Compression

So kommen Autos aus der hydraulischen Presse: Skulptur von César im Centre Georges Pompidou. © Karl Grünkopf

Heute Morgen wurde im Radio ein Stück von Michel Petrucciani gespielt, der nur 36 Jahre alt wurde. Der Jazzpianist hatte die Glasknochenkrankheit, war nur einen Meter groß und zählt trotzdem auf seinem Instrument zu den besten Musikern seiner Generation. Zufällig kommen wir auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris an seinem Grab vorbei. Er liegt ganz in der Nähe von Frédéric Chopin, vor dessen Ruhestätte viele frische Blumen stehen. Der riesige Friedhof scheint selber zu sterben; sehr viele Grabstätten sind in einem schlechten Zustand, modern vor sich hin. Ein düsterer Ort zum Innehalten. In Gedanken ziehen noch einmal die Tage voller Eindrücke & Erlebnisse vorbei, die wir mit ziemlich besten Freunden über Ostern in Paris verbrachten. Das Fest ist in Frankreich nicht so kommerzialisiert wie in Deutschland – zum Glück.

Samedi geht’s gleich ins Centre Georges Pompidou, das die Berliner Bausenatorin in spe, Franziska Giffey, ungemein inspirierte – aus dem brach liegenden Internationalen Congress Centrum (ICC) könne man doch ein Kulturzentrum nach dem Pariser Vorbild machen. Oha! Aus dem gestrandeten Raumschiff im Berliner Westen, das sich hermetisch gegen seine Umgebung verschließt, wird nie und nimmer ein Ort der Kultur und Begegnung. Wir schauen uns die Kunst der Moderne an. Ganz besonders beeindruckt mich die Arbeit „Compression“ aus dem Jahr 1960 von César Baldaccini, der Autos zu einem kompakten Quader pressen ließ. Er sieht sich in der Tradition von Duchamp, Gesellschaftskritik war seine Sache nicht. Trotzdem gemahnt „Compression“ an unsere Müllberge, die letztlich irgendwo im Globalen Süden landen.

Heutzutage würde César sicher E-Roller in die Schrottpresse schmeißen, die ab Herbst in Paris übrigens verboten sind. Erstaunlich. Nur 7 Prozent haben sich an der Abstimmung beteiligt; davon waren 89% gegen die Roller. Sonderlich gestört haben mich die Dinger nicht. Auffällig hingegen, wie viele Fahrräder inzwischen in der Stadt unterwegs sind. War’s der Muskelkater vom Hüpfen in der Yogastunde oder der Respekt vor Treppen mit großem Gepäck: Noch nie ist mir aufgefallen, wie wenig Rolltreppen oder Fahrstühle es in der Metro im Vergleich zu deutschen U-Bahnen gibt. Komfort kostet Energie, und da ticken Frankreich und Deutschland anders. In der Bundesrepublik werden die letzten drei Atomkraftwerke morgen endgültig heruntergefahren, die Grande Nation verfügt über 56 Meiler, die derzeit aber nicht alle am Netz sind. Auch in Osteuropa werden munter weitere Atomkraftwerke geplant. Die Uranbrennstäbe kauft man bei den Russen, allen Boykott-Beteuerungen zum Trotz. 30.000 Generationen müssen sich Umweltministerin Steffi Lemke zu Folge mit unserem Atommüll herumschlagen. Export ausgeschlossen!

The Charm of Spring

Eine Gruppe Ovaherero-Frauen wird im Lars Kraumes Film „Der Vermessene Mensch“ von der „Deutschen Schutztruppe“ in die Wüste getrieben ©️ Studiocanal GmbH / Willem Vrey

Im letzten Jahrtausend bekam ich zu Weihnachten das Verve Jazz Book geschenkt; zehn Schallplatten mit zwanzig Künstler:innen, wie man heute sagt. Den Auftakt macht Ella Fitzgerald. Wie oft habe ich „April in Paris“ mit dem Count Basie Orchestra gehört, natürlich immer die gleiche Aufnahme. Bei Apple Music bekomme ich den Song in 87 Versionen. Nichts gegen die smarte, digitale Welt. Ich habe mir in diesem Tool ein eigenes ‚Radio‘ eingerichtet – und entdecke immer wieder tolle Musiker:innen, von denen ich noch niemals gehört habe. Als Einstimmung auf unsere Reise wollte ich nur „April in Paris“ hören, aber 87 Interpretationen waren natürlich im Home Office nicht zu schaffen. Nun sitzen wir in der Maschine nach Orly, und ich schreibe meinen Blog, den ich vor bald fünf Jahren täglich auf unserer „American Journey“ begonnen habe.

Der Blog ist für mich immer auch ein Moment des Innehaltens. Was habe ich in der letzten Woche gemacht, was erlebt, wo bin ich gewesen? Nicht vergessen werde ich den Film „Der Vermessene Mensch“ von Lars Kraume, sicher dagegen den großen Oscar-Gewinner 2023 „Everything Everywhere All at Once“, den es schon bei Amazon Prime für ein paar Euro gibt. Grandios gemacht & gefilmt die Reisen durch Multiversen, aber nicht meine Welt. Kraume hingegen beschäftigt sich mit dem deutschen Kolonialismus, mit den Verbrechen an den Herero im südlichen Afrika. Die „wissenschaftliche“ Legitimation sollten Anthropologen und Ethnologen schaffen und mit Darwin als Kronzeugen die Überlegenheit der weißen Rasse „beweisen“. Der Regisseur erzählt schlüssig und spannend von diesem beschämenden Kapitel der deutschen Geschichte, von der noch immer viele erbeutete Schädel in deutschen Museen künden. Eine Entschädigung haben die verbliebenen Herero von der Bundesrepublik Deutschland bis heute nicht erhalten. Eine Schande!

Wir befinden uns schon im Anflug auf Paris, wo wir mit ziemlich besten Freunden über Ostern wieder ein paar Tage verbringen, wie im Herbst 2018. Die Maschine ist gut gefüllt, niemand trägt eine Maske, der Krieg in der Ukraine ist noch weiter weg als in Berlin. Jede:r wird mit diesem Flug 548 kg CO₂ verbraucht haben, jede:r könnte wissen, dass ein Äthiopier pro Jahr nur 560 kg CO₂ emittiert und somit deutlich unter dem Wert der Klimaneutralität liegt. Wir alle wissen, was zu tun ist – hier und jetzt. Laut aktuellem ARD-Deutschlandtrend sind inzwischen 44% der Deutschen mit der Klimapolitik der Bundesregierung unzufrieden. Das sollte besonders den Grünen zu denken geben. Die Zeit der schlechten Kompromisse in der sog. Zukunftskoalition muss ein Ende haben. In unserem Hotel, einer Oase nahe dem Quartier Latin, hören wir natürlich „April in Paris“. Wir freuen uns auf den Frühling an der Seine. Ein Leben ohne Widersprüche ist nicht zu haben.

Es fährt ein Zug nach Nirgendwo

Der ICE fährt ein, steht dann am Gleis. Die Türen bleiben zu. Keine Durchsage nirgends. © Rolf Hiller

Nach dem Streik am Montag kämpft die Deutsche Bahn.wieder mit ihren normalen Problemen. Eine Oberleitungsstörung bei Erfurt verhindert die Fahrt des Zuges, den ich nehmen wollte. Warum dieser ICE trotzdem einfährt und dann aber stehen bleibt, verstehe, wer will. Keine Ansage, keine Erklärung. Mir kommt der Schlager „Es geht ein Zug nach Nirgendwo“ von Christian Anders in den Sinn. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere verprasste er Millionen u.a. für einen vergoldeten Rolls Royce; heute verbreitet er Verschwörungsphantasien. Tatsache ist hingegen, dass die Deutsche Bahn in Deutschland weiter rote Zahlen schreibt. Trotzdem verdiente der Chef Richard Lutz im letzten Jahr 2,24 Millionen Euro; die Hälfte davon waren Boni. Solche Einkünfte sind in einem Staatskonzern, der überhaupt nicht gut dasteht, nicht zu vermitteln. Lutz bekam im letzten Jahr vierzig Mal mehr als ein Lokführer.

Im übertragenen Sinne beschreibt Anders‘ Schlager trefflich die Lage der sogenannten Fortschrittskoalition in Berlin. In quälend langen Nachtsitzungen verständigten sich SPD, Grüne und FDP auf einen Kompromiss, der wieder einmal – so scheint es zumindest – zu Lasten der Ökopartei geht. Weiter freie Fahrt für freie Bürger:innen, weiter werden munter Autobahnen ausgebaut. Die Kritik der Umweltverbände ließ nicht auf sich warten. Der Geschäftsführer des WWF Deutschland, Christoph Heinrich, spricht von einem „Frontalangriff auf das Klimaschutzgesetz“. Der Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, Jürgen Resch, haut in die gleiche Kerbe: „Diese Anti-Klimaschutz-Koalition legt allen Ernstes Hand an das Bundesklimaschutzgesetz. Damit versündigt sie sich an allen künftigen Generationen.“ Der Kanzler, der nach seiner Wahl Führung versprochen hatte, hielt sich bei dem Koalitionsstreit wie gewohnt bedeckt. Alles Friede, Freude, Eierkuchen für ihn.

Das gilt nicht minder für den monströsen Ausbau des Kanzleramtes, der mit genau 777 Millionen Euro zu Buche schlagen soll. Man wolle alle Mitarbeiter:innen in einem Haus versammeln. Diese analoge Denke zeigt wieder einmal, wie weit es her ist mit der Digitalisierung in den Köpfen. „Baustopp, jetzt“ fordert die FAZ, „Scholz, halt ein!“ sekundiert der Tagesspiegel und führt aus: „Gebaut soll werden, weil der Bau beschlossen wurde – nicht, weil es notwendig ist. Aber Notwendigkeit ist das zentrale Stichwort einer klimagerechten Zukunft, nicht Wunschdenken von Politikern und Verwaltungen.“ (20.03.23). Jede Wette, das Ding wird kommen, obwohl „das Kanzleramt schon jetzt der größte Regierungssitz der Welt ist.“ (FAZ, 25.03.23) Klimaschutz beginnt hier und jetzt. We’ll never walk alone!

Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral

Berlin wird in sieben Jahren nicht klimaneutral sein, aber eine Mehrheit beim Volksentscheid wäre trotzdem ein starkes Signal.

Bertolt Brechts allseits bekannte Sentenz aus der „Dreigroschenoper“ ist so aktuell wie eh und je – erst denkt man an sich, dann an die anderen. Wir alle wissen inzwischen, dass sich die globale Erderwärmung nicht mehr aufhalten lässt; wir alle wissen, dass unser Lifestyle zu Lasten des globalen Südens geht. Was wir alle tun können, ist sattsam bekannt: weniger heizen, weniger reisen, weniger Fleisch essen. Das kann jede:r sofort umsetzen und muss es mit sich selber ausmachen, ob er/sie es lässt. Unerträglich wird es, wenn die „Klimaschutzbewegung religiöse Züge“ (Tagesspiegel, 19.03.23) annimmt, wenn Gut- und Bessermenschen sich legitimiert fühlen, Kunstwerke zu beschädigen, wenn Menschen ihr Verhalten zum absoluten Maß erheben und alle anderen danach beurteilen. Natürlich beteiligen wir uns am Volksentscheid „Berlin 2030 Klimaneutral“, natürlich wissen wir, dass es damit nicht getan ist.

Ein Leben ohne Widersprüche gibt es nicht. Wir schauen uns die Netflix-Produktion „Im Westen nichts Neues“ von Edward Berger nach dem Roman von Erich Maria Remarque im Kino an. Der Film wurde mit 4 Oscars ausgezeichnet und erzählt eindringlich vom Leben und Sterben junger Soldaten im Ersten Weltkrieg – am Ende steht die nüchterne Feststellung, dass sich in diesen vier Jahren der Frontverlauf kaum geändert habe. Im „Grande Guerre“ verloren etwa 17 Millionen Menschen ihr Leben. Während des Films denke ich immer wieder an den Krieg in der Ukraine, von dem in den Nachrichten nur noch gelegentlich die Rede ist. Das Leiden und Sterben dort geht weiter, es ist keine „news“ mehr. Wir sitzen in bequemen Ledersesseln mit Liegefunktion, viele knabbern Snacks, trinken etwas und goutieren das Grauen. Darf man einen solchen Film so erleben? Weltweit gibt es derzeit über 20 Kriege, von den meisten habe ich noch nie gehört.

„Besser Doppelmoral als gar keine Moral“, befand Luisa Neubauer in einem Podcast. Sie ist Klimaaktivistin und Mitglied der Grünen. Mit dieser Einstellung lässt sich noch alles rechtfertigen, etwa der Flug der Kulturstaatsministerin Claudia Roth zur Oscar-Verleihung nach Hollywood. Die Einladung hatte der Regisseur Edward Berger im Namen von Netflix ausgesprochen, und sie habe „gerne angenommen, um das Filmteam bei dieser Preisverleihung zu unterstützen und ihm seine Anerkennung im Namen der Bundesregierung vor Ort auszusprechen“. (Der Spiegel. 23.03.23). Die Kulturstaatsministerin hat die Kosten für diese Reise Netflix inzwischen aus privaten Mitteln erstattet. Ob sie selbst auch für die Aufrüstung ihrer Dienstlimousine mit weißen Lederpolstern aufkommt, wenn sich die hartnäckigen Gerüchte in der Hauptstadt bestätigen, steht dahin. In der Nacht auf Sonntag werden wieder die Uhren umgestellt. Zumindest diese Zeitenwende sollte gelingen.

Bald ist Spargelzeit

An die Windräder, im Volksmund Spargel genannt, werden wir uns alle noch mehr gewöhnen müssen. © Rolf Hiller

Volle Häuser, volle Züge. Wo war ich wann und warum in dieser Woche? Die Corona-Warn-App zeigt ”Begegnung an 1 Tag mit erhöhtem Risiko” am Sonntag, aber diese Warnungen versetzen niemanden mehr in Angst & Schrecken. Am Sonntag treffen wir vorm Theater Freunde zum Essen und ziehen dann weiter ins  Berliner Ensemble. Gegeben wird ”Der Theatermacher” von Thomas Bernhard in einer Inszenierung des Hausherrn Oliver Reese. Immer wieder wurde spekuliert, wen von den Regietitanen seiner Zeit der Schriftsteller in seinem Stück wohl gemeint haben könnte. Die Figur ist naturgemäß so lächerlich wie boshaft und selbstgefällig. Stefanie Reinsperger – die Besetzung zumindest ist ein Coup – kapriziert sich auf die Lächerlichkeit und reduziert den Theatermacher zum bloßen Hanswurst. Alles ist übertrieben, alles ist zu viel – eine Knallcharge, die lang & länger wird. Thomas Bernhard hätte bestimmt zu einer Tirade über die Verhunzung seines Stückes ausgeholt.

Zwei Tage davor bei Tschechows ”Möwe” in der schaubühne verging die Zeit wie im Flug, obwohl es zuweilen in Thomas Ostermeiers Inszenierung doch recht albern zugeht. Und Mitte der Woche dann endlich wieder ins Kasseler “Theaterstübchen”, wo ich unvergessliche Konzerte erlebt habe. Der Laden stand Anfang des Jahres auf der Kippe, aber der unermüdliche und doch nicht mehr unverwüstliche Markus Knierim konnte Sponsoren gewinnen. Das Aki Takase Quintett spielt fabelhaft vor vollem Haus; zumindest die Gagen sind damit gedeckt. Das ist die Crux vieler Clubs: Ohne Subventionen und Partys zur Querfinanzierung kommen sie nicht über die Runden. Einvernehmen im Publikum nach dem Auftritt der Pianistin Aki Takase mit ihrem international besetzten Quintett: ein großartiges Konzert!

Im Frankfurter Hauptbahnhof steht eine Spielzeugeisenbahnanlage – ganz auf der Höhe der Zeit mit einem Windrad. Leider habe ich keine Muße, die Loks für einen Euro fahren zu lassen. Im Neuen Theater Höchst wartet das nächste volle Haus dieser Woche – das Varieté im Frühling ist bis auf den letzten Platz ausverkauft. Der Frankfurter Entertainer Jo van Nelsen führt mit Liedern der 20er Jahre durchs Programm, die Nummern der Artist:innen müssen keinen Vergleich scheuen. Die Woche geht zu Ende, der ICE ist bis auf den letzten Platz besetzt. Sei’s drum. Besser als auf der Autobahn. Viele Deutsche haben mittlerweile begriffen, dass wir unser Verhalten ändern müssen, um die CO2-Emissionen zu senken. Das ficht den Bundesautobahnminister Volker Wissing (FDP) nicht an; er schreibt stur seine Politik der Vergangenheit fort, wie die Rheinische Post aus Düsseldorf konstatiert: “Deutschland hat auf dem Verkehrssektor komplett versagt. Als einziger Sektor hat er nicht nur sein gesetzliches Einsparziel verfehlt, sondern seine CO2-Emissionen im Vergleich zum Vorjahr sogar noch gesteigert – trotz Inflation und höherer Spritpreise. Verkehrsminister Wissing muss jetzt liefern. Mehr Schiene, weniger klimaschädliche Subventionen, Tempolimit und Verbrenner-Aus – der FDP-Minister wird diese Kröten schlucken müssen.” (16.03.23) Seine Ampel steht längst auf Rot!

Abschied

Martin Grubinger beendet mit gerade einmal 40 Jahren seine Karriere als Perkussionist. © Simon Pauly

Der Typ ist einmalig. Beiläufig teilt Martin Grubinger am Ende seines grandiosen Auftritts in der Alten Oper mit: „Das war mein letztes Konzert in Frankfurt“. Er bekäme oft Anfragen von jungen Kerlen, wie es funktioniere, dass seine Sticks bei einem Solo wie mit magischen Kräften durch die Luft wirbeln. „Haltet’s einfach drauf mit Euren Handys. Dann könnt Ihr sehen, wie das geht.“ Nichts können wir sehen und sind um so mehr gebannt, wie er mit den grünen Stöcken bei der Zugabe zaubert. Einmal tanzt einer schwerelos auf seinem Arm. Auf seiner letzen Tournee begeistern Grubinger und seine Band (4 Schlagzeuger und 1 Pianist) aber nicht bloß mit Virtuosität, das Programm ist überaus anspruchsvoll. Werke von Ioannis Xenakis, Steve Reich (ein Abschnitt aus „Drumming“) und die komplexe Komposition „Inferno“ des jungen isländischen Komponisten Daniel Bjarnason reißen das Publikum mit. Das letzte Konzert von Martin Grubinger findet am 28. Juli während des Rheingau Musik Festivals im Kurhaus Wiesbaden statt. Hingehen, staunen & jubeln!

Gute Kritiken bekommt auch der Film „Tár“ von Todd Field mit Cate Blanchett in der Hauptrolle, der für 6 Oscars nominiert ist. Der Film des Monats von FRIZZ Das Magazin erzählt die Geschichte vom Absturz einer Dirigentin, die (im Film) als erste Frau die Berliner Philharmoniker leitet. Anstatt sich auf diese Rolle im Musikbusiness zu konzentrieren, verliert sich der Regisseur in Details und Nebenwegen. Wir erleben im zähen Anfang des Films, wie Lydia Tár ihre Meisterklasse belehrt, manch klug-langatmiges Gespräch führt und lernen eine selbstgefällige Frau im Zenit ihrer Macht kennen, die sich nimmt, was sie will. Sie lebt mit der Konzertmeisterin des Orchesters (Nina Hoss) zusammen, hat eine kleine Adoptivtochter und immer wieder Affären mit jungen Musikerinnen. Ein bisschen viel von viel will Todd Field erzählen und verliert immer wieder den Faden. „Im Kreise der illustren Besatzung wächst Cate Blanchett einmal mehr über sich hinaus – und bringt uns die Hyperperfektionistin Lydia Tár näher, indem sie dem arbeits-egomanischen Kotzbrocken menschliche Tiefe verleiht.“ (Horst E. Wegener) Darüber ließe sich trefflich streiten. Bei der Oscar-Verleihung ging „Tár“ leer aus. Gut so.

Ob Franziska Giffey (SPD) und Kai Wegner (CDU) das Traumpaar der Berliner Politik werden, steht mittlerweile in den Sternen. Die einstige Bezirksbürgermeisterin von Neukölln konnte nicht einmal dort ihren Wahlkreis gewinnen; nun stimmte der Kreisverband der SPD dort gegen eine Koalition mit der CDU. Eine Klatsche für Giffey, der weitere folgten. Nach dem historisch schlechtesten Wahlergebnis der SPD bei der Wiederholungswahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin wächst der Widerstand gegen Franziska Giffey und ihren umtriebigen Parteikollegen Raed Saleh. Sollten die Koalitionsverhandlungen mit der CDU scheitern, werden die beiden nicht im Amt bleiben können. Franziska Giffey hätte sich ihren Abschied aus der Berliner Politik wohl anders vorgestellt, wird aber sicher auf die Füße fallen. Die Affäre um den erschlichenen Doktortitel hat ihrer politischen Karriere erstaunlicherweise nicht geschadet.

And the Winner is …

Ihre Zeit als Regierende Bürgermeisterin von Berlin neigt sich dem Ende zu: Franziska Giffey holt sich Inspiration beim Filmteam von „Sonne und Beton“. © Alexander Janetzko / Berlinale 2023

Der Neustart der Berlinale ist gelungen. Nach den schwierigen beiden letzten Jahren, die von der Pandemie geprägt waren, kamen Promis & Zuschauer:innen wieder in Scharen zum größten Publikumsfestival der Welt. Zufrieden bilanzierte das Leitungsduo Mariëtte Rissenbeek und Carlo Chatrian: „Volle Kinosäle, bewegende Momente, zahlreiche prominente Gäste und ein neugieriges Publikum kennzeichnen die Berlinale 2023. Das ist für uns gelebte Kinokultur in all ihrer Vielfalt.“ 320.000 Tickets wurden in diesem Jahr ans Publikum verkauft – das Motto „Let’s get together“ war Programm. Zu entdecken gab es bei der 73. Berlinale allerhand, etwa einen digital restaurierten Film („A Woman of Paris“) von Charles Chaplin aus dem Jahr 1923, in dem er nur in einer Szene kurz zu sehen ist. Großartig auch „Golda“ mit Helen Mirren in der Hauptrolle, „Tár“ mit Cate Blanchett und Nina Hoss oder „Sonne und Beton“ von David Wnendt. Diese drei Filme liefen leider nicht im Wettbewerb, dem Aushängeschild der Berlinale, der nach einhelliger Meinung heuer allenfalls durchschnittlich gewesen ist.

Die Entscheidungen der unabhängigen Jury unter der Präsidentin Kristen Stewart waren politisch korrekt, setzen aber keine Zeichen. Diese Unentschiedenheit spiegelt sich strukturell in dem Preispotpourri wider: es gibt den Goldenen Bären, den Großen Preis der Jury und den Preis der Jury; es wird nur noch ein Preis für die beste Hauptrolle vergeben. Sei’s drum. Neben den bereits genannten Filmen beeindruckte uns am meisten „Roter Himmel“ (Großer Preis der Jury) von Christian Petzold. In einigen Szenen lachte das Publikum amüsiert, obwohl es am Ende nichts mehr zu lachen gibt. Großes Kino mit Thomas Schubert und Paula Beer, ein überzeugendes Buch, kurz ein Film, in dem mehr streckt, als zu sehen ist. Diese Vielschichtigkeit fehlt „Sonne und Beton“, der mich immer wieder an „Victoria“ von Sebastian Schipper erinnert hat. Dicht und geradezu physisch packend wird das Coming-of-Age von vier Freunden in der Berliner Gropiusstadt erzählt, wo das Recht das Stärkeren gilt. Quintessenz ihrer Erfahrungen: „Der Klügere tritt nach.“

Dass diese noch nicht ganz verhärteten Jungs nicht abdriften ins kriminelle Milieu der Gangs und Clans, ist eine der vielen Herausforderungen des Siegers bei der Berliner Wiederholungswahl. Kai Wegner und seine CDU, die nun eine Koalition mit der Wahlverliererin SPD unter Franziska Giffey eingehen möchten, stehen in der größten Stadt Deutschlands vor gewaltigen Herausforderungen. Die Agenda ist lang. Berlin muss sich radikal ändern, um im Wettbewerb mit anderen Metropolen bestehen zu können. Ein funktionierende Verwaltung wird es ohne eine Verfassungsreform nicht geben, eine klimaneutrale Stadt nicht mit Verkehrskonzepten der Vergangenheit, sozialen Frieden nicht ohne ausreichend Wohnraum. Schaffen es CDU und SPD sich zusammenzuraufen, stellen Wegner und Giffey persönliche Ambitionen hinter die gemeinsame Sache? An ihren Ergebnissen werden sie gemessen. „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“ (Hermann Hesse) Womöglich werden Franziska Giffey und Kai Wegner noch das Traumpaar der Berliner Politik.

Was tun?

Auf der Suche nach sich selbst und einem Thema: Thomas Schubert (Leon) in „Roter Himmel“ von Christian Petzold. © Christian Schulz, Schramm Film

Damit hätte vor einem Jahr niemand gerechnet. Der Angriffskrieg Russlands auf die ganze Ukraine, die nach Meinung von Zar Putin „von den Nazis befreit werden“ muss, dauert nun schon ein Jahr. Ausgang ungewiss. Immer mehr Flüchtlinge kommen in die EU-Länder, die Inflation ist höher denn je nach dem Zweiten Weltkrieg, wir sind (noch) in einer milden Rezession. Womöglich geht der Krieg in einen frozen conflict über, womöglich geht den Unterstützer-Staaten der Ukraine irgendwann das Geld aus, oder die Zustimmung der Bevölkerung bricht ein. Amerika soll dieser Krieg schon 30 Milliarden Dollar gekostet haben! Alte und neue Militärexperten wie etwa Anton Hofreiter von den Grünen führen das große Wort. Um so wichtiger, dass sich in der Süddeutschen Zeitung (15.02.23) erneut der Philosoph & Soziologe Jürgen Habermas zu Wort gemeldet hat.

Seine nüchterne und wohl bedachte Analyse der Lage unterscheidet sich angenehm von den Parolen der „Bellizisten“ jedweder Couleur. Nun weiß Habermas natürlich, dass einem Putin nicht mit dem „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ beizukommen ist. „Für die Regierung Biden tickt die Uhr“, analysiert er. „Schon dieser Gedanke müsste uns nahelegen, auf energische Versuche zu drängen, Verhandlungen zu beginnen und nach einer Kompromisslösung zu suchen, die der russischen Seite keinen über die Zeit vor dem Kriegsbeginn hinausreichenden territorialen Gewinn beschert und doch ihr Gesicht zu wahren erlaubt.“ Die chinesische Friedensinitiative von Kaiser Xi Jinping sollte man nicht überbewerten, aber sie zielt – unter Wahrung der Interessen dieser Großmacht – zumindest in die richtige Richtung. Wie Indien hat sich China bei der Verurteilung des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine durch die UN-Vollversammmlung der Stimme enthalten.

Natürlich sind die Ukraine und ihr medial ausgebuffter Präsident Selenskyi auch auf der Berlinale präsent, die nach den Jahren der Pandemie wieder ganz normal stattfinden kann. Die Digitalisierung der Festivalorganisation ist für das Publikum und die Kritiker aus aller Welt ein Segen – gebucht wird mobil oder am Rechner. Freilich krankt die Berlinale weiter an ihrem Aushängeschild. Im Wettbewerb sind zu viele schwache Filme. Warum dort überhaupt Animationsfilme und Dokus laufen, ist mir nicht nachvollziehbar. Weniger wäre mehr gewesen. Vielleicht gewinnt ja in diesem Jahr der neue Film von Christian Petzold, der mit leichter Hand die vielschichtige Begegnung von vier jungen Leuten an der Ostsee erzählt. Einer von ihnen ist Leon, ein junger Schriftsteller in einer Schaffenskrise, den Thomas Schubert so spielt, als würde er nicht spielen. Ein Film wie das Leben, dessen Verlauf niemand kennt. „Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie?“ Womöglich würde „Roter Himmel“ sogar Thomas Bernhard gefallen.

Hier steppt der Bär

Kopfstand kann der Bär auch. © Rolf Hiller

Morgens ist die Welt noch in Ordnung. Wir radeln entspannt zur Nelson Mandela Schule in Berlin-Wilmersdorf und geben unsere Stimmen ab. Nach der sog. Skandalwahl von 2021 wollte man alles besser und richtig machen – es gibt genug Wahlhelfende (Aufwandsentschädigung: 240 Euro pro Kopf) und Wahlkabinen. Geht doch. Die Wahlwiederholung kostet schlappe 40 Millionen Euro und endet mit einer Überraschung. Die SPD hat 113 Stimmen mehr als Die Grünen inkl. der verspätet in Lichtenberg ausgezählten Briefwahlstimmen. Klarer Sieger dieser Wahl ist die CDU; mit ihrem Spitzenkandidaten Kai Wegner holte die Partei 28,2 % der Stimmen und 9 der 12 Bezirke. Wenn es Wegner nicht gelingt, eine Koalition zu schmieden, bleibt er aber ein König ohne Land. Keine Lösung für die Stadt wäre, wenn die rot-grün-rote Koalition in derselben Konstellation irgendwie weiterwurschtelt.

Was tun? Ein kluger Vorschlag kommt von Hamid Djadda. Djadda who? Er ist Besitzer der Ohde Marzipanfabrik in Neukölln – dort hat die einstige Bezirksbürgermeisterin und SPD-Spitzenkandidatin Franziska Giffey ihr Direktmandat übrigens verloren – und Eigentümer der Avus-Tribüne, die er vor dem Verfall bewahrte. Er schlägt eine große Koalition aus CDU, SPD und Grünen vor. „Warum eine Dreierkoalition mit den Grünen?“, fragt der Tagesspiegel (13.02.23). „Weil sie so eine Zweidrittel-Mehrheit haben und man, um größere Probleme zu lösen, die Verfassung ändern muss. Das geht nur so.“ Recht hat er. Eines der vielen Probleme dieser Stadt ist das Kompetenzwirrwar, das in der zweistufigen Verwaltung aus Senat und Bezirken begründet ist. Djaddas klare Analyse & Diagnose wünschte man den vielen Piefkes & Postenhubern in der Berliner Politik. Könn wa nich, wolln wa nich ändern, ist ihre Devise. Parteiübergreifend!

Tappst der Bär mit schwerem Gepäck durch die Untiefen der Berliner Politik, fängt er am Potsdamer Platz an zu steppen. Berlinale is back, heißt es allenthalben. Stars wie Kristen Stewart, Anne Hathaway, Steven Spielberg, Sean Penn oder Cate Blanchett sind in der Stadt, der Eröffnungsfilm und der erste Wettbewerbsfilm sind klasse – die Stimmung ist gut, und die Erwartungen sind hoch. Endlich wieder Kino ohne Corona! Wir sitzen in einem der frisch renovierten Säle des CinemaxX in Reclinern aus feinem Leder und erleben die herrlich schräge Liebesgeschichte einer Schlepperkapitänin mit einem kleinwüchsigen Komponisten („She came to me“ von Rebecca Miller). Tags drauf sehen wir „BlackBerry“ von Matt Johnson nach dem Bestseller „Loosing the Signal“ – Aufstieg & Fall einer Marke mit schrägen Nerds und skrupellosen Zockern. „Junge, die Welt ist schön“ von Tony Marshall haben diese guys bestimmt nie gehört. Gestern starb der „Stimmungsmacher der Nation“. Jetzt muss der Bär ohne ihn weiter steppen.

Die Qual der Wahl

Kongenial bringt der Regisseur Jossi Wieler in einer viel beachteten Uraufführung Elfriede Jelineks Text „Angabe der Person“ im Deutschen Theater auf die Bühne – mit Fritzi Haberlandt, Susanne Wolff, Linn Reusse © Arno Declair

Unverhofft kommt oft. Ich möchte ein halbes Körnerbrot in einem Biomarkt mit einem 50-Euro-Schein bezahlen. Die freundliche Bedienung hat zu dieser frühen Stunde noch kein Wechselgeld in der Kasse; einer Kollegin von ihr geht es nicht besser. „Dann kann ich eben nichts kaufen“, maule ich und will von dannen ziehen. Eine junge Frau schaltet sich ein. „Ich übernehme das auf meiner Karte“, sagt sie locker. Ich danke überrascht und biete ihr meine letzten Münzen an. „Ist schon okay.“ „Dann übernehme ich beim nächsten Mal“, gebe ich zurück. Wenn irgendjemand ein paar Cent an der Kasse fehlen, bin ich schon eingesprungen, aber die souveräne Tat der jungen Frau ist damit nicht zu vergleichen. Lernen am Modell hat sich die Soziokognitive Lerntheorie auf die Fahnen geschrieben, Zur Nachahmung dringend empfohlen.

Es schadet nie, seine Voreinstellungen & Vorurteile zu hinterfragen. Ohne es weiter begründen zu können, mochte ich die „geniale Nervensäge“ (Tagblatt) Elfriede Jelinek nicht. Eine, die immer weiß, was richtig ist, die Inkarnation des guten Gewissens. Durch die sehr guten Kritiken nach der Premiere der Bühnenadaption ihres Buches „Angabe der Person“ wurden wir neugierig und sitzen nun nach einem langen Arbeitstag im Deutschen Theater Berlin. Zweieinhalb Stunden fast nur Monologe, keine Pause. Ohne Scho-Ka-Kola (mit ordentlich Koffein) nicht zu schaffen. In diesem Buch nimmt sie die erniedrigenden Erfahrungen einer Steuerprüfung zum Anlass, lapidar, ironisch und entlarvend.über das System der Bürokratie nachzudenken – heute geht’s um Geld, damals ging’s um die Juden. Einige Verwandte von Elfriede Jelinek wurden im Nationalsozialismus ermordet. Diese Textflächenüberwältigung hat der Regisseur Jossi Wieler kongenial und mit sparsamen Mitteln auf die Bühne gebracht – mit den drei großartigen Schauspielerinnen Fritzi Haberlandt, Susanne Wolff und Linn Reusse. Von der Kritik am meisten Lob bekam die Haberlandt, aber ihre Kolleginnen müssen sich nicht hinter ihr verstecken. Großer Applaus für einen großen Abend im Theater ohne Theaterstück!

Im Wahlkampf hielten sich die Polit-Promis merklich zurück; das Ergebnis dürfte die Stadt kaum weiterbringen, aber am Sonntag schaut das ganze Land auf Berlin. Erstmals in der Geschichte der Republik musste eine komplette Wahl wiederholt werden; es gab Pleiten, Pech & Pannen zu Hauf. Wie gewohnt, werden abends in den Medien alle Wahlkämpfer:innen gute Miene zum bösen Spiel machen; am Montag beginnt dann der Katzenjammer, und die CDU könnte in die Röhre schauen. Anders als in Hessen oder NRW dürfte es in Berlin für das Modell Schwarz-Grün keine Chance geben, zu weit gehen die politischen Ansichten & Ziele auseinander. Endgültig entscheidet das Bundesverfassungsgericht erst in ein paar Monaten über die Wiederholung der Berliner Chaoswahl von 2021. Der Demokratie haben die Verantwortlichen so oder so einen Bärendienst erwiesen. Bis jetzt weiß ich nur, welche Partei ich am 12. Februar nicht wählen werde.