Was tun?

Auf der Suche nach sich selbst und einem Thema: Thomas Schubert (Leon) in „Roter Himmel“ von Christian Petzold. © Christian Schulz, Schramm Film

Damit hätte vor einem Jahr niemand gerechnet. Der Angriffskrieg Russlands auf die ganze Ukraine, die nach Meinung von Zar Putin „von den Nazis befreit werden“ muss, dauert nun schon ein Jahr. Ausgang ungewiss. Immer mehr Flüchtlinge kommen in die EU-Länder, die Inflation ist höher denn je nach dem Zweiten Weltkrieg, wir sind (noch) in einer milden Rezession. Womöglich geht der Krieg in einen frozen conflict über, womöglich geht den Unterstützer-Staaten der Ukraine irgendwann das Geld aus, oder die Zustimmung der Bevölkerung bricht ein. Amerika soll dieser Krieg schon 30 Milliarden Dollar gekostet haben! Alte und neue Militärexperten wie etwa Anton Hofreiter von den Grünen führen das große Wort. Um so wichtiger, dass sich in der Süddeutschen Zeitung (15.02.23) erneut der Philosoph & Soziologe Jürgen Habermas zu Wort gemeldet hat.

Seine nüchterne und wohl bedachte Analyse der Lage unterscheidet sich angenehm von den Parolen der „Bellizisten“ jedweder Couleur. Nun weiß Habermas natürlich, dass einem Putin nicht mit dem „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ beizukommen ist. „Für die Regierung Biden tickt die Uhr“, analysiert er. „Schon dieser Gedanke müsste uns nahelegen, auf energische Versuche zu drängen, Verhandlungen zu beginnen und nach einer Kompromisslösung zu suchen, die der russischen Seite keinen über die Zeit vor dem Kriegsbeginn hinausreichenden territorialen Gewinn beschert und doch ihr Gesicht zu wahren erlaubt.“ Die chinesische Friedensinitiative von Kaiser Xi Jinping sollte man nicht überbewerten, aber sie zielt – unter Wahrung der Interessen dieser Großmacht – zumindest in die richtige Richtung. Wie Indien hat sich China bei der Verurteilung des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine durch die UN-Vollversammmlung der Stimme enthalten.

Natürlich sind die Ukraine und ihr medial ausgebuffter Präsident Selenskyi auch auf der Berlinale präsent, die nach den Jahren der Pandemie wieder ganz normal stattfinden kann. Die Digitalisierung der Festivalorganisation ist für das Publikum und die Kritiker aus aller Welt ein Segen – gebucht wird mobil oder am Rechner. Freilich krankt die Berlinale weiter an ihrem Aushängeschild. Im Wettbewerb sind zu viele schwache Filme. Warum dort überhaupt Animationsfilme und Dokus laufen, ist mir nicht nachvollziehbar. Weniger wäre mehr gewesen. Vielleicht gewinnt ja in diesem Jahr der neue Film von Christian Petzold, der mit leichter Hand die vielschichtige Begegnung von vier jungen Leuten an der Ostsee erzählt. Einer von ihnen ist Leon, ein junger Schriftsteller in einer Schaffenskrise, den Thomas Schubert so spielt, als würde er nicht spielen. Ein Film wie das Leben, dessen Verlauf niemand kennt. „Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie?“ Womöglich würde „Roter Himmel“ sogar Thomas Bernhard gefallen.

Hier steppt der Bär

Kopfstand kann der Bär auch. © Rolf Hiller

Morgens ist die Welt noch in Ordnung. Wir radeln entspannt zur Nelson Mandela Schule in Berlin-Wilmersdorf und geben unsere Stimmen ab. Nach der sog. Skandalwahl von 2021 wollte man alles besser und richtig machen – es gibt genug Wahlhelfende (Aufwandsentschädigung: 240 Euro pro Kopf) und Wahlkabinen. Geht doch. Die Wahlwiederholung kostet schlappe 40 Millionen Euro und endet mit einer Überraschung. Die SPD hat 113 Stimmen mehr als Die Grünen inkl. der verspätet in Lichtenberg ausgezählten Briefwahlstimmen. Klarer Sieger dieser Wahl ist die CDU; mit ihrem Spitzenkandidaten Kai Wegner holte die Partei 28,2 % der Stimmen und 9 der 12 Bezirke. Wenn es Wegner nicht gelingt, eine Koalition zu schmieden, bleibt er aber ein König ohne Land. Keine Lösung für die Stadt wäre, wenn die rot-grün-rote Koalition in derselben Konstellation irgendwie weiterwurschtelt.

Was tun? Ein kluger Vorschlag kommt von Hamid Djadda. Djadda who? Er ist Besitzer der Ohde Marzipanfabrik in Neukölln – dort hat die einstige Bezirksbürgermeisterin und SPD-Spitzenkandidatin Franziska Giffey ihr Direktmandat übrigens verloren – und Eigentümer der Avus-Tribüne, die er vor dem Verfall bewahrte. Er schlägt eine große Koalition aus CDU, SPD und Grünen vor. „Warum eine Dreierkoalition mit den Grünen?“, fragt der Tagesspiegel (13.02.23). „Weil sie so eine Zweidrittel-Mehrheit haben und man, um größere Probleme zu lösen, die Verfassung ändern muss. Das geht nur so.“ Recht hat er. Eines der vielen Probleme dieser Stadt ist das Kompetenzwirrwar, das in der zweistufigen Verwaltung aus Senat und Bezirken begründet ist. Djaddas klare Analyse & Diagnose wünschte man den vielen Piefkes & Postenhubern in der Berliner Politik. Könn wa nich, wolln wa nich ändern, ist ihre Devise. Parteiübergreifend!

Tappst der Bär mit schwerem Gepäck durch die Untiefen der Berliner Politik, fängt er am Potsdamer Platz an zu steppen. Berlinale is back, heißt es allenthalben. Stars wie Kristen Stewart, Anne Hathaway, Steven Spielberg, Sean Penn oder Cate Blanchett sind in der Stadt, der Eröffnungsfilm und der erste Wettbewerbsfilm sind klasse – die Stimmung ist gut, und die Erwartungen sind hoch. Endlich wieder Kino ohne Corona! Wir sitzen in einem der frisch renovierten Säle des CinemaxX in Reclinern aus feinem Leder und erleben die herrlich schräge Liebesgeschichte einer Schlepperkapitänin mit einem kleinwüchsigen Komponisten („She came to me“ von Rebecca Miller). Tags drauf sehen wir „BlackBerry“ von Matt Johnson nach dem Bestseller „Loosing the Signal“ – Aufstieg & Fall einer Marke mit schrägen Nerds und skrupellosen Zockern. „Junge, die Welt ist schön“ von Tony Marshall haben diese guys bestimmt nie gehört. Gestern starb der „Stimmungsmacher der Nation“. Jetzt muss der Bär ohne ihn weiter steppen.

Die Qual der Wahl

Kongenial bringt der Regisseur Jossi Wieler in einer viel beachteten Uraufführung Elfriede Jelineks Text „Angabe der Person“ im Deutschen Theater auf die Bühne – mit Fritzi Haberlandt, Susanne Wolff, Linn Reusse © Arno Declair

Unverhofft kommt oft. Ich möchte ein halbes Körnerbrot in einem Biomarkt mit einem 50-Euro-Schein bezahlen. Die freundliche Bedienung hat zu dieser frühen Stunde noch kein Wechselgeld in der Kasse; einer Kollegin von ihr geht es nicht besser. „Dann kann ich eben nichts kaufen“, maule ich und will von dannen ziehen. Eine junge Frau schaltet sich ein. „Ich übernehme das auf meiner Karte“, sagt sie locker. Ich danke überrascht und biete ihr meine letzten Münzen an. „Ist schon okay.“ „Dann übernehme ich beim nächsten Mal“, gebe ich zurück. Wenn irgendjemand ein paar Cent an der Kasse fehlen, bin ich schon eingesprungen, aber die souveräne Tat der jungen Frau ist damit nicht zu vergleichen. Lernen am Modell hat sich die Soziokognitive Lerntheorie auf die Fahnen geschrieben, Zur Nachahmung dringend empfohlen.

Es schadet nie, seine Voreinstellungen & Vorurteile zu hinterfragen. Ohne es weiter begründen zu können, mochte ich die „geniale Nervensäge“ (Tagblatt) Elfriede Jelinek nicht. Eine, die immer weiß, was richtig ist, die Inkarnation des guten Gewissens. Durch die sehr guten Kritiken nach der Premiere der Bühnenadaption ihres Buches „Angabe der Person“ wurden wir neugierig und sitzen nun nach einem langen Arbeitstag im Deutschen Theater Berlin. Zweieinhalb Stunden fast nur Monologe, keine Pause. Ohne Scho-Ka-Kola (mit ordentlich Koffein) nicht zu schaffen. In diesem Buch nimmt sie die erniedrigenden Erfahrungen einer Steuerprüfung zum Anlass, lapidar, ironisch und entlarvend.über das System der Bürokratie nachzudenken – heute geht’s um Geld, damals ging’s um die Juden. Einige Verwandte von Elfriede Jelinek wurden im Nationalsozialismus ermordet. Diese Textflächenüberwältigung hat der Regisseur Jossi Wieler kongenial und mit sparsamen Mitteln auf die Bühne gebracht – mit den drei großartigen Schauspielerinnen Fritzi Haberlandt, Susanne Wolff und Linn Reusse. Von der Kritik am meisten Lob bekam die Haberlandt, aber ihre Kolleginnen müssen sich nicht hinter ihr verstecken. Großer Applaus für einen großen Abend im Theater ohne Theaterstück!

Im Wahlkampf hielten sich die Polit-Promis merklich zurück; das Ergebnis dürfte die Stadt kaum weiterbringen, aber am Sonntag schaut das ganze Land auf Berlin. Erstmals in der Geschichte der Republik musste eine komplette Wahl wiederholt werden; es gab Pleiten, Pech & Pannen zu Hauf. Wie gewohnt, werden abends in den Medien alle Wahlkämpfer:innen gute Miene zum bösen Spiel machen; am Montag beginnt dann der Katzenjammer, und die CDU könnte in die Röhre schauen. Anders als in Hessen oder NRW dürfte es in Berlin für das Modell Schwarz-Grün keine Chance geben, zu weit gehen die politischen Ansichten & Ziele auseinander. Endgültig entscheidet das Bundesverfassungsgericht erst in ein paar Monaten über die Wiederholung der Berliner Chaoswahl von 2021. Der Demokratie haben die Verantwortlichen so oder so einen Bärendienst erwiesen. Bis jetzt weiß ich nur, welche Partei ich am 12. Februar nicht wählen werde.

Masken runter

©️ 2019, OSGEMEOS

Vor drei Tagen war noch alles anders in den Zügen der Deutschen Bahn. Alle trugen eine Maske, als sei das die selbstverständlichste Sache der Welt. Am 2. Februar fiel auch dort die Maskenpflicht, und nun fahren alle genauso selbstverständlich ohne. Hin und wieder sehe ich auf der Fahrt nach Köln noch Reisende mit dem Mund-Nasen-Schutz, aber die Maskierten sind eine verschwindende Minderheit. Natürlich habe ich noch eine dabei, weiß aber nicht, in welcher Situation ich noch einmal nach ihr greifen würde. Wenn der ICE noch voller wäre oder die Corona-Warn-App anspringt? Nachdem es in der letzten Woche wieder in einem Regionalzug eine tödliche Attacke auf Fahrgäste gab, habe ich mir Pefferspray besorgt. Ich bin viel mit dem Zug unterwegs und habe mich immer wieder einmal gefragt, was ich bei einem Angriff tun würde. Ob das Spray helfen könnte? Es ist zumindest beruhigend, eins in der Reisetasche zu wissen.

Nach dem Ende der Pandemie ist die Pandemie natürlich noch nicht zu Ende. Die Viren sind jetzt bei uns heimisch geworden; nun gilt es, Fehler & Folgen festzustellen. Staunend lese ich meine Beiträge aus dem Jahr 2020 – Hamsterkäufe (kein Toipa nirgends), Geschäftsschließungen, aberwitzige Verbote. Lesen im Park war nicht erlaubt, und man durfte sich nicht einmal auf eine Bank setzen. Die Verunsicherung war gewaltig, und so nahmen wir lammfromm allerlei aberwitzige Regeln hin. Derweil machten findige Gschaftlhuber glänzende Geschäfte mit Masken, Testzentren oder Schnelltests. Bisweilen bekam man/frau das Ergebnis, ehe überhaupt getestet wurde. Auch BioNTech oder Moderna haben in diesem unserem kapitalistisch strukturierten System mit ihren Impfstoffen satte Gewinne einstrichen. Die psychosozialen Folgen lassen sich dagegen noch nicht ermessen. Was diese gestohlenen Jahre bei Kindern und Jugendlichen auslösen werden, wird sich erst noch weisen.

Die Maske heruntergelassen hat nun endlich die Innenministerin Nancy Faeser. Seit Monaten kursierten die Gerüchte, sie wolle als Spitzenkandidatin der SPD zur Landtagswahl in Hessen antreten. Nun ist es offiziell; und sie bleibt im Wahlkampf weiter Innenministerin. Die konservative Opposition heult auf – beide Aufgaben könne sie nicht bewältigen. Dabei vergessen CDU/CSU geflissentlich, dass ihr ungeliebter Kanzlerkandidat Armin Laschet gleichzeitig Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen war. Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern. Schnell wechseln die Stimmungen, und schwups liegt Bettina Jarasch, die Spitzenkandidatin der Grünen in Berlin, auf Platz 3 der aktuellen Umfragen zur Wiederholungswahl. Vorne liegt derzeit Kai Wegener (CDU), der noch kein politisches Amt innehatte, über keinerlei Verwaltungserfahrung verfügt und sich trotzdem zutraut, in Berlin alles besser zu machen. Die noch Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey von der SPD lächelt derweil tapfer in jede Kamera und spekuliert wohl insgeheim auf ein Comeback als Bundesministerin. Während sich in Paris oder London Bürgermeister:innen für höhere Ämter empfehlen, ist es in Berlin gerade umgekehrt. Hier murkst die zweite Reihe seit Jahrzehnten vor sich hin, sehr zum Nachteil dieser tollen Stadt!

Rote Linien

© Vinzenz Lorenz M auf Pixabay

Heuer soll wieder ein großes Familientreffen stattfinden. Beim letzten Mal waren es knapp 90 Personen. Es ist gar nicht so einfach, ein passendes Quartier zu finden, das alle unsere Erwartungen & Wünsche erfüllt. Um so gespannter sind wir auf ein Gutshaus im Süden Brandenburgs, das sich natürlich Schloß nennt. Schön gelegen, ansprechende Gesellschaftsräume, Zimmer & Wohnungen für alle Bedürfnisse, mehrere Saunen. Herz, was willst du mehr. Die Schlossherrin bewirtet uns mit Kaffee und Kuchen, der Kamin knistert. Die Führung durch das Haus übernimmt der Schlossherr, ein weitgereister Mann im rustikalen Look mit roter Mütze. Golf habe man nicht spielen wollen im Ruhestand, also machte sich das Ehepaar mit viel Geschick daran, ein altes, fast leeres Herrenhaus wieder herzurichten. Möbel, Geschirr und passende Ahnenbilder gab’s im Internet, Kamine und alte Fliesen wurden auch schon mal mit einem Hänger herangeschafft. Glück hatten die beiden auch noch. Die Nähe zu Babelsberg machte das Schloß für Dreharbeiten interessant – hier wurde „Ein russischer Sommer“ mit Helen Mirren gedreht. Frohgemut machen wir uns auf den Heimweg, doch abends ist plötzlich alles anders: der Schlossherr ist für die AfD in der Kommunalpolitik aktiv gewesen.

Der Charme des Hauses ist verschwunden, das Schloss liegt hinter einer roten Linie. Das Familientreffen wird nicht an diesem Ort stattfinden. Punktum. Das würde der Kanzler, der übrigens nicht zur Familie gehört, bestimmt genauso sehen, aber Olaf Scholz hat es bekanntlich mit roten Linien von ganz anderem Kaliber zu tun. Nach einer monatelangen Merkelei steht jetzt eine Panzerkoalition; die Ukraine bekommt nun doch den Kampfpanzer Leopard. Kaum ist diese Frage geklärt, tun sich neue auf. Die Ukraine fordert Kampfjets und soll von den USA und Frankreich solche Maschinen erhalten. Bleibt der Kanzler der europäischen Führungsmacht, wie die SPD, seine Partei, nun Deutschland einschätzt, standhaft und überschreitet diese rote Linie nicht? Würde Deutschland damit Kriegspartei und müsste einen russischen Angriff befürchten? Könnte das den 3. Weltkrieg auslösen? Trägt Deutschland noch immer eine historische Schuld wegen Hitlers Überfall auf die Sowjetunion? Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee Auschwitz…

Mag man Scholz‘ Zaudern & Zögern in der Leopardenfrage noch verstehen, so bleibt seine Passivität in der Verkehrspolitik vollkommen rätselhaft. Dass unser aller Auto seine Zukunft schon hinter sich hat, dass wir auch seinetwegen unsere Klimaziele (wieder) verfehlen, begreifen außer CDU/CSU und FDP (fast) alle draußen im Lande. Trotzdem beharrt der Autoverkehrsminister von den Freien Demokraten auf seiner anachronistischen Klientelpolitik, wie die Märkische Oderzeitung in wünschenswerter Deutlichkeit kommentiert. „Es wird eng für Verkehrsminister Volker Wissing. Die Ampel-Partner verlieren die Geduld. Die Länder machen Druck. Der FDP-Minister muss schnell Lösungen präsentieren, wie der Verkehrssektor die Klimaschutzziele einhalten kann. Bisher reichen seine Maßnahmen nicht aus. Dabei gibt es durchaus kurzfristige Mittel, wie Emissionen reduziert werden können. Denen verweigert sich der Minister allerdings. Die Lösungen lauten: Dienstwagen-Besteuerung umkrempeln, Pendlerpauschale auf klimafreundliche Verkehrsmittel wie Bus, Bahn und Rad ausrichten, ein Tempolimit auf Autobahnen einführen. Dadurch ließen sich Millionen Tonnen CO2 einsparen. Anpacken wird er die Themen aber nicht. Sie würden FDP-Wähler verschrecken – und das kann sich die Partei angesichts der diesjährigen Landtagswahlen nicht leisten.“ (23.01.23) Nach uns die Sintflut.

Bestellfehler

Endloser, fast menschenleerer Strand in Graal-Müritz. © Gitti Grünkopf

Wer kennt diese Nachricht in Zeiten des Online-Handels nicht: Ihr Paket wurde bei Ihrem Nachbarn abgegeben. Ich renne runter zum Briefkasten und finde wieder keine Benachrichtigung vor. Also erneut dem Kundendienst von Amazon eine Mail geschrieben, die sofort aus England anrufen. Das Paket sei abgegeben worden, bei einem Nachbarn, dessen Name ich noch nie gehört habe. Ich poltere los: das hat doch schon beim letzten Mal nicht geklappt. Die freundliche Amazone buchstabiert mir zweimal, wer meine Sendung entgegengenommen habe. Ich summe die Melodie der Krimiserie „Der Kommissar“ und mache mich an die Ermittlungen. Ein paar Hausnummern weiter soll die Sendung angekommen sein. Tatsächlich finde ich dort im Parterre den Empfängernamen, und tatsächlich wohnt dort eine Frau, die den gleichen Nachnamen trägt wie ich. Wie konnte das nur passieren? Ich hatte die falsche Hausnummer bei der Bestellung angegeben und rufe sofort bei Amazon an, um mich zu entschuldigen.

„Menschen machen Fehler, Fehler machen Menschen“, tröstet uns der Aphoristiker Erhard Horst Bellermann. Und manchmal hat ein Fehler ja auch sein Gutes. Wir wollten am Wochenende an die See fahren und warteten mit der Buchung der Unterkunft bis zum allerletzten Moment. Wer weiß in diesen Tagen schon, ob er wirklich gesund bleibt und die Reise auch antreten kann. Schließlich hatten wir gerade erst vor einigen Wochen einen kompletten Strandurlaub bezahlt, ohne je ans Ziel gekommen zu sein. Also setzten wir diesmal auf last minute – und verloren. Aber, wie der Zufall so spielt, landet eine Mail von Travelzoo im Posteingang und bietet uns eine Unterkunft in Graal-Müritz an. Gecheckt, gebucht. Das Hotel liegt direkt hinter der Düne, zum herrlichen Ostsee-Strand sind es nur ein paar Schritte. Im Sommer muss hier der Teufel los sein, aber jetzt sind nur wenige Häuser für Gäste geöffnet. Wir genießen die langen Spaziergänge am endlosen Strand und nehmen am Ende noch ein paar Pullen der „Männerhobby Brennerei“ mit. Wir kommen wieder.

Ob Kanzler Scholz mit seinem Zaudern & Zögern Fehler macht, wird sich weisen. Sein kerniger Satz „Wer bei mir Führung bestellt, bekommt sie auch“ wird immer mehr zur hohlen Phrase. Dass wohl Christine Lambrecht selbst ihren Rücktritt vom Amt der Verteidigungsministerin an die ungeliebten Medien durchstach, passt ins Bild; ebenso die Klärung einer Nachfolge auf den letzten Drücker. Boris Pistorius, der neue Mann (!) im Amt und zuvor 10 Jahre niedersächsischer Innenminister, hat sich von Scholz ins kalte Wasser werfen lassen. Er muss nun den NATO-Partnern deutlich machen, dass sich Deutschland in Europa als „Führungsmacht“ versteht, wie sein Parteikollege Nils Schmid jüngst schwadronierte. „Welche unserer transatlantischen Partner“, fragte die Publizistin Stefanie Babel im Tagesspiegel, „will Deutschland denn auf Grundlage welcher Vision und mit welchen Fähigkeiten anführen.“ (12.01.23) Durch die Lieferung von Kampfpanzern wird sich diese Frage nicht erübrigen.

Zurück zur Normalität

Normal ist das nicht, wie die Italienerin Sheyen Caroli sich verbiegen kann. © OVAG-Varieté 2023

Die großen Shows sind wieder da, und das Publikum kommt zurück. Vor der Mercedes-Benz-Arena in Berlin gibt es mehrere Schlangen – alle wollen „Geheimnis der Ewigkeit“ erleben. So heißt das neue Programm von Cavalluna, der größten Pferdeshow Europas, wie die Veranstalter verkünden. Knapp 22.000 Besucher:innen wollten die vier Shows sehen – weniger als vor der Pandemie, aber doch ein guter Neustart in die Normalität. Die Nummern der Pferdeartist:innen waren teils atemberaubend, die Story hanebüchen, die Texte hölzern. Dem Spaß tat das aber keinen Abbruch, und natürlich kommen wir nach der Show mit den Kids nicht am Merchandising-Stand vorbei. Im nächsten Jahr geht‘s weiter. 2024 will uns Cavalluna ins „Land der Träume“ mitnehmen…

Nach der Show ist vor der Show. Nach drei Jahren Pause gibt es endlich wieder das spektakuläre OVAG-Varieté in Bad Nauheim, und natürlich kann man sich auf der Homepage schon auf das Programm 2024 freuen. Logistisch ist das für die Veranstalter eine besondere Herausforderung; galt es doch, die nicht zurückgegebenen Tickets der Jahre 2021 und 2022 zu berücksichtigen. Das Programm beginnt poetisch-spektakulär mit den Catwall Acrobats aus Kanada, die auf meterhohen Schwingen sanft über die Bühne gleiten. Wieder ist es Andreas Matlé, dem Spiritus rector des OVAG-Varieté, und seiner Mitarbeiterin Anne Laumann gelungen, eine erstklassige Show zusammenzustellen, die immer wieder mit Überraschungen wie Magus Utopia (sie bringen einen Albtraum auf die Bühne) oder der mongolischen Troupe Khadgaa mit ihren unglaublichen menschlichen Pyramiden begeistert. Varieté-trunken verlassen wir nach 23h das Dolce-Theater und sind noch gar nicht in der Lage, die vielen Eindrücke wieder auseinanderzuhalten.

Im nächsten Jahr feiert das OVAG-Varieté seinen 20. Geburtstag, dann dürfte die Maskenpflicht in Deutschland – bis auf Krankenhäuser, Alten- und Pflegeheime vielleicht – Geschichte sein; Corona wird endemisch und zu unserem Leben gehören wie die Grippe in der dunklen Jahreszeit. Masken habe ich in den beiden Shows nur eine Handvoll gezählt; gegen meine Absicht ließ auch ich den Mund-Nasen-Schutz stecken – und liege damit im Trend. Die Maskenpflicht im ÖPNV endet nun auch in den letzten Bundesländern am 2. Februar. Und ab diesem Tag darf man/frau dann ebenfalls im Fernverkehr der Deutschen Bahn wieder ohne reisen. Ende gut, alles? Die Folgen der Pandemie lassen sich derzeit noch gar nicht abschätzen.

Fehlstart

Mit Angriffen auf Einsatzkräfte begann das Jahr 2023 in Deutschland. © Peggy und Marco Lachmann-Anke / Pixabay

Natürlich wollten wir 2023 gebührend begrüßen, doch am letzten Tag des alten Jahres waren in drei Läden die Wunderkerzen ausverkauft. Pech hatte ich auch mit meinem Vorhaben, noch ein letztes Telegramm aufzugeben. Die Deutsche Post hatte diesen kostspieligen Service für Anachronisten schon eingestellt. Dafür konnte ich wenigstens noch bei atmosfair unsere Flüge nach Indien kompensieren. Verbraucht hat jeder von uns 5.367 kg CO₂. Das klimaverträgliche Jahresbudget eines Menschen beträgt 1.500 kg, die Pro-Kopf-Emission in Äthiopien 560 kg. Mit dem Kompensationsbetrag von knapp 250 Euro werden Klimaschutzprojekte unterstützt, und wir tun etwas für unser notorisch schlechtes Klimagewissen. Zumindest haben wir nicht die immense Feinstaub-Belastung an Silvester erhöht. Das wäre neben den Ausschreitungen in dieser Nacht ein Grund, die Böllerei – wie in den beiden letzen Jahren – für immer zu verbieten.

Neben den Krawallen sorgte ein kurzes Video der Bundesverteidigungsministerin auf Instagram für erhebliche Irritation. Nicht nur die Tageszeitung, mit der ich groß wurde, ist fassungslos. „Da steht Christine Lambrecht in der Silvesternacht an einer Straße in Berlin und sagt in den Lärm von Böllern und Raketen hinein die Sätze: ‚Mitten in Europa tobt ein Krieg. Damit verbunden waren für mich ganz viele besondere Eindrücke, die ich gewinnen konnte. Viele, viele Begegnungen mit interessanten, mit tollen Menschen‘. Lambrechts Silvestervideo ist an Peinlichkeit kaum zu überbieten. Mit ihrem publizistischen Blackout hat die Sozialdemokratin ihr Amt und das Land, das sie vertritt, der Lächerlichkeit preisgegeben. Wird sie das politisch überleben?“ (Mainzer Allgemeine Zeitung, 03.01.23) You are never private! Zumindest das sollte einer „Quotenfrau“ (Lambrecht über Lambrecht) in jeder Situation bewusst sein.

Ob der Kanzler seine Verteidigungsministerin entlässt, steht dahin. Der vergessliche Olaf Scholz hat genug andere Probleme, um jetzt schon ein Revirement in seinem Kabinett vorzunehmen, mit dessen Arbeit dem aktuellen ARD- DeutschlandTrend zu Folge nur noch ein Drittel der Deutschen zufrieden ist. Hartnäckig halten sich Gerüchte, dass die Innenministerin Nancy Faeser demnächst ihr Amt aufgibt, um als Spitzenkandidatin der SPD bei der hessischen Landtagswahl im Herbst anzutreten. Ihr würde Christine Lambrecht folgen. Um die Quotenarithmetik der Regierung zu erhalten, müsste Scholz dann wieder eine Frau finden, die das ungeliebte Amt im Verteidigungsministerium übernimmt. Ganz andere Probleme hat dagegen Amerika, wie die Wahl eines neuen Speakers des Repräsentantenhaus auf abschreckend Weise zeigt. 1855 brauchte es 133 Wahlgänge! Sechs Jahre später begann der Bürgerkrieg.

Alles hat seine Zeit

© Gerd Altmann / pixabay

Die Letzten werden die Letzten bleiben. Mit einer Pünktlichkeitsquote von 63 % nimmt die Deutsche Bahn in diesem Jahr im europäischen Vergleich den letzten Platz ein, den sie 2023 bestimmt halten wird. Es gibt einen gewaltigen Sanierungsstau im Netz, es fehlt an Loks und Waggons. Jede Reise ist immer ein Abenteuer – man weiß nie, was passiert. Fest steht nur die Maskenpflicht in allen Fernzügen, die dort bekanntlich erst im Sommer 2020 nach langen Diskussionen eingeführt wurde. Wie lange diese Maskenbastion hält, wird sich weisen, da selbst Christian Drosten, Deutschlands bekanntester Virologe, das Ende der Corona-Pandemie hierzulande kommen sieht. Nun soll alles ganz schnell gehen; wieder gibt es das übliche föderale Durcheinander. In einigen Bundesländern ist die Maskenpflicht im ÖPNV schon abgeschafft, andere handeln angesichts eines extrem hohen Krankenstands und einer damit einhergehenden Überlastung des Gesundheitssystems vorsichtiger.

Personifiziert werden die Positionen durch den ewigen Mahner & Warner Karl Lauterbach (SPD) und Justizminister Marco Buschmann von der FDP, der forsch die Aufhebung aller Beschränkungen fordert, nicht zuletzt, um die schlechten Quoten der Liberalen aufzubessern. Dass die Kehrtwende der chinesischen Corona-Politik Folgen für Europa haben könnte, sei einmal hintangestellt. Ein klares Wort vom Zauderkanzler wäre angebracht, wie der Weser-Kurier aus Bremen mit deutlichen Worten anmahnt: „Da drängt sich die Frage auf: Was macht Olaf Scholz (SPD) eigentlich beruflich? Der Kanzler täte gut daran, für die auslaufenden Schutzmaßnahmen eine klare Linie vorzugeben. Ja, über die Maskenpflicht im ÖPNV und über die Isolationsregeln entscheiden die Länder selbst. Dennoch sollte es der mächtigste Mann in Deutschland nicht den Landesfürsten überlassen, die Pandemie für beendet zu erklären.“ (28.12.2022)

Oder verdrängt Olaf Scholz, wie wichtig es gerade in Krisenzeiten ist, als Kanzler klare Kante zu zeigen. Allenthalben höre ich, dass viele Menschen den endlos schlechten Nachrichten nicht gewachsen sind – und bewusst abschalten. In einer Weihnachtspost, die wir immer noch zum Glück (!) im Briefkasten finden, wurde diese Strategie trefflich auf den Punkt gebracht. Frohe Weihnachten seien in diesem Jahr eigentlich nur möglich, „wenn wir keine Nachrichten aufnehmen und verdrängen, was wir wissen.“ Zum guten Schluss noch eine bedauerliche Info für Nostalgiker analoger Zeiten. Die Deutsche Post stellt morgen ihren Telegrammdienst ein, weil dieser Service kaum mehr gefragt ist. Natürlich sind digitale Nachrichten schneller und viel billiger, aber Telegramme waren immer etwas Besonderes. Eines werde ich bestimmt noch schreiben…

Ausgepowert

Pumas gelten als sehr beweglich und kräftig. © Ulises Flores/ pixabay

Sind wir nicht alle ein bisschen Bundeswehr? Wir pfeifen auf dem letzten Loch. Die immer neuen Krisen haben bei vielen Menschen Spuren hinterlassen: Corona, der Ukrainekrieg, Rohstoffmangel, Inflation. Die Sorge um die Zukunft steht vielen ins Gesicht geschrieben, der Krankenstand in Deutschland ist so hoch wie nie zuvor. Viele Post-Covid-Patienten, die sich noch Monate nach der akuten Infektion mit den Folgen herumschlagen müssen, sind dabei sicherlich gar nicht erfasst. Auf der Gass‘ treffe ich einen glühenden Fan der Frankfurter Eintracht. Er hat sich beim Finale der Europa League im Mai angesteckt und klagt über Schmerzen in der Brust und Rhythmusstörungen. Die Zahl der Krankheitstage wegen psychischer Überlastung stieg im letzten Jahr in Deutschland auf 126 Millionen Arbeitstage. Ein neuer Rekord.

Als Politiker:in braucht man in Zeiten wie diesen ein extrem dickes Fell und eine robuste Gesundheit, das gilt insbesondere für die Verteidigungsministerin Christine Lambrecht, die sich mit dem strukturellen Chaos bei der Bundeswehr herumschlagen muss. Bei einer Übung fielen bekanntlich alle 18 Pumas aus, die als teuerste Schützenpanzer der Welt gelten, weil sie aberwitzige Anforderungen erfüllen sollten. „Die Überfrachtung des Puma mit tausend speziellen Anforderungen wurde weder vom Ministerium noch von der Industrie rechtzeitig thematisiert und gestoppt.“ Darauf hat Hans-Peter Bartels, der ehemalige Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, im „Tagesspiegel“ (20.12.2022) hingewiesen. „Die Feinstaubwerte im hinteren Teil (sollten) so niedrig sein, dass sich auch Schwangere dort aufhalten können.“ Geht’s noch! Das ist bundesrepublikanische Realsatire der bittersten Sorte.

Sollte es hierzulande einmal einen Verteidigungsfall geben, wären wir ohne die NATO und vor allem ohne die Amerikaner aufgeschmissen. Das weiß auch ein wahrer Puma wie Wolodymyr Selenskyj. Der ukrainische Präsident ist sich darüber im Klaren, auf wen er sich (noch) verlassen kann und besuchte in einer spektakulären Aktion den amerikanischen Präsidenten Joe Biden. Mit der Übernahme der Mehrheit im Repräsentantenhaus durch die Republikaner am 3. Januar verschieben sich die Machtverhältnisse in den Vereinigten Staaten. Das könnte Auswirkungen auf die Unterstützung der Ukraine haben, wenn „America First“ wieder die Oberhand bekommt. Ohne die amerikanische Hilfe hätte die ukrainische Bevölkerung niemals dem russischen Angriffskrieg seit dem 24. Februar widerstehen können. Weihnachten ist auch ein Fest der Hoffnung!