Durchhalten!

Am 22. Oktober bin ich das letzte Mal bei der Meisterin im Yoga gewesen; meine heilige Stunde möchte ich analog erleben und nicht per Stream. Der letzte Kino-Besuch war am letzten Oktobertag, also vor gut drei Monaten. Die Tage seither sind gleichförmig geworden. Home-Office, Kontakte nur nach Vorschrift, Einkäufe vermummt, Reisen nur noch zweimal im Monat in den Verlag nach Frankfurt, für jeweils 24 Stunden. Nach dem Tagwerk steige ich immer auf den Hometrainer, danach Abendessen – und dann öffnet sich die Welt der Mediatheken, wo sich immer etwas findet, wenn man etwa auf die zweite Folge der spannenden & hochgelobten Serie „Bodyguard“ (ZDF) warten muss, die erst in der nächsten Woche verfügbar ist. Vor 22 Uhr müssen sich die Zuschauer*innen übrigens anmelden, mit der Nummer des Personalausweises!

Die brauchen wir natürlich (noch) nicht, wenn wir ein Interview mit der Kanzlerin in der ARD verfolgen. „Farbe bekennen“ heißt das Format, und Angela Merkel gibt sich mit der Arbeit ihres Kabinetts sichtlich zufrieden, was einige Kommentatoren in der Presse aber ganz anders sehen. „Und die Politiker“, wettert der Münchner Merkur, „denen seit einem Jahr nichts Besseres einfällt, als die Bürger in immer neue Lockdowns zu zwingen, wollten mit ihren Prügeln für die Unternehmen davon ablenken, dass sie, anders als die Asiaten, bis heute jede Langfriststrategie schuldig geblieben sind: kein rechtzeitiger Schutz der Heime, kein Digitalunterricht, keine funktionierende Handy-App zur wirkungsvollen Nachverfolgung von Corona-Risikokontakten. Und nun sind wir auch noch beim Impfen das Schlusslicht der entwickelten Welt.“ (02.02.21)

Im Interview hat sich die stets vorsichtige Kanzlerin festgelegt: bis zum Ende des Sommers haben alle ein sog. Impfangebot zur Erstimpfung erhalten. Vor uns liegen also im besten Falle noch siebeneinhalb lange Monate der Pandemie. Dann aber müssen die Einschränkungen ein Ende haben. Spätestens dann möchte ich wieder meine Grundrechte ausüben können und ins Kino, Theater oder in die Oper gehen, mit anderen Geimpften versteht sich. Wir werden uns daran gewöhnen, dass wir mit jedem Ticket, ob für Veranstaltungen oder Flugreisen, den Impfpass vorlegen. Sicher aber nicht bei der Bundestagswahl, die am 26. September stattfindet. Ohne die Kanzlerin, die nicht mehr antritt. Respekt!

Ende der Illusionen

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Alle tragen Masken in der S-Bahn. In Berlin-Südkreuz steige ich aus und fahre mit der Rolltreppe hinunter zum ICE-Bahnsteig. Ich suche mir einen verstohlenen Winkel und nehme kurz den FFP2-Schutz herunter, um meine beschlagene Brille zu trocknen. So geht Reisen heute, und es wird im Sommer nicht besser, denke ich. Die Fahrten im ICE nach Frankfurt werden jetzt immer so sein – immer mit so einer Maske im Gesicht, immer diesen Geruch in der Nase. Warum eine labberige OP-Maske gleichfalls (noch) zulässig ist, ist mir nicht nachvollziehbar. Die WHO, die in der C-Pandemie keineswegs überzeugend agierte, verbreitet, Stoffmasken würden genauso gut schützen wie die blauen Dinger für den OP. Was denn nun? Es sind diese widersprüchlichen Aussagen, die irritieren und erheblich zur „Pandemie-Müdigkeit“ – diese Wortschöpfung verdanken wir der WHO – beitragen.

Derzeit herrscht vor allem eine Pandemie-Stagnation. Zwar geht hierzulande die Zahl der Neuinfektionen (nicht aber der Toten!) zurück, aber ansonsten herrscht Frust auf ganzer Linie. Es fehlt an Impfstoff, vertraglich zugesicherte Lieferungen können plötzlich nicht eingehalten werden, es tobt eine heftige Auseinandersetzung zwischen der EU-Kommission und dem britisch-schwedischen Konzern AstraZeneca. Dieser hatte bekanntlich von der EU 338 Millionen Euro erhalten, um einen Impfstoff zu entwickeln. Weil die Engländer ihren Vertrag früher mit dem Konzern abgeschlossen haben und zudem eine Notfallzulassung erteilten, bekamen sie ihren Stoff eher; die plötzlichen Lieferprobleme sollen allein zu Lasten der EU gehen. Das alles trägt zum Frust bei und ist Wasser auf die Mühlen der Impfgegner, zumal das Vakzin von AstraZeneca in Deutschland einstweilen nur für Impflinge unter 65 Jahren empfohlen wird.

Dass der Einkauf der Impfmittel über die EU und nicht von deren Mitgliedern selbstständig erfolgte, setzte übrigens die Kanzlerin durch und pfiff ihren forschen Gesundheitsminister Jens Spahn zurück. Von ihrer Richtlinienkompetenz hätte Angela Merkel auch bei der Forcierung des digitalen Umbaus der Republik Gebrauch machen sollen. „Sie beklagt, dass nichts so recht vorangeht, bürokratisch ist und es große Defizite bei der Digitalisierung gibt – ja, wer hat denn die vergangenen 15 Jahre regiert? Schon wird gefragt, was wohl Helmut Schmidt gemacht hätte. Das sagt alles.“ (Tagesspiegel, 29.01.21) Nicht bloß Barack Obama verblüffte die mächtigste Frau der Welt & promovierte Physikerin vor knapp acht Jahren mit dem Geständnis: „Das Internet ist für uns alle Neuland.“ Dessen Geschichte begann Wikipedia zu Folge am 29. Oktober 1969. Noch Fragen?

Abschiede

In Memoriam Eugen Hahn: Tony Lakatos (ts), Martin Sasse (p), Thomas Heidepriem (b) und Andreas Neubauer (dr) spielen im Friedwald Dietzenbach.

Über 100 Jazzfans aus aller Welt wollten bei der Trauerfeier für Eugen Hahn am letzten Freitag digital teilnehmen. Der Macher des ältesten Jazzclubs in Deutschland war kurz vor Weihnachten gestorben; fast 35 Jahre lang hat er den Frankfurter Jazzkeller geleitet und mit seiner jovialen Berliner Art geprägt. Für Momente konnte ich die Stimmung im Friedwald von Dietzenbach an diesem Nachmittag spüren – mehr ist mit einem Stream auf YouTube nicht möglich. Es fehlt die Präsenz im Augenblick, die sich am Notebook nicht einstellen kann, und bestätigt meine Skepsis gegen das Streaming. Einige Tage später sind wir auf einer Trauerfeier für eine Freundin; wir sind ganz da und nicht bloß dabei. Streaming ist ein guter Ersatz, ein Notbehelf, wird aber für mich nie eine Alternative zum realen Erlebnis sein.

Stell Dir vor, es ist Pandemie, und niemand weiß, wo wir uns anstecken (können). Verabschieden müssen wir uns von der Illusion, wir könnten eines Tages das mutationsfreudige Virus endgültig kontrollieren. Und so geht es von Lockdown zu Lockdown, inklusive verfrühter Diskussionen über eine Impfpflicht für medizinisches Personal und eine europäische Impfbescheinigung, die Privilegien verspricht. Der Alltag sieht derzeit schnöder und widersprüchlicher aus, in den Worten der Koblenzer Rheinzeitung: „Viele denken an die peniblen Hygienevorkehrungen beim Friseur, der nicht arbeiten darf, während sich die Menschen an der Supermarktkasse drängeln. Viele denken an das griechische Restaurant mit Plexiglastrennwänden zwischen dezimierten Tischen, die nicht genutzt werden dürfen, während sich die Menschen in Busse und Bahnen quetschen.“ (20.01.21)

Neues Spiel, neues Glück. Keine Zukunft haben in der CDU Friedrich Merz und Norbert Röttgen mehr, wiewohl der durch Merz repräsentierte Wirtschaftsflügel die Partei weiter beschäftigen wird. Womöglich richtet es ja der unterschätzte Armin Laschet; auch Helmut Kohl und die amtierende Kanzlerin wurden lange von den Parteigranden nicht ernst genommen. Nach den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz wird sich die K-Frage klären, dann erst erfahren wir, ob es der Söder Markus wirklich (schon) wissen will. Seine Zukunft hinter sich hat hoffentlich auch der Ex-Präsident Twitter, der natürlich nicht der verheißungsvollen Inauguration seines Nachfolgers Joe Biden beiwohnte. Donald Trump blieb sich treu und das macht ihn weiter so gefährlich.

Zu Hause

Zu Hause am See. Andy (Charly Hübner) mit der Heimkehrerin Berit (Karoline Schuch) in der packenden Miniserie „Für immer Sommer 90“. © ARD Degeto/Manju Sawhney

Bleiben Sie zu Hause und machen Sie von dort Ihren Job. Auf diesen Satz dürften sich das Kanzleramt und die Ministerpräsident*innen noch verständigen, aber ansonsten herrscht die sattsam bekannte Kakophonie aus deutschen Landen. 15 km weg von zu Hause für Freizeitaktivitäten, nur noch 1 Gast pro Haushalt inkl. Kinder (Ausnahme Alleinerziehende), Schulen auf, Kitas zu… Wer blickt da noch durch? Passend zur allherrschenden Verwirrung, dass immer wieder Interna aus dem Kanzleramt an die Bildzeitung durchgestochen werden – womöglich sogar mit Absicht. Trotz aller Maßnahmen: die Zahlen der Neu-Infektionen und Corona-Toten sind & bleiben hoch. Die Warn-App mit Segen der Datenschützer bringt überhaupt nichts, alle Beschränkungen & Verschärfungen können die Ausbreitung des Virus nicht stoppen, zumal die Mutanten deutlich ansteckender sind.

Also treffen wir (fast) niemanden mehr und bleiben zu Hause. Erstmals seit Menschengedenken schauen wir in der Tageszeitung nach dem TV-Programm und sind überrascht, was die viel gescholtenen Öffentlich-Rechtlichen in ihren Mediatheken anbieten, etwa in der ARD die Mini-Serie „Für immer Sommer 90“ (4 x 22 Minuten). Der Film entstand bereits im letzten Jahr unter Corona-Bedingungen und erzählt authentisch & frisch im Stile eines Road-Movies die Geschichte eines Investment-Bankers (Charly Hübner), der mit dem Vorwurf einer Vergewaltigung während einer Fete vor dreißig Jahren in Meck Pom konfrontiert wird und zur Klärung in die alte Heimat fährt. Dass Geld die Welt regiert, aber nicht alles ist, fängt er langsam an zu begreifen. „Du verstehst die Leute. Die Leute verstehen Dich“, erklärt eine Freundin, die wieder nach Hause zurück gegangen ist. Am Ende des Films geht er spontan schwimmen – an der Lieblingsstelle seiner Jugend.

Nach quälend langen Wochen & Monaten wählt die Mitgliederversammlung der CDU endlich einen neuen Vorsitzenden, natürlich von zu Hause aus. Die Aussetzung der Entscheidung hat nichts gebracht, und selbst Insider haben keinen heißen Favoriten. Armin Laschet, hinter dem der CDU-Landesverband in NRW steht, der neokonservative Friedrich Merz, oder macht das Rennen doch der besonnene Außenpolitiker Norbert Röttgen. Kann einer von ihnen gar Kanzler oder werfen doch noch Jens Spahn und der Söder Markus ihren Hut in den Ring. Beide gelten dem Tagesspiegel als „Typus des Körperpolitikers, der allein mit Präsenz und Selbstbewusstsein viele Menschen beeindruckt“ (06.01.21) Der neue CDU-Vorsitzende kommt jedenfalls aus NRW, ist männlich und katholisch. Glück auf!!!

Zoff um Stoff

Das Vakzin, aus dem die Hoffnungen kommen. © BioNTech SE 2020, all rights reserved

Nach einer halben Stunde ziehe ich mir den Mantel wieder an, es ist doch frisch hier. Ich sitze im Wartezimmer einer Praxis; das Fenster steht sperrangelweit offen. So dürfte es vielen Schülern & Schülerinnen ergehen, wenn sie im Präsenzunterricht in den Schulen sitzen, so er denn überhaupt stattfinden darf und sich die Fenster öffnen lassen. Natürlich kann ich mir C-Fragen an den Onkel Doktor nicht verkneifen: Würden Sie sich impfen lassen? Wie erklären Sie sich die geringe Impfbereitschaft beim medizinischen Personal in Thüringen? Als HNO-Arzt sei er natürlich sofort bereit, die Ablehnung des Vakzins kann er sich auch nicht erklären. Am Dienstag hatte Ministerpräsident Bodo Ramelow in einem bemerkenswerten Interview im Deutschlandfunk berichtet, dass sich in seinem Bundesland nicht einmal 35% des medizinischen Personals impfen lassen wollen.

Diese Zurückhaltung irritiert. Da und dort war zu hören, man sei doch kein Versuchskaninchen, der Impfstoff nicht ausreichend getestet. Während andernorts das Serum knapp ist und scharfe Kritik an der Kanzlerin und ihrem Gesundheitsminister Jens Spahn wegen ihrer Einkaufspolitik geübt wird, gibt es in den thüringischen Krankenhäusern beim Personal zu wenig Impflinge. Eine weitere Irritation in der schier unendlichen Corona-Pandemie. Längst wirken die Krisenmanager ausgelaugt wie wir alle, wirkt ihre Politik immer erratischer. Die Regeln sehen vor, dass wir unser Haus nur mit triftigem Grund verlassen dürfen. Was aber ist triftig? In Berlin darf ein 2-Personen-Haushalt eine alleinstehende Freund*in noch (!) einladen, sie umgekehrt aber nicht besuchen. Die neuen Regeln erscheinen willkürlich und nicht durchdacht – und mindern die Akzeptanz der neuen Einschränkungen, ganz zu schweigen von der Kontrolle.

Alldieweil verzeichnet der DAX einen neuen Höchststand – also scheint es Hoffnung zu geben, denn die Investoren setzen auf die Zukunft. Trotz der bedrückenden Zahlen des RKI gibt es auch gute Nachrichten. Ein neuer Impfstoff wurde in der EU zugelassen, BioNTech wird ab Februar in Marburg einen neuen Produktionsstandort eröffnen und Donald Trump wird seine Präsidentschaft geordnet an seinen Nachfolger Joe Biden übergeben. Wer hätte das angesichts der schockierenden Bilder vom Capitol vor zwei Tagen gedacht. Doch es bleiben Fragen: Warum wurde das Symbol der amerikanischen Demokratie nicht besser geschützt? Warum glauben 30 Millionen Amerikaner Trumps Behauptung von der gestohlenen Wahl? Es ist einiges faul in den Vereinigten Staaten von Amerika. Good Luck, Joe!

Hoffnungen

Neues Jahr. Neues Glück. © Rolf Hiller

Fondue mit zwei Töpfen und Abstand – Silvester in Zeiten der Pandemie. Wir verbringen den letzten Abend eines denkwürdigen Jahres mit einer Freundin und sind um Mitternacht überrascht, wie viel doch geböllert wird. Die Leute haben das Zeug wohl gebunkert oder sich die Kracher in Polen auf den grenznahen Märkten besorgt. Nachts bleibt es ruhig; irgendjemand muss es aber noch um 4 Uhr in der Frühe krachen lassen. Grund zur Vorfreude auf das Neue Jahr besteht allemal, denn auch in Deutschland haben (endlich) die Impfungen begonnen – und damit lebhafte, teils erbitterte Diskussionen, ob und wann den Geimpften ihre Persönlichkeitsrechte wieder in vollem Umfang zustehen. Warum sollen nicht im Frühsommer Gastronomen oder Veranstalter eine Corona-Impfung verlangen? Das regelt die Vertragsfreiheit; wir kommen schließlich auch nur ins „Berghain“, wenn dort aktuelle Kunst (Gewinner) gezeigt wird.

Alle haben sich mit dem Leben in der Pandemie arrangiert. Corona-Leugner gehen nicht nur auf die Straße, sondern fahren munter Ski oder lassen es sich auf den Kanaren gut gehen. Man gönnt sich ja sonst nichts! Den Unterschied zwischen der ersten und der zweiten Welle bringt „Der Standard“ aus Wien knapp auf den Begriff: „Geklatscht wird schon lange nicht mehr.“ Dabei stößt das deutsche Gesundheitssystem bald an seine Grenzen: es fehlt überall Personal, in einigen Regionen gibt es nicht mehr genügend Intensivplätze für Beatmungspatienten, die Triage droht. Um so dringender brauchen wir das Vakzin, den Impfstoff, der uns aus der Krise bringt, nachdem sich die Corona-App als „Flop mit Ansage“ (Harald Martenstein) herausgestellt hat.

Auf jeden Fall wird die Bewältigung der Pandemie teurer, sehr teuer, viel teurer als gedacht. Schwindelerregende Zahlen kursieren: die Neuverschuldung soll im nächsten Jahr um 180 Milliarden € steigen, wenn’s denn reicht, und die EU hat gar ein Rettungspaket über 750 Milliarden € verabschiedet. Außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Maßnahmen, und deshalb ist es an der Zeit, über eine Vermögensabgabe nachzudenken. Im Bundestag hat Kanzlerin Angela Merkel diese einmalige Abgabe für Spitzenverdiener und Wohlhabende strikt abgelehnt, obwohl viele von ihnen zu den Corona-Gewinnern zählen. Warum eigentlich? Weil 2021 sechs Landtagswahlen und die Bundestagswahl anstehen. Geben ist eben seliger als nehmen.

Stille Nacht

In Memoriam Eugen Hahn. Der langjährige Pächter des Frankfurter Jazzkellers starb diese Woche. © Rolf Hiller

Weihnachten im harten Lockdown werden wir nicht vergessen. Drei Tage sind heuer wirklich alle Geschäfte geschlossen, aber diese logistische Herausforderung ist nichts gegen die Beantwortung der Frage: Wie verhalte ich mich in Zeiten der Pandemie zu Weihnachten? Fährt man/frau zu Verwandten? Ist das Risiko zu hoch? Wie soll man/frau dieses Risiko einschätzen und begrenzen. Wir hören von einer jungen Familie, die sich komplett testen ließ und dann noch in freiwillige Quarantäne begab, um guten Gewissens zu den Großeltern zu reisen. Erstaunlich viele Menschen haben ganz auf Reisen und Besuche in diesem Jahr verzichtet und bleiben allein. Nicht weil sie den Verordnungen der Politiker*innen folgen, sondern aus reiner Vernunft. Das Risiko einer Ansteckung ist ihnen zu hoch, denn inzwischen wissen (fast) alle, dass gerade in der Familie, bei privaten Feiern die Ansteckung mit dem C-Virus droht.

Wir lassen Weihnachten für uns immer eine Gans in einem nahe gelegenen Kiez-Restaurant zubereiten und haben ein befreundetes Ehepaar aus der Nachbarschaft eingeladen. Ein schöner, immer wieder nachdenklicher Abend, unter Einhaltung der C-Regeln versteht sich. Ein erster Moment der Besinnung nach Tagen im Hamsterrad im sog. Home-Office. Der Job ist schwieriger geworden in diesem Jahr, Routinen waren aufgehoben, Abstimmungen sind mühseliger geworden; zudem sind die Umsatzrückgänge gravierend. Wir haben uns an das Leben in der Pandemie gewöhnt. Während beim Shutdown im März das ganze Land in eine Schockstarre verfiel, läuft das Leben seit dem 16. Dezember routiniert weiter. Viele Geschäfte & Restaurants bieten einen Bestell- und Abholservice, in Berlin dürfen sogar Buchhandlungen, Papiergeschäfte und Copyshops geöffnet bleiben.

Doch wir vermissen „Kultur und Freizeit“, uns fehlen reale Eindrücke und Erlebnisse. Keine Lust auf Streaming! In diesem Jahr war ich nicht einmal im Frankfurter Jazzkeller, bin nicht einmal die steile Treppe in den Club hinuntergestiegen. Wenn ich das nächste Mal komme, wird er nicht mehr da sein: Eugen Hahn. Am Dienstag starb der langjährige Pächter des legendären Clubs im Alter von 79 Jahren. Wir kannten uns seit 1986, als Eugen mit seiner damaligen Partnerin Regine Dobberschütz am 1. Mai den Keller übernahm – und dann eigentlich immer da war, mit seiner nie nachlassenden Begeisterung für die improvisierte Musik. Immer war er Feuer und Flamme, stets musste er mir etwas erzählen. Einmal schenkte er mir eine CD-Compilation, die er selbst zusammengestellt und gestaltet hatte. Da ich zum Ende dieses Blogs komme, laufen wieder seine „afn berlin. Swingin‘ Memories“. Bei unserer ersten Begegnung hatte mir Eugen – wir waren sofort per Du – in die Feder diktiert: „Alle wollen, dass so’n Laden nicht totgeht.“ Seine Familie möchte den Jazzkeller weiter betreiben. Zumindest das ist eine gute Nachricht.

Back to Control

Das neue Berliner Stadtschloss aka Hufo: drei Seiten barock, eine funktional. © Rolf Hiller

Sechsmal werden wir noch… Heuer werden wir besonders stille, nachdenkliche Weihnachten feiern. Danach sollen dann auch bei uns die Impfungen gegen Corona beginnen, und am 31.12. werden die Briten endgültig die EU verlassen – und den harten oder weichen Brexit vollziehen. Angeblich soll nur noch bis Sonntag verhandelt werden. Wer’s glaubt! Dann hat der Gambler Boris Johnson wieder die Kontrolle über das United Kingdom. Congratulation! Der Prime Minister träumt von einer Freihandelszone ohne Regelung des Wettbewerbs und will die eigenen Fischfanggebiete von der britischen Marine schützen lassen. So wird das nichts, Mr. Johnson, und doch ist der Brexit jammerschade; nicht bloß weil Großbritannien der zweitgrößte Nettozahler der EU war und einen Platz im Weltsicherheitsrat hat.

Back to Control. Das wünschen sich sicher auch die Freund*innen des Humboldt Forums, das nach angeblich Corona bedingten Verzögerungen am Mittwoch eröffnet wurde, erst einmal nur digital. Der Neubau des Stadtschlosses in der Mitte Berlins mit 750 Metern neuer Barockfassade erhitzt weiter die Gemüter. Das „größte Kulturprojekt Europas“ hat sich dem interkulturellen Dialog verschrieben und schmückt sich mit Raubkunst, deren Provenienz gar nicht mehr geklärt werden muss. Die Kuppel der Rekonstruktion ziert ein Kreuz mit der Inschrift: „Dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind.“ Pünktlich zur Eröffnung hat Nigeria seine Forderung erneuert, dass die berühmten Benin-Bronzen zurückgegeben werden müssen. Das Projekt Hufo, wie es der Satiriker Jan Böhmermann schon zu nennen pflegt, überzeugt weder architektonisch noch konzeptionell und hat den Steuersäckel 700 Millionen Euro gekostet.

Die Berliner*innen werden sich an das neue & alte Stadtschloss in Mitte gewöhnen (müssen); einige Neugierige pirschten schon am letzten Wochenende vor der Eröffnung um das riesige Gebäude. Wir treffen ein Ehepaar in gesetzten Jahren, er jovialer Typ mit Zigarre wünscht uns schöne Feiertage. „Wir brauchen dieses Mal nicht zur Familie“, feixt er vergnügt. Der harte Lockdown kennt also nicht nur Verlierer, doch ansonsten richten sich alle Hoffnungen auf die Impfungen, derweil die Bereitschaft mitzumachen sinkt. Warum also nicht die belohnen, die sich freiwillig (!) impfen lassen. Die Stuttgarter Zeitung hat schon einmal weitergedacht: „Wir steuern auf eine pandemische Zwei-Klassen-Gesellschaft zu: Könnte der Impfstatus über den Zugang zu öffentlichen Einrichtungen und privaten Dienstleistungen entscheiden? Was ist, wenn etwa Fluggesellschaften, Hotels oder Fitnessclubs künftig Einblick in den Impfpass verlangen, um riskante Kundschaft fernzuhalten?“ (18.12.20) Wir machen auf jeden Fall mit!

Härte

Die Zahl der Neuinfektionen erreicht in Deutschland einen neuen Höchststand.

Nachtreten gilt nicht! Nun sind Kultur & Freizeit seit sechs Wochen dicht, aber die Zahlen gehen nicht runter. Wo breitet sich das C-Virus aber aus? Beim Einkaufen, in den Bussen und Schulen, beim Glühwein uff‘ de Gass‘ oder in den Familien? Wir wissen es nicht und werden es mit unserer Corona-App auch nie erfahren, wie „Die Welt“ moniert. „Die Software, die Warn-Apps, die ganze digitale Infrastruktur muss jetzt endlich dem Kampf gegen das Virus dienen . . . Kontaktverfolgung und Datenschutz nach deutscher Art passen nicht zusammen.“ (07.12.20) Nun also vor oder nach Weihnachten ein harter Lockdown, wie wir ihn schon im Frühling erlebt – und wieder vergessen haben, womöglich sogar mit Ausgangssperren und ohne Böllerei an Silvester. Ist das ein zu großes Opfer? Wem ist denn derzeit schon nach Feiern zumute.

Inzwischen richten sich alle Hoffnungen auf den Impfstoff – allerdings müssten 70% aller Deutschen mitmachen. Logistisch dürfte das eine ungeheure Herausforderung werden, denn das Vakzin von Biontech/Pfizer kann bekanntlich nur bei – 70º gelagert werden. Müssen die geplanten Impfzentren rund um die Uhr bewacht werden, entsteht ein Schwarzmarkt, bekommen die Geimpften als Belohnung Privilegien, wie werden z.B. die Risikopatienten ermittelt? Fragen über Fragen. Die schier unverwüstliche Queen Elisabeth (94) und ihr Gemahl Prinz Philipp (99) wollen sich jedenfalls impfen lassen. Bravo! Solche Briten loben wir uns, nicht Gambler wie Boris Johnson. Das letzte Kapitel der never ending Story Brexit soll am Sonntag geschrieben werden. Good Luck!

Wird sich auch das Bundeskabinett impfen lassen, möglichst vor laufenden Kameras? Allen voran die Kanzlerin, die im Bundestag wie eine „alte Löwin“ (Tagesspiegel) für einen sofortigen härteren Lockdown kämpfte. Müssen wir überhaupt auf diese neuen Maßnahmen der Politik warten, weiß denn nicht jede*r, was zu tun ist bei 29.875 heute gemeldeten Neuinfektionen? Wir werden uns jedenfalls nicht in das am Wochenende drohende Power-Shopping stürzen, um noch irgendwelche Geschenke zusammenzuraffen. Es genügt der gesunde Menschenverstand, um die AHA-Regeln als alternativlos zu beherzigen. Den Freunden von der TAZ gebührt deshalb heute das Schlusswort: „Corona ist solchermaßen auch eine Übung in Selbstverantwortung, in Selbststeuerung. Gut so. Denn bei einem Mensch-zu-Mensch-Infektionsgeschehen ergibt es keinen Sinn, die Verhaltenssteuerung ganz allein an die Politik abzugeben.“ (08.12.20)

Trugschlüsse

Ganz großes Fernsehen: der ARD-Dreiteiler „Das Geheimnis des Totenwaldes“. © NDR/ConradFilm, Bavaria Fiction 2020/Christiane Pausch

Überraschung! Natürlich nicht – das Wort des Jahres heißt „Corona Pandemie“. Acht der zehn vorgeschlagenen „Wörter des Jahres“ haben mit dem Virus zu tun, das unser aller Leben bestimmt und langfristig ändern wird. Früher, also noch vor einem Jahr, gingen wir einkaufen, wann wir wollten, oder spontan mal ins Kino oder in eine Ausstellung. Heute planen wir unsere Einkäufe, gehen möglichst in Zeiten mit wenig Kunden, und sind spontan nur noch bei der Auswahl der abendlichen Unterhaltung. Lieb gewordene Routinen im Job & Alltag gibt es nicht mehr; alles ist schwieriger und aufwändiger geworden. Das Leben in Pandemie ist anstrengend. Nach dem Flop mit der Corona-App ruhen jetzt alle Hoffnungen auf dem Impfstoff. Wenn 70% sich impfen lassen würden, hätten wir eine Herdenimmunität, und das Leben ginge weiter wie vor der Pandemie. Pustekuchen! „Ausrotten lässt sich das Virus global auf keinen Fall“, befindet der Infektionsbiologe Stefan H.E. Kaufmann, „denn es ist ein zoonotischer Erreger mit versteckten Tierreservoirs. Wir werden mit Sars-CoV-2 leben müssen, aber wir werden es kontrollieren können.“ (FAZ, 25.11.20)

Derzeit gelingt die Kontrolle jedenfalls nicht: der Teil-Lockdown hat bisher nur zu einem Stillstand bei der Zahl der Neuinfektionen geführt. Längst ist keine klare Linie der politisch Verantwortlichen mehr zu erkennen. Weihnachten zu planen ist genauso schwierig wie Silvester, in Baden-Württemberg gibt es im Moment faktisch eine Ausgangssperre von 21 bis 5 Uhr, hier und da dürfen Hotels über Weihnachten für Privatgäste öffnen, und am Ende entscheidet jede Kommune über Silvesterparties. Derweil rächen sich die Versäumnisse des Sommers: es wurden keine Konzepte für die Pflege- und Altenheime, die Schulen oder die geplanten Impfzentren entwickelt. Deutschland erlebt „einen politischen Schlingerkurs“ (Rhein-Neckar-Zeitung) durch die Pandemie, aber zumindest scheint es einigen Verantwortlichen zu dämmern, dass man Fixkosten ausgleichen, aber doch nicht ausgefallene Umsätze zu 75% erstatten kann.

Durch die „Kulturmedienschau“ in SWR 2 wurden wir auf „Das Geheimnis des Totenwaldes“ (Regie: Sven Bohse; Buch: Stefan Kolditz) aufmerksam. Der packende Dreiteiler erzählt „frei nach wahren Begebenheiten“ vielschichtig und über drei Jahrzehnte hinweg vom Schicksal einer Frau, die plötzlich verschwand. Es entspinnt sich in einer niedersächsischen Kleinstadt ein Geflecht von Geschichten. Im Stile von „true crime“ erzählt, erhalten wir Einblick in bizarre Biographien und seltsame Motive dieser Menschen, in Pseudo-Idyllen und in einen provinziellen Ermittler-Apparat. Gewissheiten gibt es keine in dieser Trilogie der Extraklasse, die ganz hervorragende Schauspieler*innen prägen, allen voran Matthias Brandt als Hamburger LKA-Chef, der privat in einen Albtraum verstrickt wird. Wir fiebern schon den nächsten Folgen (05.12., 09.12. oder ARD-Mediathek) dieser unheimlichen Geschichte entgegen. Wann hat es das zuletzt bei einer TV-Produktion gegeben!