84 Jahre später 

Die Marienkirche in Lübeck © Karl Grünkopf

Auf nach Lübeck mit Freunden & Freude. Die Hansestadt in Schleswig-Holstein hat knapp 220.000 Einwohner und gilt als “Stadt der sieben Türme”. Unser Hotel liegt zentral, nur ein paar Schritte von der wunderschönen Marienkirche entfernt. Bei der Besichtigung erfährt man, dass die Kirche 1942 in der Nacht auf Palmsonntag bis auf die Mauern ausbrannte, ein Fünftel der Innenstadt wurde bei diesem Angriff zerstört. Bruno Fendrich war der einzige Architekt, der bereit war, den Wiederaufbau der Marienkirche ab 1947 zu übernehmen. Wir staunen über diesen Schwarzmeerdeutschen, der in Sartana (Ukraine) geboren wurde, sich schon mit 15 zur russischen Marine meldete, später als Hafenarbeiter sein Geld verdiente, um an der Technischen Hochschule Danzig Architektur zu studieren. Am diesjährigen Palmsonntag gehe ich noch einmal zur “Mutterkirche der Backsteingotik” (Wikipedia) und versuche mir vorzustellen, wie es hier wohl ausgesehen hat vor 84 Jahren nach den Luftangriffen der Engländer. 

Natürlich machen wir eine literarische Stadtführung auf den Spuren von Heinrich und Thomas Mann und erfahren, dass die beiden Schriftsteller von Weltgeltung in der Schule eher negativ auffielen. Thomas – er bekam 1929 den Nobelpreis für “Die Buddenbrooks” – blieb dreimal sitzen und ging am Ende ohne Abitur ab; seine Kindheit beschrieb als “gehegt und glücklich”. Beide Brüder hielt der Vater für nicht geeignet, seine Firma zu übernehmen und verfügte, dass nach seinem Tod Unternehmen und Wohnhaus verkauft werden sollten. Der Niedergang nahm seinen Lauf, die Familie zog nach München, zwei Schwestern begingen später Suizid. Derzeit befindet sich das im Krieg bis auf die Fassade zerstörte “Buddenbrookhaus” in einem beklagenswerten Zustand; die Sanierung wird noch Jahre dauern. Wieder zurück schauen wir uns den hoch gelobten und prominent besetzten Fernseh-Dreiteiler “Die Manns” (2001) von Heinrich Breloer an; diese ARD-Produktion gibt es erstaunlicherweise nur bei Amazon. 

Wie in fast allen deutschen Städten haben der Zweite Weltkrieg und der Wiederaufbau in Lübeck Spuren hinterlassen. Und heute wird der Strukturwandel in den Cities an jeder Ecke sichtbar. Karstadt und andere monströse Betonbauten stehen leer, Filialisten und Billigketten prägen die Fußgängerzonen; Döner, Pizza, Sushi gibt es alle paar Meter, und nach Marzipan muss man hier nicht allzu lange suchen. Aber wir entdecken hervorragende und gut besuchte Restaurants, die nur leider nicht den berühmten in Lübeck gekelterten Rotspon ausschenken. Wie im Fluge verging unser Wochenende, die Rückreise nach Berlin dauert sechs Stunden. In Ahrensburg müssen wir mit einem Bus weiter nach Hamburg fahren – durch die endlose Tristesse von sauberen Vorstädten und immer gleichen Fachmarkzentren, geplant nicht für Menschen, sondern für Autos. Diese Fixierung kommt uns durch Trumps Angriffskrieg auf den Iran nun teuer zu stehen. Zumindest die deutsche Wirtschaftsweise Veronika Grimm plädiert für ein Tempolimit auf Autobahnen, mit dem sich gleich noch CO₂‑Emissionen senken ließen. Wir kommen wieder nach Lübeck. Natürlich mit der Bahn!