Klempner gesucht

Ähnlichkeiten rein zufälliger Natur. © Alexa auf Pixabay

Plötzlich ist der Winter gekommen, und es ist kalt geworden. Trotzdem werden wir global das heißeste Jahr seit Beginn der Klimaaufzeichnungen konstatieren müssen. Der Deutschen Bahn macht beides zu schaffen, weil man jahrelang auf Verschleiß gefahren ist. Die Reise nach Kassel beginnt in einem Ersatzzug; er ist deutlich kürzer, und die Reservierungen gelten hier natürlich nicht. Es gibt das übliche Durcheinander beim Einsteigen am Berliner Hauptbahnhof. Eine Rollstuhlfahrerin steht bis Wolfsburg im Gang, ebenso ihre Begleiter. Alltag bei der Deutschen Bahn, der sich noch deutlich verschlechtern wird, wenn keine Investitionen erfolgen. Von Kassel geht’s dann abends weiter nach Frankfurt. Der ICE kommt aus Stralsund und zuckelt auf der alten EC-Strecke durch deutsche Lande. So werden Wabern und Treysa zu ICE-Haltebahnhöfen. In Treysa geht die Reise erst einmal nicht weiter. Im vor uns liegenden Streckenabschnitt hat ein LKW einen Brückenpfeiler gerammt. Ein Statiker muss bei Nacht & Schnee her, um zu begutachten, ob unser Zug überhaupt noch über die Brücke fahren darf. 

Uns schwant nichts Gutes, doch nach nur (!) einer Stunde zuckeln wir weiter. Wohl dem, der sich auf einen Statiker oder Handwerker verlassen kann. Insofern war die Bemerkung des CDU-Parteivorsitzenden wieder einmal daneben, als er den Bundeskanzler abmeierte. „Oppositionschef Friedrich Merz”, bilanziert die taz, “nannte Scholz einen ‚Klempner der Macht‘. Das trifft nicht ganz zu. Klempner sind sehr gefragt, Scholz eher nicht, seine Umfragewerte sind auf einem Tiefpunkt. Der Kanzler verpasste die Gelegenheit, den Trend umzukehren. Ein ‚Sorry, ich habe die Lage falsch eingeschätzt‘ hätte ihm geholfen“. (29.11.23) Dass sich heutzutage glücklich schätzen darf, wer zuverlässige Handwerker kennt, ist nur eines der vielen Probleme hierzulande. Unser Fliesenleger mit dem schönen Namen Thesenwitz und sein Bruder müssen das Geschäft einstellen – sie finden keinen Nachfolger, die Knie sind kaputt. Wer will noch 25kg Zement die Treppe hoch schleppen.  

Eines muss man dem Kanzler aber lassen: er ist hart im Nehmen. “Der Spiegel” beschäftigte sich in einer Titelstory detailliert mit dem “Absturz eines Besserwissers. Wie Olaf Scholz das Land ins Finanzchaos führt” (25.11.23). Der “Kempner der Macht” zeigt sich unbeeindruckt von dieser Kampagne und wird zu Beginn der Weltklimakonferenz in Dubai eine Rede halten. Zur COP28 werden über 70.000 Teilnehmer:innen erwartet. Zweifel sind angebracht, ob die Weltgemeinschaft mehr zu Stande bringt als unverbindliche Absichtserklärungen und wohlklingende Verlautbarungen. Im Gepäck hat der Kanzler eine weitere juristische Niederlage: Das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg hat die Klimaschutzpolitik der Bundesregierung als rechtswidrig verurteilt und sie zur Vorlage von Sofortprogrammen verpflichtet. Die Klimabilanz dieses Mammut-Gipfels dürfe jedenfalls verheerend ausfallen. Dem Klima wäre mehr gedient, würde man auf solche Spektakel verzichten. Das meinen nicht nur Zyniker. 

Next Generation

Er ist blind und sieht alles: Milo Machado Graner (Daniel) in „Anatomie eines Falls“ von Justine Triet. © LesFilmsPelleas/LesFilmsDePierre

“Im Kino bist Du nie im falschen Film” heißt ein bekannter Claim der Branche. Durchaus kann es aber passieren, dass man den falschen Platz erwischt, wenn nämlich die Sitznachbarin die sog. orale Phase nie richtig überwunden hat. Ein Mann stürzt aus dem Fenster, erst auf einen Schuppen, dann zu Boden. Da die Todesursache unklar ist, muss er obduziert werden. Mit diesem Schlag beginnt “Anatomie eines Falls” von Justine Triet. Das rührt die oral Fixierte nicht im Geringsten, sie knistert und knabbert einfach weiter. Erst gegen Ende des ungemein intensiven Films ist meine Geduld erschöpft: “Können Sie das bitte unterlassen!”, raunze ich. Endlich ist Ruhe, wobei die Egoistin zurückgibt, wir sollten doch zu Hause Fernsehen gucken. Die Kinos sollten überhaupt kein Knabberzeug verkaufen. Das müssen sie aber, weil sie damit mehr Geld verdienen als mit den Tickets. 

Mit ihrer “Anatomie eines Falls” gewann Justine Triet in diesem Jahr beim Internationalen Filmfestival in Cannes die Goldene Palme. Die französische Regisseurin lässt sich Zeit mit ihrer Arbeit; “Sibyl -Therapie zwecklos” kam 2019 in die Kinos und erntete gute Kritiken. Die verschlungenen parallelen Handlungen verhindern indes jene Dichte und Konzentration, die “Anatomie eines Falls” auszeichnen. Erzählt wird hier die Geschichte einer Ehe, die in einem Gerichtsprozess aufgerollt wird, weil die Ursache des Fenstersturzes geklärt werden muss. Eine Schriftstellerin, gespielt von der fabelhaften Sandra Hüller, wird angeklagt; und in einem quälend intensiven Verfahren kommen die Freuden und Leiden einer Ehe ans Licht, bei der niemand so recht auf seine Kosten kommt. Diese Dekonstruktion erlebt der 11-jährige Sohn des Paares – seit einem Unfall als Kind ist er erblindet. Mit diesen Wahrheiten über seine Eltern wird Daniel, eindringlich gespielt von Milo Machado Graner, nun weiter leben müssen. 

Die Qualität des Filmes, der 150 Minuten bannt, ist seine Vieldeutigkeit; es gibt keine einfachen Antworten, Erklärungen und Lösungen. Wahrheit ist, was die handelnden Personen als Wahrheit anerkennen. Wie im Leben, wie in der Politik sind einfache Lösungen heute weniger denn je zu haben. Es ist ja aller Ehren wert, dass in Deutschland seit 2009 verfassungsrechtlich eine Schuldenbremse gilt, um die Staatsschulden nicht Daniels Generation zu hinterlassen. Dieses Prinzip zum Dogma erhoben wird aber zum Problem, wenn die Zukunft eines Landes auf dem Spiel steht. Eine Staatsverschuldung von 65% (2022) nutzt den nächsten Generationen überhaupt nichts, wenn dadurch die Erneuerung eines Landes auf allen Ebenen verhindert wird. In naher Zukunft werden die Kosten der Klimakatastrophen die Kosten für eine aktive Klimapolitik bei weitem übertreffen. Über die Aussetzung der Schuldenbremse braucht man sich dann keine Gedanken mehr zu machen. Allein die Flutkatastrophe vor zwei Jahren hat mehr als 40 Milliarden Euro gekostet. “Nichthandeln ist viel teurer als Handeln”, sagt einer, der weiß, wovon er spricht. Jörg Asmusen ist Geschäftsführer des Verbands der Deutschen Versicherungswirtschaft. 

Flucht aus Flein

Hier könnten Thriller spielen – die Unterführung in Flein. © Karl Grünkopf

Vom Hauptbahnhof Heilbronn geht es weiter mit dem Bus nach Flein, einem kleinen Ort in Baden-Württemberg mit 7.500 Einwohnern. Der Fahrer ist noch eine Respektsperson und weist einen Passagier harsch darauf hin, dass “hier nicht gegessen wird”. An der “Sommerhöhe” steige ich aus und laufe einen guten Kilometer durch ruhige Straßen mit soliden Ein- oder Mehrfamilienhäusern; davor stehen die üblichen Mittelklassewagen. Kaum jemand ist um 18 Uhr zu Fuß unterwegs, erstaunlich viele Fenster sind dunkel. Hier wohnt gediegener Mittelstand. Siedlungen wie diese könnten irgendwo in Deutschland sein. Zumindest der Name meines Hotels fällt auf: “Wo der Hahn kräht”, ein wuchtiger Bau aus den 70er oder 80er Jahren. Ich checke ein, fülle den Meldezettel aus, den die Betreiber zwei Jahre lang aufheben müssen. Es ist eben (fast) alles geregelt hierzulande. Das macht Deutschland aus, daher rühren nicht wenige Probleme. Allein 3.500 Bauvorschriften soll es geben.

Auf dem Weg zur Feier “30 Jahre Moritz” muss ich durch eine Unterführung laufen, die mich sofort fasziniert. Sie ist nur 1,90 m hoch und voller Graffitis. Ich muss mich beim Gehen etwas bücken; es ist ein bisschen unheimlich plötzlich in Flein. So könnten Thriller beginnen. Ich erreiche unbehelligt die Kulturhalle Flina, wo mein Geschäftspartner heute seinen ganz großen Auftritt hat. Wie die vielen Gäste erfahre ich im Laufe des Abends einiges über die Gründung & Entwicklung des Stadtmagazins “Moritz”, das inzwischen mit elf Ausgaben bis nach Stuttgart erscheint. Vor dem bunten Programm muss ich mich auf den Weg machen – kurzfristig hat die GDL zum Streik aufgerufen, mitten in den Verhandlungen und mit einer Vorwarnzeit von nur 24 Stunden. Mit ihrem Ego-Shooter Claus Weselsky an der Spitze nutzt diese Spartengewerkschaft rücksichtslos ihre privilegierte Position, um die Interessen ihrer Mitglieder durchzupeitschen.

Zurück durch den Gruseltunnel ins Hotel. Nachrichten hören, den nächsten Tag vollkommen neu planen. Statt nach Frankfurt geht es gleich nach Berlin, mit dem Bus, zwei Regionalzügen und dem ICE. Das Risiko mehrerer Umstiege nehme ich in Kauf. In einem uralten Zug – die Datumsanzeige steht auf dem 31.03.2004 – fahre ich nach Würzburg. Vom bayrischen Wahlkampf hängen auf einem Bauhof noch die Plakate der AfD – “Kein Krieg gegen Russland”. Mit solchen Parolen wurden die Rechtspopulisten zur drittstärksten Kraft im Freistaat und strafen alle Lügen, die immer noch glauben, die sogenannte “Alternative für Deutschland” wäre nur in Ostdeutschland erfolgreich. Die Zukunft nimmt sich derzeit jedenfalls gruseliger aus als die Unterführung in Flein, die ich niemals vergessen werde. Zumindest die Anschlüsse in Würzburg und Bamberg wurden sicher erreicht – ein Lichtblick!

Multiversum

„Jazz ist sowieso unverwüstlich.“ (Alexander von Schlippenbach) © Rolf Hiller

Der Film “Die Theorie von Allem” des jungen Regisseurs Timm Kröger wurde in diesem Jahr als einziger deutscher Beitrag im Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig gezeigt. Als Verbeugung vor den Hollywood-Filmen der 50er Jahre erzählt der beeindruckende Mystery-Thriller die Geschichte eines angehenden Physikers, dessen Welt bei einem Kongress in den Schweizer Bergen buchstäblich aus den Fugen gerät und in viele Parallelwelten zerfällt. Das wird meisterhaft ins Bild gesetzt und ist mit den Schauspieler:innen Jan Bülow, Olivia Ross und Hanns Zischler großartig besetzt. Freilich verliert sich “Die Theorie von Allem” in den (allzu) vielen Geschichten und findet nicht zu seiner Story. “Der vornehmlich in Schwarzweiß gedrehte Arthaus-Thriller“, resümiert der Kritiker Uwe Bettenbühl, ”gestaltet sich als Referenz auf klassisches Filmemachen, mit einem zuweilen demonstrativen Score und einer erst mainstreamigen, dann utopischen Geschichte, die viel Raum für Spekulation bietet.” (FRIZZ Das Magazin, 10/23) 

Das Multiversum außerhalb unserer Realität bleibt ein faszinierendes Rätsel; die multiperspektivische Sicht auf unsere Welt prägt längst unseren Alltag. Das Konzept des JazzFest Berlin 2023 unter dem Titel “Spinning Time” scheint sich daran orientiert zu haben. Der Reigen reichte heuer von reichlich ambitionierten Projekten der künstlerischen Leiterin Nadin Deventer bis zur Verbeugung vor den Altmeistern der Improvisierten Musik. Es fehlten indes die Young Lions, junge Musiker:innen mit Esprit etwa aus der schwer angesagten Londoner Szene, zumindest auf der Großen Bühnen des Hauses der Berliner Festspiele. Dort imponierte der 80-jährige Posaunist Conny Bauer, der mit dem Albert-Mangelsdorff-Preis für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde, mit einem Trio in freier Improvisation. 

Gegen ihn blieben die Legenden Henry Threadgill (79) und Fred Frith (74) blass, präsenter dagegen der Drummer Andrew Cyrille im Duo mit dem Saxophonisten Bill McHenry; der Schlagzeuger war schon 1969 mit Cecil Taylor bei den Berliner Jazztagen zu erleben und bedankte sich jetzt launig beim “Staff” des Festivals. Wirtschaftlich war die 60. Ausgabe des JazzFest Berlin wieder ein großer Erfolg – es kamen 7.000 Besucher:innen, alle Konzerte waren ausverkauft. Weniger Projekte wären indes mehr gewesen, weniger Wiederholungen auch. Sylvie Courvoisier, Mary Halversom und Eve Risser hatte Nadin Deventer schon einmal eingeladen. Den unverbrüchlichen Optimismus eines Alexander von Schlippenbach ficht das nicht an, der mit seiner Partnerin Aki Takase “Four Hands Piano Pieces” zu Beginn des Festivals spielte; für diese “Weltpremiere” gab es viel Applaus. “Aber Jazz”, wird er im Programm-Leporello zitiert, “ist sowieso unverwüstlich. Er geht durch alle Stile durch und transformiert sich.” Dann kann ja beim 60. Geburtstag des JazzFest Berlin 2024 eigentlich nichts schief gehen. 

Heute hier, in Deutschland

Screenshot YouTube

Ist das ein Zufall? Das Programm im Herbst 2023 im Neuen Theater Höchst heißt “SPIN! – Das neue Varieté dreht sich” und die 60. Ausgabe des JazzFest Berlin hat  “Spinning Time” als Titel gewählt. Die Zeit scheint schneller zu vergehen, die Welt ist aus den Fugen. Jeden Morgen höre ich intensiv Radio, dann erst wieder spätabends. Tagsüber mache ich meinen Job wie immer. Diese Normalität schafft Distanz zu den Kriegen und Katastrophen in der Welt. Dieser Abstand gaukelt eine Sicherheit vor, die es nie gab und nie geben wird. Um so wichtiger sind kleine Fluchten ins Kino, ins Varieté oder ins Konzert. Die Illusion, einige Stunden alles zu vergessen, muss sein. Maik Paulsen hat mit jungen Artist:innen ein wunderbar leichtes, poetisches Programm zusammengestellt, das ganz auf eine Conférence verzichtet. Die überaus sympathische Truppe feierte mit “SPIN!” ihren Abschluss bei der Staatlichen Artistenschule in Berlin und tourt seitdem mit dieser Show.  

Da wird keine seelenlose Perfektion zelebriert, sondern ein lockeres, witziges Programm mit originellen Ideen gezeigt, kurzum: “SPIN!” kommt gut rüber. Die Artist:innen wirken bei aller Hochleistung nahbar, menschlich; in einer Runde mit ihnen würde sich auch Robert Habeck wohlfühlen. Der Vizekanzler und Wirtschaftsminister hat die Gabe, klar, deutlich und glaubhaft zu sprechen. In einer knapp zehnminütigen Videobotschaft hat Habeck in wünschenswerter Deutlichkeit zum Antisemitismus hierzulande von rechts und von links (!) Stellung bezogen und erneut darauf hingewiesen, dass die hier lebenden Juden & Jüdinnen nicht für die Politik Israels verantwortlich sind. Es ist bedrückend & beschämend, was Mitglieder der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt Habeck berichteten. Die Kinder haben Angst in die Schule oder in den Sportverein zu gehen. Die Eltern haben Angst, ein Taxi zu nehmen, und schreiben Briefe ohne Absender, um die Empfänger zu schützen. “Heute hier, in Deutschland. Fast 80 Jahre nach dem Holocaust.”  

Robert Habeck, der als Wirtschaftsminister Fehler gemacht hat und dafür einstand, hat eine Rede gehalten, die dem Kanzler gut zu Gesicht gestanden hätte. Wenn die Situation Israels wirklich deutsche Staatsräson ist, hätte Deutschland gegen die UN-Resolution stimmen müssen, ohne Wenn und Aber. Stattdessen lavierten Olaf Scholz und seine Außenministerin herum, und der grüne Außenpolitiker Jürgen Trittin fand dürftige Erklärungen für dieses unsägliche Verhalten. Habeck bekam für seine Rede einhelligen Beifall in den Kommentaren. “Hier spricht nicht der grüne Klimaminister”, heißt es etwa in der Ulmer Südwest Presse. “Hier spricht ein Staatsmann, der keine Angst davor hat, unbequeme Tatsachen auszusprechen. Damit knüpft er an die Anfänge der Regierungszeit an, als der Super-Pragmatiker angesichts von Energieknappheit grüne Überzeugungen hinten anstellte, in Umfragen beliebtester Politiker war und Kritiker neidisch auf seinen Kommunikationsstil blickten. Mit dieser einen Videobotschaft hat Habeck seine parteiinterne Kontrahentin, Außenministerin Annalena Baerbock, düpiert und sich im Rennen um die Kanzlerkandidatur nach vorne katapultiert.“ (03.11.24) Heute Abend geht die “Spinning Time” weiter. Zweiter Tag des JazzFest Berlin. 
 

Panzerstraßen

Allein auf weiter Flur. © Karl Grünkopf

Wer die Karte nicht genau liest, wird durchgerüttelt. Mit ziemlich besten Freunden bin ich übers Wochenende im Spreewald. In unserem Teppich-Hotel haben wir Räder gemietet und fahren entspannt los – auf dem gut ausgebauten Fahrradweg mit dem Gurken-Symbol. Gegen Ende der Tour wollen wir den Weg abkürzen und nehmen eine Strecke “Nicht zum Radfahren geeignet”. Dort treffen wir nur ein Pärchen zu Fuß und einen Kollegen, der sich auf seinem Bike in die Gegenrichtung durchkämpft. Die Panzerstraßen ziehen sich endlos hin. Immer wieder denke ich an die kriegerischen Auseinandersetzungen im Gazastreifen mit dem unendlichen Leid der Zivilbevölkerung und an den Ukraine-Krieg, der noch weiter nach hinten in den Nachrichten gerutscht ist. Eine Lösung in den Kriegsgebieten ist nicht in Sicht. Bald beginnt der Winter in der Ukraine, die Unterstützung durch Amerika wird von den Republikanern immer mehr in Frage gestellt.

Am nächsten Vormittag kommen wir noch einmal durch Burg. In diesem beschaulichen Ort hatten zwei Lehrer im Frühjahr auf rechtsextreme und rassistische Vorfälle an ihrer Schule hingewiesen. Daraufhin wurden die beiden gemobbt und bedroht. Da sie keine (!) Unterstützung durch die Schulleitung erfuhren, haben die beiden Pädagogen Versetzungsanträge gestellt und die Schule inzwischen verlassen. Der Landkreis Dahme-Spreewald gilt als Hochburg der AfD, deren Kandidat bei der Landratswahl am 8. Oktober die meisten Stimmen bekam. Bei der notwendigen Stichwahl am 12. November stellen sich alle bürgerlichen Parteien hinter Sven Herzberger (parteilos). Dass Abwehrbündnisse gegen die AfD keine wirksame Strategie gegen die Rechtspopulisten sein können, scheint inzwischen bei der Ampel erkannt worden zu sein.

Womöglich hofft man sogar insgeheim, dass die Egoshooterin Sahra Wagenknecht mit ihrem Bündnis der AfD bei den Landtagswahlen 2024 in Brandenburg, Sachsen und Thüringen Stimmen abjagen kann. Die charismatische Linkspopulistin und Putin-Versteherin will sich mit ihrem Bündnis Sahra Wagenknecht für eine andere Migrationspolitik, eine stärker national ausgerichtete Wirtschaftspolitik und soziale Gerechtigkeit einsetzen. Mit diesem Konzept könnte sie für viele Unzufriedene eine Anlaufstelle werden. Ihrer Initiative “aufstehen. Die Sammlungsbewegung” verzeichnete zwar ein ordentliches Feedback in den Medien, scheiterte aber schon nach kurzer Zeit krachend. Vielleicht findet sie sich in dem Satz “Ich bin der Mensch, auf den ich gewartet habe” wieder. Diese Worte meiner Yoga-Meisterin gehen mir seit unserer Stunde gestern immer wieder durch den Kopf. Nicht nur deshalb versuche ich, keinen Unterricht bei ihr zu verpassen. Om.

Social Studies

Trouvaille in Bad Schmiedeberg © Karl Grünkopf

Wer war das? Beim Spaziergang durch Bad Schmiedeberg fällt mir dieses Schild sofort ins Auge: Buchhandlung ARD. In der Auslage statt Büchern Kinderklamotten. Nun könnte es ein Zufall sein, dass ausgerechnet der erste und der letzte Buchstabe des Namens abgefallen sind. Oder irgendjemand mit Sinn für dadaistischen Humor war da am Werke und hat einen subversiven Kommentar zu den Öffentlich-Rechtlichen abgegeben. Dieser Laden sticht aus der Trübsal der zerplatzten Hoffnungen hervor. Die meisten Geschäfte sind dicht, kaum jemand ist am Sonntagvormittag bei herrlichem Wetter im Städtchen uff’ de Gass’. “Das staatlich anerkannte Moor-, Mineral- und Kneippheilbad Bad Schmiedeberg”, steht bei Wikipedia, “liegt im Naturpark Dübener Heide etwa 30 km südöstlich der Kreisstadt Lutherstadt Wittenberg und etwa 50 km nordöstlich von Leipzig.” Die Lektorin dieser Zeilen ist dort einige Wochen zur Kur, sonst wäre ich wohl kaum in diesen kleinen, netten Ort gekommen, der dem Strukturwandel der Städte (noch) nichts entgegensetzt.

In der Abgeschiedenheit des Kurbetriebes sind die aktuellen Kriege und Konflikte der Welt so weit weg wie auf dem Zauberberg. Ein Klick in die (öffentlich-rechtlichen) Nachrichten und man ist wieder drin in der bedrückenden Situation. Längst ist der Krieg der Israelis gegen die Terrororganisation Hamas in Berlin angekommen. Der immer latent existierende Antisemitismus hat ein bedrohliches Ausmaß angenommen. Die Polizei der Hauptstadt bekommt Unterstützung aus den Bundesländern. Wie beim Angriffskrieg Putins auf die Ukraine ist es wieder an der Zeit, eine radikale Bestandsaufnahme zu machen und sich von lieb gewordenen Illusionen zu verabschieden. Es gibt in der arabischen Community einen massiven Antisemitismus, es gibt in Deutschland Parallelwelten mit archaischen Ideologien, es gibt dort eine bedenkliche Distanz zu unseren Normen & Werten. Das ist die dunkle Seite der Multi-Kulti-Gesellschaft, deren Konsequenzen niemand mehr verleugnen kann.

Niemals würde ich einen Gläubigen, der immer noch zur katholischen Gemeinde gehört, für die Verbrechen dieser Kirche verantwortlich machen, ebenso wenig wie einen Menschen mit persischen Wurzeln für die Verbrechen der Ayatollah. Juden & Jüdinnen hingegen werden mit dem Staat Israel gleichgesetzt, wie der Rabbiner Shlomo Afanasev am Tag nach dem Anschlag auf eine Synagoge feststellt und betont: “Juden in Deutschland und anderen Ländern sind nicht für die Politik der israelischen Regierung verantwortlich oder dafür, ob Israel einen Fehler macht.” (Tagesspiegel, 19.10.23) Am Wochenende soll es in Berlin eine Demonstration für Israel geben. Leider kann ich nicht dabei sein. Mit zwei Freunden fahre ich in den Spreewald. Viele Themen werden uns beschäftigen, auch der Tod von Carla Bley. Am 17. Oktober ist sie im Alter von 87 Jahren gestorben; einer der Freunde schreibt, er habe keine:n Musiker:in so verehrt wie sie. Ich lege ihre Schallplatte “Social Studies” (1981) auf, die ich schon so oft gehört habe. 

Neue Schrecken

Alles für die Wissenschaft. © Rolf Hiller

Nolens volens bin ich dabei. Am Sonntag (!) rief unsere Hausärztin an und erfuhr, dass ich mich auch mit Corona infiziert habe und mit leichtem Fieber im Bett liege. Ich willige ein, kurz mit ihr zu telefonieren; und sie schafft es, mich als Probanden für eine Corona-Studie der Charité zu gewinnen. Alles für die Wissenschaft. Am nächsten Tag erscheint zur verabredeten Stunde ein Mitarbeiter. Wir erledigen die Formalitäten, hierzulande natürlich analog. Dann erhalte ich eine Einweisung. Täglich muss ich über den Verlauf berichten und insgesamt 7 PCR-Tests machen, der unangenehmste Teil des Programms. Nach der Blutentnahme am Esstisch verabschiedet sich der freundliche Herr und dankt noch einmal für meine Unterstützung. Zwei Tage später muss ich den ersten Abstrich im Rachen machen. Ich hatte ganz vergessen, wie unangenehm das sein kann. Wir alle haben vergessen, wie bedrückend & beängstigend Corona am Anfang gewesen ist, wie wir um Impftermine kämpften und schicksalsergeben noch die idiotischsten Anweisungen befolgten. Nun ist Corona wieder da, die Zahl der Infektionen nimmt rapide zu, aber die Krankheit hat ihren Schrecken verloren.

Der Tag der Landtagswahlen in Bayern und Hessen wird überschattet vom Angriff der Hamas auf Israel, der das Land vollkommen unvorbereitet traf. Der Mossad, angeblich der beste Geheimdienst der Welt, und das israelische Militär, angeblich eine der besten Armeen der Welt, wurden von der massiven Attacke ebenso kalt erwischt wie die Weltöffentlichkeit. Die Berichte von dort sind bedrückend, die Bilder vom Jubel über den Hamas-Terror aus Berlin Neukölln verstören. Wenn die Solidarität mit Israel deutsche Staatsräson ist, wie Olaf Scholz unmissverständlich klar machte, dann ist dringend zu klären, was arabische Kulturvereine im Schilde führen, was in den Moscheen passiert und wo öffentliche Gelder für den Gazastreifen möglicherweise landen. Arbeit zuhauf für eine wertegeleitete Innen- und Außenpolitik. Dass viele jüdische Einrichtungen hierzulande permanent unter Polizeischutz stehen müssen, ist ein Skandal, den wir nur nicht wahrhaben wollen. Neulich begegnete ich einem jungen Vater, der eine Kippa trug, mit seinem Sohn. In Neukölln würde er das sicher nicht riskieren.

Wer hätte gedacht, dass die beiden Landtagswahlen eine deutsche Einheit der negativen Art anzeigen. Nicht länger kann man in den westlichen Bundesländern den östlichen die Erfolge der AfD vorhalten. In Hessen wurde die Partei mit “verfassungsfeindlichen Bestrebungen”, so das Bundesverfassungsgericht, mit 18,4 % zur zweitstärksten Partei im Wiesbadener Landtag; in Bayern, wo der Söder Markus das schlechteste Ergebnis für die CSU seit 1950 holte, landete sie mit 14,6 % auf dem dritten Platz. Die Stimmung im Lande spiegelt sich im aktuellen ARD-Deutschlandtrend: die Ampel kommt nur noch auf 33%, kaum mehr als die Union, die jetzt bei 29 % steht; bundesweit würden dieser Befragung zu Folge 23 % die AfD wählen! Höchste Zeit, dieser Partei den Wind aus den Segeln zu nehmen. Auf Dauer lässt sich eine Politik gegen den Genossen Trend nicht durchhalten; das scheint in der Berliner Blase inzwischen angekommen zu sein. Hoffentlich nicht zu spät!

Einheit

Das „E“ liegt in der Schublade. © Karl Grünkopf

Vor über zwei Jahren begannen die ersten Planungen. Termin & Location mussten für ein großes Familienfest gefunden werden. Über die Republik verteilt, hatte sich ein Dream-Team gefunden, das allen Unwägbarkeiten und Überraschungen eines solchen Projekts gewachsen war. Als Ort wurde schließlich Schloss Ziethen in Brandenburg bestimmt, mehrere Besuche hatten zuvor stattgefunden. Damit begann erst die richtige Arbeit der vier Musketiere, die ich nur en passant verfolgte. Schließlich ist alles unter Dach und Fach, das lange Fest-Wochenende rückt immer näher – und damit die bange Frage nach Corona. Mit dem Beginn des Herbstes ist das Virus wieder da; trotzdem gibt es nur wenige Absagen. Ein heiteres, inniges und immer wieder inspirierendes Fest beginnt; eine Tante ließ sich weder von ihrem Alter noch von der Entfernung schrecken und kam eigens aus San Francisco angedüst. 

Sie war nicht die Einzige, die für dieses Familienfest aus Amerika anreiste. Was Zusammenhalt bedeutet, habe ich in diesen Tagen gespürt. Dass eine solche Einheit ein großes Glück ist, ging mir in diesen Tagen immer wieder durch den Kopf. Sinnigerweise gehen wir am ”Tag der deutschen Einheit” auseinander. Erst beim Abschied fällt mir die Inschrift über dem Eingang ins Schloss auf: “DEM VER…INIGEN GEWIDMET 1994″. Das “E” liegt in der Schublade, erzählt mir die Mitarbeiterin an der Rezeption munter. Da müssen wir alle es ganz schnell herausholen, denn um die deutsche Einheit steht es schlechter denn je. Die Diktatur in der DDR wird verdrängt & verklärt, die AfD gewinnt im Osten Deutschlands immer größere Zustimmung, Putins Angriffskrieg auf die Ukraine wird insgeheim bewundert oder schlicht ignoriert. In unsicheren Zeiten wie diesen ist Familie wichtiger denn je, in den Worten eines unserer Jüngsten: „Das war voll das allerschönste Fest. Es war sooo schön….” 

Inzwischen hat sich eine Signal-Gruppe gebildet; dieser Messaging-Dienst versorgt uns mit Bildern und Nachrichten. Leider werden immer neue Infektionen mit Corona gemeldet. Bereits während des Festes musste sich ein Paar zurückziehen und erschien nur noch kurz mit Maske. Leider hat es auch die Tante aus San Francisco erwischt, doch vermag das Virus die Erinnerungen an unser Fest nicht trüben. Es hätte schlimmer kommen können; es wäre eine Katastrophe gewesen, wenn die Hälfte hätte absagen müssen. Die Infektionen werden hoffentlich alle gut überstehen und schnell vergessen. Das Fest auf dem Schloss und unsere “Einheit” werde ich in allerbester Erinnerung behalten. Zum guten Schluss noch ein treffliches Zitat von einem der Orgatiere: ”Denke ich an unsere wundervollen Familientage in Ziethen zurück, schiebt sich immer wieder ein Bild in den Vordergrund: Die strahlende F. umringt von Jungen und Alten, stets hellwach und energiegeladen – unsere schöne Familienmatriarchin.” Von dieser Einigkeit & Innigkeit werden wir alle lange zehren. Gerne wieder. Bald! 

Drinnen & Draußen

Notruf an der Haustür. © Rolf Hiller

Die Angst geht um in deutschen Landen. Was mache ich, wenn meine Wohnung gekündigt wird und ich keine Alternative finde? In ihrer Not greifen viele zur Selbsthilfe, hängen Zettel aus und versprechen hohe Belohnungen für eine Vermittlung. Neulich bot eine Familie 5.000 Euro an. Letzte Woche hing ein Hilferuf an unserer Haustür: 3.300 in bar für eine Wohnung ab 1.5 Zimmer. Und sie ist bereit, dafür monatlich 900 Euro Miete zu zahlen; natürlich wird sie Kücheneinbauten und Schränke übernehmen. Kürzlich wurde der Untermietvertrag eines Mitarbeiters in einen Hauptmietvertrag gewandelt – neun Hunderter wurden dafür verlangt, bar auf den Tisch. Die Lage bei Wohnimmobilien wird sich in den nächsten Jahren weiter dramatisch verschärfen: es wird in Deutschland zu wenig, zu teuer und zu aufwändig gebaut. Im Musterland der Bürokratie gibt es nicht weniger als 3.500 Bauvorschriften. 

Beim Deutschen Institut für Menschenrechte kann man den Artikel 11 Absatz 1 des UN-Sozialpaktes finden: “Die Vertragsstaaten erkennen das Recht eines jeden Menschen auf einen angemessenen Lebensstandard für sich und seine Familie an, einschließlich ausreichender Ernährung, Bekleidung und Unterbringung, sowie auf eine stetige Verbesserung der Lebensbedingungen. Die Vertragsstaaten unternehmen geeignete Schritte, um die Verwirklichung dieses Rechts zu gewährleisten, und erkennen zu diesem Zweck die entscheidende Bedeutung einer internationalen, auf freier Zustimmung beruhenden Zusammenarbeit an.” Ob man daraus ableiten kann, dass zur Daseinsvorsorge des Staates die Schaffung von ausreichend Wohnraum für alle gehört, ist “nirgendwo klar definiert” (Berliner Mieterverein). Die Frage birgt erheblichen sozialen Sprengstoff. Rund 60% der Berliner:innen haben im September 2021 beim Volksentscheid für die Enteignung großer Immobilienkonzerne gestimmt. Damit gibt es aber noch keine einzige neue Wohnung. 

Dafür entstehen in bester Lage luxuriöse Eigentumswohnungen – etwa 80 qm für 1,8 Millionen Euro. Gebannt verfolge ich den Podcast “Teurer Wohnen”, der 2023 mit dem Deutschen Radiopreis ausgezeichnet wurde. Hartnäckig recherchieren die Journalist:innen, wie eine Altbau-Sanierung – völlig legal – ablaufen kann und wie die Gewinne der verschachtelten Firmen dann auf Zypern landen, über zu hohe Zinsen übrigens. Die Insel ist knapp vier Mal so groß wie das Saarland; 200.000 Firmen haben auf dieser Steueroase ihren Sitz. Das ist legal und bekannt und wird von der EU genauso nonchalant hingenommen wie die Konkurrenz um die Ansiedlung von Unternehmen mit einer niedrigen Gewerbesteuer hierzulande. Die Entwicklung auf dem Wohnungsmarkt verheißt überhaupt nichts Gutes für die nächsten Jahre. Fast jede:r kann plötzlich draußen sein und muss am Ende hohe Belohnungen zahlen. Die schaffen nur Begehrlichkeit und keine neuen Wohnungen. Klara Geywitz, die Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen, hat den Podcast übrigens nicht gehört. Ein Versäumnis!