Stimmungen

Allein auf dem Friedhof: Vater und Sohn im Film “Meinen Hass bekommt ihr nicht”. © Komplizenfilm

Glück gehabt. Wir wollen die Dokumentation „Blaues Land – Wie die AfD den Osten verändert“, eine rbb-Produktion von Olaf Sundermeyer, in der ARD-Mediathek sehen, doch aus unerfindlichen Gründen ist das an diesem Abend nicht möglich. Drei Tage später kann man die sehenswerte Reportage ohne Probleme aufrufen. Die AfD ist in Brandenburg sehr erfolgreich und könnte 2029 die Landtagswahl gewinnen. Die Partei gibt sich volkstümlich und volksnah bei ihren Auftritten (Bier und Bratwurst gratis) und verfolgt mit allen Mitteln ihre Ziele: gegen Migranten, gegen Minderheiten, gegen den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk, gegen die EU, gegen den Euro, gegen die NATO.Dabei instrumentalisiert die AfD die Institutionen genauso wie Social Media für ihre Zwecke. Mit Unterstützung dieser Partei kam Marek Wöller-Beetz von der CDU ins Amt des Bürgermeisters von Prenzlau. In der Doku meinte er freimütig: “Die Brandmauer ist für mich ein Fremdwort.” Nicht wenige seiner Parteifreunde dürften insgeheim seiner Meinung sein. 

Im November 2015 saßen wir gemütlich in Husum beisammen, als uns die ersten Nachrichten vom Terroranschlag in Paris erreichten. Das ist jetzt genau 10 Jahre her. Zu diesem Anlass ist noch bis zum 10. Dezember ebenfalls in der ARD-Mediathek die herausragende Verfilmung des Buches “Meinen Hass bekommt ihr nicht“ von Antoine Leiris aus dem Jahr 2022 zu sehen. Der Autor hat bei dem brutalen Angriff auf das Bataclan seine Frau verloren und muss versuchen, sein Leben als Witwer mit seinem 17 Monate alten Sohn wieder in den Griff zu bekommen, ohne zu verzweifeln, zu verbittern und zu hassen. Das hat Leiris in einem bewegenden Facebook-Post veröffentlicht, der eine große Resonanz hatte und als Basis seines Buches dient. Kongenial hat der Regisseur Kilian Riedhof (“Gladbeck”), der auch am Drehbuch mitgearbeitet hat, diese bewegende Geschichte eines Verlustes verfilmt. Den Vater verkörpert Pierre Deladonchamps, den Sohn Zoé Iorio. Ich nutze bewusst dieses Wort, denn man hat den Eindruck, eine beklemmende Reportage zu erleben. Trotz der Leere und Verzweiflung gelingt es den beiden, ein neues Leben zu finden. Auf dem Friedhof am Grab der Mutter trampelt der Kleine in eine Pfütze und quietscht vor Vergnügen. 

Biographisch hätte der Kanzler Friedrich Merz, der kürzlich seinen 70. Geburtstag beging, mit uns Abitur in Mainz machen können. Dann hätte der Westfale einen Rat unseres Biologielehrers mit auf den Weg bekommen: Erst nachdenken, dann noch einmal nachdenken und dann den Mund halten. Merz hat weder ein Sensorium für die Stimmung in seiner Partei noch für die Wirkung seiner Worte. „Ich habe einige Journalisten, die mit mir in Brasilien waren, letzte Woche gefragt: Wer von euch würde denn gerne hierbleiben? Da hat keiner die Hand gehoben.“ Zu Recht waren die brasilianischen Gastgeber der UN-Klimakonferenz COP30 in Belém empört über die wieder einmal unbedachten Worte des deutschen Bundeskanzlers. Im Rheinhessisch-Mainzer Schimpf-Lexikon wird das schöne Wort “Debb” so erklärt: “Jemand, der etwas falsch gemacht hat.” Ein Kanzler sollte indes nicht zu oft den Debben geben. 

Unterbrechung

Antje Pode mit verblüfft mit einer Jonglage von Taschen und Koffern. © Rolf Hiller

Bis kurz vor der Veranstaltung reden wir über den Klimawandel und die Generationengerechtigkeit. Dann ist Schluss, und wir wechseln von der “Wunderbar” ins Neue Theater Höchst, wo im Herbst immer Varieté auf dem Programm steht, teilweise mit 2 Shows am Tag. Die Auslastung liegt dieses Mal bei 93%. Es gibt also noch viele andere, die für ein paar Stunden die Welt draußen lassen wollen; nicht mehr an die multiplen Krisen dieser Welt denken, nicht mehr ständig neue Nachrichten bekommen. Wieder führt die schwäbische Komikerin Rosemie durchs Programm, ein herrlich selbst ironisches Urvieh auf der Bühne mit vielen Talenten. Immer wieder gelingt es den Programmmachern Paulsen & Consorten, Künstler:innen zu finden, die Fans des Varieté noch nicht gesehen haben. Antje Pode verblüfft mit ihrer Jonglage von Taschen und Koffern, Anna Abrams am Vertikalseil und David Buletts Tellerbalance kann man immer wieder sehen. 

In bester Stimmung verlassen wir das Neue Theater und nehmen die Leichtigkeit mit in den nächsten Tag. Da geht es weiter um den Klimawandel, seine Leugner und Ignoranten, um die Weltklimakonferenz im brasilianischen Belem, wo 50.000 Teilnehmer:innen versuchen, die Weltgemeinschaft auf eine gemeinsame Linie zu bringen, um die Erderwärmung zu begrenzen. Das Ziel, deutlich unter 2°C zu bleiben, ist nicht mehr zu schaffen. Worst-Case-Berechnungen gehen von einem Temperaturanstieg bis 2050 von 2,4–2,6 °C über vorindustriellem Niveau aus, bis 2100: sogar von 4,4°C! Zynisch könnte man sagen, dass die 30 COPs (Conference of the Parties) dem Klima mehr geschadet als genutzt haben. Bei der COP 28 waren 86.000 Teilnehmende vor Ort! Ungeachtet der schönen Reden ist die Dekarbonisierung in der Bundesrepublik Deutschland derzeit nicht mehr angesagt – es geht um den Wirtschaftsstandort, um billige, fossile Energie, die man brauche, um wettbewerbsfähig zu bleiben, um endlich wieder Wachstum zu schaffen.  

Nun wird Deutschland die Welt nicht retten. Im Ranking der Top 10 Länder nach CO₂-Emissionen 2025 liegen wir mit 1.49% am globalen CO₂-Ausstoß auf Platz 9. Ganz vorne natürlich China, gefolgt von den USA und Indien. “Eine Beschränkung der Geschwindigkeit auf 130 km/h spart nach Berechnungen des Bundesumweltamtes jährlich 600 Millionen Liter Kraftstoff ein”, notierte ich am 15.07.2022 an dieser Stelle. Damit würde Deutschland zu allen anderen Staaten aufschließen, denn überall sonst auf der Welt gilt eine generelles Tempolimit auf Autobahnen. Die jetzige Bundesregierung hat dieses Thema nicht auf dem Schirm. Stattdessen wird die Pendlerpauschale erhöht, das Dienstwagenprivileg nicht angetastet und das Verbrenner-Aus hinausgeschoben. Die Vergangenheit hat aber keine Zukunft. “Freie Fahrt für freie Bürger!” hieß eine Kampagne des ADAC in den 1970er Jahren. Laut ARD-DeutschlandTrend waren 2024 64 % der Befragten für ein Tempolimit von 130 km/h, 33 % dagegen, der Rest unentschieden. In der Berliner Blase scheint das noch immer nicht angekommen zu sein. Nicht nur das grenzt an Realitätsverweigerung! 

Die Welt in Flammen

Die Kunst des Duos bei der Verleihung des Albert-Mangelsdorff-Preis 2025: die Preisträgerin Lauren Newton mit der Bassistin Joëlle Léandre. © Rolf Hiller

Das Motto der 62. Ausgabe des JazzFest Berlin war trefflich gewählt: “Where Will You Run When the World’s on Fire?” Diese Frage hat der Gitarrist Marc Ribot auf seinem letzten Album aufgeworfen, aber der griesgrämige Singer-Songwriter fand bei der Deutschlandpremiere seines neuen Programms im „Quasimodo“ natürlich keine Antworten. Musik kann die Welt nicht retten, aber gewissermaßen im Vorgriff neue Formen des Miteinanders ausprobieren. Bei den fast durchweg ausverkauften Konzerten des JazzFest beeindruckten die Orchester am stärksten, nicht die blassen Stars früherer Tage wie der Trompeter Wadada Leo Smith, dessen Dialog mit dem wunderbaren Pianisten Vijay Iyer nicht einen Moment in Gang kam. Der Tenorsaxophonist David Murray machte sich einen schlanken Fuß und tauchte immer wieder hinter der Bühne ab; immerhin konnte der Bassist seines Quartetts überzeugen. 

Die großen Formationen, allen voran das furiose London Jazz Composers Orchestra, begeistern das Boomer-Publikum. Mit dem neuen Programm “Double Trouble III” spielte die international besetzte Bigband unter der Leitung von Barry Guy ein fantastisches Konzert. Auf jede und jeden kommt es dabei an – nur zusammen gelingt dieses Projekt. Das “Fire! Orchestra” erreichte zum Abschluss des JazzFest Berlin diese Intensität nicht, ebenso wenig wie der mit Spannung erwartete Auftritt von Felix Henkelshausens “Deranged Particles” am ersten Abend. Wer sich indes zur Verleihung des Albert-Mangelsdorff-Preises 2025 an Lauren Newton (Mitgründerin des Vienna Art Orchestra) angemeldet hatte, erlebte die Kunst des Duos auf höchstem Niveau – ein federleichter und doch so eindringlicher Dialog von Newtons Stimme mit dem Bass (Joëlle Léandre). Am Ende des so kurzen wie intensiven Konzerts legten die Künstlerinnen ihre Köpfe auf das Instrument. Diese beiden hätten einen Auftritt auf der Hauptbühne verdient, wo eine andere junge Musikerin auftrumpfte: die aus Mexiko stammende Vibraphonistin Patricia Brennan. Sie spielte in der Band von Mary Halversom, die wie Angelika Nescier nicht zum ersten Mal von der künstlerischen Leiterin Nadin Deventer zum JazzFest Berlin eingeladen wurde. 

August Diehl in „Das Verschwinden des Josef Mengele“. © ©Lupa Film, CG Cinema, Hype Studios

Nach so viel Musik zieht es uns endlich einmal wieder ins Kino. Wir wollen den hoch gelobten Film “Das Verschwinden des Josef Mengele” von Kirill Serebrennikov sehen. Vorher rasch noch etwas Pasta & Pizza, doch der “Wartesaal” macht dieses Mal seinem Namen schlechte Ehre. Wir müssen das vom Kellner vergessene Essen einpacken lassen und eilen los. Kaum beginnt die Vorstellung, habe ich Hunger & schlechte Laune vergessen. Die im Stil des Film Noir gedrehte Verfilmung des Romans von Olivier Guez (136 Minuten) zieht mich sofort in Bann. Der “Todesengel von Auschwitz“, eindringlich gespielt von August Diehl, taucht nach dem Ende des 2. Weltkriegs in Südamerika unter und lebt dort unbehelligt bis zu seinem Tod. Ein herrischer, selbstgerechter, unbelehrbarer Nazi und zuletzt ekelhafter dirty old man, den die Fragen des Sohnes nach seinen sadistischen Experimenten an Menschen überhaupt nicht berühren. “Ein klaustrophobisches Psychogramm des Bösen – formal brillant und moralisch verstörend“ (Le Monde). Diesen Film werde ich nie vergessen.

Ausweglos

Kathrin Wehlisch als „K.“ nach Kafkas Prozess im Berliner Ensemble, Regie: Barrie Kosky, Musikalische Leitung: Adam Benzwi © Jörg Brüggemann

Wenn es im Großen so klar und einfach wäre wie im Kleinen. Nach reiflicher Überlegung haben wir uns zum Einbau einer neuen Dusche entschlossen – und bezahlen natürlich auch die Rechnung. Anders der Bund. Er beklagt sich – in Person des Bundeskanzlers Merz – über den Zustand der deutschen Städte, bürdet den Kommunen aber immer neue Lasten auf, ohne die Finanzierung zu sichern. Die FAZ hat die Situation treffend beschrieben: „Die Lage der Kommunen ist vor allem durch Sozial- und Personalausgaben so aussichtslos geworden. An Gestaltung ist kaum noch zu denken. Defizite in den Städten und Gemeinden sind durch rapide steigende Kosten in der Sozialhilfe, in der Jugendhilfe und in der Eingliederungshilfe entstanden – jeweils durch Standards, die nicht von Kommunen, sondern von Bund und Ländern spendiert wurden, ohne auf die Kosten zu achten. Dass Oberbürgermeister der Landeshauptstädte sich zu Wort melden, ist kein Zufall. Die Länder machen mobil, um die Bundesregierung an den im Koalitionsvertrag verankerten Vorsatz ‚Wer bestellt, der bezahlt‘ zu erinnern, auch bekannt als Konnexitätsprinzip.” (30.10.25) 

Die Lage scheint ausweglos, und solche Situationen haben Franz Kafka ganz besonders angezogen. Es wird berichtet, er habe Freunden aus seinem Roman “Der Prozess” vorgelesen und dabei so sehr gelacht, dass er kaum weiter machen konnte. Wahrscheinlich hätte er sich bei “K.” von Barrie Kosky, das derzeit mit großem Erfolg am Berliner Ensemble gespielt wird, köstlich amüsiert – Untertitel: “Ein talmudisches Tingeltangel rund um Kafkas Prozess. Nach Franz Kafka mit Musik von Bach über Schumann bis jiddischem Vaudeville”. Klingt nach viel von viel. Es gibt grandiose Szenen in “K.”, dann wieder verliert die Inszenierung an Dichte, weil Kosky in seine Revue zu viel hineinpacken will: den Roman, Kafkas Beziehung zu seiner großen Liebe Dora Diamant, eine Auseinandersetzung mit dem Judentum, die Folter- und Hinrichtungsmaschine Egge aus der Erzählung “In der Strafkolonie”, Zitate aus “Der Hungerkünstler”, jüdisches Vaudeville. Großartig Kathrin Wehlisch als K. und Constanze Becker gleich in mehreren Rollen, großartig Orchester und Bühnenbild. “Aus dem düsteren, beklemmenden Ton”, bilanziert die RBB-Kritikerin Barbara Behrendt, “den wir gern in Kafka hineinlesen, ist hier eine rasante, jiddische Revue im Stil der 1920er Jahre geworden.” 

Die Übersicht über die Rezensionen zu “K” habe ich mir schnell von der KI zusammenstellen lassen, die ich zunehmend nutze. Obwohl mir bewusst ist, dass der Energieverbrauch gewaltig ist, dass die Tech-Giganten aus Amerika dafür Atomkraftwerke reaktivieren und neue bauen. “Der Stromverbrauch von Rechenzentren soll sich laut der Internationalen Energieagentur bis 2030 mehr als verdoppeln – vor allem durch KI-Anwendungen. Atomenergie gilt als CO₂-freie Grundlastquelle, die verlässlich und skalierbar ist. Google betont, dass die Reaktivierung notwendig sei, um die KI-Revolution verantwortungsbewusst zu unterstützen.” (KI-Recherche) Alles gut also? Alles kein Problem? Ein Leben ohne Widersprüche ist nicht möglich. Darüber sollte man sich zumindest im Klaren sein. 

Kunst und Kitsch

Kunstscheune heißt sie bei den Berlinern, „berlin modern“ ist der offizielle Name des gewaltigen Gebäudes am Kulturforum. © Rolf Hiller

Das Kulturforum in Berlin ist städtebaulich eine Katastrophe. Ohne Zusammenhang stehen dort die schöne St. Matthäus-Kirche, die Neue Nationalgalerie und die Philharmonie. Dahinter verstecken sich das Kupferstichkabinett, das Kunstgewerbemuseum, die Kunstbibliothek und die Gemäldegalerie. Ein kulturell bedeutsamer, aber unwirtlicher Ort. Der Bau eines Museums der Moderne hätte die Chance eröffnet, das Kulturforum urban neu zu gestalten. Das hatte der Architekt Stephan Braunfels vorgeschlagen, doch den Wettbewerb 2016 gewannen die Star-Architekten Herzog & de Meuron, deren Namen hierzulande mit der Hamburger Elbphilharmonie verbunden sind. Was nun hier an prominenter Stelle in der Hauptstadt entsteht, davon bekam man an den “Tagen der offenen Baustelle” eine Vorahnung. Das mehrfach umgeplante Museum, das “berlin modern” heißt, dominiert mit seiner wuchtigen Größe das Kulturforum. Ein Solitär ohne Rücksicht auf die Umgebung. Durch diverse Umplanungen haben sich die Baukosten von ursprünglich 149 Millionen Euro nun schon auf 526 Millionen verdreifacht, aber dabei wird es sicher nicht bleiben. Die Fertigstellung ist für 2028 geplant; der Termin dürfte nicht zu halten sein. 

Donald Trump, dessen zweite und letzte Amtszeit voraussichtlich am 20. Januar 2029 endet, wird es jedenfalls nicht bedauern, die Eröffnung des teuersten deutschen Museums zu verpassen. Von einem Interesse des amerikanischen Präsidenten an Moderner Kunst ist nichts bekannt, zudem schätzt er Protz und Prunk. Den Bau eines Festsaals am Weißen Haus in neoklassizistischem Stil, der rechtzeitig zum Ablauf seiner Amtszeit fertig werden soll, hat er dank angeblich präsidentieller Befugnisse verfügt. Die geschätzten Kosten belaufen sich auf 250 – 300 Millionen US-Dollar und sollen von „großzügigen Patrioten, großartigen amerikanischen Unternehmen und mir selbst” (O-Ton Trump) finanziert werden. Seine Vasallen aus den Tech-Konzernen werden sich gewiss nicht lumpen lassen und unterstützen sicher die Feudalisierung der amerikanischen Gesellschaft. Immerhin demonstrierten am letzten Wochenende 7 Millionen US-Bürger:innen gegen Trump. “Die ‘No Kings’-Bewegung ist eine landesweite Protestwelle in den USA, die sich gegen die als autoritär empfundenen Maßnahmen von Präsident Donald Trump richtet – insbesondere im Zusammenhang mit dem Bau des sogenannten Trump-Festsaals im Weißen Haus”, schreibt die KI von Microsoft. 

Vorschlag der KI für einen neoklassizistischen Festsaal im Weißen Haus.

Das Theater am Schiffbauerdamm dürfte Donald Trump aber gefallen. Das Haus des Berliner Ensembles ist Ende des 19. Jahrhunderts im Stil des Neobarock errichtet worden. Die opulente Ornamentik im Zuschauerraum ist für uns ästhetisch immer wieder eine Zumutung; trotzdem kommen wir gerne in eines der wichtigsten Theater Deutschlands. Kaum hat der fabelhafte Jens Harzer mit seiner 100 Minuten langen Solovorstellung begonnen, vergessen wir die zu niedrigen und durchgesessenen Stühle im Parkett. Das Haus ist bis auf den letzten Platz ausverkauft. Alle wollen das Theaterereignis der noch jungen Saison erleben. In der Regie des Hausherrn Oliver Reese gibt Jens Harzer den Schriftsteller Oscar Wilde, der wegen der Denunziation seiner Homosexualität zwei bittere, erniedrigende und zerstörerische Jahre in Einzelhaft und Zwangsarbeit verbringen muss. Wie der Träger des Iffland-Ringes Jens Harzer den Brief “De Profundis”, den Oscar Wilde an seinen selbstsüchtigen Geliebten schrieb, auf die Bühne bringt, ist ein Erlebnis, das man nie vergisst.   

Willkommen in der Realität

Die Erderwärmung hat bereits irreversible Schäden an den Korallenriffen verursacht (Global Tipping Points Report 2025) © Shaun Low auf unsplash.com

“Schön ist die Jugend bei frohen Zeiten, schön ist die Jugend, sie kommt nicht mehr”, sangen die Großeltern einer Freundin gerne bei einem Glas selbst gekeltertem Wein. 1973 regierte in Bonn eine sozialliberale Koalition unter dem Kanzler Willy Brandt. Bei der Bundestagswahl 1972 hatte es folgendes Ergebnis gegeben: SPD 45,3 %, CDU 44,9%, FDP 8,4%, Sonstige 0,9%. Der Club of Rome veröffentlichte im gleichen Jahr die Studie “Die Grenzen des Wachstums”. Das Gymnasium lief nach den demütigenden Jahren in der Mittelstufe lässig, nicht anders meine Führerscheinprüfung im Juni 1973. Unvergessen die Anmeldung bei der Fahrschule Grünewald in Mainz. “Sehtest, polizeiliches Führungszeugnis, schwarzfahren, wiederkommen”, gab uns der Chef mit auf den Weg. Gehört, getan. Ein paar Stunden genügten damals, der Führerschein kostete nicht mehr als 250 DM. Heute schlagen dafür bis zu 4.500 Euro zu Buche. Der Fahrlehrerverband fordert eine kompaktere Ausbildung, Verkehrsminister Patrick Schnieder plant Gespräche mit allen Beteiligten. Dann wird bestimmt eine Kommission eingesetzt, wie das so üblich ist hierzulande. 

Wenn’s doch nur die Führerscheinprüfung wäre! Deutschland hat Probleme an allen Ecken und Enden, wie etwa die unsäglichen Querelen um die Wehrpflicht zeigen, die ja nicht abgeschafft, sondern seit 2011 nur ausgesetzt ist. Immer deutlicher werden die Fehler und Versäumnisse der Ära Merkel, die Daniel Friedrich Sturm in wünschenswerter Klarheit in einem Kommentar für den Tagesspiegel auf den Punkt gebracht hat: “Merkel war noch im Amt, als oft der Satz zu hören und zu lesen war, schon bald werde man die Kanzlerin vermissen. Dieses Grundgefühl hat sich nie eingestellt, sondern eher das Gegenteil. Die Mängel von Merkels Politik (sorgloser Handel mit Russland und China, Überdehnung des Sozialstaats, Aussetzung der Wehrpflicht, Atomausstieg, marode Infrastruktur, fehlende Digitalisierung etc.) werden immer augenfälliger.” (08.10.25) Dass der Zustand der viertteuersten Armee der Welt (Kosten 2024 88,5 Milliarden Dollar laut statista) als desolat gilt, hat der Autor nicht einmal erwähnt. 

Es hilft jedenfalls nicht weiter, wenn Probleme nicht thematisiert werden. Damit hat Sören Link von der SPD in Duisburg mit 78,57% der Stimmen in der Stichwahl ganz klar gegen seinen Herausforderer von der AfD gewonnen. Wie sich das Sozialsystem in Einzelfällen (aus)nutzen lässt, macht er in einem Interview deutlich: “Was wir nicht brauchen, ist die Zuwanderung in die Sozialsysteme. Ein konkretes Beispiel: Wenn ein Zugewanderter einen Minijob ausübt, reicht ein Einkommen von 150 Euro aus, um Sozialleistungen von 2.000 Euro zu beziehen – und zwar ganz legal. Bei einer sechsköpfigen Familie sind es sogar 2.700 Euro.” (Tagesspiegel, 11./12.10.25) Diese Zuwanderung in die Soziallsysteme stellt die dringend notwendige Einwanderung, ohne die Deutschland seine diversen Probleme nicht wird lösen können, insgesamt unter Generalverdacht. Im letzten Jahr habe ich in einigen Kolumnen eine Agenda Deutschland 2040 angeregt, die inzwischen im Zuge der Forderung einer Generationengerechtigkeit noch dringlicher geworden ist. Nach dem Abitur machte ich übrigens achtzehn Monate Zivildienst im Krankenhaus. Ich möchte diese Zeit nicht missen! 

Heute hier, morgen dort

Nur einmal konnte der „Märchenkönig“ Ludwig II. von Bayern auf seinem Schloss übernachten. © Karl Grünkopf

„Heute hier, morgen dort. Bin kaum da, muss ich fort.” Die ersten Zeilen des bekanntesten Songs des Liedermachers Hannes Wader kommen mir auf unserer Reise immer wieder in den Sinn. Die Zeit verdichtet sich, vergeht im Fluge und dehnt sich gleichzeitig. Waren wir gestern noch in Chemnitz, sind wir nun drei Tage in München und zu Besuch bei einem Vetter. Tagsüber sitze ich am Rechner, abends wollen wir in den City Kinos “Miroirs No. 3” ansehen. Der neue Film von Christian Petzold mit u.a. mit Paula Beer und Matthias Brandt überzeugt nur in Teilen; insbesondere das Drehbuch des Regisseurs ist schwach und arg konstruiert. Am nächsten Tag stehen die Pinakothek der Moderne, ein Treffen bei Verwandten und ein Besuch im Marstall an, wo eine recht ordentliche Bühnenfassung des Romans “Nach Mitternacht” von Irmgard Keun gegeben wird. 

Erinnerungen werden bei der Weiterreise am nächsten Tag wach – “Aufgrund einer unspezifischen Sprengstoffdrohung” (Warn-App) wird die Theresienwiese erst am Nachmittag geöffnet. 22.07.16 fuhren wir gerade nach München hinein, als ein später als rassistisch und rechtsextrem identifizierter Terroranschlag geschah und einen Großalarm auslöste. Niemand wusste, was genau geschehen war, das Olympiagelände und die umliegenden Straßen wurden abgesperrt. Wir saßen über Stunden im Auto fest, konnten unser Ziel unweit des Olympiageländes nicht erreichen. Immer wieder telefonierten wir mit unserem Verwandten, der versuchte, uns einen Schleichweg zu beschreiben, immer wieder brach das Telefonat ab. Ich saß in Habachtstellung am Steuer und suchte mit den Augen alles ab; insbesondere Kreuzungen waren in dieser Situation besonders unheimlich. Kurzfristig überlegten wir sogar, ein Hotel für die Nacht zu suchen. Nach bangen Stunden erreichten wir unser Ziel und verfolgten noch zu dritt bis zum späten Abend im TV-Reportagen und Bewertungen dieses Anschlags. Am nächsten Tag notierte ich: “Einzeltäter, aber kein Einzelfall. Schafft uns das? Da ich nachtrage, ist Reutlingen und Ansbach schon geschehen. Eine Woche der Anschläge liegt hinter uns.” 

Am Chiemsee treffen wir allerbeste Freunde und wieder vergehen die Tage allzu schnell. Im frischen Frühherbstnebel setzen wir zusammen zur Insel Herreninsel über und bestaunen das riesige Neue Schloss Herrenchiemsee von Ludwig II. von Bayern, wo er nur einmal vom 7. bis 16. September 1885 übernachtet hat. Nach seinem mysterisen Tod im Jahr darauf wurde es nicht fertiggestellt, was der Pracht des ganzen Anwesens nicht schadet. Seit 2025 ist es Teil des UNESCO-Welterbes der Königsschlösser Ludwigs II. und ein Magnet für Touristen. In einem Teil mit sehr schönen, vom Putz befreiten Wänden gibt es regelmäßig Ausstellungen. Wir schauen uns „Könnt ihr noch? – Kunst und Demokratie“ an, aber ich bin nicht so recht bei der Sache. Trotzdem beeindruckt mich ein Satz von Picasso: “Man müsste unannehmbare Bilder schaffen. Damit die Leute (…) verstehen, dass sie in einer verrückten Welt leben, die nichts Beruhigendes hat.” Daran hat sich nichts geändert. Im Gegenteil. 

Rückkehr nicht ausgeschlossen

Trabant mit passendem Anhänger im Museum für sächsische Fahrzeuge in Chemnitz. © Karl Grünkopf

Über Chemnitz wusste ich nur, dass diese Stadt in der DDR Karl-Marx-Stadt hieß und knapp 300 Kilometer von Berlin entfernt ist. Dass Chemnitz in diesem Jahr neben Nova Gorica in Slowenien eine der Kulturhauptstädte Europas ist, machte uns neugierig. Auf nach Chemnitz also – “C the Unseen” heißt das Motto. Per Zufall sind wir auf ein Hotel auf dem Schloßberg gestoßen und machen uns von dort aus zu Fuß auf den Weg. In der City gehen wir zuerst ins Besuchs- und Informationszentrum in der Hartmann Fabrik. Die Mitarbeiter:innen sind superfreundlich und hilfsbereit. Natürlich schauen wir uns einen Standort der #3000Garagen an – dieses Projekt “präsentiert die rund 30.000 Chemnitzer Garagen, die größtenteils zu DDR-Zeiten kollektiv und in Eigenleistung gebaut wurden, als lebendige Archive, Kreativräume und Orte der Begegnung.” (Presse-Info). Da wir keinen Time-Slot gebucht haben, ziehen wir weiter.  

Später erfahren wir, dass man die meisten Garagen nur anschauen kann, wenn ihre Besitzer:innen da sind und Lust & Laune auf interessierte Touris haben. Beim Gang durch die Innenstadt entdecken wir unser “C the Unseen”. Beim monströsen Marx-Denkmal spielt ein famoses Jugendorchester Schostakowitschs “Waltz No.2” und danach gleich Adeles Titelsong für den James Bond Film “Skyfall”. Das Opernhaus der Stadt beeindruckt nicht weniger als der Kaßberg, der zu den größten zusammenhängenden Gründerzeit- und Jugendstilgebieten Europas zählt. Nach dem zünftigen Dinner schlagen wir uns per Bus und zu Fuß durch zum Hotel. Wir haben eine freundliche, weltoffene Stadt entdeckt, die natürlich vom 2. Weltkrieg und dem hastigen Wiederaufbau geprägt wird, die aber nicht durch überdimensionierte Straßen und einfallslose Plattenbauten verhunzt wurde wie etwa Dessau. 

Am nächsten Tag schauen wir uns noch eine der ältesten Hochgaragen Deutschlands an, die jetzt von einem Möbelhaus genutzt wird. Im Parterre befindet sich das Museum für sächsische Fahrzeuge; dort entdecken wir ein fein restauriertes Trabigespann, mit dem wir am liebsten weitergefahren wären nach München. Natürlich hätte es viel länger gedauert, aber es wäre ein tolles Erlebnis gewesen, kurz vor dem 35. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung, der natürlich mit hehren Worten der Politik und nachdenklichen Kommentaren der Presse begangen wird. Die Badische Zeitung aus Freiburg richtet den Blick erfreulicherweise in die Zukunft: „Mehr als 26 Millionen junge Menschen kennen überhaupt nur das wiedervereinigte Deutschland. Immer weniger spielt im Alltag eine Rolle, ob man in Görlitz oder Gütersloh geboren wurde. Längst ist für die Lebensverhältnisse entscheidender, ob man in einer Großstadt oder auf dem Land lebt, ob das Elternhaus begütert ist oder nicht, als die Frage, ob das heimische Bundesland ein altes oder ein neues ist.“ (02.10.25) Sollte diese Analyse zutreffen, müsste der Staat seine Politik vollkommen neu ausrichten: nicht mehr am Unterschied zwischen Ost und West, sondern an dem zwischen Land und Stadt. Die Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse, die seit der deutschen Wiedervereinigung ein erklärtes politisches Handlungsziel der Regierung der Bundesrepublik Deutschland ist, bekäme dann eine vollkommen neue Bedeutung.  

Prinzip Chaos

Unter den Stichworten Prinzip Chaos durch Trump genierte die KI dieses Bild.

Für das Chaos braucht die Deutsche Bahn nicht einmal den amerikanischen Präsidenten. Wir stehen am Gleis und warten auf den ICE. Der Nachschub für den Speisewagen steht an der richtigen Position bereit. Plötzlich die Ansage, dass dieser Zug heute ausfällt. Warum weiß man das nicht früher? Warum werden davon eigene Mitarbeiter überrascht? Nur eine Momentaufnahme von einer schier endlosen Kette von Pannen & Problemen, die der Staatskonzern hat, jeden Tag aufs Neue. Es rächt sich, dass man die Deutsche Bahn einst an die Börse bringen wollte und auf Teufel komm raus gespart werden musste. Nun soll es Evelyn Palla richten. Die neue Bahnchefin kann eine erfolgreiche Karriere vorweisen und hat zuletzt die DB Regio saniert. Wunder sollte niemand von ihr erwarten. Die Pünktlichkeitsziele hat Verkehrsminister Patrick Schnieder erst einmal der Realität angepasst, und von Wunschfantasien wie der Verdoppelung der Fahrgastzahlen bis 2030 (!) ist nicht mehr die Rede. 

Während bei der Deutschen Bahn jetzt hoffentlich ein vernünftiger Realismus einzieht, kann davon in der Weltpolitik nicht die Rede sein. Donald Trump regiert nach Lust und Laune und hat die Unberechenbarkeit zum Prinzip gemacht, zum eigenen Vorteil versteht sich. Anders als sein chinesischer Amtskollege Xi Jinping ignoriert er die Klimaerwärmung und setzt unverdrossen auf fossile Energien. Dabei hat Europa im letzten Jahr einen Rekordsommer erlebt, mit über 60.000 Hitzetoten. Heute geht der 15. ExtremWetterKongress in Hamburg zu Ende. „Wir müssen jetzt mit einer Welt denken und planen, in der wir 2050 bereits die 3-Grad-Grenze überschreiten. Das ist ein anderer Planet“, warnt Frank Böttcher, Veranstalthttps://wahnundwerk.blog/2022/07/15/zerreisprobe/er des Extremwetterkongresses und Vorsitzender der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft. Was das bedeuten kann, dürfte inzwischen bekannt sein. Der US-Präsident hingegen bezeichnet diese Prognosen auf der UN-Vollversammlung als “grünen Schwindel” und “Lügen”, aber der mächtigste Mann der Welt weiß sowieso alles und alles besser. In Washington gab er sich neulich als Rasenexperte aus: “Ich weiß mehr über Gras als jeder Mensch auf der ganzen Welt.” 

Trumps autokratisch-erratische Politik ist natürlich immer für Überraschungen gut und trägt damit zur allherrschenden Verunsicherung bei. Plötzlich tauchen nachts Drohnen über dänischen Flughäfen auf, plötzlich merken deutsche Politiker:innen, dass Deutschland darauf genauso wenig vorbereitet ist wie auf Cyber-Angriffe, die nach Erhebungen von Bitkom 2025 Schäden in Höhe von 290 Milliarden Euro verursachen werden; das entspricht mehr als der Hälfte des Bundeshaushaltes 2025! Diese multiplen Bedrohungen erzeugen eine Verunsicherung, einen Wunsch nach einfachen Problemlösungen wie sie Populisten überall verheißen und, einmal an der Macht, rücksichtslos umsetzen. In Amerika ist eine Gleichschaltung der Administration, Justiz und der Medien in Gang, wie man sie in so kurzer Zeit nicht für möglich gehalten hätte. Dieser Blog kommt (natürlich) mit einer amerikanischen Software zustande. Eine Reise wie im letzten Jahr nach Kalifornien ist für mich derzeit ausgeschlossen. Hoffentlich nicht für immer!  

Am Limit

Schwimmen macht den Kopf frei: Luna Wedler als Tilda im Kinofilm „22 Bahnen“. © Constantin Film

An einem regnerischen Sommerabend ist das Cinéma am Frankfurter Roßmarkt in der Häuserfassade kaum auszumachen. Trotzdem ist im kleinen Foyer des Kinos mit drei Sälen viel Betrieb. Im Studio läuft “22 Bahnen” nach dem Roman von Caroline Wahl. Es gibt einen Shitstorm gegen die Autorin, angefacht noch von einigen ungeschickten und überheblichen Äußerungen von ihr. Tenor der Kritik: Sie will mit Armut reich werden. Von dem Bestseller wurden über eine Million Exemplare verkauft. Caroline Wahl erzählt vom Leben einer jungen Frau, die mit ihrer alkoholkranken Mutter und ihrer kleinen Schwester unter schwierigen Verhältnissen zusammenlebt und im Supermarkt an der Kasse jobbt. Gleichzeitig studiert die begeisterte Schwimmerin als High Potential Mathematik und trifft im Bad zufällig den Bruder ihres russischen Freundes wieder, der mit seinen Eltern bei einem Autounfall ums Leben kam. Viel von viel auf 208 Seiten! Die Verfilmung von Mia Maariel Meyer ist erfolgreich angelaufen, kommt aber nicht über ein kleines Fernsehspiel hinaus. 

Am Ende trifft Tilda, die sehr überzeugend von der jungen Schweizerin Luna Wedler gespielt wird, eine Entscheidung. In der Politik könnte man eine wie Tilda gut gebrauchen, die lange gewogen und dann aber entschieden hat. Das geht mir auf meiner anschließenden Heimfahrt mit dem Rad durch das nächtliche Frankfurt durch den Kopf. Die aktuelle Bundesregierung macht mehr Schulden als alle davor zusammen, trotzdem klemmt es an allen Ecken und Enden. Jede:r weiß, dass es nicht gut gehen wird, wenn ein Viertel des Gesamthaushalts wie 2025 für die Rentenversicherung ausgegeben wird. Allgemein ist bekannt, dass in den nächsten 15 Jahren 13,4 Millionen Babyboomer in den Ruhestand gehen (Statistisches Bundesamt). Ebenso weiß man, dass Deutschland seit drei Jahren in einer Rezession festhängt. Die Hoffnung auf ein Anspringen der Konjunktur könnte sich als trügerisch erweisen. 

Obwohl immer wieder russische Drohnen über Polen gesichtet wurden, sind alle in der letzten Woche kalt erwischt worden, als plötzlich mindestens 19 Drohnen in den polnischen Luftraum eindrangen. Nicht alle konnten von Kampfjets abgefangen werden. Seit 2022 attackiert Russland die Ukraine mit diesen Kriegswaffen; in der letzten Woche wurden über 800 Drohnen abgefeuert. Es grenzt an Realitätsverleugnung, dass die NATO diese drei Jahre nicht genutzt hat, um sich selbst gegen diese Art von Angriffen zu schützen. In diesem Jahr geben die NATO-Mitgliedsstaaten 1.300 Milliarden US-Dollar für Verteidigung aus. Gleichwohl scheint das Bündnis nicht in der Lage zu sein, einen massiven Angriff von Billigdrohnen aus Russland abzuwehren. Eine schonungslose Bestandsaufnahme muss her, nicht nur in Deutschland. Kanzler Friedrich Merz hat einen Herbst der Reformen versprochen. Wenn die Zeichen nicht trügen, wird es ein Herbst der Kommissionen, ganz nach dem Motto: “Und wenn ich dann nicht weiter weiß, dann gründe ich einen Arbeitskreis.“