Neue Schrecken

Alles für die Wissenschaft. © Rolf Hiller

Nolens volens bin ich dabei. Am Sonntag (!) rief unsere Hausärztin an und erfuhr, dass ich mich auch mit Corona infiziert habe und mit leichtem Fieber im Bett liege. Ich willige ein, kurz mit ihr zu telefonieren; und sie schafft es, mich als Probanden für eine Corona-Studie der Charité zu gewinnen. Alles für die Wissenschaft. Am nächsten Tag erscheint zur verabredeten Stunde ein Mitarbeiter. Wir erledigen die Formalitäten, hierzulande natürlich analog. Dann erhalte ich eine Einweisung. Täglich muss ich über den Verlauf berichten und insgesamt 7 PCR-Tests machen, der unangenehmste Teil des Programms. Nach der Blutentnahme am Esstisch verabschiedet sich der freundliche Herr und dankt noch einmal für meine Unterstützung. Zwei Tage später muss ich den ersten Abstrich im Rachen machen. Ich hatte ganz vergessen, wie unangenehm das sein kann. Wir alle haben vergessen, wie bedrückend & beängstigend Corona am Anfang gewesen ist, wie wir um Impftermine kämpften und schicksalsergeben noch die idiotischsten Anweisungen befolgten. Nun ist Corona wieder da, die Zahl der Infektionen nimmt rapide zu, aber die Krankheit hat ihren Schrecken verloren.

Der Tag der Landtagswahlen in Bayern und Hessen wird überschattet vom Angriff der Hamas auf Israel, der das Land vollkommen unvorbereitet traf. Der Mossad, angeblich der beste Geheimdienst der Welt, und das israelische Militär, angeblich eine der besten Armeen der Welt, wurden von der massiven Attacke ebenso kalt erwischt wie die Weltöffentlichkeit. Die Berichte von dort sind bedrückend, die Bilder vom Jubel über den Hamas-Terror aus Berlin Neukölln verstören. Wenn die Solidarität mit Israel deutsche Staatsräson ist, wie Olaf Scholz unmissverständlich klar machte, dann ist dringend zu klären, was arabische Kulturvereine im Schilde führen, was in den Moscheen passiert und wo öffentliche Gelder für den Gazastreifen möglicherweise landen. Arbeit zuhauf für eine wertegeleitete Innen- und Außenpolitik. Dass viele jüdische Einrichtungen hierzulande permanent unter Polizeischutz stehen müssen, ist ein Skandal, den wir nur nicht wahrhaben wollen. Neulich begegnete ich einem jungen Vater, der eine Kippa trug, mit seinem Sohn. In Neukölln würde er das sicher nicht riskieren.

Wer hätte gedacht, dass die beiden Landtagswahlen eine deutsche Einheit der negativen Art anzeigen. Nicht länger kann man in den westlichen Bundesländern den östlichen die Erfolge der AfD vorhalten. In Hessen wurde die Partei mit “verfassungsfeindlichen Bestrebungen”, so das Bundesverfassungsgericht, mit 18,4 % zur zweitstärksten Partei im Wiesbadener Landtag; in Bayern, wo der Söder Markus das schlechteste Ergebnis für die CSU seit 1950 holte, landete sie mit 14,6 % auf dem dritten Platz. Die Stimmung im Lande spiegelt sich im aktuellen ARD-Deutschlandtrend: die Ampel kommt nur noch auf 33%, kaum mehr als die Union, die jetzt bei 29 % steht; bundesweit würden dieser Befragung zu Folge 23 % die AfD wählen! Höchste Zeit, dieser Partei den Wind aus den Segeln zu nehmen. Auf Dauer lässt sich eine Politik gegen den Genossen Trend nicht durchhalten; das scheint in der Berliner Blase inzwischen angekommen zu sein. Hoffentlich nicht zu spät!

Einheit

Das „E“ liegt in der Schublade. © Karl Grünkopf

Vor über zwei Jahren begannen die ersten Planungen. Termin & Location mussten für ein großes Familienfest gefunden werden. Über die Republik verteilt, hatte sich ein Dream-Team gefunden, das allen Unwägbarkeiten und Überraschungen eines solchen Projekts gewachsen war. Als Ort wurde schließlich Schloss Ziethen in Brandenburg bestimmt, mehrere Besuche hatten zuvor stattgefunden. Damit begann erst die richtige Arbeit der vier Musketiere, die ich nur en passant verfolgte. Schließlich ist alles unter Dach und Fach, das lange Fest-Wochenende rückt immer näher – und damit die bange Frage nach Corona. Mit dem Beginn des Herbstes ist das Virus wieder da; trotzdem gibt es nur wenige Absagen. Ein heiteres, inniges und immer wieder inspirierendes Fest beginnt; eine Tante ließ sich weder von ihrem Alter noch von der Entfernung schrecken und kam eigens aus San Francisco angedüst. 

Sie war nicht die Einzige, die für dieses Familienfest aus Amerika anreiste. Was Zusammenhalt bedeutet, habe ich in diesen Tagen gespürt. Dass eine solche Einheit ein großes Glück ist, ging mir in diesen Tagen immer wieder durch den Kopf. Sinnigerweise gehen wir am ”Tag der deutschen Einheit” auseinander. Erst beim Abschied fällt mir die Inschrift über dem Eingang ins Schloss auf: “DEM VER…INIGEN GEWIDMET 1994″. Das “E” liegt in der Schublade, erzählt mir die Mitarbeiterin an der Rezeption munter. Da müssen wir alle es ganz schnell herausholen, denn um die deutsche Einheit steht es schlechter denn je. Die Diktatur in der DDR wird verdrängt & verklärt, die AfD gewinnt im Osten Deutschlands immer größere Zustimmung, Putins Angriffskrieg auf die Ukraine wird insgeheim bewundert oder schlicht ignoriert. In unsicheren Zeiten wie diesen ist Familie wichtiger denn je, in den Worten eines unserer Jüngsten: „Das war voll das allerschönste Fest. Es war sooo schön….” 

Inzwischen hat sich eine Signal-Gruppe gebildet; dieser Messaging-Dienst versorgt uns mit Bildern und Nachrichten. Leider werden immer neue Infektionen mit Corona gemeldet. Bereits während des Festes musste sich ein Paar zurückziehen und erschien nur noch kurz mit Maske. Leider hat es auch die Tante aus San Francisco erwischt, doch vermag das Virus die Erinnerungen an unser Fest nicht trüben. Es hätte schlimmer kommen können; es wäre eine Katastrophe gewesen, wenn die Hälfte hätte absagen müssen. Die Infektionen werden hoffentlich alle gut überstehen und schnell vergessen. Das Fest auf dem Schloss und unsere “Einheit” werde ich in allerbester Erinnerung behalten. Zum guten Schluss noch ein treffliches Zitat von einem der Orgatiere: ”Denke ich an unsere wundervollen Familientage in Ziethen zurück, schiebt sich immer wieder ein Bild in den Vordergrund: Die strahlende F. umringt von Jungen und Alten, stets hellwach und energiegeladen – unsere schöne Familienmatriarchin.” Von dieser Einigkeit & Innigkeit werden wir alle lange zehren. Gerne wieder. Bald! 

Drinnen & Draußen

Notruf an der Haustür. © Rolf Hiller

Die Angst geht um in deutschen Landen. Was mache ich, wenn meine Wohnung gekündigt wird und ich keine Alternative finde? In ihrer Not greifen viele zur Selbsthilfe, hängen Zettel aus und versprechen hohe Belohnungen für eine Vermittlung. Neulich bot eine Familie 5.000 Euro an. Letzte Woche hing ein Hilferuf an unserer Haustür: 3.300 in bar für eine Wohnung ab 1.5 Zimmer. Und sie ist bereit, dafür monatlich 900 Euro Miete zu zahlen; natürlich wird sie Kücheneinbauten und Schränke übernehmen. Kürzlich wurde der Untermietvertrag eines Mitarbeiters in einen Hauptmietvertrag gewandelt – neun Hunderter wurden dafür verlangt, bar auf den Tisch. Die Lage bei Wohnimmobilien wird sich in den nächsten Jahren weiter dramatisch verschärfen: es wird in Deutschland zu wenig, zu teuer und zu aufwändig gebaut. Im Musterland der Bürokratie gibt es nicht weniger als 3.500 Bauvorschriften. 

Beim Deutschen Institut für Menschenrechte kann man den Artikel 11 Absatz 1 des UN-Sozialpaktes finden: “Die Vertragsstaaten erkennen das Recht eines jeden Menschen auf einen angemessenen Lebensstandard für sich und seine Familie an, einschließlich ausreichender Ernährung, Bekleidung und Unterbringung, sowie auf eine stetige Verbesserung der Lebensbedingungen. Die Vertragsstaaten unternehmen geeignete Schritte, um die Verwirklichung dieses Rechts zu gewährleisten, und erkennen zu diesem Zweck die entscheidende Bedeutung einer internationalen, auf freier Zustimmung beruhenden Zusammenarbeit an.” Ob man daraus ableiten kann, dass zur Daseinsvorsorge des Staates die Schaffung von ausreichend Wohnraum für alle gehört, ist “nirgendwo klar definiert” (Berliner Mieterverein). Die Frage birgt erheblichen sozialen Sprengstoff. Rund 60% der Berliner:innen haben im September 2021 beim Volksentscheid für die Enteignung großer Immobilienkonzerne gestimmt. Damit gibt es aber noch keine einzige neue Wohnung. 

Dafür entstehen in bester Lage luxuriöse Eigentumswohnungen – etwa 80 qm für 1,8 Millionen Euro. Gebannt verfolge ich den Podcast “Teurer Wohnen”, der 2023 mit dem Deutschen Radiopreis ausgezeichnet wurde. Hartnäckig recherchieren die Journalist:innen, wie eine Altbau-Sanierung – völlig legal – ablaufen kann und wie die Gewinne der verschachtelten Firmen dann auf Zypern landen, über zu hohe Zinsen übrigens. Die Insel ist knapp vier Mal so groß wie das Saarland; 200.000 Firmen haben auf dieser Steueroase ihren Sitz. Das ist legal und bekannt und wird von der EU genauso nonchalant hingenommen wie die Konkurrenz um die Ansiedlung von Unternehmen mit einer niedrigen Gewerbesteuer hierzulande. Die Entwicklung auf dem Wohnungsmarkt verheißt überhaupt nichts Gutes für die nächsten Jahre. Fast jede:r kann plötzlich draußen sein und muss am Ende hohe Belohnungen zahlen. Die schaffen nur Begehrlichkeit und keine neuen Wohnungen. Klara Geywitz, die Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen, hat den Podcast übrigens nicht gehört. Ein Versäumnis! 

Spektakeltheater

Spektakuläre Bilder: “Ophelia’s Got Talent” von Florentina Holzinger in der Berliner Volksbühne © Nicole Marianna Wytyczak

Ausverkauft! Das Interesse an der Performance in der Berliner Volksbühne ist riesig; jede:r hat etwas gehört über das neue Stück von Florentina Holzinger und möchte das Spektakel erleben. Im Jahrbuch 2023 der Fachzeitschrift “Theater heute” wurde “Ophelia’s Got Talent” zur Inszenierung des Jahres gewählt. Unsere Erwartungen sind hoch, hätten allerdings durch die “Kranetude etwas gedämpft werden sollen. Florentina Holzinger schafft spektakuläre Bilder, zudem schrecken ihre immer nackten Tänzerinnen vor nichts zurück. Bilder schaffen indes noch kein Stück. Wie bei “Kranetude” werden von “Ophelia’s Got Talent” einzelne Szenen in Erinnerung bleiben, etwa wenn die Crew mit einem Helikopter kopuliert. Dass dann literweise Sperma ins Schwimmbecken darunter platscht, versinnbildlicht das Problem der Ideen von Holzinger: Sie sind zu plakativ. Mit einer furiosen Casting-Show beginnt der Abend, in dessen Verlauf sich die Nackerten schon einmal einen Haken durch die Wange ziehen oder eine Magensonde einführen; das Publikum darf sich über einen Fisch im Bauch der Tänzerin freuen. Eine Captain Hook führt durch die Wasserperformance, die immer länger & beliebiger wird. 

Mein Nachbar schaut häufiger nach der Uhrzeit. Es regnet Plastikflaschen ins Wasserbecken, das sich zuvor rot gefärbt hat; natürlich darf Schillers “Taucher” nicht fehlen. Zwei Tänzerinnen haben Trisomie 21, eine Kleinwüchsige ist mit ihrem Rollator dabei. Am Ende tanzen ein paar Teenager-Mädchen zu stampfenden Beats, wo kurz zuvor noch düstere Bilder das Geschehen prägten. Florentina Holzinger erzählt von ihrer Magersucht in der Jugend, nur noch Wasser habe sie getrunken. Irgendwann ging es um Leben und Tod. Grunge war die Musik der Stunde, Kurt Cobain mit der Band Nirwana ihre Ikone; er brachte sich 1994 um. Womöglich liegt in ihrer Biographie der Schlüssel zu “Ophelia’s Got Talent” – Frauen werden durch die Gesellschaft zu Opfern. Jeden dritten Tag wird in Deutschland eine Frau getötet, meistens vom Partner. Insofern lässt sich Holzingers Arbeit als Empowerment der Frauen deuten. Weniger wäre indes mehr gewesen. Wir hielten durch bis zum Ende; ein paar Wenige verließen die umjubelte Vorstellung schon vorher. 

Rechtfertigt dieses Ergebnis den immensen Aufwand der Produktion? Nimmt man den Hype als Maßstab, unbedingt; erwartet man von Kunst aber mehr als Spektakel, sicherlich nicht. Bestimmt war das Gros im Publikum für eine konsequente Reduzierung unseres Energieverbrauchs. Eines Tages wird die CO2-Bilanz eines solchen Events ausgewiesen, eines Tages muss der ganze Kultur-Jet-Set auf den Prüfstand. Vielleicht wird es dann einen bundesweit vereinbarten Gesamtverbrauch geben, und die einzelnen Veranstalter beginnen einen munteren Tauschhandel mit ihren Kontingenten. Das wäre vergleichbar mit dem novellierten Bundesklimaschutzgesetz – nicht mehr das einzelne Ressort muss seine Klimaziele einhalten, sondern die ganze Regierung. Kollektive Verantwortungslosigkeit hat noch nie geholfen. 

Nach dem Alarm

Falls die digitale Welt zusammenbricht, ist auf das gute, alte Kofferradio Verlass. © Rolf Hiller

Kaum habe ich den ICE betreten, beginnt der Alarm. Die Handys geben einen lauten & unüberhörbaren Ton ab. Alle wissen Bescheid. Heute ist der bundesweite Warntag. Das hat fast überall geklappt, nur in der Bundeshauptstadt heulen die Sirenen nicht – von geplanten 400 sind nicht einmal 25% einsatzbereit. Wenn es wirklich ernst würde, dürften die meisten so wenig Bescheid wissen wie ich. Soll man Schutzräume aufsuchen? Wo sind die? Soll man die wichtigsten Papiere mitnehmen? Gäbe es dort zumindest Wasser? Im Rundfunk bekomme ich einen ganz wichtigen Tipp: unbedingt immer ein Kofferradio bereit halten – und ausreichend Batterien. Im Ernstfall könnte schnell das Internet zusammenbrechen mit unabsehbaren Folgen – auch für die Information der Bevölkerung. Das ist die Kehrseite der Digitalisierung, die kaum jemand auf dem Schirm hat. Wider jede Vernunft rechnen wir nicht damit, dass eine Katastrophe auch uns betreffen kann. 

Nach dem Ende des enervierenden Alarms erst bemerke ich einen Klassenfreund im gleichen Wagen. Nächstes Jahr liegt unser Abi 50 Jahre zurück, und wir wollen uns natürlich treffen. Einige werden ganz bestimmt nicht kommen – sie wollen durch nichts & niemanden mehr an ihre Schulzeit erinnert werden. “Feuerzangenbowle”-Idylle war selten, körperliche Übergriffe auf dem Jungengymnasium nicht ungewöhnlich. Der Freund erzählt mir, dass ein Lehrer mit Nazihaarschnitt und einer passenden Vita einmal im Religionsunterricht einen Schüler so lange mit der Bibel(!) auf den Kopf schlug, bis diesem schlecht wurde. So etwas ist mir nicht widerfahren, aber im Schullandheim wurde ich einmal auf andere Weise gedemütigt. Weil ich den Milchreis mit Zimt und Zucker nicht herunterbringen konnte, musste ich nach dem Essen sitzen bleiben. Unser Klassenlehrer verlangte, dass ich den üblen Brei esse, Löffel für Löffel. Ich würgte bei jedem Bissen, mir standen Tränen in den Augen. Nach einer Stunde hatte mein Peiniger ein Einsehen und ließ von mir ab.  

Warum habe ich mich nicht gewehrt? Warum habe ich die Eltern nicht informiert? Warum ist nichts passiert? Erniedrigungen waren im Mainzer Gutenberg Gymnasium zumindest bis zur Oberstufe eine allherrschende Erfahrung. In unserer Klasse stärkte der Druck von außen immerhin den Zusammenhalt – bis heute. Das war zumindest die These des leider schon verstorbenen Klassenfreundes, mit dem ich das Treffen zum 40. Abi organisierte, übrigens noch einmal in diesem Schullandheim. Am Ort meiner Demütigung überwogen damals die sentimentalen Erinnerungen, die es ja durchaus gibt. Wir lachten viel und haben es ja irgendwie überstanden. Dass einige aus unserer Abiturklasse nichts mehr mit ihrer Schulzeit zu tun haben möchten und nicht mehr zu Treffen kommen, kann ich gut verstehen. Die Vergangenheit vergeht trotzdem nicht. Was uns auf der Schule widerfuhr, ist heute unvorstellbar. Immerhin ein schwacher Trost. 

Die gute, alte Post

Früher war mehr los im Kasten. © ninita_7 auf Pixabay

Am Briefkasten scheiden sich die Generationen. Ich schaue täglich nach der Post, wir verschicken noch unverdrossen Ansichtskarten und lesen gedruckte Zeitungen. Leider bekommen wir kaum noch Briefe, leider schreibe ich selbst nur noch selten welche. Was ist eine Mail oder eine Nachricht in einem Messenger-Dienst gegen einen handgeschriebenen Brief. Das scheint die Deutsche Post nicht anders zu sehen und stellte eine Geburtstagskarte an eine Freundin zu, obwohl diese gar nicht frankiert war. Beim Einwerfen in den gelben Kasten bemerkte die Redakteurin dieser Zeilen schon ihr Versäumnis und wollte am nächsten Tag beim Leeren des Briefkastens ihren Fehler korrigieren, doch die Abholung war schon durch oder verspätete sich. Flugs wurde eine neue Karte geschrieben, vorschriftsmäßig frei gemacht und eingeworfen. Die Freundin freute sich dreifach: über zwei Kartengrüße und die feine Geste der Deutschen Post, wie auch immer sie zustande gekommen ist. 

Vor Jahren schrieben wir einen Dankesbrief an ein junges Paar, hörten gar nichts und fragten irgendwann digital nach. Man schaue nur alle vier Wochen in den Postkasten, vernahmen wir mit Erstaunen. Die Zeiten sind schnelllebiger und flüchtiger geworden. Jede:r ist informiert, keine:r weiß Bescheid. Es ist mir ein Rätsel, wie man all die Angebote der Mediatheken, Streamingdienste oder Audiotheken nutzen soll. Dabei finden sich dort großartige Alternativen zum täglichen Programm, das wir nur noch bei Wahlen analog einschalten. Natürlich durch die Zeitung war ich auf die Reportage “Allein im All – Die einsame Reise zum Mars” aufmerksam geworden, die ich mir auf der Rückreise aus Kassel ohne Störungen im ICE anschaute. Drei Jahre soll diese “Mission” dauern; die Crew muss diese Zeit auf engstem Raum verbringen. Eine Kommunikation in Echtzeit wird mit den Angehörigen nicht möglich sein wegen der riesigen Entfernung, die durchschnittlich 70 Millionen Kilometer beträgt. 

Sicher würden viele die Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) gerne auf den Mond schießen. Dort könnte sie ihre vollmundigen Reden halten, deren Pathos angesichts ihrer Amtsführung noch hohler klingt. Gerade ist sie dabei, die Berlinale nachhaltig zu beschädigen. Nachdem die Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek nur noch für das Festival 2024 zur Verfügung steht, wurde jetzt der künstlerische Leiter Carlo Chatrian abserviert. Dagegen haben nun 400 Macher:innen der Branche, darunter internationale Prominenz, in einem Offenen Brief protestiert. Beide haben das (immer noch) größte Publikumsfestival der Welt in ihrer Amtszeit durch schwierige Zeiten gebracht; Chatrian hatte aber wenig Fortune in Berlin. Nun soll es wieder eine Intendanz richten, wofür der Italiener offensichtlich nicht in Frage kommt. Wie unter diesen Voraussetzungen und hohem Zeitdruck eine neue Perspektive für die Berlinale gefunden werden soll, muss die Kulturstaatsministerin verantworten. “Claudie Roth. Die Berlinale und andere Schlamassel”, titelte der Tagespiegel (08.09.23). Der Kanzler sollte ihr einen geharnischten Brief schreiben. 

Auf und nieder

Standing Ovations für Ioana Mallwitz und das Konzerthausorchester Berlin beim Antrittskonzert der neuen Chefdirigentin. © Rolf Hiller

Wir sind dabei. Das erste Konzert von Joana Mallwitz ist restlos ausverkauft. Sie ist die neue Chefdirigentin des Konzerthausorchester Berlin, das seine gesamte Kommunikation auf sie abgestellt hat. In der aufwändig gestalteten Saisonbroschüre ist sie auf dem Cover und wird ausführlich vorgestellt. Die Marketingabteilung hat ganze Arbeit geleistet, nun muss Joana Mallwitz (Jahrgang 1986) liefern. Sie hat erfolgreich in Erfurt und Nürnberg gearbeitet und wurde 2019 vom Fachmagazin “Opernwelt” zur Dirigentin des Jahres gewählt. Für ihr Antrittskonzert in der Hauptstadt hat sie sich drei erste Sinfonien ausgewählt von Prokofjew, Weill und Mahler. Noch nie haben wir solch ein expressives Dirigat erlebt. Joana Mallwitz braucht keine Noten und macht uns trotzdem jedes Detail der Partitur sichtbar. Keinen Moment kommt sie zur Ruhe, im Gegenteil: für sie dürfte das Podest locker doppelt so groß sein. Nach zwei Stunden ist die Ausdruckstänzerin vollkommen ausgepowert und glücklich. Standing Ovations. Berlins neuer Kultursenator Joe Chialo pfeift begeistert. Die kundige ARD-Kulturkorrespondentin Maria Ossowski bringt es in ihrer Kritik auf den Punkt: “Madonna statt Maestro”. 

Joana Mallwitz kommt authentisch rüber; das kann man von Hubert Aiwanger (Jahrgang 1971) nicht behaupten. Den stellvertretenden bayerischen Ministerpräsidenten und Wirtschaftsminister im Freistaat holt gerade seine Vergangenheit ein. In seinem Schulranzen verwahrte er antisemitische Hetzschriften (seines Bruders) auf und irritierte seine Klassenkameraden gelegentlich mit dem Hitlergruß. Anstatt sich dazu zu bekennen und sich zu entschuldigen, laviert der Vorsitzende der Freien Wähler in Bayern wenig überzeugend herum. Ein Problem hat damit erst recht der Söder Markus (CSU), der mit den Freien Wählern in Bayern regiert und nach der Landtagswahl am 8. Oktober mit ihnen weitermachen möchte. Mit den Grünen will der bayerische Ministerpräsident, der einst Bäume umarmte, auf keinen Fall regieren. Das dürfte so wenig passen wie die Verbindung in Berlin, wo die Ampelparteien aktuell zusammen bei 36% Zustimmung liegen. Noch niederschmetternder: nur noch jeder Fünfte ist mit der Regierungsarbeit der Koalition zufrieden (infratest dimap). Die AfD steht bei 22% – der Rechtsradikalismus ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. 

Fast auf den Tag genau vor fünf Jahren begann ich diesen Blog, den mir mein Freund Axel eingerichtet hatte. Erst als Tagebuch unserer Amerikareise, dann als wöchentliche Kolumne jeden Freitag, persönlich, aber nicht privat. Dieses Schreiben ist mir eine liebe Pflicht geworden, eine Reflexion der Zeit in der Spanne einer Woche. Das Innehalten, das Sortieren der Eindrücke, Einsichten & Erlebnisse möchte ich nicht mehr missen; es hat meine privaten “Notizen” fast ersetzt, leider. Denn diese Aufzeichnungen sind nicht für Leser:innen geschrieben. Gelegentlich lese ich alte Beiträge in “Wahn und Werk” und bin immer zufrieden, wenn sie heute noch bestehen können. Die Protokolle der Corona-Zeit überraschen mich dabei immer wieder. Ab September wird es einen neuen Impfstoff geben. Im Konzerthaus gestern und auf der Bahnreise diese Woche waren schon wieder Maskenträger:innen zu sehen. Das Virus wird weiter mutieren und niemals mehr verschwinden. Keine tröstliche Gewissheit. 

Peter, Paula und Olaf

Campus-Kino mit „Olaf Jagger“ in der Stasi-Zentrale. © Rolf Hiller

Glück gehabt! Wir erreichen gerade noch rechtzeitig die ehemalige Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg – nicht zum Verhör (diese Zeiten sind zum Glück vorbei!), sondern zum Filmabend. Im August gibt es dort die schöne Reihe “Campus-Kino. Filme in der Stasi-Zentrale“. Der Eintritt ist frei und der Zuspruch groß. Die Stühle stehen dicht an dicht; dafür gibt’s genug Platz für die Beine. Wir ergattern noch zwei Plätze in der Mitte, die Dämmerung setzt ein. Film ab. Zu sehen ist an diesem Abend “Olaf Jagger”, eine sogenannte Mockumentary, also ein fiktionaler Dokumentarfilm. Mit Olaf Schubert, dem Alter Ego des Dresdener Multitalents Michael Haubold, lassen wir uns auf eine skurril-witzige Spekulation ein. Was wäre, wenn seine Mutter, die beim legendären DDR-Jugendsender DT64 gearbeitet hat, beim ersten Konzert der Rolling-Stones 1965 in Münster auf Mick Jagger getroffen und der One-Night-Stand nicht ohne Folgen geblieben wäre?

Dass Paula Hartmann, der Shooting Star im deutschen Pop, als Vorgruppe zu Peter Fox gebucht wurde, war schon eine Sensation. Zum Abschluss ihrer durchweg ausverkauften Tour im Frühjahr rockte die 21-jährige Sängerin in Berlin Huxley’s Neue Welt. Sie kommt sehr gut an, hat eine tolle Bühnenpräsenz und wirkt authentisch. Freilich war die Waldbühne für sie noch ein paar Nummern zu groß. Paula Hartmann und ihr DJ Friso geben ihr Bestes. Aber das Publikum im beeindruckenden Rund der Waldbühne wartet vor allem auf den Hauptact. Kaum betritt Peter Fox endlich die Bühne, springen alle auf; die große Party beginnt. Mit seinem Album “Stadtaffe” (2008) sorgte der zweite Front-Mann von Seeed (neben Frank Delay) für Furore und füllte die Hallen. Die “Love Songs” aus diesem Jahr können da nicht mithalten, doch das tut der Stimmung an diesem Abend keinen Abbruch. Immer wieder ruft Pierre Baigorry alias Peter Fox das Keyword “Berlin”, das nicht nur in der Waldbühne trefflich funktioniert.

Mitten im Konzert erreicht uns die Eilmeldung, dass Jewgeni Prigoschin, der skrupellose Chef der Gruppe Wagner, bei einem Flugzeugabsturz in der Nähe von Moskau ums Leben gekommen sei; auf den Tag zwei Monate nach dem versuchten Putsch gegen das Putin-Regime. Mit einem Zaren sollte man sich nicht anlegen, und einem Zaren die Wahrheit um die Ohren hauen erst recht nicht. Putin bezeichnete seinen einstigen Günstling in einer Kondolenzadresse als “fähigen Mann”, der aber “schwere Fehler” begangen habe, womit er sich trefflich selbst charakterisiert hat. “Kurz nach der Niederschlagung des Wagner-Aufstands“, spekuliert die türkische Zeitung Yeni Şafak, “sagte Putin, dass er alles verzeihe, Verrat aber niemals. Wenn man sich diese Worte in Erinnerung ruft, könnte man denken, dass der Befehl für den Abschuss aus Moskau kam.” (25.08.23) Prigoschins Präsenz nach dem Putsch muss für Putin eine einzige Provokation gewesen sein. Nicht bloß da verstehen Diktatoren keinen Spaß. 

Der Verlust

Nächtlicher Einsatz der Feuerwehr. © Rolf Hiller

War es nur ein Traum? Unterschwellig höre ich in der Nacht Geräusche einer Motorsäge, werde aber nicht richtig wach und schlafe erst einmal weiter. Kurz vor zwei Uhr stehen wir auf dem Balkon. Die Feuerwehr hat ihren Einsatz fast schon beendet. Die Straße ist wieder frei, nur der Stamm, der auf der Motorhaube eines BMW liegt, muss noch zersägt werden. Die Linde von gegenüber, die schon länger bedenklich schief stand, stürzte nach einem heftigen Gewitter um. Der Baum kippte über die Straße auf unsere Linde, für deren Pflanzung wir 2013 gesammelt hatten. Ganz schief habe sie gestanden, sich aber rasch wieder aufgerichtet, nachdem die Feuerwehrmänner den Baum von gegenüber zersägt hatten. Sicher hat auch der SUV die Wucht des Sturzes vermindert, sonst wäre wohl unsere Linde – und womglich nicht nur sie – zerschmettert worden.  

Unser Haus und der Vorgarten wurden nicht beschädigt; trotzdem werden unsere Rosen und die Magnolie das Ereignis vielleicht nicht überstehen. Die gewaltigen Äste des zersägten Baumes warfen die Feuerwerker in den Vorgarten – die Straße musste wieder freigemacht werden. Durften die das? Ja, mutmaßt eine Nachbarin. Für den Abtransport ist das Grünflächenamt zuständig. Telefonisch ist kein Durchkommen. Eine andere Nachbarin hatte das Amt vor Wochen schon auf die bedenklich schiefe Linde hingewiesen – keine Reaktion. In Berlin gibt es ungefähr 450.000 Straßenbäume. “Die bekommen beim Grünflächenamt keine Leute”, meinte der Einsatzleiter der Feuerwehr in der Nacht. Was ist ein Lindensturz, bei dem niemand zu Schaden kam, gegen die Katastrophenmeldungen in den Nachrichten heute: Starkregen in Süddeutschland, Waldbrände auf Teneriffa und schlimmer denn je in Kanada. Trotzdem ist Betroffenheit immer konkret. 

Plötzlich nimmt die Lage einen unerwarteten Verlauf. Ein Team vom Grünflächenamt unseres Bezirks erscheint schon am frühen Vormittag und prüft die Schäden; die Leiterin verspricht, dass binnen einer Stunde das Aufräumen beginnt. Sie gibt uns die kleine Schieferplatte zurück, die wir am Stamm befestigt hatten. Gewidmet haben die “Freunde der Jenaer Linde” den Baum Meier Spanier und seiner Frau Charlotte aus unserem Haus; sie waren 1942 vor der Deportation in den Tod geflohen. Nach der Expertise der Dame vom Grünflächenamt waren die Wurzeln der 2013 gepflanzten Linde in der Nacht abgerissen, eine Regeneration ausgeschlossen. Sie versprach, dass beide Bäume ersetzt würden. Dieser Einsatz und dieses Versprechen der vielgescholtenen Berliner Verwaltung stimmen zuversichtlich. Nicht alles läuft schlecht in dieser Stadt, in diesem Land. Mir geht das Chanson “Mein Freund, der Baum” von Alexandra (✝︎ 1969) den Kopf. 

The Good Times

Standing Ovations für Dee Dee Bridgewater und das NYO unter Sean Jones im Berliner Konzerthaus. © MUTESOUVENIR I Kai Bienert

Am Ende sind alle happy. Im Rahmen des Festivals ”Young Euro Classic” spielt das NYO, das National Youth Orchestra Jazz aus den USA, im ausverkauften Berliner Konzerthaus ein begeisterndes Konzert. Die jungen Musiker:innen überzeugen im Ensemble und mit feinen Soli. Nach der Pause können wir den lässigen Bandleader Sean Jones noch als Trompeter erleben; die Ansagen übernimmt nun die fabelhafte Sängerin Dee Dee Bridgewater. Sie beginnt mit ”Afro Blue” – so heißt übrigens ihr Debütalbum von 1974 – und beendet das Konzert mit “Let the good times roll” von Ray Charles. Referenzen erweisen die Musiker:innen zuvor noch Duke Ellington, Dizzy Gillespie, Louis Armstrong und Ella Fitzgerald, um nur einige Namen zu nennen. Dee Dee singt wie Louis und scatet wie Ella, Grenzen scheint es für das 73jährige Stimmwunder nicht zu geben. 

Standing Ovations der Silverager, die sich in bester Stimmung auf den Heimweg machen – ”let the good times roll”. Es braucht Momente wie diese, time out angesichts der vielen Krisen dieser Zeit. Dabei verweist schon die erste Strophe des Songs auf das Problem unserer Zivilisation – wir leben munter drauf los, als ob es kein Morgen gäbe. “Hey everybody / Let’s have some fun / You only live but once / And when you’re dead you’re done.” Nach mir die Sintflut im übertragenen und wörtlichen Sinne, wenn man an die immer häufiger auftretenden Naturkatastrophen denkt. Letzte Woche war der Weltüberlastungstag. Bei unserem Verbrauch an Ressourcen benötigte Deutschland drei Welten, die Amerikaner sogar fünf! 

An die vorgeblich gute alte Zeit knüpft ein Film an, der nicht nur in diesem Sommer alle Rekorde bricht: ”Barbie” von Greta Gerwig. Wir erleben diesen grandios gemachten Film, der raffiniert mit Stil- und Zeitelementen jongliert, in den bequemen Sesseln der Astor Lounge. Mehr als 1 Milliarde US-Dollar hat der Film schon eingespielt, den man als Empowerment der Frauen und als cleveren Coup des Barbie-Herstellers Mattel sehen kann. Dass die einfältigen Manager sich wie Ken & seine Kumpel gebärden, ist so lustig wie unwahr. Noch haben die (alten weißen) Männer die Fäden in der Hand. Aber die Barbies kommen – hoffentlich nicht bloß als rosa Anziehpüppchen. Der Film mit Margot Robbie und Ryan Gosling in den Hauptrollen wird durchaus kontrovers rezipiert. Gut so.