Auf nach Hamburg

Lilith Stangenberg als Antigone am Deutschen SchauSpielHaus Hamburg. © Thomas Aurin

Nach dem Berliner Theatertreffen 2024 stand für uns fest: wir müssen nach Hamburg fahren und alle fünf Teile von Anthropolis am Deutschen SchauSpielHaus bei einem Marathon-Wochenende erleben. Bei ihrem Solo-Auftritt in “Laios”, dem zweiten Teil des Zyklus, hatte Lina Beckmann alle und jeden begeistert. “Ich kann mich nicht erinnern”, notierte ich, “jemals einen solchen Applaus nach einer Theateraufführung erlebt zu haben. Standing Ovations. Wieder und wieder kommt Lina Beckmann auf die Bühne. Wir alle würdigen die Leistung dieser Ausnahmeschauspielerin, die gewissermaßen die Vorgeschichte von Ödipus erzählt, spielt, lebt, leidet.” Pünktlich kommen wir mit dem ICE in Hamburg an, checken im Hotel ein und eilen gleich weiter in die Kantine des Theaters. Ein langer Abend steht an – gespielt werden der Prolog und Dionysos. Gerne hätten wir dieses Erlebnis tiefenentspannt im Schlaf verarbeitet, aber am Sonnabend geht’s auf der Baustelle gegenüber pünktlich um 7 Uhr weiter. 

Passt doch. “Anthropolis – Ungeheuer. Stadt. Theben. Eine Serie in fünf Folgen” heißt das großartige Projekt. Roland Schimmelpfennig zeichnet für den Text verantwortlich und hat manche Passagen ganz neu geschrieben, die Intendantin Karin Beier inszeniert sparsam, klug und konzentriert auf den Stoff und das phantastische Ensemble. Die Fachzeitschrift Theater Heute wählte das SchauSpielHaus Hamburg zum Theater des Jahres und “Laios” zur besten Inszenierung der Saison. Das Ensemble ist wirklich glänzend besetzt und konnte die Absage von Devid Striesow zwei Stunden vor der Aufführung durch Christoph Jöde souverän ersetzen. Er spielt nicht den Ödipus, er ist an diesem Abend Ödipus wie die fabelhafte Lilith Stangenberg Antigone. Das Publikum verfolgt gebannt ihre Versteinerung, mit der sie die Strafe Kreons schon vorwegnimmt. Die Inszenierung nimmt hier den antiken Stoff bitterernst, setzt sich dann aber wieder herrlich unernst von den hanebüchenen Details ab. 

Der letzte Abend endet mit einem Sprechgesang des Chores. “Erkenntnis und Einsicht sind der Anfang allen Glücks. Niemand stelle sich gegen die Götter, Übermut, Anmaßung und falscher Stolz führen zum Sturz in die Tiefe, doch das erkennen wir zu spät im Leben.” Im letzten Herbst saß Bundeskanzler Olaf Scholz an allen drei Tagen im Publikum und könnte  an diesem Abend ins Grübeln geraten sein. Dass Donald Trump ins Deutsche SchauSpielHaus kommt, steht nicht zu erwarten. Ihn erinnerte die furchtlose Bischöfin der Episkopalkirche der USA, Mariann Edgar Budde, mit ruhigen, klaren Worten an die Menschlichkeit. „Dem US-Präsidenten ins Gesicht zu sagen”, kommentiert die TAZ, “dass seine Politik menschenverachtend ist, erfordert Mut. Mut, den gerade nur wenige beweisen. Dass Budde mit ihren Worten Trumps Herz bewegen wird, ist zwar unwahrscheinlich. Doch mit ihrer fast schon flehenden Bitte zeigt sie einer ganzen Nation und darüber hinaus, dass es möglich ist, sich den Rechten entgegenzustellen. Auch dann, wenn es mächtige Männer in politischen Ämtern sind.” (23.01.25) Die Mühen der Ebene werden ihm nicht erspart bleiben. Ich möchte den Antiken Marathon noch einmal erleben. 

Parallelwelten

Das Duo Costache riskiert riskiert immer Kopf und Kragen. © Rolf Hiller

Eine lange Doppelschlange vor dem Delphi Filmpalast in Berlin. Das Interesse an “Literatur Live”: Robert Habeck liest aus “Den Bach rauf”. So voll haben wir dieses Kino noch nie erlebt, bis auf den letzten Platz im Rang! Geduldig warten die Menschen, deren Mäntel und Taschen von der Security gecheckt werden müssen. Sie alle wollen wie der Kanzlerkandidat der Grünen “den Mut wiederfinden”. Souverän und schlagfertig führt der Moderator Micky Beisenherz das Gespräch. Habeck gibt sich nachdenklich und selbstkritisch und bewundert die Leistungen der Altkanzlerin Angela Merkel. Widerspruch regt sich im Publikum da nicht, wie es überhaupt keine Zwischenrufe oder gar Störer gibt. Tags zuvor war der viel beschäftigte, aber immer offene Habeck bei einem Gamer auf der Plattform Twitch zu Gast – unbekannte Welten nicht nur für ihn. Man kann dort einem Spieler (“Darf ich Sie Max nennen?”) jeden Tag über Stunden bei seinem E-Sport zuschauen, mit ihm plaudern und an seinem digitalen Leben teilhaben. 

Wer macht denn so etwas? geht es mir durch Kopf. Wer hat denn Zeit dafür? Beisenherz und Habeck stellen einvernehmlich fest, dass es längst keine Leitmedien mehr gibt – die Öffentlichkeit zerfällt in viele Welten, zwischen denen es kaum mehr Vermittlung gibt. Um so wichtiger, dass man noch miteinander im Gespräch bleibt, andere Meinungen gelten und stehen lässt, solange der Diskurs nicht die Grundfesten der Demokratie in Frage stellt. Eine existentielle Erfahrung als Politiker machte Habeck vor einem Jahr, als aufgebrachte Bauern ihn und seine Familie am Verlassen der Fähre in Schüttsiel hinderten. “Dennoch”, notiert er, “haben die Stunden auf der Fähre etwas verändert. Dass ich zu Hause nicht mehr zu Hause bin und dass es keinen Rückzugsort mehr gibt, aber vor allem, dass es meine Familie so direkt betrifft, ist unmittelbar geworden. Ich habe irgendwann danach mich – und meine Frau – gefragt, ob ich aufhören sollte. Aber die Antwort – auch die von ihr – war: nein.” 

Nach der Lesung bildete sich eine lange Schlange im Saal: viele wollten sich “Den Bach rauf” signieren lassen. Am nächsten Tag stand Robert Habeck neun Stunden vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum Atomausstieg. Solch ein Leben muss man wollen und können. Wie die Artist:innen im OVAG Varieté in Bad Nauheim, die ich am Vorabend erlebte. Das Duo Costache etwa riskiert bei jedem Auftritt Kopf und Kragen mit ihrer sogenannten Perche-Artistik, die sie nur ein paar Jahre ausüben können und die womöglich langfristige Folgen hat. Trotzdem machen sie ihr Ding und ziehen das Publikum in Bann. Mit zwei Shows startete der Mastermind des Programms, Andreas Matlé, 2003, heute sind es 50 in einer Spielzeit im stets ausverkauften Dolce-Theater (730 Sitzplätze). Über drei Stunden dauert die Show immer und zieht sich nicht einen Moment. Der Vorverkauf für die nächste Saison läuft schon. Dann ist der verurteilte Sexualstraftäter Donald Trump ein Jahr im Amt als amerikanischer Präsident. Man kann nur hoffen, dass die am längsten bestehende Demokratie der Welt nicht von Oligarchen wie Musk, Zuckerberg & Co. gekapert wird. Wir werden Biden noch sehr vermissen. Good bye Joe! 

Mensch bleiben

Dieses Bild wurde von der KI generiert.

Am 23. Februar findet die vorgezogene Neuwahl zum Deutschen Bundestag statt, und jetzt beginnt die große Zeit der Parolen, Slogans und Versprechungen. Die Grünen – sie stehen derzeit in den Umfragen bei 14% – plakatieren ihren Kandidaten Robert Habeck mit dem Claim “Bündniskanzler. Ein Mensch. Ein Wort”. Als ich von der Kampagne erfuhr, die von der renommierten Werbeagentur Jung von Matt stammt, dachte ich sofort an Adolf Tegtmeier. In den 60er und 70er Jahren feierte der Kabarettist Jürgen von Manger mit dieser Bühnenfigur, die herrlich breites Ruhrplatt spricht, große Erfolge in Radio und Fernsehen und auf Schallplatte – “Mensch bleiben…!” hieß ein Programm von ihm. An den herzensguten und niemals arglistigen Tegtmeier haben Robert Habeck (*1969) und seine Wahlkampfstrategen wahrscheinlich nicht gedacht, als sie ihre befremdlich menschelnde Kampagne verabschiedeten.  

Ob sich die Entscheidung für diese Strategie bei der Wahl auszahlt, zieht nicht nur Gerrit Bartels in Zweifel: “Diese Betonung auf den Menschen im ‘Team Robert’, eine ebenfalls anbiedernd-peinliche Konstruktion, ist der reine Kitsch und vor dem Hintergrund der eigentlichen Ziele der Grünen (mehr als 14 Prozent, Bündnispartner werden, das selbst in einer Regierung mit der CDU/CSU) entleert es das Menschliche im Menschen zusätzlich.” (Tagespiegel, 09.01.25) Womöglich wird der Einfluss der Kampagnen, der Auftritte der Spitzenkandidaten in Medien und vor Ort, der Haustürwahlkampf und die Infostände auf Straßen und Plätzen überschätzt. Angeblich wissen über 70% der Menschen “draußen im Lande” schon jetzt, welche Partei sie im Februar wählen werden. Spannender denn je wird es auf jeden Fall, denn niemand kann seriös vorhersagen, wie sich die Wahlrechtsreform zur Verkleinerung des Bundestags auswirkt. Holt Die Linke drei Direktmandate oder schafft sogar 5%? Fliegt die FDP aus dem Bundestag, und bleibt das BSW bei 5% wie in den letzten Umfragen? 

Stünden Die Grünen besser da, wenn sie sich wieder stärker auf ihre Wurzeln besinnen würden? Wahrscheinlich nicht. 2024 war wieder einmal das wärmste Jahr, noch nie waren die Meere wärmer. Dass ein Zusammenhang zwischen unserem Lifestyle und den Naturkatastrophen besteht, realisieren die meisten vielleicht nur, wenn sie direkt betroffen sind. Der nächste amerikanische Präsident, der unbelehrbar auf fossile Energien setzt, hat den Verantwortlichen für die Brände in Los Angeles denn auch schon ausgemacht: den demokratischen Gouverneur Gavin Newsom. “Gestern wurde halb Hollywood evakuiert”, schreibt mir heute Morgen Uwe Bettenbühl, der Filmredakteur von FRIZZ Das Magazin, der seit Jahrzehnten in Los Angeles lebt. “Unsere Nachbarschaft südlich davon ist nicht direkt betroffen, ein Evakuierungsmandat haben wir bisher nicht bekommen, kämpfen aber täglich mit Feuergestank und Asche, die auf unser Haupt regnet. Der Himmel ist orange gefärbt. LA im Sci-Fi-Look.” Mensch bleiben wir nur mit der Natur. Nicht gegen sie. 

Zuversicht

Ohne Zuversicht geht beim Stuhlakrobaten Sarban Troupe gar nichts. © Rolf Hiller

An Grüßen und Wünschen fehlt es nie beim Jahreswechsel, in der Zeit der Rauhnächte (altertümliche Schreibweise), also der Zeit vom 25. Dezember bis zum 6. Januar. “Die Raunächte sind eine Zeit, die seit der frühen Neuzeit für Geisteraustreibung oder -beschwörung, den Kontakt mit Tieren oder wahrsagerische Praktiken geeignet sein soll.” (Wikipedia) Zumindest sind die Tage ‘zwischen den Jahren’ eine Zeit der Besinnung. Das Leben scheint ruhiger zu verlaufen; man lässt das vergangene Jahr Revue passieren und spekuliert, was das neue wohl bringen möge. Die guten Wünsche und Vorsätze sind meist schnell vergessen, aber eine Anregung der Schriftstellerin Thea Dorn geht mir die ganze Woche nicht aus dem Kopf: man solle die Zuversicht trainieren wie einen Muskel. Statt sich in der “German Angst” immer weiter herunterziehen zu lassen, sollte man die Hoffnung nicht aufgeben – trotz aller berechtigter Zukunftssorgen. Das Buch dazu hat die Wissenschaftlerin Hannah Ritchie geschrieben: “Hoffnung für Verzweifelte. Wie wir als erste Generation die Erde zu einem besseren Ort machen” (Piper) 

Dass nicht alle Mitmenschen hierzulande das neue Jahr freudig & friedlich beginnen wollen, scheint ein deutsches Problem zu sein. Während man in Sidney, London oder New York den Jahreswechsel mit prächtigen öffentlichen Feuerwerken feiert, nutzen hierzulande immer mehr vor allem Männer die Böllerei, um ihren Aggressionen freien Lauf zu lassen. Wieder ganz vorne dabei die Bundeshauptstadt. 4.000 Polizisten waren im Einsatz, um Eskalationen oder Übergriffe auf Rettungskräfte zu verhindern. Fassungslos brachte es einer von ihnen auf den Begriff: “Die haben Silvester mit Krieg verwechselt”. Statt endlich ein Böllerverbot durchzusetzen, eiern viele Politiker herum. Der Regierende Bürgermeister der Stadt, Kai Wegener, lehnt das ab und möchte stattdessen das Waffenrecht verschärfen. Kugelbomben, die einige Menschen das Leben kosteten und schwerste Verletzungen hervorriefen, und Straßenschlachten, die ganze Häuser in der Nacht unbewohnbar machten, haben mit dem viel beschworenen Brauchtum und dem Spaß an einer Silvesterknallerei nichts mehr zu tun. Dieser (auch ökologische) Wahnsinn muss ein Ende haben! 

Aus gutem Grund fuhren wir am Silvesterabend mit dem Auto zum Tempodrom. Öffentliche Räume beherrscht von Böllergangs und die Fahrt mit der U-Bahn meiden wir an diesem Abend. Im 20. Jahr tritt der Circus Roncalli hier mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin auf; diese Kooperation verdankt sich übrigens einem Fehler beim Buchen, denn Roncalli und das DSO bekamen 2004 beide den Zuschlag für diese Location am 31. Dezember. Was tun? Man entwickelte ein gemeinsames Programm und hat damit seit Jahren großen Erfolg. Auch diesmal ist das Publikum wieder begeistert von den fantastischen Artisten, die ohne Zuversicht ihre riskanten & schwindelerregenden Nummern nicht vollbringen könnten. Beschwingt fahren wir nach Hause, stoßen erst kurz nach Mitternacht an, freuen uns an ein paar Wunderkerzen und auf 2025, zuversichtlich! 

Zufälle

Unterwegs in eine ungewisse Zukunft: „Glaube, Geld, Krieg und Liebe“ von Robert Lepage an der schaubühne. © Gianmarco Bresadola

Die Karten sind begehrt. Fast alle Aufführungen sind ausverkauft. Das Publikum ist neugierig auf die fünfstündige Inszenierung “Glaube, Geld, Liebe und Krieg” von Robert Lepage an der Berliner schaubühne. Der legendäre Regisseur hat erstmals ein Stück mit den Schauspieler:innen dieses Theaters erarbeitet, das zum Glück das harte Spardiktat des Senats dieses Mal überstehen konnte; die nächsten Kürzungen sind bereits für 2026 angekündigt. Mit dieser Schauspieltruppe hat Lepage im Verlauf eines Jahres ein Stück erarbeitet, das eine verschlungene Geschichte über achtzig Jahre erzählt. “Ich interessiere mich”, erzählt er im Programmheft, “für die ständige Unsicherheit, in der wir Menschen leben. Die Unsicherheit bringt uns dazu, Pläne zu schmieden, Versicherungen abzuschließen, aber dann zerstören Kräfte, die größer sind als wir, unsere Pläne und verändern alles.” Nicht treffender könnte man die Stimmung im Lande derzeit beschreiben. 

Die Geschichte gleicht einer Skizze, hätte dringend vertieft und verdichtet werden müssen, schlägt immer neue Volten, will zu viel erzählen. Daran krankt der (allzu) lange Abend. Mal sind wir bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung, dann flüchtet sich eine Frau aus ihrer Ehe in die Spielsucht, ein Zauberer tritt auf, die Liebe eines Soldaten im Afghanistankrieg zu seinem Hund wird erzählt, schließlich möchte ein homosexuelles Paar ein Kind und nutzt das billigste Angebot: die Dienste einer ukrainischen Leihmutter. Die Eizellenspenderin ist die Ex eines der Männer, lebt inzwischen in Amerika und entschlüsselt am Ende das aberwitzige Personengeflecht. Nur sieben Schauspieler:innen stemmen hervorragend den Abend, Bühnenbild & Videoinstallation beeindrucken mit wenigen Mitteln, aber nur der vierte Teil “Krieg” kann mich fesseln. Nicht wegen der Story, sondern weil wir plötzlich in unserer Gegenwart angekommen sind. 

“Die Geschichte schreitet blitzschnell voran, und alles, was die Menschen für normal halten, verändert sich unentwegt.” (Lepage) Der kommende US-Präsident möchte Grönland und den Panama-Kanal und Kanada sogar als 51. US-Bundesstaat. Geht’s noch? Dass Populisten derzeit Hochkonjunktur haben, ist kein Zufall. Sie versprechen einfache Lösungen, die nicht zu haben sind. Die Konkurrenz auf dem Weltmarkt ist knüppelhart, längst werden die Standards nicht mehr in Europa gesetzt. Immer stärker geben die Chinesen die Richtung vor, etwa bei der E-Mobilität. Die Börse ist dafür ein Sensor. Nicht mehr die Dickschiffe aus der Auto- und Chemiebranche zählen zu den wertvollsten deutschen Unternehmen: SAP hat alle abgehängt und macht allein 40% des Gewinns aller DAX-Unternehmen, zumeist im Ausland. Das Geschäftsmodell Deutschland funktioniert nicht mehr. Im Interview mit dem Deutschlandfunk erinnert Michael Hüther, der Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft, daran, dass die Vollzeitarbeitnehmer in der Schweiz pro Jahr 249 Stunden mehr arbeiten als ihre Kollegen hierzulande. Um noch einmal Lepage zu zitieren: “Für jede Generation werden die Karten neu gemischt, neue Chancen, neue Hindernisse.” Zumindest fair sollte es dabei zugehen. Glück auf 2025!

Tünkram

Naomi Beckwith, die künstlerische Leitung der documenta 16, soll 2027 den angeschlagenen Ruf der wichtigsten Kunstmesse der Welt wieder herstellen. Foto: Nicolas Wefers

“Fritze Merz erzählt gern Tünkram”, keilte Olaf Scholz gegen den Kanzlerkandidaten der Union zurück. Friedrich Merz hatte dem unbeliebtesten Kanzler aller Zeiten vorgeworfen, er verhalte sich bei EU-Gipfeln häufig sehr zugeknöpft. Da hat Scholz, der gerne comichafte Verkürzungen wie Wumms oder Bazooka einsetzt, wieder einen rausgehauen. Vielen ist der Begriff Tünkram überhaupt nicht bekannt. Ich kenne das Verb aus meiner Kindheit. Wenn ich etwas erzählte, was nicht stimmen konnte, bekam ich zurück: “Du tünst ja.” Jahrzehntelang hatte ich dieses Wort nicht gehört oder benutzt. Es klingt nicht so abwertend und hart wie lügen, eher nach einem geheimen Einvernehmen zwischen den Handelnden. Für mich hatte es immer die Konnotation “das glaubst Du doch wohl selber nicht.” Ehrabschneidend klingt Tünkram für mich nicht, aber es zeigt doch, hier steht einer unter unter Druck. Was treibt diesen Olaf Scholz an, der jeden Tag mächtig einstecken muss und keine Fortüne im Amt hatte. 

Sein Selbstbewusstsein ist unerschütterlich, oder liegt da schon eine Selbsttäuschung vor? Die Zahlen des aktuellen ARD-Deutschland-Trends lesen sich für die Parteien der gescheiterten Zukunftskoalition ernüchternd: SPD und Grüne jeweils 14%, FDP 3%. Noch ernüchternder die Umfrage zur Beliebtheit der Kandidaten und der Kandidatin – Friedrich Merz (CDU) 28%, Robert Habeck (Grüne) 27%, Olaf Scholz (SPD) 19% und Alice Weidel (AfD) 17%. Der kurze Winterwahlkampf dürfte deshalb hart und persönlich werden, zumal keine Partei schlüssige und finanzierbare Konzepte vorlegt, wie Deutschland, das Schlusslicht aller G7-Staaten, wirtschaftlich wieder auf die Beine kommen soll. Das Geschäftsmodell, billig Rohstoffe zu importieren, um dann teuer Fertigprodukte zu exportieren, hat keine Zukunft mehr. Deutsche Waren sind international oft nicht mehr konkurrenzfähig. Unternehmenssteuern senken, wie das CDU und FDP insinuieren, hilft da nicht; erst recht nicht die Staatsausgaben steigern (SPD). Eine schonungslose Bestandsaufnahme muss her – eine Agenda 2040. 

Die erfolgte zu spät nach dem Debakel der documenta 15. Viel zu lange wurde 2022 laviert und relativiert, als es massive Proteste gegen den unverhohlenen Antisemitismus auf der bedeutenden Kunstmesse gab. “Es war eine mutige und richtige Entscheidung”, notierte ich damals, “die documenta fifteen von ruangrupa kuratieren zu lassen, dem Globalen Süden eine prominente Plattform zu geben. Dass der Antisemitismus dort weit verbreitet und akzeptiert ist, muss der Findungskommission klar gewesen sein; an Warnungen hat es nicht gefehlt. Die bedeutende Kunstausstellung wurde keine „Antisemita“ (Der Spiegel), aber Antisemitismus im Namen der Kunstfreiheit zu tolerieren sollte ausgeschlossen sein.” Nun ist es an Naomi Beckwith, den Ruf der documenta wieder herzustellen. “Die am New Yorker Guggenheim-Museum tätige Kunsthistorikerin”, schreibt Kathrin Geraldine Bode (Redaktionsleitung FRIZZ Das Magazin für Kassel), “wird die documenta 16 im Jahr 2027 kuratieren – das ist großartig. Bei ihrer Vorstellung überzeugte sie mit großer Expertise und viel Herz – und sie wird internationales Renommee in unsere Stadt bringen. Seit der d12 im Jahr 2007 habe sie jede documenta gesehen, berichtete Beckwith, sie sei sofort ‘obsessed’ vom Konzept der Kunstschau gewesen. Trotz der verkürzten Vorbereitungszeit wird die documenta 16 vom 12. Juni – 19. September 2027 in Kassel stattfinden – ich freue mich auf diese documenta und unsere Gastgeberrolle für nationales und internationales Publikum.” Zumindest da kommt Freude auf. 

Zweifel

Regisseur Edward Berger gibt letzte Anweisungen vor einer Szene seines Papst-Thrillers Konklave. © Leonine Studios

“Der Hauptverband der Filmtheater rechnet für das Jahr 2024 mit nur 90 Millionen verkauften Tickets, das ist ein historisches Tief. Vor der Pandemie waren es fast 30 Millionen mehr”, bilanziert der Tagesspiegel (30.11.24). Erfreulicherweise ist die Vorstellung am frühen Abend im Delphi Filmpalast in Berlin recht gut besucht. Selten einmal gehe ich vollkommen unbefangen ins Kino. Über “Konklave” von Edward Berger wusste ich nichts. Filme, die im Vatikan spielen und sich mit einer Papstwahl beschäftigen, interessieren mich nicht. Um so mehr bin ich überrascht, dass “Konklave” nach dem Bestseller von Robert Harris vom ersten Moment an fesselt. Regie, Mitwirkende, Kamera und Musik – alles passt bei diesem spannenden Film. Action gibt es nicht; alles spielt sich im Vatikan ab, hinter Schloss und Riegel. Die Wahl eines Papstes ist hoch geheim und im Ablauf unspektakulär, aber Edward Berger erzählt dieses Procedere als Allegorie eines Machtkampfes. Die Kardinäle aus aller Welt kämpfen mit allen Mitteln um Macht und Einfluss.  

Kardinal Lawrence (großartig Ralph Fiennes) ist vom Papst vor seinem Tod damit beauftragt worden, die Wahl eines würdigen Nachfolgers zu gewährleisten. Er stellt eigene Ambitionen zurück. Einmal erinnert er an Jesus, der in seiner Todesstunde mit seinem Glauben hadert – “Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen.” Unser Handeln solle von Zweifel, nicht von Gewissheit geprägt sein, fordert Lawrence. Diese Tugend wünschte man sich bei Politiker: innen einer Partei, die sich sogar christlich nennt. Kaum war der syrische Diktator Baschar Hafiz al-Assad geflohen, wurde schon die Rückführung der syrischen Flüchtlinge aus Deutschland gefordert. Besonders populistisch gab sich wieder einmal Jens Spahn, der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag. Als ehemaliger Gesundheitsminister sollte ihm doch klar sein, wie wichtig etwa die 5.800 syrischen Staatsbürger sind, von denen viele in Krankenhäusern arbeiten. 

Die weitere Entwicklung in Syrien lässt sich nicht abschätzen; Leerformeln aus deutschen Landen sind nicht angebracht. “Jetzt kommt es darauf an, dass in Syrien schnell Recht und Ordnung wieder hergestellt werden”, phraselte Bundeskanzler Olaf Scholz am Sonntag – nach über fünfzig Jahren Terrorherrschaft der Assad-Familie. Das geschundene Land braucht jede Unterstützung, aber keine weltfremden und selbstgefälligen Belehrungen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung brachte es in einem Kommentar treffend auf den Punkt: “Wenn jetzt über ein Engagement beim Neuanfang des Landes gesprochen wird, dann sollte man nicht vergessen, dass die europäische Machtlosigkeit auch selbst verschuldet war. Wer Isolation als außenpolitische Strategie wählt, der beschneidet seine Möglichkeiten und überlässt das Feld anderen. In Syrien waren das bekanntlich Russland und Iran. Deshalb sollte man den siegreichen Aufständischen jetzt nicht gleich wieder ein grünes Lastenheft vorlegen. Wenn Baerbock eine Zusammenarbeit von einem Idealzustand abhängig macht, zu dem Frauenrechte und Minderheitenschutz gehören, dann hat das mehr mit deutschen Ansprüchen zu tun als mit der syrischen Realität. Deutschland muss lernen, dass Außenpolitik nicht Missionierung ist, sondern in erster Linie Interessenwahrung.” (13.12.24) Für die Rechte von Frauen und Minderheiten erreicht eine Diplomatie der Diskretion mehr als eine der Parolen. Hoffentlich auch in Syrien!  

Die Unbeirrbaren

Horst Lohmeyer und Birgit Lohmeyer in ihrem Haus mit den Fantastischen Vier © SWR/Labo M/Andreas Hornoff

Das muss ihnen erst einmal jemand nachmachen. Auf der Suche nach einem dörflichen Domizil wurden Birgit und Horst Lohmeyer 2004 in Jamel fündig, einem idyllischen Flecken unweit von Wismar in Mecklenburg-Vorpommern. Hätten sie sich dort niedergelassen, wenn sie gewusst hätten, dass sie unter Rechtsextremen leben würden? 40 Einwohner:innen hat Jamel, erfährt man in der sehenswerten Doku “Jamel – Lauter Widerstand” (ARD-Mediathek): 38 Neonazis und das aus St. Pauli zugezogene Ehepaar Lohmeyer. Trotz aller Übergriffe – ihre denkmalgeschützte Scheune brannte 2015 nieder – blieben und bleiben die beiden unbeirrt in Jamel, mehr noch: sie initiierten 2007 auf ihrem Gelände das Musikfestival “Jamel rockt den Förster”, für viele das wichtigste Festival überhaupt in Deutschland. Zwei Tage im Jahr kommen die ganz Großen der Szene in das Dorf: Herbert Grönemeyer, die Fantastischen Vier, Die Ärzte und Die Toten Hosen haben hier gespielt und ihren Auftritt ganz bewusst als ein Statement gegen den Rechtsradikalismus verstanden.  

Für ihr Engagement, ihren Mut und ihre Zivilcourage wurden Birgit und Horst Lohmeyer mehrfach ausgezeichnet. Wie mag ihr Alltag aussehen im “Nazidorf” Jamel? Darüber erfährt man in der Doku leider nichts. Nur am Rande wird die “Völkische Landnahme” erwähnt, also die Strategie von Neonazis, ganze Dörfer zu dominieren. Hand aufs Herz: Wer möchte in einer solchen Gemeinschaft leben? Wie viele Lohmeyers gibt es hierzulande? Die Rechtsextremen und ihre Vertreter:innen in den Parlamenten untergraben schleichend den Rechtsstaat. Ein Klassenfreund postete in unserer Gruppe ein Zitat von Adolf Hitler vom 02.02.1930. “Den größten Erfolg erzielten wir in Thüringen. Dort sind wir heute die wirklich ausschlaggebende Partei. Die Parteien in Thüringen, die bisher die Regierung bildeten, vermögen ohne unsere Mitwirkung keine Majorität aufzubringen.” Fast ist es schon wieder so weit. Zar Putin, auf dessen Unterstützung die Populisten von rechts wie links bauen können, reibt sich die Hände. Seine Strategie der Destabilisierung trägt immer mehr Früchte. 

Die aktuelle Situation in der EU dürfte ihm nicht weniger zupasskommen. Die beiden größten Staaten Frankreich und Deutschland sind in der Krise und mit sich selbst beschäftigt. Der französische Präsident Emmanuel Macron und der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz haben nie einen Draht zueinander gefunden, obwohl sie sich doch so ähneln. Beide Politiker sind bis zur Arroganz von sich selbst überzeugt, Selbstzweifel sind ihnen wesensfremd. Dabei durchlaufen ihre Länder gerade eine schwere Krise und reißen die EU mit. Während China, Amerika und Russland ihre Interessen mit allen Mitteln durchsetzen, taumeln die Europäer. Es gibt keine Strategie für die Zeit nach Biden, dem letzten und treuen Transatlantiker, im Gegenteil: der größte Wirtschaftsraum der Welt findet keine einheitlichen Positionen, nicht zuletzt durch die Erfolge der antieuropäisch eingestellten Populisten in vielen Mitgliedsstaaten. Es passt ins Bild, dass die Gesellschaft für deutsche Sprache den Begriff „Ampel-Aus“ zum „Wort des Jahres“ 2024 gewählt hat. 

Hexerei

Unter den Schlagworten Hexen und Mac wurde dieses Bild von der KI generiert.

Buhrufe bei der Premiere in der Deutschen Oper Berlin. Einige im vollbesetzten Haus sind hörbar nicht vom Konzept der Regisseurin Marie-Ève Signeyrole überzeugt. Die Französin, die viel für das Kino arbeitet, setzt die Hexen in Giuseppe Verdis Macbeth an Apple-Computer – das Dämonische wird digitalisiert. Zu Beginn der Oper erleben wir in Großaufnahme eine allwissende Datenhexe, die ihre Macht der Allmacht der Algorithmen verdankt. Dieser Ansatz bleibt der Inszenierung indes vollkommen äußerlich und vermittelt sich nicht in der Aufführung. Macbeth bleibt ein von Paranoia und Psychosen getriebener Feldherr, der unter dem Einfluss seiner Frau steht, schließlich zum Monster wird und in seinem Untergang seine wahre Bestimmung erlebt. Der düstere Stoff beeindruckt immer wieder, das Orchester und die Solist:innen überzeugen, aber die Datenhexen wirken wie ein Fremdkörper. Ein blutleerer Regie-Einfall. 

Dabei haben die Daten und Algorithmen in der Realität längst die Macht übernommen, heimlich, still und leise. Jeder Fortschritt ist mit einer weiteren Digitalisierung verbunden. Neulich kaufte ich für den Verlag ein Notebook und musste wieder einen neuen Account einrichten. Alles so schön smart hier, alles unter Kontrolle. Die Macht der Tech-Konzerne ist in der Tat höchst beunruhigend, ebenso die Abhängigkeit von amerikanischen Companies. Europa hat dem (fast) nichts entgegenzusetzen, und es verheißt überhaupt nichts Gutes, dass Elon Musk in der neuen Trump-Administration für den Abbau der Bürokratie verantwortlich ist. Er schaltet und waltet nach Gutdünken und kontrolliert mittlerweile sogar den Weltraum. “SpaceX, sein Raumfahrtunternehmen, hat inzwischen mehr Satelliten im All als alle Regierungen zusammen.” (Tagesspiegel, 25.11.24). Ohne die Unterstützung von SpaceX würde etwa die Ukraine den russischen Angriffen nicht lange standhalten können. 

Mit der Digitalisierung hatte es die frühere Bundeskanzlerin Angela Merkel bekanntlich nicht so, mit einer selbstkritischen Bestandsaufnahme ihrer Regierungszeit ebenso wenig. “Merkels Flüchtlingspolitik”, notierte ich mir am 14.09.2015, “ist genauso wenig durchdacht & spontaneistisch wie ihre Atompolitik: panisch wird auf eine Situation reagiert. Unfassbar!!” Davon ist in ihrer Autobiographie “Freiheit”, die sie mit Beate Baumann verfasste, nichts zu bemerken. Nicht nur die Passauer Neue Presse reibt sich verwundert die Augen. “Fehler? Irrungen? Gab es in den 16 Jahren ihrer Kanzlerschaft nicht, will Merkel uns glauben machen. Das Gas aus Russland, der Schmusekurs gegenüber Putin? Der überstürzte Atomausstieg nach Fukushima? Das Herunterwirtschaften der Bundeswehr? Die unkontrollierte Öffnung der Grenzen? Alles richtig gemacht, so lautet die Botschaft des Buchs, denn: Entscheidend sind die Umstände, unter denen Politik gemacht wird. So einfach ist das.“ (27.11.24) Diese bräsige Selbstgefälligkeit spielt den Populisten und der Politikverdrossenheit genauso in die Hände wie das unsägliche Lavieren & Taktieren der FDP. Fairness und Selbstreflexion sind keine Hexerei. 

Schluss mit lustig

Standing Ovations für „La Mehrling“ in der Berliner Bar jeder Vernunft. © Gitti Grünkopf

Da haben wir damals wirklich etwas verpasst. Ende der 1970er Jahre wohnte ich mit einem Freund in Frankfurt Bergen-Enkheim. Unweit unserer Wohnung in der Kirchgasse gab es die “Tenne”, der wir als Provinzdisco keinerlei Beachtung schenkten. Das war ein Fehler, denn wir hätten dort Grit von Osthe erleben können und vielleicht ihre Tochter Katharine Mehrling, die gewissermaßen in dem Schuppen aufgewachsen ist. Über 40 Jahre später ist sie selbst längst ein Star geworden. Persönliche Geschichten mischt sie immer wieder in ihr knapp dreistündiges und höchst abwechslungsreiches Programm “Drei Nächte” in der Bar jeder Vernunft, positioniert sich aber auch ganz klar gegen gravierende Sparvorgaben des Berliner Senats für die Kultur. Ihren wunderbar leichten und tiefen Abend beschließen sie und ihr Trio mit „Je ne regrette rien” von Edith Piaf. Charles Dumont, der Komponist dieses Chansons, ist am 18. November im Alter von 95 Jahren gestorben, und “La Mehrling” erzählt von einer Begegnung mit ihm. Standing Ovations für einen Abend der Extraklasse. 

Die Realität der nächsten Tage ist um so bitterer – 12,5% werden der Berliner Kulturverwaltung aus dem Etat gestrichen. Dem Regierenden Bürgermeister der Stadt, Kai Wegner, und dem Bürgermeister und Senator für Finanzen, Stefan Evers (beide CDU), sind die Konsequenzen dieser Kürzung in nie dagewesener Höhe entweder nicht bewusst oder schlichtweg egal. Schon kursieren Gerüchte, die renommierte Schaubühne stehe vor der Insolvenz, und das Deutsche Theater müsse schließen. Wider jede wirtschaftliche Vernunft gibt es einen Baustopp bei der Sanierung der Komischen Oper – spart im nächsten Jahr 10 Millionen und verursacht um so höhere Folgekosten. Was die Kulturschaffenden zu Recht empört: die Kahlschläger haben dezisionistisch und ohne Sachkunde entschieden, anstatt das Gespräch mit den Machern zu suchen. Eine ganz schlechte Figur macht dabei der Kultursenator Joe Chialo, der mit gutem Grund erst einmal alle anstehenden öffentlichen Termine abgesagt hat. Für Patrick Wildermann “agiert auf dem so wichtigen Posten des Kultursenators ein wahlweise überforderter oder desinteressierter Quereinsteiger ohne gewachsene politische Netze und Erfahrung.” (Tagesspiegel, 21.10.24) 

Wenn es das Deutsche Theater einfach nicht mehr geben sollte …, geht es mir nach einem überaus kurzweiligen und sehr gut besuchten Pollesch-Abend dort durch den Kopf. Das witzige und oft nur klamaukige Stück “Liebe, einfach außerirdisch” lebt von der hinreißenden Sophie Rois – sie spielt einen unkonventionellen Alien – und Trystan Pütter, der einen gutmütig weltfremden Wissenschaftler gibt. Voll schräger Volten ist der Text, wie ihn wohl nur ein René Pollesch zustande bringen konnte. „Was’n Scheiß”, wispert es immer wieder von hinten, während wir über die Zeilen “Gestapo in Schweden” stolpern. Da passt oft nichts zusammen und soll es auch gar nicht. Wie in der kleinen & großen Berliner Politik. Während die Kahlschläger Berlin als Kulturhauptstadt schleifen, zerlegt sich die SPD mit ihrem Kanzler-Theater wieder einmal selbst. Nun soll doch Olaf Scholz den Kandidaten geben; und er ist felsenfest davon überzeugt, dass ihm und der SPD noch einmal die Aufholjagd gelingen kann; derzeit steht die Union bei 33% und die SPD bei 14%. Lustig ist derzeit wenig.