen will, sollte wie Derya in den “Gelben Briefen” vorher genau seine Accounts checken – und Posts löschen. “Also werden wir künftig eine autoritäre Diktatur in den USA sehen?”, wurde kürzlich der ehemalige deutsche Außenminister Joschka Fischer im Tagespiegel” gefragt. “Ich bin kein Prophet. Allein, dass wir darüber reden, ist das eigentlich Erschütternde. Ich bin immer davon ausgegangen, dass man sich um die USA als älteste Demokratie der Welt als Letztes Sorgen machen muss. Auch das hat sich als Irrtum herausgestellt.” (29.01.26)
Ob die anderen Filme im Wettbewerb der Berlinale – insgesamt sind 22 Regie-Arbeiten am Start – die Qualität und Wucht der “Gelben Briefe” haben, wird sich weisen. Der gut gemeinte Eröffnungsfilm “No Good Men” (in der Sektion Berlinale Special) von der afghanischen Regisseurin Shahrbanoo Sadat kann da nicht mithalten. Geschildert wird in der “romantischen Komödie” (Sadat) die Begegnung eines TV-Journalisten mit einer Kamerafrau (gespielt von der Regisseurin selbst) in Kabul kurz vor der Machtübernahme der Taliban. Die Erinnerung an diese Zeit ist wichtig, aber die Figuren in “No Good Men” bleiben oberflächlich, ihre Geschichten sind ausgestellt, aber nicht erzählt. Zumindest behauptet die Berlinale mit dieser Wahl wieder ihren Anspruch, das bedeutendste politische Film-Festival in Europa zu sein. Wenn die Zeichen nicht trügen, wird es Tricia Tuttle, die Intendantin der Berlinale, in ihrer zweiten Spielzeit nicht leicht haben, den Abstand zu den Festivals in Cannes und Venedig nicht noch größer werden zu lassen. Dafür ist und bleibt man das größte Publikumsfestival der Welt. Wohlan!
Für den Film “Gelbe Briefe” von Ilker Çatak besteht ein Embargo bis 13.02.26 um 22 Uhr, d.h. vorher dürfen keine Kritiken veröffentlicht werden.
