Wilder Westen

Zum Abschluss gibt es bei den Karl-May-Festspielen am Wochenende immer ein Feuerwerk. © Karl Grünkopf

Von Husum nach Bad Segeberg sind es knapp 140 Kilometer. Mit der Bahn dauert die Reise fast drei Stunden; man muss zweimal umsteigen. Die Regionalzüge sind am Sonnabendvormittag sehr voll. Es gibt offensichtlich eine hohe Nachfrage nach diesem Angebot. Das mobile Leben in der Provinz ist deutlich beschwerlicher als in einer Großstadt, wenn man kein Auto besitzt. Wir leben in einem Staat, in dem die Verkehrspolitiker jahrzehntelang der individuellen Mobilität den Vorrang gegeben haben. Von der im Grundgesetz proklamierten Gleichheit der Lebensverhältnisse kann keine Rede sein – wer auf dem Land kein Auto besitzt, hat eben geloost. Wenn dann noch Krankenhäuser und Arztpraxen schließen (müssen), haben Populisten jedweder Couleur leichtes Spiel, im Osten wie im Westen. 

Ziemlich beste Freunde aus Berlin haben ein smartes Auto und holen uns an der Haltestelle mitten im Gewerbegebiet von Bad Segeberg ab. Wir wollen abends endlich einmal zu den Karl-May-Festspielen gehen, die sich seit ihrer Gründung im Jahr 1952 zu einem Publikumsmagneten entwickelt haben. Die braven Inszenierungen locken mit TV-Stars und sind massenwirksam angelegt. Taschenkontrollen gibt es nicht; man darf Getränke & Essen mitnehmen. Heuer steht Winnetou II auf dem Programm ohne Old Shatterhand, das Alter Ego von Karl May im Wilden Westen. Das hatte ich genauso vergessen wie die schöne Ribanna, die der edle Apachenhäuptling selbstlos seinem Rivalen Old Firehand überlässt. Am Ende seines Lebens bezeichnete Karl May seine Abenteuerromane als “Vorwerk” und hielt 1912 kurz vor seinem Tod in Wien die viel beachtete, pazifistische Rede “Empor ins Reich der Edelmenschen”. (Wikipedia) 

Am nächsten Tag geht ein ikonisches Bild um die Welt: unmittelbar nach dem beinahe tödlichen Anschlag steht Donald Trump auf, reckt die Faust nach oben und ruft: “Fight!” Der Bursche ist hart im Nehmen. Skandale, Prozesse und Verurteilungen scheinen an ihm abzuprallen. Geschickt gibt sich der Multimilliardär und Dealmaker (in eigener Sache) als Stimme der weißen amerikanischen Underdogs aus (“make America great again”). Wie ein 21Jähriger an ein Schnellfeuergewehr und Sprengstoff kommen konnte, steht wieder einmal nicht zur Diskussion. Nicht einmal Barack Obama hat sich mit der einflussreichen amerikanischen Waffenlobby angelegt und strengere Gesetze auf den Weg gebracht. Der harmlose Wilde Westen von Bad Segeberg ist in Amerika jeden Tag blutiger Ernst, nicht nur wenn ein Präsidentschaftskandidat im Fadenkreuz steht. Donald Trump dürfte wohl die nächste Wahl im November gewinnen. Dann wird es richtig ernst werden für die “weltbesten Trittbrettfahrer” (Wolfgang Ischinger) aus Deutschland. Und nicht nur für die! 

Kampf gegen die Zeit

Von Berliner Fernsehturm nach Madrid ist es 1.000 km weiter als nach Kiew. © Rolf Hiller

Nachrichten im Fernsehen sehe ich fast nie. Während der EURO 2024, die ich sehr sporadisch live verfolge, kam im ZDF heute journal ein Bericht, wie sich die Menschen in der Ukraine auf die permanente Kontingentierung des Stroms einstellen. Eine Mutter berichtet, dass sie ihr kleines Kind in den 22. Stock tragen müsse, und natürlich die Lebensmittel. Eine andere Frau steht nachts auf, kocht dann und macht ihren Job im Home Office. Sie klagen nicht an, sie geben nüchtern zu Protokoll und beeindrucken um so mehr. Wenn bei uns mal das Internet für ein paar Momente ausfällt, fangen schon alle an zu hyperventilieren. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine dauert jetzt schon zweieinhalb Jahre und regt niemanden mehr auf, es sei denn Putins willige Armee bombardiert ein Kinderheim. 

Wie lange kann die Ukraine noch durchhalten, wo nehmen die Menschen dort ihre Kraft und ihre scheinbare Gelassenheit her? Die Zeit scheint gegen sie zu laufen. In Europa haben die Rechtspopulisten & Putin-Adepten immer mehr Zulauf, und in Amerika spielt die Zeit dem Kriegsverbrecher in die Hände. Die Chancen für Joe Biden, erneut gegen Donald Trump zu gewinnen, stehen schlecht; den Demokraten läuft die Zeit davon. Es dürfte ihnen kaum mehr gelingen, eine Kandidatin oder einen Kandidaten aufzubauen, der eine Chance gegen den Lügen-Rambo Trump hätte. Was das für die Ukraine, was das für die NATO und für uns Europäer bedeuten wird, kann man sich nicht schaurig genug ausmalen. Für die Grünen gibt es da nichts zu gewinnen; deshalb dürfte Annalena Baerbock der Verzicht auf die Kanzlerkandidatur für ihre Partei nicht schwergefallen sein. Dass die (noch) amtierende deutsche Außenministerin ihre Entscheidung in Amerika verkündete, macht sie auch nicht bedeutsamer. 

Derweil geht der deutsche Wechselsommer ohne Märchen weiter. Unser Team schlug sich weit besser als befürchtet und schied unglücklich gegen die großartigen Spanier aus. Die Verlängerung erlebten wir – offline versteht sich – im Zelt am Roten Rathaus. Dort spielte die Komische Oper Berlin vier Wochen lang vor ausverkauftem Haus die Operette “Messeschlager Gisela” von Gerd Natschinski. Während der in jeder Beziehung harmlosen Schmonzette aus der Modewelt wurde das begeisterte Publikum en passant über das Ergebnis des Spiels informiert. Draußen war die Stimmung nach der unglücklichen Niederlage überhaupt nicht aufgeheizt oder aggressiv. Man bewunderte den von einem Sponsor illuminierten Fernsehturm und ging an diesem frischen Abend seiner Wege. Von dort ist es nach Kiew deutlich kürzer als etwa nach Madrid. Daran kann man nicht immer denken. Wir sollten es aber nicht vergessen. 

Mythen

Das Autokino in Zempow war das einzige in DDR. Inzwischen wird es von einem Verein weiter betrieben. © Karl Grünkopf

Zu den deutschen Fußballmythen zählt die legendäre Wasserschlacht am 3. Juli 1974 im Frankfurter Waldstadion, die ich miterlebt habe. Der Bruder hatte ein Ticket gewonnen und es an mich abgetreten, weil er mit den Eltern nach Dänemark fuhr. Ich war dabei, doch die Erinnerungen sind verwaschen. Habe ich das einzige Tor des Matches von Gerd Müller wirklich im Stadion gesehen? Wo habe ich geparkt? Wie bin ich vollkommen durchnässt nach Hause gekommen? Die Begeisterung nach dem deutschen WM-Titel dann war unbeschreiblich. Daran fühlte ich mich erinnert bei dem Spiel Deutschland – Dänemark bei der EURO 2024 – lange nicht mehr so gebrüllt bei einem Match. Was Wunder, denn ich gucke schon lange nicht mehr das Millionenspiel Fußball. Derzeitiger Spitzenreiter im Big Business ist der Portugiese Cristiano Ronaldo, der in der Hofnarrenliga der Saudis kickt und alles in allem 247 Millionen Euro (Forbes) pro Jahr kassiert, also schlappe 676.712,33 Euro pro Tag!!! 

Mit einem Wochensalär könnte der Kicker wahrscheinlich locker den gesamten Kulturetat der Stadt Wittstock Dosse tragen. Zu dieser Kleinstadt im Nordwesten von Brandenburg zählt der Ortsteil Zempow mit 116 Einwohnern (31.12.2023). Dort gab es das einzige Autokino der DDR, das immer noch existiert und inzwischen von einem Verein getragen wird. Das Kino liegt am Ende der Welt und beeindruckt mit einem spannenden, ungewöhnlichen Programm mit interessanten Filmgesprächen. Ein Besuch dieser Legende steht schon lange auf meiner Bucket-List, aber heuer wollte es sich wieder nicht fügen. Es ist in Zeiten wie diesen wichtig, dass eine Institution wie das Autokino Zempow weiter bestehen kann, nicht aus Sentimentalität, sondern um ein Stück authentischer DDR-Kultur in dieser dünn besiedelten, entlegenen Gegend zu erhalten. 

Wie wichtig es ist, eine eigene Identität zu behaupten, kann man in dem aufschlussreichen Band “Ungleich vereint. Warum der Osten anders bleibt” (edition suhrkamp) des Soziologen Steffen Mau erfahren. Dass sich eine Wiedervereinigung nicht planen oder steuern lässt, steht außer Frage. Nach über dreißig Jahren muss die ”Eule der Minerva” ihren Flug beginnen. Und keiner bringt das besser auf den Begriff als Mau, der übrigens in Rostock geboren wurde. Er analysiert messerscharf den von der Bundesrepublik dominierten Prozess der deutschen Einheit – die Folgen dieser ”Kolonialisierung”, wie es manche nennen, sind bis heute spürbar und werden von rechten und linken Populisten raffiniert instrumentalisiert. “Obwohl es den meisten Ostdeutschen heute deutlich besser geht als vor der Einheit (…), gibt es doch in nennenswerten Bevölkerungsgruppen eine unterschwellige Verletzung, einen Eindruck des Zu-kurz-Kommens, der nicht selten in Ressentiment und eine skeptische Haltung gegenüber staatlichen Institutionen, Politik und Medien umschlägt.“ Mau entlarvt die deutsche Einheitserfolgsgeschichte als gefährliche Illusion. Mythen können sehr lange Beine haben. 

Falscher Alarm

Alarm im Haus der Berliner Festspiele: „Le Sacre du Printemps“ musste unterbrochen werden. © Rolf Hiller

Wieder passierte es im Haus der Berliner Festspiele. Die beeindruckende Choreografie zu Igor Strawinskys “Le Sacre du Printemps” hat eben in dichten Nebelschwaden nach der Pause begonnen, als schrille Alarmsirenen ertönen. Wir müssen das Haus umgehend verlassen, selbst meine Tasche wird mir in der noch besetzten Garderobe nicht mehr ausgehändigt. Also raus vor die Tür, die Regenschauer sind zum Glück nur schwach – wir müssen auf die Feuerwehr warten. Der Intendant des Hauses, Matthias Pees, gibt sich optimistisch, und tatsächlich dürfen Sasha Waltz & Guests noch einmal beginnen. Die Musik kommt (leider) vom Band, trotzdem fesselt Strawinskys packende, stark vom Rhythmus geprägte Komposition auch hier. Die Truppe steckt die Unterbrechung weg, findet immer neue Bilder und Bewegungen, bis das “Frühlingsopfer” bestimmt ist. Das archaische Ritual nimmt seinen Lauf, erst noch wehrt sich die fantastische Tänzerin, dann streift sie ihre Kleidung ab – bereit sich zu opfern. Langer Applaus für Sasha Waltz & Guests, die in diesem Jahr ihr 30. Jubiläum feiern. 

Als der Alarm ertönte, dachten wir sofort an den islamistischen Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz vor bald acht Jahren. Damals saßen wir auch im Haus der Berliner Festspiele und erlebten “Palermo. Palermo” von Pina Bausch. Obwohl die schreckliche Nachricht sich im Publikum verbreitete, Unmut & Unruhe aufkamen, wurde das Stück bis zum Ende gespielt. Darf man im Angesicht des Schreckens weitermachen? Man muss es sogar. Wir leben unser Leben, wir müssen die Kriege & Katastrophen immer wieder ausblenden, ohne abzustumpfen. Dieses News-Detox ist notwendiger denn je. Zufällig stoße ich in der Zeitung auf ein Wort des italienischen Denkers Antonio Gramsci aus seinen Gefängnisheften, das ich sofort notiere: “Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens.” Zum Pessimismus des Verstandes brauche ich nicht permanent Nachrichten zu hören, von Social Media ganz zu schweigen. 

Gelesen habe ich diesen Satz im Zug, der pünktlich fuhr; die Zweitklässler durften sogar in einem Wagen der Ersten Klasse reisen, der ICE war nur mäßig besetzt, alles funktionierte – eine perfekte Reise nach Frankfurt. Tags drauf war Schluss mit der Idylle. Der eben noch in der App angezeigte ICE wurde wegen “Unwetter” ersatzlos gestrichen, der RB war stickig & voll. Schicksal vieler Pendler, die das mit stoischer Geduld hinnehmen. Dass ein desolates Schienennetz Strukturschulden für die nächsten Generationen sind, schert die Gralshüter des deutschen Sonderwegs “Schuldenbremse” nicht die Bohne. Die ausländischen Fans staunen nicht schlecht über den miserablen Zustand der Deutschen Bahn. Der flotte Werbe-Spruch “Alle reden vom Wetter. Wir nicht” aus den 60er Jahren klingt genauso unvorstellbar wie die Litanei von der Wiederauflage des deutschen Sommermärchens anno 2006. Die Zeiten haben sich geändert. Dass es nun Gerüchte über die Ausdünnung oder gar Streichung von Verbindungen in Ostdeutschland gibt, ist Wasser auf die Mühlen der Populisten. Dümmer geht’s immer. 

Loose Ends

Ein neuer Zuckerwürfel in Wiesbaden: das Museum Reinhard Ernst (mre). © Rolf Hiller

Wir haben uns zuletzt vor dem Krieg getroffen, vor dem russischen Überfall auf die Ukraine, oder sogar noch vor Corona. In Krisen wird die Erinnerung noch trügerischer. Es gibt unvergessliche Bilder und Erinnerungen, aber wer wüsste heute noch die einzelnen Phasen der Pandemie zu unterscheiden, wer kann heute noch die Maßnahmen zeitlich zuordnen, geschweige denn begreifen. Jetzt beherrschen der Ukraine-Krieg und seine politischen Folgen und das Wahlkampfthema Migration die Schlagzeilen. Die aktuellen Umfragen zur Landtagswahl in Thüringen am 1. September sind beängstigend: AfD 28%, CDU 23%, BSW 21 %, Linke 11% und SPD 7%. Was tun? Nach den bitteren Ergebnissen der Europawahl wäre eine schonungslose Analyse der Lage angezeigt, aber der Kanzler gibt sich unbeeindruckt und macht einfach so weiter. Das dürfte sich noch bitter rächen. 

Wir wollen in die legendäre Frankfurter Apfelweinkneipe “Zu den drei Steubern”, die wir in allerbester Erinnerung haben und die nach dem Tod von Adolf Wagner lange Zeit leer stand. Einst waren wir froh, uns irgendwo dazwischen quetschen zu können. Dann stand schon der Ebbelwoi auf dem Tisch, den der ruppig-herzliche Kellner ungefragt abstellte. Herrlich. Demnächst läuft die Schänke unter dem Label “Daheim bei den Drei Steubern”. Dann brechen in der Dreieichstraße andere Zeiten an, wie wir in einer anderen Daheim-Filiale im Ebbelwoi-Viertel erlebten. Das Lokal ist draußen mäßig belegt, wir setzen uns einfach an einen der freien Tische und bekommen vom Kellner eine dicke Zigarre. Man habe sich grundsätzlich anzumelden und werde dann platziert; das Lokal sei nämlich grundsätzlich ausgebucht. Zumindest an diesem Abend war das keineswegs der Fall, und der Herr der Tische ließ uns gnädig sitzen. Ebbler & Essen sind von guter Qualität. 

Unbedingt möchte ich mir am nächsten Tag noch “Max Pechstein. Die Sonne in Schwarzweiß” anschauen. Die klug kuratierte Ausstellung im Museum Wiesbaden kontrastiert die farbkräftigen Gemälde des bedeutenden, expressionistischen Malers mit seinen “handgemachten” Druckgrafiken, die in ihrer vermeintlichen Reduktion um so nachhaltiger wirken. Seine Arbeiten in Schwarzweiß bekommen in Zeiten des Klimawandels zudem eine apokalyptische Grundierung. Die Sonne verursacht schon jetzt in vielen Ländern fatale Dürren – die schwarze Sonne könnte man als Vorbotin des Todes sehen. Mit dieser Deutung gehe ich ein Haus weiter: zum Zuckerwürfel, wie die Wiesbadener:innen schon vor der Eröffnung am 23. Juni das “mre” nennen. Das Museum Reinhard Ernst, das seine spektakuläre Sammlung moderner Kunst zeigt, wurde vom kürzlich verstorbenen japanischen Architekten Fumihiko Maki gebaut und schmückt den Anfang der Wilhelmstraße. Sicherlich hätte ihm gefallen, was der grandiose Schauspieler Donald Sutherland († 20. Juni 2024) über den Tod sagte – “eine kleine, einsame Reise”.    

Sirenenalarm

Bis hierher und nicht weiter: Hinter dem Seil beginnt das Naturschutzgebiet. © Karl Grünkopf

Mitten in der Nacht schreckt mich der Heulton der Sirenen auf; flackerndes Blaulicht ist zu sehen. Auf dem Feldweg stehen zwei Feuerwehrautos und der Polizeiwagen der Insel. Der Einsatz scheint schon beendet zu sein. Was passiert ist, werden wir erst am nächsten Tag erfahren. Ein junger Mann aus dem Haus gegenüber feierte mit ein paar Freunden. Weit nach Mitternacht machten sie dann vor dem Haus ein Feuer, um alte Sachen abzufackeln. Eine Schnapsidee. Die Flammen schlugen hoch; ein Nachbar rief die Feuerwehr. Es ging glimpflich aus. In den letzten Tagen hatte es immer wieder geregnet, und der Wind kam von Westen. Wäre es trocken gewesen und der häufig drehende Wind wäre von der anderen Seite gekommen, hätte eine Katastrophe passieren können. Viele Häuser in der Nähe der Brandstelle haben ein Reetdach und hätten leicht Feuer fangen können. Seine Fahrlässigkeit kommt den Burschen teuer zu stehen: er muss den Einsatz der Feuerwehr bezahlen. 

Am nächsten Tag ist die Welt scheinbar wieder in Ordnung. Wir fahren mit dem Rad zur Nordspitze der Insel und machen vom Dornbusch einen langen Spaziergang am Strand entlang bis ans Ende der Welt. Hier beginnt das nur mit einem alten Seil abgetrennte Naturschutzgebiet des Neubessin. Bei den Sturmfluten im Herbst und Winter wird immer Sand von der Steilküste abgetragen und hier angespült. Man wähnt die Veränderungen mit bloßem Auge zu erkennen. Einst werden wohl Rügen und Hiddensee zusammenwachsen. Vor diesen gewaltigen Naturprozessen relativieren sich die politischen Verhältnisse. Bei der Wahl zur Gemeindevertretung spielen die traditionellen Parteien allesamt kaum eine Rolle; dieses Phänomen kann man inzwischen in vielen Gemeinden und kleinen Orten beobachten. Welche Interessen die Akteur:innen vertreten, ist von außen schwer zu beurteilen. Die Insel muss sich weiter entwickeln, ohne sich wie die Balearen und Kanaren dem Tourismus auf Gedeih und Verderb auszuliefern. 

Dagegen gibt es am Ausgang der Europawahl nichts zu deuteln. Gewonnen haben in Deutschland die Union und die Populisten, deren einfache Antworten auf komplizierte Fragen gerade in Ostdeutschland und bei jungen Wähler:innen verfangen. Der Jugendstudie 2024 nach blicken sie ”so pessimistisch wie nie” in die Zukunft. Ihre Erfahrungen in der Corona-Zeit, der Ukraine-Krieg, die immer konkreteren Folgen des Klimawandels, Angst vor Altersarmut und Wohnungsnot in den Großstädten – die Leichtigkeit der frühen Jahre ist dahin. Viele Menschen in Ostdeutschland sind hingegen fest von ihrer Opfererzählung überzeugt. Ficht das den Kanzler ohne Nerven gar nicht an? Heute, am 14. Juni, feiert der sogenannte Scholzomat seinen 66. Geburtstag und hört vielleicht sogar den bekannten Song von Udo Jürgens mit diesem Titel. Es steht nicht gut um die SPD und um das Land, dem er als Kanzler verpflichtet ist. Hört er nicht die Sirenen? 

Aufklärung

Szene aus dem „Horrorfilm“ über den Besuch der Bienen. © Karl Grünkopf

Der Mord in unserer gutbürgerlichen Straße in der letzten Woche hat viele aufgewühlt und ist inzwischen aufgeklärt. Zwei Leser dieses Blogs schickten mir unterschiedliche Quellen, die bestätigten, dass die Frau, die nur einige Häuser weiter wohnte, das Opfer einer Beziehungstat wurde. Ein früherer Geliebter stach sie am helllichten Tag nieder und flüchtete dann. Die Polizei hatte ihn bereits im Fokus, traf ihn aber in seiner Wohnung nicht mehr lebend an. Er hatte seine Mutter und sich selbst umgebracht. Der Fall ist geklärt. Wieder einmal wurde eine Frau Opfer einer Beziehungstat; das passiert aktuell in Deutschland durchschnittlich alle drei Tage. In unserer viel beschworenen Zivilisation gab es vor zwei Jahren 122 Femizide, quer durch alle sozialen Schichten. Nicht minder schockierend: insgeheim gibt es oft sogar noch Verständnis für die Männer.  

Das Unheimliche verliert seine Macht, wenn wir es begreifen. Wir sitzen beim Essen auf der Terrasse und hören ein Brummen, das immer stärker wird. Unzählige Insekten, vermutlich Bienen, nähern sich in einer Wolke. Wir flüchten ins Haus. Im letzten Jahr hatten uns Wespen heimgesucht; viele waren durch einen Spalt in einer Abdeckung bis ins Treppenhaus vorgedrungen. Es ging damals glimpflich aus, weil uns ein furchtloser Hiddenseer beisprang. Die meisten Wespen aber fielen ohne erklärbaren Grund tot zu Boden. Der diesjährige Insektenschwarm schien vorübergezogen zu sein. Abends zeige ich meinen “Horrorfilm” einer Biologin, mit der wir eine vogelkundliche Wanderung über die Insel machen. “Das sind Bienen”, bestätigt sie. Am nächsten Tag gelingt es uns, die ortsansässigen Imker ausfindig zu machen. Sie wohnen am Rande des Hexenberges und haben ihr “Volk” schon gesucht. Das Ehepaar kommt vorbei und kann uns beruhigen: die Königin hat sich mit ihren rund fünftausend Bienen unter dem Reetdach eingenistet. Sie gehören zur Rasse der Carnica und sind überhaupt nicht aggressiv. Welcome! 

Seit fünfzehn Jahren reisen wir schon nach Hiddensee und kommen jedes Jahr ein bisschen mehr an auf der Insel. Manchmal hilft dabei der Zufall. In der Eismanufaktur gibt es eine kleine Unstimmigkeit mit der jungen Frau hinter der Theke. Sie rennt wutentbrannt zu ihrer Chefin, die den Konflikt charmant und souverän klärt und uns zu einer WG-Party einlädt. Nicht nur in Europa wird am Wochenende gewählt, die Hiddenseer können auch über ihren Bürgermeister und die Gemeindevertretung entscheiden. Die Wahlgemeinschaft Hiddensee tritt für einen nachhaltigen Tourismus ein, der sich der kulturellen Tradition der Insel bewusst ist und eine behutsame Erneuerung des Hafens von Vitte anstrebt, in einem Wort: kulturelle Angebote im Geiste der Tradition statt bunter Kapitänsabende. Hier sind wir richtig, lernen viele gute Hiddenseer kennen, erfahren viel Neues über die Inselgesellschaft und stecken uns stolz den WG-Button an. Am Sonntagabend gehen wir wieder in die “Fischerklause” und morgens in den Gottesdienst. Es gibt noch viel zu erfahren. 

So fern, so nah

Das Haus, vor dem der Mord am helllichten Tag geschah, ist in den digitalen Karten verschlüsselt.

Die Nachricht erreicht uns unvermittelt am späten Abend. In unserem sog. gutbürgerlichen Wohnviertel wurde eine Frau am helllichten Tag vor ihrer Haustür erstochen; sie starb noch bevor der Rettungswagen eintraf. Wir sind schockiert, und mir geht diese ungeheuerliche Tat immer wieder durch den Kopf. Je näher Mord und Totschlag rücken, um so stärker berühren sie. Wie oft bin ich an der Jenaer Straße 24 vorbeikommen, vielleicht kannte ich das Opfer vom Sehen. Wer hat das getan? Warum wurde unsere Nachbarin ermordet? Die Kriminalpolizei sperrte nach der Tat die Straße ab, schlug für die Ermittlungen ein Zelt auf und suchte in den Vorgärten nach der Tatwaffe. Im Netz stoße ich (natürlich) auf die Bild Zeitung, die am ausführlichsten berichtet. “Die Frau hat sich nach dem Messerangriff vor dem Haus offenbar noch zum Gartenhaus geschleppt und ist dann dort zusammengebrochen. Das Opfer konnte noch ihren Mann rufen, der ihr helfen wollte. Wenig später trafen Sanitäter und ein Notarzt ein. Doch für die Frau kam jede Hilfe zu spät.” 

Wir sind auf Hiddensee. Hier strahlt alles Ruhe und Frieden aus. Die autofreie Insel in der Ostsee vor Stralsund hat ihren eigenen Rhythmus und zieht die Gäste unweigerlich in ihre Zeit. Insulaner scheinen weiter weg zu sein von den Geschehnissen in der Welt, obwohl man hier wie überall ständig informiert sein kann. Man ist weg und trotzdem immer da. Der britische Publizist David Goodhart unterscheidet Somewheres, also Menschen, die ortsgebunden arbeiten müssen, von den Anywheres, die mit & dank der modernen Informationstechnologie überall auf der Welt ihre Tätigkeit ausüben können. Bei den Anywheres verschwimmt die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit. Was diese permanente Verfügbarkeit auf lange Sicht bedeutet, wird sich weisen. Was durch das Mobile-Office alles auf der Strecke bleibt, wird jetzt erst langsam erkannt: Kreativität wird durch persönlichen Austausch möglich und lässt sich nicht durch digitale Meetings ersetzen. 

Entschleunigung ist auf Hiddensee nicht leeres Programm, sie wird täglich gelebt und erfahren. Das Leben läuft gemächlicher ab, mit menschlichem Maß. Es gibt wenige Angebote. Man kann nicht unter dutzenden Filmen, Bühneninszenierungen, Konzerten oder sonstigen Veranstaltungen wählen: es gibt eine oder keine. Diese Reduzierung von Komplexität ist ungeheuer wohltuend. Heute Abend wird das Figurenstück “Caspar David Friedrich – Stimmen aus dem Nebelmeer” gegeben. Vielleicht erfahren wir dann noch ein bisschen mehr über diesen Lieblingsmaler der Deutschen als (bis jetzt) in Florian Illies’ Hörbuch “Zauber der Stille. Caspar David Friedrichs Reise durch die Zeiten”. Nach einem entspannten Tag auf der Insel verfängt der Zauber bei mir ziemlich schnell. Mit einem Glas Roten schlafe ich rasch ein. Trotzdem will mir der Mord in unserer Straße nicht aus dem Kopf gehen. 

Stadt ohne Zentrum

Kein Kunde nirgends mehr. © Rolf Hiller

Am liebsten bin ich mit dem Fahrrad unterwegs; ich sehe mehr und kann meine Route beliebig ändern. Nach Durchquerung des herrlichen Berliner Tiergartens ist meine erste Station die Friedrichstraße, die ihre beste Zeit vor 100 Jahren hatte und nach der Wende maßlos überschätzt wurde: sie war und wird nie ein großzügiger Boulevard wie die Champs Élyssée oder der Ku’damm. Trotzdem setzte das Management der französischen Kette Galeries Lafayette auf diesen Standort. Anfangs brummte es in diesem Konsumtempel, und die Berliner:innen standen sich die Beine in den Bauch, um ein bisschen Savoir Vivre zu erleben und echten französischen Fromage zu kaufen. Das ist lange her und Ende Juli gehen die Lichter aus. Wenigstens einmal will ich die Galeries Lafayette Berlin noch sehen – und bin enttäuscht. Wenige Kund:innen kommen an diesem strahlenden Nachmittag zum Shoppen, die legendäre Käsetheke ist auf Supermarkt-Niveau einer Kleinstadt geschrumpft. Das Ende der Galeries Lafayette Berlin signalisiert das Ende der Kauhäuser: dieses Geschäftsmodell ist gegen den Online-Handel chancenlos. 

Leere Stuhlreihen als Mahnmal auf dem „Platz der Hamas-Geiseln“. ©️ Rolf Hiller

Auf der (engen) Friedrichstraße geht’s weiter zu einer Prachtstraße vergangener Zeiten, die jedes Flair verloren hat: Unter den Linden. Mein Ziel ist der Bebelplatz, eine abweisende Steinwüste ohne Struktur, konzipiert von sogenannten Stadtplanern, ohne auch nur im Geringsten an die Menschen und ihre Bedürfnisse zu denken. Auf dem damaligen Opernplatz verbrannte am 10. Mai 1933 der nazistische Pöbel Tausende von Büchern; daran erinnert das eindrucksvolle Denkmal des israelischen Künstlers Micha Ullmann. Durch eine gläserne Bodenplatte sieht man leere, weiße Bücherregale. Mit Bedacht wurde dieser Ort von Aktivisten gewählt, um auf das weiter ungewisse Schicksal der Geiseln im Gazastreifen hinzuweisen. Bis zum 4. Juni heißt dieser Ort nun “Platz der Hamas-Geiseln“. Ich gehe durch die leeren Stuhlreihen und schaue mir die Porträts der Entführten an. Es hätte jede und jeden treffen können. Ihr Leben ist zum Faustpfand zynischer Machtinteressen geworden. Ihr Schicksal bleibt weiter ungewiss. 

Ein Radfahrer mit Kind droht den Aktivisten lautstark mit einer Anzeige. Touristen lassen ihre Liege-Rikschas anhalten und schauen weg. Die Sanduhr der Geiseln läuft weiter, man kann durch einen Terrortunnel gehen, der zumindest eine Ahnung für die Lage der Gefangenen vermittelt. Nachdenklich radele ich Unter den (öden) Linden Richtung Brandenburger Tor, vor dem nun für die EURO 2024 Kunstrasen liegt. Auf der Rückfahrt halte ich an der Philharmonie und gehe wie schon so oft durch die riesigen, gewellten Eisenplatten von Richard Serra, die für einen Moment ein Gefühl der Beklemmung vermitteln. Am 23. Mai wurde das 75. Jubiläum des deutschen Grundgesetzes feierlich begangen. Artikel 1 beginnt mit den Worten: “Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.” Dieses Recht gibt es für viele Menschen auf der Welt nicht. Für diese Verfassung, die gar keine ist, gilt es einzustehen – gegen Anfeindungen jedweder Art. 

Welch ein Theater!

Standing Ovations für Lina Beckmann nach ihrem Soloauftritt in „Laios“. © Monika Rittershaus, 2023

Alles neu macht der Mai. Nach dem schwachen Theatertreffen vor einem Jahr wurde das Leitungsteam, das sich von Beginn an nicht grün war, abberufen. Seit dem 1. Januar 2024 hat Nora Hertlein-Hull die alleinige Leitung, was dem Festival spürbar guttut. Die Kritiker:innen-Jury ließ sich von der Aufbruchstimmung inspirieren und wählte heuer zehn wirklich bemerkenswerte Inszenierungen aus. Das Publikum hat dafür einen feinen Sinn – die Aufführungen sind sämtlich ausverkauft, es gibt nur vereinzelt Restkarten. Ein Fest der Schauspielkunst, kaum verquaste Überschreibungen, Textflächen und Performances. Gleich unser erster Abend von den Münchner Kammerspielen hätte eine Herausforderung werden können: die Regisseurin Jutta Steckel lässt “Die Vaterlosen” von Anton Tschechow 2.45h bis zur Pause durchspielen. Zwar wurde das Haus der Berliner Festspiele gerade aufwändig renoviert, die Reihen sind aber weiterhin viel zu eng und die Stühle zu niedrig. “Zumutungsstühle”, bedeute ich meinem Hintermann zur Pause; er nickt zustimmend. In jedem Kino sitzt man besser!  

Gleichwohl vergeht die Zeit wie im Fluge – weil großartige Schauspieler:innen, eine schlüssige Inszenierung und ein eindrucksvolles Bühnenbild zu erleben sind. Jutta Steckel schöpft wieder einmal aus dem Vollen, nutzt immer wieder geschickt den ganzen Theaterraum, setzt Musik ein und geht auf das Publikum zu. Und sie hat ganz hervorragende Schauspieler:innen, allen voran Wiebke Puls, Katharina Bach und natürlich Joachim Meyerhoff, inzwischen festes Mitglied der Berliner schaubühne. Als Dorfschullehrer, Schwätzer und Schürzenjäger gibt er einen “perfekten Repräsentanten der Orientierungslosigkeit” ab, der mit seiner toxischen Männlichkeit am Ende von der Bühne gefegt wird – mit einem “Zwischenruf” der Schweizer Autorin Katja Brunner zum Text von Tschechow. Begeisterter Applaus nach einem Theaterabend der Extraklasse. Mit der schicken, schwarzen Jute-Tasche (MK: Theater der Stadt) hatte ich mir auch den Flyer “MK: Auf nach München” mitgenommen. Das exklusive Package der Kammerspiele bietet 1 Bahnfahrt 1. Klasse, 3 Übernachtungen, eine München Card und 10% Rabatt auf alle Inszenierungen ab 249,90 €. 

Als Marketing-Plattform nutzt auch das Team vom Deutschen SchauSpielHaus aus Hamburg das Berliner Theatertreffen. Die Presse-Lady ist hin und weg von Lina Beckmann, die in “Laios” ganz allein auf der Bühne steht. Geboten werden in der Hansestadt vier Marathon-Wochenenden “Anthropolis” zum Paketpreis. “Die Betten werden knapp, glauben Sie mir.” Die Dame hat nicht zu viel versprochen. Lina Beckmanns Soloauftritt über 90 Minuten ist ein Ereignis! Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen solchen Applaus nach einer Theateraufführung erlebt zu haben. Standing Ovations. Wieder und wieder kommt Lina Beckmann auf die Bühne. Wir alle würdigen die Leistung dieser Ausnahmeschauspielerin, die gewissermaßen die Vorgeschichte von Ödipus erzählt, spielt, lebt, leidet. Den Text hat Roland Schimmelpfennig geschrieben, die Intendantin der Bühne, Karin Baier, hat selbst inszeniert, sparsam und um so eindringlicher. “Laios” ist der zweite Teil von “Anthropolis – Ungeheuer. Stadt. Theben. Eine Serie in fünf Folgen”. Nach dieser Einstimmung der Extraklasse wollen wir alles erleben. Hamburg, wir kommen!