The Good Times

Standing Ovations für Dee Dee Bridgewater und das NYO unter Sean Jones im Berliner Konzerthaus. © MUTESOUVENIR I Kai Bienert

Am Ende sind alle happy. Im Rahmen des Festivals ”Young Euro Classic” spielt das NYO, das National Youth Orchestra Jazz aus den USA, im ausverkauften Berliner Konzerthaus ein begeisterndes Konzert. Die jungen Musiker:innen überzeugen im Ensemble und mit feinen Soli. Nach der Pause können wir den lässigen Bandleader Sean Jones noch als Trompeter erleben; die Ansagen übernimmt nun die fabelhafte Sängerin Dee Dee Bridgewater. Sie beginnt mit ”Afro Blue” – so heißt übrigens ihr Debütalbum von 1974 – und beendet das Konzert mit “Let the good times roll” von Ray Charles. Referenzen erweisen die Musiker:innen zuvor noch Duke Ellington, Dizzy Gillespie, Louis Armstrong und Ella Fitzgerald, um nur einige Namen zu nennen. Dee Dee singt wie Louis und scatet wie Ella, Grenzen scheint es für das 73jährige Stimmwunder nicht zu geben. 

Standing Ovations der Silverager, die sich in bester Stimmung auf den Heimweg machen – ”let the good times roll”. Es braucht Momente wie diese, time out angesichts der vielen Krisen dieser Zeit. Dabei verweist schon die erste Strophe des Songs auf das Problem unserer Zivilisation – wir leben munter drauf los, als ob es kein Morgen gäbe. “Hey everybody / Let’s have some fun / You only live but once / And when you’re dead you’re done.” Nach mir die Sintflut im übertragenen und wörtlichen Sinne, wenn man an die immer häufiger auftretenden Naturkatastrophen denkt. Letzte Woche war der Weltüberlastungstag. Bei unserem Verbrauch an Ressourcen benötigte Deutschland drei Welten, die Amerikaner sogar fünf! 

An die vorgeblich gute alte Zeit knüpft ein Film an, der nicht nur in diesem Sommer alle Rekorde bricht: ”Barbie” von Greta Gerwig. Wir erleben diesen grandios gemachten Film, der raffiniert mit Stil- und Zeitelementen jongliert, in den bequemen Sesseln der Astor Lounge. Mehr als 1 Milliarde US-Dollar hat der Film schon eingespielt, den man als Empowerment der Frauen und als cleveren Coup des Barbie-Herstellers Mattel sehen kann. Dass die einfältigen Manager sich wie Ken & seine Kumpel gebärden, ist so lustig wie unwahr. Noch haben die (alten weißen) Männer die Fäden in der Hand. Aber die Barbies kommen – hoffentlich nicht bloß als rosa Anziehpüppchen. Der Film mit Margot Robbie und Ryan Gosling in den Hauptrollen wird durchaus kontrovers rezipiert. Gut so. 

Aus für Deutschland

The Art of Banksy „Without Limits“ ist in Frankfurt noch bis zum 15.Oktober zu sehen. © Rolf Hiller

Vor einiger Zeit bin ich wieder auf meinen alten Aktenkoffer aufmerksam geworden. Allerdings war mir die Zahlenkombination entfallen, und so nahm ich das Angebot von Koffer Klein am Frankfurter Rossmarkt gerne an und brachte meine Blackbox dorthin. Da ich schon einmal in der City war, radelte ich weiter zur Hauptwache, wo im zweiten Stock eines alten Modekaufhauses die von FRIZZ Das Magazin präsentierte Ausstellung von Banksy gezeigt wird. Am frühen Nachmittag ist die Show bei trübem, regnerischem Wetter erstaunlich gut besucht. Banksy ist ein Phantom. Bis auf eine verschworene Gemeinschaft weiß niemand, wer sich hinter dem Streetart-Künstler aus Bristol verbirgt. Mit spektakulären Aktionen verblüfft er die Kunstwelt immer wieder, etwa indem er unbemerkt eine Felsmalerei ins British Museum schmuggelte. Solche Aktionen begeistern die Kunstwelt genauso wie jene Schredder-Aktion bei Sotheby’s, bei der ein eben ersteigertes Bild sich selbst zerstören sollte. 

Banksy ist der Robin Hood der Kunstszene, mit dem sich (fast) alle identifizieren können, mit dem sich glänzend Geld verdienen lässt; dabei macht der Künstler selbst seinen Schnitt. Als ich mir in der Multi-Media-Show das Mädchen anschaute, das langsam nach unten fliegt, war für die deutschen Mädels bei der WM noch alles drin. Plötzlich erscheint mir das Bild als Allegorie für Deutschland im Sommer 2023. Probleme, wohin man schaut. Zumindest mein Problem konnte die Dame bei Koffer Klein beheben – mit ihren routinierten Händen erspürte sie die Kombination meines Aktenkoffers. Nie wäre ich auf diese sechs Ziffern gekommen, die ich doch vor bald zwanzig Jahren mit Bedacht gewählt hatte. In meiner Black Box fand ich zwei FRIZZ-Ausgaben (noch mit dem alten Logo) von 2012, einen Programmzettel des Mousonturms, ein paar Unterlagen. Was mache ich jetzt mit dem Koffer, mit dem ich jahrelang in den Verlag gefahren bin und dabei auf einem Sony Discman CD’s hörte? Die Zahlenkombination werde ich bestimmt nie mehr vergessen. 

Nach den Männern, der U21 sind nun also auch die deutschen Frauen bei einem großen Turnier spektakulär gescheitert. Immer wieder haben Soziologen, etwa Norbert Seitz, über die erstaunliche Vermittlung von Fußball, Politik und Gesellschaft räsoniert. Nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds muss Deutschland als einzige der größten Volkswirtschaften der Welt mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung in diesem Jahr rechnen, im aktuellen ARD-DeutschlandTrend kommt die AfD auf 21%. Sollten die Rechtspopulisten im nächsten Jahr bei der Europawahl gut abschneiden und bei den drei Landtagswahlen in Brandenburg, Thüringen und Sachsen gar stärkste Partei werden, dürfte das für Deutschland massive Konsequenzen haben. Der Wirtschaftsstandort verliert dann an Attraktivität und die besten Köpfe haben Besseres zu tun, als sich in einem Land mit zunehmender Ausländerfeindlichkeit, überbordender Bürokratie und einer schwer zu erlernenden Sprache anzusiedeln. AfD lässt sich auch als Aus für Deutschland lesen. Zurück geht’s nie nach vorne.  

Ab ins All

Unsere Erde im Zeiss-Großplanetarium. Die beiden roten Punkte rechts stammen vom Laser-Pointer. © Rolf Hiller

Löwenjagd aufs Wildschwein war letzte Woche. Jetzt beherrschen Brände und eine nie dagewesene Hitzewelle in Südeuropa die Schlagzeilen, im holländischen Wattenmeer brennt ein Autofrachter, das Militär hat sich im Niger an die Macht geputscht. Dabei rutscht die Rezessionsgefahr in Deutschland in den Hintergrund; ebenso wie Meldungen immer neuer Angriffe Russlands auf die Ukraine. Wie viele Krisen können wir verkraften. Es gibt Menschen, die nur noch einmal am Tag Nachrichten hören – oder sich für eine Stunde ins Weltall beamen. “Falls es regnet”, erzählt die Schauspielerin Katharina Schüttler, “gehe ich ins Planetarium in der Prenzlauer Allee und schaue mir das Weltall an. Das beruhigt ungemein.” (Tagesspiegel/Ticket, 27.07.23) Im Laufschritt erreichen wir das Zeiss-Großplanetarium in Berlin und schon beginnt eine eindrucksvolle Bilderreise. Der launige Moderator lässt die Sonne untergehen, wir cruisen durch das Weltall und vergessen Raum & Zeit. 

Die neue Causa Merz verliert in Lichtgeschwindigkeit ihre Bedeutung. Bekanntlich hatte der (noch) starke Mann der CDU im ZDF-Sommerinterview eine Kooperation seiner Partei mit der AfD auf kommunaler Ebene nicht mehr ausgeschlossen. Merz, der mit seinem Programm “Alternativen für Deutschland” befremdet, Die Grünen als politischen Haupt-Gegner ausgemacht und sich abfällig über die gemeinsame Regierung dieser Partei mit der CDU in NRW geäußert hat, scheint die Kontrolle über sich und seine Kommunikation verloren zu haben. „Merz redet sich und seine CDU noch um Kopf und Kragen“, bilanziert die Nürnberger Zeitung. „Er muss einfach bei solchen Gelegenheiten sowohl glasklar sein als auch sachlich differenzieren. Das kann deshalb nicht heißen, mal eben eine Phrase rauszuhauen, die AfD-Demagogie bedient, und hinterher zurückzurudern. Damit lässt er selbst wohlwollende Wähler ratlos zurück.” Wird Friedrich Merz Kanzlerkandidat der CDU/CSU bei der Bundestagswahl 2025? Ich halte dagegen. 

Am Tag vor der Reise ins All wollten wir uns “Oppenheimer” von Christopher Nolan nicht entgehen lassen. Selbst in der Nachmittagsvorstellung um 16 Uhr waren alle guten Plätze im Zoo Palast ausverkauft; ein überwiegend junges Publikum wollte sich das opulent inszenierte Biopic über Leben & Scheitern des genialen Physikers Robert Oppenheimer nicht entgehen lassen. Mit Popcorn & more dürfte das Kino an diesem Tag mehr Geld verdient haben als mit den Tix. Erst nach dem Abwurf der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki kommen Oppenheimer Zweifel an seiner Arbeit. Da ist der Freidenker schon längst in den Fokus der Kommunistenjäger in der McCarthy-Ära geraten. Die Entwicklung der nuklearen Waffen hätte er sicherlich nicht aufgehalten, aber er hätte nicht mitmachen müssen. Heute verfügt sogar Nordkorea über Wasserstoffbomben. “Durch Zündung einer Wasserstoffbombe über der Arktis würde die polare Eiskappe schmelzen und eine riesige Welle freisetzen, die zahlreiche Länder überfluten würde. Auch ließe sich durch die Detonation mehrerer Wasserstoffbomben vor der kalifornischen Küste eine Tsunami-Welle auslösen, die den Westen der USA bis zu den Rocky Mountains überschwemmen würde (Quellen: Chemglobe; Gerhard Piper).” https://www.atomwaffena-z.info/start Für die Erde eine unvorstellbare Katastrophe, kosmisch gesehen eine Randnotiz. Permanent entstehen und vergehen Planeten und Sterne. 

Ein weites Feld

Der Tower des Flughafens Tempelhof lädt zur Besichtigung ein. © Rolf Hiller

Mit dem Fahrrad zum Flughafen – das war bis 2008 in Berlin überhaupt kein Problem. So lange war der City-Airport Tempelhof noch in Betrieb. Maschinen der Luftfahrtgesellschaft meines Onkels, der LGW, starteten und landeten dort bis 2007. Eine Klage gegen die Schließung des Flughafens Tempelhof, ohne den die Luftbrücke der Alliierten zur Versorgung der Berliner Bevölkerung 1948-1949 nicht möglich gewesen wäre, hatte keinen Erfolg. Inzwischen wurde auch Tegel geschlossen, und der Pannenflughafen BER ist am Netz. Ein paar Interessierte treffen wir an diesem kühlen Sommertag im frisch renovierten Gebäudeteil des riesigen Komplexes, auf dessen Dachterrasse man den alten Tower besichtigen kann. Der Blick über das weite Tempelhofer Feld verknüpft die Zeiten; verlassen steht noch ein sog. Rosinenbomber vor dem Hangar.  

© Entwurf THF, Stefan Braunfels

In einer Ausstellung im Stockwerk darunter erfährt man einiges über das städtebauliche Dilemma dieses historischen Ortes. Erbittert wurde um eine Randbebauung gestritten, die schließlich per Volksabstimmung verhindert wurde. Phantastisch die Idee, dort einen Berg zu errichten, pragmatischer der Vorschlag, das Feld in einen Wald zu verwandeln und mit Hochhäusern zu säumen. Diese Idee sollte unbedingt wieder aufgenommen werden. Wohnraum ist knapper denn je, und eine Metropole kann sich eine weitgehend ungenutzte Freifläche in zentraler Lage nicht leisten. Nichts bleibt, wie es ist. Das Tempelhofer Feld ist so wenig eine heilige Kuh wie die riesigen Schrebergartenanlagen in der Stadt. Beide Themen sind ganz heiße Eisen, an denen sich die Parteien der Mitte nicht die Finger verbrennen wollen; es könnte Wählerstimmen kosten. Mit den Laubenpiepern will sich die Politik ebenso wenig anlegen wie mit den urbanen Eliten.  

Im Moment interessieren sich aber (fast) alle nur für eine Löwin, die irgendwo im Berliner Süden unterwegs sein soll. Das Tier sei in Kleinmachnow entlaufen, werde aber bisher von niemandem (!) vermisst. Ein Autofahrer hat die Löwin nachts gefilmt und einen polizeilichen Großeinsatz ausgelöst. Die Bewohner:innen sind aufgefordert, möglichst zu Hause zu bleiben und keinesfalls in den Wald zu gehen. Eine meinte abgeklärt im rbb24Inforadio, nach dem (angeblichen) Verzehr eines Wildschweins dürfte die Löwin erst einmal gesättigt sein. Das Thema beschäftigt inzwischen auch die überregionalen Medien und ist erst recht ein gefundenes Fressen in den Sozialen Medien; 38.500 mehr oder minder launige Tweets finden sich bei Twitter. Wir halten übrigens auch eine Löwin. Sie ist vollkommen harmlos, bewacht auf einem Sims unseren Sekretär, misst keine 6 cm in der Höhe und überlebt ohne Essen & Trinken. Das Tier hört auf den Namen Schleich und muss behördlich nicht registriert werden.  

P.S. Kurz nach Veröffentlichung des Blogs stellte die Polizei die Suche nach der Löwin, die kein Wildschwein verschlang sondern selber eins ist, ein. Irren ist menschlich!

Licht und Schatten

Welcome back: das Cosima zeigt wieder Filme. © Rolf Hiller

Seit Corona war das Kiez-Kino in Berlin-Friedenau geschlossen. Über ein Jahr lang wurde auf der Anzeigetafel versprochen: “Es geht bald wieder los”.  Nun ist das kleine Lichtspielhaus aus dem Jahr 1942 nach einer Renovierung und mit einem neuen Betreiber tatsächlich wieder geöffnet. Wir lieben diese alten Kinos, die nicht zu einer Kette gehören und deren Programm oft mit viel Herzblut gemacht wird. Kino ist dort noch ein Gemeinschaftserlebnis. Nach dem Vorprogramm und der Werbung geht der Vorhang zu, um sich sogleich wieder für den Hauptfilm zu öffnen – in einem richtigen Kino, nicht auf dem Smartphone. Zum Glück gibt es für diese Filmkultur noch immer genug Interessent:innen. Diese Zielgruppe hat auch das größte Publikumsfestival der Welt im Blick – die Reihe heißt “Berlinale goes Kiez”. 

Ob sie weiterläuft im nächsten Jahr, steht dahin – der Bund wird die Zuschüsse für die Berlinale im nächsten Jahr drastisch kürzen. Konnte das Festival im Jahr 2019 noch um die 400 Filme zeigen, wird das Geld im nächsten Jahr nur noch für 200 reichen. Einige Reihen werden ganz eingestampft, der Wettbewerb und sein ambitioniertes Pendant Encounters sollen aber ungerupft davonkommen. Dabei müsste es unabhängig von der Quantität endlich darum gehen, den Wettbewerb qualitativ zu verdichten. Es steht dem Festival nicht gut zu Gesicht, sich mit der Auswahl der zu vielen schwachen Filme zu blamieren. 2024 wird das letzte Jahr des Führungsduos Mariette Rissenbeek (Geschäftsführerin) und Carlo Chatrian (künstlerischer Leiter) sein. Sie leiten die Berlinale seit 2020, und ihre Amtszeit wurde vor allem durch Corona geprägt. Die Holländerin steht für einen neuen Vertrag nicht mehr zur Verfügung. 

Während wir trotz des Unwetters vor vierzehn Tagen bis jetzt einen relativ normalen deutschen Sommer erleben, erinnern heute viele Medien an die Flutkatastrophe im Ahrtal, die am 14. Juli 2021 begann. Der Wiederaufbau ist noch längst nicht abgeschlossen, der Lerneffekt gering. Viele Häuser werden genau dort wieder aufgebaut, wo sie vorher gestanden haben; die Landwirtschaft macht auf den Höhen so weiter wir vor der Katastrophe. Wir sind da keine Ausnahme. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe empfiehlt einen Vorrat an Essen und Trinken für 10 Tage. Doch wir betreiben weiter keine Vorratshaltung – bis zur nächsten Katastrophe. In Sizilien werden in den nächsten Tagen 48 Grad erwartet, in ganz Südeuropa wird das Wasser immer knapper. Dafür prophezeit die Wettervorhersage für Sylt Regen, Wind und Temperaturen um 17 Grad. Ist das ein Trost? 

Stadt Land See

Spektakuläre Performance am Müggelsee: „Kranetude“ von Florentina Holzinger © Rolf Hiller

In der Berliner Volksbühne haben wir die österreichische Choreografin und Performance-Künstlerin Florentina Holzinger verpasst, die derzeit bei Kritik & Publikum ganz hoch im Kurs ist. Ratzfatz waren die Tics für ihr neues Stück ”Kranetude – A musical composition for a crane, 4 drummers und 8 bodies on water” im Seebad Friedrichshagen ausverkauft. Bis 17 Uhr stand die Aufführung am zweiten und letzten Tag auf der Kippe – wegen des regnerischen Wetters. Mit einiger Verspätung gehen die nackten Frauen an ihre Schlagzeuge, infernalische Trommelschläge hallen über den Müggelsee, eine Dirigentin – auch sie nackt wie alle bei Holzinger – irrlichtert durch die Szene, am Kran streifen sich Perfomerinnen ihre Taucheranzüge über. Mit bloßem Auge können wir das Geschehen ganz gut sehen; das Opernglas haben wir wieder einmal vergessen. Der Kran zieht 8 (nun natürlich) nackte Nixen an einem runden Gestell aus dem Wasser, die dann bei knapp zwanzig Grad allerlei Formationen bilden – mich fröstelt es schon beim Zuschauen. 

Das sind spektakuläre, womöglich unvergessliche Bilder. Später cruisen zwei Performerinnen auf Flyboards über den See. Das Publikum ist genauso beeindruckt wie das Feuilleton, das uns tiefschürfende Fragen nachliefert. “Und wer sind diese riesigen weiblichen Wesen”, rätselt die TAZ (03.07.23), “die sich wie auf langen Wasserbeinen aus weiter Ferne langsam dem Strand nähern? Meeresgöttinnen? Amazonen? Außerirdische? Oder doch nur Frauen auf Flyboards?” Diese Vieldeutigkeit der Perfomances von Florentina Holzinger macht ihre Arbeiten derzeit zum Erfolg; jede:r kann darin etwas anderes sehen. Wer auf sich hält in der Berliner Kulturszene, muss ihr Erfolgsstück ”Ophelia’s Got Talent” an der Volksbühne erlebt haben. Im Herbst steht das Werk wieder auf dem Programm. 

„Stiller Protest“ am Schwarzen See. © Karl Grünkopf

Der Kontrast zwischen der hippen Performance am Müggelsee und einem ”stillen Protest” am Schwarzen See in Flecken Zechlin (Brandenburg) könnte nicht größer sein. Ich frage den Mann auf dem Grundstück, ob das von ihm sei und ich fotografieren dürfe. ”Dafür habe ich es ja gemacht.” Er dürfte Ende 60 sein, wählt bestimmt AfD, kommt nicht mit Parolen daher und wirkt eher ratlos. ”Der Russe lässt sich von den Amerikanern und der NATO nicht einschränken”, meint er und rechtfertigt so den Angriffskrieg auf die Ukraine. Das russische Narrativ von der unrechtmäßigen NATO-Osterweiterung in den 90er Jahren findet in Ostdeutschland breite Zustimmung und treibt der AfD die Wähler:innen in Scharen zu. Die Zukunft sieht er düster. Weil die Atomkraft hierzulande nicht mehr genutzt wird, müsse er wohl mit Holz heizen. Was tun? Wir müssen wieder lernen zuzuhören und versuchen, die anderen zu verstehen. Das gilt ganz besonders für die Pannen- Ampel, deren Performance schlechter denn je ist. “Das Fortschrittsprojekt namens Ampel hat es jedenfalls geschafft, einen neuen Tiefpunkt in Sachen politischer Kultur auszuloten. Der Gute-Laune-Kanzler Olaf Scholz wird aber auch das mit seinen gewohnt nichtssagenden Worten wegzumoderieren wissen.” (Cicero, 07.07.23)  

Change is coming

Die alten Doppelfenster konnten dem Schlagregen nicht mehr standhalten. © Rolf Hiller

Dräuend schwül ist es an diesem Tag. Später wird es immer dunkler, es beginnt zu regnen, immer stärker wird der Regen. Gut so, denke ich mir. Es war in den letzten Wochen viel zu trocken. Wind kommt auf und peitscht den Regen gegen die Fenster. Gebannt schaue ich erst einmal zu. Dann bemerke ich, dass sich das Wasser zwischen den Doppelfenstern sammelt. In einem Zimmer dringt es sogar durch die Fensterrahmen – im Nu bildet sich eine Lache auf dem Boden. Im Nachbarzimmer ist die Lage nicht so schlimm, aber ich muss auch dort die Fensterbänke trocknen. Zum Glück dauert der Schlagregen, den ich so noch nie in unserer Wohnung erlebt habe, nicht lange. Das Ungemach in den anderen Zimmern, die dem Sturmregen ausgesetzt waren, hält sich in Grenzen. 

Erst abends bemerken wir Wasserflecken an der Decke. Wahrscheinlich drang über den Balkon im dritten Stock Wasser ein, das sich seinen Weg über den zweiten nach unten suchte. Naturereignisse wie dieser Starkregen zeigen dem Menschen immer wieder seine Grenzen auf. Natürlich wäre es vermessen, jedes Extremwetter unmittelbar auf den Klimawandel zurückzuführen; aber wir müssen akzeptieren, dass der Einsatz fossiler Energien Folgen hat, die nun in zunehmender Geschwindigkeit deutlich werden. Leugnen gilt nicht! Am Tag vor dem Unwetter hatte ich mir einen Satz von Greta Thunberg notiert: “Change is coming whether you like it or not.” Dem hätte der italienische Schriftsteller Giuseppe Tomasi di Lampedusa (“Der Leopard”) wohl kaum widersprochen, obwohl sich seine Einsicht einer ganz anderen Zeit verdankt: “Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, dass sich alles verändert.” Ihn zitierte übrigens der kluge CDU-Politiker Wolfgang Schäuble kürzlich in einem Interview.

Nimmt man die AfD einmal aus – die Rechtspopulisten liegen im aktuellen ARD-DeutschlandTrend hinter der CDU/CSU auf dem zweiten Platz -, dann sind sich alle Parteien “irgendwie” einig, dass der Klimaschutz mehr Beachtung verdient. Die endlosen, interessegeleiten Querelen um das Gebäudeenergiegesetz (GEG) zeigen, wie unendlich schwer es ist, vernünftige Politik zu machen. Schon schielen Söder Markus & Co. auf die bayerischen Landtagwahlen am 8. Oktober; an diesem Tag wird gleichfalls in Hessen gewählt. 2024 stehen dann die Wahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen an. Anderthalb Jahre Dauerwahlkampf verheißen nichts Gutes für das (politische) Klima in deutschen Landen. Zum guten Schluss sei daher noch einmal an den Vorschlag von Ralf Dahrendorf erinnert, die Bundes- und Landtagswahlen auf einen Termin zu bündeln. Das täte zumindest dem politischen Klima gut. 

Aufgabe

Wagen geräumt. Heute kein gastronomisches Angebot. © Rolf Hiller

Regen bringt Segen. Es regnet gleichmäßig die ganze Nacht. Ich stelle mich irgendwann im Dunkeln ans Fenster, schaue zu und fahre in Gedanken noch einmal meine Tour durch Deutschland. Montag war ich in unserem Kasseler Büro, konnte aber von Berlin nur über Magdeburg direkt fahren. Kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt – sie verfügt normalerweise über keinen ICE-Anschluss – müssen wir halten. Oha! Einige Mitarbeiter:innen der Deutschen Bahn steigen aus und müssen einen Wagen überprüfen. Wir erreichen den Bahnhof Kassel Wilhelmshöhe nur mit einer guten halben Stunde Verspätung. Glück gehabt. Es hätte schlimmer kommen können. Abends auf der Fahrt nach Frankfurt fügt sich eine Verspätung trefflich mit meinen Plänen. Der ICE ist fast leer, ich habe ein ganzes Abteil für mich – herrlich. Tags darauf im RE nach Zwingenberg die übliche Pendler-Demütigung. Der (zu kurze) Zug brechend voll, die Klimaanlage wieder einmal ausgefallen. 

Die Rückfahrt nach Berlin lässt sich anfangs gut an; der ICE fährt pünktlich in den Frankfurter Hauptbahnhof ein. Wir starten aber mit 20 Minuten Verspätung, der Speisewagen muss geräumt werden – in diesem Zug gibt es “heute kein gastronomisches Angebot”. Auch recht. Wir zuckeln los, müssen dann aber in Frankfurt Süd schon wieder stehen bleiben – auf der Toilette wurde geraucht. Wahrscheinlich ging irgendein Alarm an. Nach einer Stunde verlassen wir endlich Frankfurt. Vor Erfurt schreckt uns der Zugchef mit einer Durchsage auf: Weichenstörung! Ich rechne mit einer weiteren Stunde Verspätung, da kommt auch schon die frohe Kunde: das Problem ist behoben. Irgendwann hat der Zug noch eine Türstörung, und mit einer Stunde Verspätung erreichen wir unser Ziel. Vom Zugpersonal ließ sich während der ganzen Fahrt niemand blicken.

Die Deutsche Bahn ist abgerockt. Der Staatskonzern wurde jahrzehntelang auf Effizienz getrimmt, die Instandhaltung des Netzes und des Materials zugunsten eines höheren Profits vernachlässigt. Das rächt sich nun und wird sich so schnell nicht korrigieren lassen. Der für das Netz zuständige Vorstand der Deutschen Bahn, Berthold Huber, rechnet jedenfalls für die kommenden Monate mit starken Beeinträchtigungen für die Fahrgäste. Das verheißt nichts Gutes, zudem nun auch noch die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) mit unbefristeten Streiks in der Urlaubszeit droht. Und im Herbst stehen die Tarifverhandlungen mit der streiklustigen GDL (Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer) an. Einen konstruktiven Vorschlag bietet die FAZ an: “Statt auf Rücksichtnahme der Gewerkschaften zu hoffen, sollte die Ampel endlich gesetzlich sicherstellen, dass bei Streik künftig wenigstens eine mobile Grundversorgung auf der Schiene gewährleistet ist.” (23.06.23) Gute Reise! 

Nichts bleibt, wie es ist

Durch den angeschwemmten Sand aus der Ostsee wird der Neubessin immer größer. © Karl Grünkopf

Wenn ich früher in den Urlaub gefahren bin, war ich weg. Irgendwann meldete ich mich bei den Eltern per Telefon, die Freunde bekamen Postkarten. Oft stand das genaue Ziel nicht einmal fest – irgendwo in der Toskana oder in Griechenland. Mit dem Beginn der Reise hörte die Arbeit auf, dann und wann meldete ich mich per Telefon im Büro oder bekam auch mal ein Fax. Der Job war ganz weit weg, und das war auch gut so. In unseren smarten Zeiten ist fast niemand mehr richtig verreist. Ständig sind wir auf dem letzten Stand, viele können nicht einmal beim Essen ihr Handy weglegen. Man isst & schweigt zusammen und starrt auf den Bildschirm. Stets wird der digitalen Kommunikation mehr Bedeutung beigemessen als der realen – ich hasse das! Längst ist bekannt, dass ständige Verfügbarkeit Stress bedeutet; allein, jede:r muss für sich das richtige Maß finden.

Es ist gar nicht so einfach, das Handy „nur“ zum Fotografieren mitzunehmen und nicht schnell einmal zu gucken, ob es neue Nachrichten gibt. Bei unserem traditionellen Spaziergang auf den Altbessin hatte ich meinen Alleskönner ganz bewusst mitgenommen, denn ich wollte die riesige Sandbank fotografieren, die sich zwischen Hiddensee und Rügen immer weiter vergrößert. So hatten wir den Neubessin noch nie gesehen; betreten darf man das Naturschutzgebiet natürlich nicht. Wir hatten den Eindruck, das Eiland sei seit dem letzten Besuch sehr viel größer geworden; aber dem ist wohl nicht so, wie uns eine Mitarbeiterin im Nationalparkhaus Hiddensee versichert. Der Blick auf diesen Wandel der Natur ist atemberaubend, zwei Halbinseln wachsen langsam zusammen. Die Fähren scheinen wie auf Sand zu fahren.

Nicht bloß die Natur ändert sich laufend, auch die Verhältnisse auf der Insel bleiben natürlich nicht gleich. Mit Staunen lesen wir von einer Weinprobe für schlappe 80 Euro, die ein Shop namens „Goldperle“ anbietet; das Zeltkino hat einen neuen Beamer (mit viel zu lautem Lüfter) bekommen und bietet eine „Männersache“ an: gezeigt wird „Fast & Furious 10“, zum Ticket für einen Zehner gibt’s Popcorn und ein Bier. Das ist so wenig unser Hiddensee wie die launigen Kapitänsabende am Hafen und spricht ein anderes Publikum an. Die Hafenerneuerung von Vitte ist da schon ein anderes Kaliber. Dass eine Sanierung notwendig ist, steht nicht zur Diskussion. Eine schicke Modernisierung aber passt nicht zur Insel und wird ihre Ressourcen überlasten. Deshalb machen wir gerne bei der Bürgerinitiative HAFEN VITTE mit – „Hafensanierung und Schutz müssen sein, Massentourismus NEIN“ ist ihre Parole. Wer wollte da widersprechen!

Weites Land

Noch gibt es genug Wasser für die Pferde auf der Insel Hiddensee. Eine Wasserstelle ist aber schon ausgetrocknet. © Karl Grünkopf

Fernsehen schauen wir fast nie, und Western sind erst recht nicht unser Ding. Warum eigentlich? In den besten Filmen des Genres werden die großen psycho-sozialen Themen unserer Gesellschaft verhandelt – Liebe, Eifersucht, Macht, Vater-Sohn-Konflikte. Bei ARTE steht ein abendfüllender, glänzend besetzter Western aus dem Jahr 1958 auf dem Programm. In fast drei Stunden erzählt der Regisseur William Wyler in „The Big Country“ (Weites Land) die Geschichte zweier verfeindeter Familien; beide haben große Viehherden, aber keinen Zugang zu Wasser. Während die alten Patriarchen den Konflikt wie gewohnt mit Waffen austragen, setzt ein smarter Reederei-Erbe aus dem Osten (gespielt von Gregory Peck) auf Verhandlungen und eine faire Lösung. Natürlich „bekommt“ er am Ende noch die richtige und kluge Frau (Jean Simmons), von der er zuvor Land das umstrittene Land mit einer Wasserstelle gekauft hat. Ganz großes Kino, ganz große Leidenschaften, ganz große Wahrheiten.

Wasser wird eines der wichtigsten Themen der nächsten Jahrzehnte. Wie kann es fair verteilt werden, wieviel steht den Menschen noch zur Verfügung? Müssen Golfplätze und Pools in Südeuropa verboten werden? Viele Inseln haben kein eigenes oder zu wenig Grundwasser. Dieses Problem stellt sich mit der zunehmenden Klimaerwärmung immer drängender. Mallorca, Sylt oder Hiddensee leben vom Tourismus. Dieses Geschäftsmodell gerät immer stärker unter Druck. Wenn der Tourismus nicht eingeschränkt wird, werden die Ressourcen bald nicht mehr reichen.Vom sanften Tourismus geht die Rede. Auf Hiddensee kann man das gerade verfolgen. Soll der Hafen von Vitte „nur“ saniert oder ausgebaut werden. Wenn mehr Liegeplätze geschaffen werden, kommen mehr Boote, die Strom & Wasser brauchen. Zumindest auf der autofreien Insel gibt es bei vielen Einwohner:innen & Gästen einen Konsens – keine Steigerung des Tourismus. Der Bürgerinitiative Hafen Vitte – Nein zum Hafenausbau sind wir inzwischen beigetreten. Eine Premiere.

Es wird nicht mehr so weitergehen, wenn das so weitergeht. Das ist inzwischen (fast) allen klar, trotzdem machen wir alle so weiter. Darauf will „Die letzte Generation“ hinweisen, die mit ihren Klebe-Attacken viel Verdruss provoziert und kaum Verständnis findet. Inzwischen hat die Aktionsgruppe ihre Strategie geändert und nimmt jetzt Superreiche, also Super-CO2-Verbraucher in den Fokus. Auf Sylt wurden ein Privatjet und die Bar eines Luxushotels angesprüht. „Superreiche stoßen CO₂ aus, als gäb’s kein Morgen“, schreibt Samira El Ouassil in der Online-Ausgabe des „Spiegel“. „Die reichsten 10 Prozent in Deutschland waren im Jahr 2015 zusammen für mehr CO2-Ausstoß verantwortlich als die gesamte ärmere Hälfte der Bevölkerung. Ebenso sind die reichsten 10 Prozent weltweit für 52 Prozent der CO2-Emissionen zwischen 1990 und 2015 verantwortlich. Der durchschnittliche CO2-Ausstoß von Milliardären hat im Jahr 2018 8190 Tonnen pro Kopf betragen. Raten Sie mal, was der Pro-Kopf-Ausstoß weltweit beträgt: 5 Tonnen.“ (08.06.23) Wir alle handeln wider besseres Wissen!