Alle Menschen lügen

Standing Ovations für “Ku’damm 56. Das Musical” im Großen Saal der Alten Oper Frankfurt. © Rolf Hiller

“Der Ku’damm ist jetzt in Frankfurt”, befindet Dr. Markus Fein, Intendant der Alten Oper Frankfurt, in seiner Ansprache auf der Premierenfeier. Standing Ovations für “Ku’damm 56. Das Musical” im Großen Saal. Ohne die gleichnamige TV-Serie hätte ich allerdings den Plot nicht verstanden, andere haben damit überhaupt kein Problem. Erzählt werden Leben & Lieben der Inhaberin einer einst jüdischen Tanzschule in Berlin und ihrer drei Töchter. Raffiniert verwebt die zu Recht gefeierte Autorin Annette Hess in diese Geschichte den repressiv-autoritären Zeitgeist der 50er Jahre; jede & jeder hängt den eigenen Lebenslügen nach. Unter dieser Komplexität stockt gelegentlich der Flow der Story; das macht indes die Spiel- und vor allem Sangesfreude des Ensembles wett, allen voran Sandra Leitner als Monika. 

“Berlin, Berlin, Du heiße Braut” singt am Ende der ganze Saal den Hit, den jedes Musical braucht; geschrieben haben alle Songs Peter Plate & Ulf Leo Sommer. Die Jungs aus der Hauptstadt sind auf der Premierenfeier locker unterwegs wie der Cast oder eine Drag-Queen, der ich – beileibe kein Fan von Social Media – ein Statement für Insta gebe. Nach dem Überschwang von “Ku’damm 56” ist am nächsten Morgen wieder Alltag in der Deutschen Bahn. Wegen Schäden an der Oberleitung nach dem Sturmtief geht die Reise nach Berlin mit einem Schlenker über Kassel. Vorher gibt es noch einen “außerplanmäßigen” Halt auf freier Strecke; zum Glück kann der Zugführer diesen Schaden beheben, was auch immer er da gewerkelt hat. Schienennetz und Fuhrpark der Deutschen Bahn sind in keinem guten Zustand, Verspätungen und Zugausfälle an der Tagesordnung. Deshalb dürfen Züge aus Deutschland oft nicht mehr über die Schweizer Grenze fahren – sie würden die funktionierende Bahn-Logistik dort ausbremsen. 

Dass die Vorstände des Staatskonzerns satte Boni für eigentlich selbstverständliche Leistungen kassieren, passt ins desolate Gesamtbild und wird von Claus Weselsky, dem Chef der GdL, zu Recht angeprangert. Im Januar könnte seine Gewerkschaft fast den gesamten Bahnverkehr lahmlegen. Wahrscheinlich sind dann auch die Bauern mit ihren Traktoren auf der Straße, um gegen die Streichung ihrer Subventionen zu protestieren. Unmut & Mängel allenthalben in Deutschland, wo immer man hinschaut (Energie, Bildung, Gesundheitswesen, Wohnen). Vielleicht findet die Regierungskoalition, die in den Umfragen derzeit zusammen schlechter steht als die CDU/CSU, über Weihnachten Kraft und Muße zu einer Bestandsaufnahme. Vielleicht bleibt sogar noch ein bisschen Zeit, um über die Situation und Perspektive der Ukraine nachzudenken. Die Sanktionen gegen Russland haben Putin nicht gestoppt, selbst mit weiteren Finanztransfers und Waffenlieferungen könnte die ausgepowerte Ukraine den Krieg verlieren. Und dann? Es ist nie zu spät für Besinnlichkeit. 

Wenige

Beeindruckend klare Worte für eine Pluralität der Religionen findet Eren Güvercin. © Rolf Hiller

Zu den Ritualen nach einer Demonstration gehört, dass die Veranstalter und die Polizei unterschiedlich viele Teilnehmende zählen. Während die Initiatoren von “Nie wieder ist jetzt! Deutschland steht auf” über 10.000 Menschen zählten, ging die Polizei nur von etwas mehr als 3.000 Leuten aus, die bei Regen in Berlin von der Siegessäule zum Brandenburger Tor liefen. Es ist ewig her, dass ich bei einer Demo gewesen bin. Wir stehen unter Schirmen und staunen nicht schlecht, als der Moderator uns launig viel Spaß zur Begrüßung wünscht. Das ist keine Party, an diesem Tag demonstrieren “zu wenige” (Michel Friedman) gegen Antisemitismus, Judenhass, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in Deutschland. Deutliche Worte findet Bundesarbeitsminister Hubertus Heil, vor ihm hatte die Bundestagspräsidentin Bärbel Bas gesprochen, und für den Schlagersänger Roland Kaiser war es keine Frage, dass er an diesem Tag dabei war. Ein beeindruckend klares Bekenntnis für eine Pluralität der Religionen gibt Eren Güvercin ab (Mitglied der 4. Deutschen Islamkonferenz und Gründer der Alhambra Gesellschaft e.V.).  

Wir können nicht bis zum Ende dabeibleiben und verpassen u.a. Herbert Grönemeyer; das Programm war – bei solchem Wetter erst recht – deutlich zu lang. Aber Einigkeit zu spüren in Zeiten wie diesen, ist wichtig und kann doch nur für Momente trösten. Allenthalben machen sich Frust und Enttäuschung breit. Auf einem Foto verfolgt eine junge Frau der Delegation von den Marshall Inseln die COP28 in Dubai, deren unverbindliche Abschlusserklärung nicht einen Funken Hoffnung für ihre Heimat verspricht. “Den Vertretern vieler Inselstaaten”, bilanziert der Konstanzer Südkurier, “war gar nicht nach Feiern zumute angesichts der Zukunftsaussichten für ihre Heimat. Noch bis 2050 wollen die Vertragsstaaten Kohle, Öl und Gas verheizen. Kiribati und die Marshallinseln im Pazifik oder die Malediven und Tuvalu im Indischen Ozean werden bis dahin schon ganz oder zu weiten Teilen im Meer versunken sein. Aber wen kümmern schon abgelegene Inseln und deren Bewohner am anderen Ende der Welt? Die fossile Industrie und die Staaten, die sich wieder mit vagen Formulierungen begnügen, jedenfalls nicht.” (14.12.23) 

“Freiheit/Extasis” heißt eine Choreographie von Sasha Waltz & Guests, die im Rahmen eines kleinen Festivals zum 30-jährigen Bestehen ihrer Compagnie im Berliner Radialsystem zu erleben ist. Die live produzierten Sounds von Diego Noguera, gehen buchstäblich durch Mark und Bein; das Publikum erhält zum Selbstschutz Ohrstöpsel, die Sitze vibrieren. In neblig düsterer Atmosphäre finden die Tänzer:innen teils mit Masken verstörende Formationen. Beklemmende Endzeitstimmung. Keine Hoffnung nirgends. So düster könnte man heutzutage sicher auch Tennessee Williams Stück “Die Katze auf dem heißen Blechdach” inszenieren, das 1955 am Broadway Premiere feierte. Auf der Bühne des Deutschen Theaters schleift die Regisseurin Anne Lenk diese Familientragödie der Enttäuschungen & Intrigen zu einem langweiligen Stück Boulevardtheater. Zum Glück gibt es aber eine Alternative: die Verfilmung mit Elisabeth Taylor und Paul Newman. Kleine Fluchten müssen sein! 

Lebenslügen

Der schiefe Turm hat überhaupt nichts mit den PISA-Studien zu tun. © Karl Grünkopf

Überraschung am Morgen. Kaum habe ich den Bahnhof Kassel Wilhelmshöhe betreten, stürmt eine junge Frau von der UNICEF Flüchtlingshilfe auf mich zu: “Sie sind genau meine Zielgruppe. Studieren Sie noch oder arbeiten Sie schon?” “Ich arbeite schon und muss gleich meinen Zug erreichen”, antworte ich erstaunt und kaufe mir eine Tageszeitung. Alle Blätter beschäftigen sich mit den deprimierenden Ergebnissen der neuen Pisa-Studie, in der die Schüler:innen in Deutschland schlechter denn je abgeschnitten haben. Es soll Schulen hierzulande geben, in denen die Mehrheit des Lehrkörpers Quereinsteiger sind, wo doch gut ausgebildetes Personal heute besonders wichtig ist. Viele Schulen sind in einem maroden Zustand und eine Schande für die drittgrößte Industrienation der Welt. Die Rheinische Post aus Düsseldorf analysiert die Situation schonungslos: “Die Schulschließungen während der Corona-Pandemie waren ein Fehler, auch das hat man nun schwarz auf weiß. Dies mag noch entschuldbar sein, weil man keine Erfahrungen im Umgang mit einer Pandemie hatte. Für den zweiten Grund aber trägt allein die Politik die Verantwortung: Die sogenannte Heterogenität der Schüler. Das Migrationsproblem wird in Deutschland an die Schulen verlagert, Lehrer, Rektoren, Eltern und vor allem die Schüler müssen es ausbaden.” (06.12.23) 

„Nehmen Sie einem Durchschnittsmenschen die Lebenslüge, und Sie nehmen ihm zu gleicher Zeit das Glück“, heißt es in Ibsens “Wildente”. Es ist höchste Zeit, mit ein paar Lebenslügen in Deutschland zu brechen, wo bald jeder zweite Euro des Staatshaushalts für Sozialleistungen ausgegeben wird. Eine schonungslose Bestandsaufnahme tut not, wie sie nun auch liberale Blätter anmahnen. Dass 4 Millionen Menschen Bürgergeld bekommen und branchenübergreifend Arbeitskräfte gesucht werden, ist nicht mehr zu vermitteln und spiegelt sich im aktuellen ARD DeutschlandTREND wider: die sog. Fortschrittskoalition kommt nur noch auf ein Prozent mehr als die CDU, deren Spitzenpersonal keineswegs überzeugt. „Es hat Gründe”, kommentiert die Süddeutsche Zeitung, “warum die SPD in den Umfragen nur noch bei 15 Prozent liegt. Ein wenig wirkt es so, als habe sich die SPD die Bockigkeit bei Scholz abgeschaut. Vor allem beim Herzensthema Sozialpolitik. Einfach stur zu sagen, Einschnitte dort gehen gar nicht, ist etwas wenig. Im Haushalt fehlt auch durch den steten Ausbau des Sozialstaats Geld für Investitionen. Das Urteil aus Karlsruhe sollte ein Weckruf für die SPD sein, einmal die eigene Ausgabenpolitik zu hinterfragen, ob man die richtigen Akzente setzt. Fast vier Millionen Erwerbsfähige erhalten Bürgergeld, davon 500.000 Ukrainer. Viel mehr Leute in Arbeit und damit raus aus dem Bürgergeld zu bringen: Das würde tatsächlich viel Einsparung bringen.” (08.12.23) 

Mit ideologischen oder taktischen Scheuklappen lässt sich der Staatshaushalt jedenfalls nicht konsolidieren; das gilt für Grüne und FDP (steht aktuell bei 4%) gleichermaßen. Eine Kerosin-Steuer könnte dem Fiskus jährlich 8,4 Milliarden bringen, die Abschaffung des Dienstwagenprivilegs 1,8 Milliarden, und die steuerliche Begünstigung von Diesel kostet 8,5 Milliarden per anno. Warum die Grünen die Hebung dieser Reserven nicht energisch einfordern, ist in der aktuellen Schieflage der Staatsfinanzen nicht nachvollziehbar. Alles muss auf den Prüfstand, und es wäre die Aufgabe des Kanzlers, seine Richtlinienkompetenz auszuspielen und seinen Worten endlich Taten folgen zu lassen. “Wer bei mir Führung bestellt, bekommt sie auch”, hat Olaf Scholz einmal behauptet. “Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube”, ließe sich mit Goethe entgegnen. Das Wort des Jahres 2023 ist übrigens Krisenmodus. Eine wenig originelle und um so trefflichere Wahl. 

Klempner gesucht

Ähnlichkeiten rein zufälliger Natur. © Alexa auf Pixabay

Plötzlich ist der Winter gekommen, und es ist kalt geworden. Trotzdem werden wir global das heißeste Jahr seit Beginn der Klimaaufzeichnungen konstatieren müssen. Der Deutschen Bahn macht beides zu schaffen, weil man jahrelang auf Verschleiß gefahren ist. Die Reise nach Kassel beginnt in einem Ersatzzug; er ist deutlich kürzer, und die Reservierungen gelten hier natürlich nicht. Es gibt das übliche Durcheinander beim Einsteigen am Berliner Hauptbahnhof. Eine Rollstuhlfahrerin steht bis Wolfsburg im Gang, ebenso ihre Begleiter. Alltag bei der Deutschen Bahn, der sich noch deutlich verschlechtern wird, wenn keine Investitionen erfolgen. Von Kassel geht’s dann abends weiter nach Frankfurt. Der ICE kommt aus Stralsund und zuckelt auf der alten EC-Strecke durch deutsche Lande. So werden Wabern und Treysa zu ICE-Haltebahnhöfen. In Treysa geht die Reise erst einmal nicht weiter. Im vor uns liegenden Streckenabschnitt hat ein LKW einen Brückenpfeiler gerammt. Ein Statiker muss bei Nacht & Schnee her, um zu begutachten, ob unser Zug überhaupt noch über die Brücke fahren darf. 

Uns schwant nichts Gutes, doch nach nur (!) einer Stunde zuckeln wir weiter. Wohl dem, der sich auf einen Statiker oder Handwerker verlassen kann. Insofern war die Bemerkung des CDU-Parteivorsitzenden wieder einmal daneben, als er den Bundeskanzler abmeierte. „Oppositionschef Friedrich Merz”, bilanziert die taz, “nannte Scholz einen ‚Klempner der Macht‘. Das trifft nicht ganz zu. Klempner sind sehr gefragt, Scholz eher nicht, seine Umfragewerte sind auf einem Tiefpunkt. Der Kanzler verpasste die Gelegenheit, den Trend umzukehren. Ein ‚Sorry, ich habe die Lage falsch eingeschätzt‘ hätte ihm geholfen“. (29.11.23) Dass sich heutzutage glücklich schätzen darf, wer zuverlässige Handwerker kennt, ist nur eines der vielen Probleme hierzulande. Unser Fliesenleger mit dem schönen Namen Thesenwitz und sein Bruder müssen das Geschäft einstellen – sie finden keinen Nachfolger, die Knie sind kaputt. Wer will noch 25kg Zement die Treppe hoch schleppen.  

Eines muss man dem Kanzler aber lassen: er ist hart im Nehmen. “Der Spiegel” beschäftigte sich in einer Titelstory detailliert mit dem “Absturz eines Besserwissers. Wie Olaf Scholz das Land ins Finanzchaos führt” (25.11.23). Der “Kempner der Macht” zeigt sich unbeeindruckt von dieser Kampagne und wird zu Beginn der Weltklimakonferenz in Dubai eine Rede halten. Zur COP28 werden über 70.000 Teilnehmer:innen erwartet. Zweifel sind angebracht, ob die Weltgemeinschaft mehr zu Stande bringt als unverbindliche Absichtserklärungen und wohlklingende Verlautbarungen. Im Gepäck hat der Kanzler eine weitere juristische Niederlage: Das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg hat die Klimaschutzpolitik der Bundesregierung als rechtswidrig verurteilt und sie zur Vorlage von Sofortprogrammen verpflichtet. Die Klimabilanz dieses Mammut-Gipfels dürfe jedenfalls verheerend ausfallen. Dem Klima wäre mehr gedient, würde man auf solche Spektakel verzichten. Das meinen nicht nur Zyniker. 

Next Generation

Er ist blind und sieht alles: Milo Machado Graner (Daniel) in „Anatomie eines Falls“ von Justine Triet. © LesFilmsPelleas/LesFilmsDePierre

“Im Kino bist Du nie im falschen Film” heißt ein bekannter Claim der Branche. Durchaus kann es aber passieren, dass man den falschen Platz erwischt, wenn nämlich die Sitznachbarin die sog. orale Phase nie richtig überwunden hat. Ein Mann stürzt aus dem Fenster, erst auf einen Schuppen, dann zu Boden. Da die Todesursache unklar ist, muss er obduziert werden. Mit diesem Schlag beginnt “Anatomie eines Falls” von Justine Triet. Das rührt die oral Fixierte nicht im Geringsten, sie knistert und knabbert einfach weiter. Erst gegen Ende des ungemein intensiven Films ist meine Geduld erschöpft: “Können Sie das bitte unterlassen!”, raunze ich. Endlich ist Ruhe, wobei die Egoistin zurückgibt, wir sollten doch zu Hause Fernsehen gucken. Die Kinos sollten überhaupt kein Knabberzeug verkaufen. Das müssen sie aber, weil sie damit mehr Geld verdienen als mit den Tickets. 

Mit ihrer “Anatomie eines Falls” gewann Justine Triet in diesem Jahr beim Internationalen Filmfestival in Cannes die Goldene Palme. Die französische Regisseurin lässt sich Zeit mit ihrer Arbeit; “Sibyl -Therapie zwecklos” kam 2019 in die Kinos und erntete gute Kritiken. Die verschlungenen parallelen Handlungen verhindern indes jene Dichte und Konzentration, die “Anatomie eines Falls” auszeichnen. Erzählt wird hier die Geschichte einer Ehe, die in einem Gerichtsprozess aufgerollt wird, weil die Ursache des Fenstersturzes geklärt werden muss. Eine Schriftstellerin, gespielt von der fabelhaften Sandra Hüller, wird angeklagt; und in einem quälend intensiven Verfahren kommen die Freuden und Leiden einer Ehe ans Licht, bei der niemand so recht auf seine Kosten kommt. Diese Dekonstruktion erlebt der 11-jährige Sohn des Paares – seit einem Unfall als Kind ist er erblindet. Mit diesen Wahrheiten über seine Eltern wird Daniel, eindringlich gespielt von Milo Machado Graner, nun weiter leben müssen. 

Die Qualität des Filmes, der 150 Minuten bannt, ist seine Vieldeutigkeit; es gibt keine einfachen Antworten, Erklärungen und Lösungen. Wahrheit ist, was die handelnden Personen als Wahrheit anerkennen. Wie im Leben, wie in der Politik sind einfache Lösungen heute weniger denn je zu haben. Es ist ja aller Ehren wert, dass in Deutschland seit 2009 verfassungsrechtlich eine Schuldenbremse gilt, um die Staatsschulden nicht Daniels Generation zu hinterlassen. Dieses Prinzip zum Dogma erhoben wird aber zum Problem, wenn die Zukunft eines Landes auf dem Spiel steht. Eine Staatsverschuldung von 65% (2022) nutzt den nächsten Generationen überhaupt nichts, wenn dadurch die Erneuerung eines Landes auf allen Ebenen verhindert wird. In naher Zukunft werden die Kosten der Klimakatastrophen die Kosten für eine aktive Klimapolitik bei weitem übertreffen. Über die Aussetzung der Schuldenbremse braucht man sich dann keine Gedanken mehr zu machen. Allein die Flutkatastrophe vor zwei Jahren hat mehr als 40 Milliarden Euro gekostet. “Nichthandeln ist viel teurer als Handeln”, sagt einer, der weiß, wovon er spricht. Jörg Asmusen ist Geschäftsführer des Verbands der Deutschen Versicherungswirtschaft. 

Flucht aus Flein

Hier könnten Thriller spielen – die Unterführung in Flein. © Karl Grünkopf

Vom Hauptbahnhof Heilbronn geht es weiter mit dem Bus nach Flein, einem kleinen Ort in Baden-Württemberg mit 7.500 Einwohnern. Der Fahrer ist noch eine Respektsperson und weist einen Passagier harsch darauf hin, dass “hier nicht gegessen wird”. An der “Sommerhöhe” steige ich aus und laufe einen guten Kilometer durch ruhige Straßen mit soliden Ein- oder Mehrfamilienhäusern; davor stehen die üblichen Mittelklassewagen. Kaum jemand ist um 18 Uhr zu Fuß unterwegs, erstaunlich viele Fenster sind dunkel. Hier wohnt gediegener Mittelstand. Siedlungen wie diese könnten irgendwo in Deutschland sein. Zumindest der Name meines Hotels fällt auf: “Wo der Hahn kräht”, ein wuchtiger Bau aus den 70er oder 80er Jahren. Ich checke ein, fülle den Meldezettel aus, den die Betreiber zwei Jahre lang aufheben müssen. Es ist eben (fast) alles geregelt hierzulande. Das macht Deutschland aus, daher rühren nicht wenige Probleme. Allein 3.500 Bauvorschriften soll es geben.

Auf dem Weg zur Feier “30 Jahre Moritz” muss ich durch eine Unterführung laufen, die mich sofort fasziniert. Sie ist nur 1,90 m hoch und voller Graffitis. Ich muss mich beim Gehen etwas bücken; es ist ein bisschen unheimlich plötzlich in Flein. So könnten Thriller beginnen. Ich erreiche unbehelligt die Kulturhalle Flina, wo mein Geschäftspartner heute seinen ganz großen Auftritt hat. Wie die vielen Gäste erfahre ich im Laufe des Abends einiges über die Gründung & Entwicklung des Stadtmagazins “Moritz”, das inzwischen mit elf Ausgaben bis nach Stuttgart erscheint. Vor dem bunten Programm muss ich mich auf den Weg machen – kurzfristig hat die GDL zum Streik aufgerufen, mitten in den Verhandlungen und mit einer Vorwarnzeit von nur 24 Stunden. Mit ihrem Ego-Shooter Claus Weselsky an der Spitze nutzt diese Spartengewerkschaft rücksichtslos ihre privilegierte Position, um die Interessen ihrer Mitglieder durchzupeitschen.

Zurück durch den Gruseltunnel ins Hotel. Nachrichten hören, den nächsten Tag vollkommen neu planen. Statt nach Frankfurt geht es gleich nach Berlin, mit dem Bus, zwei Regionalzügen und dem ICE. Das Risiko mehrerer Umstiege nehme ich in Kauf. In einem uralten Zug – die Datumsanzeige steht auf dem 31.03.2004 – fahre ich nach Würzburg. Vom bayrischen Wahlkampf hängen auf einem Bauhof noch die Plakate der AfD – “Kein Krieg gegen Russland”. Mit solchen Parolen wurden die Rechtspopulisten zur drittstärksten Kraft im Freistaat und strafen alle Lügen, die immer noch glauben, die sogenannte “Alternative für Deutschland” wäre nur in Ostdeutschland erfolgreich. Die Zukunft nimmt sich derzeit jedenfalls gruseliger aus als die Unterführung in Flein, die ich niemals vergessen werde. Zumindest die Anschlüsse in Würzburg und Bamberg wurden sicher erreicht – ein Lichtblick!

Multiversum

„Jazz ist sowieso unverwüstlich.“ (Alexander von Schlippenbach) © Rolf Hiller

Der Film “Die Theorie von Allem” des jungen Regisseurs Timm Kröger wurde in diesem Jahr als einziger deutscher Beitrag im Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig gezeigt. Als Verbeugung vor den Hollywood-Filmen der 50er Jahre erzählt der beeindruckende Mystery-Thriller die Geschichte eines angehenden Physikers, dessen Welt bei einem Kongress in den Schweizer Bergen buchstäblich aus den Fugen gerät und in viele Parallelwelten zerfällt. Das wird meisterhaft ins Bild gesetzt und ist mit den Schauspieler:innen Jan Bülow, Olivia Ross und Hanns Zischler großartig besetzt. Freilich verliert sich “Die Theorie von Allem” in den (allzu) vielen Geschichten und findet nicht zu seiner Story. “Der vornehmlich in Schwarzweiß gedrehte Arthaus-Thriller“, resümiert der Kritiker Uwe Bettenbühl, ”gestaltet sich als Referenz auf klassisches Filmemachen, mit einem zuweilen demonstrativen Score und einer erst mainstreamigen, dann utopischen Geschichte, die viel Raum für Spekulation bietet.” (FRIZZ Das Magazin, 10/23) 

Das Multiversum außerhalb unserer Realität bleibt ein faszinierendes Rätsel; die multiperspektivische Sicht auf unsere Welt prägt längst unseren Alltag. Das Konzept des JazzFest Berlin 2023 unter dem Titel “Spinning Time” scheint sich daran orientiert zu haben. Der Reigen reichte heuer von reichlich ambitionierten Projekten der künstlerischen Leiterin Nadin Deventer bis zur Verbeugung vor den Altmeistern der Improvisierten Musik. Es fehlten indes die Young Lions, junge Musiker:innen mit Esprit etwa aus der schwer angesagten Londoner Szene, zumindest auf der Großen Bühnen des Hauses der Berliner Festspiele. Dort imponierte der 80-jährige Posaunist Conny Bauer, der mit dem Albert-Mangelsdorff-Preis für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde, mit einem Trio in freier Improvisation. 

Gegen ihn blieben die Legenden Henry Threadgill (79) und Fred Frith (74) blass, präsenter dagegen der Drummer Andrew Cyrille im Duo mit dem Saxophonisten Bill McHenry; der Schlagzeuger war schon 1969 mit Cecil Taylor bei den Berliner Jazztagen zu erleben und bedankte sich jetzt launig beim “Staff” des Festivals. Wirtschaftlich war die 60. Ausgabe des JazzFest Berlin wieder ein großer Erfolg – es kamen 7.000 Besucher:innen, alle Konzerte waren ausverkauft. Weniger Projekte wären indes mehr gewesen, weniger Wiederholungen auch. Sylvie Courvoisier, Mary Halversom und Eve Risser hatte Nadin Deventer schon einmal eingeladen. Den unverbrüchlichen Optimismus eines Alexander von Schlippenbach ficht das nicht an, der mit seiner Partnerin Aki Takase “Four Hands Piano Pieces” zu Beginn des Festivals spielte; für diese “Weltpremiere” gab es viel Applaus. “Aber Jazz”, wird er im Programm-Leporello zitiert, “ist sowieso unverwüstlich. Er geht durch alle Stile durch und transformiert sich.” Dann kann ja beim 60. Geburtstag des JazzFest Berlin 2024 eigentlich nichts schief gehen. 

Heute hier, in Deutschland

Screenshot YouTube

Ist das ein Zufall? Das Programm im Herbst 2023 im Neuen Theater Höchst heißt “SPIN! – Das neue Varieté dreht sich” und die 60. Ausgabe des JazzFest Berlin hat  “Spinning Time” als Titel gewählt. Die Zeit scheint schneller zu vergehen, die Welt ist aus den Fugen. Jeden Morgen höre ich intensiv Radio, dann erst wieder spätabends. Tagsüber mache ich meinen Job wie immer. Diese Normalität schafft Distanz zu den Kriegen und Katastrophen in der Welt. Dieser Abstand gaukelt eine Sicherheit vor, die es nie gab und nie geben wird. Um so wichtiger sind kleine Fluchten ins Kino, ins Varieté oder ins Konzert. Die Illusion, einige Stunden alles zu vergessen, muss sein. Maik Paulsen hat mit jungen Artist:innen ein wunderbar leichtes, poetisches Programm zusammengestellt, das ganz auf eine Conférence verzichtet. Die überaus sympathische Truppe feierte mit “SPIN!” ihren Abschluss bei der Staatlichen Artistenschule in Berlin und tourt seitdem mit dieser Show.  

Da wird keine seelenlose Perfektion zelebriert, sondern ein lockeres, witziges Programm mit originellen Ideen gezeigt, kurzum: “SPIN!” kommt gut rüber. Die Artist:innen wirken bei aller Hochleistung nahbar, menschlich; in einer Runde mit ihnen würde sich auch Robert Habeck wohlfühlen. Der Vizekanzler und Wirtschaftsminister hat die Gabe, klar, deutlich und glaubhaft zu sprechen. In einer knapp zehnminütigen Videobotschaft hat Habeck in wünschenswerter Deutlichkeit zum Antisemitismus hierzulande von rechts und von links (!) Stellung bezogen und erneut darauf hingewiesen, dass die hier lebenden Juden & Jüdinnen nicht für die Politik Israels verantwortlich sind. Es ist bedrückend & beschämend, was Mitglieder der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt Habeck berichteten. Die Kinder haben Angst in die Schule oder in den Sportverein zu gehen. Die Eltern haben Angst, ein Taxi zu nehmen, und schreiben Briefe ohne Absender, um die Empfänger zu schützen. “Heute hier, in Deutschland. Fast 80 Jahre nach dem Holocaust.”  

Robert Habeck, der als Wirtschaftsminister Fehler gemacht hat und dafür einstand, hat eine Rede gehalten, die dem Kanzler gut zu Gesicht gestanden hätte. Wenn die Situation Israels wirklich deutsche Staatsräson ist, hätte Deutschland gegen die UN-Resolution stimmen müssen, ohne Wenn und Aber. Stattdessen lavierten Olaf Scholz und seine Außenministerin herum, und der grüne Außenpolitiker Jürgen Trittin fand dürftige Erklärungen für dieses unsägliche Verhalten. Habeck bekam für seine Rede einhelligen Beifall in den Kommentaren. “Hier spricht nicht der grüne Klimaminister”, heißt es etwa in der Ulmer Südwest Presse. “Hier spricht ein Staatsmann, der keine Angst davor hat, unbequeme Tatsachen auszusprechen. Damit knüpft er an die Anfänge der Regierungszeit an, als der Super-Pragmatiker angesichts von Energieknappheit grüne Überzeugungen hinten anstellte, in Umfragen beliebtester Politiker war und Kritiker neidisch auf seinen Kommunikationsstil blickten. Mit dieser einen Videobotschaft hat Habeck seine parteiinterne Kontrahentin, Außenministerin Annalena Baerbock, düpiert und sich im Rennen um die Kanzlerkandidatur nach vorne katapultiert.“ (03.11.24) Heute Abend geht die “Spinning Time” weiter. Zweiter Tag des JazzFest Berlin. 
 

Panzerstraßen

Allein auf weiter Flur. © Karl Grünkopf

Wer die Karte nicht genau liest, wird durchgerüttelt. Mit ziemlich besten Freunden bin ich übers Wochenende im Spreewald. In unserem Teppich-Hotel haben wir Räder gemietet und fahren entspannt los – auf dem gut ausgebauten Fahrradweg mit dem Gurken-Symbol. Gegen Ende der Tour wollen wir den Weg abkürzen und nehmen eine Strecke “Nicht zum Radfahren geeignet”. Dort treffen wir nur ein Pärchen zu Fuß und einen Kollegen, der sich auf seinem Bike in die Gegenrichtung durchkämpft. Die Panzerstraßen ziehen sich endlos hin. Immer wieder denke ich an die kriegerischen Auseinandersetzungen im Gazastreifen mit dem unendlichen Leid der Zivilbevölkerung und an den Ukraine-Krieg, der noch weiter nach hinten in den Nachrichten gerutscht ist. Eine Lösung in den Kriegsgebieten ist nicht in Sicht. Bald beginnt der Winter in der Ukraine, die Unterstützung durch Amerika wird von den Republikanern immer mehr in Frage gestellt.

Am nächsten Vormittag kommen wir noch einmal durch Burg. In diesem beschaulichen Ort hatten zwei Lehrer im Frühjahr auf rechtsextreme und rassistische Vorfälle an ihrer Schule hingewiesen. Daraufhin wurden die beiden gemobbt und bedroht. Da sie keine (!) Unterstützung durch die Schulleitung erfuhren, haben die beiden Pädagogen Versetzungsanträge gestellt und die Schule inzwischen verlassen. Der Landkreis Dahme-Spreewald gilt als Hochburg der AfD, deren Kandidat bei der Landratswahl am 8. Oktober die meisten Stimmen bekam. Bei der notwendigen Stichwahl am 12. November stellen sich alle bürgerlichen Parteien hinter Sven Herzberger (parteilos). Dass Abwehrbündnisse gegen die AfD keine wirksame Strategie gegen die Rechtspopulisten sein können, scheint inzwischen bei der Ampel erkannt worden zu sein.

Womöglich hofft man sogar insgeheim, dass die Egoshooterin Sahra Wagenknecht mit ihrem Bündnis der AfD bei den Landtagswahlen 2024 in Brandenburg, Sachsen und Thüringen Stimmen abjagen kann. Die charismatische Linkspopulistin und Putin-Versteherin will sich mit ihrem Bündnis Sahra Wagenknecht für eine andere Migrationspolitik, eine stärker national ausgerichtete Wirtschaftspolitik und soziale Gerechtigkeit einsetzen. Mit diesem Konzept könnte sie für viele Unzufriedene eine Anlaufstelle werden. Ihrer Initiative “aufstehen. Die Sammlungsbewegung” verzeichnete zwar ein ordentliches Feedback in den Medien, scheiterte aber schon nach kurzer Zeit krachend. Vielleicht findet sie sich in dem Satz “Ich bin der Mensch, auf den ich gewartet habe” wieder. Diese Worte meiner Yoga-Meisterin gehen mir seit unserer Stunde gestern immer wieder durch den Kopf. Nicht nur deshalb versuche ich, keinen Unterricht bei ihr zu verpassen. Om.

Social Studies

Trouvaille in Bad Schmiedeberg © Karl Grünkopf

Wer war das? Beim Spaziergang durch Bad Schmiedeberg fällt mir dieses Schild sofort ins Auge: Buchhandlung ARD. In der Auslage statt Büchern Kinderklamotten. Nun könnte es ein Zufall sein, dass ausgerechnet der erste und der letzte Buchstabe des Namens abgefallen sind. Oder irgendjemand mit Sinn für dadaistischen Humor war da am Werke und hat einen subversiven Kommentar zu den Öffentlich-Rechtlichen abgegeben. Dieser Laden sticht aus der Trübsal der zerplatzten Hoffnungen hervor. Die meisten Geschäfte sind dicht, kaum jemand ist am Sonntagvormittag bei herrlichem Wetter im Städtchen uff’ de Gass’. “Das staatlich anerkannte Moor-, Mineral- und Kneippheilbad Bad Schmiedeberg”, steht bei Wikipedia, “liegt im Naturpark Dübener Heide etwa 30 km südöstlich der Kreisstadt Lutherstadt Wittenberg und etwa 50 km nordöstlich von Leipzig.” Die Lektorin dieser Zeilen ist dort einige Wochen zur Kur, sonst wäre ich wohl kaum in diesen kleinen, netten Ort gekommen, der dem Strukturwandel der Städte (noch) nichts entgegensetzt.

In der Abgeschiedenheit des Kurbetriebes sind die aktuellen Kriege und Konflikte der Welt so weit weg wie auf dem Zauberberg. Ein Klick in die (öffentlich-rechtlichen) Nachrichten und man ist wieder drin in der bedrückenden Situation. Längst ist der Krieg der Israelis gegen die Terrororganisation Hamas in Berlin angekommen. Der immer latent existierende Antisemitismus hat ein bedrohliches Ausmaß angenommen. Die Polizei der Hauptstadt bekommt Unterstützung aus den Bundesländern. Wie beim Angriffskrieg Putins auf die Ukraine ist es wieder an der Zeit, eine radikale Bestandsaufnahme zu machen und sich von lieb gewordenen Illusionen zu verabschieden. Es gibt in der arabischen Community einen massiven Antisemitismus, es gibt in Deutschland Parallelwelten mit archaischen Ideologien, es gibt dort eine bedenkliche Distanz zu unseren Normen & Werten. Das ist die dunkle Seite der Multi-Kulti-Gesellschaft, deren Konsequenzen niemand mehr verleugnen kann.

Niemals würde ich einen Gläubigen, der immer noch zur katholischen Gemeinde gehört, für die Verbrechen dieser Kirche verantwortlich machen, ebenso wenig wie einen Menschen mit persischen Wurzeln für die Verbrechen der Ayatollah. Juden & Jüdinnen hingegen werden mit dem Staat Israel gleichgesetzt, wie der Rabbiner Shlomo Afanasev am Tag nach dem Anschlag auf eine Synagoge feststellt und betont: “Juden in Deutschland und anderen Ländern sind nicht für die Politik der israelischen Regierung verantwortlich oder dafür, ob Israel einen Fehler macht.” (Tagesspiegel, 19.10.23) Am Wochenende soll es in Berlin eine Demonstration für Israel geben. Leider kann ich nicht dabei sein. Mit zwei Freunden fahre ich in den Spreewald. Viele Themen werden uns beschäftigen, auch der Tod von Carla Bley. Am 17. Oktober ist sie im Alter von 87 Jahren gestorben; einer der Freunde schreibt, er habe keine:n Musiker:in so verehrt wie sie. Ich lege ihre Schallplatte “Social Studies” (1981) auf, die ich schon so oft gehört habe.