Doppelleben

Chefredakteur und Schriftsteller: Dirk Kurbjuweit bei der Eröffnung des Lesefestes „Frankfurt liest ein Buch“. © Rolf Hiller

“Ich bin ein Hesse.” So beginnt Dirk Kurbjuweit seine Rede beim Eröffnungsabend im voll besetzten Saal der Deutschen Nationalbibliothek. Sein Roman “Nachbeben” steht im Mittelpunkt des 16. Lesefests “Frankfurt liest ein Buch”. Im Brotberuf ist Kurbjuweit Chefredakteur des “Spiegel”. Nach langen und sicher stressigen Arbeitstagen zieht er sich abends in die Welt der Literatur zurück – als Leser und Schreiber; das Handy bleibt dann in einem anderen Zimmer. An keiner Buchhandlung könne er vorbeigehen, er liebe die Stille in einer Welt mit hunderttausenden Sätzen. Zwar hat Kurbjuweit als Kind nur kurz in Wiesbaden gelebt, dann zog die Familie weiter nach Berlin und Essen, aber viele Sommerferien verbrachte er im Vordertaunus auf dem Kleinen Feldberg. Dort spielt zum guten Teil sein 2004 erschienener Roman “Nachbeben”, der erstaunliche Familienkonstellationen geschickt mit der Einführung des Euro verbindet. 

Dirk Kurbjuweit kann schreiben und will mehr als bloß unterhalten. Ein paar Stellen in seinem Roman habe ich unterstrichen, etwa den Satz: “Weißt du, wie man sich manchmal ausmalt, dass man sich an einem gewissen Punkt anders entschieden hätte und in einem anderen Leben gelandet wäre.” Er hat inzwischen fast zwanzig Bücher veröffentlicht, Preise dafür bekommen; viele wurden sogar verfilmt oder als Hörspiel bearbeitet. In seinem Wiki-Eintrag wird auch auf einen Leitartikel im Spiegel vom 05.03.21 hingewiesen – “Es reicht, Herr Spahn!”, in dem er den Rücktritt des damaligen Gesundheitsministers fordert. Die Skandale in der Corona-Zeit haben dem wendigen Politiker nicht geschadet; jetzt wird er als Chef der nächsten CDU/CSU-Bundestagsfraktion gehandelt. Für die SPD ist “Spahn schon lange ein schwarzes Tuch mit blauen Flecken” (FAZ, 25.04.25), und für Philipp Türmer, den Bundesvorsitzenden der Jusos, wäre eine Ablehnung des Koalitionsvertrags durch die SPD keine Staatskrise. 

Am 29. April endet die Frist für die Mitgliederbefragung der SPD. Sollte der Vertrag abgelehnt werden, würde die Koalition mit der CDU/CSU noch vor Beginn scheitern. Angesichts der aktuellen Weltlage wäre das eine veritable Staatskrise und Friedrich Merz bekäme sicher wieder wie nach der SPD-Frage nach Steuererhöhungen zum Ausgleich von Finanzierungslücken einen Tobsuchtsanfall. “Soll das eine politische Antwort auf ein Problem sein?“, fragte das Straubinger Tagblatt da zu Recht konsterniert. Derweil blickt die Welt nach Rom, wo am Samstag Papst Franziskus beigesetzt wird. Dann beginnt das Konklave, bis ein neues Oberhaupt der katholischen Kirche für 1,4 Milliarden Gläubige gefunden ist. Wer sich dafür interessiert, dem sei der packende Film “Konklave” von Edward Berger oder der Kardinal-O-Mat empfohlen. Fest steht schon jetzt, dass der 267. Papst wieder ein alter Mann sein wird. Kardinal Jorge Mario Bergoglio aus Buenos Aires wurde 2013 erst im fünften Wahlgang gewählt. Er war der erste Papst aus Südamerika, muss eine sehr beeindruckende Persönlichkeit gewesen sein und nahm den Namen Franziskus an.  

1972

Der packende Film „September 5“ von Tim Fehlbaum stellt Fragen nach der journalistischen Ethik. © Constantin Film

Jeden Abend sahen wir in der Tagesschau Berichte vom Vietnamkrieg. Ich erinnere mich noch gut daran, wie amerikanische Hubschrauber über das Mekongdelta fliegen, Schüsse sind zu hören. Das war der erste Krieg, den ich im Fernsehen verfolgt habe. Über dieses Jahr hält der ARD-Jahresrückblick fest: “Die Verabschiedung der Ostverträge mit der Sowjetunion und Polen sowie der Grundlagenvertrag mit der DDR sind die großen außenpolitischen Erfolge der Regierung Brandt im Wahljahr 1972. Brandt wird ebenso wiedergewählt wie Richard Nixon in den USA. Der Vietnam-Krieg tobt derweil unvermindert weiter, der Nordirland-Konflikt erreicht mit dem ‘Blutigen Sonntag’ einen traurigen Höhepunkt. Für weltweite Bestürzung sorgt das Attentat auf israelische Sportler bei den Olympischen Spielen in München.” Damals schaute ich noch Sportübertragungen und war auch beim sog. Goldenen Sonntag am 3. September dabei, als Leichtathleten aus der Bundesrepublik Deutschland drei Goldmedaillen gewannen. 

Die “heiteren Spiele” in München fanden zwei Tage später ihr jähes Ende. Die palästinensische Terrororganisation “Schwarzer September” nahm 11 israelische Sportler als Geisel und forderte die Freigabe von 232 Palästinensern. Die deutsche Polizei war auf eine solche Situation nicht vorbereitet, die Befreiung auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck scheiterte – alle Geiseln, fünf Terroristen und ein Polizist starben. Eine 24/7-Information gab es damals noch nicht, so dass sich die Nachricht von dem Überfall erst allmählich verbreitete, viele Wettbewerbe gingen einfach weiter; manche dann sogar in Kenntnis der Lage. Hätte man die Olympischen Spiele, in Deutschland zumal, abbrechen müssen? Das IOC entschied sich schon damals für das Geschäft und gegen die Moral. „The games must go on,“ verkündete Avery Brundage, der damalige Präsident des Internationalen Olympischen Komitees. Diese Maxime gilt für das Handeln des IOC heute generell. Wo die Spiele stattfinden, ist egal, welche Belastungen für die Umwelt entstehen, schert niemanden in der mächtigen Funktionärsriege. Hauptsache die Kasse stimmt. 

Diese Fragen streift der überragende Film “September 5” des Schweizer Regisseurs Tim Fehlbaum, den wir zum Glück noch in einer Matinee-Vorstellung sehen können, nur am Rande. Mucksmäuschenstill ist es in dem winzigen Kino. Obwohl man doch den Ausgang des Geiseldramas kennt, folgt das Publikum gebannt der Arbeit eines amerikanischen Fernsehteams im Olympischen Dorf. Mit Leonie Benesch, John Magaro und Ben Chaplin ganz hervorragend besetzt, wirft “September 5” Fragen nach der Qualität journalistischer Arbeit auf. Soll man sich Slots beschaffen, um über das Geiseldrama zu berichten? Gibt es Grenzen für das, was man zeigen darf? Auch die Terroristen verfolgten live das Programm. Braucht man zwei verlässliche Quellen, um eine Nachricht herauszugeben? Die Geiselnahme während der Olympischen Spiele 1972 und ihr tragisches Ende verfolgten 900 Millionen Menschen auf der ganzen Welt an den Bildschirmen. Heute kann man auf Social Media in Echtzeit (fast) überall dabei sein; die Frage nach der Verlässlichkeit einer Quelle hat kaum mehr Relevanz. True Social heißt ausgerechnet der Kanal des amerikanischen Präsidenten Donald Trump. 

Ein Mann sieht rot

Flow aus Bildern und Tönen: Tangerine Dream in der Alten Oper Frankfurt. © Rolf Hiller

Ein Blick ins Depot zeigt die Folgen der disruptiven Zinspolitik des amerikanischen Präsidenten: alles so schön rot hier. Die Verluste sind spürbar; am stärksten hat Apple mit 26,83% an Wert verloren. Inzwischen scheint dem Dealmaker Donald Trump zu dämmern, was er da angerichtet hat, nicht zuletzt bei seinen Wähler:innen. Die Preise in den USA – dort findet ein Drittel des weltweiten Konsums statt – werden nach oben gehen. Noch brisanter ist die Entwicklung an der Börse, denn in Amerika ist die Aktienaltersvorsorge weit verbreitet. Dass Trump die Strafzölle gegen die EU erst einmal ausgesetzt hat, verschafft den Europäern allenfalls eine Atempause. Zum einen könnte China mit seinen Waren, die Trump mit 125% Strafzöllen belegt hat, Europa überschwemmen, zum anderen könnte China die ganze Welt durch den Verkauf von amerikanischen Staatsanleihen (Bestand derzeit 760,8 Milliarden Dollar) destabilisieren. 

Wahrscheinlich kennt der amerikanische Präsident den Film “Ein Mann sieht rot” (“Death Wish”) aus dem Jahr 1974 mit Charles Bronson in der Hauptrolle; wahrscheinlich gefällt ihm die Story. Nachdem bei einem brutalen Überfall durch eine jugendliche Gang seine Frau getötet wird und seine Tochter in eine autistische Erstarrung (Katatonie) fällt, verwandelt sich der einstige Kriegsverweigerer Paul Kersey in einen Killer, der gnadenlos schießt, wenn er angegriffen wird. „Ein zynischer Film, der suggestiv und kalkuliert alle Mittel einsetzt, um Selbstjustiz zu rechtfertigen,“ befindet das Lexikon des internationalen Films. “Death Wish” (Musik: Herbie Hancock) endet mit einem Deal und für Kersey nicht im Knast in New York. Das dürfte Donald Trump gefallen: hier vertraut einer nicht mehr auf Recht und Gesetz, hier lässt einer sich gar nichts mehr gefallen und schießt sofort zurück. Diese Westernmentalität ist Europäern fremd und als Maxime politischen Handelns brandgefährlich. 

Im Flow eines Konzerts der deutschen Electronica-Band Tangerine Dream in der Alten Oper Frankfurt tauchen wir ab in eine andere Welt, in ein Gesamtkunstwerk. In der Tat lassen sich die einzelnen Stücke schwerlich auseinanderhalten; eins klingt wie das andere. Ohne die Bilder und Filme würde ein Auftritt der Gruppe, die 1967 gegründet wurde, rasch langweilen. Tangerine Dream ist Konzept, nicht Band. An den Gründer Edgar Willmar Froese (†) erinnern einige Bildsequenzen, ansonsten bleibt er in der Musik lebendig. Es ist sicherlich kein Zufall, dass Tangerine Dream für viele Filme den Soundtrack lieferte. Die Zugaben sparen wir uns und denken noch einmal an unseren Freund Axel, der mir eine Tangerine Dream Collection als “Special Gold CD Edition” hinterlassen hat. Ihm hätte die Continuum Tour 2025 ganz bestimmt gefallen. 

Mit Volldampf in die Katastrophe

Die Titanic bei der Abfahrt aus Southampton am 10. April 1912. © Francis Godolphin Osbourne Stuart

Wer kennt diesen Film nicht? Leonardo DiCaprio und Kate Winslet in den Hauptrollen, Regie James Cameron, insgesamt 11 Oscars. “Titanic” zählt zu den erfolgreichsten Kinoproduktionen aller Zeiten. Natürlich kennen wir diesen Film und sind wieder fasziniert; nicht einen Moment ziehen sich die 194 Minuten. Die Titanic war das größte und modernste Schiff zu seiner Zeit, die Jungfernfahrt von Southampton nach New York war ein weltweites Medienspektakel, erst recht der Untergang nach der Kollision mit einem Eisberg im Nordatlantik. 1514 Menschen kamen ums Leben, ein Streichquartett spielte bis zuletzt. War es ein tragisches Unglück oder Fahrlässigkeit? Der Film wirft diese Fragen auf. Die Titanic sollte noch schneller New York erreichen, die Sensation noch größer werden. In der aktuellen Lage kann man die Titanic als Allegorie deuten – wider besseres Wissen können die multiplen Krisen in einer Katastrophe enden. 

Trump gegen den Rest der Welt, das kann und wird wohl nicht gut enden. Disruption in Maßen kann erstarrte Verhältnisse aufbrechen. Disruption als Prinzip ist kontraproduktiv und zerstört politische und wirtschaftliche Beziehungen – zum Schaden aller. Klare Worte findet ein Kommentar der Sylter Rundschau in den morgendlichen Pressestimmen im Deutschlandfunk:  “Die gegen 183 Staaten verhängten Strafzölle sind der vorläufige Höhepunkt einer Politik, die jedes Gefühl für Maß und Mitte vermissen lässt. US-Präsident Donald Trump glaubt tatsächlich, sich mit der ganzen Welt anlegen zu können, ohne dass die amerikanische Wirtschaft und Gesellschaft Blessuren davontragen werden. Das ist nicht nur naiv, das ist größenwahnsinnig. Der von Trump ausgerufene ‚Liberation Day‘ ist kein Tag der Befreiung. Er wird sich vielmehr als Belastung für die USA erweisen. Denn er markiert nicht nur den Bruch mit der regelbasierten Ordnung des Welthandels und lässt Partner auf Distanz gehen.” (04.04.25) Einige mutige Bundesrichter stellen sich gegen die brachiale Zerstörung von Institutionen, die Demokraten haben sich noch immer nicht vom Schock der Niederlage bei der letzten Präsidentschaftswahl erholt, und in seiner eigenen Partei regt sich (noch) kein Widerstand gegen Trumps Destruktivismus. 

Die Börsen reagieren unmissverständlich auf Trumps Furor: der Dow-Jones und der Nasdaq mit vielen Technologietiteln verzeichnen die größten Verluste seit der Corona-Pandemie 2020. Weltweit werden die Börsen von diesem Abwärtstrend mitgerissen. Und was sagt der Geschäftsmann Donald Trump dazu allen Ernstes? “Ich denke, es läuft sehr gut.” Die EU, der größte Binnenmarkt der Welt, hat keine guten Karten. Politisch und wirtschaftlich ist sie keine Einheit, militärisch und technologisch von den USA abhängig. Eine starke deutsche Regierung würde dringend gebraucht, allein die Koalitionsverhandlungen zwischen der Union und der SPD verheißen nichts Gutes. Ein “Irgendwie weiter so” droht, der Kanzler in spe Friedrich Merz hat bis jetzt keine Führungsqualitäten erkennen lassen, die CDU/CSU steht im aktuellen ARD DeutschlandTrend bei 26%, die AfD bei 24% und die SPD bei 16%. Nichts läuft sehr gut im Moment. Gar nichts! 

Die Gleichgültigkeit des Universums

MELENCOLIA im Haus der Berliner Festspiele als Herausforderung. © Anja Köhler

“Wie hältst Du Dich in all dem Wahn wacker?”, fragte mich kürzlich ein Freund. Meine Antwort: News reduce ist meine Methode, um dem allherrschenden Wahn zu trotzen. Morgens Nachrichten & Presse, dann Business und abends News – kein TV, keine Talk Shows und erst recht kein Social Media. Niemand kann die immer neuen Krisen auf der Welt noch verkraften. “Ich habe keine Lust mehr, auf die unsägliche Weltpolitik zu schauen”, schreibt Heidi Zehentner in “Speakers’ Corner” in der aktuellen Ausgabe von FRIZZ Das Magazin für Frankfurt & Vordertaunus. Das hört man derzeit häufiger, von durchaus politisch interessierten Menschen. Nicht Eskapismus bestimmt ihre Entscheidung, viele können die multiplen Krisen nicht mehr verkraften und besinnen sich auf ihr Leben und ihre persönlichen Probleme. Sie klinken sich immer wieder aus, um neue Kraft zu schöpfen. Deshalb sind Kurse, Ratgeber und Seminare zum Thema Achtsamkeit derzeit gefragt wie selten. 

Trotzdem gehen wir in “Eine Show gegen die Gleichgültigkeit des Universums”, mit der das Festival MaerzMusik 2025 im ausverkauften Haus der Berliner Festspiele eröffnet wird. Der Aufwand ist gewaltig, der Anspruch ebenso. Unter der Leitung der Komponistin Brigitta Muntendorf und des Regisseurs Moritz Ernst Lobeck begibt sich MELENCOLIA, inspiriert von einem Kupferstich von Albrecht Dürer, “in sieben Tableaus auf die Suche nach dem befreienden melancholic mood” (Programm-Flyer). Mit von der Partie sind das Frankfurter Ensemble Modern, Mitglieder des Apollo Chors der Staatsoper Unter den Linden, digitale Gäste und KI-Stimmklone. Der Text im Flyer verspricht viel, was die Inszenierung keineswegs einzulösen vermag: “’MELENCOLIA’ überschreitet das vordergründig Spektakuläre, um das Publikum zur Selbstreflexion anzuregen – und nicht weniger als die Gleichgültigkeit des Universums herauszufordern.” Wow! Nach der Premiere gibt es herzlichen Applaus – womöglich doch nur für das vordergründig Spektakuläre. Das Universum bleibt davon bestimmt unberührt. 

Den “melancholic mood” kennen die Kunden der Deutschen Bahn nur zu gut, aber nicht als Befreiung, im Gegenteil. Kurz vor dem Ziel- und Endbahnhof Frankfurt gibt es wieder einmal eine Weichenstörung. Der ICE muss über Aschaffenburg umgeleitet werden; am Ende haben wir 188 Minuten (!) Verspätung. Dass notwendige Investitionen des Staatskonzerns in die Infrastruktur seit Jahrzehnten unterlassen wurden, rächt sich jetzt bitter – und wird um so teurer. “Statt um jeden Preis die Bahn in die Profitabilität zu treiben”, mahnt die TAZ wieder einmal an, “sollte die kommende Regierung klar und deutlich anerkennen, dass die Bahn ein elementarer Teil der Daseinsvorsorge ist, den sich die Gesellschaft bewusst leistet.“ (28.03.25) Auf der Rückfahrt muss der Sprinter kurz vor Erfurt anhalten. Ein nachts überfahrener Bieber liege auf dem Gleis, informiert uns der Zugchef, um dann gleich noch einen draufzulegen. Der Bieber sei wieder auferstanden und würde nun von einem Jäger verfolgt. Weiter geht’s nach dieser amüsanten Einlage. Es gibt Fahrten, die man nie vergisst. 

Brückenbauer gesucht

Szene aus dem Film „Mit der Faust in die Welt schlagen“: Tobias (Anton Franke) wird in der Toilette gedemütigt. © Across Nations Filmverleih

Das Interesse ist groß, die Premiere im Berliner Delphi-Palast restlos ausverkauft. Bereits bei der Berlinale hatte “Mit der Faust in die Welt schlagen” (Kinostart (03.04.25), das Spielfilmdebüt der Regisseurin Constanze Klaue, beachtlichen Zuspruch. Frei nach dem erfolgreichen Roman von Lukas Rietzschel wird die Geschichte zweier Brüder erzählt, die in der Nachwendezeit in einem Dorf in der Oberlausitz aufwachsen. Die Zeiten sind schwierig, die Eltern überfordert, die Lage im neuen Haus ist oft eng und bedrückend. Philipp und Tobias erleben den Niedergang ihrer Familie und suchen Halt in einer lokalen Neonazigang. Nur einer von ihnen schafft schließlich den Absprung aus diesem sozialen Umfeld und geht in die Stadt. Der filmischen Adaption fehlen Rhythmus und Timing. Anfangs erlebt man einen biederen Fernsehfilm, viele Figuren, ihre Handlungen und Motive bleiben unscharf. 

Im spannenden Panel nach dem Film erzählt die Regisseurin, dass sie in dem Roman ihre eigene Geschichte entdeckte; sie hat sie gewissermaßen miterzählt. Vielleicht wollte sie zu viel und erreichte deshalb zu wenig. Der Autor Lukas Rietzschel hat mit ihrer Version keine Schwierigkeiten und sieht wie die anderen Gesprächsteilnehmer:innen, dass die deutsche Einheit noch immer nicht vollendet ist. Während Westdeutsche – darauf wies der Soziologe Steffen Mau hin – keine Unterschiede mehr zu Ostdeutschen ausmachen, werden die Differenzen dort nach wie vor empfunden, gerade von jungen Leuten. Die gleichen öden Einfamilienhaus-Siedlungen mit Carport vor der Tür hier wie dort können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die traumatischen Erfahrungen nach der deutschen Einheit (Ende vieler Erwerbsbiographien, Abwicklung vieler Unternehmen durch die Treuhand, Besetzung der Führungspositionen durch westdeutsche Eliten) weiter nachwirken. Geld heilt nicht alle Wunden. 

Lilly Blaudszun bestätigt, dass für junge Menschen in Ostdeutschland ihre Herkunft von großer Bedeutung ist. In ihrem Podcast OKF – Ortskontrollfahrt beschäftigt sie sich gemeinsam mit Jakob Springfeld mit der Frage: “Wie ist es wirklich, heute im Osten aufzuwachsen”. Angesichts der beschlossenen Änderungen bei der Schuldenbremse, dürfte sich das immer wieder aufgeworfene Problem nach der Generationengerechtigkeit indes im ganzen Land stellen. Dass es keine Alternative dazu gibt, verdeutlicht die akut notwendige Sperrung der stark befahrenen Ringbahnbrücke der A 100 in Berlin, über die der Verkehr nach Norden fließt. In den 60er Jahren erbaut und für deutlich weniger PKW und kleinere LKW geplant, zeigt diese Schließung exemplarisch, was die jahrelange Verschleppung von Investitionen in die Infrastruktur konkret bedeutet. Allein in der Hauptstadt müssen 50 der insgesamt 2.000 Brücken schnellstens saniert werden; bundesweit sind es – je nach Quelle – bis zu 11.000. Beste Zeiten für Bauingenieure. Fachkräfte sind derzeit (noch) sehr gefragt. 

Es ist etwas faul im Staate

Vor der 403. Aufführung des Berliner Hamlet versuchen Optimisten, doch noch ein Ticket zu bekommen. © Rolf Hiller

Die Tix sind höchst begehrt und im Vorverkauf innerhalb kürzester Frist ausverkauft. Nicht von Top-Acts im Pop ist die Rede, sondern von einem Theaterstück von William Shakespeare, das Anfang des 17. Jahrhunderts erstmals im Globe Theatre in London gespielt wurde. Wir sind zur 403. Aufführung in der Berliner schaubühne eingeladen. Die Premiere fand am 17.09.2008 statt, und seitdem steht der Hamlet mit Lars Eidinger in seiner Paraderolle auf dem Spielplan. Über 150.000 Besucher:innen haben die Inszenierung von Thomas Ostermeier inzwischen besucht, manche bestimmt schon mehrmals. Auch wir haben den Hamlet vor Jahren bereits einmal erlebt und folgen auch jetzt wieder gebannt der turbulenten Inszenierung, die weder Trash noch Klamauk scheut. Eidinger verausgabt sich in knapp drei Stunden völlig, bleibt aber stets Herr des Geschehens und geht immer wieder spontan auf sein Publikum zu 

Die leisen Töne kommen bei diesem Überwältigungstheater etwas zu kurz. Hamlet ist ja nicht nur ein durchgeknallter Exzentriker, sondern ein verzweifelter Melancholiker. Den berühmten Satz “Es ist etwas faul im Staate (Dänemark)” haben wir gar nicht gehört, dabei passt er doch trefflich zur aktuellen Lage, vor allem in Berlin, wo CDU/CSU erst langsam begreifen, dass der Sieg bei der letzten Bundestagswahl allein nicht viel taugt. Der Söder Markus trat beim politischen Aschermittwoch auf primitive Weise gegen Robert Habeck nach; und der wahrscheinlich nächste Kanzler Friedrich Merz, dem es an politischem Instinkt mangelt, zahlt jeden Tag Lehrgeld. “Merz’ Ungeschicklichkeiten häufen sich”, hält der Tagespiegel fest. “Das kann einem Sorgen machen. Will da einer Kanzler werden, der es gar nicht kann?“ (12.03.25) 

Wenn die Zeichen nicht trügen, haben sich die Parteien der Mitte jetzt darauf geeinigt, die Schuldenbremse im Grundgesetz zu ändern. Die Grünen haben durchgesetzt, dass neue Schulden auch für Klimaschutz neben Infrastruktur und Verteidigung aufgenommen werden sollen. Die Wahlversprechen der Union sind damit wohl vom Tisch, also keine höhere Pendlerpauschale, keine höhere Mütterrente oder ein geringerer Mehrwertsteuersatz für die Gastronomie. Nun muss bekanntlich das Grundgesetz geändert werden, wogegen sich CDU/CSU vor ihrem Wahlsieg mit Händen und Füßen gewehrt haben. Das hat einen bitteren Beigeschmack. Es muss sein, aber es hätte früher geschehen können – und müssen. Sei’s drum. Die nächsten Probleme sind schon da. Nächste Woche hat ver.di neue Streiks angekündigt, BMW verzeichnet einen massiven Einbruch bei Gewinn und Umsatz. Weltweit nehmen die Krisen & Probleme zu, nicht zuletzt durch Trumps erratische Politik. Der Kanzler in spe Friedrich Merz – er wäre bei Amtsantritt der zweitälteste nach Konrad Adenauer – hat keine Zeit mehr, Fehler zu machen. Glückauf! 

Great Television

Weniger ist mehr. © Patrick Schwarz auf Pixabay

Wie lange kann man Politik als Reality TV machen? Jeden Tag eine Schlagzeile provozieren, Dekrete raushauen, Deals verkünden und sich zur Not auf die eigene Vergesslichkeit berufen. Der amerikanische Präsident Donald Trump scheint so seinen Job zu begreifen und scheut keine noch so geschmacklose Inszenierung. Die öffentliche Demütigung seines ukrainischen Kollegen Wolodymyr Selenskyj, der vor drei Jahren in Amerika noch als Held bejubelt wurde, vor laufenden Kameras im Weißen Haus sei inszeniert gewesen, behaupten nicht wenige Beobachter und Experten. Man sollte Trump, der in Amerika durch die Reality Show “The Apprentice” bekannt wurde, alles zutrauen. “In wöchentlichen Folgen wurden zwei Teams mit einer Aufgabe betraut, deren Ergebnisse zum Schluss verglichen wurden. Ein Mitglied des verlierenden Teams wurde dann üblicherweise mit dem in den USA geflügelten Wort ‘You’re fired!’ (Du bist gefeuert!) aus dem Team entlassen und nach Hause geschickt.” (Wikipedia) 

Die ersten 14 Staffeln moderierte Donald Trump, und diese Spielregeln prägen nun sein Verständnis von Politik. Ziel seiner Deals ist immer zu gewinnen, koste es, was es wolle. Wer mit dem Gedanken spielt, Grönland zu besetzen, um dort die Rohstoffe auszubeuten, für den sind Verträge null und nichtig; immerhin gehört Grönland zum Königreich Dänemark. Die Disruptionen der amerikanischen Außen- und Sicherheitspolitik sind für good old Europe ein Schock, können sich aber auch als Vorteil erweisen. Denn Europa hat im globalen Wettbewerb nur eine Chance, wenn es endlich zu einem einigen Europa wird – mit einer Regierung und einem Wirtschafts- und Sozialsystem. Das sind derzeit noch Visionen, aber die Dinge ändern sich gerade rasend schnell. Der wahrscheinlich nächste Kanzler Friedrich Merz hat seine Wahlversprechen zurückgenommen; nun sollen die Schuldenbremse ausgesetzt und Militärausgaben davon ausgenommen werden. Das scheint die Wähler:innen nicht anzufechten – der aktuelle ARD-DeutschlandTrend entspricht fast exakt dem Ergebnis der letzten Bundestagswahl. 

Herkulesaufgaben liegen nicht nur vor dem Kanzler in spe, Europa muss sich von Amerika und von China technologisch emanzipieren. Die Tech-Oligarchen aus dem Silicon Valley beherrschen (noch) das Internet und die Zukunftstechnologien. Wer kontrolliert etwa GPS, wer hat im Cloud Computing die Nase vorn, wer bei der KI? Beunruhigende Fragen für alle Menschen in Europa. Vielleicht wird Trumps MAGA-Politik einst als Weckruf für Europa gefeiert, vielleicht findet die EU wieder mit den Briten zusammen. Die Börsen reagieren wie erwartet negativ auf Trumps Strafzölle, die er nach Lust & Laune erhebt, und der Klimawandel schert sich erst recht nicht um seine Leugner. Schon lange schaue ich nur noch höchst selten analoges Fernsehen und Talk Shows erst recht nicht. Auf Great Television à la Trump und Social Media verzichte ich gern. Digital Detox hilft immer. 

Klein und groß

Der Rahmenbau, das Wahrzeichen der documenta 6, in Kassel. © Rolf Hiller

Kurz nach 16 Uhr verlassen wir das Wahllokal am letzten Sonntag; es ist kaum etwas los. Zu diesem Zeitpunkt, erzählt ein Wahlhelfer freudig, hätten schon 90% der Wahlberechtigten ihre Stimme abgeben. Der Trend bestätigt sich: die Wahlbeteiligung von 82,5% war die höchste seit der Wiedervereinigung. Gewinner sind die CDU und die AfD, die Parteien der sog. Fortschrittskoalition wurden abgestraft. Obwohl die Grünen vergleichsweise glimpflich davonkamen, hat ihr Spitzenkandidat, der selbsterklärte Bündniskanzler Robert Habeck, die Verantwortung für diese Niederlage übernommen und will kein Amt in der Partei übernehmen. Der Daueroppositionelle in der abgewählten Koalition, Christian Lindner (FDP), wird sich sogar ganz aus der Politik zurückziehen. Das ficht Lars Klingbeil und Saskia Esken nicht an. Statt die Verantwortung für das schlechteste Ergebnis der SPD bei einer Bundestagswahl zu übernehmen, kleben die beiden Parteivorsitzenden an ihren Posten. Klingbeil wird sogar zusätzlich noch den Fraktionsvorsitz übernehmen. 

Das verheißt nichts Gutes für die Koalitionsverhandlungen, die der künftige Bundeskanzler Friedrich Merz bis Ostern abschließen möchte. Während Deutschland in Europa wieder eine Führungsrolle übernehmen soll, verlangt der Söder Markus eine erneute Wahlrechtsreform, Klingbeil Entlastungen für die “arbeitende Mitte” und eine Stabilisierung der Renten; zudem wird die SPD zur möglichen Koalition mit CDU/CSU noch eine Mitgliederbefragung durchführen. Das dürfte kaum zu schaffen sein bis Ostern. In einer solchen Lage braucht es politische Erfahrung und diplomatisches Verhandlungsgeschick. Darüber verfügt Merz nicht; er war noch nie in Regierungsverantwortung und schafft sich jetzt noch selbst Probleme. Seine Einladung an den israelischen Premier Benjamin Netanjahu etwa, der mit internationalem Haftbefehl gesucht wird, müsste dessen umgehende Verhaftung in Deutschland zur Folge haben. 

Genauso unbedacht war seine Äußerung, in Kassel habe es 2019 keine Solidaritätsbekundungen nach der Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU) gegeben. Im Spiegel (27.02.25) äußerte sich seine Witwe empört: “’Nach der Ermordung meines Mannes gab es ein starkes gesellschaftlich breites Bekenntnis zu unserer Demokratie und ihren Werten.’ Tausende Menschen seien auf die Straße gegangen, um sich ‘klar gegen Gewalt, Hass und Hetze sowie eindeutig für Demokratie, Freiheit und Menschlichkeit’ zu positionieren.’” Mit dabei waren auch zwei Mitarbeiter:innen von FRIZZ Das Magazin für Kassel, die ich abends treffe. Vorher schaue ich mir wieder einmal den Rahmenbau an, das Wahrzeichen der documenta 6. Später sitze ich im Café Nenninger am Friedrichsplatz und lese ein Interview mit Daniel Cohn-Bendit in der Frankfurter Rundschau. Er hat sofort erkannt, welcher Verlust den Grünen droht: “Genau dieses Weiterdenken von Robert Habeck brauchen die Grünen (…) als aktiver Impulsgeber – sowohl in der Partei als auch in der Gesellschaft.” (26.02.25) Fast eine halbe Million Menschen haben schon einen Offenen Brief an Robert Habeck unterzeichnet – “Du bist für viele ein Hoffnungsträger. Und Hoffnungsträger dürfen nicht gehen, wenn sie am meisten gebraucht werden, sondern müssen Führung und Verantwortung übernehmen.” Wie wahr! 

Vergesst den Wettbewerb!

Ohne sie hätte es „The Köln Concept“ nie gegeben: Mala Emde als Vera Brandes. © Wolfgang Ennebach / AlamodeFilm

Same procedure as every year. Die Berlinale ist klasse, der Wettbewerb schwach. Die neue Festivalchefin Tricia Tuttle konnte bei der 75. Ausgabe des Festivals da (noch) keine neuen Impulse setzen. Warum Filme im Wettbewerb laufen, lässt sich oft nicht nachvollziehen. Das mag strategische Gründe der Verleiher haben, zeigt aber wieder einmal, dass die Berlinale zwar das größte Publikumsfestival der Welt ist, Cannes und Venedig aber ein größeres Renommée besitzen. Die stärksten Filme, die wir in diesem Jahr gesehen haben, liefen nicht im Wettbewerb sondern in anderen Sektionen. “Köln 75” etwa erzählt spannend von der ersten bis zur letzten Minute die Geschichte des legendären Köln Concert von Keith Jarrett, das die erst 18-jährige Vera Brandes allen Widrigkeiten zum Trotz durchführte. Längst hat dieses Ereignis einen eigenen Eintrag bei Wikipedia: “The Köln Concert ist die Albumaufnahme des Improvisations-Solokonzertes des Pianisten Keith Jarrett, das in der Kölner Oper am 24. Januar 1975 stattfand. Es ist die meistverkaufte und bekannteste Veröffentlichung von Jarrett, außerdem die meistverkaufte Jazz-Soloplatte und meistverkaufte Klavier-Soloplatte.” 

Im Berlinale Special liefen auch “Das Licht” von Tom Tykwer, das Biopic “A Complete Unknown” über den jungen Bob Dylan (Timothée Chalamet ist für den Oscar nominiert) und “Mickey 17”, der großartige neue Film des koreanischen Regisseurs Bong Joon-ho (“Parasite”). Dieser Mickey ist das 17. Reprint des Helden, dessen Mission es ist, immer wieder zu sterben. Aber in “Niflheim” ist das kein Problem: der 3D-Drucker spuckt problemlos den nächsten Mickey aus. Mit dieser Technologie kann man Menschen beliebig oft reproduzieren. Das wird hoffentlich nie gelingen. 137 Minuten fesselt diese Utopie wahrer Menschlichkeit, die mit einer zutiefst weisen Entscheidung endet. In dieser Sektion lief gleichfalls “Heldin” mit Leonie Benesch in der Hauptrolle. Quasi dokumentarisch schildert Petra Volpe den ganz normalen Wahnsinn einer Schicht auf einer onkologischen Station, die von nur zwei Schwestern eigentlich nicht zu schaffen ist. Erstaunlicherweise lässt sich ein überwiegend junges Publikum genauso auf die 245-minütige Doku “Palliativstation” ein; das Delphi ist nachmittags voll besetzt. 

Man darf gespannt sein, wie die aktuellen Disruptionen in der Welt auf der nächsten Berlinale reflektiert werden. Oder ist das gar nicht mehr möglich, diese Dynamik der Veränderungen in Filmen einzufangen. Trump und seine Tech-Oligarchen verschieben die Machtverhältnisse in Amerika dramatisch zu ihren Gunsten und kündigen die bisherige Weltordnung auf, in deren Windschatten sich Deutschland bestens eingerichtet hatte. Womöglich raufen sich die Europäer nun endlich zusammen, statt sich von den USA und Russland spalten zu lassen. Danach sieht es derzeit aber nicht aus. Der französische Präsident Emmanuel Macron und der britische Premierminister Keir Starmer reisen nächste Woche nach Washington. Von der EU-Spitze ist niemand dabei, ebenso wenig der noch amtierende Kanzler Olaf Scholz. Nach der Bundestagswahl am Sonntag geht die Ära Merkel endgültig zu Ende.