Ich bin ein Berliner

Spannung am Morgen. Ab 7.30 Uhr kann man Pressekarten für die Berlinale buchen.

John F. Kennedy hat natürlich nie in Berlin gewohnt. Das wollen aber viele Menschen, ungeachtet der bekannt schlechten Verwaltung in der Stadt. Es knirscht immer wieder systematisch zwischen dem Senat und den Bezirken. Nun darf man sich diese nicht als Stadtteil vorstellen; viele Bezirke haben mehr Einwohner:innen als deutsche Mittelstädte. So hat Pankow über 400.000 Einwohner:innen, Mitte erreicht diese Zahl (noch) nicht ganz. Da man oft monatelang auf einen Termin beim Amt warten muss, hatte ich nicht viel Hoffnung, als ich mich an den Rechner setzte. Ich wollte meinen Wohnsitz verlegen – und bekam online für den gleichen Tag um 14.12h einen Termin zugeteilt. Pünktlich erschien ich im Bürgeramt, wurde etwas vor der Zeit aufgerufen – und war um 14.15h Berliner. Ich war begeistert, lobte die sichtlich erfreute Mitarbeiterin und vergab nur Bestnoten bei der Bewertung.

Die gibt’s natürlich nicht für den Wechselbalg Söder Markus, der das – auch von der CSU – verabschiedete Gesetz zur Impfpflicht für die Beschäftigten im Gesundheitswesen in Bayern erst einmal nicht anwenden möchte. Ob das rechtlich überhaupt haltbar ist, wird sich weisen – das politische Signal ist fatal. Nicht nur die Mitteldeutsche Zeitung ist entsetzt: „Die Ankündigung, das Gesetz nicht umsetzen zu wollen, wirkt wie ein Brandbeschleuniger für die ‚Querdenker‘-Szene. Darüber hinaus gilt: Von demokratisch gewählten Parlamenten verabschiedete Gesetze binden Bürger und Staat in gleicher Weise. Das ist die Essenz des Rechtsstaates.“ (09.02.22) Dass man vor der Verabschiedung des Gesetzes seine Konsequenzen nicht bedachte, wirft kein gutes Licht auf die politische Klasse. Wer soll diese Impfpflicht kontrollieren? Etwa die überlasteten Gesundheitsämter? Was passiert, wenn noch mehr Mitarbeiter:innen ihren Job aufgeben oder wechseln. Geklatscht wird schon lange nicht mehr für diese Held:innen.

Umstritten ist nach wie vor, ob man angesichts immer neuer Rekorde und einer immer roten Corona-Warn-App überhaupt schon wieder Großveranstaltungen wagen sollte. Mit einem strengen Hygiene-Konzept und nur zur Hälfte besetzten Kinosälen geht die Berlinale in ihre 72. Auflage. Es gilt die 2G-plus-Regel mit Maske für das Publikum, die Journalist:innen müssen darüber hinaus täglich einen aktuellen Coronatest vorlegen. Im Vorfeld haben Carlo Chatrian (Künstlerischer Leiter) und Mariette Rissenbeek (Geschäftsführung) ganze Arbeit geleistet, damit das größte Publikumsfestival der Welt wieder stattfinden kann; anders als die Buchmesse in Leipzig, die erneut abgesagt wurde. Die Berlinale sendet ein positives Signal für die Filmwirtschaft, für die Kinos, die dramatische Umsatzrückgänge verkraften müssen, und für die Kultur insgesamt. Alles ist in diesem Jahr anders: die morgendliche Buchung der Tickets, die strengen Kontrollen beim Einlass, die halb leeren Säle bei den Vorführungen. Ein bisschen Wehmut kommt auf. Dagegen könnten gute Filme helfen. „Rimini“ von Ulrich Seidl, erstaunlicherweise im Wettbewerb gezeigt, gehört schon mal nicht dazu. Die Berlinale hat’s nicht leicht.

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