Wiedersehen

In Wroclaw (Breslau) wird auf einer Plakatwand ein Nürnberger Prozess gegen Wladimir Putin gefordert.© Karl Grünkopf

Vier Jahre sind vergangen, seit wir das letzte Mal bei Krzyżowa Music waren. Damals fand das Kammermusikfestival im Moltke-Schloss im früheren Kreisau unter Corona-Bedingungen statt, die heute anmuten wie Begebenheiten aus weit vergangener Zeit und deren (politische) Konsequenzen sich noch immer nicht abschätzen lassen. Inzwischen haben wir gelernt, mit dem Virus zu leben. Die nächste Impfwelle steht im Herbst an – jeder kann und muss die Entscheidung für sich selbst treffen. In Krzyżowa jedenfalls ist alles wieder wie vor der Pandemie. Was Matthias von Hülsen und seine Frau Dorothy da jedes Jahr organisatorisch und finanziell stemmen, lässt sich kaum ermessen; so müssen für jede Spielzeit Spender & Sponsoren akquiriert werden. Für das künstlerische Konzept steht Viviane Hagner ein. Sie wohnt wie die vielen zumeist jungen Musiker:innen auf dem Gelände. Krzyżowa Music eignet eine ganz besondere Campus-Atmosphäre mit öffentlichen Proben, Begegnungen und gemeinsamen Mahlzeiten. 

Das Programm der Konzerte wird erst kurz vor Beginn im Netz veröffentlicht. Entdeckungen kann man immer machen – mich beeindruckt ganz besonders das Streichsextett des tschechischen Komponisten Erwin Schulhoff. In den 1920er Jahren begeisterte er sich für Neue Musik, Dada und Jazz gleichermaßen. Später wurde er sowjetischer Staatsbürger, konnte aber nicht mehr vor den Deutschen fliehen und starb in einem Internierungslager an Tuberkulose. Die Geschichte ist allgegenwärtig in Krzyżowa. Ablehnung und Ressentiments erleben wir aber nicht, auch nicht am 1. September, an dem sich der deutsche Überfall auf Polen zum 85. Mal jährte. Zum Konzept des Festivals zählen Konzerte auch außerhalb des Schlosses, etwa in Wrocław, dem früheren Breslau. Wir entdecken eine lebendige, weltoffene Stadt mit vielen jungen Leuten und das “Viertel des gegenseitigen Respekts” mit einer kleinen jüdischen Community. Dort stoßen wir auf ein auffälliges Billboard, das einen Nürnberger Prozess für den Kriegsverbrecher Wladimir Putin fordert. 

Es ist unvorstellbar, dass solch ein Plakatgemälde 300 km weiter westlich in Dresden stehen würde, wo die Populisten von rechts und links einen Kotau vor dem russischen Diktator machen. Nicht bloß die polnische Zeitung Rzeczpospolita reibt sich verwundert die Augen: „Seit Jahren sagt die CDU, sie werde niemals mit der postkommunistischen Partei Die Linke regieren, weil diese die Erbin der Kommunisten aus der ehemaligen DDR und der ‚Partei der Berliner Mauer‘ sei. Wie können die Christdemokraten nun erklären, dass sie mit einem Bündnis eine Regierung bildet, das aus einer Spaltung der Linken hervorgegangen ist? Sahra Wagenknecht war die Anführerin des extremsten Flügels der Kommunistischen Plattform.“ (02.09.24) Der Sommer 2024 geht zu Ende und war so warm wie nie zuvor seit Beginn der Aufzeichnungen, meldet der EU-Klimadienst Copernicus. Wenn die Zeichen nicht trügen, steht uns ein ganz heißer Herbst bevor. 

Mensch und Natur

Apfelbäume auf einer Streuobstwiese in Brandenburg. © Rolf Hiller

In der Nähe von Beelitz sind wir Paten von zwei Bäumen auf einer naturbelassenen Streuobstwiese, die einst vom Landschafts-Förderverein Nuthe-Nieplitz-Niederung e.V. angelegt wurde, um einen Golfplatz zu verhindern. In den besten Jahren fuhren wir mit 50 kg Pflaumen der Sorte Stanley und Kisten voller Äpfel nach Hause. In diesem Jahr fiel die Ernte aus. Am Pflaumenbaum hing nicht eine einzige Frucht, gerade einmal zehn Äpfel konnten wir mitnehmen. Beim Versuch, einen halbwegs schönen zu bekommen, brach gleich der ganze Ast ab. Die Streuobstwiese ein Bild des Jammers. Das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg rechnet in diesem Jahr mit 3.200 Tonnen Äpfeln; 2023 waren es 18.200 Tonnen. Eine kurze Frostphase Ende April mitten in der Blütephase, dazu kamen viele Unwetter. „Hagel und Starkregen sind weitere Gründe für die vielen berichteten Nullerträge”, konstatiert das Amt nüchtern. 

Der Klimawandel schreitet unaufhaltsam voran, und Deutschland ist in diesem Jahr noch glimpflich davongekommen. Es gab keine extreme Hitze und viel Regen. Ganz anders die Lage in Südeuropa. Nach dem mildesten Winter aller Zeiten meldet Griechenland die heißesten Monate Juni und Juli überhaupt. Trotzdem werden auf Kreta noch immer protzige Residenzen auf Hügeln errichtet, Klimaanlage & Pool inklusive. Auf Sizilien vertrocknen die Felder, und die Touristen planschen in den Hotelanlagen. Um Mallorca ist das Mittelmeer in diesem Sommer so warm wie noch nie. In Namibia sollen wegen der extremen Dürre hunderte von Wildtieren zum Abschuss freigegeben werden; das Fleisch könnte dann unter der notleidenden Bevölkerung verteilt werden. Australien nimmt ab sofort Menschen aus dem Südseestaat Tuvalu auf und gewährt ihnen ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht. Der Inselstaat im Südpazifik wird Experten zufolge in den nächsten Jahrzehnten im Meer versinken. 

Der Klimawandel durch einen zu hohen CO2-Ausstoß ist längst da, und wer diese Tatsache leugnet, handelt unverantwortlich. Das ficht die AfD und ihren Scharfmacher Björn Höcke in Thüringen nicht an, der Wirtschaftsverbänden am liebsten den Mund verbieten will und den an der Kampagne “Made in Germany – Made by Vielfalt” beteiligten Unternehmen “wirtschaftliche Turbulenzen” wünscht. Geht’s noch? Thüringen hat eine überalterte Bevölkerung und seit 1990 fast 500.000 Einwohner verloren. Ende 2023 lebten dort noch etwas mehr als 2,1 Millionen Menschen. Händeringend suchen Firmen – vom kleinen Familienunternehmen bis zum erfolgreichen Konzern Jenoptik – Fachkräfte und Auszubildende, die inzwischen überall in Deutschland fehlen. Sollte die AfD am Sonntag eine Sperr-Minorität im Landtag erreichen, dürfte es eine Abstimmung mit den Füßen geben. Fachkräfte & Studierende werden nicht mehr nach Thüringen kommen; im Gegenteil: sie werden gehen. Kurz & prägnant heißt dieses Phänomen im Englischen: brain drain. 

Glück Auf

Ein neuer Tag beginnt.Das Bermuda3eck verzeichnet täglich 30.000 Gäste; eine Sperrstunde gibt es in Bochum nicht. © Karl Grünkopf

Immer wieder Durchsagen, nicht zu dicht am Gleis zu stehen. Am Freitagnachmittag sind die Bahnsteige in der Shopping-Mall mit Gleisanschluss in Berlin brechend voll. Der Hauptbahnhof ist architektonisch gelungen, funktional aber ist er nicht. Umsteigen ist aufwändig, das Gedränge auf den Bahnsteigen beängstigend, und die Fahrgäste der Ersten Klasse stehen bei schlechtem Wetter im Regen; das Dach wurde aus Kostengründen in diesem Abschnitt nie errichtet. Einweiser der Deutschen Bahn sind beim Einstieg in einen knüppelvollen IC nach Amsterdam behilflich; uns schwant nichts Gutes. Gleichwohl ist die Fahrt nach Bochum sehr entspannt und pünktlich. Dort findet heuer unser kleines, offenes Familientreffen statt. Wir kommen im Zentrum des Orkans unter – das Hotel “Tucholsky” liegt am Anfang des sog. Bermuda3ecks, eines Kneipenviertels mit 30.000 Besucher:nnen pro Tag. Party all Night long, in Bochum gibt es keine Sperrstunde. 

Im “Tucholsky” steigen gerne Mitwirkende des nahe gelegenen & berühmten Schauspiels Bochum ab, das 1919 gegründet wurde, zusammen mit den Bochumer Symphonikern. Man wollte damit auch der Arbeiterschaft ein kulturelles Angebot machen, erklärt uns die muntere Stadtführerin. Im 2. Weltkrieg wurde die Innenstadt von Bochum fast vollständig zerstört und danach rasch und gesichtslos wieder aufgebaut. So sehen viele Stadtzentren in Deutschland aus – effizient, funktional, seelenlos. Zum Glück sind die Menschen dort nicht so. Der Straßenbahnfahrer wartet auf uns, als wir heraneilen; die Fahrgäste sind freundlich, hilfsbereit und zugewandt. Am Nachmittag besuchen wir das Bergwerksmuseum und bekommen zumindest einen kleinen Einblick in die harte, gefährliche Arbeit der Kumpel, die bis zu 2.000 Meter in den Berg einfuhren, um Kohle abzubauen. Unter Tage musste man sich vollkommen aufeinander verlassen können. Diese Kultur einer Schicksalsgemeinschaft, die bei jeder Schicht ihr Leben riskiert, hat Bochum bestimmt, dieser herzliche und direkte Ton prägt die Stadt noch immer. 

Auf unserem Weg durch die nachgebauten Gänge und Schächte denke ich sofort an das Grubenunglück von Lengede 1963. Nach vierzehn Tagen konnten noch elf eingeschlossene Bergleute gerettet werden. Die ganze Nation verfolgte damals diese Aktion. Statt Flötenunterricht lauschten wir alle gebannt einer Live-Reportage im Radio, abends durfte ich bei Nachbarn die Rettung im Fernsehen verfolgen. Nie werde ich die Bilder vergessen, als die Arbeiter in einer Dahlbuschbombe aus über fünfzig Metern Tiefe nach oben gezogen wurden, die Kapsel geöffnet und den Bergmännern sofort eine dunkle Sonnenbrille aufgesetzt wurde, um die Augen zu schützen. Wir fahren aus den sicheren Tiefen des Museums wieder nach oben, treffen uns abends noch in einer Karaoke-Bar im Bermuda3eck und grölen “Griechischer Wein”. Bochumer Welten. Die anregenden Familientage wirken nach. 2025 steht Frankfurt auf dem Programm. Dann wird die Welt eine andere sein und Kamala Harris vielleicht die erste farbige Präsidentin der Vereinigten Staaten. God bless America!  

Krieg und Frieden

Das sowjetische Ehrenmal an der Straße des 17. Juni in Berlin. © Rolf Hiller

“Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden von der Roten Armee im Stadtgebiet von Berlin vier sowjetische Ehrenmale angelegt. Sie sollten an die getöteten Rotarmisten erinnern, insbesondere an die etwa 80.000 Soldaten, die bei der Schlacht um Berlin gefallen waren.” (Wikipedia). Eines davon steht im Tiergarten, direkt an der Straße des 17. Juni, die an den Aufstand in der DDR 1953 erinnert, der schließlich von der sowjetischen Armee brutal beendet wurde. Die Niederschlagung war „einer der größten Militäreinsätze in der europäischen Nachkriegsgeschichte“, zitiert Wikipedia den Historiker Hubertus Knabe. Der 17. Juni 1953 spielt in der aktuellen Bewertung des russischen Überfalls auf die Ukraine in Ostdeutschland keine Rolle. Mehr noch: „Die, die zu feige waren in der Diktatur, rebellieren jetzt ohne Risiko gegen die Demokratie”, bilanziert der Liedermacher Wolf Biermann schonungslos. “Den Bequemlichkeiten der Diktatur jammern sie nach, und die Mühen der Demokratie sind ihnen fremd.“ (Zeit Online) Sahra Wagenknecht verstieg sich in einem Interview mit dem Deutschlandfunk gar zu der Behauptung, Putin musste einem Angriff der vom Westen hochgerüsteten Ukraine zuvorkommen. 

Bekanntlich steht ihre Partei, das Bündnis Sahra Wagenknecht, in den Umfragen vor den Landtagswahlen in Sachsen und Thüringen (01.09.24) und Brandenburg (22.09.24) sehr gut da. Sie macht den Ukraine-Krieg zum Wahlkampf-Thema und knüpft eine Regierungsbeteiligung an die Bedingung, dass sich ihre Koalitionspartner gegen eine Unterstützung der Ukraine aussprechen. Weltpolitik aus den Bundesländern sozusagen. Haben sie damit Erfolg, treiben sie einen Keil zwischen die Landes- und Bundesvertreter der möglichen Partner. Wie lange halten die sog. Brandmauern? Die Lausitzer Rundschau aus Cottbus weist darauf hin, dass die Erosion des politischen Systems genauso von rechts droht. “Für CDU-Chef Friedrich Merz ist klar: Die ‚Brandmauer‘ zur AfD muss stehen. Doch er hat ein großes Problem: Knapp die Hälfte der CDU-Mitglieder sieht das anders.” (15.08.24) 

Schlichte Erklärungen und einfache Lösungen haben derzeit Konjunktur. Einig ist man sich parteiübergreifend, dass alle Gesprächskanäle offengehalten bleiben müssen. Meisterhaft verstehen das die Chinesen. Dass ein ukrainisches Filmfestival in Peking stattfindet, ist ohne die Billigung des chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping nicht denkbar. Ein Gastkommentar In der japanischen Zeitung Nihon Keizai Shimbun spekuliert denn auch gleich gewagt weiter: “In Peking wird an diesem Wochenende ein ukrainisches Filmfestival veranstaltet. Was dies bedeutet, muss man wohl nicht explizit erwähnen: Die chinesische Führung vollzieht offenbar einen Kurswechsel. Peking ist möglicherweise nicht mehr bereit, Russland in seinem Krieg gegen die Ukraine zu unterstützen.“ (zitiert nach Deutschlandfunk, Die Internationale Presseschau, 13.08.24) Dass sich große Veränderungen in vermeintlich kleinen Gesten oder Sätzen ankündigen, ist bekannt. Dem philosophischen Physiker Albert Einstein gebührt dieses Mal das letzte Wort: “Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu lassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert.“  

Tanz auf dem Vulkan

Dieses Bild wurde von der KI zur Headline dieses Blogs generiert.

Mit dem Rad bei angenehmen Temperaturen zum Tipi am Kanzleramt. Dort steht der Longseller des Hauses wieder auf dem Programm: das Musical “Cabaret”, das am 20.11.66 Premiere am Broadway feierte und mit Liza Minelli in der Hauptrolle von Regisseur Bob Fosse verfilmt wurde. Bei der Wiederaufnahme in der größten stationären Zeltbühne Europas tut sich das Ensemble schwer – es fehlt der Drive. Hölzern und langatmig werden die Sprechtexte aufgesagt; die ersten neunzig Minuten ziehen sich. Der Conférencier, Sally Bowles und die gut aufgelegte Band beeindrucken, schaffen es allein aber nicht, die Stimmung zu heben. Nach der Pause nimmt die Inszenierung Fahrt auf – existentielle Fragen im Deutschland des beginnenden Faschismus der frühen 1930er Jahre bestimmen nun die Handlung. Wie geht’s weiter? fragt sich die Pensionsbesitzerin und löst ihre Verlobung mit dem jüdischen Gemüsehändler, der die Welt nicht mehr versteht. Sally Bowles lässt ihr Kind des amerikanischen Schriftstellers abtreiben und denkt nur an ihr Engagement im Kit Kat Club; Clifford Bradshaw reist allein ab.  

Die Aktualität des Musicals ist beklemmend. Nach 23 Uhr steigen wir wieder auf unsere Räder – das Kanzleramt ist dunkel. Olaf Scholz funkt aus dem Urlaub in die wieder öffentlich ausgetragenen und damit quälenden Debatten um den Haushalt 2025. Dass das Geld nicht reichen wird, liegt auf der Hand; um so mehr dreschen die Ampelkoalitionäre aufeinander ein. Wie Sally Bowles blenden die Koalitionäre die Konsequenzen ihres Verhaltens aus – und spielen den Populisten von rechts und links in die Hände. In einem Offenen Brief warnen inzwischen frühere DDR-Bürgerrechtler vor einer Koalition mit dem BSW nach den Landtagswahlen in Ostdeutschland – Sahra Wagenknecht fungiere als eine Fünfte Kolonne Putins. Um so mehr müssen sich die wahrhaft demokratischen Parteien zusammenraufen und untereinander koalitionsfähig bleiben.  

Im ARD-DeutschlandTREND August 2024 sprechen sich 56% der Wahlberechtigten in Ostdeutschland für eine Beteiligung des BSW an den künftigen Landesregierungen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg aus. Den Gegenangriff der Ukraine auf Russland – Putin spricht allen Ernstes von einer “groß angelegten Provokation” – wird Sahra Wagenknecht genauso zu nutzen wissen wie die islamistisch motivierten Planungen eines Anschlags auf die Konzerte von Taylor Swift in Wien. „Die weltweit gefeierte Taylor Swift und ihre vor allem weiblichen, jungen Fans verkörpern all das, was Islamisten verabscheuen“, halten die “Nürnberger Nachrichten” fest: „Lebensfreude, Sexualität, Internationalität, frohes Feiern. Genau das hassen manche junge, gewaltbereite Männer – pervertierte Religiosität forciert ihre Wut und liefert ihnen eine Handlungs-Begründung.“ (09.08.24) So verstanden bin ich natürlich ein Swifty. 

Geschäfte

Baden im Geld – Maren (Sandra Hüller), Volker (Ronald Zehrfeld) und Robert (Max Riemelt) © X Verleih AG/Peter Hartwig

Endlich mal wieder ins Kino. Im Delphi-Filmpalast in Berlin ist das zahlreich erschienene Publikum gespannt auf “Zwei zu Eins” von Natja Brunckhorst, die übrigens einst die Hauptrolle im Film “Christiane F – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo” spielte. Inspirieren ließ sie sich jetzt vom sogenannten “Schatz von Halberstadt”. In einem Stollen lagerte die Staatsbank Berlin 3.000 Tonnen Papiergeld der DDR ein, das seit dem 1. Juli 1990 kein gültiges Zahlungsmittel mehr war. So sicher wie Fort Knox war dieses Lager indes nicht. Diebe drangen Anfang der Nullerjahre in die Anlage ein und machten sich die Taschen voll; wieviel Geld gestohlen wurde, weiß niemand. Die Regisseurin verlegt diese unglaubliche Geschichte in das Jahr 1990 und zimmert darum herum noch eine Beziehungskiste: eine Frau und zwei Männer (Sandra Hüller, Max Riemelt und Ronald Zehrfeld). Dieses Menscheln tut dem Film nicht gut. Eine Verdichtung auf den eigentlichen Plot wäre besser gewesen. 

Zusammen mit seinen Nachbarn findet das Trio Wege, das wertlose DDR-Geld noch in D-Mark zu tauschen. Sie geraten über den unverhofften Reichtum aber kaum in Streit, sondern gehen fair miteinander um. Darin liegt das utopische Potential von “Zwei zu Eins”, davon sind wir im Moment weit entfernt. Die endlosen Querelen um den Haushalt 2025, die Anmeldung immer neuer und berechtigter Forderungen von Interessengruppen, die Insistenz auf eigenen, absolut gesetzten Bedingungen – es steht nicht gut um das soziale und politische Klima in Deutschland. Am 1. September wird in Sachsen und Thüringen gewählt. Bis auf die CDU spielen die etablierten Parteien in den letzten Umfragen keine Rolle mehr – keinem der Ampelpartner wird ein zweistelliges Ergebnis vorhergesagt. Sahra Wagenknecht erhöht mit ihrem BSW noch den Druck und verlangt für eine Regierungsbeteiligung auf Landesebene, dass die jeweilige Koalition auf eine Unterstützung der Ukraine verzichtet. Bis dato schließt sie noch eine Zusammenarbeit mit der AfD aus. 

Es ist längst an der Zeit für eine schonungslose Bestandsaufnahme und eine Agenda 2040. Ohne rigoroses Sparen oder die Abschaffung der Schuldenbremse wird es nicht gehen, ohne eine nüchterne Analyse der Klimapolitik und ihrer hehren Ziele auch nicht. Die Fluggesellschaft Air New Zealand hat inzwischen ihre Klimaziele aufgegeben. Alle sollten sich ehrlich machen, wie es Politiker:innen gerne postulieren. Der CO2-Verbrauch – etwa im Flugverkehr – wird nur durch Reduzierung der Flüge möglich sein: Abgaben- und Steuerhöhungen, Verbot von Flügen unter 500 km und Privatjets. Diese Forderungen etwa der Letzten Generation sind derzeit nicht mehrheitsfähig. Vielleicht kommen wir zur Einsicht, wenn die Kosten der Klimaschäden deutlich höher ausfallen als Klimaschutzmaßnahmen. Politik ist ein schmutziges Geschäft, selbst Steuerbeamt:innen genießen ein höheres Ansehen als Politiker:innen. Der größte Gefangenenaustausch seit dem Ende des Kalten Krieges bestätigt dieses Image wieder einmal. Der rechtskräftig verurteilte “Tiergartenmörder” wurde in Moskau mit allen Ehren empfangen; ein Deutscher, der wegen des Besitzes von sechs Gummibärchen in Haft saß, kam frei. Ein Triumph der Willkür, der schaudern lässt.   

Elend und Luxus

Warum in die Ferne schweifen: Pfauenauge in Mecklenburg-Vorpommern. © Karl Grünkopf

Deutschland erlebt in diesem Jahr einen durchwachsenen Sommer mit sehr viel Regen. Um so dankbarer waren wir für einen richtig schönen Tag in Ludorf an der Müritz, dem größten deutschen See in Mecklenburg-Vorpommern. Wir fahren mit dem Rad nach Röbel/Müritz, wo sich einst eine kleine jüdische Gemeinde in einer Synagoge traf. Vormittags kann man das liebevoll restaurierte Fachwerkhaus besuchen und deutsche Pogrom-Geschichte an dieser Dorfgemeinschaft, die keine war, nachvollziehen. Die meisten haben weggeschaut damals, manche sogar profitiert. Auf einer Gedenktafel steht unter den Namen der “Röbeler Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns” ein Satz von Kofi Annan, der von 1997 bis 2006 Generalsekretär der Vereinten Nationen war und 2001 den Friedensnobelpreis erhielt: “Alles, was das Böse benötigt, um zu triumphieren, ist das Schweigen der Mehrheit.” 

Nichts hat dieses Wort von seiner Wahrheit verloren, doch die klugen Appelle verhallen damals wie heute, auf vielen Gebieten. “Wir spielen mit unserem Planeten russisches Roulette”, sagte UN-Generalsekretär António Guterres am Mittwoch in einer großen Klima-Rede in New York. “Es gibt eine Ausfahrt vom Highway zur Klimahölle.” Das wissen inzwischen fast alle – und trotzdem verdrängen die meisten diese Tatsache und leben einfach so weiter. Guterres redet Klartext und bezeichnet diejenigen, die immer noch auf fossile Energiequellen setzen und von ihnen profitieren, “Paten des Klimachaos”. Damit wird er wieder so wenig Einsicht stiften wie die Proteste der sog. Klimakleber auf deutschen Flughäfen. Niemand möchte auf Lifestyle & Luxus verzichten, auf die Flüge rund um die Welt, das bequeme Auto vor der Tür und das leckere Fleisch auf dem Teller. 

Mag man die Letzte Generation als selbstgerechte Idealisten abtun, die Proteste der Opfer des Massentourismus lassen sich damit nicht wegwischen. In Palma de Mallorca gingen am letzten Wochenende 50.000 (Angabe der Veranstalter) auf die Straße, um auf ihre Lebensverhältnisse aufmerksam zu machen. Sie sehen sich zu Recht als Opfer des Tourismus; letztes Jahr verzeichnete die Insel über 18 Millionen Gäste. “Euer Luxus, unser Elend” oder “Killerflüge” stand auf den Transparenten. Viele Inselbewohner:innen sind zunehmend von den Folgen eines ausufernden Tourismus betroffen: hohe Preise, steigende Mieten, Umweltverschmutzung, Wassermangel und Lärm. Auf den Kanaren gab es auch schon Massenproteste gegen den Overtourism. “Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet“, diagnostizierte der Publizist Hans Magnus Enzensberger schon 1957. Seine hellsichtige Analyse ist mit den Jahren immer wahrer geworden. „Bleibe im Land und nähre dich redlich!“ ist ein Bibelwort, auf das man getrost vertrauen kann. 

Wilder Westen

Zum Abschluss gibt es bei den Karl-May-Festspielen am Wochenende immer ein Feuerwerk. © Karl Grünkopf

Von Husum nach Bad Segeberg sind es knapp 140 Kilometer. Mit der Bahn dauert die Reise fast drei Stunden; man muss zweimal umsteigen. Die Regionalzüge sind am Sonnabendvormittag sehr voll. Es gibt offensichtlich eine hohe Nachfrage nach diesem Angebot. Das mobile Leben in der Provinz ist deutlich beschwerlicher als in einer Großstadt, wenn man kein Auto besitzt. Wir leben in einem Staat, in dem die Verkehrspolitiker jahrzehntelang der individuellen Mobilität den Vorrang gegeben haben. Von der im Grundgesetz proklamierten Gleichheit der Lebensverhältnisse kann keine Rede sein – wer auf dem Land kein Auto besitzt, hat eben geloost. Wenn dann noch Krankenhäuser und Arztpraxen schließen (müssen), haben Populisten jedweder Couleur leichtes Spiel, im Osten wie im Westen. 

Ziemlich beste Freunde aus Berlin haben ein smartes Auto und holen uns an der Haltestelle mitten im Gewerbegebiet von Bad Segeberg ab. Wir wollen abends endlich einmal zu den Karl-May-Festspielen gehen, die sich seit ihrer Gründung im Jahr 1952 zu einem Publikumsmagneten entwickelt haben. Die braven Inszenierungen locken mit TV-Stars und sind massenwirksam angelegt. Taschenkontrollen gibt es nicht; man darf Getränke & Essen mitnehmen. Heuer steht Winnetou II auf dem Programm ohne Old Shatterhand, das Alter Ego von Karl May im Wilden Westen. Das hatte ich genauso vergessen wie die schöne Ribanna, die der edle Apachenhäuptling selbstlos seinem Rivalen Old Firehand überlässt. Am Ende seines Lebens bezeichnete Karl May seine Abenteuerromane als “Vorwerk” und hielt 1912 kurz vor seinem Tod in Wien die viel beachtete, pazifistische Rede “Empor ins Reich der Edelmenschen”. (Wikipedia) 

Am nächsten Tag geht ein ikonisches Bild um die Welt: unmittelbar nach dem beinahe tödlichen Anschlag steht Donald Trump auf, reckt die Faust nach oben und ruft: “Fight!” Der Bursche ist hart im Nehmen. Skandale, Prozesse und Verurteilungen scheinen an ihm abzuprallen. Geschickt gibt sich der Multimilliardär und Dealmaker (in eigener Sache) als Stimme der weißen amerikanischen Underdogs aus (“make America great again”). Wie ein 21Jähriger an ein Schnellfeuergewehr und Sprengstoff kommen konnte, steht wieder einmal nicht zur Diskussion. Nicht einmal Barack Obama hat sich mit der einflussreichen amerikanischen Waffenlobby angelegt und strengere Gesetze auf den Weg gebracht. Der harmlose Wilde Westen von Bad Segeberg ist in Amerika jeden Tag blutiger Ernst, nicht nur wenn ein Präsidentschaftskandidat im Fadenkreuz steht. Donald Trump dürfte wohl die nächste Wahl im November gewinnen. Dann wird es richtig ernst werden für die “weltbesten Trittbrettfahrer” (Wolfgang Ischinger) aus Deutschland. Und nicht nur für die! 

Kampf gegen die Zeit

Von Berliner Fernsehturm nach Madrid ist es 1.000 km weiter als nach Kiew. © Rolf Hiller

Nachrichten im Fernsehen sehe ich fast nie. Während der EURO 2024, die ich sehr sporadisch live verfolge, kam im ZDF heute journal ein Bericht, wie sich die Menschen in der Ukraine auf die permanente Kontingentierung des Stroms einstellen. Eine Mutter berichtet, dass sie ihr kleines Kind in den 22. Stock tragen müsse, und natürlich die Lebensmittel. Eine andere Frau steht nachts auf, kocht dann und macht ihren Job im Home Office. Sie klagen nicht an, sie geben nüchtern zu Protokoll und beeindrucken um so mehr. Wenn bei uns mal das Internet für ein paar Momente ausfällt, fangen schon alle an zu hyperventilieren. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine dauert jetzt schon zweieinhalb Jahre und regt niemanden mehr auf, es sei denn Putins willige Armee bombardiert ein Kinderheim. 

Wie lange kann die Ukraine noch durchhalten, wo nehmen die Menschen dort ihre Kraft und ihre scheinbare Gelassenheit her? Die Zeit scheint gegen sie zu laufen. In Europa haben die Rechtspopulisten & Putin-Adepten immer mehr Zulauf, und in Amerika spielt die Zeit dem Kriegsverbrecher in die Hände. Die Chancen für Joe Biden, erneut gegen Donald Trump zu gewinnen, stehen schlecht; den Demokraten läuft die Zeit davon. Es dürfte ihnen kaum mehr gelingen, eine Kandidatin oder einen Kandidaten aufzubauen, der eine Chance gegen den Lügen-Rambo Trump hätte. Was das für die Ukraine, was das für die NATO und für uns Europäer bedeuten wird, kann man sich nicht schaurig genug ausmalen. Für die Grünen gibt es da nichts zu gewinnen; deshalb dürfte Annalena Baerbock der Verzicht auf die Kanzlerkandidatur für ihre Partei nicht schwergefallen sein. Dass die (noch) amtierende deutsche Außenministerin ihre Entscheidung in Amerika verkündete, macht sie auch nicht bedeutsamer. 

Derweil geht der deutsche Wechselsommer ohne Märchen weiter. Unser Team schlug sich weit besser als befürchtet und schied unglücklich gegen die großartigen Spanier aus. Die Verlängerung erlebten wir – offline versteht sich – im Zelt am Roten Rathaus. Dort spielte die Komische Oper Berlin vier Wochen lang vor ausverkauftem Haus die Operette “Messeschlager Gisela” von Gerd Natschinski. Während der in jeder Beziehung harmlosen Schmonzette aus der Modewelt wurde das begeisterte Publikum en passant über das Ergebnis des Spiels informiert. Draußen war die Stimmung nach der unglücklichen Niederlage überhaupt nicht aufgeheizt oder aggressiv. Man bewunderte den von einem Sponsor illuminierten Fernsehturm und ging an diesem frischen Abend seiner Wege. Von dort ist es nach Kiew deutlich kürzer als etwa nach Madrid. Daran kann man nicht immer denken. Wir sollten es aber nicht vergessen. 

Mythen

Das Autokino in Zempow war das einzige in DDR. Inzwischen wird es von einem Verein weiter betrieben. © Karl Grünkopf

Zu den deutschen Fußballmythen zählt die legendäre Wasserschlacht am 3. Juli 1974 im Frankfurter Waldstadion, die ich miterlebt habe. Der Bruder hatte ein Ticket gewonnen und es an mich abgetreten, weil er mit den Eltern nach Dänemark fuhr. Ich war dabei, doch die Erinnerungen sind verwaschen. Habe ich das einzige Tor des Matches von Gerd Müller wirklich im Stadion gesehen? Wo habe ich geparkt? Wie bin ich vollkommen durchnässt nach Hause gekommen? Die Begeisterung nach dem deutschen WM-Titel dann war unbeschreiblich. Daran fühlte ich mich erinnert bei dem Spiel Deutschland – Dänemark bei der EURO 2024 – lange nicht mehr so gebrüllt bei einem Match. Was Wunder, denn ich gucke schon lange nicht mehr das Millionenspiel Fußball. Derzeitiger Spitzenreiter im Big Business ist der Portugiese Cristiano Ronaldo, der in der Hofnarrenliga der Saudis kickt und alles in allem 247 Millionen Euro (Forbes) pro Jahr kassiert, also schlappe 676.712,33 Euro pro Tag!!! 

Mit einem Wochensalär könnte der Kicker wahrscheinlich locker den gesamten Kulturetat der Stadt Wittstock Dosse tragen. Zu dieser Kleinstadt im Nordwesten von Brandenburg zählt der Ortsteil Zempow mit 116 Einwohnern (31.12.2023). Dort gab es das einzige Autokino der DDR, das immer noch existiert und inzwischen von einem Verein getragen wird. Das Kino liegt am Ende der Welt und beeindruckt mit einem spannenden, ungewöhnlichen Programm mit interessanten Filmgesprächen. Ein Besuch dieser Legende steht schon lange auf meiner Bucket-List, aber heuer wollte es sich wieder nicht fügen. Es ist in Zeiten wie diesen wichtig, dass eine Institution wie das Autokino Zempow weiter bestehen kann, nicht aus Sentimentalität, sondern um ein Stück authentischer DDR-Kultur in dieser dünn besiedelten, entlegenen Gegend zu erhalten. 

Wie wichtig es ist, eine eigene Identität zu behaupten, kann man in dem aufschlussreichen Band “Ungleich vereint. Warum der Osten anders bleibt” (edition suhrkamp) des Soziologen Steffen Mau erfahren. Dass sich eine Wiedervereinigung nicht planen oder steuern lässt, steht außer Frage. Nach über dreißig Jahren muss die ”Eule der Minerva” ihren Flug beginnen. Und keiner bringt das besser auf den Begriff als Mau, der übrigens in Rostock geboren wurde. Er analysiert messerscharf den von der Bundesrepublik dominierten Prozess der deutschen Einheit – die Folgen dieser ”Kolonialisierung”, wie es manche nennen, sind bis heute spürbar und werden von rechten und linken Populisten raffiniert instrumentalisiert. “Obwohl es den meisten Ostdeutschen heute deutlich besser geht als vor der Einheit (…), gibt es doch in nennenswerten Bevölkerungsgruppen eine unterschwellige Verletzung, einen Eindruck des Zu-kurz-Kommens, der nicht selten in Ressentiment und eine skeptische Haltung gegenüber staatlichen Institutionen, Politik und Medien umschlägt.“ Mau entlarvt die deutsche Einheitserfolgsgeschichte als gefährliche Illusion. Mythen können sehr lange Beine haben.