Affentheater

Das Erbgut des Orang-Utan ist zu 97% mit dem des Menschen identisch. © Rolf Hiller

Jetzt auch noch: Affenpocken, notiere ich handschriftlich am 21. Mai. Wie nicht anders zu erwarten, setzt wieder eine Kakophonie der Verlautbarungen ein. Der Gesundheitsminister Karl Lauterbach verbreitet Panik und stigmatisiert gleich noch die Gay Community, während Expert:innen darauf verweisen, dass die Affenpocken gut erforscht und gut zu behandeln sind. Die Verläufe sind meistens leicht; trotzdem wird eine 21-tägige Isolation und Quarantäne empfohlen. „Experten sagen schon lange“, hält die Frankenpost aus Hof fest, „dass das Zeitalter der Pandemien begonnen hat.“ (23.05.22) Längst werden keine aktuellen Corona-Inzidenzen mehr in den Nachrichten gemeldet, ein Impfzentrum nach dem anderen wird geschlossen, fast alle Schutzmaßnahmen sind aufgehoben. In den S- und U-Bahnen sind einige junge Leute trotzig ohne Maske unterwegs. Wie vor einem Jahr gehen alle Corona-Zahlen zurück. Kommt nach dem Sommer des Vergessens wieder ein Winter des Erschreckens?

Wenn ich mit vielen Menschen zusammenkomme, trage ich weiter eine Maske. Inzwischen habe ich mir die Verbeugung zur Begrüßung oder zum Abschied angewöhnt, obwohl diese Geste schon wieder irritiert. Noblesse oblige. Das sollte ganz besonders für Politiker:innen gelten! Wieder einmal hat sich der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann zum Affen gemacht und sich schamlos in den Vordergrund geschoben. Nach sexistischen Bemerkungen über Flugbegleiterinnen auf der Rückreise von Sevilla nahm der selbstgefällige OB dem Spieler Sebastian Rhode und Trainer Oliver Glasner den Pokal aus der Hand und eilte damit zum Balkon des Römers. Bekanntlich hatte die Eintracht die Europe League gewonnen, und Feldmann wollte sich auf selten dreiste Art mit fremden Federn schmücken. Dass gegen ihn die Staatsanwaltschaft Anklage in der AWO-Affäre wegen Vorteilsnahme erhoben hat, passt nur allzu gut ins Bild. Das Präsidium der Frankfurter Eintracht hat Feldmann bereits ein Stadionverbot erteilt, die SPD distanziert sich von ihrem Parteifreund und fordert ihn zum sofortigen Rücktritt auf!

Wer denkt da nicht sofort an Gerhard Schröder. Der Ex-Kanzler & Putin-Freund steht seit Monaten in der Kritik, weil er seine politischen Kontakte nach dem Ende seiner Karriere schamlos verrubelt hat. Dass er jetzt nicht mehr für den Vorstand der Gazprom zur Verfügung stehen möchte, kommt zu spät. Schröder hätte sich spätestens nach dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine erklären müssen; zudem ist für Gazprom in Deutschland und für Schröder bei Gazprom nichts mehr zu holen. Das hat wohl auch Manuela Schwesig endlich begriffen. Die SPD-Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern galt bis zuallerletzt als Russland-Versteherin, könnte aber immer noch über die Machenschaften der „Klimastiftung MV“ stolpern, die von Gazprom gesteuert wurde. Der Wahlkreis von Angela Merkel lag übrigens auch in diesem Bundesland. Die überzeugte Europäerin hat gegen alle Warnungen der europäischen Freunde das Projekt Nord Stream 2 energisch vorangetrieben. Dieses bitterernste Affentheater ist noch längst nicht zu Ende.

Schlimmer geht’s immer

Bettina Lieder und Samouil Stoyanov in den Masken des berühmten Dichterpaares. © Nikolaus Ostermann

Es genügt, wenn’s vergnügt. Auf diesen kleinsten gemeinsamen Nenner wird sich das Publikum des Theatertreffens 2022 bestimmt verständigen können. Beifall gab’s immer, Buhrufe nie. Mit Standing Ovations wurde die Produktion „humanistää! eine abschaffung der sparten“ vom Volkstheater Wien verabschiedet. Geschickt hat die Regisseurin Claudia Bauer aus Stücken & Texten von Ernst Jandl eine Revue zusammengestellt, die mit einem boshaft-witzigen Blick in die Alltagshölle eines Dichterpaares einsetzt. Wie Slapstickfiguren bewegt sich das Maskengespann durch die Szene; unschwer erkennt man Friederike Mayröcker und Ernst Jandl. Diese Schärfe kann die Inszenierung indes nicht durchgängig halten – oft gibt’s mehr Jux als Jandl, dessen Dekonstruktion von Sprache ja niemals dem Klamauk verfällt. „Eine Abschaffung der Sparten“ hätte als Motto über dem diesjährigen Theatertreffen stehen können, dessen Jury die zehn vorgeblich bemerkenswertesten Produktionen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ausgewählt hat. Verlautbart wurde viel in diesen Tagen, gespielt selten. Ein „echtes“ Theaterstück habe ich nicht erlebt, in dem Handlungen & Konflikte sich dialogisch im Spiel entfalten.

„Da konnte ja nur eine richtig sprechen“, raunt ein Besucher seinem Begleiter beim Verlassen des Hauses der Berliner Festspiele zu. Die beiden hatten dennoch geduldig bis zum Ende ausgeharrt. „Like Lovers Do (Memoiren der Medusa)“ heißt der Titel der grellbunten Inszenierung der Münchener Kammerspiele. Was man da über „sexualisierte Gewalt“ und „toxische Rollenbilder“ hören (!) kann, ist so wahr wie langatmig. Kein Spiel nirgends, aber viele längst bekannte Einsichten und Wahrheiten. Was Wunder, dass viele Theater nicht einmal mehr ihre Premieren ausverkaufen. Da lobt man sich doch das Selbstverständnis der Berliner schaubühne, wie es kürzlich ihr Intendant Thomas Ostermeier im rbb 24 inforadio auf den Punkt brachte: „Wir machen Theater fürs Publikum. Also die Frage nach nachvollziehbaren Charakteren, nachvollziehbarer Handlung. Inhaltliche Anliegen, gesellschaftliche und politische Fragen, das ist das, was wir versuchen an der schaubühne.“

Die Politik fürs Publikum machen derzeit Die Grünen, allen Ungereimtheiten in der Ampelkoalition zum Trotz. Robert Habeck und Annalena Baerbock sind derzeit die beliebtesten Politiker:innen der Republik; der Kanzler mit schwacher Performance liegt abgeschlagen auf dem dritten Platz. Die Entlastung beim Tanken spart keinen Kraftstoff, das würde hingegen ein Tempolimit zum Nulltarif bringen. Das 9-Euro-Ticket wird jetzt als Werbeaktion für den Öffentlichen Personennahverkehr angepriesen, wird aber keine Verkehrswende einleiten. Ungeachtet dieser Widersprüche zu ihrer Programmatik haben die Grünen derzeit einen Lauf; sie waren die großen Gewinner der Wahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen. Sollte es in beiden Bundesländern eine schwarz-grüne Koalition geben, wird es für die Ampel in Berlin ungemütlich. In Hessen gibt es übrigens seit 2018 eine schwarz-grüne Regierung. Aber derzeit ist dort natürlich rot-schwarz angesagt: Die Frankfurter Eintracht gewann am Mittwoch das Finale der Europa League gegen die Glasgow Rangers und spielt nächste Saison in der Champions League. Oh, wie ist das schöiiin…

Das Theater geht weiter

Das Schweigen des Vaters. Nikolai Gemel und Michael „Minna“ Sebastian in der Romanadaption „Ein Mann seiner Klasse“. Die Inszenierung von Lukas Holzhausen vom Schauspiel Hannover beim Theatertreffen 2022. © Katrin Ribbe

Endlich wieder ein richtiges Theatertreffen nach zwei Jahren nur digitaler Präsenz. Die Erwartungen sind hoch. Große Worte bei den Reden zur Eröffnung. Yvonne Büdenhölzer, die scheidende Leiterin des Festivals, stuft das Theatertreffen als „Diskursbeschleuniger“ ein, die neue Kulturstaatsministerin Claudia Roth befindet voller Emphase: „Theater ist Grundnahrungsmittel“ und „systemrelevant“. Die Latte liegt hoch, und der Absturz folgt auf dem Fuße. „Das neue Leben“ heißt eine Produktion aus Bochum, die Dante-Texte mit Popsongs kontrastiert. Lang ziehen sich die Monologe der vier Schauspieler:innen, langatmig und langweilig. Nach einer Stunde fliehen wir aus dem Kopftheater. „Volles Verständnis“, gibt mir mein Nachbar mit auf den Weg; er hat sich die ganze Zeit Notizen gemacht.

Neues Stück, neues Glück. „Ein Mann seiner Klasse“ vom Schauspiel Hannover verspricht da schon mehr „Systemrelevanz“. Nun bin ich kein Freund der Romanadaptionen, Überschreibungen oder irgendwelcher Textflächen, die bei den Intendanten und Dramaturgen dieser Republik so hoch im Kurs stehen. Es fehlt an überzeugenden neuen Stücken. Wahrscheinlich arbeiten die besten Schreiber:innen für Fernsehanstalten und Streamingdienste, bei denen das größere Geld lockt. Wo sind die neuen Brechts oder Hauptmanns? Themen gibt es doch genug in der Welt der sog. kleinen Leute, die sich abstrampeln wie der Möbelpacker auf der Bühne – und trotzdem wird es niemals reichen. Die Bühneneinrichtung von Lukas Holzhausen basiert auf dem Romandebüt von Christian Baron, der sein deprimierendes Familienleben autobiographisch schildert. Trotzdem liebt er seinen Vater – den Trinker, den Schläger, den Looser, der von einem (echten) Handwerker dargestellt wird. Der spricht kein einziges Wort, ist anwesend abwesend. Die Inszenierung beeindruckt und zeigt den Freund:innen der „Diskursbeschleunigung“ eine andere, fremde Welt.

Das berührt durchaus, aber das Theater sollte sich auf seine ureigenen Qualitäten besinnen: Geschichten nicht nur erzählen, sondern im Spiel darstellen. In ihrer Zwischenbilanz zum Theatertreffen 2022 kommt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung zu einer ähnlichen Einschätzung, wobei sie die internen Schwierigkeiten der Häuser – von Machtmissbrauch bis Gendergerechtigkeit – gleich noch mit bilanziert: „Denn stell Dir vor, das Theater löst alle Probleme – und keiner geht hin.“ (11.05.22) Wenn ihre Kollegin Catrin Lorch recht hat mit ihrer Bewertung, dann steht die documenta fifteen in Kassel auf der Kippe. Die verantwortliche Künstlergruppe Ruangrupa hat auf die bedeutendste Ausstellung aktueller Kunst auch BDS-Sympathisant:innen eingeladen. Wikipedia zu Folge ist BDS „eine transnationale politische Kampagne, die den Staat Israel wirtschaftlich, kulturell und politisch isolieren will“. BDS wird sowohl von der deutschen Regierung als auch vom Parlament als antisemitisch eingestuft. „Die Documenta“, vermutet Lorch, „könnte scheitern: Wer die sanften, aber intellektuell unbeugsamen Ruangrupa-Mitglieder kennt, hält eine Absage der Weltkunstschau durch sie für vorstellbar.“ (SZ, 12.05.22) Die Kulturstaatsministerin Claudia Roth – sie wandte sich übrigens gegen die BDS-Resolution des Deutschen Bundestags – hat schon mehrfach versucht zu vermitteln. Dieses Theater ist bitterernst!

Fatalismus

Das absurde Theater findet woanders statt: Standing Ovations für Dieter Hallervorden in „Der König stirbt“. © DERDEHMEL/Urbschat

Der ICE ist auf der Rückfahrt von Frankfurt so voll, wie ich es in den letzten zwei Jahren nicht mehr erlebt habe. Viele kauern vor den Türen, andere arbeiten auf dem Boden vor dem Speisewagen. Zum Glück gilt in den Zügen der Deutschen Bahn weiter die Maskenpflicht. Meine Corona Warn App steht jetzt immer auf rot. Bei der vollbesetzten Premiere „Der Schatzgräber“ von Franz Schreker in der Deutschen Oper Berlin darf jede:r wählen, ob er/sie die gefeierte Inszenierung mit oder ohne Mund-Nasen-Schutz erleben möchte. Wir gehören zur Fraktion Vorsicht und tragen die Maske freiwillig auch im Schlossparktheater. Wir wollen den 86jährigen Prinzipal Dieter Hallervorden auf der Bühne erleben. Geboten werden soll „gute Unterhaltung“ mit dem Stück „Der König stirbt“ von Eugène Ionesco, Wikipedia zufolge „ein verschlüsselter Abgesang auf Frankreichs endende Rolle als einst stolze Kolonialmacht“. Anspielungen auf die aktuelle politische Lage lägen eigentlich auf der Hand, aber die Regie von Philip Tiedemann setzt auf Klamauk und einen lieben & altersmilden König. Das Publikum dankt begeistert und feiert Dieter Hallervorden mit Standing Ovations.

Locker in Berlin, streng in Frankfurt. Maskenpflicht und Schachbrettbelegung der Sitzplätze in der Deutschen Nationalbibliothek bei der Eröffnung des Festivals „Frankfurt liest ein Buch“ , das unser Verlag seit Jahren als Medienpartner begleitet. Heuer steht der Roman „Nach Mitternacht“ von Irmgard Keun im Zentrum der vielen Veranstaltungen. „Der beste satirische Roman über Nazideutschland“ (Arthur Koestler) spielt 1936 an zwei Tagen in Frankfurt, als Hitler auf dem Opernplatz eine Ansprache hielt, und schildert die komplexen Ereignisse aus der Perspektive einer jungen Frau. Die Autorin hat eine meisterhafte Begabung, kurz und prägnant zu beschreiben; sie beobachtet hellwach, wie der Faschismus das soziale Leben verändert und prägt. Der Nationalsozialismus wurde dem deutschen Bürgertum nicht aufgezwungen, sondern war dessen „rabiat gesteigerte Konsequenz“ (Heinrich Detering im Nachwort der schönen Neuausgabe). Die Verfilmung des Romans von Wolf Gremm aus dem Jahr 1981 trifft weder jenen lakonischen Ton noch wird sie der Komplexität der Vorlage gerecht. Das kleine Fernsehspiel zieht sich im Deutschen Filminstitut, mehrfach schaue ich auf die Uhr. Immerhin erfährt das Publikum im gut besuchten Kino (Maske, Schachbrett) vor Beginn der Vorführung von einem neuen Angebot im Herbst: „Frankfurt sieht einen Film“, der an einem Tag mit Rahmen-Programm in verschiedenen Kinos laufen soll.

Was mag bis dahin passiert sein? Wird uns die Pandemie wieder „unvorbereitet“ erwischen? Ist der Krieg gegen die Ukraine dann zu Ende, der nun schon bald ein viertel Jahr das Land verwüstet? Festhalten lässt sich im Moment, dass die Sanktionspakete der EU Russland nicht nachhaltig beeindruckt haben; gleiches lässt sich von den Offenen Briefen sagen, die jetzt hierzulande kursieren. Die ganze Absurdität der Lage verdeutlicht, dass russisches Gas durch die Ukraine geleitet und mit Duldung der Russen von Deutschland aus an die Ukraine weiter verkauft wird. Was nützt und schadet wem? Dass der Bundespräsident Frank Walter Steinmeier nun doch eingeladen wurde, den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selensky in Kiew zu besuchen, ist ein gutes Zeichen in dunkler Zeit. Sein Besuch hat mehr Gewicht als die Reise des CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz, der sich vor allem aus wahltaktischen Gründen im Kriegsgebiet blicken ließ. Am Sonntag wählt Schleswig-Holstein einen neuen Landtag; der Ministerpräsident & Merkelianer Daniel Günther, der seit 2017 eine Jamaika-Koalition führt, liegt in den Umfragen vorne. Schiff ahoi!

Geparde aus der Mottenkiste

Rom ist weiter vom Berliner Teufelsberg entfernt als Kiew. © Rolf Hiller

Da wollten wir schon lange hin. Im Casino der ehemaligen Flugüberwachungs- und Abhörstation der US-amerikanischen Streitkräfte auf dem Berliner Teufelsberg findet eine temporäre Kunstausstellung statt, die keiner besonderen Erwähnung wert ist. Aber das Gelände lohnt jederzeit einen Besuch. Der Teufelsberg wurde aus Trümmern aufgeschichtet und ist die zweithöchste Erhebung der Stadt, ein lost place, wie es inzwischen leider nicht mehr viele in Berlin gibt. Hier ist die Zeit stehengeblieben, überall sind kleine, teils witzige Installationen entstanden, Sprayer fanden dort ideale Bedingungen vor. Trotz 8 Euro Eintritt („Hier ist überall Kunst!“ meint der Kassierer) sind mehr Leute auf dem Gelände unterwegs, als wir erwartet haben. In Zeiten globaler Satellitenüberwachung und digitaler Kontrolle unserer Daten muten die Türme auf dem Teufelsberg anachronistisch an; trotzdem denke ich immer wieder an den Krieg in der Ukraine. Rom ist von Berlin weiter entfernt als Kiew.

Dass er sich die Entscheidung, dieses Land mit schweren Waffen zu unterstützen, nicht leicht gemacht hat, ehrt Olaf Scholz. Er personifiziert gewissermaßen die Stimmung im Lande – die eine Hälfte der Bevölkerung ist für die Lieferung von Panzern, die andere ist dagegen. Nach langen Querelen kam auch „seine“ SPD auf Linie; gestern wurde im Bundestag mit den Stimmen der CDU/CSU die Lieferung von schwerem Kriegsgerät beschlossen. Die Abwesenheit des Kanzlers irritierte; der Zeitenwender besuchte seinen japanischen Amtskollegen. Macht diese Lieferung einen Atomkrieg wahrscheinlicher? Vor den deutschen Geparden braucht der russische Bär einstweilen keine Bange zu haben: die Panzer stehen eingemottet beim Hersteller, nach Munition wird weltweit gefahndet. Der Tagesspiegel zitiert den Oberst a.D. Wolfgang Richter mit den Worten, die Geparde können „wahrscheinlich erst zum Jahresende“ (28.04.22) in der Ukraine eingesetzt werden. Das verrät wieder einiges über den Zustand der Bundeswehr, die jährlich 56 Milliarden Euro kostet; Deutschland besitzt damit den siebtgrößten Verteidigungsetat der Welt.

Kriegsentscheidend wird die Lieferung der Geparde an die Ukraine nicht sein, aber zwei Termine im nächsten Monat sind von großer Bedeutung. Am 9. Mai feiert Russland traditionell den Sieg über Hitlerdeutschland; bis dahin muss Zar Putin echte Erfolge seines Angriffskrieges auf die Ukraine vorweisen. Heute Morgen hörte ich im Radio, dass Russland in Transnistrien 20.000 Tonnen Sprengstoff lagert. Mitte Mai wollen sich die schwedische Ministerpräsidentin Magdalena Andersson und ihre finnische Amtskollegin Sanna Marin erneut treffen, um (final) über einen Aufnahmeantrag in die NATO zu entscheiden. Der dritte Weg zwischen den Blöcken, die viel beschworene Finnlandisierung, wäre dann am Ende; die finnisch-russische Grenze ist Wikipedia zufolge 1.340 km lang. Im sog. Wonnemonat kann der Sieger der französischen Präsidentschaftswahlen erst einmal durchatmen. Ob Emmanuel Macron nach den Parlamentswahlen im Juni mit „Merci“ danken kann, ist ungewiss. Nichts wird einfacher.

Alarmismus vs Attentismus

Dichtes Gedränge auf dem Bahnsteig in Frankfurt Süd. © Rolf Hiller

Nach Ostern sind die Züge der Deutschen Bahn schon wieder so gut besetzt wie vor der Pandemie; einige Fahrgäste sitzen bei den Türen auf dem Boden. Weil der Staatskonzern im Frühjahr jede Menge Baustellen eingerichtet hat, dauert meine Fahrt gut eine Stunde länger als sonst. Der ICE fährt nicht bis Hauptbahnhof, sondern endet schon in Frankfurt Süd, wo sich die Fahrgäste in dichten Schlangen zu den Treppen vorkämpfen. Laut hupend rauscht ein Zug an uns vorbei. Kein Wunder, dass zwei Tage später meine Corona Warn App zuverlässig „Begegnungen an 1 Tag mit erhöhtem Risiko“ meldet. Die Menschen sind geduldiger als der Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD), dessen Partei sich in der gelben Ampelkoalition weder bei einer Maskenpflicht im öffentlichen Raum noch bei einer Impfpflicht durchsetzen konnte. Schiebt der medial (zu) präsente Mann deshalb Frust und muss vor einer Killervariante des Corona-Virus im Herbst warnen?

Der Osterverkehr in den Zügen der Deutschen Bahn hat schon einmal einen Vorgeschmack auf den Sommer geliefert, wenn man im Öffentlichen Personennahverkehr ein Vierteljahr lang für schlappe 9 Euro monatlich durch Deutschland reisen darf. Der FAZ schwant nichts Gutes: „Es wird ein endloser Sommer in endlos vollen Zügen.“ (20.04.22) Selten habe „der Staat auf überflüssigere Weise Geld rausgehauen (außer mit der Reduzierung von Benzinpreisen natürlich).“ Tatsächlich muten diese Maßnahmen wenig durchdacht und vor allem sozial ungerecht an. Hier wäre ein Zaudern des Kanzlers am Platz gewesen, nicht aber bei seinem endlosen Lavieren, ob wir der Ukraine schwere Waffen liefern sollen. Selbst ein Linker bei den Grünen wie Anton Hofreiter fordert diese Hilfe, genauso wie Annalena Baerbock und Robert Habeck. Wer bei mir Führung bestellt hat, bekommt sie auch, hat Olaf Scholz im Wahlkampf getönt. Geliefert hat er bis dato nicht.

Die Zeiten werden nicht leichter, die globalen Auswirkungen des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine werden mit jedem Tag deutlicher. Da ist kein Basta gefragt, wohl aber ein Kanzler, der führen kann und seine Richtlinienkompetenz einsetzt. Hoffentlich wird die Rolle der größten Volkswirtschaft in der EU nach der Wahl am Sonntag in Frankreich nicht noch wichtiger. Sollte Emmanuel Macron wider alle Hoffnungen gegen Marine Le Pen bei der Präsidentschaftswahl verlieren, käme es noch mehr auf den deutschen Kanzler an. Der mag bekanntlich „Rock, Jazz, Klassik“, wird aber wahrscheinlich einen der ganz großen Musiker des Modern Jazz nicht kennen. Der Bassist und Komponist Charles Mingus wurde am 22.04.1922 geboren. Unvergessen der Auftritt seines Sextetts in den frühen Morgenstunden beim Festival del Jazz in Verona 1972. Seine Musik wurde meine.

Out of Control

Ganz großes Fernsehen. Sebastian Koch spielt in „Euer Ehren“ einen Richter, der zunehmend die Kontrolle über sein Leben verliert. © ARD Degeto/ORF/SquareOne Productions/Mona Film/Andreas H. Bitesnich

Widersprüche müssen wir aushalten. Wir leben unser „normales“ Leben weiter, während die russische Armee in der Ukraine wütet und Völkermord begeht, wie der amerikanische Präsident Joe Biden (ganz undiplomatisch) befand. Die globalen Folgen dieses Krieges kann derzeit niemand abschätzen. Dass hierzulande die Preise massiv ansteigen und die Inflation, ist eine Folge, in anderen Teilen der Welt drohen Hungersnöte. Denn die Ukraine, aber auch Russland werden in diesem Jahr deutlich weniger Getreide exportieren. Bei uns hingegen wird ein großer Teil des Getreides (noch) als Tierfutter verwendet oder dient zur Herstellung von Biokraftstoff. Längst wissen wir alle, was zu tun wäre – weniger Fleisch essen, weniger Auto fahren. Genauso konfrontiert mich Corona täglich mit Widersprüchen. Im mäßig besuchten Chorkonzert trage ich eine Maske, im voll besetzten Raum beim Yoga nicht. Freunde begrüße ich nur noch mit einer Verbeugung, dann sitzen wir stundenlang beim Essen und erzählen. Das Bewusstsein von Widersprüchen birgt ihre Auflösung.

Manchmal aber nehmen die Ereignisse eine verhängnisvolle Entwicklung. Plötzlich gerät das Leben eines Mannes aus den Fugen. Je mehr er sich dagegen wehrt, um so mehr verstrickt er sich. Glänzend verkörpert Sebastian Koch einen Richter, dessen Sohn ohne Führerschein einen folgenschweren Unfall mit Fahrerflucht begeht. Er versucht die Tat zu vertuschen, verwickelt sich immer mehr, wird selbst zum Täter. Wie sich herausstellt, ist das Opfer der Sohn eines serbischen Clanchefs, den er vor Jahren hinter Gittern brachte. Die komplexe Geschichte mit vielschichtig angelegten Charakteren entwickelt von Beginn an eine Sogwirkung. „Euer Ehren“ (ARD Mediathek) ist eine Adaption der israelischen Vorlage „Kvod“ und durchweg gelungen. Überzeugende Schauspieler, neben Sebastian Koch etwa Paula Beer und Tobias Moretti, ein gutes Drehbuch, eine starke Regie (beides David Nawrath), tolle Bilder und eine grandiose Filmmusik. Dieser TV-Krimi setzt neue Maßstäbe, und wir fiebern schon dem Finale des Sechsteilers entgegen. Ganz großes Fernsehen!

Hätte der Richter sich nicht überschätzt und versucht, die Tat zu vertuschen, sondern sich professionelle Hilfe gesucht, beim Anwalt oder sogar bei der befreundeten Polizistin, hätte diese Geschichte einen anderen Verlauf genommen. Das gilt sicher auch für die Familienministerin a.D. Anne Spiegel, die versuchte, erst ihre SMS-Kommunikation zu beschönigen und dann ihren Familienurlaub zu rechtfertigen. Nach Katastrophen wie im Ahrtal letztes Jahr feixt man nicht wie Armin Laschet oder verschwindet einen Monat in die Ferien. Spiegel hätte sich professionell durch diesen Prozess begleiten lassen sollen, um ihre persönliche Integrität zu wahren. Ob ihre Partei Die Grünen sie dann gehalten hätte, steht dahin. Mir tat Anne Spiegel trotz ihrer Fehler am Ende leid; so viel Häme – von Bild-TV und anderen – hat sie ertragen müssen. Wer die Kontrolle über seine mediale Performance verliert, der hat schon verloren. Die beliebtesten Politiker:innen sind laut ARD-DeutschlandTREND gerade Robert Habeck und Annalena Baerbock vor Olaf Scholz. Nach seiner Zeitenwende-Rede kam vom Kanzler nicht mehr viel. Und das ist zu wenig.

Scheitern

Frank-Walter Steinmeier über Wladimir Putin: „Da habe ich mich, wie andere auch, geirrt.“ © Pixabay

Eine Seefahrt, die ist lustig. Eine Fahrt auf der Elbe in Hamburg kann auch sehr schön sein. Bei einem Familientreffen machen wir eine kleine Tour, sitzen vergnügt an Deck; natürlich geht eine leichte Brise. Zwei von uns lassen arglos die Masken fallen und werden sofort in den Senkel gestellt. Ein Terrier auf zwei Beinen – „Hochbahn-Wache“ steht auf seiner Warnweste – lässt sich die Ausweise der Delinquenten zeigen und zückt seinen Block, um die Übeltäter mit jeweils 40€ Strafe zu belegen. Die Jubilarin versucht zu vermitteln, der Terrier knurrt und läßt ab von den Jungs. Der ganze Wahnwitz der aktuellen Corona-Lage hierzulande spiegelt sich in dieser Situation. Im ÖPNV (dazu zählen auch Fähren) herrscht weiter Maskenzwang, selbst bei Windstärke 9 an Deck. Der Terrier war vollkommen im Recht, wir schütteln danach alle schicksalsergeben den Kopf und freuen uns auf das Menü am Abend. Wahrscheinlich ist es, in Deutschland zumal, nicht möglich, bei der Maskenpflicht auf einer Fähre zwischen Deck und Kabine zu unterscheiden.

Fehler passieren, und es ehrt den Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach, dass er Irrtümer und Fehleinschätzungen zugibt und korrigiert – aber doch nicht in einer Talkshow und bei Twitter. Als One-Man-Show kann man dort unterwegs sein, nicht aber im politischen Geschäft. Nach der Volte beim Thema Isolationspflicht musste der Medien-Minister noch einen Tiefschlag verkraften: es wird in Deutschland keine Impfpflicht geben. Das ist genauso eine Niederlage für den Kanzler, denn Olaf Scholz hatte sich ganz klar dafür ausgesprochen – einen eigenen Gesetzentwurf wollte die gelb dominierte Dreier-Koalition aber nicht ins Parlament einbringen. Dass Scholz die Dinge laufen lässt anstatt von seiner Richtlinienkompetenz Gebrauch zu machen wird sich noch rächen. Die Mehrheit der Deutschen ist für eine Impfpflicht und für mehr Maske im Alltag und weiß sich damit in guter Gesellschaft mit den meisten Expert:innen. Vielleicht versuchen sich Lauterbach & Scholz jetzt erst einmal an der Einführung eines zentralen Impfregisters, das in Zeiten der Pandemie ja ganz sinnvoll wäre.

Ein Lavieren bei der Einschätzung des russischen Diktators kann man dem Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier nicht mehr vorwerfen: „Meine Einschätzung war, dass Wladimir Putin nicht den kompletten wirtschaftlichen, politischen und moralischen Ruin seines Landes für seinen imperialen Wahn in Kauf nehmen würde. Da habe ich mich, wie andere auch, geirrt.“ Alte Irrtümer schützen aber nicht vor neuen Fehlern, wie die polnische Zeitung Rzeczpospolita kommentiert: „Worauf warten wir nach Butscha noch? Auf den Einsatz von Chemiewaffen? Atomwaffen? Oder vielleicht warten wir auch auf gar nichts mehr, sondern gehen zum Tagesgeschäft über, weil wir die Bilder der russischen Barbarei satt haben. Die Verbrechen werden langsam zum Alltag.“ (07.04.22) Nach dem ersten Schock des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine, den Sondersendungen im Fernsehen und im Radio, den immer neuen Eilmeldungen, haben wir uns in der siebten Woche des Krieges an das Grauen gewöhnt. Leider! Becketts Wort ist wahrer denn je: „Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.“ Aber wie?

Namaste

Beste Stimmung fast ohne Masken: Maluma rockt die Frankfurter Festhalle. © Rolf Hiller

Ausverkauft! Das Konzert des kolumbianischen Sängers Maluma in der Frankfurter Festhalle war bis auf den letzten Platz besetzt; der Veranstalter hätte noch mehr Tix verkaufen können. Geplant war sein Auftritt fast auf den Tag genau vor zwei Jahren – und musste dann wegen des Lockdowns geschoben werden. Natürlich gelten (noch) die strengen Hygiene-Regeln, die Kontrolle am Eingang ist genau. Kaum wird es in dem riesigen Konzertraum dunkel, fallen die allermeisten Masken; schätzungsweise 80% des Publikums tragen keine mehr. Dass die Handys ausgemacht werden sollen, schert ebenso niemand. Noch vor Beginn des Konzerts springen alle von ihren Sitzplätzen auf, die Begeisterung kennt keine Grenzen. Es wird geknipst, gefilmt und gepostet, was das Zeug hält. Das Mädel in der Reihe vor mir schießt Selfies wie am Fließband. Ohne Tattoo fällt man genauso in der begeisterten Menge auf wie mit Maske. Lange habe ich nicht mehr solch eine Stimmung erlebt bei einem Konzert; Maluma, der Star des Reggaeton und seit 2010 im Geschäft, hat’s echt drauf.

Die Durchsetzung des Hausrechts, also die Verpflichtung zum Tragen einer FFP2-Maske, wäre an diesem Abend schwerlich möglich gewesen; man hätte das Konzert nur abbrechen können. Der Hunger bei jungen Leuten nach Live-Events und Parties ist nach der Abstinenz der letzten beiden Jahre gewaltig. Zumindest bei ihnen rennt die Bundesregierung mit dem neuen Infektionsschutzgesetz, das ab dem Wochenende bundesweit gilt, offene Türen ein. Ansonsten hält sich die Begeisterung über die weitgehende Abschaffung der Maskenpflicht in Grenzen. Viele Politiker:innen setzen auf die Vernunft, also das freiwillige Tragen, oder auf das Hausrecht. Einige Veranstalter haben schon angekündigt, dass in ihren Häusern weiterhin die Pflicht zum Tragen einer Maske bestehen bleibt. Alles in allem wird die Lage noch unübersichtlicher und dürfte bald die Gerichte beschäftigen. Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern haben jedenfalls die Hotspot-Regelung bis Ende April für ihr gesamtes Gebiet verfügt.

Nicht bloß beim neuen Infektionsschutzgesetz hat sich der kleinste Partner der Dreier-Koalition durchgesetzt, auch bei der Diskussion um ein allgemeines Tempolimit gibt die FDP den Ton an. Experten zufolge könnten so 4% des Kraftstoffs eingespart werden; die Senkung der Raumtemperatur um 1 Grad bringt übrigens eine Ersparnis von 6%. Wann, wenn nicht jetzt, wäre der Moment gekommen, im letzten Industrieland der Welt endlich ein Tempolimit einzuführen. Von den Grünen, die in der Ampel ansonsten einen guten Job machen, ist dazu nichts zu vernehmen. Dabei kostet diese Maßnahme keinen Cent und würde doch eine alte Forderung ihrer Klientel erfüllen. Genauso wenig ist zu verstehen, warum die beiden stärksten Parteien der Regierung nicht auf einer sozialen Komponente bei der staatlichen Subvention der explodierenden Energiepreise bestanden haben. Dieses Primat der Geschlossenheit könnte sich noch rächen. Wir fahren freiwillig nur 110 km/h auf Autobahnen, tragen weiter Maske, und ich verbeuge mich zur Begrüßung. Das ist kein Aprilscherz. Namaste.

Der Rubel rollt

Russland verlangt die Zahlung seiner Energieexporte in Rubel und unterläuft so die Sanktionen des Westens. © Pixabay

Es ist trocken, viel zu trocken in Deutschland. Noch nie waren unsere Pflanzen im Vorgarten schon im März auf unser Gießen angewiesen. Jeden Tag schleppe ich eine Gießkanne herunter – die Leitung ist seit dem Winter immer noch zu. Neben den vielen aktuellen Problemen wird die Wasserknappheit uns noch zu schaffen machen. Selbst in Brandenburg, wo es über 3.000 Seen gibt, fehlt das Wasser. Umso überraschender, dass Tesla in diesem Bundesland in einem Wasserschutzgebiet seine erste Giga Factory in Europa hochziehen konnte. Der Bau – teilweise mit nachgeschobenen oder vorläufigen Genehmigungen – wurde in nur 2 Jahren errichtet und gilt schon jetzt als Erfolgsgeschichte der Industrieansiedlung hierzulande. Die ersten dreißig E-Autos wurden von Elon Musk mit großem Tamtam persönlich an die Kunden übergeben; die Politprominenz mit dem Kanzler an der Spitze gab sich die Ehre. Zwar fahren die Wagen emissionsfrei, aber allzu gerne wird übergangen, dass der Strom der Batterien nicht grün ist, sondern zum größten Teil aus fossilen Kraftwerken stammt.

Tesla gilt mit einer Marktkapitalisierung von über 250 Milliarden Euro als wertvollster Autokonzern der Welt und hat seinen charismatischen Gründer Elon Musk zum reichsten Menschen der Welt gemacht. Der Mann hat Visionen, kann sie verkaufen und umsetzen. Einer Dystopie gleichen hingegen die kruden Allmachtsphantasien von Wladimir Putin, der gerade die Ukraine mit einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg überzieht. Der russische Autokrat ist fest davon überzeugt, dass der Untergang der Sowjetunion vor 25 Jahren die „größte geopolitische Katastrophe“ des 20. Jahrhunderts gewesen ist. Diesen Zerfall zu revidieren ist das erklärte Ziel des ehemaligen KGB-Agenten, der dabei keinerlei Skrupel kennt. Das hätten wir uns alle klar machen können, nicht bloß die vielen Putin-Versteher und Kooperationspartner. „Unbekümmert sahen sie hinweg“, hält der britische Observer fest, „über die Zerstörung von Grosny, die Kriegsverbrechen in Aleppo, die Raketenangriffe auf zivile Flugzeuge, die Invasion auf der Krim, die Zerstörung der russischen Demokratie, die endemische Korruption, die endlosen Lügen und die Vergiftung von Alexander Litwinenko, Sergej und Julia Skripal und Alexej Nawalny. Und erst jetzt erkennen sie alle plötzlich, dass der Kreml vielleicht doch kein seriöser Geschäftspartner ist“. (20.03.2022).

Genauso fanatisch wie seine großrussischen Expansionspläne verfolgt Putin die Destabilisierung des Westens. Das dürfte dem versierten Schachspieler auch jetzt wieder mit der Forderung gelingen, dass die russischen Energieexporte künftig in Rubel zu zahlen sind. Er kann darauf setzen, dass es in der EU kein einheitliches Embargo geben wird; jedes Land verfolgt seine eigenen Interessen, Ungarn hat schon ein Veto angekündigt. Zwar sind die Verträge in Dollar und Euro abgeschlossen, aber glaubt ernsthaft irgendjemand, Putin würde sich einem Urteil des internationalen Gerichtshofes beugen. Niemals. Und wieder wird es dem neuen Zaren gelingen, einen Keil in die EU zu treiben. Unsere Naivität der letzten Jahre rächt sich jetzt bitter. Deshalb gibt es hierzulande auch kaum mehr funktionierende Sirenen, Bunker oder zivile Schutzräume für die Bevölkerung, vom Zustand der Bundeswehr ganz zu schweigen. Am Wochenende wählt das Saarland – der erste Stimmungstest nach der Bundestagswahl. Die SPD liegt in den Umfragen deutlich vorn. An Olaf Scholz und Karl Lauterbach dürfte das wohl nicht liegen.