Beben

Wir saßen unter dem alten Olivenbaum, als die Erde bebte. © Karl Grünkopf

Wie jeden Morgen trinken wir Tee und löffeln unser Müesli. Auf dem Nachbargrundstück dreht sich ein kleiner Betonmischer – plötzlich rüttelt es an unseren Stühlen. “Das kann nicht die Maschine sein“, bemerke ich verwirrt. “Das muss ein leichtes Erdbeben sein.“ Nur ein paar Sekunden haben die Stühle gewackelt, dann läuft das Leben ganz normal weiter, der Betonmischer läuft. Noch nie habe ich ein Erdbeben erlebt. Bald schon erreichen uns erste Nachrichten von Freund:innen, ob denn alles in Ordnung sei. Im Norden von Kreta war das Beben am Montag mit einer Stärke zwischen 5,8 und 6,5 viel heftiger. Die Menschen in Heraklion sollten ihre Häuser verlassen; es gab einen Toten, mehrere Verletzte, einige Gebäude stürzten ein. Seitdem hat es mehrere Nachbeben gegeben, von denen wir hier aber nichts bemerkt haben.

Wer hätte das gedacht, als wir am Sonnabend am BER einchecken. Wir geben das Gepäck selber auf und werden während der ganzen Hinreise weder nach unserem Pass noch nach der Impfbescheinigung gefragt. An Bord und im Transfer-Bereich in Wien ist eine FFP2-Maske Pflicht, aber auf Kreta scheint es keine Pandemie (mehr) zu geben. Einzig in den Supermärkten sind medizinische Masken Pflicht, in der „Bakery“ und in den Restaurants geht‘s lässig mit den lästigen Dingern zu. Obwohl ich mein Handy auf Flugmodus gestellt habe, weist mich ein Warnton der Corona-App in tiefer Nacht auf die Möglichkeit einer dritten Impfung hin. Fluch & Segen des Internets – nie sind wir ganz weg. Ich erinnere mich an die erste Reise nach Griechenland vor 45 Jahren, wo wir lost in time einige Wochen auf Lesbos verbrachten. Warum diese Insel? Weil die nächste Fähre aus Piräus eben dahin fuhr. Ab und an meldeten wir uns aus einer Telefonzelle zu Hause; mit Englisch oder Deutsch konnten wir uns nicht verständigen. Nie werde ich diese Reise in einem alten R 16, der auf der Hinreise nur auf drei Töpfen lief, vergessen.

Heute sind Reisen kein Abenteuer mehr. Monate lang vorher werden die Flüge gebucht, die Quartiere kann man sich im Netz anschauen und vergleichen. Den Weg nach Kamilari weist uns Google Maps; wir haben uns per SMS mit der Verwalterin punktgenau verabredet, die uns kurz das Haus erklärt, das übrigens einer Schweizerin gehört. Es fehlt an nichts – die Internet-Verbindung ist hervorragend. Wir könnten auf unserem LG (Live‘s Good) hunderte TV-Programme sehen; ich habe mir bei den Favorites unsere Radiosender gespeichert. Natürlich sind wir bei der Wahl am Sonntag dabei; sie wird die Tektonik der Macht in Deutschland verschieben. Ohne Die Grünen und die FDP geht gar nichts, heißt der nächste Kanzler nun Scholz oder Laschet. Das Beben dieser Wahl wirkt nach, die Landeswahlleiterin in Berlin ist zurückgetreten. Vielleicht schafft es der neue Senat, die bräsige Piefigkeit der Verwaltung in der Hauptstadt in die Jetztzeit zu beamen. Keine der Parteien macht sich dafür stark, “Berlin endlich eine Verwaltung zu gönnen, die einer Hauptstadt würdig ist,“ befindet die Märkische Oderzeitung (01.10.21). Kalí týchi gia!

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