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Für ein Festival öffnete das ICC in Berlin wieder. © Rolf Hiller

Da wollte ich schon lange mal rein. Seit 2014 ist das International Congress Center an der Berliner Messe dicht; im Volksmund heißt das monströse Gebäude treffend Raumschiff. Also Tix gekauft und nichts wie hin, dachten sich viele und nahmen die Kunst in Kauf, über die man kein Wort verlieren muss. Knapp 320 Meter lang, 90 Meter breit und 40 Meter hoch ist das Gebäude, das 2019 – im Gegensatz zum Palast der Republik – unter Denkmalschutz gestellt wurde. Angeblich können nur 10% der Fläche für Veranstaltungen genutzt werden; trotzdem stellt sich kein großzügiger Raumeindruck ein. Im Gegenteil, oft hängen die Decken bedrohlich tief – nichts für Klaustrophobiker. Es nimmt wunder, dass dieses so wenig einladende & funktionale Gebäude, das 1979 eröffnet wurde, einst mit Preisen bedacht wurde. Nach dem Festival „The Sun Machine Is Coming Down“ versinkt das ICC wieder in einen Dornröschenschlaf. Niemand weiß, was man mit dem aus der Zeit gefallenen Raumschiff anfangen könnte, zumal nichts umgebaut werden darf.

Obwohl im ICC nicht viele Besucher:innen waren, zeigt die Corona-Warn-App eine „Begegnung mit erhöhtem Risiko“ an – das erste Mal überhaupt! Kann ich mich darauf verlassen? Ich bin seit Beginn der Pandemie tausende Kilometer in ICE’s gefahren, war in vollen Bahnen und Bussen unterwegs und habe zwei Flugreisen gemacht; nie gab es bisher ein „erhöhtes Risiko“. Womöglich ist diese Warnung genauso zuverlässig wie die Impf-Zahlen es sind. Das Robert Koch-Institut (RKI) geht inzwischen von deutlich mehr geimpften Erwachsenen aus, als in der offiziellen Meldestatistik erfasst sind. Statt der bisher veröffentlichten Zahl von 75% der Menschen ab 18, sind es wohl mindesten 80%, die schon vollständig geimpft sind, und bis zu 84 Prozent mit mindestens einem Pieks. In Deutschland gibt es kein zentrales Impfregister – ein absolut gesetzter Datenschutz lässt grüßen. Womöglich haben wir hierzulande also den Freedom Day verschlafen; das passt doch zum allherrschenden Modernisierungsstau.

Manche Restaurants gehen da inzwischen ihre eigenen Wege. Nach dem Kino gehen wir noch indisch essen, alles ist (fast) wie früher. Weder müssen wir uns einchecken noch Impfpass und Perso vorlegen; die Kellner tragen die Maske als Lätzchen. Die Freund:innen im Lichtspielhaus kontrollieren dagegen sehr genau – die Mund-Nase-Bedeckung darf erst am Platz abgelegt werden. Wir sehen „Schachnovelle“ von Philipp Stölzl mit einem überragenden Oliver Masucci in der Hauptrolle. Einen besseren Film aus deutschen Landen haben wir heuer noch nicht gesehen – ganz großes Kino. Erstaunlicherweise ging „Schachnovelle“ beim Deutschen Filmpreis in diesem Jahr leer aus. Immerhin wurde Stölzls Werk in den Kino-Charts letzte Woche auf Platz 10 gelistet, mit über 80.000 Besucher:innen. Solch eine Anzahl sollte der BER eigentlich locker an einem Tag verkraften, doch am letzten Wochenende brach am neuen Berliner Flughafen das Chaos aus, das nichts Gutes ahnen lässt für die Zukunft. Jeder achte Mensch auf dieser Welt sorgt sich nicht ums Check-In oder das Gepäck. Jeder achte Mensch hat nicht genug zu essen.

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