Misswende

Wagners „Ring“: An der Deutschen Oper Berlin steht jetzt „Die Walküre“, der zweite Teil der Tetralogie, in der Regie von Stephan Herheim auf dem Programm. © Deutsche Oper Berlin

Wagnerianer wissen natürlich sofort Bescheid. „Misswende folgt mir, wohin ich fliehe“, beklagt Siegmund im Bühnenweihespiel „Die Walküre“ sein Schicksal. Die Welt ist aus den Fugen, die Tetralogie von Richard Wagner ist es auch. Im Juni gab es eine halbszenische Preview des „Rheingold“ auf dem Parkdeck der Deutschen Oper Berlin (die richtige Premiere ist am 12.06.21), jetzt folgte vor 770 Besucher*innen drinnen der erste Tag des Opus Magnum, an dem Wagner fast 25 Jahre gearbeitet hat. Nicht die Inszenierung von Stephan Herheim ist ein Wunder – dass die Aufführung überhaupt fünfmal auf die Bühne kam, ist ein Wunder. Denn alle Beteiligten wurden jeden Morgen getestet, und wäre nur eine*r positiv gewesen, hätte das gesamte Projekt abgesagt werden müssen. No risk, no fun. Und den hatte das Publikum auf jeden Fall, wenn es am Ende auch einige Buhs gab – den Wagner-Fans war es doch zu wenig weihevoll.

Natürlich „rechnet“ sich ein Opernabend erst recht nicht, wenn nur ein Drittel der Plätze belegt werden dürfen. Dafür habe ich noch nie so gut gesessen – genau in der Mitte des zweiten Parketts mit Maske, rechts, links und vor mir jeweils drei Plätze frei wg Corona. Die beiden langen Pausen waren genau geplant – wir mussten vorher im Bistro bestellen und einen Mindestumsatz garantieren. Spontan ist nichts mehr in Zeiten der Pandemie! Zum Glück können wir noch Karten für „The World To Come. Eine Berliner Festmesse nach Ludwig van Beethovens“ ‚Missa Solemnis'“ ergattern – das von Tilman Hecker erdachte Projekt klingt viel versprechend. Die Besucher*innen schreiten einen abgesteckten Parcours im Vollgutlager und im angrenzenden SchwuZ ab, laufen gewissermaßen durch den Berliner Rundfunkchor und können auf ihrem vierzigminütigen Weg auch Beethoven erleben, wenn wir denn gerade eine Passage erwischen und nicht von den Ordnern weitergescheucht werden. Schnell ist der Reiz der ungewohnten Location verflogen, schnell macht sich Unmut breit über diese läppische Rosstäuscherei.

Wie lange werden solche Events in Zeiten der Pandemie noch möglich sein, da die Zahl der Neuinfektionen einen neuen Höchststand erreicht hat. Natürlich wird jetzt mehr getestet als im Frühjahr, aber die Pandemie, die nie weg war, ist mit voller Macht zurück. Was tun? Gebetsmühlenhaft die AHA-Regeln beschwören, Auflagen verschärfen, kontrollieren – und Bußgeldbescheide auch vollstrecken. Dass ein Beherbergungsverbot für Touristen (nicht aber für Geschäftsleute!) weder epidemiologisch noch politisch sinnvoll ist, hat inzwischen auch der wendige König Markus aus Bayern erkannt. Dem ARD Deutschlandtrend zu Folge wollen zwei von drei Deutschen einheitliche und nachvollziehbare Regeln für den Umgang mit der Pandemie – da möchten die Bürger*innen abgeholt und mitgenommen werden, um mal den Sprech der Politik zu bemühen. Das Jugendwort des Jahres 2020 heißt übrigens „Lost“. Noch Fragen an die Menschen draußen im Lande?

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