Familienbande

„Das Vergangene findet jetzt statt.“ (Elfriede Jelinek) © Sister V.

Bei der Familien-Begegnung im letzten August hatten wir gleich das nächste Treffen diesmal in Wiesbaden verabredet. Damals war unsere Kommissarin noch nicht dabei, aber wir konnten das „verschwundene“ Handy auch ohne sie ausmachen. Mein Sohn ortete das I-Phone in einem Mehrfamilienhaus und löste den Alarmton aus, als das Polizeiteam eingetroffen war. Dieses Mal sind wir fünfzehn Personen, für ein Wochenende eine Art Familie, was einer strengen Überprüfung nicht ganz standhält. Am ersten Abend müssen sich einige erst einmal kennenlernen. Tags darauf führt uns unser Familienoberhaupt durch die Sektkellerei Henkell; es ist in jedem Moment zu spüren, dass er diesen Job ein paar Jahre lang mit Leib & Seele gemacht hat. Dann geht‘s mit der S-Bahn weiter nach Mainz, noch immer der Ort, an dem ich die längste Zeit meines Lebens verbracht habe, die „formativen Jahre“, wie es ein Lebensfreund nennt. Es passt zu diesem Tag, dass mich nachmittags eine Mail des OK „50 Jahre Abi 2024“ erreicht.

Am Fort Elisabeth hat die Familie 15 Jahre gewohnt, wir schreiten die alten Wege ab – alles ist viel kleiner geworden. Im Park vor dem Vincenz-Krankenhaus spielten samstags am Nachmittag Dutzende Jungs Fußball; heute ist der Platz verwaist. Kein Kicker nirgends mehr. Weiter zum Plantschbecken, von uns Plantschert genannt, wo es einst ein Café und eine Toilettenhäuschen gab. Alles dicht. Mit einer Bank als Tor haben wir früher stundenlang mit einem Tennisball gekickt. Davon hatte ich den Söhnen oft erzählt, und in einer Tierhandlung haben sie am Vormittag einen „Balle“ besorgt. Los geht das Spiel. Mit Begeisterung spielen wir vier gegen vier. Schneller als erwartet, ist die ‚Pille‘ hin. Wir müssen abbrechen und trennen uns unentschieden. In meinem Team macht die Kommissarin ein gutes Spiel. Niemand ahnte zu diesem Zeitpunkt, dass sie ein paar Tage später beim erfolgreichen Einsatz gegen die Ndrangheta – diese Mafia-Organisation macht jährlich 50 Milliarden Euro Umsatz (!) – dabei ist; und mit der haben wir im Plantschert gekickt! Wir sind alle schwer beeindruckt.

Wir laufen um unser Haus, den „Sternbau“, herum. Im ersten Stock haben wir teilweise zu sechst in knapp 70 Quadratmetern gelebt. Wir können es nicht fassen, und doch war dieses Leben in der 3-Zimmer-Wohnung für uns normal. Geduldig lauscht der Rest der Familie unseren Erinnerungen. Weiter geht‘s über die Stephanskirche mit den berühmten Chagall-Fenstern runter in die Stadt. Wir schlendern über die Ludwigstraße und am Dom vorbei zum Rhein. Zum krönenden Abschluss eines langen Tages voller Eindrücke und Erinnerungen kehren wir in ein uriges Restaurant ein, das im Netz mehr verspricht, als es in der Realität halten kann. Den vom Kellner empfohlenen Riesling gibt es nicht gekühlt, die Essen werden im Abstand von anderthalb Stunden serviert. Zumindest an diesem Abend hatte das Team der „Gaststätte Rote Kopf“ einen rabenschwarzen Tag. Ein Nachlass und ein Absacker aufs Haus waren ein schwacher Trost. Dass der Kellner zum schlechten Schluss noch ein Glas zerdepperte, passte ins Bild. Narhallamarsch.

Schlafmodus

Ende April ist Schluss mit Corona. Viele werden sich weiter mit Post-Covid-Symptomen herumschlagen müssen, die psychosozialen Folgen für Kinder und Jugendliche lassen sich nicht annähernd abschätzen, es wird weitere Neu-Infektionen geben, aber die Corona-Warn-App wird abgeschaltet. Hat dieses Tool je richtig funktioniert? Plötzlich wurde eine Begegnung mit erhöhtem Risiko angezeigt, und dann begannen die Fragen und Zweifel. Sei’s drum, die Pandemie ist vorbei, das Leben geht weiter wie vor vier Jahren. In der Corona-Zeit traten die Mängel unseres (marktwirtschaftlich organisierten) Gesundheitssystem deutlich zu Tage. Es fehlt an Personal, die Fallpauschalen setzen falsche Anreize, die Produktion vieler Arzneimittel und Vorprodukte in Asien birgt immense Risiken. Derzeit fehlen über 400 Medikamente in Deutschland, etwa Systral, das ich nach einem Mückenstich in einer Apotheke besorgen wollte. Deutlich schlimmer: Fiebersaft für Kinder war nicht zu bekommen. Dass es in absehbarer Zeit auch keine wirksamen Antibiotika mehr geben wird, passt ins Bild; die Entwicklung dieser Medikamente rechnet sich nicht für die Pharmaindustrie. 

Das Gesundheitssystem gehört wie Wohnen und Bildung oder der öffentliche Nah- und Fernverkehr zur Daseinsvorsorge des Staates. Wie sehr es bei der Deutschen Bahn hapert, haben die meisten schon einmal erlebt und können ein paar Dönkes oder ungeheuerliche Geschichten erzählen. Täglich transportiert der Staatskonzern 10,2 Millionen Fahrgäste. Nicht auszudenken, was passieren wird, wenn die Bahngewerkschaft EVG ihre Drohung wahr macht und zu wochenlangen (!) Streiks ihrer Mitglieder oder einzelner Berufsgruppen aufruft. Das Chaos wäre total! Den alltäglichen Wahnsinn eines heruntergekommenen Verkehrssystems schilderte kürzlich in der Süddeutschen Zeitung Holger Gerts und nennt auch Ross und Reiter für die Misere, die uns noch Jahrzehnte begleiten wird: „Und wesentlich verantwortlich für den Zustand der Bahn sind die Bundesverkehrsminister – in den für die Verkehrswende wegweisenden Jahren 2009 bis 2021 waren das, in der Reihenfolge ihres Auftretens, Peter Ramsauer, Alexander Dobrindt, sehr kurz Christian Schmidt, Andreas Scheuer. Alle von der CSU, alle aus Bayern, es sind alle sehr selbstbewusste, für Kritik kaum empfängliche Super-Egos, wie sie die CSU seit Jahren und Jahrzehnten in beachtlicher Schlagzahl respektive Taktung hervorbringt.“ (21.04.23) 

Vor gewaltigen Herausforderungen steht gleichfalls der neue Regierende Bürgermeister Kai Wegner in Berlin, der erst im dritten Wahlgang in sein neues Amt gewählt wurde. Dass die Koalition der CDU mit der SPD nicht alle Sozialdemokraten begeistert, ist bekannt; aber am Ende hat es für „Kais missglückte Krönung“ (Tagesspiegel) gereicht – 86 Abgeordnete stimmten für ihn, genauso viele Stimmen haben die beiden Parteien zusammen. Natürlich schüttete die AfD wieder einmal Öl ins Feuer und behauptete, nur mit einigen ihrer Stimmen sei Wegner gewählt worden. Klären lassen wird sich das nie, der Schaden für CDU und SPD ist groß, bissige Kommentare ließen nicht auf sich warten. „Die Premiere der neuen Hauptstadtregierung missrät zum Schmierenstück. Beschädigt sind nun schon vor dem Start beide Koalitionäre.“ (Stuttgarter Zeitung, 28.04.23) ) Kai Wegner und Franziska Giffey, die neue Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe, werden nicht einen Tag Schonfrist bekommen. Glück auf! 

Frühlingserwachen

Ideale Projektionsfläche: der Raum mit den Sonnenblumen in der Ausstellung „Van Gogh Alive“ ist selten leer. © Rolf Hiller

Allein im Museum? Nicht wenn „Van Gogh Alive“ zu erleben ist. Weltweit 8,5 Millionen Menschen sollen die Ausstellung gesehen haben, die clever gemacht ist. An einem Dienstagvormittag ist die Show unweit der Müllverbrennungsanlage im Frankfurter Westen schon gut besucht. Die meisten Besucher:innen verweilen im größten Raum, sitzen auf dem Boden oder haben es sich auf Sitzsäcken bequem gemacht und sind mittendrin im Flow der Bilder, die mehrere Projektoren an die Wände und auf den Boden werfen. Die Situation ist sehr entspannt und lässig, ganz anders als in einem „richtigen“ Museum. Do what you like. Manche versinken in der Bilderflut oder lesen die kurzen erklärenden Texte. Ein Junge ist auf seinem Handy im Krieg, ein anderer kaum in der Lage, ein paar Sekunden ruhig zu liegen. Zumindest haben auch die beiden schon einmal von Vincent van Gogh (1853 – 1890) gehört, der heute ein Popstar wäre, zu Lebzeiten aber kaum ein Bild verkaufen konnte, immer wieder tiefste Krisen durchlitt und sich schließlich auf einem seiner geliebten Felder umbrachte.

Natürlich gehört zu Van Gogh Alive ein Raum mit Sonnenblumen und Spiegeln für Fotos & Selfies, im „Drawing Room“ sind an diesem Morgen alle Plätze besetzt; die Ausstellung wurde gerade verlängert. „Ich kann die Tatsache nicht ändern, dass sich meine Bilder nicht verkaufen. Aber die Zeit wird kommen, in der die Menschen erkennen werden, dass sie mehr wert sind als das Geld für die Farbe, die ich darin verwendet habe.“ Dass sein Bild „Verger avec cyprès“ 2022 für 117,2 Millionen Dollar verkauft wurde, hätte Vincent van Gogh nicht zu träumen gewagt. Der große Durchbruch blieb auch dem Pianisten Ahmad Jamal verwehrt, der am Sonntag gestorben ist und bis ins hohe Alter noch unterwegs war; leider habe ich ihn auf seiner letzten Tour in Deutschland verpasst. Ich höre mir sein Debütalbum „Ahmad Jamal Plays“ aus dem Jahr 1955 an, das irgendwelche Marketingstrategen hochtrabend in „Chamber Music of the New Jazz“ umbenannt haben, sicherlich nicht im Sinne des Künstlers.

Die letzten beiden Wochenenden im April werden bestimmt nicht im Zeichen eines unbeschwerten Frühlingserwachens stehen. Wieder gestreikt wird bei der Deutschen Bahn und an einigen Flughäfen; zudem hat die sog. Letzte Generation Aktionen in Berlin angekündigt, um auf die drohende Klimakatastrophe hinzuweisen, die zwei der drei Parteien der aktuellen Bundesregierung nicht sonderlich beunruhigt. Ob die spektakulären Proteste eher kontraproduktiv sind, wird sich weisen. Der gesunde Menschenverstand müsste auf der Seite der Letzten Generation stehen. Jede:r weiß, dass die Erderwärmung längst schon bei uns angekommen ist. Heute etwa kommentiert die FAZ: „Der Klimawandel verändert das Leben auch in Europa, auch schon jetzt und auch schneller als befürchtet. Noch vor wenigen Jahren hätte wohl niemand damit gerechnet, dass auch hierzulande einmal das Wasser knapp werden könnte. (…) Bäume statt Asphalt ist die Devise der Zeit, sonst wird das Wasser knapp.“ (21.04.23)  Wer wollte da widersprechen?

Compression

So kommen Autos aus der hydraulischen Presse: Skulptur von César im Centre Georges Pompidou. © Karl Grünkopf

Heute Morgen wurde im Radio ein Stück von Michel Petrucciani gespielt, der nur 36 Jahre alt wurde. Der Jazzpianist hatte die Glasknochenkrankheit, war nur einen Meter groß und zählt trotzdem auf seinem Instrument zu den besten Musikern seiner Generation. Zufällig kommen wir auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris an seinem Grab vorbei. Er liegt ganz in der Nähe von Frédéric Chopin, vor dessen Ruhestätte viele frische Blumen stehen. Der riesige Friedhof scheint selber zu sterben; sehr viele Grabstätten sind in einem schlechten Zustand, modern vor sich hin. Ein düsterer Ort zum Innehalten. In Gedanken ziehen noch einmal die Tage voller Eindrücke & Erlebnisse vorbei, die wir mit ziemlich besten Freunden über Ostern in Paris verbrachten. Das Fest ist in Frankreich nicht so kommerzialisiert wie in Deutschland – zum Glück.

Samedi geht’s gleich ins Centre Georges Pompidou, das die Berliner Bausenatorin in spe, Franziska Giffey, ungemein inspirierte – aus dem brach liegenden Internationalen Congress Centrum (ICC) könne man doch ein Kulturzentrum nach dem Pariser Vorbild machen. Oha! Aus dem gestrandeten Raumschiff im Berliner Westen, das sich hermetisch gegen seine Umgebung verschließt, wird nie und nimmer ein Ort der Kultur und Begegnung. Wir schauen uns die Kunst der Moderne an. Ganz besonders beeindruckt mich die Arbeit „Compression“ aus dem Jahr 1960 von César Baldaccini, der Autos zu einem kompakten Quader pressen ließ. Er sieht sich in der Tradition von Duchamp, Gesellschaftskritik war seine Sache nicht. Trotzdem gemahnt „Compression“ an unsere Müllberge, die letztlich irgendwo im Globalen Süden landen.

Heutzutage würde César sicher E-Roller in die Schrottpresse schmeißen, die ab Herbst in Paris übrigens verboten sind. Erstaunlich. Nur 7 Prozent haben sich an der Abstimmung beteiligt; davon waren 89% gegen die Roller. Sonderlich gestört haben mich die Dinger nicht. Auffällig hingegen, wie viele Fahrräder inzwischen in der Stadt unterwegs sind. War’s der Muskelkater vom Hüpfen in der Yogastunde oder der Respekt vor Treppen mit großem Gepäck: Noch nie ist mir aufgefallen, wie wenig Rolltreppen oder Fahrstühle es in der Metro im Vergleich zu deutschen U-Bahnen gibt. Komfort kostet Energie, und da ticken Frankreich und Deutschland anders. In der Bundesrepublik werden die letzten drei Atomkraftwerke morgen endgültig heruntergefahren, die Grande Nation verfügt über 56 Meiler, die derzeit aber nicht alle am Netz sind. Auch in Osteuropa werden munter weitere Atomkraftwerke geplant. Die Uranbrennstäbe kauft man bei den Russen, allen Boykott-Beteuerungen zum Trotz. 30.000 Generationen müssen sich Umweltministerin Steffi Lemke zu Folge mit unserem Atommüll herumschlagen. Export ausgeschlossen!

The Charm of Spring

Eine Gruppe Ovaherero-Frauen wird im Lars Kraumes Film „Der Vermessene Mensch“ von der „Deutschen Schutztruppe“ in die Wüste getrieben ©️ Studiocanal GmbH / Willem Vrey

Im letzten Jahrtausend bekam ich zu Weihnachten das Verve Jazz Book geschenkt; zehn Schallplatten mit zwanzig Künstler:innen, wie man heute sagt. Den Auftakt macht Ella Fitzgerald. Wie oft habe ich „April in Paris“ mit dem Count Basie Orchestra gehört, natürlich immer die gleiche Aufnahme. Bei Apple Music bekomme ich den Song in 87 Versionen. Nichts gegen die smarte, digitale Welt. Ich habe mir in diesem Tool ein eigenes ‚Radio‘ eingerichtet – und entdecke immer wieder tolle Musiker:innen, von denen ich noch niemals gehört habe. Als Einstimmung auf unsere Reise wollte ich nur „April in Paris“ hören, aber 87 Interpretationen waren natürlich im Home Office nicht zu schaffen. Nun sitzen wir in der Maschine nach Orly, und ich schreibe meinen Blog, den ich vor bald fünf Jahren täglich auf unserer „American Journey“ begonnen habe.

Der Blog ist für mich immer auch ein Moment des Innehaltens. Was habe ich in der letzten Woche gemacht, was erlebt, wo bin ich gewesen? Nicht vergessen werde ich den Film „Der Vermessene Mensch“ von Lars Kraume, sicher dagegen den großen Oscar-Gewinner 2023 „Everything Everywhere All at Once“, den es schon bei Amazon Prime für ein paar Euro gibt. Grandios gemacht & gefilmt die Reisen durch Multiversen, aber nicht meine Welt. Kraume hingegen beschäftigt sich mit dem deutschen Kolonialismus, mit den Verbrechen an den Herero im südlichen Afrika. Die „wissenschaftliche“ Legitimation sollten Anthropologen und Ethnologen schaffen und mit Darwin als Kronzeugen die Überlegenheit der weißen Rasse „beweisen“. Der Regisseur erzählt schlüssig und spannend von diesem beschämenden Kapitel der deutschen Geschichte, von der noch immer viele erbeutete Schädel in deutschen Museen künden. Eine Entschädigung haben die verbliebenen Herero von der Bundesrepublik Deutschland bis heute nicht erhalten. Eine Schande!

Wir befinden uns schon im Anflug auf Paris, wo wir mit ziemlich besten Freunden über Ostern wieder ein paar Tage verbringen, wie im Herbst 2018. Die Maschine ist gut gefüllt, niemand trägt eine Maske, der Krieg in der Ukraine ist noch weiter weg als in Berlin. Jede:r wird mit diesem Flug 548 kg CO₂ verbraucht haben, jede:r könnte wissen, dass ein Äthiopier pro Jahr nur 560 kg CO₂ emittiert und somit deutlich unter dem Wert der Klimaneutralität liegt. Wir alle wissen, was zu tun ist – hier und jetzt. Laut aktuellem ARD-Deutschlandtrend sind inzwischen 44% der Deutschen mit der Klimapolitik der Bundesregierung unzufrieden. Das sollte besonders den Grünen zu denken geben. Die Zeit der schlechten Kompromisse in der sog. Zukunftskoalition muss ein Ende haben. In unserem Hotel, einer Oase nahe dem Quartier Latin, hören wir natürlich „April in Paris“. Wir freuen uns auf den Frühling an der Seine. Ein Leben ohne Widersprüche ist nicht zu haben.

Es fährt ein Zug nach Nirgendwo

Der ICE fährt ein, steht dann am Gleis. Die Türen bleiben zu. Keine Durchsage nirgends. © Rolf Hiller

Nach dem Streik am Montag kämpft die Deutsche Bahn.wieder mit ihren normalen Problemen. Eine Oberleitungsstörung bei Erfurt verhindert die Fahrt des Zuges, den ich nehmen wollte. Warum dieser ICE trotzdem einfährt und dann aber stehen bleibt, verstehe, wer will. Keine Ansage, keine Erklärung. Mir kommt der Schlager „Es geht ein Zug nach Nirgendwo“ von Christian Anders in den Sinn. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere verprasste er Millionen u.a. für einen vergoldeten Rolls Royce; heute verbreitet er Verschwörungsphantasien. Tatsache ist hingegen, dass die Deutsche Bahn in Deutschland weiter rote Zahlen schreibt. Trotzdem verdiente der Chef Richard Lutz im letzten Jahr 2,24 Millionen Euro; die Hälfte davon waren Boni. Solche Einkünfte sind in einem Staatskonzern, der überhaupt nicht gut dasteht, nicht zu vermitteln. Lutz bekam im letzten Jahr vierzig Mal mehr als ein Lokführer.

Im übertragenen Sinne beschreibt Anders‘ Schlager trefflich die Lage der sogenannten Fortschrittskoalition in Berlin. In quälend langen Nachtsitzungen verständigten sich SPD, Grüne und FDP auf einen Kompromiss, der wieder einmal – so scheint es zumindest – zu Lasten der Ökopartei geht. Weiter freie Fahrt für freie Bürger:innen, weiter werden munter Autobahnen ausgebaut. Die Kritik der Umweltverbände ließ nicht auf sich warten. Der Geschäftsführer des WWF Deutschland, Christoph Heinrich, spricht von einem „Frontalangriff auf das Klimaschutzgesetz“. Der Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, Jürgen Resch, haut in die gleiche Kerbe: „Diese Anti-Klimaschutz-Koalition legt allen Ernstes Hand an das Bundesklimaschutzgesetz. Damit versündigt sie sich an allen künftigen Generationen.“ Der Kanzler, der nach seiner Wahl Führung versprochen hatte, hielt sich bei dem Koalitionsstreit wie gewohnt bedeckt. Alles Friede, Freude, Eierkuchen für ihn.

Das gilt nicht minder für den monströsen Ausbau des Kanzleramtes, der mit genau 777 Millionen Euro zu Buche schlagen soll. Man wolle alle Mitarbeiter:innen in einem Haus versammeln. Diese analoge Denke zeigt wieder einmal, wie weit es her ist mit der Digitalisierung in den Köpfen. „Baustopp, jetzt“ fordert die FAZ, „Scholz, halt ein!“ sekundiert der Tagesspiegel und führt aus: „Gebaut soll werden, weil der Bau beschlossen wurde – nicht, weil es notwendig ist. Aber Notwendigkeit ist das zentrale Stichwort einer klimagerechten Zukunft, nicht Wunschdenken von Politikern und Verwaltungen.“ (20.03.23). Jede Wette, das Ding wird kommen, obwohl „das Kanzleramt schon jetzt der größte Regierungssitz der Welt ist.“ (FAZ, 25.03.23) Klimaschutz beginnt hier und jetzt. We’ll never walk alone!

Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral

Berlin wird in sieben Jahren nicht klimaneutral sein, aber eine Mehrheit beim Volksentscheid wäre trotzdem ein starkes Signal.

Bertolt Brechts allseits bekannte Sentenz aus der „Dreigroschenoper“ ist so aktuell wie eh und je – erst denkt man an sich, dann an die anderen. Wir alle wissen inzwischen, dass sich die globale Erderwärmung nicht mehr aufhalten lässt; wir alle wissen, dass unser Lifestyle zu Lasten des globalen Südens geht. Was wir alle tun können, ist sattsam bekannt: weniger heizen, weniger reisen, weniger Fleisch essen. Das kann jede:r sofort umsetzen und muss es mit sich selber ausmachen, ob er/sie es lässt. Unerträglich wird es, wenn die „Klimaschutzbewegung religiöse Züge“ (Tagesspiegel, 19.03.23) annimmt, wenn Gut- und Bessermenschen sich legitimiert fühlen, Kunstwerke zu beschädigen, wenn Menschen ihr Verhalten zum absoluten Maß erheben und alle anderen danach beurteilen. Natürlich beteiligen wir uns am Volksentscheid „Berlin 2030 Klimaneutral“, natürlich wissen wir, dass es damit nicht getan ist.

Ein Leben ohne Widersprüche gibt es nicht. Wir schauen uns die Netflix-Produktion „Im Westen nichts Neues“ von Edward Berger nach dem Roman von Erich Maria Remarque im Kino an. Der Film wurde mit 4 Oscars ausgezeichnet und erzählt eindringlich vom Leben und Sterben junger Soldaten im Ersten Weltkrieg – am Ende steht die nüchterne Feststellung, dass sich in diesen vier Jahren der Frontverlauf kaum geändert habe. Im „Grande Guerre“ verloren etwa 17 Millionen Menschen ihr Leben. Während des Films denke ich immer wieder an den Krieg in der Ukraine, von dem in den Nachrichten nur noch gelegentlich die Rede ist. Das Leiden und Sterben dort geht weiter, es ist keine „news“ mehr. Wir sitzen in bequemen Ledersesseln mit Liegefunktion, viele knabbern Snacks, trinken etwas und goutieren das Grauen. Darf man einen solchen Film so erleben? Weltweit gibt es derzeit über 20 Kriege, von den meisten habe ich noch nie gehört.

„Besser Doppelmoral als gar keine Moral“, befand Luisa Neubauer in einem Podcast. Sie ist Klimaaktivistin und Mitglied der Grünen. Mit dieser Einstellung lässt sich noch alles rechtfertigen, etwa der Flug der Kulturstaatsministerin Claudia Roth zur Oscar-Verleihung nach Hollywood. Die Einladung hatte der Regisseur Edward Berger im Namen von Netflix ausgesprochen, und sie habe „gerne angenommen, um das Filmteam bei dieser Preisverleihung zu unterstützen und ihm seine Anerkennung im Namen der Bundesregierung vor Ort auszusprechen“. (Der Spiegel. 23.03.23). Die Kulturstaatsministerin hat die Kosten für diese Reise Netflix inzwischen aus privaten Mitteln erstattet. Ob sie selbst auch für die Aufrüstung ihrer Dienstlimousine mit weißen Lederpolstern aufkommt, wenn sich die hartnäckigen Gerüchte in der Hauptstadt bestätigen, steht dahin. In der Nacht auf Sonntag werden wieder die Uhren umgestellt. Zumindest diese Zeitenwende sollte gelingen.

Bald ist Spargelzeit

An die Windräder, im Volksmund Spargel genannt, werden wir uns alle noch mehr gewöhnen müssen. © Rolf Hiller

Volle Häuser, volle Züge. Wo war ich wann und warum in dieser Woche? Die Corona-Warn-App zeigt ”Begegnung an 1 Tag mit erhöhtem Risiko” am Sonntag, aber diese Warnungen versetzen niemanden mehr in Angst & Schrecken. Am Sonntag treffen wir vorm Theater Freunde zum Essen und ziehen dann weiter ins  Berliner Ensemble. Gegeben wird ”Der Theatermacher” von Thomas Bernhard in einer Inszenierung des Hausherrn Oliver Reese. Immer wieder wurde spekuliert, wen von den Regietitanen seiner Zeit der Schriftsteller in seinem Stück wohl gemeint haben könnte. Die Figur ist naturgemäß so lächerlich wie boshaft und selbstgefällig. Stefanie Reinsperger – die Besetzung zumindest ist ein Coup – kapriziert sich auf die Lächerlichkeit und reduziert den Theatermacher zum bloßen Hanswurst. Alles ist übertrieben, alles ist zu viel – eine Knallcharge, die lang & länger wird. Thomas Bernhard hätte bestimmt zu einer Tirade über die Verhunzung seines Stückes ausgeholt.

Zwei Tage davor bei Tschechows ”Möwe” in der schaubühne verging die Zeit wie im Flug, obwohl es zuweilen in Thomas Ostermeiers Inszenierung doch recht albern zugeht. Und Mitte der Woche dann endlich wieder ins Kasseler “Theaterstübchen”, wo ich unvergessliche Konzerte erlebt habe. Der Laden stand Anfang des Jahres auf der Kippe, aber der unermüdliche und doch nicht mehr unverwüstliche Markus Knierim konnte Sponsoren gewinnen. Das Aki Takase Quintett spielt fabelhaft vor vollem Haus; zumindest die Gagen sind damit gedeckt. Das ist die Crux vieler Clubs: Ohne Subventionen und Partys zur Querfinanzierung kommen sie nicht über die Runden. Einvernehmen im Publikum nach dem Auftritt der Pianistin Aki Takase mit ihrem international besetzten Quintett: ein großartiges Konzert!

Im Frankfurter Hauptbahnhof steht eine Spielzeugeisenbahnanlage – ganz auf der Höhe der Zeit mit einem Windrad. Leider habe ich keine Muße, die Loks für einen Euro fahren zu lassen. Im Neuen Theater Höchst wartet das nächste volle Haus dieser Woche – das Varieté im Frühling ist bis auf den letzten Platz ausverkauft. Der Frankfurter Entertainer Jo van Nelsen führt mit Liedern der 20er Jahre durchs Programm, die Nummern der Artist:innen müssen keinen Vergleich scheuen. Die Woche geht zu Ende, der ICE ist bis auf den letzten Platz besetzt. Sei’s drum. Besser als auf der Autobahn. Viele Deutsche haben mittlerweile begriffen, dass wir unser Verhalten ändern müssen, um die CO2-Emissionen zu senken. Das ficht den Bundesautobahnminister Volker Wissing (FDP) nicht an; er schreibt stur seine Politik der Vergangenheit fort, wie die Rheinische Post aus Düsseldorf konstatiert: “Deutschland hat auf dem Verkehrssektor komplett versagt. Als einziger Sektor hat er nicht nur sein gesetzliches Einsparziel verfehlt, sondern seine CO2-Emissionen im Vergleich zum Vorjahr sogar noch gesteigert – trotz Inflation und höherer Spritpreise. Verkehrsminister Wissing muss jetzt liefern. Mehr Schiene, weniger klimaschädliche Subventionen, Tempolimit und Verbrenner-Aus – der FDP-Minister wird diese Kröten schlucken müssen.” (16.03.23) Seine Ampel steht längst auf Rot!

Abschied

Martin Grubinger beendet mit gerade einmal 40 Jahren seine Karriere als Perkussionist. © Simon Pauly

Der Typ ist einmalig. Beiläufig teilt Martin Grubinger am Ende seines grandiosen Auftritts in der Alten Oper mit: „Das war mein letztes Konzert in Frankfurt“. Er bekäme oft Anfragen von jungen Kerlen, wie es funktioniere, dass seine Sticks bei einem Solo wie mit magischen Kräften durch die Luft wirbeln. „Haltet’s einfach drauf mit Euren Handys. Dann könnt Ihr sehen, wie das geht.“ Nichts können wir sehen und sind um so mehr gebannt, wie er mit den grünen Stöcken bei der Zugabe zaubert. Einmal tanzt einer schwerelos auf seinem Arm. Auf seiner letzen Tournee begeistern Grubinger und seine Band (4 Schlagzeuger und 1 Pianist) aber nicht bloß mit Virtuosität, das Programm ist überaus anspruchsvoll. Werke von Ioannis Xenakis, Steve Reich (ein Abschnitt aus „Drumming“) und die komplexe Komposition „Inferno“ des jungen isländischen Komponisten Daniel Bjarnason reißen das Publikum mit. Das letzte Konzert von Martin Grubinger findet am 28. Juli während des Rheingau Musik Festivals im Kurhaus Wiesbaden statt. Hingehen, staunen & jubeln!

Gute Kritiken bekommt auch der Film „Tár“ von Todd Field mit Cate Blanchett in der Hauptrolle, der für 6 Oscars nominiert ist. Der Film des Monats von FRIZZ Das Magazin erzählt die Geschichte vom Absturz einer Dirigentin, die (im Film) als erste Frau die Berliner Philharmoniker leitet. Anstatt sich auf diese Rolle im Musikbusiness zu konzentrieren, verliert sich der Regisseur in Details und Nebenwegen. Wir erleben im zähen Anfang des Films, wie Lydia Tár ihre Meisterklasse belehrt, manch klug-langatmiges Gespräch führt und lernen eine selbstgefällige Frau im Zenit ihrer Macht kennen, die sich nimmt, was sie will. Sie lebt mit der Konzertmeisterin des Orchesters (Nina Hoss) zusammen, hat eine kleine Adoptivtochter und immer wieder Affären mit jungen Musikerinnen. Ein bisschen viel von viel will Todd Field erzählen und verliert immer wieder den Faden. „Im Kreise der illustren Besatzung wächst Cate Blanchett einmal mehr über sich hinaus – und bringt uns die Hyperperfektionistin Lydia Tár näher, indem sie dem arbeits-egomanischen Kotzbrocken menschliche Tiefe verleiht.“ (Horst E. Wegener) Darüber ließe sich trefflich streiten. Bei der Oscar-Verleihung ging „Tár“ leer aus. Gut so.

Ob Franziska Giffey (SPD) und Kai Wegner (CDU) das Traumpaar der Berliner Politik werden, steht mittlerweile in den Sternen. Die einstige Bezirksbürgermeisterin von Neukölln konnte nicht einmal dort ihren Wahlkreis gewinnen; nun stimmte der Kreisverband der SPD dort gegen eine Koalition mit der CDU. Eine Klatsche für Giffey, der weitere folgten. Nach dem historisch schlechtesten Wahlergebnis der SPD bei der Wiederholungswahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin wächst der Widerstand gegen Franziska Giffey und ihren umtriebigen Parteikollegen Raed Saleh. Sollten die Koalitionsverhandlungen mit der CDU scheitern, werden die beiden nicht im Amt bleiben können. Franziska Giffey hätte sich ihren Abschied aus der Berliner Politik wohl anders vorgestellt, wird aber sicher auf die Füße fallen. Die Affäre um den erschlichenen Doktortitel hat ihrer politischen Karriere erstaunlicherweise nicht geschadet.

And the Winner is …

Ihre Zeit als Regierende Bürgermeisterin von Berlin neigt sich dem Ende zu: Franziska Giffey holt sich Inspiration beim Filmteam von „Sonne und Beton“. © Alexander Janetzko / Berlinale 2023

Der Neustart der Berlinale ist gelungen. Nach den schwierigen beiden letzten Jahren, die von der Pandemie geprägt waren, kamen Promis & Zuschauer:innen wieder in Scharen zum größten Publikumsfestival der Welt. Zufrieden bilanzierte das Leitungsduo Mariëtte Rissenbeek und Carlo Chatrian: „Volle Kinosäle, bewegende Momente, zahlreiche prominente Gäste und ein neugieriges Publikum kennzeichnen die Berlinale 2023. Das ist für uns gelebte Kinokultur in all ihrer Vielfalt.“ 320.000 Tickets wurden in diesem Jahr ans Publikum verkauft – das Motto „Let’s get together“ war Programm. Zu entdecken gab es bei der 73. Berlinale allerhand, etwa einen digital restaurierten Film („A Woman of Paris“) von Charles Chaplin aus dem Jahr 1923, in dem er nur in einer Szene kurz zu sehen ist. Großartig auch „Golda“ mit Helen Mirren in der Hauptrolle, „Tár“ mit Cate Blanchett und Nina Hoss oder „Sonne und Beton“ von David Wnendt. Diese drei Filme liefen leider nicht im Wettbewerb, dem Aushängeschild der Berlinale, der nach einhelliger Meinung heuer allenfalls durchschnittlich gewesen ist.

Die Entscheidungen der unabhängigen Jury unter der Präsidentin Kristen Stewart waren politisch korrekt, setzen aber keine Zeichen. Diese Unentschiedenheit spiegelt sich strukturell in dem Preispotpourri wider: es gibt den Goldenen Bären, den Großen Preis der Jury und den Preis der Jury; es wird nur noch ein Preis für die beste Hauptrolle vergeben. Sei’s drum. Neben den bereits genannten Filmen beeindruckte uns am meisten „Roter Himmel“ (Großer Preis der Jury) von Christian Petzold. In einigen Szenen lachte das Publikum amüsiert, obwohl es am Ende nichts mehr zu lachen gibt. Großes Kino mit Thomas Schubert und Paula Beer, ein überzeugendes Buch, kurz ein Film, in dem mehr streckt, als zu sehen ist. Diese Vielschichtigkeit fehlt „Sonne und Beton“, der mich immer wieder an „Victoria“ von Sebastian Schipper erinnert hat. Dicht und geradezu physisch packend wird das Coming-of-Age von vier Freunden in der Berliner Gropiusstadt erzählt, wo das Recht das Stärkeren gilt. Quintessenz ihrer Erfahrungen: „Der Klügere tritt nach.“

Dass diese noch nicht ganz verhärteten Jungs nicht abdriften ins kriminelle Milieu der Gangs und Clans, ist eine der vielen Herausforderungen des Siegers bei der Berliner Wiederholungswahl. Kai Wegner und seine CDU, die nun eine Koalition mit der Wahlverliererin SPD unter Franziska Giffey eingehen möchten, stehen in der größten Stadt Deutschlands vor gewaltigen Herausforderungen. Die Agenda ist lang. Berlin muss sich radikal ändern, um im Wettbewerb mit anderen Metropolen bestehen zu können. Ein funktionierende Verwaltung wird es ohne eine Verfassungsreform nicht geben, eine klimaneutrale Stadt nicht mit Verkehrskonzepten der Vergangenheit, sozialen Frieden nicht ohne ausreichend Wohnraum. Schaffen es CDU und SPD sich zusammenzuraufen, stellen Wegner und Giffey persönliche Ambitionen hinter die gemeinsame Sache? An ihren Ergebnissen werden sie gemessen. „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“ (Hermann Hesse) Womöglich werden Franziska Giffey und Kai Wegner noch das Traumpaar der Berliner Politik.