Leben ohne Halt

Der Gamer, gespielt von Julius Gause, in Tom Tykwers Film „Das Licht“, mit der die 75. Berlinale eröffnet wurde. © Frederic+Batier_X_Verleih_AG

Wieder ein Anschlag in Deutschland. Ein 24-jähriger Asylant mit Aufenthaltsrecht ist in München in eine Demonstration der Gewerkschaft ver:di gerast und 37 Menschen zum Teil lebensgefährlich verletzt; eine Mutter und ihre zweijährige Tochter starben zwei Tage danach. Fassungslosigkeit, Entsetzen, Trauer und dann die gewohnten Reaktionen der politischen Parteien. Nach diesem Anschlag verfestigt sich weiter ein Gefühl der Unsicherheit – es kann jeden und jede treffen, eine absolute Sicherheit ist nicht möglich. Daneben belasten die Rezession, die diversen Strukturkrisen in Deutschland und eine disruptive amerikanische Politik, die auf ein Europa der Uneinigkeit keine Rücksicht mehr nimmt, die Deutschen. Zur gedämpften Stimmung trägt nicht minder bei, dass dem amtierenden Kanzler und seinem Herausforderer zündende Ideen fehlen – das Aussetzen der Schuldenbremse fordert der eine, mehr Wachstum der andere. Nicht bloß das Handelsblatt ist nach dem ersten TV-Duell ernüchtert. „Was fehlt, ist der Blick nach vorn. Warum Merz und Scholz nicht von sich aus über Bildung, Innovation, Künstliche Intelligenz und Forschung sprachen, bleibt ein Rätsel. Ein Kanzler sollte eine Vision für das Land entwickeln und die geopolitischen Entwicklungen in den Blick nehmen. Unsere Autoindustrie sucht Wege aus der Krise, und andere verdienen bald viel Geld mit Biotechnologie, Robotik oder Quantencomputern. So kann es nicht weitergehen. Doch während US-Präsident Trump voll auf KI setzt, ist sie Merz und Scholz in einer so wichtigen Debatte kein Wort wert.“ (11.02.25) 

Der Eröffnungsfilm der 75. Berlinale schildert die Situation einer etablierten, linksalternativen Berliner Familie, deren Situation zusehends außer Kontrolle gerät. Tom Tykwer will viel, allzu viel erzählen in “Das Licht”, seinem ersten Kinofilm nach neun Jahren. Die Ehe der Eltern (sie Leiterin von Entwicklungshilfeprojekten in Afrika, er Kommunikationsberater bei einem Thinktank), gespielt von Nicolette Krebitz und Lars Eidinger, ist seit der traumatischen Geburt der Zwillinge in einer Dauerkrise – man lebt nebeneinander her. Die Tochter ist Aktivistin, meist auf Droge, erlebt eine Abtreibung und findet dann eine lesbische Freundin, ihr Bruder, ein Gamer, lebt in seinen Spielwelten. Es regnet die ganz Zeit. Gegen Ende verlieren beide Eltern ihren Job und stehen vor dem Nichts. Zum Glück hat bei ihnen eine syrische Haushaltshilfe angeheuert. Die studierte Psychologin arbeitet mit einer Lampe, die neuronale Zonen im Rückenmark aktiviert, wie bei der Geburt und beim Tod. Die Therapie scheint zu gelingen; und gleichzeitig werden noch traumatische Fluchterlebnisse auf einem Schiff im Mittelmeer bewältigt. 

Ins Konzept der Amerikanerin Tricia Tuttle, der neuen Chefin der Berlinale, passt “Das Licht” perfekt. “In diesem Jahr ist auffällig”, konstatiert sie im Interview mit dem Tagesspiegel, “dass viele Filme von Menschen handeln, die mit der Komplexität der Gegenwart hadern und vor der Herausforderung stehen, durch das Leben zu navigieren und dabei ihre seelische Gesundheit zu bewahren.” (04.02.25) Mit einem Berlin-Film zur Eröffnung geht sie jedenfalls kein Risiko ein. Der Verzicht auf die parallel zum Wettbewerb laufende Reihe “Encounters” ist ebenso sinnvoll wie eine neue Spielstätte am Potsdamer Platz im Theater der Blue Man Group, das übrigens Ende August geschlossen wird.. Horst E. Wegener befindet: “Kein leichter Start für Tricia Tuttle: Nicht nur, dass gleich ihre erste Ausgabe als neue Berlinale-Chefin ein Jubiläums-Jahrgang sein wird, der zudem ausgerechnet in der heißen Phase des bundesdeutschen Polit-Wahlkampfs stattfindet, auch gilt es nach einer die Abschlussgala der Vorjahres-Berlinale überschattenden Israelhass-Debatte, umsichtig und rhetorisch gewappneter denn je zu sein.” (FRIZZ Das Magazin für Frankfurt & Vordertaunus 02/25). Bleibt zu wünschen, dass Tricia Tuttle ihre erste Berlinale ohne Stroboskoplicht übersteht. 

Das Geschenk

“Aufstand der Anständigen – Demo für die Brandmauer” vor der CDU-Parteizentrale in Berlin. © Rolf Hiller

Zum Ritual nach Demonstrationen gehört, dass die Veranstalter immer mehr Teilnehmer:innen zählen als die Polizei. Zwischen 250.000 und 160.000 waren am Sonntag beim “Aufstand der Anständigen – Demo für die Brandmauer” in Berlin auf der Straße. Die Abschluss-Kundgebung fand vor der CDU-Parteizentrale statt. Immer wieder skandierte die Menge “Shame on you CDU” als Reaktion auf Friedrich Merz’ Entscheidung, das Zustrombegrenzungsgesetz bei der Abstimmung im Bundestag auch mit Unterstützung der AfD durchbringen zu wollen. Diese All-in-Strategie ging bekanntlich nicht auf und wird von der Altkanzlerin Angela Merkel scharf kritisiert; auch einige CDU-Ministerpräsidenten gingen auf Distanz zu Merz, etwa Hendrik Wüst aus Nordrhein-Westfalen. Erstaunlicherweise kommen wir gut durch bis zum Lautsprecherwagen und hören die eindringlichen und nachdenklichen Worte der Publizistin Carolin Emcke. Sie erinnert daran, dass Deutschland die Demokratie geschenkt bekommen habe und es nun gelte, dieses Geschenk in Ehren zu halten – und zu verteidigen. 

Es geht ums Ganze, die Verteidigung der Demokratie, die sich die Bürgerrechtler der DDR 1989 erkämpften. Nach der umjubelten Wiedervereinigung, die ein Beitritt der DDR zur BRD gewesen ist, begannen für viele Menschen in Ostdeutschland bittere Jahre. Viele verloren ihre Jobs, die meisten Unternehmen wurden von der Treuhand abgewickelt, die Spitzenpositionen wurden und werden von Westdeutschen besetzt. Die Wiedervereinigung war eine freundliche Übernahme der DDR durch den Kapitalismus. Goldgräberstimmung herrschte, Ostdeutschland eine leichte Beute, an der sich viele eine goldene Nase verdienten. Um so wichtiger wäre es gewesen, einen symbolträchtigen Ort wie den Palast der Republik zu erhalten, der weit mehr war als der Sitz der Volkskammer. Bekanntlich wurde das asbestverseuchte Gebäude mitten in Berlin bis 2008 abgerissen. Dort steht nun das Humboldt Forum, ein steriler Nachbau des Berliner Schlosses – clean mit der Atmosphäre eines Kaufhauses. 

Statt die Bedeutung des hochmodernen, sehr funktionalen und von weiten Teilen der Bevölkerung geliebten Palastes der Republik anzuerkennen, stimmte der Bundestag für den Abriss auch der Grundmauern, die nach der Asbestsanierung noch standen. In einer lieblosen Ausstellung im Humboldt Forum (bis zum 16. Februar) kann man sich noch einmal einen Eindruck verschaffen. Aufschlussreich sind die Kommentare, die die Besucher:innen an verschiedenen Stationen abgeben können. “Vor dem Abriss: Kulturpalast höchster Qualität – Nach dem Beitritt: Siegermentalität + Demütigung”. “HUMBOLDT-FORUM ABREISSEN” ist gleich am Eingang zu lesen. Der AfD ist es in Ostdeutschland gelungen, dieses Gefühl der Demütigung zu instrumentalisieren und sich zum Fürsprecher von Bürger:innen zu machen, deren Leben ungeachtet einer materiellen Absicherung von Verlusten geprägt ist. Ihnen verleiht die AfD vermeintlich eine Stimme und bedroht das Geschenk der Demokratie, das die Bürgerrechtler einst für sie erkämpften. Ihre Parole war damals “Wir sind das Volk”. Geschichtsvergessenheit kann sich bitter rächen. 

Wehret den Anfängen!

„Das war mega magisch im NTH“ – Harry Keaton at his Best. © Rolf Hiller

Plötzlich ist alles ganz anders. Eine Verabredung in Frankfurt wurde kurzfristig abgesagt, und ich habe die Wahl, zu einem Vortrag von Michel Friedman zu gehen oder in ”Die Schmiere”. Meine Wahl fällt auf das Satirische Theater, das schon seit 1950 besteht. An diesem Abend steht wieder einmal ”Hart, aber fake” auf dem Programm, eine kurzweilige Abfolge von Nummern. Hier wird aufgeklärt, ohne zu belehren, immer unterhaltsam und teils umwerfend komisch. In der Pause darf das Publikum schon einmal für die Bundestagswahl am 23. Februar üben. Das Ergebnis ist eine interessante Momentaufnahme. Gewonnen haben an diesem Abend wieder die Grünen, auf dem zweiten Platz steht die CDU, die SPD landet abgeschlagen noch hinter FDP, Linken und BSW. Ein paar Tage vorher lagen die Genossen noch mit den Linken auf dem zweiten Platz. Lässt sich aus den Wahlrunden in der Schmiere etwas deuten? Gewiss nicht, aber die AfD (bestes Ergebnis: 13,6%) stößt auch hier auf Zustimmung, bei SPD (4,9 % und 22,7% und CDU (4,5% und 31,7%) schwanken die Ergebnisse weitaus stärker. 

Nachdem ein Antrag der CDU zur Verschärfung der Asylpolitik mit den Stimmen der FDP und der AfD angenommen wurde, ist Michel Friedman, der bekannte Autor und Publizist, aus der CDU ausgetreten. Das “unentschuldbare Machtspiel” des CDU Vorsitzenden Friedrich Merz habe die Büchse der Pandora geöffnet. Mehrere KZ-Überlebende haben ihr Bundesverdienstkreuz zurückgegeben, und Altkanzlerin Angela Merkel, deren oftmals erratische Politik die Ursache vieler Probleme ist, hat ihren Nachfolger und alten Rivalen schonungslos kritisiert. Was passiert da gerade? Was sind die Folgen am 23. Februar? Der Bundestag hat das von der Fraktion der CDU/CSU Union eingebrachte Zustrombegrenzungsgesetz abgelehnt; die Causa Merz muss um ein weiteres Kapitel ergänzt werden. Neu ist diese Gesetzesinitiative übrigens nicht; sie stammt aus dem September des letzten Jahres. 

Nicht einmal der Mentalmagier & Hirnakrobat Harry Keaton weiß, wie Deutschland beim nächsten Mal wählen wird. Zuzutrauen wäre es ihm allemal. Bei seinem Auftritt im Neuen Theater Höchst begeistert und verblüfft er das vol besetzte Haus. “Brain Magic: Mein Gehirn und ich” heißt sein neues Solo-Programm, das gut zwei Stunden dauert und nicht eine Sekunde zu lang ist. Wie schafft es dieses Superhirn, das Buch ”Die Zahl Pi mit 10.000 Nachkommastellen” auswendig zu können und die genaue Stelle etwa eines Geburtsdatums zu nennen. Das hat mich schon vor Jahren fasziniert und beeindruckt wie seine neue Show, die kurzweilig zwischen Close-Up-Magie, Gedächtnisakrobatik und Nummern mit dem Publikum wechselt; natürlich ist sein in Las Vegas ausgezeichneter Kaktus-Trick im aktuellen Programm. Dass der promovierte Germanist am Ende aus den Buchstaben von vier Zufallsworten aus dem Publikum einen sinnvollen Satz formt, versteht sich von selbst. “DU bist magisch”, schrieb ich dem Hirnakrobaten nach der Vorstellung begeistert. Harry at his Best! Gerne wieder.  

Auf nach Hamburg

Lilith Stangenberg als Antigone am Deutschen SchauSpielHaus Hamburg. © Thomas Aurin

Nach dem Berliner Theatertreffen 2024 stand für uns fest: wir müssen nach Hamburg fahren und alle fünf Teile von Anthropolis am Deutschen SchauSpielHaus bei einem Marathon-Wochenende erleben. Bei ihrem Solo-Auftritt in “Laios”, dem zweiten Teil des Zyklus, hatte Lina Beckmann alle und jeden begeistert. “Ich kann mich nicht erinnern”, notierte ich, “jemals einen solchen Applaus nach einer Theateraufführung erlebt zu haben. Standing Ovations. Wieder und wieder kommt Lina Beckmann auf die Bühne. Wir alle würdigen die Leistung dieser Ausnahmeschauspielerin, die gewissermaßen die Vorgeschichte von Ödipus erzählt, spielt, lebt, leidet.” Pünktlich kommen wir mit dem ICE in Hamburg an, checken im Hotel ein und eilen gleich weiter in die Kantine des Theaters. Ein langer Abend steht an – gespielt werden der Prolog und Dionysos. Gerne hätten wir dieses Erlebnis tiefenentspannt im Schlaf verarbeitet, aber am Sonnabend geht’s auf der Baustelle gegenüber pünktlich um 7 Uhr weiter. 

Passt doch. “Anthropolis – Ungeheuer. Stadt. Theben. Eine Serie in fünf Folgen” heißt das großartige Projekt. Roland Schimmelpfennig zeichnet für den Text verantwortlich und hat manche Passagen ganz neu geschrieben, die Intendantin Karin Beier inszeniert sparsam, klug und konzentriert auf den Stoff und das phantastische Ensemble. Die Fachzeitschrift Theater Heute wählte das SchauSpielHaus Hamburg zum Theater des Jahres und “Laios” zur besten Inszenierung der Saison. Das Ensemble ist wirklich glänzend besetzt und konnte die Absage von Devid Striesow zwei Stunden vor der Aufführung durch Christoph Jöde souverän ersetzen. Er spielt nicht den Ödipus, er ist an diesem Abend Ödipus wie die fabelhafte Lilith Stangenberg Antigone. Das Publikum verfolgt gebannt ihre Versteinerung, mit der sie die Strafe Kreons schon vorwegnimmt. Die Inszenierung nimmt hier den antiken Stoff bitterernst, setzt sich dann aber wieder herrlich unernst von den hanebüchenen Details ab. 

Der letzte Abend endet mit einem Sprechgesang des Chores. “Erkenntnis und Einsicht sind der Anfang allen Glücks. Niemand stelle sich gegen die Götter, Übermut, Anmaßung und falscher Stolz führen zum Sturz in die Tiefe, doch das erkennen wir zu spät im Leben.” Im letzten Herbst saß Bundeskanzler Olaf Scholz an allen drei Tagen im Publikum und könnte  an diesem Abend ins Grübeln geraten sein. Dass Donald Trump ins Deutsche SchauSpielHaus kommt, steht nicht zu erwarten. Ihn erinnerte die furchtlose Bischöfin der Episkopalkirche der USA, Mariann Edgar Budde, mit ruhigen, klaren Worten an die Menschlichkeit. „Dem US-Präsidenten ins Gesicht zu sagen”, kommentiert die TAZ, “dass seine Politik menschenverachtend ist, erfordert Mut. Mut, den gerade nur wenige beweisen. Dass Budde mit ihren Worten Trumps Herz bewegen wird, ist zwar unwahrscheinlich. Doch mit ihrer fast schon flehenden Bitte zeigt sie einer ganzen Nation und darüber hinaus, dass es möglich ist, sich den Rechten entgegenzustellen. Auch dann, wenn es mächtige Männer in politischen Ämtern sind.” (23.01.25) Die Mühen der Ebene werden ihm nicht erspart bleiben. Ich möchte den Antiken Marathon noch einmal erleben. 

Parallelwelten

Das Duo Costache riskiert riskiert immer Kopf und Kragen. © Rolf Hiller

Eine lange Doppelschlange vor dem Delphi Filmpalast in Berlin. Das Interesse an “Literatur Live”: Robert Habeck liest aus “Den Bach rauf”. So voll haben wir dieses Kino noch nie erlebt, bis auf den letzten Platz im Rang! Geduldig warten die Menschen, deren Mäntel und Taschen von der Security gecheckt werden müssen. Sie alle wollen wie der Kanzlerkandidat der Grünen “den Mut wiederfinden”. Souverän und schlagfertig führt der Moderator Micky Beisenherz das Gespräch. Habeck gibt sich nachdenklich und selbstkritisch und bewundert die Leistungen der Altkanzlerin Angela Merkel. Widerspruch regt sich im Publikum da nicht, wie es überhaupt keine Zwischenrufe oder gar Störer gibt. Tags zuvor war der viel beschäftigte, aber immer offene Habeck bei einem Gamer auf der Plattform Twitch zu Gast – unbekannte Welten nicht nur für ihn. Man kann dort einem Spieler (“Darf ich Sie Max nennen?”) jeden Tag über Stunden bei seinem E-Sport zuschauen, mit ihm plaudern und an seinem digitalen Leben teilhaben. 

Wer macht denn so etwas? geht es mir durch Kopf. Wer hat denn Zeit dafür? Beisenherz und Habeck stellen einvernehmlich fest, dass es längst keine Leitmedien mehr gibt – die Öffentlichkeit zerfällt in viele Welten, zwischen denen es kaum mehr Vermittlung gibt. Um so wichtiger, dass man noch miteinander im Gespräch bleibt, andere Meinungen gelten und stehen lässt, solange der Diskurs nicht die Grundfesten der Demokratie in Frage stellt. Eine existentielle Erfahrung als Politiker machte Habeck vor einem Jahr, als aufgebrachte Bauern ihn und seine Familie am Verlassen der Fähre in Schüttsiel hinderten. “Dennoch”, notiert er, “haben die Stunden auf der Fähre etwas verändert. Dass ich zu Hause nicht mehr zu Hause bin und dass es keinen Rückzugsort mehr gibt, aber vor allem, dass es meine Familie so direkt betrifft, ist unmittelbar geworden. Ich habe irgendwann danach mich – und meine Frau – gefragt, ob ich aufhören sollte. Aber die Antwort – auch die von ihr – war: nein.” 

Nach der Lesung bildete sich eine lange Schlange im Saal: viele wollten sich “Den Bach rauf” signieren lassen. Am nächsten Tag stand Robert Habeck neun Stunden vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum Atomausstieg. Solch ein Leben muss man wollen und können. Wie die Artist:innen im OVAG Varieté in Bad Nauheim, die ich am Vorabend erlebte. Das Duo Costache etwa riskiert bei jedem Auftritt Kopf und Kragen mit ihrer sogenannten Perche-Artistik, die sie nur ein paar Jahre ausüben können und die womöglich langfristige Folgen hat. Trotzdem machen sie ihr Ding und ziehen das Publikum in Bann. Mit zwei Shows startete der Mastermind des Programms, Andreas Matlé, 2003, heute sind es 50 in einer Spielzeit im stets ausverkauften Dolce-Theater (730 Sitzplätze). Über drei Stunden dauert die Show immer und zieht sich nicht einen Moment. Der Vorverkauf für die nächste Saison läuft schon. Dann ist der verurteilte Sexualstraftäter Donald Trump ein Jahr im Amt als amerikanischer Präsident. Man kann nur hoffen, dass die am längsten bestehende Demokratie der Welt nicht von Oligarchen wie Musk, Zuckerberg & Co. gekapert wird. Wir werden Biden noch sehr vermissen. Good bye Joe! 

Mensch bleiben

Dieses Bild wurde von der KI generiert.

Am 23. Februar findet die vorgezogene Neuwahl zum Deutschen Bundestag statt, und jetzt beginnt die große Zeit der Parolen, Slogans und Versprechungen. Die Grünen – sie stehen derzeit in den Umfragen bei 14% – plakatieren ihren Kandidaten Robert Habeck mit dem Claim “Bündniskanzler. Ein Mensch. Ein Wort”. Als ich von der Kampagne erfuhr, die von der renommierten Werbeagentur Jung von Matt stammt, dachte ich sofort an Adolf Tegtmeier. In den 60er und 70er Jahren feierte der Kabarettist Jürgen von Manger mit dieser Bühnenfigur, die herrlich breites Ruhrplatt spricht, große Erfolge in Radio und Fernsehen und auf Schallplatte – “Mensch bleiben…!” hieß ein Programm von ihm. An den herzensguten und niemals arglistigen Tegtmeier haben Robert Habeck (*1969) und seine Wahlkampfstrategen wahrscheinlich nicht gedacht, als sie ihre befremdlich menschelnde Kampagne verabschiedeten.  

Ob sich die Entscheidung für diese Strategie bei der Wahl auszahlt, zieht nicht nur Gerrit Bartels in Zweifel: “Diese Betonung auf den Menschen im ‘Team Robert’, eine ebenfalls anbiedernd-peinliche Konstruktion, ist der reine Kitsch und vor dem Hintergrund der eigentlichen Ziele der Grünen (mehr als 14 Prozent, Bündnispartner werden, das selbst in einer Regierung mit der CDU/CSU) entleert es das Menschliche im Menschen zusätzlich.” (Tagespiegel, 09.01.25) Womöglich wird der Einfluss der Kampagnen, der Auftritte der Spitzenkandidaten in Medien und vor Ort, der Haustürwahlkampf und die Infostände auf Straßen und Plätzen überschätzt. Angeblich wissen über 70% der Menschen “draußen im Lande” schon jetzt, welche Partei sie im Februar wählen werden. Spannender denn je wird es auf jeden Fall, denn niemand kann seriös vorhersagen, wie sich die Wahlrechtsreform zur Verkleinerung des Bundestags auswirkt. Holt Die Linke drei Direktmandate oder schafft sogar 5%? Fliegt die FDP aus dem Bundestag, und bleibt das BSW bei 5% wie in den letzten Umfragen? 

Stünden Die Grünen besser da, wenn sie sich wieder stärker auf ihre Wurzeln besinnen würden? Wahrscheinlich nicht. 2024 war wieder einmal das wärmste Jahr, noch nie waren die Meere wärmer. Dass ein Zusammenhang zwischen unserem Lifestyle und den Naturkatastrophen besteht, realisieren die meisten vielleicht nur, wenn sie direkt betroffen sind. Der nächste amerikanische Präsident, der unbelehrbar auf fossile Energien setzt, hat den Verantwortlichen für die Brände in Los Angeles denn auch schon ausgemacht: den demokratischen Gouverneur Gavin Newsom. “Gestern wurde halb Hollywood evakuiert”, schreibt mir heute Morgen Uwe Bettenbühl, der Filmredakteur von FRIZZ Das Magazin, der seit Jahrzehnten in Los Angeles lebt. “Unsere Nachbarschaft südlich davon ist nicht direkt betroffen, ein Evakuierungsmandat haben wir bisher nicht bekommen, kämpfen aber täglich mit Feuergestank und Asche, die auf unser Haupt regnet. Der Himmel ist orange gefärbt. LA im Sci-Fi-Look.” Mensch bleiben wir nur mit der Natur. Nicht gegen sie. 

Zuversicht

Ohne Zuversicht geht beim Stuhlakrobaten Sarban Troupe gar nichts. © Rolf Hiller

An Grüßen und Wünschen fehlt es nie beim Jahreswechsel, in der Zeit der Rauhnächte (altertümliche Schreibweise), also der Zeit vom 25. Dezember bis zum 6. Januar. “Die Raunächte sind eine Zeit, die seit der frühen Neuzeit für Geisteraustreibung oder -beschwörung, den Kontakt mit Tieren oder wahrsagerische Praktiken geeignet sein soll.” (Wikipedia) Zumindest sind die Tage ‘zwischen den Jahren’ eine Zeit der Besinnung. Das Leben scheint ruhiger zu verlaufen; man lässt das vergangene Jahr Revue passieren und spekuliert, was das neue wohl bringen möge. Die guten Wünsche und Vorsätze sind meist schnell vergessen, aber eine Anregung der Schriftstellerin Thea Dorn geht mir die ganze Woche nicht aus dem Kopf: man solle die Zuversicht trainieren wie einen Muskel. Statt sich in der “German Angst” immer weiter herunterziehen zu lassen, sollte man die Hoffnung nicht aufgeben – trotz aller berechtigter Zukunftssorgen. Das Buch dazu hat die Wissenschaftlerin Hannah Ritchie geschrieben: “Hoffnung für Verzweifelte. Wie wir als erste Generation die Erde zu einem besseren Ort machen” (Piper) 

Dass nicht alle Mitmenschen hierzulande das neue Jahr freudig & friedlich beginnen wollen, scheint ein deutsches Problem zu sein. Während man in Sidney, London oder New York den Jahreswechsel mit prächtigen öffentlichen Feuerwerken feiert, nutzen hierzulande immer mehr vor allem Männer die Böllerei, um ihren Aggressionen freien Lauf zu lassen. Wieder ganz vorne dabei die Bundeshauptstadt. 4.000 Polizisten waren im Einsatz, um Eskalationen oder Übergriffe auf Rettungskräfte zu verhindern. Fassungslos brachte es einer von ihnen auf den Begriff: “Die haben Silvester mit Krieg verwechselt”. Statt endlich ein Böllerverbot durchzusetzen, eiern viele Politiker herum. Der Regierende Bürgermeister der Stadt, Kai Wegener, lehnt das ab und möchte stattdessen das Waffenrecht verschärfen. Kugelbomben, die einige Menschen das Leben kosteten und schwerste Verletzungen hervorriefen, und Straßenschlachten, die ganze Häuser in der Nacht unbewohnbar machten, haben mit dem viel beschworenen Brauchtum und dem Spaß an einer Silvesterknallerei nichts mehr zu tun. Dieser (auch ökologische) Wahnsinn muss ein Ende haben! 

Aus gutem Grund fuhren wir am Silvesterabend mit dem Auto zum Tempodrom. Öffentliche Räume beherrscht von Böllergangs und die Fahrt mit der U-Bahn meiden wir an diesem Abend. Im 20. Jahr tritt der Circus Roncalli hier mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin auf; diese Kooperation verdankt sich übrigens einem Fehler beim Buchen, denn Roncalli und das DSO bekamen 2004 beide den Zuschlag für diese Location am 31. Dezember. Was tun? Man entwickelte ein gemeinsames Programm und hat damit seit Jahren großen Erfolg. Auch diesmal ist das Publikum wieder begeistert von den fantastischen Artisten, die ohne Zuversicht ihre riskanten & schwindelerregenden Nummern nicht vollbringen könnten. Beschwingt fahren wir nach Hause, stoßen erst kurz nach Mitternacht an, freuen uns an ein paar Wunderkerzen und auf 2025, zuversichtlich! 

Zufälle

Unterwegs in eine ungewisse Zukunft: „Glaube, Geld, Krieg und Liebe“ von Robert Lepage an der schaubühne. © Gianmarco Bresadola

Die Karten sind begehrt. Fast alle Aufführungen sind ausverkauft. Das Publikum ist neugierig auf die fünfstündige Inszenierung “Glaube, Geld, Liebe und Krieg” von Robert Lepage an der Berliner schaubühne. Der legendäre Regisseur hat erstmals ein Stück mit den Schauspieler:innen dieses Theaters erarbeitet, das zum Glück das harte Spardiktat des Senats dieses Mal überstehen konnte; die nächsten Kürzungen sind bereits für 2026 angekündigt. Mit dieser Schauspieltruppe hat Lepage im Verlauf eines Jahres ein Stück erarbeitet, das eine verschlungene Geschichte über achtzig Jahre erzählt. “Ich interessiere mich”, erzählt er im Programmheft, “für die ständige Unsicherheit, in der wir Menschen leben. Die Unsicherheit bringt uns dazu, Pläne zu schmieden, Versicherungen abzuschließen, aber dann zerstören Kräfte, die größer sind als wir, unsere Pläne und verändern alles.” Nicht treffender könnte man die Stimmung im Lande derzeit beschreiben. 

Die Geschichte gleicht einer Skizze, hätte dringend vertieft und verdichtet werden müssen, schlägt immer neue Volten, will zu viel erzählen. Daran krankt der (allzu) lange Abend. Mal sind wir bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung, dann flüchtet sich eine Frau aus ihrer Ehe in die Spielsucht, ein Zauberer tritt auf, die Liebe eines Soldaten im Afghanistankrieg zu seinem Hund wird erzählt, schließlich möchte ein homosexuelles Paar ein Kind und nutzt das billigste Angebot: die Dienste einer ukrainischen Leihmutter. Die Eizellenspenderin ist die Ex eines der Männer, lebt inzwischen in Amerika und entschlüsselt am Ende das aberwitzige Personengeflecht. Nur sieben Schauspieler:innen stemmen hervorragend den Abend, Bühnenbild & Videoinstallation beeindrucken mit wenigen Mitteln, aber nur der vierte Teil “Krieg” kann mich fesseln. Nicht wegen der Story, sondern weil wir plötzlich in unserer Gegenwart angekommen sind. 

“Die Geschichte schreitet blitzschnell voran, und alles, was die Menschen für normal halten, verändert sich unentwegt.” (Lepage) Der kommende US-Präsident möchte Grönland und den Panama-Kanal und Kanada sogar als 51. US-Bundesstaat. Geht’s noch? Dass Populisten derzeit Hochkonjunktur haben, ist kein Zufall. Sie versprechen einfache Lösungen, die nicht zu haben sind. Die Konkurrenz auf dem Weltmarkt ist knüppelhart, längst werden die Standards nicht mehr in Europa gesetzt. Immer stärker geben die Chinesen die Richtung vor, etwa bei der E-Mobilität. Die Börse ist dafür ein Sensor. Nicht mehr die Dickschiffe aus der Auto- und Chemiebranche zählen zu den wertvollsten deutschen Unternehmen: SAP hat alle abgehängt und macht allein 40% des Gewinns aller DAX-Unternehmen, zumeist im Ausland. Das Geschäftsmodell Deutschland funktioniert nicht mehr. Im Interview mit dem Deutschlandfunk erinnert Michael Hüther, der Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft, daran, dass die Vollzeitarbeitnehmer in der Schweiz pro Jahr 249 Stunden mehr arbeiten als ihre Kollegen hierzulande. Um noch einmal Lepage zu zitieren: “Für jede Generation werden die Karten neu gemischt, neue Chancen, neue Hindernisse.” Zumindest fair sollte es dabei zugehen. Glück auf 2025!

Tünkram

Naomi Beckwith, die künstlerische Leitung der documenta 16, soll 2027 den angeschlagenen Ruf der wichtigsten Kunstmesse der Welt wieder herstellen. Foto: Nicolas Wefers

“Fritze Merz erzählt gern Tünkram”, keilte Olaf Scholz gegen den Kanzlerkandidaten der Union zurück. Friedrich Merz hatte dem unbeliebtesten Kanzler aller Zeiten vorgeworfen, er verhalte sich bei EU-Gipfeln häufig sehr zugeknöpft. Da hat Scholz, der gerne comichafte Verkürzungen wie Wumms oder Bazooka einsetzt, wieder einen rausgehauen. Vielen ist der Begriff Tünkram überhaupt nicht bekannt. Ich kenne das Verb aus meiner Kindheit. Wenn ich etwas erzählte, was nicht stimmen konnte, bekam ich zurück: “Du tünst ja.” Jahrzehntelang hatte ich dieses Wort nicht gehört oder benutzt. Es klingt nicht so abwertend und hart wie lügen, eher nach einem geheimen Einvernehmen zwischen den Handelnden. Für mich hatte es immer die Konnotation “das glaubst Du doch wohl selber nicht.” Ehrabschneidend klingt Tünkram für mich nicht, aber es zeigt doch, hier steht einer unter unter Druck. Was treibt diesen Olaf Scholz an, der jeden Tag mächtig einstecken muss und keine Fortüne im Amt hatte. 

Sein Selbstbewusstsein ist unerschütterlich, oder liegt da schon eine Selbsttäuschung vor? Die Zahlen des aktuellen ARD-Deutschland-Trends lesen sich für die Parteien der gescheiterten Zukunftskoalition ernüchternd: SPD und Grüne jeweils 14%, FDP 3%. Noch ernüchternder die Umfrage zur Beliebtheit der Kandidaten und der Kandidatin – Friedrich Merz (CDU) 28%, Robert Habeck (Grüne) 27%, Olaf Scholz (SPD) 19% und Alice Weidel (AfD) 17%. Der kurze Winterwahlkampf dürfte deshalb hart und persönlich werden, zumal keine Partei schlüssige und finanzierbare Konzepte vorlegt, wie Deutschland, das Schlusslicht aller G7-Staaten, wirtschaftlich wieder auf die Beine kommen soll. Das Geschäftsmodell, billig Rohstoffe zu importieren, um dann teuer Fertigprodukte zu exportieren, hat keine Zukunft mehr. Deutsche Waren sind international oft nicht mehr konkurrenzfähig. Unternehmenssteuern senken, wie das CDU und FDP insinuieren, hilft da nicht; erst recht nicht die Staatsausgaben steigern (SPD). Eine schonungslose Bestandsaufnahme muss her – eine Agenda 2040. 

Die erfolgte zu spät nach dem Debakel der documenta 15. Viel zu lange wurde 2022 laviert und relativiert, als es massive Proteste gegen den unverhohlenen Antisemitismus auf der bedeutenden Kunstmesse gab. “Es war eine mutige und richtige Entscheidung”, notierte ich damals, “die documenta fifteen von ruangrupa kuratieren zu lassen, dem Globalen Süden eine prominente Plattform zu geben. Dass der Antisemitismus dort weit verbreitet und akzeptiert ist, muss der Findungskommission klar gewesen sein; an Warnungen hat es nicht gefehlt. Die bedeutende Kunstausstellung wurde keine „Antisemita“ (Der Spiegel), aber Antisemitismus im Namen der Kunstfreiheit zu tolerieren sollte ausgeschlossen sein.” Nun ist es an Naomi Beckwith, den Ruf der documenta wieder herzustellen. “Die am New Yorker Guggenheim-Museum tätige Kunsthistorikerin”, schreibt Kathrin Geraldine Bode (Redaktionsleitung FRIZZ Das Magazin für Kassel), “wird die documenta 16 im Jahr 2027 kuratieren – das ist großartig. Bei ihrer Vorstellung überzeugte sie mit großer Expertise und viel Herz – und sie wird internationales Renommee in unsere Stadt bringen. Seit der d12 im Jahr 2007 habe sie jede documenta gesehen, berichtete Beckwith, sie sei sofort ‘obsessed’ vom Konzept der Kunstschau gewesen. Trotz der verkürzten Vorbereitungszeit wird die documenta 16 vom 12. Juni – 19. September 2027 in Kassel stattfinden – ich freue mich auf diese documenta und unsere Gastgeberrolle für nationales und internationales Publikum.” Zumindest da kommt Freude auf. 

Zweifel

Regisseur Edward Berger gibt letzte Anweisungen vor einer Szene seines Papst-Thrillers Konklave. © Leonine Studios

“Der Hauptverband der Filmtheater rechnet für das Jahr 2024 mit nur 90 Millionen verkauften Tickets, das ist ein historisches Tief. Vor der Pandemie waren es fast 30 Millionen mehr”, bilanziert der Tagesspiegel (30.11.24). Erfreulicherweise ist die Vorstellung am frühen Abend im Delphi Filmpalast in Berlin recht gut besucht. Selten einmal gehe ich vollkommen unbefangen ins Kino. Über “Konklave” von Edward Berger wusste ich nichts. Filme, die im Vatikan spielen und sich mit einer Papstwahl beschäftigen, interessieren mich nicht. Um so mehr bin ich überrascht, dass “Konklave” nach dem Bestseller von Robert Harris vom ersten Moment an fesselt. Regie, Mitwirkende, Kamera und Musik – alles passt bei diesem spannenden Film. Action gibt es nicht; alles spielt sich im Vatikan ab, hinter Schloss und Riegel. Die Wahl eines Papstes ist hoch geheim und im Ablauf unspektakulär, aber Edward Berger erzählt dieses Procedere als Allegorie eines Machtkampfes. Die Kardinäle aus aller Welt kämpfen mit allen Mitteln um Macht und Einfluss.  

Kardinal Lawrence (großartig Ralph Fiennes) ist vom Papst vor seinem Tod damit beauftragt worden, die Wahl eines würdigen Nachfolgers zu gewährleisten. Er stellt eigene Ambitionen zurück. Einmal erinnert er an Jesus, der in seiner Todesstunde mit seinem Glauben hadert – “Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen.” Unser Handeln solle von Zweifel, nicht von Gewissheit geprägt sein, fordert Lawrence. Diese Tugend wünschte man sich bei Politiker: innen einer Partei, die sich sogar christlich nennt. Kaum war der syrische Diktator Baschar Hafiz al-Assad geflohen, wurde schon die Rückführung der syrischen Flüchtlinge aus Deutschland gefordert. Besonders populistisch gab sich wieder einmal Jens Spahn, der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag. Als ehemaliger Gesundheitsminister sollte ihm doch klar sein, wie wichtig etwa die 5.800 syrischen Staatsbürger sind, von denen viele in Krankenhäusern arbeiten. 

Die weitere Entwicklung in Syrien lässt sich nicht abschätzen; Leerformeln aus deutschen Landen sind nicht angebracht. “Jetzt kommt es darauf an, dass in Syrien schnell Recht und Ordnung wieder hergestellt werden”, phraselte Bundeskanzler Olaf Scholz am Sonntag – nach über fünfzig Jahren Terrorherrschaft der Assad-Familie. Das geschundene Land braucht jede Unterstützung, aber keine weltfremden und selbstgefälligen Belehrungen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung brachte es in einem Kommentar treffend auf den Punkt: “Wenn jetzt über ein Engagement beim Neuanfang des Landes gesprochen wird, dann sollte man nicht vergessen, dass die europäische Machtlosigkeit auch selbst verschuldet war. Wer Isolation als außenpolitische Strategie wählt, der beschneidet seine Möglichkeiten und überlässt das Feld anderen. In Syrien waren das bekanntlich Russland und Iran. Deshalb sollte man den siegreichen Aufständischen jetzt nicht gleich wieder ein grünes Lastenheft vorlegen. Wenn Baerbock eine Zusammenarbeit von einem Idealzustand abhängig macht, zu dem Frauenrechte und Minderheitenschutz gehören, dann hat das mehr mit deutschen Ansprüchen zu tun als mit der syrischen Realität. Deutschland muss lernen, dass Außenpolitik nicht Missionierung ist, sondern in erster Linie Interessenwahrung.” (13.12.24) Für die Rechte von Frauen und Minderheiten erreicht eine Diplomatie der Diskretion mehr als eine der Parolen. Hoffentlich auch in Syrien!