Bataclan

Céline (Noémie Merlant) und Ramón (Nahuel Pérez Biscayart) scheinen den Terroranschlag bewältigt zu haben. „Un año, una noche“ © Bambu Producciones, Mr. Field & Friends Cinema, La Termita Films, Noodles Productions

Wer wagt, gewinnt! Carlo Chatrian (Künstlerische Leitung) und Mariette Rissenbeek (Geschäftsführung) hatten ganz darauf gesetzt, dass die 72. Berlinale wieder als Live-Veranstaltung stattfindet. Was hatte man den beiden nicht alles um die Ohren gehauen. Teilnehmer:innen seien gezwungen, Russisch Roulette zu spielen; die Organisatoren würden „die bewusste Inkaufnahme einer Durchseuchung des eigenen Publikums“ riskieren. Geht’s noch ein bisschen apokalyptischer? Während der Berlinale sprang meine Corona-Warn-App wieder auf Grün, obwohl ich täglich im Seuchengebiet Kino unterwegs war. Das Hygienekonzept war für Journalist:innen strenger als für das normale Publikum; aber es hat funktioniert, obwohl die Omikron-Wand oder, etwas weniger dramatisch formuliert, die fünfte Welle der Pandemie Deutschland überrollte. Ein ganz starkes Signal für die Kultur – noch vor den Lockerungen, die nun schrittweise ab 4. März auch hierzulande kommen. Vertraut man berufenen & selbst ernannten Expert:innen, dann schwächt sich Corona zu einer Endemie ab, die indes alles andere als harmlos ist.

Ein Zurück in das alte, gewohnte Leben vor Corona wird es aber nicht geben, auch nicht für die Berlinale, der ein Sprung in die Digitalisierung gelungen ist. Vorbei die Zeiten, als die Fans am Potsdamer Platz eine ganze Nacht vor den Ticket-Shops ausharrten oder die Journalist:innen sich täglich aufs Neue wg Karten anstellen mussten. Das Online-Ticketing hat hervorragend funktioniert. Wir hatten uns schnell daran gewöhnt, morgens ab 7.30h buchen zu können. Weil’s so einfach war, haben wir so viele Filme wie noch nie bei einer Berlinale gesehen, Entdeckungen gemacht und bei manchen Filmen aber auch immer wieder auf die Uhr geschaut. Wann haben wir zuletzt einen Hitchcock (Mr. & Mrs. Smith) im Kino gesehen? Hätten wir je eine skurrile Trouvaille wie das missglückte Porträt des introvertierten Pianisten Thelonious Monk zu Gesicht bekommen. Für Entdeckungen jedweder Art ist die Berlinale immer gut, unabhängig von der Qualität des Wettbewerbs, die alle Jahre wieder reklamiert wird.

Nicht einmal nach der Uhrzeit schaute ich bei der französisch-spanischen Produktion „Un año, una noche“ (Ein Jahr, eine Nacht), obwohl davor noch lang & lieblos die European Shooting Stars ’22 gekürt wurden. Der Film erzählt die Geschichte eines Paares, das den Anschlag auf den Club Bataclan 2015 in Paris überlebt hat. Céline (Noémie Merlant) und Ramón (Nahuel Pérez Biscayart) – beide spielen, als würden sie nicht spielen – reagieren ganz unterschiedlich. Sie verdrängt, er versucht, das Grauen durch intensive Auseinandersetzung zu bannen. Der Regisseur Isaki Lacuesta hält die Angst der Besucher:innen nach dem Massaker fest, bei dem 89 Menschen ermordet wurden, und verzichtet ganz auf Schockeffekte. Nicht nach unten schauen, werden die Überlebenden angehalten, nicht nach unten schauen zu den Toten und Sterbenden. „Un año, una noche“ wurde von der Kritik mäßig aufgenommen und bekam keinen einzigen der vielen Berlinale Bären. Gewonnen hat in diesem Jahr der spanische Film „Alcarràs“, den wir uns zum Glück noch anschauen können, da die Publikumstage heuer verlängert wurden. Gut so!

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