Money, Money

Längst hat der Krieg in der Ukraine eine weltweite Dimension erreicht und trifft den Globalen Süden unmittelbar. © Ryan McGuire / Pixabay

Einen Warnstreik in der Geld- und Wertdienstbranche melden die Nachrichten; Bares könnte knapp werden im Einzelhandel und in den Geldautomaten. Ich hatte mit langen Schlangen vor den Maschinen gerechnet, kann aber sofort meine Karte hineinschieben und bekomme ohne Probleme Bargeld, allerdings nur in kleinen Scheinen. Hätte ich das G7-Treffen auf Schloss Elmau so bezahlen wollen, hätte ich 8,5 Mio. 20 Euro-Scheine auf den Tisch legen müssen. Schöne Bilder, schöne Reden, schöne Bescherung. Schlappe 170 Millionen Euro kostete das Treffen der Regierungschefs der sieben wichtigsten westlichen Industriestaaten. Die EU war natürlich auch vertreten, und zu einigen Gesprächen stießen Gäste aus dem Globalen Süden dazu. Unabhängig von den immensen Kosten stellt sich die Frage, ob dieses Format der schönen Inszenierung heutzutage noch eine Berechtigung hat. Sicher gibt es andere Möglichkeiten, sich in persönlichen Begegnungen auszutauschen. Man hätte sich beispielsweise vor dem NATO-Gipfel in Madrid treffen und mit dem Kulissengeld etwas Sinnvolles machen können.

Wenn die Zeichen nicht trügen, wird der Angriffskrieg der russischen Armee in der Ukraine im Globalen Süden anders bewertet als in der westlichen Welt. Dort fürchtet man eine gewaltige Hungerkatastrophe, weil die Getreidelieferungen aus der Ukraine und Russland nicht über das Schwarze Meer bei ihnen ankommen können: Die Silos sind randvoll, und die nächste Ernte steht bevor. Vor diesem Hintergrund ist es womöglich wieder ein geschickter Schachzug von Putin, dass seine Truppen überraschend die strategisch wichtige Schlangeninsel geräumt haben. Das dürfte Wirkung zeigen im Globalen Süden, der insgesamt vollkommen anders tickt, wie es Caroline Fetscher bündig formuliert hat: „In der postkolonialen Theorie sind daher oft ganze Begriffsräume verpönt. Aufklärung, Menschenrechte, internationales Recht und Säkularisierung sind unter Verdacht. Sie gehören dort zur weißen, hegemonialen, imperialistischen, rationalistischen, kapitalistischen, patriarchalischen, heteronormativen euro-amerikanischen Matrix der Macht. Gern wird dieses Konglomerat noch, wie auf der aktuellen Documenta in Kassel, mit antisemitischen, antiisraelischen Inhalten aufgeladen.“ (Der Tagesspiegel, 28.06.22)

Vor diesem Hintergrund ist der Umgang der Documenta mit den Vorwürfen, antisemitischer Hetze eine Plattform gegeben zu haben, seltsam naiv. Anstatt offen einzugestehen, dass man genauer hätte hinschauen müssen, treten der Bürgermeister von Kassel und einige prominente Politiker der Stadt nach – und stellen sich mit ihrer Kritik an Bundespräsident Steinmeier und am Kanzler Scholz selbst ins provinzielle Abseits. Was tun? Ziel aller Beteiligten müsste doch sein, irreversiblen Schaden von der Documenta abzuwenden. Wir fahren trotzdem nach Kassel zur documenta fifteen, werden uns aber den Auftritt der Stones in der Berliner Waldbühne verkneifen. Die billigsten Plätze für 200 Euro sind schon weg; es gibt nur noch das Beggar’s Banquet Paket ab 849 Euro. Davon könnte eine ganze Familie nach Mallorca fliegen. Freunde von uns kamen gerade von der Lieblingsinsel der Deutschen zurück – mit 24 Stunden Verspätung. Schlimmer geht’s immer.

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