Welch ein Theater!

Standing Ovations für Lina Beckmann nach ihrem Soloauftritt in „Laios“. © Monika Rittershaus, 2023

Alles neu macht der Mai. Nach dem schwachen Theatertreffen vor einem Jahr wurde das Leitungsteam, das sich von Beginn an nicht grün war, abberufen. Seit dem 1. Januar 2024 hat Nora Hertlein-Hull die alleinige Leitung, was dem Festival spürbar guttut. Die Kritiker:innen-Jury ließ sich von der Aufbruchstimmung inspirieren und wählte heuer zehn wirklich bemerkenswerte Inszenierungen aus. Das Publikum hat dafür einen feinen Sinn – die Aufführungen sind sämtlich ausverkauft, es gibt nur vereinzelt Restkarten. Ein Fest der Schauspielkunst, kaum verquaste Überschreibungen, Textflächen und Performances. Gleich unser erster Abend von den Münchner Kammerspielen hätte eine Herausforderung werden können: die Regisseurin Jutta Steckel lässt “Die Vaterlosen” von Anton Tschechow 2.45h bis zur Pause durchspielen. Zwar wurde das Haus der Berliner Festspiele gerade aufwändig renoviert, die Reihen sind aber weiterhin viel zu eng und die Stühle zu niedrig. “Zumutungsstühle”, bedeute ich meinem Hintermann zur Pause; er nickt zustimmend. In jedem Kino sitzt man besser!  

Gleichwohl vergeht die Zeit wie im Fluge – weil großartige Schauspieler:innen, eine schlüssige Inszenierung und ein eindrucksvolles Bühnenbild zu erleben sind. Jutta Steckel schöpft wieder einmal aus dem Vollen, nutzt immer wieder geschickt den ganzen Theaterraum, setzt Musik ein und geht auf das Publikum zu. Und sie hat ganz hervorragende Schauspieler:innen, allen voran Wiebke Puls, Katharina Bach und natürlich Joachim Meyerhoff, inzwischen festes Mitglied der Berliner schaubühne. Als Dorfschullehrer, Schwätzer und Schürzenjäger gibt er einen “perfekten Repräsentanten der Orientierungslosigkeit” ab, der mit seiner toxischen Männlichkeit am Ende von der Bühne gefegt wird – mit einem “Zwischenruf” der Schweizer Autorin Katja Brunner zum Text von Tschechow. Begeisterter Applaus nach einem Theaterabend der Extraklasse. Mit der schicken, schwarzen Jute-Tasche (MK: Theater der Stadt) hatte ich mir auch den Flyer “MK: Auf nach München” mitgenommen. Das exklusive Package der Kammerspiele bietet 1 Bahnfahrt 1. Klasse, 3 Übernachtungen, eine München Card und 10% Rabatt auf alle Inszenierungen ab 249,90 €. 

Als Marketing-Plattform nutzt auch das Team vom Deutschen SchauSpielHaus aus Hamburg das Berliner Theatertreffen. Die Presse-Lady ist hin und weg von Lina Beckmann, die in “Laios” ganz allein auf der Bühne steht. Geboten werden in der Hansestadt vier Marathon-Wochenenden “Anthropolis” zum Paketpreis. “Die Betten werden knapp, glauben Sie mir.” Die Dame hat nicht zu viel versprochen. Lina Beckmanns Soloauftritt über 90 Minuten ist ein Ereignis! Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen solchen Applaus nach einer Theateraufführung erlebt zu haben. Standing Ovations. Wieder und wieder kommt Lina Beckmann auf die Bühne. Wir alle würdigen die Leistung dieser Ausnahmeschauspielerin, die gewissermaßen die Vorgeschichte von Ödipus erzählt, spielt, lebt, leidet. Den Text hat Roland Schimmelpfennig geschrieben, die Intendantin der Bühne, Karin Baier, hat selbst inszeniert, sparsam und um so eindringlicher. “Laios” ist der zweite Teil von “Anthropolis – Ungeheuer. Stadt. Theben. Eine Serie in fünf Folgen”. Nach dieser Einstimmung der Extraklasse wollen wir alles erleben. Hamburg, wir kommen!

Happy together

Limited Edition: ein Cabernet Sauvignon vom Orga-Trio als Erinnerung an ein tolles Abi-Treffen in der Pfalz.©️ Gitti Grünkopf

Regen, Regen, Regen. Bei unserem “50 Jahre Abi”-Treffen in der Pfalz regnet es den ganzen Tag. Natürlich fällt mir das legendäre Regenspiel gegen Polen am 3. Juli 1974 im Frankfurter Waldstadion ein. Mein Bruder hatte mir seine gewonnene Eintrittskarte vermacht; irgendwie schlug ich mich vom weit entfernten Parkplatz durch und erlebte die “Wasserschlacht”. Nach dem Sieg dann im Endspiel über die besseren Holländer fuhren wir mit offenem Verdeck im Corso durch die Stadt und brüllten “Deutschland, Deutschland”, in überschwänglicher, sinnloser Begeisterung. Ich weiß nicht mehr, wen aus meiner Abiklasse ich so durch Mainz kutschierte, wo und wie die Sause dann weiterging. Ebenso wenig kann ich mich an die exzessive Abifeier in einem Partykeller erinnern, von der K mir erzählt – es sollen 60 Liter hochprozentige Bowle gewesen sein. “Jede Jugend ist die dümmste”, zitiere ich einmal Ingeborg Bachmann beim Jubiläum. 

Unsere regelmäßigen Treffen laufen längst schon viel gesitteter ab. Da kommen Klassenfreunde zusammen, die längst nicht die ganze Schulzeit auf dem Gymnasium gemeinsam verbracht haben. Der Zusammenhalt ist groß; die Gruppe ist im Laufe der Jahre natürlich kleiner geworden. Einige haben die 13c einfach aus den Augen verloren. Für andere war die Zeit am Mainzer Gutenberg Gymnasium die Hölle – Jahre der Demütigung und Erniedrigung; sie wollen nichts mehr damit zu tun haben. Immer noch empört mich, wie selbstverständlich an unserer Schule geschlagen wurde – und wir uns nicht gewehrt oder die Eltern informiert haben. Das hätte ja doch nichts gebracht, meint W. Ein Lehrer war für diese Alternative bekannt: geistig-sittlich war eine Strafarbeit, männlich-sittlich eine Kopfnuss. Als G einmal nicht ordentlich in Viererreihe lief, versetzte ihm der Sportlehrer einen Schlag mit dem Staffelholz. Auf mich warf er einmal ein schweres Schlüsselbund, das unser Klassentorwart zum Glück abfangen konnte. KD berichtete mir, dass ihn die Demütigung der Deutschlehrerin vor der ganzen Klasse sein Leben lang verfolgt habe. 

Diese Erfahrungen & Erniedrigungen in der Unter- und Mittelstufe haben einen harten Kern der Klasse zusammengeschweißt. Keineswegs dienen unsere Treffen der Bewältigung dieser Demütigungen; als Gruppe haben wir darüber bis jetzt erstaunlicherweise noch nie gesprochen – uns verbindet ein implizites Wissen. Wir sind eine Gemeinschaft, die Schüler, die später in die Klasse kamen oder die Schule verließen, integriert. Die “Neuen” schauen mit uns immer wieder den alten Film mit neuem Soundtrack aus dem Schullandheim an. Zum Ritual gehören genauso die Filme der Fahrten nach Südfrankreich, bei denen nur einige Klassenfreunde und ihre Mädels dabei waren. Das abwechslungsreiche Programm 2024 mit Raum & Zeit für Gespräche unter vier Augen hat ein Trio zusammengestellt, das es zum Ende der anregenden Tage noch einmal krachen ließ: jeder von uns bekam eine Flasche Rotwein “Klassenbuch 13C” zur Erinnerung. Seit gestern geht mir der Song “Happy together” von den Turtles aus dem Schullandheim-Film nicht mehr aus dem Kopf, ich denke an unsere anregenden Tage in Heilsbach und freue mich auf das nächste Treffen in fünf Jahren. 

Tacheles

Olaf Scholz am Eingang zum Tacheles-Gelände. © Rolf Hiller

Mit Freunden zum ehemaligen Kunsthaus Tacheles in Berlin Mitte. Das Stahlbetongebäude in der Oranienburger Straße wurde nach der Wende von einer Künstlerinitiative besetzt. Die Geschichte der Irrungen & Wirrungen zu erzählen, würde sich unbedingt lohnen, aber diesen Rahmen sprengen. Heute werden die Graffitis und Wandmalereien nur noch als Dekoration aus der wilden, kreativen Zeit in den 1990er Jahren genutzt. Alles wurde hochwertig restauriert und in den neuen, gleichfalls hochwertigen Gebäudekomplex integriert. In den oberen Etagen des ehemaligen Tacheles zeigt die Kunsthalle Fotografiska Berlin in Wechselausstellungen hochstilisierte und sterile Arbeiten. Man schlendert durch die abgedunkelten Räume einer schönen, neuen Welt. Die Geschichte des Tacheles ist eine vertane urbane Chance mehr in der Hauptstadt des Immobilienkapitalismus. 

Der Kontrast zu der Lichterfelder Villa des Bühnenbildners Achim Freyer, der im März 90 Jahre alt wurde, könnte nicht größer sein. In den 70er Jahren kaufte er das Haus und rettete es vor dem Abriss. Nach wie vor wohnt der Künstler dort in der obersten Etage, in den anderen Stockwerken kann man die riesige Sammlung von Achim Freyer (nach Voranmeldung) besichtigen. Über 2.500 Werke sind zu sehen, “demokratisch” nach seinem Gusto gehängt. Neben Picasso, Dalí, A.R. Penck und Neo Rauch finden sich beeindruckende Werke der Art Brut neben zufälligen Funden auf Reisen und Flohmärkten. Mir gefällt ein kleines Stück Teer, das Freyer auf der Straße entdeckte und hinter Glas setzte. Inzwischen hängen Bilder auch an der Decke, und es versteht sich, dass fast alle Fenster dieser Wunderkammer zugestellt sind. Im Hochparterre werden übrigens großformatige Arbeiten des Künstlers selbst gezeigt, die man nach Belieben umstellen darf. 

Das würde man gerne mal mit den Einzeletats des Bundeshaushalts für das Wahljahr 2025 tun. Was würde die sprichwörtliche schwäbische Hausfrau, die Altkanzlerin Angela Merkel so gerne bemühte, nach einem Kassensturz machen. Fest steht, dass es hinten und vorne nicht reicht, dass es Zeit für eine harte Bestandsaufnahme ist. Den größten Etat hat das Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Dafür stehen 2024 171,1 Milliarden Euro zur Verfügung – das sind fast 50% des Gesamtetats in Höhe von 384,2 Milliarden Euro (Quelle: statista). Trotzdem kann der Fachminister Hubertus Heil nicht aus dem Vollen schöpfen. Im Gegenteil: es klemmt an allen Ecken und Enden. Fast alle Ministerien fordern für 2025 höhere Etats. Wie geht dem? Nach meiner Meinung gar nicht. Entweder wird quer durch alle Ministerien gespart oder die Schuldenbremse im Grundgesetz gelockert – dazu braucht es eine 2/3 Mehrheit. Solche Zeiten spielen der Opposition in die Hände. Im aktuellen ARD DeutschlandTrend kommt die Union auf 31% und die AfD auf 18%; die SPD und die Grünen bekämen zusammen etwas weniger als die CDU/CSU. Regieren ist und bleibt ein undankbares Geschäft.  

Verlassen

Großer Auftritt im Großen Saal der Alten Oper Frankfurt: Dianne Reeves mit der hr-Bigband unter der Leitung von John Beasley. © Alte Oper Frankfurt/Wonge Bergmann

Auf den Fahrplan der Deutschen Bahn kann man schon lange nicht mehr vertrauen; selbst die unerlässliche App hinkt den Ereignissen inzwischen oft hinterher. Dass gebuchte Züge dort nicht mehr zu finden sind, ist spooky – oder einfach nur schlechter Service. Da wird der Abfahrtsbahnhof stillschweigend geändert, da sind Sitzplatzreservierungen deshalb nicht möglich, weil der Halt entfällt. Dass hinter dem Angebot der DB eine gewaltige Logistik steht, dass die zahlreichen und bitter nötigen Sanierungen die Planungen noch weiter erschweren, verstehen die geduldigen Kunden. Dass die Kommunikation nicht klappt, ist indes nicht zu entschuldigen. Muss der Kunde prüfen, ob sich der Abfahrtsbahnhof geändert hat, muss der Kunde checken, dass der falsche Zug einfährt, ohne Ansage. Nicht minder ärgerlich, wenn die Abfahrt eines Zuges kommuniziert wird, der noch nicht einmal eingefahren ist. Wahrscheinlich gibt’s dafür noch schöne Boni vom maroden Staatskonzern.  

Verlass ist dagegen auf die Sängerin Dianne Reeves, die mit der hr-Bigband in der Alten Oper Frankfurt einen großen Auftritt hatte. Das von FRIZZ Das Magazin präsentierte Konzert im Großen Saal ist ausverkauft. Am Ende gibt es standing ovations für die Grande Dame des Jazz, die auf eine eindrucksvolle Karriere zurückblicken kann, und die Band unter der Leitung von John Beasley. Er schreibt raffinierte Arrangements, und die glänzend besetzte Band findet sofort zu Dianne Reeves, als würden sie häufig zusammen auf der Bühne stehen. Sie ist eine Entertainerin im besten Sinne des Wortes, hat den Abend im Griff und es überhaupt nicht nötig, sich in den Vordergrund zu spielen. Wer nicht dabei war, hat etwas verpasst, muss sich aber nicht grämen – bei ARTE Concert kann man diesen Abend in der Alten Oper Frankfurt noch einmal erleben (bis zum 22.07.24). 

Auszeiten wie diese sind wichtiger denn je. Man kann nicht permanent die News verfolgen. Wenn das Handy bei einem Konzert auf Flugmodus ist, erreichen uns die Eilmeldungen eben etwas später. Ihre Solidarität mit der Ukraine bekunden die herrlich schrägen Tiger Lillies im Berliner Tipi ohne große Worte; sinnigerweise heißt das aktuelle Programm des unverwechselbaren Trios “Lessons in Nihilism”. Über dem Flügel liegt die Fahne des geschundenen Landes, das endlich (!) weiter von Amerika unterstützt wird. In der Pause schauen wir doch schnell auf das Smartphone und bekommen die Eilmeldung, dass der Kongress Mittel in Milliardenhöhe für die Ukraine frei gegeben hat. Ohne diese Unterstützung wäre eine Niederlage nicht abzuwenden gewesen. Europa allein ist dazu nicht in der Lage, mit großen Worten – etwa denen des französischen Präsidenten Emmanuel Macron – kann ein Land einen Angriff nicht abwehren. Der Speaker des Repräsentantenhauses, der erzkonservative Republikaner Mike Johnson, begründete seinen Einsatz für die Ukraine mit den Worten, er wolle nicht auf der falschen Seite der Geschichte stehen. Würden sich doch mehr Menschen diese Maxime zu eigen machen! 

Die Koralle lacht nicht mehr

Nicht bloß die Korallenriffe am Great Barrier sind in ihrer Existenz bedroht. © Agnieszka auf Pixabay

Per Rad & S-Bahn fahren wir zum Potsdam Museum, um den Maler Karl Hagemeister (1848 – 1933) zu entdecken. In einer kleinen, feinen Ausstellung, die sich an den vier Jahreszeiten orientiert, werden einige klug ausgewählte Bilder gezeigt. Gemeinhin rechnet man Hagemeister dem deutschen Impressionismus zu, aber einige Arbeiten weisen schon darüber hinaus. Das verdankt sich seinen kräftigen, wilden Pinselstrichen, doch nutzte er nicht nur konventionelle Utensilien. “Hagemeister malte mit breiten Pinseln, aber hauptsächlich mit Hasenpfoten, die ihm ja sein Leben lang die Jagd immer beschert hatte”, schrieb Heinrich Basedow d.J. 1974. Er ging nicht in die Natur, Hagemeister war Natur. “Er kam nicht wie viele seiner Künstlerkollegen aus der Stadt in die Natur, sondern er lebte in und von der Natur.” (Wikipedia) In den späten Jahren hatte der Mitgründer der Berliner Secession endlich Erfolg mit seinen Bildern. In der Inflation nach dem Ersten Weltkrieg verlor er sein ganzes Vermögen. Hagemeister starb in Werder im Havelland, wo er fast sein ganzes Leben verbracht hatte. 

Karl Hagemeister „Wellen im Sturm“ (1915)

Heute würde der Naturmensch vielleicht mit den Grünen sympathisieren und wäre schockiert, welche Schäden die rücksichtslose Ausbeutung der Natur inzwischen angerichtet hat. Über die größte Korallenbleiche aller Zeiten am Great Barrier Reef in Australien berichten die Medien. Der Grund ist uns allen bekannt: die inzwischen irreversible Erwärmung der Ozeane. Darauf weist etwa der Kieler Klimaforscher Mojib Latif immer und immer wieder hin. Für einen Tag ist er in den News, und am nächsten Tag schlagen wir seine Prognosen wieder in den Wind. Um so verwunderlicher, dass die Grünen sich auf den schlechten Deal eingelassen haben, dass nicht mehr jedes einzelne Ressort für die Einhaltung der vereinbarten Klimaziele verantwortlich ist, sondern ressortübergreifend das Gesamtziel erreicht werden muss. Nun sind die angedrohten Fahrverbote vom Tisch, und der Juniorpartner FDP lacht sich wieder mal ins Fäustchen.  

Vor der Bundestagswahl 2025 und den Wahlen in diesem Jahr (Europawahl, Landtagswahlen) bringen sich die Parteien und ihr Spitzenpersonal in Stellung, wie der Reutlinger Generalanzeiger beobachtet. “Bundesaußenministerin Annalena Baerbock hat versucht, sich in Szene zu setzen. Sie flog nach Israel, um die Regierung Netanjahu von einer militärischen Reaktion abzuhalten. (…) Baerbock hat die große Bühne gesucht, weil es ihr noch um etwas anderes geht. Um das eigene Profil und um die Spitzenposition bei den Grünen vor der nächsten Wahl. Doch das ging daneben. Ihr wurde nur ihr geringer Einfluss vor Augen geführt.“ (18.04.24) Sollte die Strategin der eigenen Karriere Erfolg haben, wäre das ein Grund mehr, 2025 nicht grün zu wählen. Die multiplen Krisen müssten den wackeren Bundespräsidenten Frank Walter Steinmeier eigentlich zu einer Ruckrede animieren. Stattdessen versammelt der frisch gebackene Suhrkamp-Autor in seinem Buch “Wir” nur Gemeinplätze wie “Eine Demokratie kann ohne den Rechtsstaat nicht bestehen.” Gottfried Benn soll einmal gesagt haben: “Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.”  

Recht aufs Leben

Mit ihrem Debüt „Morgen ist auch noch ein Tag“ ist der italienischen Regisseurin Paola Cortellesi ein Meisterwerk gelungen. © TOBIS Film

Vor den Kinos trennen sich die Welten. Die Mädels mit den meterhohen Popcorn-Eimern strömen in den Fantasyfilm “Chantal im Märchenland”, der die Kinocharts derzeit anführt. Wir interessieren uns für “Morgen ist auch noch ein Tag”. Eine Nachbarin uff de Gass’ hatte mich auf diesen Schwarzweiß-Film einer mir völlig unbekannten italienischen Regisseurin hingewiesen, der in ihrem Heimatland im letzten Jahr mit fünf Millionen Besuchern mehr Publikum als Barbie verzeichnete. Ein hochinteressantes Interview im Tagesspiegel steigert noch meine Neugier – und unsere Erwartungen werden nicht enttäuscht. Im Gegenteil, Paola Cortellesi legt mit ihrem Debüt ein Meisterwerk vor, das mit Klassikern wie “Fahrraddiebe” und “La Strada” im gleichen Atemzug genannt werden muss. Erzählt wird die Geschichte einer Frau – grandios gespielt von der Regisseurin selbst – in der Nachkriegszeit. Ihr Mann demütigt, erniedrigt und prügelt sie; ihr Leben mit drei Kindern, einem despotischen Schwiegervater und miesen Hilfsjobs ist deprimierend. Trotzdem verliert Della nie den Lebensmut, kleine Fluchten wären möglich und scheitern doch, aber am Ende gelingt ihr der Triumph einer Selbstermächtigung. Das ist ganz großes Kino, herzzerreißend und herzerwärmend. 

Könnte man die Choreografien von William Forsythe, dessen große Karriere in den 70er und 80er Jahren in Frankfurt begann, in diesen Zusammenhang stellen? Sein Ziel war es, das Ballett aus den Zwängen der Konvention zu befreien und eine neue Sprache des Tanzes zu entwickeln. Mit dem Staatsballett Berlin hat er einige Arbeiten neu einstudiert – Standing Ovations bei den durchweg ausverkauften Vorstellungen in der Deutschen Oper Berlin. “Die Komplexität der Choreografien, die sich in irrsinnigen Geschwindigkeiten samt atemberaubender Tempowechsel auf der Bühne abspielen, kann man kaum im Detail erfassen, geschweige denn mit Worten beschreiben”, brachte es Elisabeth Nehring trefflich im Tagesspiegel auf den Begriff (19.02.24) Besser als der Gesangspop von James Blake passen zu diesen neuen Tanzwelten indes die elektronischen Klänge von Thom Willems, mit dem Forsythe seit Jahrzehnten schon kooperiert. 

Zumindest einen wichtigen Etappensieg konnten die Klima-Seniorinnen aus der Schweiz in dieser Woche vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verbuchen. Ihr Heimatland wurde wegen mangelnder Initiative im Kampf gegen den Klimawandel verurteilt. Diese ganz wichtige Entscheidung wird Konsequenzen haben, auch in unserem Autoland. Nun droht der Verkehrsminister und oberste Lobbyist der deutschen Autoindustrie Volker Wissing mit einem Fahrverbot und sagt Versorgungsprobleme voraus, sollte sein Ressort gezwungen werden, jährlich 22 Mio Tonnen CO2 einzusparen. Wieder wischt der FDP-Mann ein moderates Tempolimit vom Tisch und zeigt einmal mehr, wie ernst es seiner Partei mit dem Kampf gegen den Klimawandel ist. Nach wie vor gibt es die Pendlerpauschale, werden Diesel und Dienstwagen subventioniert und die Autos hierzulande immer wuchtiger. Aus der selbst ernannten Zukunfts- ist längst eine Zoffkoalition geworden. Auch daran haben wir uns schon gewöhnt. 

Nichts bleibt, wie es ist

Die letzte Printausgabe, die an einem Sonntag erschien.

Nun sind die Zeiten vorbei, als sonntags noch eine Zeitung im Briefkasten steckte. Jetzt musste auch der Berliner Tagesspiegel seine Sonntagsausgabe einstellen – die Zustellung nur eines Blattes durch einen Träger ist selbst in der Großstadt nicht mehr kostendeckend. Damit vollzieht der Verlag eine Wende, die andere Häuser schon hinter sich haben. Die Sonntagszeitungen werden schon am Samstag zugestellt und sind im Handel noch die ganze Woche im Angebot. Längst setzen viele Verlage auf digitale Abos, die mittlerweile 50 % der verbreiteten Auflage darstellen. Ein Blick auf die Zahlen bei der IVW (Interessengemeinschaft zur Verbreitung von Werbeträger e.V.) ist sehr aufschlussreich. Der Tagesspiegel (Mo – So) in Berlin meldet eine Druckauflage von knapp 69.000 Exemplaren. Die meisten davon sind Abos, im Handel werden 5.000 abgesetzt, bei einer Remission von 10.000 Exemplaren. Mit dem digitalen Abo – es macht schon über 50% der Verbreitung aus – kommt das selbst erklärte “Leitmedium aus der Hauptstadt auf eine Verbreitung von knapp 110.000 pro Ausgabe.

Natürlich hat ein digitales Abo viele Vorteile. Es wird Energie und Papier gespart, obwohl die schöne, neue Welt keineswegs ohne Strom funktioniert. Mit 10% des weltweiten Stromverbrauchs ist laut statista die CO2-Emission des Internets inzwischen fast so hoch wie die von Japan; das Netz liegt im weltweiten Ranking auf Platz 6. Ganz vorne mit dabei die Tech-Giganten aus dem Silicon Valley, etwa Facebook, wo sich die jungen Leute schon längst nicht mehr treffen. Dort führt ein Freund, der vor über sechs Jahren gestorben ist, weiter eine digitale Existenz. Bereits vor fünf Jahren habe ich auf seiner Seite darauf hingewiesen, dass Sebastian gestorben ist. Das ficht seine sog. Freunde nicht an, die ihn diese Woche wieder zum Geburtstag gratulieren. Dass er seit Jahren nicht mehr antworten kann, scheint niemandem aufzufallen. Da nur Verwandte das Recht haben, die Löschung einer Seite zu veranlassen, wird das wohl Jahr für Jahr so weitergehen. 

Der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier, und längst haben wir uns an die bedrückenden Meldungen aus dem Gazastreifen oder aus der Ukraine irgendwie gewöhnt. Nicht minder stoisch nehmen wir die Nachrichten über die Erderwärmung zur Kenntnis, als ginge uns das irgendwie nichts an. Nach dem wärmsten Februar seit Beginn der Wetteraufzeichnungen folgte der wärmste März. Das Plus liegt je nach der Bezugsgröße bei 2,9 bzw, 4 Grad über dem Vergleichszeitraum, und wir leben unbekümmert so weiter wie bisher. Die Touristiker freuen sich, und der oberste Lobbyist der deutschen Automobilindustrie sitzt in der Regierung. Volker Wissing (FDP) behauptet, ein Tempolimit, das ohne nennenswerte Einschränkungen jährlich 600 Millionen Liter Kraftstoff sparen würde, sei hierzulande nicht durchzusetzen, obwohl inzwischen die Mehrheit der Deutschen inzwischen dafür ist. “Gib Gas, ich will Spaß” trällerte Markus 1983. Lustig war das schon damals nicht,

Leipziger Vielerlei

Dark Romance auf der Leipziger Buchmesse. © Rolf Hiller

Mein letzter Besuch bei der Leipziger Buchmesse liegt schon einige Jahre zurück. Als ich damals mit der Straßenbahn zum Messegelände fuhr, wähnte ich mich auf einer Fahrt zu einem skurrilen Maskenball. Viele Fahrgäste steckten in phantasievollen Kostümen und fieberten in bester Laune ihrem Auftritt auf der Messe entgegen. Damals wusste ich nicht, dass parallel zur Buchmesse die Manga-Comic-Con stattfindet, ein grandioser Clash der Kulturen. War’s bloß die erste Faszination damals oder in diesem Jahr wirklich routinierter im schlechten Sinne des Wortes. Die Cosplayer sind zum Glück nicht bloß in ihren Hallen unterwegs; man trifft sie überall auf der Messe, die so einen eigentümlich spielerischen Charakter bekommt. Das ist Leipzig, aber die Probleme dieser Doppelveranstaltung sind nicht zu übersehen. 

Der langjährige Messedirektor Oliver Zille ist zurückgetreten, nun liegt die Verantwortung in den Händen von Astrid Böhmisch, die aus dem Marketing kommt. Die Hallen sind luftiger geworden, es sind deutlich weniger Stände, es gibt viele freie Flächen und erstaunlich viele gastromische Angebote. Wie sollen Verlage, die nur ein paar Bücher im Programm haben und deren Namen nicht einmal Insidern bekannt sind, ihre (viel zu) großen Standflächen bezahlen. Eine Dame des Schweizer Gemeinschaftsstandes berichtet von deutlich höheren Mieten in diesem Jahr und gibt zu bedenken, ob sich dieses Messegeschäft für viele Verlage überhaupt noch lohnt. Auf die Freunde aus der Fantasy-Welt trifft das definitiv nicht zu. Bei “Black Edition. Dein Verlag für Dark Romance” oder LYX stehen die Mädels Schlange; die Bücher verkaufen sich wie geschnitten Brot. Probleme, ihre Romane loszuwerden, kennt die Amazon-Bestseller-Autorin Dagmar Winter (“Die Hüterin der vier Elemente”) ebenfalls nicht; sie empfiehlt die Promotion über BookTok. 

Mit solchen Eindrücken & Erlebnissen im Gepäck geht’s zurück in die Welt der sog. Hochkultur. Mit viel Glück konnten wir noch zwei Tix für ein Gastspiel der hochgelobten Hamlet-Aufführung des Schauspielhauses Bochum in Leipzig ergattern. Vor Jahren gab es Johann Simons Inszenierung mit Sandra Hüller in der Hauptrolle als digitales Angebot – aber was ist ein Stream gegen ein Erlebnis. Der Regisseur reduziert seinen Hamlet auf das Minimum und erzielt ein Maximum an Wirkung. Es gibt kein Bühnenbild (einzige Requisiten eine Lichtkugel und eine Metallwand), keine drastische Action. Die Schauspieler:innen betreten nur dann die Bühne, wenn sie etwas zu sagen haben, und setzen sich dann wieder in den Zuschauerraum. Durch diese Reduzierung werden die einzelnen Auftritte um so nachdrücklicher. Insbesondere Sanda Hüllers Hamlet bannt das Publikum, wenn der Dänenkönig wie aus dem Nichts in den Wahnsinn stürzt. Übrigens wurde schon 1741 diese Rolle in Dublin von einer Frau gespielt, ist im ganz hervorragenden Programmheft zu lesen. Begeisterter Applaus für die Bochumer in Leipzig. 

Glück im Unglück

Key Visual der sechsteiligen Serie, mit der die ARD an einen der größten und berühmtesten Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts erinnert, der am 3. Juni vor 100 Jahren starb. © NDR

Großer Andrang bei der Premiere der Mini-Serie “Kafka” in der Berliner Urania. Der große Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt; “Kafka” ist ein ambitioniertes & aufwändiges Projekt der ARD, an der alle Sender beteiligt sind. Die Serie besteht aus sechs Folgen à 45 Minuten, die das Leben dieses skrupulösen Schriftstellers unter verschiedenen Aspekten beleuchten. Bei der Premiere wurden drei Folgen am Stück gezeigt, der ganze “Kafka” ist schon jetzt in der ARD Mediathek verfügbar und wird ab dem 26.03. zur besten Sendezeit ausgestrahlt. “Kafka” ist womöglich das TV-Ereignis des Jahres – bestens besetzt in jeder Beziehung. Das Drehbuch schrieb Daniel Kehlmann zusammen mit dem Regisseur David Schalko, und man hätte wohl keinen besseren Hauptdarsteller finden können als Joel Basman, der Kafka nicht spielt sondern lebt.  

Hätte dem Schriftsteller, der sein Werk nie veröffentlichen wollte und seinem Freund Max Brod auf dem Totenbett auftrug, den ganzen Nachlass zu verbrennen, was dieser zu unser aller Glück nicht tat, das grandiose Key Visual gefallen? Hätte ihm die Serie gefallen? Wahrscheinlich nicht, denn Kafka wollte nie im Mittelpunkt stehen und war nie mit sich und seiner Literatur zufrieden. Sein Glück lag im Scheitern. Seiner verehrten Felice schrieb er drei Briefe pro Tag, aber ein Leben mit ihr kam für ihn nicht in Frage. Auf der Homepage der ARD findet sich dazu ein treffliches Zitat: “Ich habe kein literarisches Interesse sondern bestehe aus Literatur, ich bin nichts anderes und kann nichts anderes sein.” Franz Kafka, der seinen Job bei einer Versicherung gewissenhaft erledigte und regelmäßig Sport trieb, war vom Scheitern regelrecht besessen und fand sein Glück im Unglück. In der Kurzerzählung “Gibs Auf!” aus dem Nachlass fragt der Ich-Erzähler einen Schutzmann nach dem Weg und wird harsch abgewiesen. “’Gibs auf, gibs auf’, sagte er und wandte sich mit großem Schwunge ab, so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen.” 

Am 3. Juni jährt sich der Todestag von Franz Kafka zum 100. Mal, und er hätte bestimmt seine stille Freude am Weltglückstag gehabt, den die Vereinten Nationen 2012 beschlossen haben. “Die Vereinten Nationen verbinden mit dem Weltglückstag weltweite Politikziele”, lesen wir mit Staunen bei Wikipedia. Am glücklichsten sind dem World Happiness Report zu Folge die Menschen in Skandinavien, auf Platz 5 liegt unerwartet Israel, Deutschland belegt den 24. Rang. Kafka hätte sich über diese Erhebung im Stillen bestimmt genauso amüsiert wie über das Wort “kafkaesk”, das den Wahnwitz unserer Zeit nach wie vor treffend auf den Begriff bringt. Diesen Schriftsteller, der nie einer sein wollte, kann man immer und immer wieder neu entdecken – nun auch im Fernsehen. Für “Kafka” zahle ich gerne meinen Beitrag, weil ich es tun muss. Gut so!

Time Out

© Rolf Hiller

Reisen ist in diesen Tagen ein riskantes Unterfangen. Nicht auszudenken, ich müsste noch analog, also ortsgebunden arbeiten. Wegen des sechsten Streiks der GdL (Gewerkschaft der Lokomotivführer) musste ich einen Tag früher nach Frankfurt, auch bei der Rückfahrt galt es umzudisponieren – passenderweise rief Verdi im Nahverkehr drei Tage lang zum Streik auf. Zum Glück werden die S-Bahnen von der Deutschen Bahn betrieben, sodass ich nicht zum Frankfurter Hauptbahnhof laufen musste, sondern vom nahe gelegenen Westbahnhof abfahren konnte. Flexibilität ist in diesen Tagen gefragt. Früh auf nach unruhiger Nacht und gleich los, denn die App der Deutschen Bahn prognostizierte nach dem Ende des ersten Wellenstreiks hohe bis sehr hohe Auslastung ihrer Züge ab dem späten Vormittag. Der ICE nach Berlin via Leipzig war mäßig belegt und erreichte sein Ziel auf die Minute genau. 

Wieder einmal Glück gehabt, aber bei allem Verständnis für die Forderungen der GdL, die ihr Vormann Claus Weselsky vehement hinausposaunt: eine gesetzliche Regelung für Streiks in der kritischen Infrastruktur, auf die täglich Millionen Menschen angewiesen sind, ist überfällig. Gegen eine Arbeitszeitverkürzung ist grundsätzlich nichts einzuwenden; das haben die Metaller schon vor vierzig Jahren erkämpft. Aber es muss festgeschrieben werden, dass ein Streik nur mit ausreichender Ankündigung erfolgen darf und ein reduziertes Angebot der Verbindungen (auch mit GdL-Mitgliedern) aufrechterhalten bleiben muss. Sonst werden weiterhin Menschen, die mit dem Tarifstreit nichts zu tun haben, von Gewerkschaften in Geiselhaft genommen. “Fahrgastvertreter”, so bringt es der Tagesspiegel auf den Punkt, “fordern schon lange ein Gesetz, das die Gewerkschaften verpflichtet, Streiks bei Bus und Bahn rechtzeitig anzukündigen und ein Mindestangebot aufrechtzuerhalten. Einen verpflichtenden Notbetrieb gibt es schon bei Streiks in Krankenhäusern. Weselskys Verhalten zeigt, dass das auch im Verkehrssektor bitter nötig ist.“ (13.03.24) 

Über den Streiks der GdL – sie sollen die kriselnde deutsche Volkswirtschaft täglich 100 Millionen Euro kosten – und den seit Wochen andauernden politischen Taurus-Auseinandersetzungen ist die katastrophale Lage der palästinensischen Bevölkerung im Gaza-Streifen in den Hintergrund getreten. Nun hat sich Daniel Barenboim, der langjährige Generalmusikdirektor der Staatsoper Berlin, dazu in wünschenswerter Klarheit in der Wochenzeitschrift “Die Zeit” zu Wort gemeldet: “Nach so viel Blutvergießen und unvorstellbaren Verlusten gibt es wirklich nur eine realistische Lösung: zwei Staaten, die in ihren Gebieten autonom sind; das Ende der Siedlungen im Westjordanland und die Verpflichtung beider Seiten zu einem dauerhaften Frieden. Uns läuft die Zeit davon, und künftige Generationen werden uns nie verzeihen, wenn wir wieder versagen.” (14.03.24) Die Zeit arbeitet gegen die Hardliner in Israel um den Premierminister Benjamin Netanjahu, aber das hilft der geschundenen palästinensischen Bevölkerung in ihrer aktuellen Lage nicht.