Multiversum

„Jazz ist sowieso unverwüstlich.“ (Alexander von Schlippenbach) © Rolf Hiller

Der Film “Die Theorie von Allem” des jungen Regisseurs Timm Kröger wurde in diesem Jahr als einziger deutscher Beitrag im Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig gezeigt. Als Verbeugung vor den Hollywood-Filmen der 50er Jahre erzählt der beeindruckende Mystery-Thriller die Geschichte eines angehenden Physikers, dessen Welt bei einem Kongress in den Schweizer Bergen buchstäblich aus den Fugen gerät und in viele Parallelwelten zerfällt. Das wird meisterhaft ins Bild gesetzt und ist mit den Schauspieler:innen Jan Bülow, Olivia Ross und Hanns Zischler großartig besetzt. Freilich verliert sich “Die Theorie von Allem” in den (allzu) vielen Geschichten und findet nicht zu seiner Story. “Der vornehmlich in Schwarzweiß gedrehte Arthaus-Thriller“, resümiert der Kritiker Uwe Bettenbühl, ”gestaltet sich als Referenz auf klassisches Filmemachen, mit einem zuweilen demonstrativen Score und einer erst mainstreamigen, dann utopischen Geschichte, die viel Raum für Spekulation bietet.” (FRIZZ Das Magazin, 10/23) 

Das Multiversum außerhalb unserer Realität bleibt ein faszinierendes Rätsel; die multiperspektivische Sicht auf unsere Welt prägt längst unseren Alltag. Das Konzept des JazzFest Berlin 2023 unter dem Titel “Spinning Time” scheint sich daran orientiert zu haben. Der Reigen reichte heuer von reichlich ambitionierten Projekten der künstlerischen Leiterin Nadin Deventer bis zur Verbeugung vor den Altmeistern der Improvisierten Musik. Es fehlten indes die Young Lions, junge Musiker:innen mit Esprit etwa aus der schwer angesagten Londoner Szene, zumindest auf der Großen Bühnen des Hauses der Berliner Festspiele. Dort imponierte der 80-jährige Posaunist Conny Bauer, der mit dem Albert-Mangelsdorff-Preis für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde, mit einem Trio in freier Improvisation. 

Gegen ihn blieben die Legenden Henry Threadgill (79) und Fred Frith (74) blass, präsenter dagegen der Drummer Andrew Cyrille im Duo mit dem Saxophonisten Bill McHenry; der Schlagzeuger war schon 1969 mit Cecil Taylor bei den Berliner Jazztagen zu erleben und bedankte sich jetzt launig beim “Staff” des Festivals. Wirtschaftlich war die 60. Ausgabe des JazzFest Berlin wieder ein großer Erfolg – es kamen 7.000 Besucher:innen, alle Konzerte waren ausverkauft. Weniger Projekte wären indes mehr gewesen, weniger Wiederholungen auch. Sylvie Courvoisier, Mary Halversom und Eve Risser hatte Nadin Deventer schon einmal eingeladen. Den unverbrüchlichen Optimismus eines Alexander von Schlippenbach ficht das nicht an, der mit seiner Partnerin Aki Takase “Four Hands Piano Pieces” zu Beginn des Festivals spielte; für diese “Weltpremiere” gab es viel Applaus. “Aber Jazz”, wird er im Programm-Leporello zitiert, “ist sowieso unverwüstlich. Er geht durch alle Stile durch und transformiert sich.” Dann kann ja beim 60. Geburtstag des JazzFest Berlin 2024 eigentlich nichts schief gehen. 

Heute hier, in Deutschland

Screenshot YouTube

Ist das ein Zufall? Das Programm im Herbst 2023 im Neuen Theater Höchst heißt “SPIN! – Das neue Varieté dreht sich” und die 60. Ausgabe des JazzFest Berlin hat  “Spinning Time” als Titel gewählt. Die Zeit scheint schneller zu vergehen, die Welt ist aus den Fugen. Jeden Morgen höre ich intensiv Radio, dann erst wieder spätabends. Tagsüber mache ich meinen Job wie immer. Diese Normalität schafft Distanz zu den Kriegen und Katastrophen in der Welt. Dieser Abstand gaukelt eine Sicherheit vor, die es nie gab und nie geben wird. Um so wichtiger sind kleine Fluchten ins Kino, ins Varieté oder ins Konzert. Die Illusion, einige Stunden alles zu vergessen, muss sein. Maik Paulsen hat mit jungen Artist:innen ein wunderbar leichtes, poetisches Programm zusammengestellt, das ganz auf eine Conférence verzichtet. Die überaus sympathische Truppe feierte mit “SPIN!” ihren Abschluss bei der Staatlichen Artistenschule in Berlin und tourt seitdem mit dieser Show.  

Da wird keine seelenlose Perfektion zelebriert, sondern ein lockeres, witziges Programm mit originellen Ideen gezeigt, kurzum: “SPIN!” kommt gut rüber. Die Artist:innen wirken bei aller Hochleistung nahbar, menschlich; in einer Runde mit ihnen würde sich auch Robert Habeck wohlfühlen. Der Vizekanzler und Wirtschaftsminister hat die Gabe, klar, deutlich und glaubhaft zu sprechen. In einer knapp zehnminütigen Videobotschaft hat Habeck in wünschenswerter Deutlichkeit zum Antisemitismus hierzulande von rechts und von links (!) Stellung bezogen und erneut darauf hingewiesen, dass die hier lebenden Juden & Jüdinnen nicht für die Politik Israels verantwortlich sind. Es ist bedrückend & beschämend, was Mitglieder der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt Habeck berichteten. Die Kinder haben Angst in die Schule oder in den Sportverein zu gehen. Die Eltern haben Angst, ein Taxi zu nehmen, und schreiben Briefe ohne Absender, um die Empfänger zu schützen. “Heute hier, in Deutschland. Fast 80 Jahre nach dem Holocaust.”  

Robert Habeck, der als Wirtschaftsminister Fehler gemacht hat und dafür einstand, hat eine Rede gehalten, die dem Kanzler gut zu Gesicht gestanden hätte. Wenn die Situation Israels wirklich deutsche Staatsräson ist, hätte Deutschland gegen die UN-Resolution stimmen müssen, ohne Wenn und Aber. Stattdessen lavierten Olaf Scholz und seine Außenministerin herum, und der grüne Außenpolitiker Jürgen Trittin fand dürftige Erklärungen für dieses unsägliche Verhalten. Habeck bekam für seine Rede einhelligen Beifall in den Kommentaren. “Hier spricht nicht der grüne Klimaminister”, heißt es etwa in der Ulmer Südwest Presse. “Hier spricht ein Staatsmann, der keine Angst davor hat, unbequeme Tatsachen auszusprechen. Damit knüpft er an die Anfänge der Regierungszeit an, als der Super-Pragmatiker angesichts von Energieknappheit grüne Überzeugungen hinten anstellte, in Umfragen beliebtester Politiker war und Kritiker neidisch auf seinen Kommunikationsstil blickten. Mit dieser einen Videobotschaft hat Habeck seine parteiinterne Kontrahentin, Außenministerin Annalena Baerbock, düpiert und sich im Rennen um die Kanzlerkandidatur nach vorne katapultiert.“ (03.11.24) Heute Abend geht die “Spinning Time” weiter. Zweiter Tag des JazzFest Berlin. 
 

Panzerstraßen

Allein auf weiter Flur. © Karl Grünkopf

Wer die Karte nicht genau liest, wird durchgerüttelt. Mit ziemlich besten Freunden bin ich übers Wochenende im Spreewald. In unserem Teppich-Hotel haben wir Räder gemietet und fahren entspannt los – auf dem gut ausgebauten Fahrradweg mit dem Gurken-Symbol. Gegen Ende der Tour wollen wir den Weg abkürzen und nehmen eine Strecke “Nicht zum Radfahren geeignet”. Dort treffen wir nur ein Pärchen zu Fuß und einen Kollegen, der sich auf seinem Bike in die Gegenrichtung durchkämpft. Die Panzerstraßen ziehen sich endlos hin. Immer wieder denke ich an die kriegerischen Auseinandersetzungen im Gazastreifen mit dem unendlichen Leid der Zivilbevölkerung und an den Ukraine-Krieg, der noch weiter nach hinten in den Nachrichten gerutscht ist. Eine Lösung in den Kriegsgebieten ist nicht in Sicht. Bald beginnt der Winter in der Ukraine, die Unterstützung durch Amerika wird von den Republikanern immer mehr in Frage gestellt.

Am nächsten Vormittag kommen wir noch einmal durch Burg. In diesem beschaulichen Ort hatten zwei Lehrer im Frühjahr auf rechtsextreme und rassistische Vorfälle an ihrer Schule hingewiesen. Daraufhin wurden die beiden gemobbt und bedroht. Da sie keine (!) Unterstützung durch die Schulleitung erfuhren, haben die beiden Pädagogen Versetzungsanträge gestellt und die Schule inzwischen verlassen. Der Landkreis Dahme-Spreewald gilt als Hochburg der AfD, deren Kandidat bei der Landratswahl am 8. Oktober die meisten Stimmen bekam. Bei der notwendigen Stichwahl am 12. November stellen sich alle bürgerlichen Parteien hinter Sven Herzberger (parteilos). Dass Abwehrbündnisse gegen die AfD keine wirksame Strategie gegen die Rechtspopulisten sein können, scheint inzwischen bei der Ampel erkannt worden zu sein.

Womöglich hofft man sogar insgeheim, dass die Egoshooterin Sahra Wagenknecht mit ihrem Bündnis der AfD bei den Landtagswahlen 2024 in Brandenburg, Sachsen und Thüringen Stimmen abjagen kann. Die charismatische Linkspopulistin und Putin-Versteherin will sich mit ihrem Bündnis Sahra Wagenknecht für eine andere Migrationspolitik, eine stärker national ausgerichtete Wirtschaftspolitik und soziale Gerechtigkeit einsetzen. Mit diesem Konzept könnte sie für viele Unzufriedene eine Anlaufstelle werden. Ihrer Initiative “aufstehen. Die Sammlungsbewegung” verzeichnete zwar ein ordentliches Feedback in den Medien, scheiterte aber schon nach kurzer Zeit krachend. Vielleicht findet sie sich in dem Satz “Ich bin der Mensch, auf den ich gewartet habe” wieder. Diese Worte meiner Yoga-Meisterin gehen mir seit unserer Stunde gestern immer wieder durch den Kopf. Nicht nur deshalb versuche ich, keinen Unterricht bei ihr zu verpassen. Om.

Social Studies

Trouvaille in Bad Schmiedeberg © Karl Grünkopf

Wer war das? Beim Spaziergang durch Bad Schmiedeberg fällt mir dieses Schild sofort ins Auge: Buchhandlung ARD. In der Auslage statt Büchern Kinderklamotten. Nun könnte es ein Zufall sein, dass ausgerechnet der erste und der letzte Buchstabe des Namens abgefallen sind. Oder irgendjemand mit Sinn für dadaistischen Humor war da am Werke und hat einen subversiven Kommentar zu den Öffentlich-Rechtlichen abgegeben. Dieser Laden sticht aus der Trübsal der zerplatzten Hoffnungen hervor. Die meisten Geschäfte sind dicht, kaum jemand ist am Sonntagvormittag bei herrlichem Wetter im Städtchen uff’ de Gass’. “Das staatlich anerkannte Moor-, Mineral- und Kneippheilbad Bad Schmiedeberg”, steht bei Wikipedia, “liegt im Naturpark Dübener Heide etwa 30 km südöstlich der Kreisstadt Lutherstadt Wittenberg und etwa 50 km nordöstlich von Leipzig.” Die Lektorin dieser Zeilen ist dort einige Wochen zur Kur, sonst wäre ich wohl kaum in diesen kleinen, netten Ort gekommen, der dem Strukturwandel der Städte (noch) nichts entgegensetzt.

In der Abgeschiedenheit des Kurbetriebes sind die aktuellen Kriege und Konflikte der Welt so weit weg wie auf dem Zauberberg. Ein Klick in die (öffentlich-rechtlichen) Nachrichten und man ist wieder drin in der bedrückenden Situation. Längst ist der Krieg der Israelis gegen die Terrororganisation Hamas in Berlin angekommen. Der immer latent existierende Antisemitismus hat ein bedrohliches Ausmaß angenommen. Die Polizei der Hauptstadt bekommt Unterstützung aus den Bundesländern. Wie beim Angriffskrieg Putins auf die Ukraine ist es wieder an der Zeit, eine radikale Bestandsaufnahme zu machen und sich von lieb gewordenen Illusionen zu verabschieden. Es gibt in der arabischen Community einen massiven Antisemitismus, es gibt in Deutschland Parallelwelten mit archaischen Ideologien, es gibt dort eine bedenkliche Distanz zu unseren Normen & Werten. Das ist die dunkle Seite der Multi-Kulti-Gesellschaft, deren Konsequenzen niemand mehr verleugnen kann.

Niemals würde ich einen Gläubigen, der immer noch zur katholischen Gemeinde gehört, für die Verbrechen dieser Kirche verantwortlich machen, ebenso wenig wie einen Menschen mit persischen Wurzeln für die Verbrechen der Ayatollah. Juden & Jüdinnen hingegen werden mit dem Staat Israel gleichgesetzt, wie der Rabbiner Shlomo Afanasev am Tag nach dem Anschlag auf eine Synagoge feststellt und betont: “Juden in Deutschland und anderen Ländern sind nicht für die Politik der israelischen Regierung verantwortlich oder dafür, ob Israel einen Fehler macht.” (Tagesspiegel, 19.10.23) Am Wochenende soll es in Berlin eine Demonstration für Israel geben. Leider kann ich nicht dabei sein. Mit zwei Freunden fahre ich in den Spreewald. Viele Themen werden uns beschäftigen, auch der Tod von Carla Bley. Am 17. Oktober ist sie im Alter von 87 Jahren gestorben; einer der Freunde schreibt, er habe keine:n Musiker:in so verehrt wie sie. Ich lege ihre Schallplatte “Social Studies” (1981) auf, die ich schon so oft gehört habe. 

Neue Schrecken

Alles für die Wissenschaft. © Rolf Hiller

Nolens volens bin ich dabei. Am Sonntag (!) rief unsere Hausärztin an und erfuhr, dass ich mich auch mit Corona infiziert habe und mit leichtem Fieber im Bett liege. Ich willige ein, kurz mit ihr zu telefonieren; und sie schafft es, mich als Probanden für eine Corona-Studie der Charité zu gewinnen. Alles für die Wissenschaft. Am nächsten Tag erscheint zur verabredeten Stunde ein Mitarbeiter. Wir erledigen die Formalitäten, hierzulande natürlich analog. Dann erhalte ich eine Einweisung. Täglich muss ich über den Verlauf berichten und insgesamt 7 PCR-Tests machen, der unangenehmste Teil des Programms. Nach der Blutentnahme am Esstisch verabschiedet sich der freundliche Herr und dankt noch einmal für meine Unterstützung. Zwei Tage später muss ich den ersten Abstrich im Rachen machen. Ich hatte ganz vergessen, wie unangenehm das sein kann. Wir alle haben vergessen, wie bedrückend & beängstigend Corona am Anfang gewesen ist, wie wir um Impftermine kämpften und schicksalsergeben noch die idiotischsten Anweisungen befolgten. Nun ist Corona wieder da, die Zahl der Infektionen nimmt rapide zu, aber die Krankheit hat ihren Schrecken verloren.

Der Tag der Landtagswahlen in Bayern und Hessen wird überschattet vom Angriff der Hamas auf Israel, der das Land vollkommen unvorbereitet traf. Der Mossad, angeblich der beste Geheimdienst der Welt, und das israelische Militär, angeblich eine der besten Armeen der Welt, wurden von der massiven Attacke ebenso kalt erwischt wie die Weltöffentlichkeit. Die Berichte von dort sind bedrückend, die Bilder vom Jubel über den Hamas-Terror aus Berlin Neukölln verstören. Wenn die Solidarität mit Israel deutsche Staatsräson ist, wie Olaf Scholz unmissverständlich klar machte, dann ist dringend zu klären, was arabische Kulturvereine im Schilde führen, was in den Moscheen passiert und wo öffentliche Gelder für den Gazastreifen möglicherweise landen. Arbeit zuhauf für eine wertegeleitete Innen- und Außenpolitik. Dass viele jüdische Einrichtungen hierzulande permanent unter Polizeischutz stehen müssen, ist ein Skandal, den wir nur nicht wahrhaben wollen. Neulich begegnete ich einem jungen Vater, der eine Kippa trug, mit seinem Sohn. In Neukölln würde er das sicher nicht riskieren.

Wer hätte gedacht, dass die beiden Landtagswahlen eine deutsche Einheit der negativen Art anzeigen. Nicht länger kann man in den westlichen Bundesländern den östlichen die Erfolge der AfD vorhalten. In Hessen wurde die Partei mit “verfassungsfeindlichen Bestrebungen”, so das Bundesverfassungsgericht, mit 18,4 % zur zweitstärksten Partei im Wiesbadener Landtag; in Bayern, wo der Söder Markus das schlechteste Ergebnis für die CSU seit 1950 holte, landete sie mit 14,6 % auf dem dritten Platz. Die Stimmung im Lande spiegelt sich im aktuellen ARD-Deutschlandtrend: die Ampel kommt nur noch auf 33%, kaum mehr als die Union, die jetzt bei 29 % steht; bundesweit würden dieser Befragung zu Folge 23 % die AfD wählen! Höchste Zeit, dieser Partei den Wind aus den Segeln zu nehmen. Auf Dauer lässt sich eine Politik gegen den Genossen Trend nicht durchhalten; das scheint in der Berliner Blase inzwischen angekommen zu sein. Hoffentlich nicht zu spät!

Einheit

Das „E“ liegt in der Schublade. © Karl Grünkopf

Vor über zwei Jahren begannen die ersten Planungen. Termin & Location mussten für ein großes Familienfest gefunden werden. Über die Republik verteilt, hatte sich ein Dream-Team gefunden, das allen Unwägbarkeiten und Überraschungen eines solchen Projekts gewachsen war. Als Ort wurde schließlich Schloss Ziethen in Brandenburg bestimmt, mehrere Besuche hatten zuvor stattgefunden. Damit begann erst die richtige Arbeit der vier Musketiere, die ich nur en passant verfolgte. Schließlich ist alles unter Dach und Fach, das lange Fest-Wochenende rückt immer näher – und damit die bange Frage nach Corona. Mit dem Beginn des Herbstes ist das Virus wieder da; trotzdem gibt es nur wenige Absagen. Ein heiteres, inniges und immer wieder inspirierendes Fest beginnt; eine Tante ließ sich weder von ihrem Alter noch von der Entfernung schrecken und kam eigens aus San Francisco angedüst. 

Sie war nicht die Einzige, die für dieses Familienfest aus Amerika anreiste. Was Zusammenhalt bedeutet, habe ich in diesen Tagen gespürt. Dass eine solche Einheit ein großes Glück ist, ging mir in diesen Tagen immer wieder durch den Kopf. Sinnigerweise gehen wir am ”Tag der deutschen Einheit” auseinander. Erst beim Abschied fällt mir die Inschrift über dem Eingang ins Schloss auf: “DEM VER…INIGEN GEWIDMET 1994″. Das “E” liegt in der Schublade, erzählt mir die Mitarbeiterin an der Rezeption munter. Da müssen wir alle es ganz schnell herausholen, denn um die deutsche Einheit steht es schlechter denn je. Die Diktatur in der DDR wird verdrängt & verklärt, die AfD gewinnt im Osten Deutschlands immer größere Zustimmung, Putins Angriffskrieg auf die Ukraine wird insgeheim bewundert oder schlicht ignoriert. In unsicheren Zeiten wie diesen ist Familie wichtiger denn je, in den Worten eines unserer Jüngsten: „Das war voll das allerschönste Fest. Es war sooo schön….” 

Inzwischen hat sich eine Signal-Gruppe gebildet; dieser Messaging-Dienst versorgt uns mit Bildern und Nachrichten. Leider werden immer neue Infektionen mit Corona gemeldet. Bereits während des Festes musste sich ein Paar zurückziehen und erschien nur noch kurz mit Maske. Leider hat es auch die Tante aus San Francisco erwischt, doch vermag das Virus die Erinnerungen an unser Fest nicht trüben. Es hätte schlimmer kommen können; es wäre eine Katastrophe gewesen, wenn die Hälfte hätte absagen müssen. Die Infektionen werden hoffentlich alle gut überstehen und schnell vergessen. Das Fest auf dem Schloss und unsere “Einheit” werde ich in allerbester Erinnerung behalten. Zum guten Schluss noch ein treffliches Zitat von einem der Orgatiere: ”Denke ich an unsere wundervollen Familientage in Ziethen zurück, schiebt sich immer wieder ein Bild in den Vordergrund: Die strahlende F. umringt von Jungen und Alten, stets hellwach und energiegeladen – unsere schöne Familienmatriarchin.” Von dieser Einigkeit & Innigkeit werden wir alle lange zehren. Gerne wieder. Bald! 

Drinnen & Draußen

Notruf an der Haustür. © Rolf Hiller

Die Angst geht um in deutschen Landen. Was mache ich, wenn meine Wohnung gekündigt wird und ich keine Alternative finde? In ihrer Not greifen viele zur Selbsthilfe, hängen Zettel aus und versprechen hohe Belohnungen für eine Vermittlung. Neulich bot eine Familie 5.000 Euro an. Letzte Woche hing ein Hilferuf an unserer Haustür: 3.300 in bar für eine Wohnung ab 1.5 Zimmer. Und sie ist bereit, dafür monatlich 900 Euro Miete zu zahlen; natürlich wird sie Kücheneinbauten und Schränke übernehmen. Kürzlich wurde der Untermietvertrag eines Mitarbeiters in einen Hauptmietvertrag gewandelt – neun Hunderter wurden dafür verlangt, bar auf den Tisch. Die Lage bei Wohnimmobilien wird sich in den nächsten Jahren weiter dramatisch verschärfen: es wird in Deutschland zu wenig, zu teuer und zu aufwändig gebaut. Im Musterland der Bürokratie gibt es nicht weniger als 3.500 Bauvorschriften. 

Beim Deutschen Institut für Menschenrechte kann man den Artikel 11 Absatz 1 des UN-Sozialpaktes finden: “Die Vertragsstaaten erkennen das Recht eines jeden Menschen auf einen angemessenen Lebensstandard für sich und seine Familie an, einschließlich ausreichender Ernährung, Bekleidung und Unterbringung, sowie auf eine stetige Verbesserung der Lebensbedingungen. Die Vertragsstaaten unternehmen geeignete Schritte, um die Verwirklichung dieses Rechts zu gewährleisten, und erkennen zu diesem Zweck die entscheidende Bedeutung einer internationalen, auf freier Zustimmung beruhenden Zusammenarbeit an.” Ob man daraus ableiten kann, dass zur Daseinsvorsorge des Staates die Schaffung von ausreichend Wohnraum für alle gehört, ist “nirgendwo klar definiert” (Berliner Mieterverein). Die Frage birgt erheblichen sozialen Sprengstoff. Rund 60% der Berliner:innen haben im September 2021 beim Volksentscheid für die Enteignung großer Immobilienkonzerne gestimmt. Damit gibt es aber noch keine einzige neue Wohnung. 

Dafür entstehen in bester Lage luxuriöse Eigentumswohnungen – etwa 80 qm für 1,8 Millionen Euro. Gebannt verfolge ich den Podcast “Teurer Wohnen”, der 2023 mit dem Deutschen Radiopreis ausgezeichnet wurde. Hartnäckig recherchieren die Journalist:innen, wie eine Altbau-Sanierung – völlig legal – ablaufen kann und wie die Gewinne der verschachtelten Firmen dann auf Zypern landen, über zu hohe Zinsen übrigens. Die Insel ist knapp vier Mal so groß wie das Saarland; 200.000 Firmen haben auf dieser Steueroase ihren Sitz. Das ist legal und bekannt und wird von der EU genauso nonchalant hingenommen wie die Konkurrenz um die Ansiedlung von Unternehmen mit einer niedrigen Gewerbesteuer hierzulande. Die Entwicklung auf dem Wohnungsmarkt verheißt überhaupt nichts Gutes für die nächsten Jahre. Fast jede:r kann plötzlich draußen sein und muss am Ende hohe Belohnungen zahlen. Die schaffen nur Begehrlichkeit und keine neuen Wohnungen. Klara Geywitz, die Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen, hat den Podcast übrigens nicht gehört. Ein Versäumnis! 

Spektakeltheater

Spektakuläre Bilder: “Ophelia’s Got Talent” von Florentina Holzinger in der Berliner Volksbühne © Nicole Marianna Wytyczak

Ausverkauft! Das Interesse an der Performance in der Berliner Volksbühne ist riesig; jede:r hat etwas gehört über das neue Stück von Florentina Holzinger und möchte das Spektakel erleben. Im Jahrbuch 2023 der Fachzeitschrift “Theater heute” wurde “Ophelia’s Got Talent” zur Inszenierung des Jahres gewählt. Unsere Erwartungen sind hoch, hätten allerdings durch die “Kranetude etwas gedämpft werden sollen. Florentina Holzinger schafft spektakuläre Bilder, zudem schrecken ihre immer nackten Tänzerinnen vor nichts zurück. Bilder schaffen indes noch kein Stück. Wie bei “Kranetude” werden von “Ophelia’s Got Talent” einzelne Szenen in Erinnerung bleiben, etwa wenn die Crew mit einem Helikopter kopuliert. Dass dann literweise Sperma ins Schwimmbecken darunter platscht, versinnbildlicht das Problem der Ideen von Holzinger: Sie sind zu plakativ. Mit einer furiosen Casting-Show beginnt der Abend, in dessen Verlauf sich die Nackerten schon einmal einen Haken durch die Wange ziehen oder eine Magensonde einführen; das Publikum darf sich über einen Fisch im Bauch der Tänzerin freuen. Eine Captain Hook führt durch die Wasserperformance, die immer länger & beliebiger wird. 

Mein Nachbar schaut häufiger nach der Uhrzeit. Es regnet Plastikflaschen ins Wasserbecken, das sich zuvor rot gefärbt hat; natürlich darf Schillers “Taucher” nicht fehlen. Zwei Tänzerinnen haben Trisomie 21, eine Kleinwüchsige ist mit ihrem Rollator dabei. Am Ende tanzen ein paar Teenager-Mädchen zu stampfenden Beats, wo kurz zuvor noch düstere Bilder das Geschehen prägten. Florentina Holzinger erzählt von ihrer Magersucht in der Jugend, nur noch Wasser habe sie getrunken. Irgendwann ging es um Leben und Tod. Grunge war die Musik der Stunde, Kurt Cobain mit der Band Nirwana ihre Ikone; er brachte sich 1994 um. Womöglich liegt in ihrer Biographie der Schlüssel zu “Ophelia’s Got Talent” – Frauen werden durch die Gesellschaft zu Opfern. Jeden dritten Tag wird in Deutschland eine Frau getötet, meistens vom Partner. Insofern lässt sich Holzingers Arbeit als Empowerment der Frauen deuten. Weniger wäre indes mehr gewesen. Wir hielten durch bis zum Ende; ein paar Wenige verließen die umjubelte Vorstellung schon vorher. 

Rechtfertigt dieses Ergebnis den immensen Aufwand der Produktion? Nimmt man den Hype als Maßstab, unbedingt; erwartet man von Kunst aber mehr als Spektakel, sicherlich nicht. Bestimmt war das Gros im Publikum für eine konsequente Reduzierung unseres Energieverbrauchs. Eines Tages wird die CO2-Bilanz eines solchen Events ausgewiesen, eines Tages muss der ganze Kultur-Jet-Set auf den Prüfstand. Vielleicht wird es dann einen bundesweit vereinbarten Gesamtverbrauch geben, und die einzelnen Veranstalter beginnen einen munteren Tauschhandel mit ihren Kontingenten. Das wäre vergleichbar mit dem novellierten Bundesklimaschutzgesetz – nicht mehr das einzelne Ressort muss seine Klimaziele einhalten, sondern die ganze Regierung. Kollektive Verantwortungslosigkeit hat noch nie geholfen. 

Nach dem Alarm

Falls die digitale Welt zusammenbricht, ist auf das gute, alte Kofferradio Verlass. © Rolf Hiller

Kaum habe ich den ICE betreten, beginnt der Alarm. Die Handys geben einen lauten & unüberhörbaren Ton ab. Alle wissen Bescheid. Heute ist der bundesweite Warntag. Das hat fast überall geklappt, nur in der Bundeshauptstadt heulen die Sirenen nicht – von geplanten 400 sind nicht einmal 25% einsatzbereit. Wenn es wirklich ernst würde, dürften die meisten so wenig Bescheid wissen wie ich. Soll man Schutzräume aufsuchen? Wo sind die? Soll man die wichtigsten Papiere mitnehmen? Gäbe es dort zumindest Wasser? Im Rundfunk bekomme ich einen ganz wichtigen Tipp: unbedingt immer ein Kofferradio bereit halten – und ausreichend Batterien. Im Ernstfall könnte schnell das Internet zusammenbrechen mit unabsehbaren Folgen – auch für die Information der Bevölkerung. Das ist die Kehrseite der Digitalisierung, die kaum jemand auf dem Schirm hat. Wider jede Vernunft rechnen wir nicht damit, dass eine Katastrophe auch uns betreffen kann. 

Nach dem Ende des enervierenden Alarms erst bemerke ich einen Klassenfreund im gleichen Wagen. Nächstes Jahr liegt unser Abi 50 Jahre zurück, und wir wollen uns natürlich treffen. Einige werden ganz bestimmt nicht kommen – sie wollen durch nichts & niemanden mehr an ihre Schulzeit erinnert werden. “Feuerzangenbowle”-Idylle war selten, körperliche Übergriffe auf dem Jungengymnasium nicht ungewöhnlich. Der Freund erzählt mir, dass ein Lehrer mit Nazihaarschnitt und einer passenden Vita einmal im Religionsunterricht einen Schüler so lange mit der Bibel(!) auf den Kopf schlug, bis diesem schlecht wurde. So etwas ist mir nicht widerfahren, aber im Schullandheim wurde ich einmal auf andere Weise gedemütigt. Weil ich den Milchreis mit Zimt und Zucker nicht herunterbringen konnte, musste ich nach dem Essen sitzen bleiben. Unser Klassenlehrer verlangte, dass ich den üblen Brei esse, Löffel für Löffel. Ich würgte bei jedem Bissen, mir standen Tränen in den Augen. Nach einer Stunde hatte mein Peiniger ein Einsehen und ließ von mir ab.  

Warum habe ich mich nicht gewehrt? Warum habe ich die Eltern nicht informiert? Warum ist nichts passiert? Erniedrigungen waren im Mainzer Gutenberg Gymnasium zumindest bis zur Oberstufe eine allherrschende Erfahrung. In unserer Klasse stärkte der Druck von außen immerhin den Zusammenhalt – bis heute. Das war zumindest die These des leider schon verstorbenen Klassenfreundes, mit dem ich das Treffen zum 40. Abi organisierte, übrigens noch einmal in diesem Schullandheim. Am Ort meiner Demütigung überwogen damals die sentimentalen Erinnerungen, die es ja durchaus gibt. Wir lachten viel und haben es ja irgendwie überstanden. Dass einige aus unserer Abiturklasse nichts mehr mit ihrer Schulzeit zu tun haben möchten und nicht mehr zu Treffen kommen, kann ich gut verstehen. Die Vergangenheit vergeht trotzdem nicht. Was uns auf der Schule widerfuhr, ist heute unvorstellbar. Immerhin ein schwacher Trost. 

Die gute, alte Post

Früher war mehr los im Kasten. © ninita_7 auf Pixabay

Am Briefkasten scheiden sich die Generationen. Ich schaue täglich nach der Post, wir verschicken noch unverdrossen Ansichtskarten und lesen gedruckte Zeitungen. Leider bekommen wir kaum noch Briefe, leider schreibe ich selbst nur noch selten welche. Was ist eine Mail oder eine Nachricht in einem Messenger-Dienst gegen einen handgeschriebenen Brief. Das scheint die Deutsche Post nicht anders zu sehen und stellte eine Geburtstagskarte an eine Freundin zu, obwohl diese gar nicht frankiert war. Beim Einwerfen in den gelben Kasten bemerkte die Redakteurin dieser Zeilen schon ihr Versäumnis und wollte am nächsten Tag beim Leeren des Briefkastens ihren Fehler korrigieren, doch die Abholung war schon durch oder verspätete sich. Flugs wurde eine neue Karte geschrieben, vorschriftsmäßig frei gemacht und eingeworfen. Die Freundin freute sich dreifach: über zwei Kartengrüße und die feine Geste der Deutschen Post, wie auch immer sie zustande gekommen ist. 

Vor Jahren schrieben wir einen Dankesbrief an ein junges Paar, hörten gar nichts und fragten irgendwann digital nach. Man schaue nur alle vier Wochen in den Postkasten, vernahmen wir mit Erstaunen. Die Zeiten sind schnelllebiger und flüchtiger geworden. Jede:r ist informiert, keine:r weiß Bescheid. Es ist mir ein Rätsel, wie man all die Angebote der Mediatheken, Streamingdienste oder Audiotheken nutzen soll. Dabei finden sich dort großartige Alternativen zum täglichen Programm, das wir nur noch bei Wahlen analog einschalten. Natürlich durch die Zeitung war ich auf die Reportage “Allein im All – Die einsame Reise zum Mars” aufmerksam geworden, die ich mir auf der Rückreise aus Kassel ohne Störungen im ICE anschaute. Drei Jahre soll diese “Mission” dauern; die Crew muss diese Zeit auf engstem Raum verbringen. Eine Kommunikation in Echtzeit wird mit den Angehörigen nicht möglich sein wegen der riesigen Entfernung, die durchschnittlich 70 Millionen Kilometer beträgt. 

Sicher würden viele die Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) gerne auf den Mond schießen. Dort könnte sie ihre vollmundigen Reden halten, deren Pathos angesichts ihrer Amtsführung noch hohler klingt. Gerade ist sie dabei, die Berlinale nachhaltig zu beschädigen. Nachdem die Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek nur noch für das Festival 2024 zur Verfügung steht, wurde jetzt der künstlerische Leiter Carlo Chatrian abserviert. Dagegen haben nun 400 Macher:innen der Branche, darunter internationale Prominenz, in einem Offenen Brief protestiert. Beide haben das (immer noch) größte Publikumsfestival der Welt in ihrer Amtszeit durch schwierige Zeiten gebracht; Chatrian hatte aber wenig Fortune in Berlin. Nun soll es wieder eine Intendanz richten, wofür der Italiener offensichtlich nicht in Frage kommt. Wie unter diesen Voraussetzungen und hohem Zeitdruck eine neue Perspektive für die Berlinale gefunden werden soll, muss die Kulturstaatsministerin verantworten. “Claudie Roth. Die Berlinale und andere Schlamassel”, titelte der Tagespiegel (08.09.23). Der Kanzler sollte ihr einen geharnischten Brief schreiben.