Wunder in Russland

August Diehl als Woland in „Der Meister und Margarita“. © capelight pictures

Seit heute Morgen läuft die Heizung wieder in diesem Wintermai; einen Tag mussten wir auf Wärme verzichten. Irgendeine Baumaßnahme im Westen Berlins. Der kommunale Energieversorger hielt es nicht für nötig, seine Kund:innen darüber zu informieren. Über solch eine kleine Einschränkung können die Menschen in der Ukraine nur mit den Achseln zucken – das Land befindet sich nach dem russischen Überfall am 24. Februar 2022 im vierten Kriegsjahr. Mit seiner Hinhaltetaktik und seinen unhaltbaren Forderungen konterkariert Zar Putin die von der Ukraine angeregte Aufnahme von Verhandlungen ohne Vorbedingungen ein ums andere Mal und führt den amerikanischen Präsidenten vor. Die EU steht wie immer (nicht geschlossen) hinter der Ukraine und hat gerade das 18. Sanktionspaket gegen Russland beschlossen. Die Maßnahmen dürfen aber nationale Interessen nicht gefährden. Nach wie vor importiert Deutschland Gas aus Russland, nach wie transportiert die russische Schattenflotte Erdöl über die Ostsee, nach wie vor bezieht die Atommacht Frankreich angereichertes Uran aus Russland. 

Gleichwohl passieren im neuen Zarenreich bisweilen erstaunliche Dinge, zumindest im Kino. Die Neuverfilmung von Michail Bulgakows Roman “Der Meister und Margarita” durch den russisch-amerikanischen Regisseur Michael Lockshin wurde zum umsatzstärksten Film aller Zeiten in Russland und spielte über 2 Milliarden Rubel ein. Nicht weniger erstaunlich: der Film wurde sogar vom russischen Filmfonds gefördert. Dabei ist schon im Roman eine subtile Auseinandersetzung mit dem Stalinismus angelegt, dessen Allmacht von Woland, einem Wiedergänger von Mephisto, ein ums andere Mal konterkariert wird. In Lockshins opulentem Fantasyfilm spielt August Diehl brillant-diabolisch diese Rolle, den Meister Jewgeni Zyganow, und Margarita gleichfalls sehr überzeugend Julija Snigir. Am Ende triumphieren Woland und sein sprechender Kater Behemoth über die irdischen Mächte, ein Moskau der Moderne steht in Flammen. In der Kritik fiel der Film durch. Das russische Publikum wird die Parallelen zum Putinismus sehr wohl verstanden haben, etwa wenn der Meister in der Psychiatrie mit Elektroschocks “behandelt” wird. 

Vor vierzig Jahren kam Michail Gorbatschow ins Amt und prägte die Begriffe Glasnost und Perestroika. Die Sowjetunion zerfiel, und die Ostblockstaaten wurden unabhängig. Dieser Zerfall muss für Putin traumatisch gewesen sein – sein Ziel ist die Restauration, mehr noch: die Errichtung eines postmodernen Zarenreiches. Das hat der neue Bundeskanzler beim feierlichen Aufstellungsappell der Panzerbrigade 45 „Litauen“ ganz klar benannt. “Merz hat in seiner Rede”, lobt die FAZ, “einen Satz gesagt, der das Zeug hat, zu einem viel verwendeten Zitat zu werden: ‚Der Schutz von Vilnius ist der Schutz von Berlin.‘ Die Stationierung der Bundeswehrbrigade in Vilnius zeigt, dass die entscheidenden politischen Kräfte in Deutschland endlich verstanden haben, was auch schon vor zehn Jahren sichtbar war. Von Vilnius nach Berlin sind es nur 800 Kilometer – nur wenig weiter als von der Ostgrenze der Ukraine nach Kiew. Der Satz von Merz ist wörtlich zu nehmen.“ (23.05.25) “Machen wir uns Illusionen? Häufig. Machen Illusionen uns? Immer.” Wer wollte Karl Karius widersprechen. 

Wintermai

Ein Glücksfall beim Berliner Theatertreffen: “Kontakthof – Echos of 78”. © Ursula Kaufmann

Wenn die Prognosen eintreffen, werden wir uns nach diesen grauen, kalten Maitagen noch zurücksehnen. Bei aller gebotenen Vorsicht sind sich die Meteorologen einig – es droht in Deutschland heuer ein extremer Hitzesommer. “Der Wärmestau im Nordatlantik lasse einen außergewöhnlich heißen Sommer erwarten, hieß es vom Max-Planck-Institut für Meteorologie (MPI-M) in Hamburg. Diese Prognose decke sich mit Vorhersagen des Europäischen Zentrums für mittelfristige Wettervorhersagen, das ebenfalls von einem sehr heißen bevorstehenden Sommer ausgehe.” (GEO, 15.05.25) Spätestens dann werden viele registrieren, dass die Klimapolitik im Kabinett des neuen Bundeskanzlers Friedrich Merz am Katzentisch sitzt. Die Konsequenzen der Erderwärmung werden gewaltig und sehr teuer sein. Um Steuererhöhungen wird keine Regierung herumkommen. Bis 2029 muss der Bund mit 33,3 Milliarden weniger Einnahmen kalkulieren. Und eine Erhöhung des Wehretats auf 5% vom BIP würde jährlich mit 215 Milliarden Euro zu Buche schlagen; das hat gerade der neue Außenminister Johannes Wadepfuhl insinuiert. Der gesamte Bundesetat 2025 sieht übrigens 488,84 Milliarden Euro vor. 

Zu dieser bedenklichen Perspektive passt das Programm des Berliner Theatertreffens in diesem Jahr. “Das Stück (‘Double Serpent’, ein Missbrauchsstück von Ersan Mondtag) fügt sich in eine Tendenz der diesjährigen Festival-Auswahl: Suggestive, vorzugsweise düstere Atmosphären und Raumerfahrungen prägen das Zehner-Tableau“, befindet Christian Rackow auf dem Theaterportal “Nachtkritik”. Eine Ausnahme stellt sicherlich “Kontakthof” von Pina Bausch dar, das 1978 Premiere in Wuppertal hatte und von den noch lebenden Tänzer:innen wieder auf die Bühne gebracht wird. Das Interesse ist riesig, viele versuchen vor dem Haus der Berliner Festspiele, noch Karten zu bekommen. Die Szenen in einem alten Tanzsaal zu Musik von knisternden Schellackplatten erzählen vom Zusammenspiel der Geschlechter; “Kontakthof – Echos of 78” verbindet raffiniert auf Film gezeigte Szenen mit dem Tanz der in die Jahre gekommenen Tänzer:innen. Noch immer beherrschen sie ihren Körper, noch immer können sie faszinieren. 

Der Reiz dieser Choreographie von Meryl Tankard liegt nicht zuletzt darin, dass sie eine Zeitreise unternimmt, bei der viele im Publikum mühelos zusteigen können. Wer waren wir damals? Wer sind wir geworden? Leichtfüßig (noch immer) versichert sich die Truppe ihrer eigenen Geschichte. Ein Glücksfall, dass diese Produktion zum Theatertreffen eingeladen wurde. Langer und einvernehmlicher Applaus. Überhaupt fällt in diesem Jahr positiv auf, wie offen die Jury das Programm zusammengestellt hat. Eine Florentina Holzinger lässt sich so wenig dem “klassischen” Theater zurechnen wie “(EOL). End of Life. Eine virtuelle Ruinenlandschaft”, in der die Teilnehmer:innen mit VR-Brillen ein fiktives “Metaverse 1.0” betreten und über den Fortbestand virtueller Welten entscheiden müssen (Programm-Flyer). Leider haben wir diese Erfahrung verpasst und sind nun gespannt auf Ersan Mondtags Produktion “Double Serpent” vom Hessischen Staatstheater Wiesbaden.  
Es wird einiges geboten im sogenannten Wonnemonat. 

Willkommen im Abgrund

Nackt auf der Halfpipe: Szene aus der Performance „Sancta“ von Florentina Holzinger. © Nicole Marianna Wytyczak

Mit diesen Worten begann der Intendant der Berliner Festspiele, Matthias Pees, seine Rede zur Eröffnung des Berliner Theatertreffens. Sie hätten auch gut zum Scheitern von Friedrich Merz im ersten Wahlgang gepasst. Nie zuvor ist ein Kanzler-Kandidat hier durchgefallen; knapp war es allerdings auch früher schon zweimal. Konrad Adenauer (1949) und Helmut Kohl (1994) schafften mit nur einer Stimme Vorsprung im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit. Die politischen Konsequenzen dieser Schlappe lassen sich noch nicht ermessen: „Adolf Hitler”, schreibt die Rhein-Neckar-Zeitung, „hat sich die Macht am 30. Januar 1933 nicht genommen. Sie wurde ihm überreicht. Es waren die Demokraten selbst, die die Demokratie in die Hände der Nazis legten. Und das bleibt unverzeihlich. Genau dieses Szenario stand am gestrigen Dienstag erneut bedrohlich über dem Himmel der Berliner Regierungszentrale: Eine Hand voll Abgeordneter aus Reihen von Union und SPD riskierten den Zustand der Unregierbarkeit, indem sie Merz ihre Stimme verweigerten.” (07.05.25) 

Willkommen im Abgrund“ – Matthias Pees zielte damit allerdings auf die aktuelle Situation in der Berliner Kultur ab. Nach einem Etat-Cut von über 10% in diesem Jahr, drohen 2026 weitere herbe Einschnitte, die sich nicht mehr aus Rücklagen finanzieren lassen. Für die Hauptstadt ist die Kultur ein wichtiger Standortfaktor; zudem gibt es historisch bedingt in Berlin mehr Institutionen als in Städten vergleichbarer Größe. Kultur ist aber beileibe nicht nur ein Wirtschaftsfaktor, sondern auch ein eigen- und widerständiger Ort gegen den Mainstream einer Gesellschaft. Pees erinnert an eine Parole, die vor dreißig Jahren in der Volksbühne die Runde machte: “Wer im Abgrund lebt, hat das Gröbste hinter sich.” Das Fragment von Hölderlin, auf das er sich in seiner beeindruckenden Rede bezieht, schließt nicht ohne dialektische Hoffnung auf die Widerständigkeit der Vernunft. Das Theater sei ein Möglichkeitsraum. “Für Wege aus dem Abgrund. Aus der Angst”, schließt Pees. Es ist an uns allen, diesen Raum zu bewahren. 

Das gilt besonders für Florentina Holzinger, die mit ihren Performances Unerhörtes auf die Bühnen bringt. Ihr aktuelles Stück ist inspiriert von der Kurzoper “Sancta Susanna” von Paul Hindemith. Bei Holzinger wird indes nicht die Tugend gefeiert, sondern die sexuelle Selbstbestimmung der Nonnen, die sich vom Kreuz der Kirche befreien. Wie gewohnt sind die Performerinnen nackt, wie gewohnt gibt es opulente Bilder, wie gewohnt erleben wir Live-Piercings oder -Ritzen. Nackt sind die Artistinnen mit Inlinern auf einer Halfpipe unterwegs, ein Roboter transportiert Menschen, kurze Lebensbeichten und -wünsche sind zu hören, mal ist es Varieté, dann wieder Klamauk, mal wird das Publikum direkt animiert, dann albert ein weiblicher Jesus vor sich hin – trotzdem zieht sich die Performance allem Aufwand zum Trotz. Niemand musste wie bei der Aufführung in Stuttgart medizinisch betreut werden, niemand verließ vorzeitig die Volksbühne. Begeisterter Applaus. „Florentina Holzinger holzingert halt”, befand Manuel Brug in der “Welt”. Beim nächsten Mal ohne uns.  

Der Lack ist ab

Dieses Bild wurde in wenigen Sekunden von der KI hergestellt – Titel „Ölfarbe blättert ab“.

Schreck am Morgen. Ich will mich bei Microsoft anmelden und muss mich im Zuge der Zwei-Stufen-Authentifizierung bei einer App einloggen – per Face-ID. Geht aber nicht, weil mein Gesicht nicht erkannt wird. Weitere Versuche bleiben erfolglos. Hat sich mein Gesicht über Nacht verändert? Stimmen die Lichtverhältnisse nicht. Über eine halbe Stunde beschäftigt mich dieses Problem, und dann funktioniert es plötzlich doch. Wieder einmal wird mir die Ohnmacht des Einzelnen gegen die amerikanischen Tech-Konzerne bewusst, denen wir auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind. Die meisten Abläufe meiner Firma gehen mittlerweile über die Cloud. Wir bezahlen bei Microsoft nicht mit unseren Daten wie bei Alphabet, Meta & Co., sondern per Abo. Die Konditionen sind fair, der Service ist großartig, aber die Abhängigkeit immens. Wenn Microsoft die Kosten pro Abo monatlich um 1 Euro anhebt, dann nehmen wir das achselzuckend zur Kenntnis.  

Was sollte ich tun? Alles auf Open Source umstellen, wo es so lange gedauert hat, bis es flutscht? Wir haben uns daran gewöhnt, dass alles funktioniert, dass immer Strom zur Verfügung steht. Auf einen Ausfall sind die allermeisten nicht vorbereitet. Wer hat schon Vorräte für ein paar Tage, Taschenlampen und ein Kurbelradio. Diese naive Schicksalsergebenheit haben die Kunden der Deutschen Bahn schon lange nicht mehr. Neulich musste der ICE in Berlin Spandau warten – Böschungsbrand. Anfangs wurden wir noch informiert, dann meldete sich die Leitstelle nicht oder hatte keine genauen Informationen. Nach zweieinhalb Stunden dann diese Nachricht auf dem Bildschirm: “ICE 2525 – This is the last stop. Please leave the train. Thank you for travelling with Deutsche Bahn today.” Leidgeprüft nehmen wir auch diesen Ausfall hin, planen rasch den Tag um und sagen Verabredungen ab. Die Deutsche Bahn hat im letzten Jahr für diese und andere Ausfälle und Verspätungen 200 Millionen Euro erstattet – so viel wie noch nie! Eine Fahrt mit einem Zug des Staatskonzerns ist ohne die DB-App heutzutage nicht mehr möglich. Wie sind die Leute früher ohne Handy gereist?  

Ihm war in der Politik kein Glück beschieden. Der Berliner Kultursenator Joe Chialo hatte sich wohl noch Hoffnungen auf das Amt des Kulturstaatsministers gemacht, das im Kabinett von Friedrich Merz aber Wolfgang Weimer bekommt, der dafür keine besonderen Interessen & Qualifikationen mitbringt. Nun ist der coole Chialo von seinem Amt in Berlin zurückgetreten, in dem er nie angekommen war; die Kürzungen seines Etats im vergangenen Jahr um mehr als 10 Prozent nahm er kampf- und klaglos hin. Nun dienen ihm weitere Einschnitte in seinem Ressort als Begründung für seinen Rücktritt. Das nimmt ihm keiner ab. Chialo hatte nach seiner schwachen Performance in der Politik keine Zukunft mehr, nicht einmal bei Friedrich Merz. Selten ging der Absturz eines Politikers schneller. Anfangs flogen dem Quereinsteiger aus der Musikindustrie die Sympathien zu; bald machten sich Enttäuschung & Ernüchterung breit. Seine Autobiographie hat der Spross einer tansanischen Diplomatenfamilie bereits 2022 verfasst – “Der Kampf geht weiter”. Good Luck, Joe! 

Doppelleben

Chefredakteur und Schriftsteller: Dirk Kurbjuweit bei der Eröffnung des Lesefestes „Frankfurt liest ein Buch“. © Rolf Hiller

“Ich bin ein Hesse.” So beginnt Dirk Kurbjuweit seine Rede beim Eröffnungsabend im voll besetzten Saal der Deutschen Nationalbibliothek. Sein Roman “Nachbeben” steht im Mittelpunkt des 16. Lesefests “Frankfurt liest ein Buch”. Im Brotberuf ist Kurbjuweit Chefredakteur des “Spiegel”. Nach langen und sicher stressigen Arbeitstagen zieht er sich abends in die Welt der Literatur zurück – als Leser und Schreiber; das Handy bleibt dann in einem anderen Zimmer. An keiner Buchhandlung könne er vorbeigehen, er liebe die Stille in einer Welt mit hunderttausenden Sätzen. Zwar hat Kurbjuweit als Kind nur kurz in Wiesbaden gelebt, dann zog die Familie weiter nach Berlin und Essen, aber viele Sommerferien verbrachte er im Vordertaunus auf dem Kleinen Feldberg. Dort spielt zum guten Teil sein 2004 erschienener Roman “Nachbeben”, der erstaunliche Familienkonstellationen geschickt mit der Einführung des Euro verbindet. 

Dirk Kurbjuweit kann schreiben und will mehr als bloß unterhalten. Ein paar Stellen in seinem Roman habe ich unterstrichen, etwa den Satz: “Weißt du, wie man sich manchmal ausmalt, dass man sich an einem gewissen Punkt anders entschieden hätte und in einem anderen Leben gelandet wäre.” Er hat inzwischen fast zwanzig Bücher veröffentlicht, Preise dafür bekommen; viele wurden sogar verfilmt oder als Hörspiel bearbeitet. In seinem Wiki-Eintrag wird auch auf einen Leitartikel im Spiegel vom 05.03.21 hingewiesen – “Es reicht, Herr Spahn!”, in dem er den Rücktritt des damaligen Gesundheitsministers fordert. Die Skandale in der Corona-Zeit haben dem wendigen Politiker nicht geschadet; jetzt wird er als Chef der nächsten CDU/CSU-Bundestagsfraktion gehandelt. Für die SPD ist “Spahn schon lange ein schwarzes Tuch mit blauen Flecken” (FAZ, 25.04.25), und für Philipp Türmer, den Bundesvorsitzenden der Jusos, wäre eine Ablehnung des Koalitionsvertrags durch die SPD keine Staatskrise. 

Am 29. April endet die Frist für die Mitgliederbefragung der SPD. Sollte der Vertrag abgelehnt werden, würde die Koalition mit der CDU/CSU noch vor Beginn scheitern. Angesichts der aktuellen Weltlage wäre das eine veritable Staatskrise und Friedrich Merz bekäme sicher wieder wie nach der SPD-Frage nach Steuererhöhungen zum Ausgleich von Finanzierungslücken einen Tobsuchtsanfall. “Soll das eine politische Antwort auf ein Problem sein?“, fragte das Straubinger Tagblatt da zu Recht konsterniert. Derweil blickt die Welt nach Rom, wo am Samstag Papst Franziskus beigesetzt wird. Dann beginnt das Konklave, bis ein neues Oberhaupt der katholischen Kirche für 1,4 Milliarden Gläubige gefunden ist. Wer sich dafür interessiert, dem sei der packende Film “Konklave” von Edward Berger oder der Kardinal-O-Mat empfohlen. Fest steht schon jetzt, dass der 267. Papst wieder ein alter Mann sein wird. Kardinal Jorge Mario Bergoglio aus Buenos Aires wurde 2013 erst im fünften Wahlgang gewählt. Er war der erste Papst aus Südamerika, muss eine sehr beeindruckende Persönlichkeit gewesen sein und nahm den Namen Franziskus an.  

1972

Der packende Film „September 5“ von Tim Fehlbaum stellt Fragen nach der journalistischen Ethik. © Constantin Film

Jeden Abend sahen wir in der Tagesschau Berichte vom Vietnamkrieg. Ich erinnere mich noch gut daran, wie amerikanische Hubschrauber über das Mekongdelta fliegen, Schüsse sind zu hören. Das war der erste Krieg, den ich im Fernsehen verfolgt habe. Über dieses Jahr hält der ARD-Jahresrückblick fest: “Die Verabschiedung der Ostverträge mit der Sowjetunion und Polen sowie der Grundlagenvertrag mit der DDR sind die großen außenpolitischen Erfolge der Regierung Brandt im Wahljahr 1972. Brandt wird ebenso wiedergewählt wie Richard Nixon in den USA. Der Vietnam-Krieg tobt derweil unvermindert weiter, der Nordirland-Konflikt erreicht mit dem ‘Blutigen Sonntag’ einen traurigen Höhepunkt. Für weltweite Bestürzung sorgt das Attentat auf israelische Sportler bei den Olympischen Spielen in München.” Damals schaute ich noch Sportübertragungen und war auch beim sog. Goldenen Sonntag am 3. September dabei, als Leichtathleten aus der Bundesrepublik Deutschland drei Goldmedaillen gewannen. 

Die “heiteren Spiele” in München fanden zwei Tage später ihr jähes Ende. Die palästinensische Terrororganisation “Schwarzer September” nahm 11 israelische Sportler als Geisel und forderte die Freigabe von 232 Palästinensern. Die deutsche Polizei war auf eine solche Situation nicht vorbereitet, die Befreiung auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck scheiterte – alle Geiseln, fünf Terroristen und ein Polizist starben. Eine 24/7-Information gab es damals noch nicht, so dass sich die Nachricht von dem Überfall erst allmählich verbreitete, viele Wettbewerbe gingen einfach weiter; manche dann sogar in Kenntnis der Lage. Hätte man die Olympischen Spiele, in Deutschland zumal, abbrechen müssen? Das IOC entschied sich schon damals für das Geschäft und gegen die Moral. „The games must go on,“ verkündete Avery Brundage, der damalige Präsident des Internationalen Olympischen Komitees. Diese Maxime gilt für das Handeln des IOC heute generell. Wo die Spiele stattfinden, ist egal, welche Belastungen für die Umwelt entstehen, schert niemanden in der mächtigen Funktionärsriege. Hauptsache die Kasse stimmt. 

Diese Fragen streift der überragende Film “September 5” des Schweizer Regisseurs Tim Fehlbaum, den wir zum Glück noch in einer Matinee-Vorstellung sehen können, nur am Rande. Mucksmäuschenstill ist es in dem winzigen Kino. Obwohl man doch den Ausgang des Geiseldramas kennt, folgt das Publikum gebannt der Arbeit eines amerikanischen Fernsehteams im Olympischen Dorf. Mit Leonie Benesch, John Magaro und Ben Chaplin ganz hervorragend besetzt, wirft “September 5” Fragen nach der Qualität journalistischer Arbeit auf. Soll man sich Slots beschaffen, um über das Geiseldrama zu berichten? Gibt es Grenzen für das, was man zeigen darf? Auch die Terroristen verfolgten live das Programm. Braucht man zwei verlässliche Quellen, um eine Nachricht herauszugeben? Die Geiselnahme während der Olympischen Spiele 1972 und ihr tragisches Ende verfolgten 900 Millionen Menschen auf der ganzen Welt an den Bildschirmen. Heute kann man auf Social Media in Echtzeit (fast) überall dabei sein; die Frage nach der Verlässlichkeit einer Quelle hat kaum mehr Relevanz. True Social heißt ausgerechnet der Kanal des amerikanischen Präsidenten Donald Trump. 

Ein Mann sieht rot

Flow aus Bildern und Tönen: Tangerine Dream in der Alten Oper Frankfurt. © Rolf Hiller

Ein Blick ins Depot zeigt die Folgen der disruptiven Zinspolitik des amerikanischen Präsidenten: alles so schön rot hier. Die Verluste sind spürbar; am stärksten hat Apple mit 26,83% an Wert verloren. Inzwischen scheint dem Dealmaker Donald Trump zu dämmern, was er da angerichtet hat, nicht zuletzt bei seinen Wähler:innen. Die Preise in den USA – dort findet ein Drittel des weltweiten Konsums statt – werden nach oben gehen. Noch brisanter ist die Entwicklung an der Börse, denn in Amerika ist die Aktienaltersvorsorge weit verbreitet. Dass Trump die Strafzölle gegen die EU erst einmal ausgesetzt hat, verschafft den Europäern allenfalls eine Atempause. Zum einen könnte China mit seinen Waren, die Trump mit 125% Strafzöllen belegt hat, Europa überschwemmen, zum anderen könnte China die ganze Welt durch den Verkauf von amerikanischen Staatsanleihen (Bestand derzeit 760,8 Milliarden Dollar) destabilisieren. 

Wahrscheinlich kennt der amerikanische Präsident den Film “Ein Mann sieht rot” (“Death Wish”) aus dem Jahr 1974 mit Charles Bronson in der Hauptrolle; wahrscheinlich gefällt ihm die Story. Nachdem bei einem brutalen Überfall durch eine jugendliche Gang seine Frau getötet wird und seine Tochter in eine autistische Erstarrung (Katatonie) fällt, verwandelt sich der einstige Kriegsverweigerer Paul Kersey in einen Killer, der gnadenlos schießt, wenn er angegriffen wird. „Ein zynischer Film, der suggestiv und kalkuliert alle Mittel einsetzt, um Selbstjustiz zu rechtfertigen,“ befindet das Lexikon des internationalen Films. “Death Wish” (Musik: Herbie Hancock) endet mit einem Deal und für Kersey nicht im Knast in New York. Das dürfte Donald Trump gefallen: hier vertraut einer nicht mehr auf Recht und Gesetz, hier lässt einer sich gar nichts mehr gefallen und schießt sofort zurück. Diese Westernmentalität ist Europäern fremd und als Maxime politischen Handelns brandgefährlich. 

Im Flow eines Konzerts der deutschen Electronica-Band Tangerine Dream in der Alten Oper Frankfurt tauchen wir ab in eine andere Welt, in ein Gesamtkunstwerk. In der Tat lassen sich die einzelnen Stücke schwerlich auseinanderhalten; eins klingt wie das andere. Ohne die Bilder und Filme würde ein Auftritt der Gruppe, die 1967 gegründet wurde, rasch langweilen. Tangerine Dream ist Konzept, nicht Band. An den Gründer Edgar Willmar Froese (†) erinnern einige Bildsequenzen, ansonsten bleibt er in der Musik lebendig. Es ist sicherlich kein Zufall, dass Tangerine Dream für viele Filme den Soundtrack lieferte. Die Zugaben sparen wir uns und denken noch einmal an unseren Freund Axel, der mir eine Tangerine Dream Collection als “Special Gold CD Edition” hinterlassen hat. Ihm hätte die Continuum Tour 2025 ganz bestimmt gefallen. 

Mit Volldampf in die Katastrophe

Die Titanic bei der Abfahrt aus Southampton am 10. April 1912. © Francis Godolphin Osbourne Stuart

Wer kennt diesen Film nicht? Leonardo DiCaprio und Kate Winslet in den Hauptrollen, Regie James Cameron, insgesamt 11 Oscars. “Titanic” zählt zu den erfolgreichsten Kinoproduktionen aller Zeiten. Natürlich kennen wir diesen Film und sind wieder fasziniert; nicht einen Moment ziehen sich die 194 Minuten. Die Titanic war das größte und modernste Schiff zu seiner Zeit, die Jungfernfahrt von Southampton nach New York war ein weltweites Medienspektakel, erst recht der Untergang nach der Kollision mit einem Eisberg im Nordatlantik. 1514 Menschen kamen ums Leben, ein Streichquartett spielte bis zuletzt. War es ein tragisches Unglück oder Fahrlässigkeit? Der Film wirft diese Fragen auf. Die Titanic sollte noch schneller New York erreichen, die Sensation noch größer werden. In der aktuellen Lage kann man die Titanic als Allegorie deuten – wider besseres Wissen können die multiplen Krisen in einer Katastrophe enden. 

Trump gegen den Rest der Welt, das kann und wird wohl nicht gut enden. Disruption in Maßen kann erstarrte Verhältnisse aufbrechen. Disruption als Prinzip ist kontraproduktiv und zerstört politische und wirtschaftliche Beziehungen – zum Schaden aller. Klare Worte findet ein Kommentar der Sylter Rundschau in den morgendlichen Pressestimmen im Deutschlandfunk:  “Die gegen 183 Staaten verhängten Strafzölle sind der vorläufige Höhepunkt einer Politik, die jedes Gefühl für Maß und Mitte vermissen lässt. US-Präsident Donald Trump glaubt tatsächlich, sich mit der ganzen Welt anlegen zu können, ohne dass die amerikanische Wirtschaft und Gesellschaft Blessuren davontragen werden. Das ist nicht nur naiv, das ist größenwahnsinnig. Der von Trump ausgerufene ‚Liberation Day‘ ist kein Tag der Befreiung. Er wird sich vielmehr als Belastung für die USA erweisen. Denn er markiert nicht nur den Bruch mit der regelbasierten Ordnung des Welthandels und lässt Partner auf Distanz gehen.” (04.04.25) Einige mutige Bundesrichter stellen sich gegen die brachiale Zerstörung von Institutionen, die Demokraten haben sich noch immer nicht vom Schock der Niederlage bei der letzten Präsidentschaftswahl erholt, und in seiner eigenen Partei regt sich (noch) kein Widerstand gegen Trumps Destruktivismus. 

Die Börsen reagieren unmissverständlich auf Trumps Furor: der Dow-Jones und der Nasdaq mit vielen Technologietiteln verzeichnen die größten Verluste seit der Corona-Pandemie 2020. Weltweit werden die Börsen von diesem Abwärtstrend mitgerissen. Und was sagt der Geschäftsmann Donald Trump dazu allen Ernstes? “Ich denke, es läuft sehr gut.” Die EU, der größte Binnenmarkt der Welt, hat keine guten Karten. Politisch und wirtschaftlich ist sie keine Einheit, militärisch und technologisch von den USA abhängig. Eine starke deutsche Regierung würde dringend gebraucht, allein die Koalitionsverhandlungen zwischen der Union und der SPD verheißen nichts Gutes. Ein “Irgendwie weiter so” droht, der Kanzler in spe Friedrich Merz hat bis jetzt keine Führungsqualitäten erkennen lassen, die CDU/CSU steht im aktuellen ARD DeutschlandTrend bei 26%, die AfD bei 24% und die SPD bei 16%. Nichts läuft sehr gut im Moment. Gar nichts! 

Die Gleichgültigkeit des Universums

MELENCOLIA im Haus der Berliner Festspiele als Herausforderung. © Anja Köhler

“Wie hältst Du Dich in all dem Wahn wacker?”, fragte mich kürzlich ein Freund. Meine Antwort: News reduce ist meine Methode, um dem allherrschenden Wahn zu trotzen. Morgens Nachrichten & Presse, dann Business und abends News – kein TV, keine Talk Shows und erst recht kein Social Media. Niemand kann die immer neuen Krisen auf der Welt noch verkraften. “Ich habe keine Lust mehr, auf die unsägliche Weltpolitik zu schauen”, schreibt Heidi Zehentner in “Speakers’ Corner” in der aktuellen Ausgabe von FRIZZ Das Magazin für Frankfurt & Vordertaunus. Das hört man derzeit häufiger, von durchaus politisch interessierten Menschen. Nicht Eskapismus bestimmt ihre Entscheidung, viele können die multiplen Krisen nicht mehr verkraften und besinnen sich auf ihr Leben und ihre persönlichen Probleme. Sie klinken sich immer wieder aus, um neue Kraft zu schöpfen. Deshalb sind Kurse, Ratgeber und Seminare zum Thema Achtsamkeit derzeit gefragt wie selten. 

Trotzdem gehen wir in “Eine Show gegen die Gleichgültigkeit des Universums”, mit der das Festival MaerzMusik 2025 im ausverkauften Haus der Berliner Festspiele eröffnet wird. Der Aufwand ist gewaltig, der Anspruch ebenso. Unter der Leitung der Komponistin Brigitta Muntendorf und des Regisseurs Moritz Ernst Lobeck begibt sich MELENCOLIA, inspiriert von einem Kupferstich von Albrecht Dürer, “in sieben Tableaus auf die Suche nach dem befreienden melancholic mood” (Programm-Flyer). Mit von der Partie sind das Frankfurter Ensemble Modern, Mitglieder des Apollo Chors der Staatsoper Unter den Linden, digitale Gäste und KI-Stimmklone. Der Text im Flyer verspricht viel, was die Inszenierung keineswegs einzulösen vermag: “’MELENCOLIA’ überschreitet das vordergründig Spektakuläre, um das Publikum zur Selbstreflexion anzuregen – und nicht weniger als die Gleichgültigkeit des Universums herauszufordern.” Wow! Nach der Premiere gibt es herzlichen Applaus – womöglich doch nur für das vordergründig Spektakuläre. Das Universum bleibt davon bestimmt unberührt. 

Den “melancholic mood” kennen die Kunden der Deutschen Bahn nur zu gut, aber nicht als Befreiung, im Gegenteil. Kurz vor dem Ziel- und Endbahnhof Frankfurt gibt es wieder einmal eine Weichenstörung. Der ICE muss über Aschaffenburg umgeleitet werden; am Ende haben wir 188 Minuten (!) Verspätung. Dass notwendige Investitionen des Staatskonzerns in die Infrastruktur seit Jahrzehnten unterlassen wurden, rächt sich jetzt bitter – und wird um so teurer. “Statt um jeden Preis die Bahn in die Profitabilität zu treiben”, mahnt die TAZ wieder einmal an, “sollte die kommende Regierung klar und deutlich anerkennen, dass die Bahn ein elementarer Teil der Daseinsvorsorge ist, den sich die Gesellschaft bewusst leistet.“ (28.03.25) Auf der Rückfahrt muss der Sprinter kurz vor Erfurt anhalten. Ein nachts überfahrener Bieber liege auf dem Gleis, informiert uns der Zugchef, um dann gleich noch einen draufzulegen. Der Bieber sei wieder auferstanden und würde nun von einem Jäger verfolgt. Weiter geht’s nach dieser amüsanten Einlage. Es gibt Fahrten, die man nie vergisst. 

Brückenbauer gesucht

Szene aus dem Film „Mit der Faust in die Welt schlagen“: Tobias (Anton Franke) wird in der Toilette gedemütigt. © Across Nations Filmverleih

Das Interesse ist groß, die Premiere im Berliner Delphi-Palast restlos ausverkauft. Bereits bei der Berlinale hatte “Mit der Faust in die Welt schlagen” (Kinostart (03.04.25), das Spielfilmdebüt der Regisseurin Constanze Klaue, beachtlichen Zuspruch. Frei nach dem erfolgreichen Roman von Lukas Rietzschel wird die Geschichte zweier Brüder erzählt, die in der Nachwendezeit in einem Dorf in der Oberlausitz aufwachsen. Die Zeiten sind schwierig, die Eltern überfordert, die Lage im neuen Haus ist oft eng und bedrückend. Philipp und Tobias erleben den Niedergang ihrer Familie und suchen Halt in einer lokalen Neonazigang. Nur einer von ihnen schafft schließlich den Absprung aus diesem sozialen Umfeld und geht in die Stadt. Der filmischen Adaption fehlen Rhythmus und Timing. Anfangs erlebt man einen biederen Fernsehfilm, viele Figuren, ihre Handlungen und Motive bleiben unscharf. 

Im spannenden Panel nach dem Film erzählt die Regisseurin, dass sie in dem Roman ihre eigene Geschichte entdeckte; sie hat sie gewissermaßen miterzählt. Vielleicht wollte sie zu viel und erreichte deshalb zu wenig. Der Autor Lukas Rietzschel hat mit ihrer Version keine Schwierigkeiten und sieht wie die anderen Gesprächsteilnehmer:innen, dass die deutsche Einheit noch immer nicht vollendet ist. Während Westdeutsche – darauf wies der Soziologe Steffen Mau hin – keine Unterschiede mehr zu Ostdeutschen ausmachen, werden die Differenzen dort nach wie vor empfunden, gerade von jungen Leuten. Die gleichen öden Einfamilienhaus-Siedlungen mit Carport vor der Tür hier wie dort können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die traumatischen Erfahrungen nach der deutschen Einheit (Ende vieler Erwerbsbiographien, Abwicklung vieler Unternehmen durch die Treuhand, Besetzung der Führungspositionen durch westdeutsche Eliten) weiter nachwirken. Geld heilt nicht alle Wunden. 

Lilly Blaudszun bestätigt, dass für junge Menschen in Ostdeutschland ihre Herkunft von großer Bedeutung ist. In ihrem Podcast OKF – Ortskontrollfahrt beschäftigt sie sich gemeinsam mit Jakob Springfeld mit der Frage: “Wie ist es wirklich, heute im Osten aufzuwachsen”. Angesichts der beschlossenen Änderungen bei der Schuldenbremse, dürfte sich das immer wieder aufgeworfene Problem nach der Generationengerechtigkeit indes im ganzen Land stellen. Dass es keine Alternative dazu gibt, verdeutlicht die akut notwendige Sperrung der stark befahrenen Ringbahnbrücke der A 100 in Berlin, über die der Verkehr nach Norden fließt. In den 60er Jahren erbaut und für deutlich weniger PKW und kleinere LKW geplant, zeigt diese Schließung exemplarisch, was die jahrelange Verschleppung von Investitionen in die Infrastruktur konkret bedeutet. Allein in der Hauptstadt müssen 50 der insgesamt 2.000 Brücken schnellstens saniert werden; bundesweit sind es – je nach Quelle – bis zu 11.000. Beste Zeiten für Bauingenieure. Fachkräfte sind derzeit (noch) sehr gefragt.